Eupator Goldmuenzen schlugen. Auch die Silberpraegung zeigt die
Regierung sich bestrebt, mehr und mehr in ihre Hand zu bringen,
vornehmlich im Westen. In Afrika und Sardinien mag die karthagische
Gold- und Silbermuenze auch nach dem Sturz des karthagischen Staats im
Umlauf geblieben sein; aber geschlagen wurde daselbst in Edelmetallen
weder auf karthagischen noch auf roemischen Fuss, und sicher hat sehr
bald nach der Besitzergreifung der Roemer auch in dem Verkehr beider
Landschaften der von Italien eingefuehrte Denar das Uebergewicht
erhalten. In Spanien und Sizilien, die frueher an Rom gekommen sind und
ueberhaupt eine mildere Behandlung erfuhren, ist zwar unter
roemischer Herrschaft in Silber gepraegt, ja in dem ersteren Lande die
Silberpraegung erst durch die Roemer und auf roemischen Fuss ins Leben
gerufen worden; aber es sind gute Gruende vorhanden fuer die Annahme,
dass auch in diesen beiden Landschaften wenigstens seit dem Anfang des
siebenten Jahrhunderts die provinziale und staedtische Praegung sich
auf die kupferne Scheidemuenze hat beschraenken muessen. Nur im
Narbonesischen Gallien konnte der altverbuendeten und ansehnlichen
Freistadt Massalia das Recht der Silberpraegung nicht entzogen werden;
und dasselbe gilt vermutlich von den illyrischen Griechenstaedten
Apollonia und Dyrrhachion. Indes beschraenkte man doch diesen Gemeinden
indirekt ihr Muenzrecht dadurch, dass der Dreivierteldenar, der nach
Anordnung der roemischen Regierung dort wie hier gepraegt ward und der
unter dem Namen des Victoriatus in das roemische Muenzsystem aufgenommen
worden war, um die Mitte des 7. Jahrhunderts in diesem beseitigt ward;
wovon die Folge sein musste, dass das massaliotische und illyrische
Courant aus Oberitalien verdraengt wurde und ausser seinem einheimischen
Gebiete nur noch etwa in den Alpen- und Donaulandschaften gangbar blieb.
So weit war man also bereits in dieser Epoche, dass in der gesamten
Westhaelfte des roemischen Staates der Denarfuss ausschliesslich
herrschte: denn Italien, Sizilien - von dem es fuer den Anfang der
naechsten Epoche ausdruecklich bezeugt ist, dass daselbst kein
anderes Silbergeld umlief als der Denar -, Sardinien, Afrika brauchten
ausschliesslich roemisches Silbergeld, und das in Spanien noch
umlaufende Provinzialsilber sowie die Silbermuenze der Massalioten und
Illyriker war wenigstens auf Denarfuss geschlagen. Anders war es im
Osten. Hier, wo die Zahl der seit alter Zeit muenzenden Staaten und die
Masse der umlaufenden Landesmuenze sehr ansehnlich war, drang der Denar
nicht in groesserem Umfang ein, wenn er auch vielleicht gesetzlich
gangbar erklaert ward: vielmehr blieb hier entweder der bisherige
Muenzfuss, wie zum Beispiel Makedonien noch als Provinz, wenn auch
teilweise mit Hinzufuegung der Namen von roemischen Beamten zu dem
der Landschaft, seine attischen Tetradrachmen geschlagen und gewiss
wesentlich kein anderes Geld gebracht hat; oder es wurde unter
roemischer Autoritaet ein den Verhaeltnissen entsprechender
eigentuemlicher Muenzfuss neu eingefuehrt, wie denn bei der Einrichtung
der Provinz Asia derselben ein neuer Stater, der sogenannte Cistophorus,
von der roemischen Regierung geordnet und dieser seitdem von den
Bezirkshauptstaedten daselbst unter roemischer Oberaufsicht geschlagen
ward. Diese wesentliche Verschiedenheit des okzidentalischen und
des orientalischen Muenzwesens ist von der groessten geschichtlichen
Bedeutung geworden: die Romanisierung der unterworfenen Laender hat
in der Annahme der roemischen Muenze einen ihrer wichtigsten Hebel
gefunden, und es ist kein Zufall, dass dasjenige, was wir in dieser
Epoche als Gebiet des Denars bezeichnet haben, spaeterhin zu der
lateinischen, dagegen das Gebiet der Drachme spaeterhin zu der
griechischen Reichshaelfte geworden ist. Noch heutigentags stellt
jenes Gebiet im wesentlichen den Inbegriff der romanischen Kultur
dar, waehrend dieses dagegen aus der europaeischen Zivilisation sich
ausgeschieden hat. Wie bei solchen oekonomischen Zustaenden die sozialen
Verhaeltnisse sich gestalten mussten, ist im allgemeinen leicht zu
ermessen, die Steigerung aber des Raffinements, der Preise, des
Ekels und der Leere im besonderen zu verfolgen weder erfreulich noch
lehrreich. Verschwendung und sinnlicher Genuss war die Losung ueberall,
bei den Parvenus so gut wie bei den Liciniern und Metellern; nicht
der feine Luxus gedieh, der die Bluete der Zivilisation ist, sondern
derjenige, der in der verkommenden hellenischen Zivilisation Kleinasiens
und Alexandreias sich entwickelt hatte, der alles Schoene und Bedeutende
zur Dekoration entadelte und auf den Genuss studierte mit einer
muehseligen Pedanterie, einer zopfigen Tueftelei, die ihn dem sinnlich
wie dem geistig frischen Menschen gleich ekelhaft macht. Was
die Volksfeste anlangt, so wurde, es scheint um die Mitte dieses
Jahrhunderts, durch einen von Gnaeus Aufidius beantragten Buergerschluss
die in der catonischen Zeit untersagte Einfuhr ueberseeischer Bestien
foermlich wieder gestattet, wodurch denn die Tierhetzen in schwunghaften
Betrieb kamen und ein Hauptstueck der Buergerfeste wurden. Um 651 (103)
erschienen in der roemischen Arena zuerst mehrere Loewen, 655 (99) die
ersten Elefanten; 661 (93) liess Sulla als Praetor schon hundert Loewen
auftreten. Dasselbe gilt von den Fechterspielen. Wenn die Altvordern die
Bilder grosser Schlachten oeffentlich ausgestellt hatten, so fingen die
Enkel an, dasselbe von ihren Gladiatorenspielen zu tun und mit solchen
Haupt- und Staatsaktionen der Zeit sich selber vor den Nachkommen zu
verspotten. Welche Summen dafuer und fuer die Begraebnisfeierlichkeiten
ueberhaupt aufgingen, kann man aus dem Testament des Marcus Aemilius
Lepidus (Konsul 567, 579 187, 175; + 592 152) abnehmen; derselbe befahl
seinen Kindern, da die wahrhafte letzte Ehre nicht in leerem Gepraenge,
sondern in der Erinnerung an die eigenen und der Ahnen Verdienste
bestehe, auf seine Bestattung nicht mehr als 1 Mill. Asse (76000
Taler) zu verwenden. Auch der Bau- und Gartenluxus war im Steigen; das
prachtvolle und namentlich wegen der alten Baeume des Gartens beruehmte
Stadthaus des Redners Crassus (+ 663 91) ward mit den Baeumen auf 6
Mill. Sesterzen (457000 Taler), ohne diese auf die Haelfte geschaetzt,
waehrend der Wert eines gewoehnlichen Wohnhauses in Rom etwa auf 60000
Sesterzen (4600 Taler) angeschlagen werden kann 6. Wie rasch die Preise
der Luxusgrundstuecke stiegen, zeigt das Beispiel der Misenischen
Villa, die Cornelia, die Mutter der Gracchen, fuer 75000 Sesterzen (5700
Taler), Lucius Lucullus, Konsul 680 (74) um den dreiunddreissigfachen
Preis erstand. Die Villenbauten und das raffinierte Land- und Badeleben
machten Baiae und ueberhaupt die Umgegend des Golfs von Neapel zum
Eldorado des vornehmen Muessiggangs. Die Hasardspiele, bei denen es
keineswegs mehr, wie bei dem italischen Knoechelspiel, um Nuesse
ging, wurden gemein und schon 639 (115) ein zensorisches Edikt dagegen
erlassen. Gazestoffe, die die Formen mehr zeigten als verhuellten, und
seidene Kleider fingen an, bei Frauen und selbst bei Maennern die alten
wollenen Roecke zu verdraengen. Gegen die rasende Verschwendung, die mit
auslaendischen Parfuemerien getrieben ward, stemmten sich vergeblich
die Aufwandgesetze. Aber der eigentliche Glanz- und Brennpunkt dieses
vornehmen Lebens war die Tafel. Man bezahlte Schwindelpreise - bis
100000 Sesterzen (7600 Taler) - fuer einen ausgesuchten Koch; man baute
mit Ruecksicht darauf und versah namentlich die Landhaeuser an der
Kueste mit eigenen Salzwasserteichen, um Seefische und Austern jederzeit
frisch auf die Tafel liefern zu koennen; man nannte es schon ein elendes
Diner, wenn das Gefluegel ganz und nicht bloss die erlesenen Stuecke
den Gaesten vorgelegt wurden und wenn diesen zugemutet ward, von den
einzelnen Gerichten zu essen und nicht bloss zu kosten; man bezog fuer
schweres Geld auslaendische Delikatessen und griechischen Wein, der
bei jeder anstaendigen Mahlzeit wenigstens einmal herumgereicht werden
musste. Vor allem bei der Tafel glaenzte die Schar der Luxussklaven, die
Kapelle, das Ballett, das elegante Mobiliar, die goldstrotzenden
oder gemaeldeartig gestickten Teppiche, die Purpurdecken, das antike
Bronzegeraet, das reiche Silbergeschirr. Hiergegen zunaechst richteten
sich die Luxusgesetze, die haeufiger (593, 639, 665, 673 161, 115, 89,
82) und ausfuehrlicher als je ergingen: eine Menge Delikatessen und
Weine wurden darin gaenzlich untersagt, fuer andere nach Gewicht und
Preis ein Maximum festgesetzt, ebenso die Quantitaet des silbernen
Tafelgeschirrs gesetzlich beschraenkt, endlich allgemeine
Maximalbetraege der Kosten der gewoehnlichen und der Festtagsmahlzeit
vorgeschrieben, zum Beispiel 593 (161) von 10 und 100 (17« Groschen und
5« Taler), 673 (81) von 30 und 300 Sesterzen (1 Taler, 22 Groschen und
17 Taler). Zur Steuer der Wahrheit muss leider hinzugefuegt werden, dass
von allen vornehmen Roemern nicht mehr als drei, und zwar keineswegs die
Gesetzgeber selber, diese staatlichen Gesetze befolgt haben sollen;
auch diesen dreien aber beschnitt nicht das Gesetz des Staates
den Kuechenzettel, sondern das der Stoa. Es lohnt der Muehe, einen
Augenblick noch bei dem trotz all dieser Gesetze steigenden Luxus
im Silbergeraet zu verweilen. Im sechsten Jahrhundert war silbernes
Tafelgeschirr mit Ausnahme des althergebrachten silbernen Salzfasses
eine Ausnahme; die karthagischen Gesandtschaften spotteten darueber,
dass sie in jedem Hause, wo man sie eingeladen, dasselbe silberne
Tafelgeraet wiedergefunden haetten. Noch Scipio Aemilianus besass
nicht mehr als 32 Pfund (800 Taler) an verarbeitetem Silber; sein Neffe
Quintus Fabius (Konsul 633 121) brachte es zuerst auf 1000 (25 000
Taler), Marcus Drusus (Volkstribun 633 121) schon auf 10000 Pfund
(250000 Taler); in Sullas Zeit zaehlte man in der Hauptstadt bereits
gegen 150 hundertpfuendige silberne Prachtschuesseln, von denen manche
ihren Besitzer auf die Proskriptionsliste brachte. Um die hierfuer
verschwendeten Summen zu ermessen, muss man sich erinnern, dass auch
die Arbeit schon mit ungeheuren Preisen bezahlt ward, wie denn fuer
ausgezeichnetes Silbergeraet Gaius Gracchus den fuenfzehn-, Lucius
Crassus (Konsul 659 95) den achtzehnfachen Metallwert bezahlte, der
letztere fuer ein Becherpaar eines namhaften Silberarbeiters 100 000
Sesterzen (7600 Taler) gab. So war es verhaeltnismaessig ueberall.
Wie es um Ehe und Kinderzeugung stand, zeigen schon die Gracchischen
Ackergesetze, die zuerst darauf eine Praemie setzten. Die Scheidung,
einst in Rom fast unerhoert, war jetzt ein alltaegliches Ereignis; wenn
bei der aeltesten roemischen Ehe der Mann die Frau gekauft hatte, so
haette man den jetzigen vornehmen Roemern vorschlagen moegen, um zu der
Sache auch den Namen zu haben, eine Ehemiete einzufuehren. Selbst ein
Mann .wie Metellus Macedonicus, der durch seine ehrenwerte Haeuslichkeit
und seine zahlreiche Kinderschar die Bewunderung seiner Zeitgenossen
war, schaerfte als Zensor 623 (131) den Buergern die Pflicht, im
Ehestande zu leben, in der Art ein, dass er denselben bezeichnete als
eine drueckende, aber von den Patrioten pflichtmaessig zu uebernehmende
oeffentliche Last. 7 --------------------------------------- 6 In
dem Hause, das Sulla als junger Mann bewohnte, zahlte er fuer das
Erdgeschoss 3000, der Mieter des obern Stockes 2000 Sesterzen
Miete (Plut. Sull. 1), was zu 2/3 des gewoehnlichen Kapitalzinses
kapitalisiert, ungefaehr den obigen Betrag ergibt. Dies war eine
wohlfeile Wohnung. Wenn ein hauptstaedtischer Mietzins von 6000
Sesterzen (460 Taler) fuer das Jahr 629 (125) ein hoher genannt wird
(Vell. 1, 10), so muessen dabei besondere Umstaende obgewaltet haben. 7
"Wenn wir koennten, ihr Buerger", hiess es in seiner Rede, wuerden wir
freilich alle von dieser Last uns befreien. Da aber die Natur es so
eingerichtet hat, dass weder mit den Frauen sich bequem, noch ohne
die Frauen ueberhaupt sich leben laesst, so ziemt es sich auf
dauernde Wohlfahrt mehr zu sehen als auf kurzes Wohlleben."
-------------------------------------- Allerdings gab es Ausnahmen. Die
landstaedtischen Kreise, namentlich die der groesseren Gutsbesitzer,
hatten die alte ehrenwerte latinische Nationalsitte treuer bewahrt. In
der Hauptstadt aber war die catonische Opposition zur Phrase geworden;
die moderne Richtung herrschte souveraen und, wenn auch einzelne fest
und fein organisierte Naturen, wie Scipio Aemilianus, roemische Sitte
mit attischer Bildung zu vereinigen wussten, war doch bei der grossen
Menge der Hellenismus gleichbedeutend mit geistiger und sittlicher
Verderbnis. Den Rueckschlag dieser sozialen Uebelstaende auf die
politischen Verhaeltnisse darf man niemals aus den Augen verlieren, wenn
man die roemische Revolution verstehen will. Es war nicht gleichgueltig,
dass von den beiden vornehmen Maennern, die im Jahre 662 (92) als
oberste Sittenmeister der Gemeinde fungierten, der eine dem andern
oeffentlich vorrueckte, dass er einer Muraene, dem Stolz seines
Fischteichs, bei ihrem Tode Traenen nachgeweint habe, und dieser wieder
jenem, dass er drei Frauen begraben und um keine eine Traene geweint
habe. Es war nicht gleichgueltig, dass im Jahre 593 (161) auf
offenem Markt ein Redner folgende Schilderung eines senatorischen
Zivilgeschworenen zum besten geben konnte, den der angesetzte Termin
in dem Kreise seiner Zechbrueder findet. "Sie spielen Hasard, fein
parfuemiert, die Maetressen um sie herum. Wie der Nachmittag herankommt,
lassen sie den Bedienten kommen und heissen ihn auf der Dingstaette sich
umhoeren, was auf dem Markt vorgefallen sei, wer fuer und wer gegen
den neuen Gesetzvorschlag gesprochen, welche Distrikte dafuer,
welche dagegen gestimmt haetten. Endlich gehen sie selbst auf den
Gerichtsplatz, eben frueh genug, um sich den Prozess nicht selbst
auf den Hals zu ziehen. Unterwegs ist in keinem Winkelgaesschen eine
Gelegenheit, die sie nicht benutzen, denn sie haben sich den Leib voll
Wein geschlagen. Verdrossen kommen sie auf die Dingstaette und geben
den Parteien das Wort. Die, die es angeht, tragen ihre Sache vor. Der
Geschworene heisst die Zeugen auftreten; er selbst geht beiseite. Wie
er zurueckkommt, erklaert er alles gehoert zu haben und fordert die
Urkunden. Ersieht hinein in die Schriften; kaum haelt er vor Wein die
Augen auf. Wie er sich dann zurueckzieht, das Urteil auszufuellen,
laesst er zu seinen Zechbruedern sich vernehmen: 'Was gehen mich die
langweiligen Leute an? Warum gehen wir nicht lieber einen Becher Suessen
mit griechischem Wein trinken und essen dazu einen fetten Krammetsvogel
und einen guten Fisch, einen veritablen Hecht von der Tiberinsel?'" Die
den Redner hoerten, lachten; aber war es nicht auch sehr ernsthaft, dass
dergleichen Dinge belacht wurden? 12. Kapitel Nationalitaet, Religion,
Erziehung In dem grossen Kampfe der Nationalitaeten innerhalb des weiten
Umfangs des Roemischen Reiches erscheinen die sekundaeren Nationen in
dieser Zeit im Zurueckweichen oder im Verschwinden. Die bedeutendste
unter allen, die phoenikische, empfing durch die Zerstoerung Karthagos
die Todeswunde, an der sie sich langsam verblutet hat. Die Landschaften
Italiens, die ihre alte Sprache und Sitte bis dahin noch gewahrt hatten,
Etrurien und Samnium, wurden nicht bloss von den schwersten Schlaegen
der Sullanischen Reaktion getroffen, sondern die politische Nivellierung
Italiens noetigte ihnen auch im oeffentlichen Verkehr die lateinische
Sprache und Weise auf und drueckte die alten Landessprachen herab zu
rasch verkuemmernden Volksdialekten. Nirgendmehr erscheint im ganzen
Umfange des roemischen Staates eine Nationalitaet als befugt, mit der
roemischen und der griechischen auch nur zu ringen. Dagegen ist extensiv
wie intensiv die latinische Nationalitaet im entschiedensten Aufschwung.
Wie seit dem Bundesgenossenkrieg jedes italische Grundstueck jedem
Italiker zu vollem roemischen Eigen zustehen, jeder italische Tempelgott
roemische Gabe empfangen kann, wie in ganz Italien mit Ausnahme der
transpadanischen Landschaft seitdem das roemische Recht mit Beseitigung
aller anderen Stadt- und Landrechte ausschliesslich gilt: so ist
damals die roemische Sprache auch die allgemeine Geschaefts- und bald
gleichfalls die allgemeine Sprache des gebildeten Verkehrs auf der
ganzen Halbinsel von den Alpen bis zur Meerenge geworden. Aber sie
beschraenkte sich schon nicht mehr auf diese natuerlichen Grenzen.
Die in Italien zusammenstroemende Kapitalmasse, der Reichtum seiner
Produkte, die Intelligenz seiner Landwirte, die Gewandtheit seiner
Kaufleute fand keinen hinreichenden Spielraum auf der Halbinsel;
hierdurch und durch den oeffentlichen Dienst wurden die Italiker
massenweise in die Provinzen gefuehrt. Ihre privilegierte Stellung
daselbst privilegierte auch die roemische Sprache und das roemische
Recht, selbst wo nicht bloss Roemer miteinander verkehrten; ueberall
standen die Italiker zusammen als festgeschlossene und organisierte
Massen, die Soldaten in ihren Legionen, die Kaufleute jeder groesseren
Stadt als eigene Korporationen, die in dem einzelnen provinzialen
Gerichtssprengel domizilierten oder verweilenden roemischen Buerger
als "Kreise" (conventus civium Romanorum) mit ihrer eigenen
Geschworenenliste und gewissermassen mit Gemeindeverfassung; und wenn
auch diese provinzialen Roemer regelmaessig frueher oder spaeter nach
Italien zurueckgingen, so bildete sich dennoch allmaehlich aus ihnen
der Stamm einer festen, teils roemischen, teils an die roemische sich
anlehnenden Mischbevoelkerung der Provinzen. Dass in Spanien, wo das
roemische Heer zuerst stehend ward, auch zuerst eigene Provinzialstaedte
italischer Verfassung, Carteia 583 (171), Valentia 616 (133), spaeter
Palma und Pollentia organisiert worden sind, ward bereits erwaehnt. Wenn
das Binnenland noch wenig zivilisiert war, das Gebiet der Vaccaeer
zum Beispiel noch lange nach dieser Zeit unter den rauhesten und
widerwaertigsten Aufenthaltsorten fuer den gebildeten Italiker genannt
wird, so bezeugen dagegen Schriftsteller und Inschriftsteine, dass schon
um die Mitte des siebenten Jahrhunderts um Neukarthago und sonst an der
Kueste die lateinische Sprache in gemeinem Gebrauch war. In bewusster
Weise entwickelte zuerst Gaius Gracchus den Gedanken, die Provinzen des
roemischen Staats durch die italische Emigration zu kolonisieren, das
heisst zu romanisieren, und legte Hand an die Ausfuehrung desselben;
und obgleich die konservative Opposition gegen den kuehnen Entwurf sich
auflehnte, die gemachten Anfaenge groesstenteils zerstoerte und die
Fortfuehrung hemmte, so blieb doch die Kolonie Narbo erhalten, schon an
sich eine bedeutende Erweiterung des lateinischen Sprachgebiets und
noch bei weitem wichtiger als der Merkstein eines grossen Gedankens, der
Grundstein eines gewaltigen kuenftigen Baues. Der antike Gallizismus, ja
das heutige Franzosentum sind von dort ausgegangen und in ihrem
letzten Grunde Schoepfungen des Gaius Gracchus. Aber die latinische
Nationalitaet erfuellte nicht bloss die italischen Grenzen und fing an
sie zu ueberschreiten, sondern sie gelangte auch in sich zu tieferer
geistiger Begruendung. Wir finden sie im Zuge, eine klassische
Literatur, einen eigenen hoeheren Unterricht sich zu schaffen; und wenn
man im Vergleich mit den hellenischen Klassikern und der hellenischen
Bildung sich versucht fuehlen kann, die schwaechliche italische
Treibhausproduktion gering zu achten, so kam es doch fuer die
geschichtliche Entwicklung zunaechst weit weniger darauf an, wie die
lateinische klassische Literatur und die lateinische Bildung, als
darauf, dass sie neben der griechischen stand; und herabgekommen wie die
gleichzeitigen Hellenen auch literarisch waren, durfte man wohl das Wort
des Dichters auch hier anwenden, dass der lebendige Tageloehner mehr
ist als der tote Achill. Wie rasch und ungestuem aber die lateinische
Sprache und Nationalitaet vorwaerts dringt, sie erkennt zugleich die
hellenische an als durchaus gleich, ja frueher und besser berechtigt und
tritt mit dieser ueberall in das engste Buendnis oder durchdringt sich
mit ihr zu gemeinschaftlicher Entwicklung. Die italische Revolution,
die sonst alle nichtlatinischen Nationalitaeten auf der Halbinsel
nivellierte, ruehrte nicht an die Griechenstaedte Tarent, Rhegion,
Neapolis, Lokri. Ebenso blieb Massalia, obwohl jetzt umschlossen von
roemischem Gebiet, fortwaehrend eine griechische Stadt und eben als
solche fest verbunden mit Rom. Mit der vollstaendigen Latinisierung
Italiens ging die steigende Hellenisierung Hand in Hand. In den hoeheren
Schichten der italischen Gesellschaft wurde die griechische Bildung zum
integrierenden Bestandteil der eigenen. Der Konsul des Jahres 623
(131), der Oberpontifex Publius Crassus, erregte des Staunen selbst der
geborenen Griechen, da er als Statthalter von Asia seine gerichtlichen
Entscheidungen, wie der Fall es erforderte, bald in gewoehnlichem
Griechisch abgab, bald in einem der vier zu Schriftsprachen gewordenen
Dialekte. Und wenn die italische Literatur und Kunst laengst unverwandt
nach Osten blickten, so begann jetzt auch die hellenische das Antlitz
nach Westen zu wenden. Nicht bloss die griechischen Staedte in Italien
blieben fortwaehrend zu regem geistigen Verkehr mit Griechenland,
Kleinasien, Aegypten und goennten den dort gefeierten griechischen
Poeten und Schauspielern auch bei sich den gleichen Verdienst und die
gleichen Ehren; auch in Rom kamen, nach dem von dem Zerstoerer Korinths
bei seinem Triumph 608 (146) gegebenen Beispiel, die gymnastischen
und musischen Spiele der Griechen: Wettkaempfe im Ringen sowie im
Musizieren, Spielen, Rezitieren und Deklamieren in Aufnahme ^1. Die
griechischen Literaten schlugen schon ihre Faeden bis in die vornehme
roemische Gesellschaft, vor allem in den Scipionischen Kreis, dessen
hervorragende griechische Mitglieder, der Geschichtschreiber
Polybios, der Philosoph Panaetios, bereits mehr der roemischen als der
griechischen Entwicklungsgeschichte angehoeren. Aber auch in anderen,
minderhochstehenden Zirkeln begegnen aehnliche Beziehungen. Wir gedenken
eines anderen Zeitgenossen Scipios, des Philosophen Kleitomachos, weil
in seinem Leben zugleich die gewaltige Voelkermischung dieser Zeit
sinnlich vor das Auge tritt: ein geborener Karthager, sodann in
Athen Zuhoerer des Karneades und spaeter dessen Nachfolger in seiner
Professur, verkehrte er von Athen aus mit den gebildetsten Maennern
Italiens, dem Historiker Aulus Albinus und dem Dichter Lucilius, und
widmete teils dem roemischen Konsul, der die Belagerung Karthagos
eroeffnete, Lucius Censorinus, ein wissenschaftliches Werk, teils seinen
als Sklaven nach Italien gefuehrten Mitbuergern eine philosophische
Trostschrift. Hatten namhafte griechische Literaten bisher wohl
voruebergehend als Gesandte, Verbannte oder sonstwie ihren Aufenthalt
in Rom genommen, so fingen sie jetzt schon an, dort sich niederzulassen;
wie zum Beispiel der schon genannte Panaetios in Scipios Hause lebte,
und der Hexametermacher Archias von Antiocheia im Jahre 652 (102) sich
in Rom niederliess und von der Improvisierkunst und von Heldengedichten
auf roemische Konsulare sich anstaendig ernaehrte. Sogar Gaius Marius,
der schwerlich von seinem Carmen eine Zeile verstand und ueberhaupt