setzte dem Kampf ein Ziel. Rom war gerettet. Die Insurgentenarmee, fuer

die es nirgends einen Rueckzug gab, wurde vollstaendig aufgerieben.

Die in der Schlacht gemachten Gefangenen, 3000 bis 4000 an der Zahl,

darunter die Generale Damasippus, Carrinas und den schwer verwundeten

Pontius, liess Sulla am dritten Tage nach der Schlacht in das

staedtische Meierhaus auf dem Marsfeld fuehren und daselbst bis auf den

letzten Mann niederhauen, so dass man in dem nahen Tempel der Bellona,

wo Sulla eben eine Senatssitzung abhielt, deutlich das Klirren der

Waffen und das Stoehnen der Sterbenden vernahm. Es war eine graessliche

Exekution und sie soll nicht entschuldigt werden; aber es ist nicht

gerecht zu verschweigen, dass diese selben Menschen, die dort starben,

wie eine Raeuberbande ueber die Hauptstadt und die Buergerschaft

hergefallen waren und sie, wenn sie Zeit gefunden haetten, so weit

vernichtet haben wuerden, als Feuer und Schwert eine Stadt und

eine Buergerschaft zu vernichten vermoegen.

--------------------------------------------------- 6 Es wird gemeldet,

dass Sulla in dem Engpass stand, durch den Praeneste allein zugaenglich

war (App. I, 90); und die weiteren Ereignisse zeigen, dass sowohl ihm

als dem Entsatzheer die Strasse nach Rom offenstand. Ohne Zweifel stand

Sulla auf der Querstrasse, die von der Latinischen, auf der sie Samniten

herankamen, bei Valmontono nach Palestrina abbiegt; in diesem Fall

kommunizierte Sulla auf der praenestinischen, die Feinde auf

der Launischen oder labicanischen mit der Hauptstadt.

------------------------------------------------- Damit war der Krieg in

der Hauptsache zu Ende. Die Besatzung von Praeneste ergab sich, als

die aus den ueber die Mauer geworfenen Koepfen des Carrinas und anderer

Offiziere den Ausgang der Schlacht von Rom erfuhr. Die Fuehrer, der

Konsul Gaius Marius und der Sohn des Pontius, stuerzten, nachdem ein

Versuch zu entkommen ihnen vereitelt war, sich einer in des andern

Schwert. Die Menge gab der Hoffnung sich hin und ward durch Cethegus

darin bestaerkt, dass der Sieger fuer sie auch jetzt noch Gnade walten

lassen werde. Aber deren Zeiten waren vorbei. Je unbedingter Sulla bis

zum letzten Augenblick den Uebertretenden volle Verzeihung gewaehrt

hatte, desto unerbittlicher erwies er sich gegen die Fuehrer und

Gemeinden, die ausgehalten hatten bis zuletzt. Von den praenestinischen

Gefangenen, 12000 an der Zahl, wurden zwar ausser den Kindern und

Frauen die meisten Roemer und einzelne Praenestiner entlassen, aber die

roemischen Senatoren, fast alle Praenestiner und saemtliche Samniten

wurden entwaffnet und zusammengehauen, die reiche Stadt gepluendert.

Es ist begreiflich, dass nach solchem Vorgang die noch nicht

uebergegangenen Neubuergerstaedte den Widerstand in hartnaeckigster

Weise fortsetzten. So toeteten in der latinischen Stadt Norba, als

Aemilius Lepidus durch Verrat daselbst eindrang, die Buerger sich

untereinander und zuendeten selbst ihre Stadt an, um nur ihren Henkern

die Rache und die Beute zu entziehen. In Unteritalien war bereits

frueher Neapolis erstuermt und, wie es scheint, Capua freiwillig

aufgegeben worden; Nola aber wurde erst im Jahr 674 (80) von den

Samniten geraeumt. Auf der Flucht von hier fiel der letzte noch

uebrige namhafte Fuehrer der Italiker, der Insurgentenkonsul des

hoffnungsreichen Jahres 664 (90), Gaius Papius Mutilus, abgewiesen von

seiner Gattin, zu der er verkleidet sich durchgeschlichen und bei der

er einen Zufluchtsort zu finden gedacht hatte, vor der Tuer des eigenen

Hauses in Teanum in sein Schwert. Was die Samniten anlangt, so erklaerte

der Diktator, dass Rom nicht Ruhe haben werde, solange Samnium bestehe,

und dass darum der samnitische Name von der Erde vertilgt werden muesse;

und wie er diese Worte an den vor Rom und in Praeneste Gefangenen

in schrecklicher Weise wahr machte, so scheint er auch noch einen

Verheerungszug durch die Landschaft unternommen, Aesernia 7 eingenommen

(674? 80) und die bis dahin bluehende und bevoelkerte Landschaft in die

Einoede umgewandelt zu haben, die sie seitdem geblieben ist. Ebenso ward

in Umbrien Tuder durch Marcus Crassus erstuermt. Laenger wehrten sich in

Etrurien Populonium und vor allem das unbezwingliche Volaterrae, das aus

den Resten der geschlagenen Partei ein Heer von vier Legionen um sich

sammelte und eine zweijaehrige, zuerst von Sulla persoenlich, sodann

von dem gewesenen Praetor Gaius Carbo, dem Bruder des demokratischen

Konsuls, geleitete Belagerung aushielt, bis endlich im dritten Jahre

nach der Schlacht am Collinischen Tor (675 79) die Besatzung gegen

freien Abzug kapitulierte. Aber in dieser entsetzlichen Zeit galt weder

Kriegsrecht noch Kriegszucht; die Soldaten schrien ueber Verrat und

steinigten ihren allzu nachgiebigen Feldherrn; eine von der roemischen

Regierung geschickte Reiterschar hieb die gemaess der Kapitulation

abziehende Besatzung nieder. Das siegreiche Heer wurde durch Italien

verteilt und alle unsicheren Ortschaften mit starken Besatzungen belegt;

unter der eisernen Hand der Sullanischen Offiziere verendeten langsam

die letzten Zuckungen der revolutionaeren und nationalen Opposition.

----------------------------------------------------- 7 Ein anderer Name

kann wohl kaum in der Korruptel Liv. 89 miam in Samnio sich

verbergen; vgl. Strab. 5, 3, 10.

------------------------------------------------------ Noch gab es

in den Provinzen zu tun. Zwar Sardinien war dem Statthalter der

revolutionaeren Regierung Quintus Antonius rasch durch Lucius Philippus

entrissen worden (672 82) und auch das Transalpinische Gallien leistete

geringen oder gar keinen Widerstand; aber in Sizilien, Spanien, Africa

schien die Sache der in Italien geschlagenen Partei noch keineswegs

verloren. Sizilien regierte fuer sie der zuverlaessige Statthalter

Marcus Perpenna. Quintus Sertorius hatte im Diesseitigen Spanien die

Provinzialen an sich zu fesseln und aus den in Spanien ansaessigen

Roemern eine nicht unansehnliche Armee sich zu bilden gewusst, welche

zunaechst die Pyrenaeenpaesse sperrte; er hatte auch hier wieder

bewiesen, dass, wo immer man ihn hinstellte, er an seinem Platze und

unter all den revolutionaeren Inkapazitaeten er der einzige praktisch

brauchbare Mann war. In Africa war der Statthalter Hadrianus zwar, da

er das Revolutionieren allzu gruendlich betrieb und den Sklaven die

Freiheit zu schenken anfing, bei einem durch die roemischen Kaufleute

von Utica angezettelten Auflauf in seiner Amtswohnung ueberfallen und

mit seinem Gesinde verbrannt worden (672 82); indes hielt die Provinz

nichtsdestoweniger zu der revolutionaeren Regierung, und Cinnas

Schwiegersohn, der junge faehige Gnaeus Domitius Ahenobarbus, uebernahm

daselbst den Oberbefehl. Es war sogar von dort aus die Propaganda in die

Klientelstaaten Numidien und Mauretanien getragen worden. Deren legitime

Regenten Hiempsal II., des Gauda, und Bogud, des Bocchus Sohn, hielten

zwar mit Sulla; aber mit Hilfe der Cinnaner war jener durch den

demokratischen Praetendenten Hiarbas vom Thron gestossen worden, und

aehnliche Fehden bewegten das Mauretanische Reich. Der aus Italien

gefluechtete Konsul Carbo verweilte auf der Insel Kossyra (Pantellaria)

zwischen Afrika und Sizilien, unschluessig, wie es scheint, ob er nach

Aegypten sich fluechten oder in einer der treuen Provinzen versuchen

sollte, den Kampf zu erneuern. Sulla sandte nach Spanien den Gaius

Annius und den Gaius Valerius Flaccus, als Statthalter jenen der

jenseitigen, diesen der Ebroprovinz. Das schwierige Geschaeft, die

Pyrenaeenpaesse mit Gewalt sich zu eroeffnen, ward ihnen dadurch

erspart, dass der von Sertorius dort hingestellte General durch einen

seiner Offiziere ermordet ward und darauf die Truppen desselben sich

verliefen. Sertorius, viel zu schwach, um sich im gleichen Kampfe zu

behaupten, raffte eilig die naechststehenden Abteilungen zusammen

und schiffte in Neukarthago sich ein - wohin, wusste er selbst nicht,

vielleicht an die afrikanische Kueste oder nach den Kanarischen Inseln,

nur irgendwohin, wohin Sullas Arm nicht reiche. Spanien unterwarf

hierauf sich willig den Sullanischen Beamten (um 673 81), und Flaccus

focht gluecklich mit den Kelten, durch deren Gebiet er marschierte,

und mit den spanischen Keltiberern (674 80). Nach Sizilien ward Gnaeus

Pompeius als Propraetor gesandt und die Insel, als Pompeius mit 120

Segeln und sechs Legionen sich an der Kueste zeigte, von Perpenna ohne

Gegenwehr geraeumt. Pompeius schickte von dort ein Geschwader nach

Kossyra, das die daselbst verweilenden Marianischen Offiziere aufhob;

Marcus Brutus und die uebrigen wurden sofort hingerichtet, den Konsul

Carbo aber hatte Pompeius befohlen, vor ihn selbst nach Lilybaeon zu

fuehren, um ihn hier, uneingedenk des in gefaehrlicher Zeit ihm von

ebendiesem Manne zuteil gewordenen Schutzes, persoenlich dem Henker

zu ueberliefern (672 82). Von hier weiter beordert nach Afrika,

schlug Pompeius die von Ahenobarbus und Hiarbas gesammelten, nicht

unbedeutenden Streitkraefte mit seinem allerdings weit zahlreicheren

Heer aus dem Felde und gab, die Begruessung als Imperator vorlaeufig

ablehnend, sogleich das Zeichen zum Sturm auf das feindliche Lager.

So ward er an einem Tage der Feinde Herr; Ahenobarbus war unter den

Gefallenen; mit Hilfe des Koenigs Bogud ward Hiarbas in Bulla ergriffen

und getoetet und Hiempsal in sein angestammtes Reich wiedereingesetzt;

eine grosse Razzia gegen die Bewohner der Wueste, von denen eine

Anzahl gaetulischer, von Marius als frei anerkannter Staemme Hiempsal

untergeben wurden, stellte auch hier die gesunkene Achtung des

roemischen Namens wieder her; in vierzig Tagen nach Pompeius' Landung

in Afrika war alles zu Ende (674? 80). Der Senat wies ihn an, sein Heer

aufzuloesen, worin die Andeutung lag, dass er nicht zum Triumph

gelassen werden solle, auf welchen er als ausserordentlicher Beamter

dem Herkommen nach keinen Anspruch machen durfte. Der Feldherr grollte

heimlich, die Soldaten laut; es schien einen Augenblick, als werde die

afrikanische Armee gegen den Senat revoltieren und Sulla gegen seinen

Tochtermann zu Felde ziehen. Indes Sulla gab nach und liess den jungen

Mann sich beruehmen, der einzige Roemer zu sein, der eher Triumphator

(12. Maerz 675 79) als Senator geworden war; ja bei der Heimkehr von

diesen bequemen Grosstaten begruesste der "Glueckliche", vielleicht

nicht ohne einige Ironie, den Juengling als den "Grossen". Auch im Osten

hatten nach Sullas Einschiffung im Fruehling 671 (83) die Waffen nicht

geruht. Die Restauration der alten Verhaeltnisse und die Unterwerfung

einzelner Staedte kostete, wie in Italien so auch in Asien, noch manchen

blutigen Kampf; namentlich gegen die freie Stadt Mytilene musste Lucius

Lucullus, nachdem er alle milderen Mittel erschoepft hatte, endlich

Truppen fuehren, und selbst ein Sieg im freien Felde machte dem

eigensinnigen Widerstand der Buergerschaft kein Ende. Mittlerweile

war der roemische Statthalter von Asien, Lucius Murena, mit dem Koenig

Mithradates in neue Verwicklungen geraten. Dieser hatte sich nach

dem Frieden beschaeftigt, seine auch in den noerdlichen Provinzen

erschuetterte Herrschaft wieder zu befestigen; er hatte die Kolchier

beruhigt, indem er seinen tuechtigen Sohn Mithradates ihnen zum

Statthalter setzte, dann diesen selbst aus dem Wege geraeumt, und

ruestete nun zu einem Zug in sein Bosporanisches Reich. Auf die

Versicherungen des Archelaos hin, der inzwischen bei Murena eine

Freistatt hatte suchen muessen, dass diese Ruestungen gegen Rom

gerichtet seien, setzte sich Murena unter dem Vorgeben, dass Mithradates

noch kappadokische Grenzdistrikte in Besitz habe, mit seinen Truppen

nach dem kappadokischen Komana in Bewegung, verletzte also die pontische

Grenze (671 83). Mithradates begnuegte sich, bei Murena und, da dies

vergeblich war, bei der roemischen Regierung Beschwerde zu fuehren. In

der Tat erschienen Beauftragte Sullas den Statthalter abzumahnen; allein

er fuegte sich nicht, sondern ueberschritt den Halys und betrat das

unbestritten pontische Gebiet, worauf Mithradates beschloss, Gewalt mit

Gewalt zu vertreiben. Sein Feldherr Gordios musste das roemische Heer

festhalten, bis der Koenig mit weit ueberlegenen Streitkraeften herankam

und die Schlacht erzwang; Murena ward besiegt und mit grossem Verlust

bis ueber die roemische Grenze nach Phrygien zurueckgeworfen, die

roemischen Besatzungen aus ganz Kappadokien vertrieben. Murena hatte

zwar die Stirn, wegen dieser Vorgaenge sich Sieger zu nennen und den

Imperatorentitel anzunehmen (672 82); indes die derbe Lektion und

eine zweite Mahnung Sullas bewogen ihn doch endlich, die Sache nicht

weiterzutreiben; der Friede zwischen Rom und Mithradates ward erneuert

(673 81). Ueber diese toerichte Fehde war die Bezwingung der Mytilenaeer

verzoegert worden; erst Murenas Nachfolger gelang es nach langer

Belagerung zu Lande und zur See, wobei die bithynische Flotte gute

Dienste tat, die Stadt mit Sturm einzunehmen (675 79). Die zehnjaehrige

Revolution und Insurrektion war im Westen und im Osten zu Ende; der

Staat hatte wieder eine einheitliche Regierung und Frieden nach aussen

und innen. Nach den fuerchterlichen Konvulsionen der letzten Jahre war

schon diese Rast eine Erleichterung; ob sie mehr gewaehren sollte,

ob der bedeutende Mann, dem das schwere Werk der Bewaeltigung des

Landesfeindes, das schwerere der Baendigung der Revolution gelungen

war, auch dem schwersten von allen, der Wiederherstellung der in ihren

Grundfesten schwankenden sozialen und politischen Ordnung zu genuegen

vermochte, musste demnaechst sich entscheiden. 10. Kapitel Die

Sullanische Verfassung Um die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen

Roemern und Roemern geschlagen ward, in der Nacht des 6. Juli 671

(83), war der ehrwuerdige Tempel, den die Koenige errichtet, die junge

Freiheit geweiht, die Stuerme eines halben Jahrtausends verschont

hatten, der Tempel des Roemischen Jupiter, auf dem Kapitol in Flammen

aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des Zustandes

der roemischen Verfassung. Auch diese lag in Truemmern und bedurfte

eines neuen Aufbaus. Die Revolution war zwar besiegt, aber es fehlte

doch viel, dass damit von selber das alte Regiment wieder sich

hergestellt haette. Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, dass

jetzt nach dem Tode der beiden revolutionaeren Konsuln es genuegen

werde, die gewoehnliche Ergaenzungswahl zu veranstalten und es dem

Senat zu ueberlassen, was ihm zur Belohnung der siegreichen Armee, zur

Bestrafung der schuldigsten Revolutionaere, etwa auch zur Verhuetung

aehnlicher Ausbrueche weiter erforderlich erscheinen werde. Allein

Sulla, in dessen Haenden der Sieg fuer den Augenblick alle Macht

vereinigt hatte, urteilte richtiger ueber die Verhaeltnisse und die

Personen. Die Aristokratie Roms war in ihrer besten Epoche nicht

hinausgekommen ueber ein halb grossartiges, halb borniertes

Festhalten an den ueberlieferten Formen; wie sollte das schwerfaellige

kollegialische Regiment dieser Zeit dazu kommen, eine umfassende

Staatsreform energisch und konsequent durchzufuehren? Und eben jetzt,

nachdem die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weggerafft hatte,

war in demselben die zu einem solchen Beginnen erforderliche Kraft und

Intelligenz weniger als je zu finden. Wie unbrauchbar durchgaengig

das aristokratische Vollblut und wie wenig Sulla ueber dessen

Nichtsnutzigkeit im unklaren war, beweist die Tatsache, dass mit

Ausnahme des ihm verschwaegerten Quintus Metellus er sich seine

Werkzeuge saemtlich auslas aus der ehemaligen Mittelpartei und den

Ueberlaeufern aus dem demokratischen Lager - so Lucius Flaccus,

Lucius Philippus, Quintus Ofella, Gnaeus Pompeius. Sulla war die

Wiederherstellung der alten Verfassung so sehr Ernst wie nur dem

leidenschaftlichsten aristokratischen Emigranten; aber er begriff,

wohl auch nicht in dem ganzen und vollen Umfang - wie haette er sonst

ueberhaupt Hand ans Werk zu legen vermocht? -, aber doch besser

als seine Partei, welchen ungeheuren Schwierigkeiten dieses

Restaurationswerk unterlag. Als unumgaenglich betrachtete er teils

umfassende Konzessionen, soweit Nachgiebigkeit moeglich war, ohne das

Wesen der Oligarchie anzutasten, teils die Herstellung eines energischen

Repressiv- und Praeventivsystems; und er sah es deutlich, dass der

Senat, wie er war, jede Konzession verweigern oder verstuemmeln, jeden

systematischen Neubau parlamentarisch ruinieren werde. Hatte Sulla schon

nach der Sulpicischen Revolution, ohne viel zu fragen, in der einen und

der andern Richtung durchgesetzt, was er fuer noetig erachtete, so war

er auch jetzt unter weit schaerferen und gespannteren Verhaeltnissen

entschlossen, die Oligarchie nicht mit, sondern trotz der Oligarchen

auf eigene Hand zu restaurieren. Sulla aber war nicht wie damals Konsul,

sondern bloss mit prokonsularischer, das heisst rein militaerischer

Gewalt ausgestattet; er bedurfte einer moeglichst nahe an den

verfassungsmaessigen Formen sich haltenden, aber doch ausserordentlichen

Gewalt, um Freunden und Feinden seine Reform zu oktroyieren. In

einem Schreiben an den Senat eroeffnete er demselben, dass es ihm

unumgaenglich scheine, die Ordnung des Staates in die Haende eines

einzigen, mit unumschraenkter Machtvollkommenheit ausgeruesteten Mannes

zu legen, und dass er sich fuer geeignet halte, diese schwierige Aufgabe

zu erfuellen. Dieser Vorschlag, so unbequem er vielen kam, war unter

den obwaltenden Umstaenden ein Befehl. Im Auftrag des Senats brachte der

Vormann desselben, der Zwischenkoenig Lucius Valerius Flaccus der Vater,

als interimistischer Inhaber der hoechsten Gewalt bei der Buergerschaft

den Antrag ein, dass dem Prokonsul Lucius Cornelius Sulla fuer die

Vergangenheit die nachtraegliche Billigung aller von ihm als Konsul und

Prokonsul vollzogenen Amtshandlungen, fuer die Zukunft aber das Recht

erteilt werden moege, ueber Leben und Eigentum der Buerger in erster und

letzter Instanz zu erkennen, mit den Staatsdomaenen nach Gutduenken

zu schalten, die Grenzen Roms, Italiens, des Staats nach Ermessen zu

verschieben, in Italien Stadtgemeinden aufzuloesen oder zu gruenden,

ueber die Provinzen und die abhaengigen Staaten zu verfuegen, das

hoechste Imperium anstatt des Volkes zu vergeben und Prokonsuln und

Propraetoren zu ernennen, endlich durch neue Gesetze fuer die Zukunft

den Staat zu ordnen; dass es in sein eigenes Ermessen gestellt werden

solle, wann er seine Aufgabe geloest und es an der Zeit erachte, dies

ausserordentliche Amt niederzulegen; dass endlich waehrend desselben

es von seinem Gutfinden abhaengen solle, die ordentliche hoechste

Magistratur daneben eintreten oder auch ruhen zu lassen. Es versteht

sich, dass die Annahme ohne Widerspruch stattfand (November 672 82), und

nun erst erschien der neue Herr des Staates, der bisher als Prokonsul

die Hauptstadt zu betreten vermieden hatte, innerhalb der Mauern von

Rom. Den Namen entlehnte dies neue Amt von der seit dem Hannibalischen

Kriege tatsaechlich abgeschafften Diktatur; aber sie ausser seinem

bewaffneten Gefolge ihm doppelt so viele Liktoren vorausschritten

als dem Diktator der aelteren Zeit, so war auch in der Tat diese neue

"Diktatur zur Abfassung von Gesetzen und zur Ordnung des Gemeinwesens",

wie die offizielle Titulatur lautet, ein ganz anderes als jenes

ehemalige, der Zeit und der Kompetenz nach beschraenkte, die Provokation

an die Buergerschaft nicht ausschliessende und die ordentliche

Magistratur nicht annullierende Amt. Es glich dasselbe vielmehr dem

der "Zehnmaenner zur Abfassung von Gesetzen", die gleichfalls als

ausserordentliche Regierung mit unbeschraenkter Machtvollkommenheit

unter Beseitigung der ordentlichen Magistratur aufgetreten waren und

tatsaechlich wenigstens ihr Amt als ein der Zeit nach unbegrenztes

verwaltet hatten. Oder vielmehr dies neue Amt mit seiner auf einem

Volksbeschluss ruhenden, durch keine Befristung und Kollegialitaet

eingeengten absoluten Gewalt war nichts anderes als das alte Koenigtum,

das ja eben auch beruhte auf der freien Verpflichtung der Buergerschaft,

einem aus ihrer Mitte als absolutem Herrn zu gehorchen. Selbst von

Zeitgenossen wird zur Rechtfertigung Sullas es geltend gemacht, dass ein

Koenig besser sei als eine schlechte Verfassung ^1, und vermutlich

ward auch der Diktatortitel nur gewaehlt um anzudeuten, dass, wie

die ehemalige Diktatur eine vielfach beschraenkte, so diese neue eine

vollstaendige Wiederaufnahme der koeniglichen Gewalt in sich enthalte.

So fiel denn seltsamerweise Sullas Weg auch hier zusammen mit dem, den

in so ganz anderer Absicht Gaius Gracchus eingeschlagen hatte. Auch hier

musste die konservative Partei von ihren Gegnern borgen, der Schirmherr

der oligarchischen Verfassung selbst auftreten als Tyrann, um die ewig

andringende Tyrannis abzuwehren. Es war gar viel Niederlage in diesem

letzten Siege der Oligarchie. ----------------------------------------

^1 Satius est uti regibus quam uti malis legibus (Rhet. Her. 2, 22).

---------------------------------------- Sulla hatte die schwierige

und grauenvolle Arbeit des Restaurationswerkes nicht gesucht und nicht

gewuenscht; da ihm aber keine andere Wahl blieb, als sie gaenzlich

unfaehigen Haenden zu ueberlassen oder sie selber zu uebernehmen, griff

er sie an mit ruecksichtsloser Energie. Vor allen Dingen musste eine

Feststellung hinsichtlich der Schuldigen getroffen werden. Sulla war

an sich zum Verzeihen geneigt. Sanguinischen Temperaments wie er war,

konnte er wohl zornig aufbrausen, und der mochte sich hueten, der sein

Auge flammen und seine Wangen sich faerben sah; aber die chronische

Rachsucht, wie sie Marius in seiner greisenhaften Verbitterung eigen

war, war seinem leichten Naturell durchaus fremd. Nicht bloss nach der

Revolution von 666 (88) war er mit verhaeltnismaessig grosser Milde

aufgetreten; auch die zweite, die so furchtbare Greuel veruebt und ihn

persoenlich so empfindlich getroffen hatte, hatte ihn nicht aus dem

Gleichgewicht gebracht. In derselben Zeit, so der Henker die Koerper

seiner Freunde durch die Strassen der Hauptstadt schleifte, hatte er

dem blutbefleckten Fimbria das Leben zu retten gesucht und, da dieser

freiwillig den Tod nahm, Befehl gegeben, seine Leiche anstaendig zu

bestatten. Bei der Landung in Italien hatte er ernstlich sich erboten,

zu vergeben und zu vergessen, und keiner, der seinen Frieden zu machen

kam, war zurueckgewiesen worden. Noch nach den ersten Erfolgen hatte er

in diesem Sinne mit Lucius Scipio verhandelt; die Revolutionspartei war

es gewesen, die diese Verhandlungen nicht bloss abgebrochen, sondern

nach denselben, im letzten Augenblicke vor ihrem Sturz, die Mordtaten

abermals und grauenvoller als je wieder aufgenommen, ja zur Vernichtung

der Stadt Rom sich mit dem uralten Landesfeind verschworen hatte. Nun

war es genug. Kraft seiner neuen Amtsgewalt erklaerte Sulla unmittelbar

nach Uebernahme der Regentschaft als Feinde des Vaterlands vogelfrei

saemtliche Zivil- und Militaerbeamte, welche nach dem, Sullas Behauptung

zufolge rechtsbestaendig abgeschlossenen, Vertrag mit Scipio noch fuer

die Revolution taetig gewesen waeren, und von den uebrigen Buergern

diejenigen, die in auffallender Weise derselben Vorschub getan haetten.

Wer einen dieser Vogelfreien toetete, war nicht bloss straffrei wie der

Henker, der ordnungsmaessig eine Exekution vollzieht, sondern erhielt

auch fuer die Hinrichtung eine Verguetung von 12000 Denaren (3600

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 37 / 52 段