gerettet hatte, kam Quintus Metellus und uebernahm wieder, als Kollege

Sullas, das im Jahr 667 (87) ihm uebertragene und von der Revolution ihm

aberkannte prokonsularische Kommando; ebenso erschien von Afrika her mit

einer kleinen Schar Bewaffneter Marcus Crassus. Die meisten Optimaten

freilich kamen als vornehme Emigranten mit grossen Anspruechen und

geringer Kampflust, so dass sie von Sulla selbst bittere Worte zu hoeren

bekamen ueber die adligen Herren, die zum Heil des Staates sich wollten

retten lassen und nicht einmal dazu zu bringen seien, ihre Sklaven

zu bewaffnen. Wichtiger war es, dass schon Ueberlaeufer aus dem

demokratischen Lager sich einstellten - so der feine und angesehene

Lucius Philippus, nebst ein paar notorisch unfaehigen Leuten der einzige

Konsular, der mit der revolutionaeren Regierung sich eingelassen und

unter ihr Aemter angenommen hatte; er fand bei Sulla die zuvorkommendste

Aufnahme und erhielt den ehrenvollen und bequemen Auftrag, die Provinz

Sardinien fuer ihn zu besetzen. Ebenso wurden Quintus Lucretius Ofelia

und andere brauchbare Offiziere empfangen und sofort beschaeftigt;

selbst Publius Cethegus, einer der nach der Sulpicischen Erneute von

Sulla geaechteten Senatoren, erhielt Verzeihung und eine Stellung

im Heer. Wichtiger noch als die einzelnen Uebertritte war der der

Landschaft Picenum, der wesentlich dem Sohne des Strabo, dem jungen

Gnaeus Pompeius, verdankt ward. Dieser, gleich seinem Vater von Haus

aus kein Anhaenger der Oligarchie, hatte die revolutionaere Regierung

anerkannt und sogar in Cinnas Heer Dienste genommen; allein es ward

ihm nicht vergessen, dass sein Vater die Waffen gegen die Revolution

getragen hatte; er sah sich vielfach angefeindet, ja sogar durch Anklage

auf Herausgabe der nach der Einnahme von Asculum von seinem Vater

wirklich oder angeblich unterschlagenen Beute mit dem Verlust seines

sehr betraechtlichen Vermoegens bedroht. Zwar wendete mehr als die

Beredsamkeit des Konsulars Lucius Philippus und des jungen Quintus

Hortensius der Schutz des ihm persoenlich gewogenen Konsuls Carbo den

oekonomischen Ruin von ihm ab; aber die Verstimmung blieb. Auf die

Nachricht von Sullas Landung ging er nach Picenum, wo er ausgedehnte

Besitzungen und von seinem Vater und dem Bundesgenossenkriege her die

besten munizipalen Verbindungen hatte und pflanzte in Auximum (Osimo)

die Fahne der optimatischen Partei auf. Die meistens von Altbuergern

bewohnte Landschaft fiel ihm zu; die junge Mannschaft, welche

grossenteils mit ihm unter seinem Vater gedient hatte, stellte

sich bereitwillig unter den beherzten Fuehrer, der, noch nicht

dreiundzwanzigjaehrig, ebensosehr Soldat wie General war, im

Reitergefecht den Seinen voraussprengte und tuechtig mit in den Feind

einhieb. Das picenische Freiwilligenkorps wuchs bald auf drei Legionen;

den aus der Hauptstadt zur Daempfung der picenischen Insurrektion

ausgesandten Abteilungen unter Cloelius, Gaius Carrinas, Lucius Iunius

Brutus Damasippus 5 wusste der improvisierte Feldherr, die unter

denselben entstandenen Zwistigkeiten geschickt benutzend, sich zu

entziehen oder sie einzeln zu schlagen und mit dem Hauptheer Sullas, wie

es scheint in Apulien, die Verbindung herzustellen. Sulla begruesste ihn

als Imperator, das heisst als einen im eigenen Namen kommandierenden

und nicht unter, sondern nehmen ihm stehenden Offizier und zeichnete den

Juengling durch Ehrenbezeigungen aus, wie er sie keinem seiner

vornehmen Klienten erwies - vermutlich nicht ohne die Nebenabsicht,

der charakterlosen Schwaeche seiner eigenen Parteigenossen damit

eine indirekte Zuechtigung zukommen zu lassen.

--------------------------------------------- 5 Nur an diesen kann hier

gedacht werden, da Marcus Brutus, der Vater des sogenannten Befreiers,

im Jahr 671 (83) Volkstribun war, also nicht im Felde kommandieren

konnte. --------------------------------------------- Also moralisch

und materiell ansehnlich verstaerkt gelangten Sulla und Metellus nach

Apulien durch die immer noch insurgierten samnitischen Gegenden nach

Kampanien. Hierhin wandte sich auch die feindliche Hauptmacht, und es

schien die Entscheidung hier fallen zu muessen. Das Heer des Konsuls

Gaius Norbanus stand bereits bei Capua, wo eben die neue Kolonie mit

allem demokratischen Pomp sich konstituierte; die zweite Konsulararmee

rueckte ebenfalls auf der Appischen Strasse heran. Aber bevor sie

eintraf, stand Sulla schon dem Norbanus gegenueber. Ein letzter

Vermittlungsversuch, den Sulla machte, fuehrte nur dazu, dass man

an seinen Boten sich vergriff. In frischer Erbitterung warfen seine

kampfgewohnten Scharen sich auf den Feind; ihr gewaltiger Stoss vom

Berge Tifata herab zersprengte den in der Ebene aufgestellten Feind im

ersten Anlauf; mit dem Rest seiner Mannschaft warf sich Norbanus in die

revolutionaere Kolonie Capua und die Neubuergerstadt Neapolis und liess

dort sich blockieren. Sullas Truppen, bisher nicht ohne Besorgnis ihre

schwache Zahl mit den feindlichen Massen vergleichend, hatten durch

diesen Sieg das Vollgefuehl militaerischer Ueberlegenheit gewonnen;

statt mit der Belagerung der Truemmer der geschlagenen Armee sich

aufzuhalten, liess Sulla die Staedte umstellen, wo sie sich befanden,

und rueckte auf der Appischen Strasse vor gegen Teanum, wo Scipio stand.

Auch ihm bot er, ehe der Kampf begann, noch einmal die Hand zum Frieden;

es scheint in gutem Ernste. Scipio, schwach wie er war, ging darauf ein;

ein Waffenstillstand ward geschlossen; zwischen Cales und Teanum kamen

die beiden Feldherren, beide Glieder des gleichen Adelsgeschlechts,

beide gebildet und feingesittet und langjaehrige Kollegen im Senat,

persoenlich zusammen; man liess sich auf die einzelnen Fragen ein; schon

war man so weit, dass Scipio einen Boten nach Capua absandte, um

die Meinung seines Kollegen einzuholen. Inzwischen mischten sich die

Soldaten beider Lager; die Sullaner, von ihrem Feldherrn reichlich mit

Geld versehen, machten es den nicht allzu kriegslustigen Rekruten beim

Becher leicht begreiflich, dass es besser sei, sie zu Kameraden als

zu Feinden zu haben; vergeblich warnte Sertorius den Feldherrn, diesem

gefaehrlichen Verkehr ein Ende zu machen. Die Verstaendigung, die

so nahe geschienen, trat doch nicht ein; Scipio war es, welcher den

Waffenstillstand kuendigte. Aber Sulla behauptete, dass es zu spaet und

der Vertrag bereits abgeschlossen gewesen sei; und unter dem Vorwand,

dass ihr Feldherr den Waffenstillstand widerrechtlich aufgesagt, gingen

Scipios Soldaten in Masse ueber in die feindlichen Reihen. Die Szene

schloss mit einer allgemeinen Umarmung, der die kommandierenden

Offiziere der Revolutionsarmee zuzusehen hatten. Sulla liess den Konsul

auffordern, sein Amt niederzulegen, was er tat, und ihn nebst seinem

Stab durch seine Reiter dahin eskortieren, wohin sie begehrten; allein

kaum in Freiheit gesetzt, legte Scipio die Abzeichen seiner Wuerde

wieder an und begann aufs neue, Truppen zusammenzuziehen, ohne indes

weiter etwas von Belang auszurichten. Sulla und Metellus nahmen

Winterquartiere in Kampanien und hielten, nachdem ein zweiter Versuch,

mit Norbanus sich zu verstaendigen, gescheitert war, Capua den Winter

ueber blockiert. Die Ergebnisse des ersten Feldzugs waren fuer Sulla

die Unterwerfung von Apulien, Picenum und Kampanien, die Aufloesung der

einen, die Besiegung und Blockierung der anderen konsularischen Armee.

Schon traten die italischen Gemeinden, genoetigt, zwischen ihren

zwiefachen Draengern jede fuer sich Partei zu ergreifen, zahlreich mit

ihm in Unterhandlung und liessen sich die von der Gegenpartei erworbenen

politischen Rechte durch foermliche Separatvertraege von dem Feldherrn

der Oligarchie garantieren; Sulla hegte die bestimmte Erwartung und trug

sie absichtlich zur Schau, die revolutionaere Regierung in dem naechsten

Feldzug niederzuwerfen und wieder in Rom einzuziehen. Aber auch der

Revolution schien die Verzweiflung neue Kraefte zu geben. Das Konsulat

uebernahmen zwei ihrer entschiedensten Fuehrer, Carbo zum dritten Male

und Gaius Marius der Sohn; dass der letztere eben zwanzigjaehrige Mann

gesetzmaessig das Konsulat nicht bekleiden konnte, achtete man so wenig

wie jeden anderen Punkt der Verfassung. Quintus Sertorius, der in dieser

und in anderen Angelegenheiten eine unbequeme Kritik machte, wurde

angewiesen, um neue Werbungen vorzunehmen, nach Etrurien und von da in

seine Provinz, das Diesseitige Spanien, abzugehen. Die Kasse zu

fuellen, musste der Senat die Einschmelzung des goldenen und silbernen

Tempelgeraets der Hauptstadt verfuegen; wie bedeutend der Ertrag war,

erhellt daraus, dass nach mehrmonatlicher Kriegfuehrung davon noch ueber

4 Millionen Taler (14000 Pfund Gold und 6000 Pfund Silber) vorraetig

waren. In dem betraechtlichen Teile Italiens, der gezwungen oder

freiwillig noch zu der Revolution hielt, wurden die Ruestungen lebhaft

betrieben. Aus Etrurien, wo die Neubuergergemeinden sehr zahlreich

waren, und dem Pogebiet kamen ansehnliche neu gebildete Abteilungen. Auf

den Ruf des Sohnes stellten die Marianischen Veteranen in grosser Anzahl

sich bei den Fahnen ein. Aber nirgends ward zum Kampf gegen Sulla so

leidenschaftlich geruestet wie in dem insurgierten Samnium und einzelnen

Strichen von Lucanien. Es war nichts weniger als Ergebenheit gegen

die revolutionaere roemische Regierung, dass zahlreicher Zuzug aus

den oskischen Gegenden ihre Heere verstaerkte; wohl aber begriff man

daselbst, dass eine von Sulla restaurierte Oligarchie sich die jetzt

faktisch bestehende Selbstaendigkeit dieser Landschaften nicht so

gefallen lassen werde wie die schlaffe Cinnanische Regierung; und darum

erwachte in dem Kampf gegen Sulla noch einmal die uralte Rivalitaet der

Sabeller gegen die Latiner. Fuer Samnium und Latium war dieser Krieg

so gut ein Nationalkampf wie die Kriege des fuenften Jahrhunderts; man

stritt nicht um ein Mehr oder Minder von politischen Rechten, sondern um

den lange verhaltenen Hass durch Vernichtung des Gegners zu saettigen.

Es war darum kein Wunder, wenn dieser Teil des Krieges einen ganz

anderen Charakter trug als die uebrigen Kaempfe, wenn hier keine

Verstaendigung versucht, kein Quartier gegeben oder genommen, die

Verfolgung bis aufs aeusserste fortgesetzt ward. So trat man den Feldzug

des Jahres 672 (82) beiderseits mit verstaerkten Streitkraeften und

gesteigerter Leidenschaft an. Vor allem die Revolution warf die Scheide

weg; auf Carbos Antrag aechteten die roemischen Komitien alle in Sullas

Lager befindlichen Senatoren. Sulla schwieg; er mochte denken, dass man

im voraus sich selber das Urteil spreche. Die Armee der Optimaten teilte

sich. Der Prokonsul Metellus uebernahm es, gestuetzt auf die picenische

Insurrektion, nach Oberitalien vorzudringen, waehrend Sulla von

Kampanien aus geradeswegs gegen die Hauptstadt marschierte. Jenem warf

Carbo sich entgegen; der feindlichen Hauptarmee wollte Marius in Latium

begegnen. Auf der Launischen Strasse heranrueckend, traf Sulla unweit

Signia auf den Feind, der vor ihm zurueckwich bis nach dem sogenannten

"Hafen des Sacer" zwischen Signia und dem Hauptwaffenplatz der Marianen

dem festen Praeneste. Hier stellte Marius sich zur Schlacht. Sein Heer

war etwa 40000 Mann stark und er an wildem Grimme und persoenlicher

Tapferkeit seines Vaters rechter Sohn; aber es waren nicht die

wohlgeuebten Scharen, mit denen dieser seine Schlachten geschlagen

hatte, und noch minder durfte der unerfahrene junge Mann mit dem

alten Kriegsmeister sich vergleichen. Bald wichen seine Truppen; der

Uebertritt einer Abteilung noch waehrend des Gefechts beschleunigte die

Niederlage. Ueber die Haelfte der Marianer waren tot oder gefangen; der

Ueberrest, weder imstande, das Feld zu halten, noch, das andere Ufer des

Tiber zu gewinnen, genoetigt, in den benachbarten Festungen Schutz zu

suchen; die Hauptstadt, die zu verproviantieren man versaeumt hatte,

unrettbar verloren. Infolgedessen gab Marius dem daselbst befehligten

Praetor Lucius Brutus Damasippus den Befehl, sie zu raeumen, vorher

aber alle bisher noch verschonten angesehenen Maenner der Gegenpartei

niederzumachen. Der Auftrag, durch den der Sohn die Aechtungen des

Vaters noch ueberbot, ward vollzogen; Damasippus berief unter einem

Vorwand den Senat, und die bezeichneten Maenner wurden teils in der

Sitzung selbst, teils auf der Flucht vor dem Rathaus niedergestossen.

Trotz der vorhergegangenen gruendlichen Aufraeumung fanden sich doch

noch einzelne namhaftere Opfer: so der gewesene Aedil Publius Antistius,

der Schwiegervater des Gnaeus Pompeius, und der gewesene Praetor Gaius

Carbo, der Sohn des bekannten Freundes und nachherigen Gegners der

Gracchen, nach dem Tode so vieler ausgezeichneter Talente die beiden

besten Gerichtsredner auf dem veroedeten Markt; der Konsular Lucius

Domitius und vor allem der ehrwuerdige Oberpriester Quintus Scaevola,

der dem Dolch des Fimbria nur entgangen war, um jetzt waehrend

der letzten Kraempfe der Revolution in der Halle des seiner Obhut

anvertrauten Vestatempels zu verbluten. Mit stummem Entsetzen sah

die Menge die Leichen dieser letzten Opfer des Terrorismus durch die

Strassen schleifen und sie in den Fluss werfen. Marius' aufgeloeste

Haufen warfen sich in die nahen und festen Neubuergerstaedte Norba

und Praeneste, er selbst mit der Kasse und dem groessten Teil der

Fluechtlinge in die letztere. Sulla liess, ebenwie das Jahr zuvor vor

Capua, vor Praeneste einen tuechtigen Offizier, den Quintus Ofelia,

zurueck, mit dem Auftrag, seine Kraefte nicht an die Belagerung der

festen Stadt zu vergeuden, sondern sie mit einer weiten Blockadelinie

einzuschliessen und sie auszuhungern; er selbst rueckte von

verschiedenen Seiten auf die Hauptstadt zu, welche er wie die ganze

Umgegend vom Feinde verlassen fand und ohne Gegenwehr besetzte. Kaum

nahm er sich die Zeit, das Volk durch eine Ansprache zu beruhigen

und die noetigsten Anordnungen zu treffen; sofort ging er weiter nach

Etrurien, um in Verbindung mit Metellus die Gegner auch aus Norditalien

zu vertreiben. Metellus war inzwischen am Fluss Aesis (Esino zwischen

Ancona und Sinigaglia), der die picenische Landschaft von der gallischen

Provinz schied, auf Carbos Unterfeldherrn Carrinas gestossen und hatte

diesen geschlagen; als Carbo selbst mit seiner ueberlegenen Armee

herbeikam, hatte er das weitere Vordringen aufgeben muessen. Allein

auf die Nachricht von der Schlacht am Sacerhafen war Carbo, um seine

Kommunikationen besorgt, zurueckgegangen bis auf die Flaminische

Chaussee, um in deren Knotenpunkt Ariminum sein Hauptquartier zu nehmen

und von dort teils die Paesse des Apennin, teils das Potal zu behaupten.

Bei dieser rueckgaengigen Bewegung gerieten nicht bloss verschiedene

Abteilungen dem Feinde in die Haende, sondern ward auch von Pompeius

Sena gallica erstuermt und Carbos Nachhut in einem glaenzenden

Reitergefecht zersprengt; indes erreichte Carbo im ganzen seinen Zweck.

Der Konsulat Norbanus uebernahm im Potal das Kommando; Carbo selbst

begab sich nach Etrurien. Aber der Marsch Sullas mit seinen siegreichen

Legionen nach Etrurien aenderte die Lage der Dinge: bald reichten von

Gallien, Umbrien und Rom aus drei Sullanische Heere einander die Haende.

Metellus ging mit der Flotte an Ariminum vorbei nach Ravenna und schnitt

bei Faventia die Verbindung ab zwischen Ariminum und dem Potal, in das

auf der grossen Strasse nach Placentia er eine Abteilung vorgehen

liess unter Marcus Lucullus, dem Quaestor Sullas und dem Bruder seines

Flottenfuehrers im Mithradatischen Krieg. Der junge Pompeius und sein

Altersgenosse und Nebenbuhler Crassus drangen aus dem Picenischen

auf Bergwegen in Umbrien ein und gewannen die Flaminische Strasse bei

Spoletium, wo sie Carbos Unterfeldherrn Carrinas schlugen und in die

Stadt einschlossen; indes gelang es diesem in einer regnerischen Nacht,

aus derselben zu entweichen und, wenngleich nicht ohne Verlust, zum

Heer des Carbo durchzudringen. Sulla selbst rueckte von Rom aus in zwei

Heerhaufen in Etrurien ein, von denen der eine an der Kueste vorgehend

bei Saturnia (zwischen den Fluessen Ombrone und Albegna) das ihm

entgegenstehende Korps schlug, der zweite unter Sullas eigener Fuehrung

im Clanistal auf die Armee des Carbo traf und ein glueckliches Gefecht

mit dessen spanischer Reiterei bestand. Aber die Hauptschlacht, die

zwischen Carbo und Sulla in der Gegend von Chiusi geschlagen ward,

endigte zwar ohne eigentliche Entscheidung, jedoch insofern zu Gunsten

Carbos, als Sullas siegreiches Vordringen gehemmt ward. Auch in der

Umgegend von Rom schienen die Dinge fuer die revolutionaere Partei sich

guenstiger wenden und der Krieg wieder sich hauptsaechlich nach dieser

Gegend ziehen zu wollen. Denn waehrend die oligarchische Partei alle

ihre Kraefte um Etrurien konzentrierte, machte die Demokratie aller

Orten die aeusserste Anstrengung, um die Blockade von Praeneste zu

sprengen. Selbst der Statthalter von Sizilien, Marcus Perpenna, machte

sich dazu auf; es scheint indes nicht, dass er nach Praeneste gelangte.

Ebensowenig glueckte dies dem von Carbo detachierten, sehr ansehnlichen

Korps unter Marcius; von den bei Spoletium stehenden feindlichen Truppen

ueberfallen und geschlagen, durch Unordnung, Mangel an Zufuhr und

Meuterei demoralisiert, ging ein Teil zu Carbo zurueck, ein anderer

nach Ariminum, der Rest verlief sich. Ernstliche Hilfe dagegen kam aus

Sueditalien. Hier brachen die Samniten unter Pontius von Telesia, die

Lucaner unter ihrem erprobten Feldherrn Marcus Lamponius auf, ohne dass

der Abmarsch ihnen gewehrt worden waere, zogen im Kampanien, wo Capua

noch immer sich hielt, eine Abteilung der Besatzung unter Gutta an sich

und rueckten also, angeblich 70000 Mann stark, auf Praeneste zu. Sulla

selbst kehrte darauf, mit Zuruecklassung eines Korps gegen Carbo, nach

Latium zurueck und nahm in den Engpaessen vorwaerts Praeneste 6 eine

wohlgewaehlte Stellung, in der er dem Entsatzheer den Weg sperrte.

Vergeblich versuchte die Besatzung, Ofelias Linien zu durchbrechen,

vergeblich das Entsatzherr Sulla zu vertreiben; beide verharrten

unbeweglich in ihren festen Stellungen, selbst nachdem, von Carbo

gesendet, Damasippus mit zwei Legionen das Entsatzheer verstaerkt hatte.

Waehrend aber der Gang des Krieges in Etrurien wie in Latium stockte,

kam es im Potal zur Entscheidung. Hier hatte bisher der Feldherr der

Demokratie Gaius Norbanus die Oberhand behauptet, den Unterfeldherrn des

Metellus, Marcus Lucullus, mit ueberlegener Macht angegriffen und

ihn genoetigt, sich in Placentia einzuschliessen, endlich sich gegen

Metellus selbst gewandt. Bei Faventia traf er auf diesen und griff am

spaeten Nachmittag mit seinen vom Marsch ermuedeten Truppen sofort an;

die Folge war eine vollstaendige Niederlage und die totale Aufloesung

seines Korps, von dem nur etwa 1000 Mann nach Etrurien zurueckkamen. Auf

die Nachricht von dieser Schlacht fiel Lucullus aus Placentia aus und

schlug die gegen ihn zurueckgebliebene Abteilung bei Fidentia (zwischen

Piacenza und Parma). Die lucanischen Truppen des Albinovanus traten in

Masse ueber; ihr Fuehrer machte seine anfaengliche Zoegerung wieder gut,

indem er die vornehmsten Offiziere der revolutionaeren Armee zu einem

Bankett bei sich einlud und sie dabei niedermachen liess; ueberhaupt

schloss, wer irgend nur durfte, jetzt seinen Frieden. Ariminum mit allen

Vorraeten und Kassen geriet in Metellus' Gewalt; Norbanus schiffte nach

Rhodos sich ein; das ganze Land zwischen Alpen und Apenninen erkannte

das Optimatenregiment an. Die bisher dort beschaeftigten Truppen konnten

sich wenden zum Angriff auf Etrurien, die letzte Landschaft, wo die

Gegner noch das Feld behaupteten. Als Carbo im Lager bei Clusium diese

Nachrichten erhielt, verlor er die Fassung. Obwohl er eine noch immer

ansehnliche Truppenmasse unter seinen Befehlen hatte, entwich er dennoch

heimlich aus seinem Hauptquartier und schiffte nach Afrika sich ein. Die

im Stich gelassenen Truppen befolgten teils das Beispiel, mit dem der

Feldherr ihnen vorangegangen war, und gingen nach Hause, teils wurden

sie von Pompeius aufgerieben; die letzten Scharen nahm Carrinas zusammen

und fuehrte sie nach Latium zu der Armee von Praeneste. Hier hatte

inzwischen nichts sich veraendert; und die letzte Entscheidung nahte

heran. Carrinas' Haufen waren nicht zahlreich genug, um Sullas Stellung

zu erschuettern; schon naeherte sich der Vortrab der bisher in Etrurien

beschaeftigten Armee der oligarchischen Partei unter Pompeius; in

wenigen Tagen zog die Schlinge um das Heer der Demokraten und der

Samniten sich zusammen. Da entschlossen sich die Fuehrer desselben, von

Praeneste abzulassen und mit gesamter Macht auf das nur einen starken

Tagemarsch entfernte Rom sich zu werfen. Militaerisch waren sie damit

verloren; ihre Rueckzugslinie, die Latinische Strasse, geriet durch

diesen Marsch in Sullas Hand, und wenn sie auch Roms sich bemaechtigten,

so wurden sie, eingeschlossen in die zur Verteidigung keineswegs

geeignete Stadt und eingekeilt zwischen Metellus und Sullas weit

ueberlegene Armeen, darin unfehlbar erdrueckt. Aber es handelte sich

auch nicht mehr um Rettung, sondern einzig um Rache bei diesem Zug nach

Rom, dem letzten Wutausbruch der leidenschaftlichen Revolutionaere und

vor allem der verzweifelnden sabellischen Nation. Es war Ernst, was

Pontius von Telesia den Seinigen zurief: um der Woelfe, die Italien die

Freiheit geraubt haetten, loszuwerden, muesse man den Wald vernichten,

in dem sie hausten. Nie hat Rom in einer furchtbareren Gefahr geschwebt

als am 1. November 672 (82), als Pontius, Lamponius, Carrinas,

Damasippus auf der Latinischen Strasse gegen Rom herangezogen, etwa eine

Viertelmeile vom Collinischen Tor lagerten. Es drohte ein Tag wie der

20. Juli 365 der Stadt (389) und der 15. Juni 455 n. Chr., die Tage der

Kelten und der Vandalen. Die Zeiten waren nicht mehr, wo ein Handstreich

gegen Rom ein toerichtes Unternehmen war, und an Verbindungen in

der Hauptstadt konnte es den Anrueckenden nicht fehlen. Die

Freiwilligenschar, die aus der Stadt ausrueckte, meist vornehme

Juenglinge, zerstob wie Spreu vor der ungeheuren Uebermacht. Die einzige

Hoffnung der Rettung beruhte auf Sulla. Dieser war, auf die Nachricht

vom Abmarsch des samnitischen Heeres in der Richtung auf Rom,

gleichfalls eiligst aufgebrochen der Hauptstadt zu Hilfe. Den sinkenden

Mut der Buergerschaft belebte im Laufe des Morgens das Erscheinen

seiner ersten Reiter unter Balbus; am Mittag erschien er selbst mit der

Hauptmacht und ordnete sofort am Tempel der Erykinischen Aphrodite vor

dem Collinischen Tor (unweit Porta Pia) die Reihen zur Schlacht. Seine

Unterbefehlshaber beschworen ihn, nicht die durch den Gewaltmarsch

erschoepften Truppen sofort in den Kampf zu schicken; aber Sulla erwog,

was die Nacht ueber Rom bringen koenne, und befahl noch am spaeten

Nachmittag den Angriff. Die Schlacht war hart bestritten und blutig. Der

linke Fluegel Sullas, den er selbst anfuehrte, wich zurueck bis an die

Stadtmauer, so dass es notwendig ward, die Stadttore zu schliessen;

schon brachten Versprengte die Nachricht an Ofelia, dass die Schlacht

verloren sei. Allein auf den rechten Fluegel warf Marcus Crassus den

Feind und verfolgte ihn bis Antemnae, wodurch auch der andere Fluegel

wider Luft bekam und eine Stunde nach Sonnenuntergang seinerseits

ebenfalls zum Vorruecken ueberging. Die ganze Nacht und noch den

folgenden Morgen ward gefochten; erst der Uebertritt einer Abteilung von

3000 Mann, die sofort die Waffen gegen die frueheren Kameraden wandten,

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 36 / 52 段