es kaum mehr und die Kriegsschiffe, die man durch die Untertanenstaedte
bauen und erhalten liess, reichten nicht aus, so dass man nicht bloss
schlechterdings keinen Seekrieg zu fuehren, sondern nicht einmal den
Piraten das Handwerk zu legen imstande war. In Rom selbst unterblieben
eine Menge der notwendigsten Verbesserungen und namentlich die
Flussbauten wurden seltsam vernachlaessigt. Immer noch besass die
Hauptstadt keine andere Bruecke ueber den Tiber als den uralten
hoelzernen Steg, der ueber die Tiberinsel nach dem Ianiculum fuehrte;
immer noch liess man den Tiber jaehrlich die Strassen unter Wasser
setzen und Haeuser, ja nicht selten ganze Quartiere niederwerfen,
ohne etwas fuer die Uferbefestigung zu tun; immer mehr liess man, wie
gewaltig auch der ueberseeische Handel sich entwickelte, die an sich
schon schlechte Reede von Ostia versanden. Eine Regierung, die unter
den guenstigsten Verhaeltnissen und in einer Epoche vierzigjaehrigen
Friedens nach aussen und innen solche Pflichten versaeumt, kann leicht
Steuern schwinden lassen und dennoch einen jaehrlichen Ueberschuss der
Einnahme ueber die Ausgabe und einen ansehnlichen Sparschatz erzielen;
aber eine derartige Finanzverwaltung verdient keineswegs Lob wegen
ihrer nur scheinbar glaenzenden Ergebnisse, sondern vielmehr dieselben
Vorwuerfe der Schlaffheit, des Mangels an einheitlicher Leitung, der
verkehrten Volksschmeichelei, die auf jedem andern politischen Gebiet
gegen das senatorische Regiment dieser Epoche erhoben werden
mussten. Weit schlimmer gestalteten sich natuerlich die finanziellen
Verhaeltnisse, als die Stuerme der Revolution hereinbrachen. Die neue
und, auch bloss finanziell betrachtet, hoechst drueckende Belastung,
die dem Staat aus der durch Gaius Gracchus ihm auferlegten Verpflichtung
erwuchs, den hauptstaedtischen Buergern das Getreide zu Schleuderpreisen
zu verabfolgen, ward allerdings durch die in der Provinz Asia
neu eroeffneten Einnahmequellen zunaechst wieder ausgeglichen.
Nichtsdestoweniger scheinen die oeffentlichen Bauten seitdem
fast gaenzlich ins Stocken gekommen zu sein. So zahlreich die
erweislichermassen von der Schlacht bei Pydna bis auf Gaius Gracchus
angelegten oeffentlichen Werke sind, so werden dagegen aus der Zeit
nach 632 (122) kaum andere genannt als die Bruecken-, Strassen und
Entsumpfungsanlagen, die Marcus Aemilius Scaurus als Zensor 645
(109) anordnete. Es muss dahingestellt bleiben, ob dies die Folge der
Kornverteilungen ist oder, wie vielleicht wahrscheinlicher, die Folge
des gesteigerten Sparschatzsystems, wie es sich schickt fuer ein immer
mehr zur Oligarchie erstarrendes Regiment, und wie es angedeutet ist in
der Angabe, dass der roemische Reservefonds seinen hoechsten Stand
im Jahre 663 (91) erreichte. Der fuerchterliche Insurrektions- und
Revolutionssturm in Verbindung mit dem fuenfjaehrigen Ausbleiben der
kleinasiatischen Gefaelle war die erste nach dem Hannibalischen Krieg
wieder den roemischen Finanzen zugemutete ernste Probe; sie haben
dieselbe nicht bestanden. Nichts vielleicht zeichnet so klar den
Unterschied der Zeiten, als dass im Hannibalischen Krieg erst im
zehnten Kriegsjahre, als die Buergerschaft den Steuern fast erlag, der
Sparschatz angegriffen, dagegen der Bundesgenossenkrieg gleich von
Haus aus auf den Kassenbestand fundiert ward und, als schon nach zwei
Feldzuegen derselbe bis auf den letzten Pfennig ausgegeben war, man
lieber die oeffentlichen Plaetze in der Hauptstadt versteigerte und
die Tempelschaetze angriff, als eine Steuer auf die Buerger ausschrieb.
Indes der Sturm, so arg er war, ging vorueber; Sulla stellte, freilich
unter ungeheuren, namentlich den Untertanen und den italischen
Revolutionaeren aufgebuerdeten oekonomischen Opfern, die Ordnung in den
Finanzen wieder her und sicherte, indem er die Getreidespenden aufhob,
die asiatischen Abgaben aber, wenn auch gemindert, doch beibehielt, dem
Gemeinwesen wenigstens in dem Sinn einen befriedigenden oekonomischen
Zustand, als die ordentlichen Ausgaben weit unter den ordentlichen
Einnahmen blieben. In der Privatoekonomie dieser Zeit tritt kaum ein
neues Moment hervor; die frueher dargelegten Vorzuege und Nachteile der
sozialen Verhaeltnisse Italiens werden nicht veraendert, sondern nur
weiter und schaerfer entwickelt. In der Bodenwirtschaft sahen wir
bereits frueher die steigende roemische Kapitalmacht den mittleren und
kleinen Grundbesitz in Italien sowohl wie in den Provinzen allmaehlich
verzehren, wie die Sonne die Regentropfen aufsaugt. Die Regierung sah
nicht bloss zu ohne zu wehren, sondern foerderte noch die schaedliche
Bodenteilung durch einzelne Massregeln, vor allem durch das zu Gunsten
der grossen italischen Grundbesitzer und Kaufleute ausgesprochene Verbot
der transalpinischen Wein- und Oelproduktion 5. Zwar wirkten sowohl
die Opposition als die auf die Reformideen eingehende Fraktion der
Konservativen energisch dem uebel entgegen: indem die beiden Gracchen
die Aufteilung fast des gesamten Domaniallandes durchsetzten, gaben sie
dem Staat 80000 neue italische Bauern; indem Sulla 120000 Kolonisten
in Italien ansiedelte, ergaenzte er wenigstens einen Teil der von der
Revolution und von ihm selbst in die Reihen der italischen Bauernschaft
gerissenen Luecken; allein dem durch stetigen Abfluss sich leerenden
Gefaess ist nicht durch Einschoepfen auch betraechtlicher Massen,
sondern nur durch Herstellung eines stetigen Zuflusses zu helfen, welche
vielfach versucht ward, aber nicht gelang. In den Provinzen nun gar
geschah nicht das Geringste, um den dortigen Bauernstand vor dem
Auskaufen durch die roemischen Spekulanten zu retten: die Provinzialen
waren ja bloss Menschen und keine Partei. Die Folge war, dass mehr und
mehr auch die ausseritalische Bodenrente nach Rom floss. Uebrigens
war die Plantagenwirtschaft, die um die Mitte dieser Epoche selbst
in einzelnen Landschaften Italiens, zum Beispiel in Etrurien, bereits
durchaus ueberwog, bei dem Zusammenwirken eines energischen und
rationellen Betriebs und reichlicher Geldmittel in ihrer Art zu hoher
Bluete gelangt. Die italische Weinproduktion vor allem, die teils die
Eroeffnung gezwungener Maerkte in einem Teil der Provinzen, teils das
zum Beispiel in dem Aufwandgesetz von 593 (161) ausgesprochene Verbot
der auslaendischen Weine in Italien auch kuenstlich foerderten, erzielte
sehr bedeutende Erfolge; der Amineer und der Falerner fingen an, neben
dem Thasier und Chier genannt zu werden, und der "Opimische Wein" vom
Jahre 633 (121), der roemische Elfer, blieb im Andenken, lange nachdem
der letzte Krug geleert war. -------------------------------------------
5 3, 170. Damit mag auch die Bemerkung des nach Cato und vor
Varro lebenden roemischen Landwirts Saserna (bei Colum. 1, 1, 5)
zusammenhaengen, dass der Wein- und Oelbau sich bestaendig weiter
nach Norden ziehe. Auch der Senatsbeschluss wegen Uebersetzung
der Magonischen Buecher gehoert hierher.
--------------------------------------------- Von Gewerben und
Fabrikation ist nichts zu sagen, als dass die italische Nation in dieser
Hinsicht in einer an Barbarei grenzenden Passivitaet verharrte. Man
zerstoerte wohl die korinthischen Fabriken, die Depositare so mancher
wertvollen gewerblichen Tradition, aber nicht um selbst aehnliche
Fabriken zu gruenden, sondern um zu Schwindelpreisen zusammenzukaufen,
was die griechischen Haeuser an korinthischen Ton- oder Kupfergefaessen
und aehnlichen "alten Arbeiten" bewahrten. Was von Gewerken
noch einigermassen gedieh, wie zum Beispiel die mit dem Bauwesen
zusammenhaengenden, trug fuer das Gemeinwesen deshalb kaum einen Nutzen,
weil auch hier bei jeder groesseren Unternehmung die Sklavenwirtschaft
sich ins Mittel legte; wie denn zum Beispiel die Anlage der Marcischen
Wasserleitung in der Art erfolgte, dass die Regierung mit 3000 Meistern
zugleich Bau- und Lieferungsvertraege abschloss, von denen dann
jeder mit seiner Sklavenschar die uebernommene Arbeit beschaffte. Die
glaenzendste oder vielmehr die allein glaenzende Seite der roemischen
Privatwirtschaft ist der Geldverkehr und der Handel. An der Spitze
stehen die Domanial- und die Steuerpachtungen, durch die ein grosser,
vielleicht der groesste Teil der roemischen Staatseinnahmen in die
Taschen der roemischen Kapitalisten floss. Der Geldverkehr ferner war im
ganzen Umfang des roemischen Staats von den Roemern monopolisiert; jeder
in Gallien umgesetzte Pfennig, heisst es in einer bald nach dem Ende
dieser Periode herausgegebenen Schrift, geht durch die Buecher der
roemischen Kaufleute, und so war es ohne Zweifel ueberall. Wie
das Zusammenwirken der rohen oekonomischen Zustaende und der
ruecksichtslosen Ausnutzung der politischen Uebermacht zu Gunsten der
Privatinteressen eines jeden vermoegenden Roemers eine wucherliche
Zinswirtschaft allgemein machte, zeigt zum Beispiel die Behandlung der
von Sulla der Provinz Asia 670 (84) auferlegten Kriegssteuer, die die
roemischen Kapitalisten vorschossen; sie schwoll mit gezahlten und
nichtgezahlten Zinsen binnen vierzehn Jahren auf das Sechsfache ihres
urspruenglichen Betrags an. Die Gemeinden mussten ihre oeffentlichen
Gebaeude, ihre Kunstwerke und Kleinodien, die Eltern ihre erwachsenen
Kinder verkaufen, um dem roemischen Glaeubiger gerecht zu werden; es war
nichts Seltenes, dass der Schuldner nicht bloss der moralischen Tortur
unterworfen, sondern geradezu auf die Marterbank gelegt ward. Hierzu
kam endlich der Grosshandel. Italiens Ausfuhr und Einfuhr waren sehr
betraechtlich. Jene bestand vornehmlich in Wein und Oel, womit Italien
neben Griechenland fast ausschliesslich - die Weinproduktion in der
massaliotischen und turdetanischen Landschaft kann damals nur gering
gewesen sein - das gesamte Mittelmeergebiet versorgte; italischer
Wein ging in bedeutenden Quantitaeten nach den Balearischen Inseln und
Keltiberien, nach Africa, das nur Acker- und Weideland war, nach
Narbo und in das innere Gallien. Bedeutender noch war die Einfuhr
nach Italien, wo damals aller Luxus sich konzentrierte und die meisten
Luxusartikel, Speisen, Getraenke, Stoffe, Schmuck, Buecher, Hausgeraet,
Kunstwerke, ueber See eingefuehrt wurden. Vor allem aber der
Sklavenhandel nahm infolge der stets steigenden Nachfrage der roemischen
Kaufleute einen Aufschwung, dessengleichen man im Mittelmeergebiet noch
nicht gekannt hatte und der mit dem Aufbluehen der Piraterie im engsten
Zusammenhang steht; alle Laender und alle Nationen wurden dafuer in
Kontribution gesetzt, die Hauptfangplaetze aber waren Syrien und das
innere Kleinasien. In Italien konzentrierte die ueberseeische Einfuhr
sich vorzugsweise in den beiden grossen Emporien am Tyrrhenischen Meer,
Ostia und Puteoli. Nach Ostia, dessen Reede wenig taugte, das aber, als
der naechste Hafen an Rom, fuer weniger werthafte Waren der geeignetste
Stapelplatz war, zog sich die fuer die Hauptstadt bestimmte Korneinfuhr,
dagegen der Luxushandel mit dem Osten ueberwiegend nach Puteoli, das
durch seinen guten Hafen fuer Schiffe mit wertvoller Ladung sich empfahl
und in der mehr und mehr mit Landhaeusern sich fuellenden Gegend von
Baiae den Kaufleuten einen dem hauptstaedtischen wenig nachstehenden
Markt in naechster Naehe darbot. Lange Zeit ward dieser letztere Verkehr
durch Korinth und nach dessen Vernichtung durch Delos vermittelt, wie
denn in diesem Sinne Puteoli bei Lucilius das italische "Klein-Delos"
heisst; nach der Katastrophe aber, die Delos im Mithradatischen Kriege
betraf, und von der es sich nicht wieder erholt hat, knuepften die
Puteolaner direkte Handelsverbindungen mit Syrien und Alexandreia an
und entwickelte damit ihre Stadt immer entschiedener sich zu dem ersten
ueberseeischen Handelsplatz Italiens. Aber nicht bloss der Gewinn, der
bei der italischen Aus- und Einfuhr gemacht ward, fiel wesentlich den
Italikern zu; auch in Narbo konkurrierten sie im keltischen Handel
mit den Massalioten, und ueberhaupt leidet es keinen Zweifel, dass
die ueberall fluktuierend oder ansaessig anzutreffende roemische
Kaufmannschaft den besten Teil aller Spekulationen fuer sich nahm.
Fassen wir diese Erscheinungen zusammen, so erkennen wir als den
hervorstechenden Zug der Privatwirtschaft dieser Epoche die der
politischen ebenbuertig zur Seite gehende finanzielle Oligarchie der
roemischen Kapitalisten. In ihren Haenden vereinigt sich die Bodenrente
fast des ganzen Italiens und der besten Stuecke des Provinzialgebiets,
die wucherliche Rente des von ihnen monopolisierten Kapitals, der
Handelsgewinn aus dem gesamten Reiche, endlich in Form der Pachtnutzung
ein sehr betraechtlicher Teil der roemischen Staatseinkuenfte. Die
immer zunehmende Anhaeufung der Kapitalien zeigt sich in dem Steigen des
Durchschnittsatzes des Reichtums: 3 Mill. Sesterzen (228000 Taler)
war jetzt ein maessiges senatorisches, 2 Mill. (152000 Taler) ein
anstaendiges Rittervermoegen; das Vermoegen des reichsten Mannes der
Gracchischen Zeit, des Publius Crassus, Konsul 623 131), ward auf 100
Mill. Sesterzen (7«Mill. Taler) geschaetzt. Es ist kein Wunder, wenn
dieser Kapitalistenstand die aeussere Politik vorwiegend bestimmt, wenn
er aus Handelsrivalitaet Karthago und Korinth zerstoert, wie einst die
Etrusker Alalia, die Syrakusier Caere zerstoerten, wenn er dem Senat zum
Trotz die Gruendung von Narbo aufrecht erhaelt. Es ist ebenfalls kein
Wunder, wenn diese Kapitalistenoligarchie in der inneren Politik der
Adelsoligarchie eine ernstliche und oft siegreiche Konkurrenz macht.
Es ist aber auch kein Wunder, wenn ruinierte reiche Leute sich an die
Spitze empoerter Sklavenhaufen stellen und das Publikum sehr unsanft
daran erinnert, dass aus dem eleganten Bordell der Uebergang zu der
Raeuberhoehle leicht gefunden ist. Es ist kein Wunder, wenn jeder
finanzielle Babelturm mit seiner nicht rein oekonomischen, sondern
der politischen Uebermacht Roms entlehnten Grundlage bei jeder ernsten
politischen Krise ungefaehr in derselben Art schwankt wie unser sehr
aehnlicher Staatspapierbau. Die ungeheure Finanzkrise, die im Verfolg
der italisch- asiatischen Bewegungen 664f. (90) ueber den roemischen
Kapitalistenstand hereinbrach, die Bankrotte des Staates und
der Privaten, die allgemeine Entwertung der Grundstuecke und der
Gesellschaftsparten koennen wir im einzelnen nicht mehr verfolgen;
wohl aber lassen im allgemeinen keinen Zweifel an ihrer Art und ihrer
Bedeutung ihre Resultate: die Ermordung des Gerichtsherrn durch einen
Glaeubigerhaufen, der Versuch, alle nicht von Schulden freien Senatoren
aus dem Senat zu stossen, die Erneuerung des Zinsmaximum durch Sulla,
die Kassation von 75 Prozent aller Forderungen durch die revolutionaere
Partei. Die Folge dieser Wirtschaft war natuerlich in den Provinzen
allgemeine Verarmung und Entvoelkerung, wogegen die parasitische
Bevoelkerung reisender oder auf Zeit ansaessiger Italiker ueberall
im Steigen war. In Kleinasien sollen an einem Tage 80000 Menschen
italischer Abkunft umgekommen sein. Wie zahlreich dieselben auf Delos
waren, beweisen die noch auf der Insel vorhandenen Denksteine und
die Angabe, dass hier 20000 Fremde, meistens italische Kaufleute, auf
Mithradates' Befehl getoetet wurden. In Afrika waren der Italiker so
viele, dass sogar die numidische Stadt Cirta hauptsaechlich durch sie
gegen Jugurtha verteidigt werden konnte. Auch Gallien, heisst es, war
angefuellt mit roemischen Kaufleuten; nur fuer Spanien finden sich,
vielleicht nicht zufaellig, dergleichen Angaben nicht. In Italien selbst
ist dagegen der Stand der freien Bevoelkerung in dieser Epoche ohne
Zweifel im ganzen zurueckgegangen. Allerdings haben die Buergerkriege
hierzu wesentlich mitgewirkt, welche nach allgemeingehaltenen und
freilich wenig zuverlaessigen Angaben 100000 bis 150000 Koepfe von
der roemischen Buergerschaft, 300000 von der italischen Bevoelkerung
ueberhaupt weggerafft haben sollen; aber schlimmer wirkten der
oekonomische Ruin des Mittelstandes und die masslose Ausdehnung der
kaufmaennischen Emigration, die einen grossen Teil der italischen Jugend
waehrend ihrer kraeftigsten Jahre im Ausland zu verweilen veranlasste.
Einen Ersatz sehr zweifelhaften Wertes gewaehrte dafuer die freie
parasitische hellenisch-orientalische Bevoelkerung, die als koenigliche
oder Gemeindediplomaten, als Aerzte, Schulmeister, Pfaffen, Bediente,
Schmarotzer und in den tausendfachen Aemtern der Industrieritter- und
Gaunerschaft in der Hauptstadt, als Haendler und Schiffer namentlich
in Ostia, Puteoli und Brundisium verweilten. Noch bedenklicher war das
unverhaeltnismaessige Steigen der Sklavenmenge auf der Halbinsel. Die
italische Buergerschaft zaehlte nach der Schaetzung des Jahres 684
(70) 910000 waffenfaehige Maenner, wobei, um den Betrag der freien
Bevoelkerung auf der Halbinsel zu erhalten, die in der Schaetzung
zufaellig uebergangenen, die Latiner in der Landschaft zwischen den
Alpen und dem Po und die in Italien domizilierten Auslaender, hinzu-,
die auswaerts domizilierten roemischen Buerger dagegen abzurechnen sind.
Es wird demnach kaum moeglich sein, die freie Bevoelkerung der Halbinsel
hoeher als auf 6 bis 7 Mill. Koepfe anzusetzen. Wenn die damalige
Gesamtbevoelkerung derselben der gegenwaertigen gleichkam, so haette
man danach eine Sklavenmasse von 13 bis 14 Mill. Koepfen anzunehmen. Es
bedarf indes solcher trueglichen Berechnungen nicht, um die gefaehrliche
Spannung dieser Verhaeltnisse anschaulich zu machen; laut genug reden
die partiellen Sklaveninsurrektionen und der seit dem Beginn der
Revolutionen am Schlusse eines jeden Aufstandes erschallende Aufruf an
die Sklaven, die Waffen gegen ihre Herren zu ergreifen und die Freiheit
sich zu erfechten. Wenn man sich England vorstellt mit seinen Lords,
seinen Squires und vor allem seiner City, aber die Freeholders
und Paechter in Proletarier, die Arbeiter und Matrosen in Sklaven
verwandelt, so wird man ein ungefaehres Bild der damaligen Bevoelkerung
der italischen Halbinsel gewinnen. Wie im klaren Spiegel liegen die
oekonomischen Verhaeltnisse dieser Epoche noch heute uns vor in dem
roemischen Muenzwesen. Die Behandlung desselben zeigt durchaus den
einsichtigen Kaufmann. Seit langer Zeit standen Gold und Silber als
allgemeine Zahlmittel nebeneinander, so dass zwar zum Zweck allgemeiner
Kassebilanzen ein festes Wertverhaeltnis zwischen beiden Metallen
gesetzlich normiert war, aber doch regelmaessig es nicht freistand,
ein Metall fuer das andere zu geben, sondern je nach dem Inhalt der
Verschreibung in Gold oder Silber zu zahlen war. Auf diesem Wege wurden
die grossen Uebelstaende vermieden, die sonst an die Aufstellung
eines doppelten Wertmetalls unvermeidlich sich knuepfen; die starken
Goldkrisen - wie denn zum Beispiel um 600 (150) infolge der Entdeckung
der tauriskischen Goldlager das Gold gegen Silber auf einmal in Italien
um 33 2/3 Prozent abschlug - wirkten wenigstens nicht direkt auf die
Silbermuenze und den Kleinverkehr ein. Es lag in der Natur der
Sache, dass, je mehr der ueberseeische Verkehr sich ausdehnte, desto
entschiedener das Gold aus der zweiten in die erste Stelle eintrat,
was denn auch die Angaben ueber die Staatskassenbestaende und die
Staatskassengeschaefte bestaetigen; aber die Regierung liess sich
dadurch nicht bewegen, das Gold auch in die Muenze einzufuehren. Die in
der Not des Hannibalischen Krieges versuchte hatte man laengst wieder
fallen lassen; die wenigen Goldstuecke, die Sulla als Regent
schlug, sind kaum mehr gewesen als Gelegenheitsmuenze fuer seine
Triumphalgeschenke. Nach wie vor zirkulierte als wirkliche Muenze
ausschliesslich das Silber; das Gold ward, mochte es nun, wie
gewoehnlich, in Barren umlaufen oder auslaendisches oder allenfalls
auch inlaendisches Gepraege tragen, lediglich nach dem Gewicht genommen.
Dennoch standen Gold und Silber als Verkehrsmittel gleich, und die
betruegliche Legierung des Goldes wurde gleich der Praegung falscher
Silbermuenzen rechtlich als Muenzvergehen betrachtet. Man erreichte
hierdurch den unermesslichen Vorteil, bei dem wichtigsten Zahlmittel
selbst die Moeglichkeit der Muenzdefraude und Muenzveruntreuung
abzuschneiden. uebrigens war die Muenzpraegung ebenso reichlich wie
musterhaft. Nachdem im Hannibalischen Kriege das Silberstueck von
1/72 auf 1/84 Pfund reduziert worden war, ist dasselbe mehr als
drei Jahrhunderte hindurch vollkommen gleich schwer und gleich fein
geblieben; eine Legierung fand nicht statt. Die Kupfermuenze wurde um
den Anfang dieser Periode voellig zur Scheidemuenze und hoerte auf, wie
frueher, im Grossverkehr gebraucht zu werden; aus diesem Grunde wurde
etwa seit dem Anfang des siebenten Jahrhunderts der As nicht mehr
geschlagen und die Kupferpraegung beschraenkt auf die im Silber nicht
fueglich herzustellenden Kleinwerte von einem Semis (fast 3 Pfennig) und
darunter. Die Muenzsorten waren nach einem einfachen Prinzip geordnet
und in der damals kleinsten Muenze gewoehnlicher Praegung, dem Quadrans
(1« Pfennig), hinabgefuehrt bis an die Grenze der fuehlbaren Werte. Es
war ein Muenzsystem, das an prinzipieller Verstaendigkeit der Grundlagen
wie an eisern strenger Durchfuehrung derselben im Altertum einzig
dasteht und auch in der neueren Zeit nur selten erreicht worden ist.
Doch hat auch dies seinen wunden Fleck. Nach einer im ganzen Altertum
gemeinen, in ihrer hoechsten Entwicklung in Karthago auftretenden
Sitte gab auch die roemische Regierung mit den guten silbernen Denaren
zugleich kupferne, mit Silber plattierte aus, welche gleich jenen
genommen werden mussten und nichts waren als ein unserem Papiergeld
analoges Zeichengeld mit Zwangskurs und Fundierung auf die Staatskasse,
insofern auch diese nicht befugt war, die plattierten Stuecke
zurueckzuweisen. Eine offizielle Falschmuenzerei war dies so wenig
wie unsere Papiergeldfabrikation, da man die Sache ganz offen betrieb:
Marcus Drusus beantragte 663 (91), um die Mittel fuer seine Kornspenden
zu gewinnen, die Emission von einem plattierten auf je sieben silberne,
neu aus der Muenze hervorgehende Denare; allein nichtsdestoweniger
bot diese Massregel nicht bloss der privaten Falschmuenzerei eine
bedenkliche Handhabe, sondern sie liess auch das Publikum absichtlich
darueber im ungewissen, ob es Silber- oder Zeichengeld empfange und in
welchem Gesamtbetrag das letztere in Umlauf sei. In der bedraengten Zeit
des Buergerkrieges und der grossen finanziellen Krise scheint man der
Planierung sich so ueber die Gebuehr bedient zu haben, dass zu der
Finanzkrise eine Muenzkrise sich gesellte und die Masse der falschen
und faktisch entwerteten Stuecke den Verkehr hoechst unsicher machte.
Deshalb wurde waehrend des Cinnanischen Regiments von den Praetoren und
Tribunen, zunaechst von Marcus Marius Gratidianus, die Einloesung des
saemtlichen Zeichengeldes durch Silbergeld verfuegt und zu dem Ende ein
Probierbuero eingerichtet. Inwieweit die Aufrufung durchgefuehrt ward,
ist nicht ueberliefert; die Zeichengeldpraegung selbst blieb bestehen.
Was die Provinzen anlangt, so ward in Gemaessheit der grundsaetzlichen
Beseitigung der Goldmuenze die Goldpraegung nirgends, auch in den
Klientelstaaten nicht gestattet; so dass die Goldpraegung in dieser
Zeit nur vorkommt, wo Rom gar nichts zu sagen hatte, namentlich bei
den Kelten nordwaerts von den Cevennen und bei den gegen Rom sich