Staatslebens ueberhaupt. Staat und Stadt ineinanderzufuegen hat

allerdings das Altertum ebensowenig vermocht, als es vermocht hat,

das repraesentative Regiment und andere grosse Grundgedanken unseres

heutigen Staatslebens aus sich zu entwickeln; aber es hat seine

politische Entwicklung bis an diejenigen Grenzen gefuehrt, wo diese die

gegebenen Masse ueberwaechst und sprengt, und vor allem ist dies in Rom

geschehen, das in jeder Beziehung an der Scheide und in der Verbindung

der alten und der neuen geistigen Welt steht. In der Sullanischen

Verfassung sind einerseits die Urversammlung und der staedtische

Charakter des Gemeinwesens Rom fast zur bedeutungslosen Form

zusammengeschwunden, andererseits die innerhalb des Staates stehende

Gemeinde schon in der italischen vollstaendig entwickelt; bis auf den

Namen, der freilich in solchen Dingen die Haelfte der Sache ist, hat

diese letzte Verfassung der freien Republik das Repraesentativsystem

und den auf den Gemeinden sich aufbauenden Staat durchgefuehrt. Das

Gemeindewesen in den Provinzen ward hierdurch nicht geaendert; die

Gemeindebehoerden der unfreien Staedte blieben vielmehr, von besonderen

Ausnahmen abgesehen, beschraenkt auf Verwaltung und Polizei und auf

diejenige Jurisdiktion, welche die roemischen Behoerden vorzogen, nicht

selbst in die Hand zu nehmen. Dieses war die Verfassung, die

Lucius Cornelius Sulla der Gemeinde Rom gab. Senat und Ritterstand,

Buergerschaft und Proletariat, Italiker und Provinzialen nahmen sie hin,

wie sie vom Regenten ihnen diktiert ward, wenn nicht ohne zu grollen,

doch ohne sich aufzulehnen; nicht so die Sullanischen Offiziere. Das

roemische Heer hatte seinen Charakter gaenzlich veraendert. Es war

allerdings durch die Marianische Reform wieder schlagfertiger und

militaerisch brauchbarer geworden, als da es vor den Mauern von Numantia

nicht focht; aber es hatte zugleich sich aus einer Buergerwehr in eine

Schar von Lanzknechten verwandelt, welche dem Staat gar keine und dem

Offizier nur dann Treue bewiesen, wenn er verstand, sie persoenlich an

sich zu fesseln. Diese voellige Umgestaltung des Armeegeistes hatte

der Buergerkrieg in graesslicher Weise zur Evidenz gebracht: sechs

kommandierende Generale, Albinus, Cato, Rufus, Flaccus, Cinna und Gaius

Carbo, waren waehrend desselben gefallen von der Hand ihrer Soldaten;

einzig Sulla hatte bisher es vermocht, der gefaehrlichen Meute Herr zu

bleiben, freilich nur, indem er allen ihren wilden Begierden den Zuegel

schiessen liess wie noch nie vor ihm ein roemischer Feldherr. Wenn

deshalb ihm der Verderb der alten Kriegszucht schuld gegeben wird, so

ist dies nicht gerade unrichtig, aber dennoch ungerecht; er war eben

der erste roemische Beamte, der seiner militaerischen und politischen

Aufgabe nur dadurch zu genuegen imstande war, dass er auftrat als

Condottiere. Aber er hatte die Militaerdiktatur nicht uebernommen, um

den Staat der Soldateska untertaenig zu machen, sondern vielmehr, um

alles im Staat, vor allem aber das Heer und die Offiziere, unter die

Gewalt der buergerlichen Ordnung zurueckzuzwingen. Wie dies offenbar

ward, erhob sich gegen ihn eine Opposition mit seinem eigenen Stab.

Mochte den uebrigen Buergern gegenueber die Oligarchie den Tyrannen

spielen; aber dass auch die Generale, die mit ihrem guten Schwert

die umgestuerzten Senatorensessel wieder aufgerichtet hatten, jetzt

ebendiesem Senat unweigerlichen Gehorsam zu leisten aufgefordert wurden,

schien unertraeglich. Eben die beiden Offiziere, denen Sulla das meiste

Vertrauen geschenkt hatte, widersetzten sich der neuen Ordnung der

Dinge. Als Gnaeus Pompeius, den Sulla mit der Eroberung von Sizilien und

Afrika beauftragt und zu seinem Tochtermanne erkoren hatte, nach Vollzug

seiner Aufgabe vom Senat den Befehl erhielt, sein Heer zu entlassen,

unterliess er es zu gehorsamen und wenig fehlte an offenem Aufstand.

Quintus Ofella, dessen festem Ausharren vor Praeneste wesentlich der

Erfolg des letzten und schwersten Feldzuges verdankt ward, bewarb sich

in ebenso offenem Widerspruch gegen die neu erlassenen Ordnungen um das

Konsulat, ohne die niederen Aemter bekleidet zu haben. Mit Pompeius

kam, wenn nicht eine herzliche Aussoehnung, doch ein Vergleich zustande.

Sulla, der seinen Mann genug kannte, um ihn nicht zu fuerchten, nahm

die Impertinenz hin, die Pompeius ihm ins Gesicht sagte, dass mehr Leute

sich um die aufgehende Sonne kuemmerten als um die untergehende, und

bewilligte dem eitlen Juengling die leeren Ehrenbezeigungen, an denen

sein Herz hing. Wenn er hier sich laesslich zeigte, so bewies er

dagegen Ofella gegenueber, dass er nicht der Mann war, sich von seinen

Marschaellen imponieren zu lassen: So wie dieser verfassungswidrig als

Bewerber vor das Volk trat, liess ihn Sulla auf oeffentlichem Marktplatz

niederstossen und setzte sodann der versammelten Buergerschaft

auseinander, dass die Tat auf seinen Befehl und warum sie vollzogen

sei. So verstummte zwar fuer jetzt diese bezeichnende Opposition des

Hauptquartiers gegen die neue Ordnung der Dinge; aber sie blieb bestehen

und gab den praktischen Kommentar zu Sullas Worten, dass das, was er

diesmal tue, nicht zum zweitenmal getan werden koenne. Eines blieb noch

uebrig -vielleicht das schwerste von allem: die Zurueckfuehrung der

Ausnahmezustaende in die neualten gesetzlichen Bahnen. Sie ward dadurch

erleichtert, dass Sulla dieses letzte Ziel nie aus den Augen verloren

hatte. Obwohl das Valerische Gesetz ihm absolute Gewalt und jeder seiner

Verordnungen Gesetzeskraft gegeben, hatte er dennoch dieser exorbitanten

Befugnis sich nur bei Massregeln bedient, die von voruebergehender

Bedeutung waren und wo die Beteiligung Rat und Buergerschaft bloss

nutzlos kompromittiert haben wuerde, namentlich bei den Aechtungen.

Regelmaessig hatte er schon selbst diejenigen Bestimmungen beobachtet,

die er fuer die Zukunft vorschrieb. Dass das Volk befragt ward, lesen

wir in dem Quaestorengesetz, das zum Teil noch vorhanden ist, und von

anderen Gesetzen, zum Beispiel dem Aufwandgesetz und denen ueber die

Konfiskation der Feldmarken, ist es bezeugt. Ebenso ward bei wichtigeren

Administrativakten, zum Beispiel bei der Entsendung und Zurueckberufung

der afrikanischen Armee und bei Erteilung von staedtischen Freibriefen,

der Senat vorangestellt. In demselben Sinn liess Sulla schon fuer 673

(81) Konsuln waehlen, wodurch wenigstens die gehaessige offizielle

Datierung nach der Regentschaft vermieden ward; doch blieb die Macht

noch ausschliesslich bei dem Regenten und ward die Wahl auf sekundaere

Persoenlichkeiten geleitet. Aber im Jahre darauf (674 80) setzte Sulla

die ordentliche Verfassung wieder vollstaendig in Wirksamkeit und

verwaltete als Konsul in Gemeinschaft mit seinem Waffengenossen Quintus

Metellus den Staat, waehrend er die Regentschaft zwar noch beibehielt,

aber vorlaeufig ruhen liess. Er begriff es wohl, wie gefaehrlich es eben

fuer seine eigenen Institutionen war, die Militaerdiktatur zu verewigen.

Da die neuen Zustaende sich haltbar zu erweisen schienen, und von den

neuen Einrichtungen zwar manches, namentlich in der Kolonisierung, noch

zurueck, aber doch das meiste und wichtigste vollendet war, so liess er

den Wahlen fuer 675 (79) freien Lauf, lehnte die Wiederwahl zum Konsulat

als mit seinen eigenen Verordnungen unvereinbar ab und legte, bald

nachdem die neuen Konsuln Publius Servilius und Appius Claudius ihr

Amt angetreten hatten, im Anfang des Jahres 675 (79) die Regentschaft

nieder. Es ergriff selbst starre Herzen, als der Mann, der bis dahin mit

dem Leben und dem Eigentum von Millionen nach Willkuer geschaltet hatte,

auf dessen Wink so viele Haeupter gefallen waren, dem in jeder Gasse

Roms, in jeder Stadt Italiens Todfeinde wohnten und der ohne einen

ebenbuertigen Verbuendeten, ja genau genommen ohne den Rueckhalt einer

festen Partei sein tausend Interessen und Meinungen verletzendes Werk

der Reorganisation des Staates zu Ende gefuehrt hatte, als dieser

Mann auf den Marktplatz der Hauptstadt trat, sich seiner Machtfuelle

freiwillig begab, seine bewaffneten Begleiter verabschiedete,

seine Gerichtsdiener entliess und die dichtgedraengte Buergerschaft

aufforderte zu reden, wenn einer von ihm Rechenschaft begehre. Alles

schwieg; Sulla stieg herab von der Rednerbuehne und zu Fuss, nur von den

Seinigen begleitet, ging er mitten durch ebenjenen Poebel, der ihm vor

acht Jahren das Haus geschleift hatte, zurueck nach seiner Wohnung. Die

Nachwelt hat weder Sulla selbst noch sein Reorganisationswerk richtig

zu wuerdigen verstanden, wie sie denn unbillig zu sein pflegt gegen die

Persoenlichkeiten, die dem Strom der Zeiten sich entgegenstemmen. In der

Tat ist Sulla eine von den wunderbarsten, man darf vielleicht sagen

eine einzige Erscheinung in der Geschichte. Physisch und psychisch ein

Sanguiniker, blauaeugig, blond, von auffallend weisser, aber bei jeder

leidenschaftlichen Bewegung sich roetender Gesichtsfarbe, uebrigens ein

schoener, feurig blickender Mann, schien er nicht eben bestimmt,

dem Staat mehr zu sein als seine Ahnen, die seit seines Grossvaters

Grossvater Publius Cornelius Rufinus (Konsul 464, 477 290, 277), einem

der angesehensten Feldherrn und zugleich dem prunkliebendsten Mann

der pyrrhischen Zeit, in Stellungen zweiten Ranges verharrt hatten.

Er begehrte vom Leben nichts als heiteren Genuss. Aufgewachsen in dem

Raffinement des gebildeten Luxus, wie er in jener Zeit auch in den

minder reichen senatorischen Familien Roms einheimisch war, bemaechtigte

er rasch und bebend sich der ganzen Fuelle sinnlich geistiger Genuesse,

welche die Verbindung hellenischer Feinheit und roemischen Reichtums zu

gewaehren vermochten. Im adligen Salon und unter dem Lagerzelt war

er gleich willkommen als angenehmer Gesellschafter und guter Kamerad;

vornehme und geringe Bekannte fanden in ihm den teilnehmenden Freund und

den bereitwilligen Helfer in der Not, der sein Geld weit lieber

seinem bedraengten Genossen als seinem reichen Glaeubiger goennte.

Leidenschaftlich huldigte er dem Becher, noch leidenschaftlicher den

Frauen; selbst in seinen spaeteren Jahren war er nicht mehr Regent, wenn

er nach vollbrachtem Tagesgeschaeft sich zur Tafel setzte. Ein Zug der

Ironie, man koennte vielleicht sagen der Bouffonnerie, geht durch seine

ganze Natur. Noch als Regent befahl er, waehrend er die Versteigerung

der Gueter der Geaechteten leitete, fuer ein ihm ueberreichtes

schlechtes Lobgedicht dem Verfasser eine Verehrung aus der Beute zu

verabreichen unter der Bedingung, dass er gelobe, ihn niemals wieder zu

besingen. Als er vor der Buergerschaft Ofenas Hinrichtung rechtfertigte,

geschah es, indem er den Leuten die Fabel erzaehlte von dem Ackersmann

und den Laeusen. Seine Gesellen waehlte er gern unter den Schauspielern

und liebte es, nicht bloss mit Quintus Roscius, dem roemischen Talma,

sondern auch mit viel geringeren Buehnenleuten beim Weine zu sitzen;

wie er denn auch selbst nicht schlecht sang und sogar zur Auffuehrung

in seinem Zirkel selber Possen schrieb. Doch ging in diesen lustigen

Bacchanalien ihm weder die koerperliche noch die geistige Spannkraft

verloren; noch in der laendlichen Musse seiner letzten Jahre lag

er eifrig der Jagd ob, und dass er aus dem eroberten Athen die

Aristotelischen Schriften nach Rom brachte, beweist doch wohl fuer sein

Interesse auch an ernsterer Lektuere. Das spezifische Roemertum

stiess ihn eher ab. Von der plumpen Morgue, die die roemischen Grossen

gegenueber den Griechen zu entwickeln liebten, und von der Feierlichkeit

beschraenkter grosser Maenner hatte Sulla nichts, vielmehr liess er

gern sich gehen, erschien wohl zum Skandal mancher seiner Landsleute

in griechischen Staedten in griechischer Tracht oder veranlasste seine

adligen Gesellen, bei den Spielen selber die Rennwagen zu lenken. Noch

weniger war ihm von den halb patriotischen, halb egoistischen Hoffnungen

geblieben, die in Laendern freier Verfassung jede jugendliche Kapazitaet

auf den politischen Tummelplatz locken und die auch er wie jeder

andere einmal empfunden haben mag; in einem Leben, wie das seine war,

schwankend zwischen leidenschaftlichem Taumel und mehr als nuechternem

Erwachen, verzetteln sich rasch die Illusionen. Wuenschen und Streben

mochte ihm eine Torheit erscheinen in einer Welt, die doch unbedingt vom

Zufall regiert ward und wo, wenn ueberhaupt auf etwas, man ja doch auf

nichts spannen konnte als auf diesen Zufall. Dem allgemeinen Zug der

Zeit, zugleich dem Unglauben und dem Aberglauben, sich zu ergeben

folgte auch er. Seine wunderliche Glaeubigkeit ist nicht der plebejische

Koehlerglaube des Marius, der von dem Pfaffen fuer Geld sich wahrsagen

und seine Handlungen durch ihn bestimmen laesst; noch weniger der

finstere Verhaengnisglaube des Fanatikers, sondern jener Glaube an das

Absurde, wie er bei jedem von dem Vertrauen auf eine zusammenhaengende

Ordnung der Dinge durch und durch zurueckgekommenen Menschen notwendig

sich einstellt, der Aberglaube des gluecklichen Spielers, der sich vom

Schicksal privilegiert erachtet, jedesmal und ueberall die rechte Nummer

zu werfen. In praktischen Fragen verstand Sulla sehr wohl, mit den

Anforderungen der Religion ironisch sich abzufinden. Als er die

Schatzkammern der griechischen Tempel leerte, aeusserte er, dass es

demjenigen nimmermehr fehlen koenne, dem die Goetter selbst die Kasse

fuellten. Als die delphischen Priester ihm berichteten, dass sie sich

scheuten, die verlangten Schaetze zu senden, da die Zither des Gottes

hell geklungen, als man sie beruehrt, liess er ihnen zuruecksagen, dass

man sie nun um so mehr schicken moege, denn offenbar stimme der Gott

seinem Vorhaben zu. Aber darum wiegte er nicht weniger gern sich in dem

Gedanken, der auserwaehlte Liebling der Goetter zu sein, ganz besonders

jener, der er bis in seine spaeten Jahre vor allen den Preis gab, der

Aphrodite. In seinen Unterhaltungen wie in seiner Selbstbiographie

ruehmte er sich vielfach des Verkehrs, den in Traeumen und Anzeichen die

Unsterblichen mit ihm gepflogen. Er hatte wie wenig andere ein Recht,

auf seine Taten stolz zu sein; er war es nicht, wohl aber stolz auf sein

einzig treues Glueck. Er pflegte wohl zu sagen, dass jedes improvisierte

Beginnen ihm besser ausgeschlagen sei als das planmaessig angelegte, und

eine seiner wunderlichsten Marotten, die Zahl der in den Schlachten auf

seiner Seite gefallenen Leute regelmaessig als null anzugeben, ist

doch auch nichts als die Kinderei eines Glueckskindes. Es war nur der

Ausdruck der ihm natuerlichen Stimmung, als er, auf dem Gipfel seiner

Laufbahn angelangt und alle seine Zeitgenossen in schwindelnder Tiefe

unter sich sehend, die Bezeichnung des Gluecklichen, Sulla Felix,

als foermlichen Beinamen annahm und auch seinen Kindern entsprechende

Benennungen beilegte. Nichts lag Sulla ferner als der planmaessige

Ehrgeiz. Er war zu gescheit, um gleich den Dutzendaristokraten seiner

Zeit die Verzeichnung seines Namens in die konsularischen Register als

das Ziel seines Lebens zu betrachten; zu gleichgueltig und zu wenig

Ideolog, um sich mit der Reform des morschen Staatsgebaeudes freiwillig

befassen zu moegen. Er blieb, wo Geburt und Bildung ihn hinwiesen,

in dem Kreis der vornehmen Gesellschaft und machte wie ueblich die

Aemterlaufbahn durch; Ursache sich anzustrengen hatte er nicht und

ueberliess dies den politischen Arbeitsbienen, an denen es ja nicht

fehlte. So fuehrte ihn im Jahre 647 (107) bei der Verlosung der

Quaestorenstellen der Zufall nach Afrika in das Hauptquartier des Gaius

Marius. Der unversuchte hauptstaedtische Elegant ward von dem rauben

baeurischen Feldherrn und seinem erprobten Stab nicht zum besten

empfangen. Durch diese Aufnahme gereizt, machte Sulla, furchtlos und

anstellig wie er war, im Fluge das Waffenhandwerk sich zu eigen

und entwickelte auf dem verwegenen Zug nach Mauretanien zuerst jene

eigentuemliche Verbindung von Keckheit und Verschmitztheit, wegen deren

seine Zeitgenossen von ihm sagten, dass er halb Loewe, halb Fuchs

und der Fuchs in ihm gefaehrlicher sei als der Loewe. Dem jungen,

hochgeborenen, brillanten Offizier, der anerkanntermassen der

eigentliche Beendiger des laestigen Numidischen Krieges war, oeffnete

jetzt sich die glaenzendste Laufbahn; er nahm auch teil am

Kimbrischen Krieg und offenbarte in der Leitung des schwierigen

Verpflegungsgeschaeftes sein ungemeines Organisationstalent;

nichtsdestoweniger zogen ihn auch jetzt die Freuden des

hauptstaedtischen Lebens weit mehr an als Krieg oder gar Politik. In

der Praetur, welches Amt er, nachdem er sich einmal vergeblich beworben

hatte, im Jahre 661 (93) uebernahm, fuegte es sich abermals, dass ihm

in seiner Provinz, der unbedeutendsten von allen, der erste Sieg ueber

Koenig Mithradates und der erste Vertrag mit den maechtigen Arsakiden

sowie deren erste Demuetigung gelang. Der Buergerkrieg folgte. Sulla war

es wesentlich, der den ersten Akt desselben, die italische Insurrektion

zu Roms Gunsten entschied und dabei mit dem Degen das Konsulat sich

gewann; er war es ferner, der als Konsul den Sulpicischen Aufstand

mit energischer Raschheit zu Boden schlug. Das Glueck schien sich

ein Geschaeft daraus zu machen, den alten Helden Marius durch diesen

juengeren Offizier zu verdunkeln. Die Gefangennehmung Jugurthas, die

Besiegung Mithradats, die beide Marius vergeblich erstrebt hatte,

wurden in untergeordneten Stellungen von Sulla vollfuehrt; im

Bundesgenossenkrieg, in dem Marius seinen Feldherrnruhm einbuesste und

abgesetzt ward, gruendete Sulla seinen militaerischen Ruf und stieg

empor zum Konsulat; die Revolution von 666 (88), die zugleich und vor

allem ein persoenlicher Konflikt zwischen den beiden Generalen war,

endigte mit Marius' Aechtung und Flucht. Fast ohne es zu wollen war

Sulla der beruehmteste Feldherr seiner Zeit, der Hort der Oligarchie

geworden. Es folgten neue und furchtbarere Krisen, der Mithradatische

Krieg, die Cinnanische Revolution: Sullas Stern blieb immer im Steigen.

Wie der Kapitaen, der das brennende Schiff nicht loescht, sondern

fortfaehrt, auf den Feind zu feuern, harrte Sulla, waehrend die

Revolution in Italien tobte, in Asien unerschuettert aus, bis der

Landesfeind gezwungen war. Mit diesem fertig, zerschmetterte er

die Anarchie und rettete die Hauptstadt vor der Brandfackel der

verzweifelnden Samniten und Revolutionaere. Der Moment der Heimkehr war

fuer Sulla ein ueberwaeltigender in Freude und in Schmerz; er selbst

erzaehlt in seinen Memoiren, dass er die erste Nacht in Rom kein Auge

habe zutun koennen, und wohl mag man es glauben. Aber immer noch war

seine Aufgabe nicht zu Ende, sein Stern in weiterem Steigen. Absoluter

Selbstherrscher wie nur je ein Koenig und doch durchaus verharrend

auf dem Boden des formellen Rechts, zuegelte er die ultrareaktionaere

Partei, vernichtete die seit vierzig Jahren die Oligarchie einengende

Gracchische Verfassung und zwang zuerst die der Oligarchie Konkurrenz

machenden Maechte der Kapitalisten und des hauptstaedtischen

Proletariats, endlich den im Schosse seines eigenen Stabes erwachsenen

Uebermut des Saebels wieder unter das neu befestigte Gesetz.

Selbstaendiger als je stellte er die Oligarchie hin, legte die

Beamtenmacht als dienendes Werkzeug in ihre Haende, verlieh ihr die

Gesetzgebung, die Gerichte, die militaerische und finanzielle Obergewalt

und gab ihr eine Art Leibwache in den befreiten Sklaven, eine Art Heer

in den angesiedelten Militaerkolonisten. Endlich, als das Werk vollendet

war, trat der Schoepfer zurueck von seiner Schoepfung; freiwillig ward

der absolute Selbstherrscher wieder einfacher Senator. In dieser ganzen

langen militaerischen und politischen Bahn hat Sulla nie eine Schlacht

verloren, nie einen Schritt zuruecktun muessen und ungeirrt von Feinden

und Freunden sein Werk gefuehrt bis an das selbstgesteckte Ziel. Wohl

hatte er Ursache, seinen Stern zu preisen. Die launenhafte Goettin des

Gluecks schien hier einmal die Laune der Bestaendigkeit angewandelt und

sie darin sich gefallen zu haben, auf ihren Liebling an Erfolgen

und Ehren zu haeufen, was er begehrte und nicht begehrte. Aber die

Geschichte wird gerechter gegen ihn sein muessen, als er es gegen sich

selber war, und ihn in eine hoehere Reihe stellen als in die der blossen

Favoriten der Fortuna. Nicht als waere die Sullanische Verfassung ein

Werk politischer Genialitaet, wie zum Beispiel die Gracchische und

die Caesarische. Es begegnet in ihr, wie dies ja schon das Wesen der

Restauration mit sich bringt, auch nicht ein staatsmaennisch neuer

Gedanke; alle ihre wesentlichsten Momente: der Eintritt in den Senat

durch Bekleidung der Quaestur, die Aufhebung des zensorischen Rechts,

den Senator aus dem Senate zu stossen, die legislatorische Initiative

des Senats, die Verwandlung des tribunizischen Amtes in ein Werkzeug

des Senats zur Fesselung des Imperiums, die Erstreckung der Dauer

des Oberamts auf zwei Jahre, der Uebergang des Kommandos von dem

Volksmagistrat auf den senatorischen Prokonsul oder Propraetor,

selbst die neue Kriminal- und Munizipalordnung sind nicht von Sulla

geschaffene, sondern frueher schon aus dem oligarchischen Regiment

entwickelte und durch ihn nur regulierte und fixierte Institutionen. Ja

selbst die seiner Restauration anhaftenden Greuel, die Aechtungen

und Konfiskationen, sind sie, verglichen mit den Taten der Nasica,

Popillius, Opimius, Caepio und so weiter, etwas anderes als die

rechtliche Formulierung der hergebrachten oligarchischen Weise, sich

der Gegner zu entledigen? Ueber die roemische Oligarchie dieser Zeit nun

gibt es kein Urteil als unerbittliche und ruecksichtslose Verdammung;

und wie alles andere, was ihr anhaengt, ist davon auch die Sullanische

Verfassung vollstaendig mitbetroffen. Das von der Genialitaet des Boesen

bestochene Lob versuendigt sich an dem heiligen Geist der Geschichte;

aber daran wird man doch erinnern duerfen, dass weit weniger Sulla die

Sullanische Restauration zu verantworten hat als die seit Jahrhunderten

als Clique regierende und mit jedem Jahr mehr der greisenhaften

Entnervung und Verbissenheit verfallende roemische Aristokratie

insgesamt, und dass alles, was darin schal, und alles, was darin

verrucht ist, am letzten Ende auf diese zurueckfaellt. Sulla hat den

Staat reorganisiert, aber nicht wie der Hausherr, der sein zerruettetes

Gewese und Gesinde nach eigener Einsicht in Ordnung bringt, sondern

wie der zeitweilige Geschaeftsfuehrer, der seiner Anweisung getreu

nachkommt; es ist flach und falsch, in diesem Falle die schliessliche

und wesentliche Verantwortung von dem Geschaeftsherrn ab auf den

Verwalter zu waelzen. Man schlaegt Sullas Bedeutung viel zu hoch an oder

findet vielmehr mit jenen schauderhaften, nie wiedergutzumachenden

und nie wiedergutgemachten Proskriptionen, Expropriationen und

Restaurationen viel zu leicht sich ab, wenn man sie als das Werk

eines zufaellig an die Spitze des Staats geratenen Wueterichs ansieht.

Adelstaten waren dies und Restaurationsterrorismus, Sulla aber nicht

mehr dabei als, mit dem Dichter zu reden, das hinter dem bewussten

Gedanken unbewusst herwandelnde Richtbeil. Diese Rolle hat Sulla mit

wunderbarer, ja daemonischer Vollkommenheit durchgefuehrt; innerhalb

der Grenzen aber, die sie ihm gezogen, hat er nicht bloss grossartig,

sondern selbst nuetzlich gewirkt. Nie wieder hat eine tief gesunkene und

stetig tiefer sinkende Aristokratie, wie die roemische damals war, einen

Vormund gefunden, der so wie Sulla willig und faehig war, ohne jede

Ruecksicht auf eigenen Machtgewinn fuer sie den Degen des Feldherrn

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 41 / 52 段