machen, weigerte er auch jetzt sich zu fliehen, und im konsularischen
Schmuck harrte er auf dem Ianiculum des Moerders, der nicht lange
saeumte. Es starben Lucius Caesar (Konsul 644 90), der gefeierte
Sieger von Acerrae; sein Bruder Gaius, dessen unzeitiger Ehrgeiz den
Sulpicischen Tumult heraufbeschworen hatte, bekannt als Redner und
Dichter und als liebenswuerdiger Gesellschafter; Marcus Antonius
(Konsul 665 99), nach dem Tode des Lucius Crassus unbestritten der
erste Sachwalter seiner Zeit; Publius Crassus (Konsul 657 97), der im
Spanischen und im Bundesgenossenkrieg und noch waehrend der Belagerung
Roms mit Auszeichnung kommandiert hatte: ueberhaupt eine Menge der
angesehensten Maenner der Regierungspartei, unter denen von den gierigen
Haeschern namentlich die reichen mit besonderem Eifer verfolgt wurden.
Jammervoll vor allen schien der Tod des Lucius Merula, der sehr wider
seinen Wunsch Cinnas Nachfolger geworden war und nun deswegen peinlich
angeklagt und vor die Komitien geladen, um der unvermeidlichen
Verurteilung zuvorzukommen, sich die Adern oeffnete und am Altar
des Hoechsten Jupiter, dessen Priester er war, nach Ablegung der
priesterlichen Kopfbinde, wie es die religioese Pflicht des sterbenden
Flamen mit sich brachte, den Geist aushauchte; und mehr noch der Tod
des Quintus Catulus (Konsul 652 102), einst in besseren Tagen in dem
herrlichsten Sieg und Triumph der Gefaehrte desselben Marius, der jetzt
fuer die flehenden Verwandten seines alten Kollegen keine andere Antwort
hatte als den einsilbigen Bescheid: "Er muss sterben!" Der Urheber all
dieser Untaten war Gaius Marius. Er bezeichnete die Opfer und die Henker
- nur ausnahmsweise ward, wie gegen Merula und Catulus, eine Rechtsform
beobachtet; nicht selten war ein Blick oder das Stillschweigen, womit er
die Begruessenden empfing, das Todesurteil, das stets sofort vollstreckt
ward. Selbst mit dem Tode des Opfers ruhte seine Rache nicht; er
verbot, die Leichen zu bestatten; er liess - worin freilich Sulla
ihm vorangegangen war - die Koepfe der getoeteten Senatoren an die
Rednerbuehne auf dem Marktplatz heften; einzelne Leichen liess er
ueber den Markt schleifen, die des Gaius Caesar an der Grabstaette
des vermutlich einst von Caesar angeklagten Quintus Varius noch einmal
durchbohren; er umarmte oeffentlich den Menschen, der ihm, waehrend er
bei Tafel sass, den Kopf des Antonius ueberreichte, den selber in seinem
Versteck aufzusuchen und mit eigener Hand umzubringen er kaum hatte
abgehalten werden koennen. Hauptsaechlich seine Sklavenlegionen,
namentlich eine Abteilung Ardyaeer, dienten ihm als Schergen und
versaeumten nicht, in diesen Saturnalien ihrer neuen Freiheit die
Haeuser ihrer ehemaligen Herren zu pluendern und was ihnen darin vorkam,
zu schaenden und zu morden. Seine eigenen Genossen waren in Verzweiflung
ueber dieses wahnsinnige Wueten; Sertorius beschwor den Konsul,
demselben um jeden Preis Einhalt zu tun, und auch Cinna war erschrocken.
Aber in Zeiten, wie diese waren, wird der Wahnsinn selbst eine Macht;
man stuerzt sich in den Abgrund, um vor dem Schwindel sich zu retten. Es
war nicht leicht, dem rasenden alten Mann und seiner Bande in den Arm zu
fallen, und am wenigsten Cinna hatte den Mut dazu; er waehlte den Marius
vielmehr fuer das naechste Jahr zu seinem Kollegen im Konsulat. Das
Schreckensregiment terrorisierte die gemaessigteren Sieger nicht viel
weniger als die geschlagene Partei; nur die Kapitalisten waren nicht
unzufrieden damit, dass eine fremde Hand sich dazu herlieh, die stolzen
Oligarchen einmal gruendlich zu demuetigen, und zugleich infolge der
umfassenden Konfiskationen und Versteigerungen der beste Teil der Beute
an sie kam - sie erwarben in diesen Schreckenszeiten bei dem Volke sich
den Beinamen der "Einsaeckler". Dem Urheber dieses Terrorismus, dem
alten Gaius Marius, hatte also das Verhaengnis seine beiden hoechsten
Wuensche gewaehrt. Er hatte Rache genommen an der ganzen vornehmen
Meute, die ihm seine Siege vergaellt, seine Niederlagen vergiftet hatte;
er hatte jeden Nadelstich mit einem Dolchstich vergelten koennen. Er
trat ferner das neue Jahr noch einmal an als Konsul; das Traumbild des
siebenten Konsulates, das der Orakelspruch ihm zugesichert, nach dem er
seit dreizehn Jahren gegriffen hatte, war nun wirklich geworden. Was er
wuenschte, hatten die Goetter ihm gewaehrt; aber auch jetzt noch, wie
in der alten Sagenzeit, uebten sie die verhaengnisvolle Ironie, den
Menschen zu verderben durch die Erfuellung seiner Wuensche. In seinen
ersten Konsulaten der Stolz, im sechsten das Gespoett seiner Mitbuerger,
stand er jetzt im siebenten belastet mit dem Fluche aller Parteien, mit
dem Hass der ganzen Nation; er, der von Haus aus rechtliche, tuechtige,
kernbrave Mann, gebrandmarkt als das wahnwitzige Oberhaupt einer
ruchlosen Raeuberbande. Er selbst schien es zu fuehlen. Wie im Taumel
vergingen ihm die Tage, und des Nachts versagte ihm seine Lagerstatt
die Ruhe, so dass er zum Becher griff, um nur sich zu betaeuben. Ein
hitziges Fieber ergriff ihn; nach siebentaegigem Krankenlager, in dessen
wilden Phantasien er auf den kleinasiatischen Gefilden die Schlachten
schlug, deren Lorbeer Sulla bestimmt war, am 13. Januar 668 (86) war er
eine Leiche. Er starb, ueber siebzig Jahr alt, im Vollbesitz dessen,
was er Macht und Ehre nannte, und in seinem Bette; aber die Nemesis
ist mannigfaltig und suehnt nicht immer Blut mit Blut. Oder war es etwa
keine Vergeltung, dass Rom und Italien bei der Nachricht von dem Tode
des gefeierten Volkserretters jetzt aufatmeten wie kaum bei der Kunde
von der Schlacht auf dem Raudischen Feld? Auch nach seinem Tode zwar
kamen einzelne Auftritte vor, die an die Schreckenszeit erinnerten;
so machte zum Beispiel Gaius Fimbria, der wie kein anderer bei den
Marianischen Schlaechtereien seine Hand in Blut getaucht hatte, bei
dem Leichenbegaengnis des Marius selbst einen Versuch, den allgemein
verehrten und selbst von Marius verschonten Oberpontifex Quintus
Scaevola (Konsul 659 95) umzubringen und klagte dann, als derselbe von
der empfangenen Wunde genas, ihn peinlich an, wegen des Verbrechens, wie
er scherzhaft sich ausdrueckte, dass er sich nicht habe wollen ermorden
lassen. Aber die Orgien des Mordens waren doch vorueber. Unter dem
Vorwand der Soldzahlung rief Sertorius die Marianischen Banditen
zusammen, umzingelte sie mit seinen zuverlaessigen keltischen Truppen
und liess sie, nach den geringsten Angaben 4000 an der Zahl, saemtlich
niederhauen. Mit dem Schreckensregiment zugleich war die Tyrannis
gekommen. Cinna stand nicht bloss vier Jahre nacheinander (667-670
87-84) als Konsul an der Spitze des Staats, sondern er ernannte auch
regelmaessig sich und seine Kollegen, ohne das Volk zu befragen; es
war, als ob diese Demokraten die souveraene Volksversammlung mit
absichtlicher Geringschaetzung beiseite schoeben. Kein anderes Haupt der
Popularpartei vor- oder nachher hat eine so vollkommen absolute Gewalt
in Italien wie in dem groessten Teil der Provinzen so lange Zeit
hindurch fast ungestoert besessen wie Cinna; aber es ist auch keiner zu
nennen, dessen Regiment so vollkommen nichtig und ziellos gewesen waere.
Man nahm natuerlich das von Sulpicius und spaeter von Cinna selbst
beantragte, den Neubuergern und den Freigelassenen gleiches Stimmrecht
mit den Altbuergern zusichernde Gesetz wieder auf und liess dasselbe
durch einen Senatsbeschluss foermlich als zu Recht bestehend bestaetigen
(670 84). Man ernannte Zensoren (668 86), um demgemaess saemtliche
Italiker in die fuenfunddreissig Buergerbezirke zu verteilen - eine
seltsame Fuegung dabei war es, dass infolge des Mangels von faehigen
Kandidaten zur Zensur derselbe Philippus, der als Konsul 663 (91)
hauptsaechlich den Plan des Drusus, den Italikern das Stimmrecht zu
verleihen, hatte scheitern machen, jetzt dazu ausersehen ward, sie als
Zensor in die Buergerrollen einzuschreiben. Man stiess natuerlich die
von Sulla im Jahre 666 (88) begruendeten reaktionaeren Institutionen
um. Man tat einiges, um dem Proletariat sich gefaellig zu erweisen -
so wurden wahrscheinlich die vor einigen Jahren eingefuehrten
Beschraenkungen der Getreideverteilung jetzt wiederum beseitigt; so
wurde nach dem Vorschlag des Volkstribuns Marcus Iunius Brutus die von
Gaius Gracchus beabsichtigte Koloniegruendung in Capua im Fruehjahr 671
(83) in der Tat ins Werk gesetzt; so veranlasste Lucius Valerius Flaccus
der Juengere ein Schuldgesetz, das jede Privatforderung auf den vierten
Teil ihres Nominalbetrags herabsetzte und drei Viertel zu Gunsten der
Schuldner kassierte. Diese Massregeln aber, die einzigen konstitutiven
waehrend des ganzen Cinnanischen Regiments, sind ohne Ausnahme
vom Augenblick diktiert; es liegt - und vielleicht ist dies das
Entsetzlichste bei dieser ganzen Katastrophe - derselben nicht etwa ein
verkehrter, sondern gar kein politischer Plan zu Grunde. Man liebkoste
den Poebel und verletzte ihn zugleich in hoechst unnoetiger Weise durch
zwecklose Missachtung der verfassungsmaessigen Wahlordnung. Man konnte
an der Kapitalistenpartei einen Halt finden und schaedigte sie aufs
empfindlichste durch das Schuldgesetz. Die eigentliche Stuetze des
Regiments waren - durchaus ohne dessen Zutun - die Neubuerger; man liess
sich ihren Beistand gefallen, aber es geschah nichts, um die seltsame
Stellung der Samniten zu regeln, die dem Namen nach jetzt roemische
Buerger waren, aber offenbar tatsaechlich ihre landschaftliche
Unabhaengigkeit als den eigentlichen Zweck und Preis des Kampfes
betrachteten und diese gegen all und jeden zu verteidigen in Waffen
blieben. Man schlug die angesehenen Senatoren tot wie tolle Hunde; aber
nicht das geringste ward getan, um den Senat im Interesse der Regierung
zu reorganisieren oder auch nur dauernd zu terrorisieren, so dass
dieselbe auch seiner keineswegs sicher war. So hatte Gaius Gracchus
den Sturz der Oligarchie nicht verstanden, dass der neue Herr sich
auf seinem selbstgeschaffenen Thron verhalten koenne, wie es legitime
Nullkoenige zu tun belieben. Aber diesen Cinna hatte nicht sein Wollen,
sondern der reine Zufall emporgetragen; war es ein Wunder, dass er
blieb, wo die Sturmflut der Revolution ihn hingespuelt hatte, bis eine
zweite Sturmflut kam, ihn wiederfortzuschwemmen? Dieselbe Verbindung
der gewaltigsten Machtfuelle mit der vollstaendigsten Impotenz und
Inkapazitaet der Machthaber zeigte die Kriegfuehrung der revolutionaeren
Regierung gegen die Oligarchie, an der denn doch zunaechst ihre Existenz
hing. In Italien gebot sie unumschraenkt. Unter den Altbuergern war
ein sehr grosser Teil grundsaetzlich demokratisch gesinnt; die noch
groessere Masse der ruhigen Leute missbilligte zwar die Marianischen
Greuel, sahen aber in einer oligarchischen Restauration nichts als
die Eroeffnung eines zweiten Schreckensregiments der entgegengesetzten
Partei. Der Eindruck der Untaten des Jahres 667 (87) auf die Nation
insgesamt war verhaeltnismaessig gering gewesen, da sie vorwiegend
doch nur die hauptstaedtische Aristokratie betroffen hatten, und
ward ueberdies einigermassen ausgeloescht durch das darauffolgende
dreijaehrige, leidlich ruhige Regiment. Die gesamte Masse der Neubuerger
endlich, vielleicht drei Fuenftel der Italiker, stand entschieden wo
nicht fuer die gegenwaertige Regierung, doch gegen die Oligarchie.
Gleich Italien hielten zu jener die meisten Provinzen: Sizilien,
Sardinien, beide Gallien, beide Spanien. In Africa machte Quintus
Metellus, der den Moerdern gluecklich entkommen war, einen Versuch,
diese Provinz fuer die Optimaten zu halten; zu ihm begab sich aus
Spanien Marcus Crassus, der juengste Sohn des in dem Marianischen
Blutbad umgekommenen Publius Crassus, und verstaerkte ihn durch einen
in Spanien zusammengebrachten Haufen. Allein sie mussten, da sie sich
untereinander entzweiten, dem Statthalter der revolutionaeren Regierung,
Gaius Fabius Hadrianus, weichen. Asien war in den Haenden Mithradats;
somit blieb als einzige Freistatt der verfemten Oligarchie die Provinz
Makedonien, soweit sie in Sullas Gewalt war. Dorthin retteten sich
Sullas Gemahlin und Kinder, die mit Muehe dem Tode entgangen waren, und
nicht wenige entkommene Senatoren, so dass bald in seinem Hauptquartier
eine Art von Senat sich bildete. An Dekreten gegen den oligarchischen
Prokonsul liess es die Regierung nicht fehlen. Sulla ward durch die
Komitien seines Kommandos und seiner sonstigen Ehren und Wuerden
entsetzt und geaechtet, wie das in gleicher Weise auch gegen Metellus,
Appius Claudius und andere angesehene Fluechtlinge geschah; sein Haus in
Rom wurde geschleift, seine Landgueter verwuestet. Indes damit freilich
war die Sache nicht erledigt. Haette Gaius Marius laenger gelebt, so
waere er ohne Zweifel selbst gegen Sulla dorthin marschiert, wohin noch
auf seinem Todbette die Fieberbilder ihn fuehrten; welche Massregeln
nach seinem Tode die Regierung ergriff, ward schon erzaehlt. Lucius
Valerius Flaccus der juengere 4, der nach Marius' Tode das Konsulat
und das Kommando im Osten uebernahm (668 86), war weder Soldat
noch Offizier, sein Begleiter Gaius Fimbria nicht unfaehig, aber
unbotmaessig, das ihnen mitgegebene Heer schon der Zahl nach dreifach
schwaecher als die Sullanische Armee. Man vernahm nacheinander, dass
Flaccus, um nicht von Sulla erdrueckt zu werden, an ihm vorueber nach
Asien abgezogen sei (668 86), dass Fimbria ihn beseitigt und sich
selbst an seine Stelle gesetzt habe (Anfang 669 85), dass Sulla Frieden
geschlossen habe mit Mithradates (669/70 85/84). Bis dahin hatte Sulla
den in der Hauptstadt regierenden Behoerden gegenueber geschwiegen;
jetzt lief ein Schreiben von ihm an den Senat ein, worin er die
Beendigung des Krieges berichtete und seine Rueckkehr nach Italien
ankuendigte; die den Neubuergern erteilten Rechte werde er achten;
Strafexekutionen seien zwar unvermeidlich, allein sie wuerden nicht die
Massen, sondern die Urheber treffen. Diese Ankuendigung schreckte Cinna
aus seiner Untaetigkeit auf; wenn er bisher nichts gegen Sulla getan
hatte, als dass einige Mannschaft unter die Waffen gestellt und eine
Anzahl Schiffe im Adriatischen Meere versammelt worden war, so beschloss
er jetzt, schleunigst nach Griechenland ueberzugehen. Aber andererseits
weckte Sullas Schreiben, das den Umstaenden nach aeusserst gemaessigt
zu nennen war, in der Mittelpartei Hoffnungen auf eine friedliche
Ausgleichung. Die Majoritaet des Senats beschloss nach dem Vorschlag des
aelteren Flaccus, einen Suehneversuch einzuleiten und zu dem Ende
Sulla aufzufordern, sich unter Verbuergung sicheren Geleits in Italien
einzufinden, die Konsuln Cinna und Carbo aber zu veranlassen, bis zum
Eingang von Sullas Antwort die Ruestungen einzustellen. Sulla wies die
Vorschlaege nicht unbedingt von der Hand; er kam zwar natuerlich nicht
selbst, aber liess durch Boten erklaeren, dass er nichts fordere als
Wiedereinsetzung der Verbannten in den vorigen Stand und gerichtliche
Bestrafung der begangenen Verbrechen, Sicherheit uebrigens nicht
geleistet begehre, sondern denen daheim zu bringen gedenke. Seine
Abgesandten fanden den Stand der Dinge in Italien wesentlich veraendert.
Cinna hatte, ohne um jenen Senatsbeschluss sich weiter zu bekuemmern,
sofort nach aufgehobener Sitzung sich zum Heer begeben und die
Einschiffung desselben betrieben. Die Aufforderung, in der boesen
Jahreszeit sich dem Meer anzuvertrauen, rief unter den schon schwierigen
Truppen im Hauptquartier zu Ancona eine Meuterei hervor, deren Opfer
Cinna ward (Anfang 670 84), worauf sein Kollege Carbo sich genoetigt
sah, die schon uebergegangenen Abteilungen zurueckzufuehren und, auf das
Aufnehmen des Krieges in Griechenland verzichtend, Winterquartiere in
Ariminum zu beziehen. Sullas Antraege aber fanden darum keine bessere
Aufnahme: der Senat wies seine Vorschlaege zurueck, ohne auch nur
die Boten nach Rom zu lassen, und befahl ihm kurzweg, die Waffen
niederzulegen. Es war nicht zunaechst die Koterie der Marianer, welche
dies entschiedene Auftreten bewirkte. Eben jetzt, wo es galt, musste
diese Faktion die bisher usurpierte Besetzung des hoechsten Amtes
abgeben und fuer das entscheidende Jahr 671 (83) wieder Konsulwahlen
veranstalten. Die Stimmen vereinigten hierbei sich nicht auf den
bisherigen Konsul Carbo noch auf einen der faehigen Offiziere der bis
dahin regierenden Clique, wie Quintus Sertorius oder Gaius Marius den
Sohn, sondern auf Lucius Scipio und Gaius Norbanus, zwei Inkapazitaeten,
von denen keiner zu schlagen, Scipio nicht einmal zu sprechen verstand,
und von denen jener nur als der Urenkel des Antiochossiegers, dieser als
politischer Gegner der Oligarchie sich der Menge empfahlen. Die
Marianer wurden nicht so sehr ihrer Untaten wegen verabscheut als ihrer
Nichtigkeit wegen verachtet; aber wenn die Nation nichts von diesen, so
wollte sie in ihrer grossen Majoritaet noch viel weniger von Sulla und
einer oligarchischen Restauration etwas wissen. Man dachte ernstlich an
Abwehr. Waehrend Sulla nach Asien ueberging, das Heer des Fimbria zum
Uebertritt bestimmte und dessen Fuehrer durch seine eigene Hand fiel,
benutzte die Regierung in Italien die durch diese Schritte Sullas ihr
gegoennte weitere Jahresfrist zu energischen Ruestungen: es sollen bei
Sullas Landung 100000, spaeter sogar die doppelte Anzahl von Bewaffneten
gegen ihn gestanden haben. ------------------------------------------- 4
Lucius Valerius Flaccus, den die Fasten als Konsul 668 (86) nennen,
ist nicht der Konsul des Jahres 654 (100), sondern ein gleichnamiger
juengerer Mann, vielleicht des vorigen Sohn. Einmal ist das Gesetz, das
die Wiederwahl zum Konsulat untersagte, von ca. 603 (151) bis 673 (81)
rechtlich in Kraft geblieben, und es ist nicht wahrscheinlich, dass
dasselbe, war fuer Scipio Aemilianus und Marius, auch fuer Flaccus
geschah. Zweitens wird nirgends, wo der eine oder der andere Flaccus
genannt wird, eines doppelten Konsulats gedacht, auch nicht, wo es
notwendig war wie Cic. Flacc. 32, 77. Drittens kann der Lucius Valerius
Flaccus, der im Jahre 669 (85) als Vormann des Senats, also als Konsulat
in Rom taetig war (Liv. 83), nicht der Konsul des Jahres 668 (86) sein,
da dieser damals bereits nach Asien abgegangen und wahrscheinlich schon
tot war. Der Konsul 654 (100), Zensor 657 (97), ist derjenige, den
Cicero (Att. 8, 3, 6) unter den 667 (87) in Rom anwesenden Konsulaten
nennt; er war 669 (85) unzweifelhaft der aelteste lebende Altzensor und
also geeignet zum Vormann des Senats; er ist auch der Zwischenkoenig und
der Reiterfuehrer von 672 (82). Dagegen ist der Konsul 668 (86), der in
Nikomedeia umkam, der Vater des von Cicero verteidigten Lucius
Flaccus (Flacc. 25, 61; vgl. 23, 55; 32, 77).
--------------------------------------------- Gegen diese italische
Macht hatte Sulla nichts in die Waagschale zu legen als seine fuenf
Legionen, die, auch mit Einrechnung einiger in Makedonien und im
Peloponnes aufgebotener Zuzuege, kaum auf 40000 Mann sich belaufen
mochten. Allerdings hatte dies Heer in siebenjaehrigen Kaempfen in
Italien, Griechenland und Asien des Politisierens sich entwoehnt
und hing seinem Feldherrn, der den Soldaten alles, Schwelgerei,
Bestialitaet, sogar Meuterei gegen die Offiziere, nachsah, nichts
verlangte als Tapferkeit und Treue gegen den Feldherrn und fuer den
Sieg die verschwenderischsten Belohnungen in Aussicht stellte, mit allem
jenem soldatischen Enthusiasmus an, der um so gewaltiger ist, als dabei
die edelsten und die gemeinsten Leidenschaften oft in derselben
Brust sich begegnen. Freiwillig schworen nach roemischer Sitte die
Sullanischen Soldaten sich einander es zu, fest zusammenzuhalten,
und freiwillig brachte ein jeder dem Feldherrn seinen Sparpfennig als
Beisteuer zu den Kriegskosten. Allein so ansehnlich diese geschlossene
Kernschar gegen die feindlichen Massen ins Gewicht fiel, so erkannte
doch Sulla sehr wohl, dass Italien nicht mit fuenf Legionen
bezwungen werden konnte, wenn es im entschlossenen Widerstande einig
zusammenhielt. Mit der Popularpartei und ihren unfaehigen Autokraten
fertig zu werden, waere nicht schwierig gewesen; aber er sah sich
gegenueber und mit dieser vereinigt die ganze Masse derer, die keine
oligarchische Schreckensrestauration wollten, und vor allen Dingen die
gesamte Neubuergerschaft, sowohl diejenigen, die durch das Julische
Gesetz von der Teilnahme an der Insurrektion sich hatten abhalten
lassen, als diejenigen, deren Schilderhebung vor wenigen Jahren Rom an
den Rand des Verderbens gefuehrt hatte. Sulla uebersah vollkommen die
Lage der Verhaeltnisse und war weit entfernt von der blinden Erbitterung
und der eigensinnigen Starrheit, die die Majoritaet seiner Partei
charakterisierten. Waehrend das Staatsgebaeude in vollen Flammen stand,
waehrend man seine Freunde ermordete, seine Haeuser zerstoerte, seine
Familie ins Elend trieb, war er unbeirrt auf seinem Posten verblieben,
bis der Landesfeind ueberwaeltigt und die roemische Grenze gesichert
war. In demselben Sinne patriotischer und einsichtiger Maessigung
behandelte er auch jetzt die italischen Verhaeltnisse und tat, was er
irgend tun konnte, um die Gemaessigten und die Neubuerger zu beruhigen
und um zu verhindern, dass nicht unter dem Namen des Buergerkrieges der
weit gefaehrlichere Krieg zwischen den Altroemern und den italischen
Bundesgenossen abermals emporlodere. Schon das erste Schreiben, das
Sulla an den Senat richtete, hatte nichts als Recht und Gerechtigkeit
gefordert und eine Schreckensherrschaft ausdruecklich zurueckgewiesen;
im Einklang damit stellte er nun allen denen, die noch jetzt von der
revolutionaeren Regierung sich lossagen wuerden, unbedingte Begnadigung
in Aussicht und veranlasste seine Soldaten, Mann fuer Mann, zu
schwoeren, dass sie den Italikern durchaus als Freunden und Mitbuergern
begegnen wuerden. Die buendigsten Erklaerungen sicherten den Neubuergern
die von ihnen erworbenen politischen Rechte; so dass Carbo deshalb von
jeder italischen Stadtgemeinde sich Geiseln wollte stellen lassen, was
indes an der allgemeinen Indignation und an dem Widerspruch des Senats
scheiterte. Die Hauptschwierigkeit der Lage Sullas bestand in der Tat
darin, dass bei der eingerissenen Wort- und Treulosigkeit die Neubuerger
allen Grund hatten, wenn nicht an seinen persoenlichen Absichten, doch
daran zu zweifeln, ob er es vermoegen werde, seine Partei zum Worthalten
nach dem Siege zu bestimmen. Im Fruehling 671 (83) landete Sulla mit
seinen Legionen in dem Hafen von Brundisium. Der Senat erklaerte auf
die Nachricht davon das Vaterland in Gefahr und uebertrug den Konsuln
unbeschraenkte Vollmacht; aber diese unfaehigen Leiter hatten sich nicht
vorgesehen und waren durch die seit Jahren in Aussicht stehende Landung
dennoch ueberrascht. Das Heer befand sich noch in Ariminum, die
Haefen waren unbesetzt und ueberhaupt unglaublicherweise in dem ganzen
suedoestlichen Litoral kein Mann unter den Waffen. Die Folgen
zeigten sich bald. Gleich Brundisium selbst, eine ansehnliche
Neubuergergemeinde, oeffnete ohne Widerstand dem oligarchischen General
die Tore und dem gegebenen Beispiel folgte ganz Messapien und Apulien.
Die Armee marschierte durch diese Gegenden wie durch Freundesland und
hielt, ihres Eides eingedenk, durchgaengig die strengste Mannszucht. Von
allen Seiten stroemten die versprengten Reste der Optimatenpartei in das
Lager Sullas. Aus den Bergschluchten Liguriens, wohin er von Afrika sich