ungewoehnlich drueckend waren, beweist der Betrag der spaeter im Triumph
aufgefuehrten Beute, der an edlem Metall sich nur auf etwa 8 Mill. Taler
belief. Die wenigen treugebliebenen Gemeinden dagegen, namentlich die
Insel Rhodos, die lykische Landschaft, Magnesia am Maeander wurden reich
belohnt; Rhodos erhielt wenigstens einen Teil der nach dem Kriege gegen
Perseus ihm entzogenen Besitzungen zurueck. Desgleichen wurden die Chier
fuer die ausgestandene Not, die Ilienser fuer die wahnsinnig grausame
Misshandlung, die ihnen Fimbria wegen der mit Sulla angeknuepften
Verhandlungen zugefuegt hatte, nach Moeglichkeit durch Freibriefe und
Verguenstigungen entschaedigt. Die Koenige von Bithynien und Kappadokien
hatte Sulla schon in Dardanos mit dem pontischen Koenig zusammengefuehrt
und sie alle Frieden und gute Nachbarschaft geloben lassen; wobei
freilich der stolze Mithradates sich geweigert hatte, den nicht von
koeniglichem Blute stammenden Ariobarzanes, den Sklaven, wie er ihn
nannte, persoenlich vor sich zu lassen. Gaius Scribonius Curio ward
beauftragt, in den beiden von Mithradates geraeumten Reichen die
Wiederherstellung der gesetzlichen Zustaende zu ueberwachen. So war
man am Ziel. Nach vier Kriegsjahren war der pontische Koenig wieder ein
Klient der Roemer und in Griechenland, Makedonien und Kleinasien ein
einheitliches und geordnetes Regiment wiederhergestellt; die Gebote des
Vorteils und der Ehre waren, wo nicht zur Genuege, doch zur Notdurft
befriedigt. Sulla hatte nicht bloss als Soldat und Feldherr glaenzend
sich hervorgetan, sondern die schwere Mittelstrasse zwischen kuehnem
Ausharren und klugem Nachgeben auf seinem von tausendfachen Hindernissen
durchkreuzten Gange einzuhalten verstanden. Fast wie Hannibal hatte er
gekriegt und gesiegt, um mit den Streitkraeften, die der erste Sieg ihm
gab, alsbald zu einem zweiten und schwereren Kampfe sich zu schicken.
Nachdem er seine Soldaten durch die ueppigen Winterquartiere in dem
reichen Vorderasien einigermassen fuer ihre ausgestandenen Strapazen
entschaedigt hatte, ging er im Fruehjahr 671 (83) auf 1600 Schiffen von
Ephesos nach dem Peiraeeus und von da auf dem Landweg nach Patrae, wo
die Schiffe wiederum bereit standen, um die Truppen nach Brundisium zu
fuehren. Ihm vorauf ging ein Bericht an den Senat ueber seine Feldzuege
in Griechenland und Asien, dessen Schreiber von seiner Absetzung nichts
zu wissen schien; es war die stumme Ankuendigung der bevorstehenden
Restauration. 9. Kapitel Cinna und Sulla Die gespannten und unklaren
Verhaeltnisse, in denen Sulla bei seiner Abfahrt nach Griechenland im
Anfang des Jahres 667 (87) Italien zurueckliess, sind frueher dargelegt
worden: die halb erstickte Insurrektion, die Hauptarmee unter dem
mehr als halb usurpierten Kommando eines politisch sehr zweideutigen
Generals, die Verwirrung und die vielfach taetige Intrige in der
Hauptstadt. Der Sieg der Oligarchie durch Waffengewalt hatte trotz
oder wegen seiner Maessigung vielfaeltige Missvergnuegte gemacht. Die
Kapitalisten, von den Schlaegen der schwersten Finanzkrise, die Rom noch
erlebt hatte, schmerzlich getroffen, grollten der Regierung wegen
des Zinsgesetzes, das sie erlassen, und wegen des Italischen und des
Asiatischen Krieges, die sie nicht verhuetet hatte. Die Insurgenten,
soweit sie die Waffen niedergelegt, beklagten nicht bloss den Verlust
ihrer stolzen Hoffnungen auf Erlangung gleicher Rechte mit der
herrschenden Buergerschaft, sondern auch den ihrer althergebrachten
Vertraege und ihre neue voellig rechtlose Untertanenstellung. Die
Gemeinden zwischen Alpen und Po waren ebenfalls unzufrieden mit
den ihnen gemachten halben Zugestaendnissen und die Neubuerger und
Freigelassenen erbittert durch die Kassation der Sulpicischen Gesetze.
Der Stadtpoebel litt unter der allgemeinen Bedraengnis und fand
es unerlaubt, dass das Saebelregiment sich die verfassungsmaessige
Knuettelherrschaft nicht ferner hatte wollen gefallen lassen.
Der hauptstaedtische Anhang der nach der Sulpicischen Umwaelzung
Geaechteten, der infolge der ungemeinen Maessigung Sullas sehr zahlreich
geblieben war, arbeitete eifrig daran, diesen die Erlaubnis zur
Rueckkehr zu erwirken; namentlich einige reiche und angesehene Frauen
sparten fuer diesen Zweck keine Muehe und kein Geld. Keine dieser
Verstimmungen war eigentlich von der Art, dass sie einen neuen
gewaltsamen Zusammenstoss der Parteien in nahe Aussicht stellte;
groesstenteils waren sie zielloser und voruebergehender Art: aber sie
alle naehrten das allgemeine Missbehagen und hatten schon mehr oder
minder mitgewirkt bei der Ermordung des Rufus, den wiederholten
Mordversuchen gegen Sulla, dem zum Teil oppositionellen Ausfall der
Konsul- und Tribunenwahlen fuer 667 (87). Der Name des Mannes, den die
Missvergnuegten an die Spitze des Staats berufen hatten, des Lucius
Cornelius Cinna, war bis dahin kaum genannt worden, ausser insofern er
als Offizier im Bundesgenossenkrieg sich gut geschlagen hatte; ueber die
Persoenlichkeit desselben und seine urspruenglichen Absichten sind wir
weniger unterrichtet als ueber die irgendeines andern Parteifuehrers
in der roemischen Revolution. Die Ursache ist allem Anschein nach keine
andere, als dass dieser ganz gemeine und durch den niedrigsten Egoismus
geleitete Gesell weitergehende politische Plaene von Haus aus gar nicht
gehabt hat. Es ward gleich bei seinem Auftreten behauptet, dass er gegen
ein tuechtiges Stueck Geld sich den Neubuergern und der Koterie des
Marius verkauft habe, und die Beschuldigung sieht sehr glaublich
aus; waere sie aber auch falsch, so bleibt es nichtsdestoweniger
charakteristisch, dass ein derartiger Verdacht, wie er nie gegen
Saturninus und Sulpicius geaeussert worden war, an Cinna haftete. In der
Tat hat die Bewegung, an deren Spitze er sich stellte, ganz den Anschein
der Geringhaltigkeit sowohl der Beweggruende wie der Ziele. Sie ging
nicht so sehr von einer Partei aus als von einer Anzahl Missvergnuegter
ohne eigentlich politische Zwecke und nennenswerten Rueckhalt, die
hauptsaechlich die Rueckberufung der Verbannten in gesetzlicher oder
ungesetzlicher Weise durchzusetzen sich vorgenommen hatte. Cinna scheint
in die Verschwoerung nur nachtraeglich und nur deshalb hineingezogen zu
sein, weil die Intrige, die infolge der Beschraenkung der tribunizischen
Gewalt zur Vorbringung ihrer Antraege einen Konsul brauchte, unter den
Konsularkandidaten fuer 667 (87) in ihm das geeignetste Werkzeug
ersah und dann ihn als den Konsul vorschob. Unter den in zweiter Linie
erscheinenden Leitern der Bewegung fanden sich einige faehigere Koepfe,
so der Volkstribun Gnaeus Papirius Carbo, der durch seine stuermische
Volksberedsamkeit sich einen Namen gemacht hatte, und vor allem Quintus
Sertorius, einer der talentvollsten roemischen Offiziere und in jeder
Hinsicht ein vorzueglicher Mann, welcher seit seiner Bewerbung um das
Volkstribunat mit Sulla persoenlich verfeindet und durch diesen Hader in
die Reihen der Missvergnuegten gefuehrt worden war, wohin er seiner Art
nach keineswegs gehoerte. Der Prokonsul Strabo, obwohl mit der
Regierung gespannt, war dennoch weit entfernt, mit dieser Fraktion sich
einzulassen. Solange Sulla in Italien stand, hielten die Verbuendeten
aus guten Gruenden sich still. Als indes der gefuerchtete Prokonsul,
nicht den Mahnungen des Konsuls Cinna, sondern dem dringenden Stand
der Dinge im Osten nachgebend, sich eingeschifft hatte, legte Cinna,
unterstuetzt von der Majoritaet des Tribunenkollegiums, sofort die
Gesetzentwuerfe vor, wodurch man uebereingekommen war, gegen die
Sullanische Restauration von 666 (88) teilweise zu reagieren; sie
enthielten die politische Gleichstellung der Neubuerger und
der Freigelassenen, wie Sulpicius sie beantragt hatte, und die
Wiedereinsetzung der infolge der Sulpicischen Revolution Geaechteten
in den vorigen Stand. In Masse stroemten die Neubuerger nach der
Hauptstadt, um dort mit den Freigelassenen zugleich die Gegner
einzuschuechtern und noetigenfalls zu zwingen. Aber auch die
Regierungspartei war entschlossen, nicht zu weichen; es stand Konsul
gegen Konsul, Gnaeus Octavius gegen Lucius Cinna, und Tribun gegen
Tribun; beiderseits erschien man am Tage der Abstimmung grossenteils
bewaffnet auf dem Stimmplatz. Die Tribune von der Senatspartei legten
Interzession ein; als gegen sie auf der Rednerbuehne selbst die
Schwerter gezueckt wurden, brauchte Octavius gegen die Gewalttaeter
Gewalt. Seine geschlossenen Haufen bewaffneter Maenner saeuberten nicht
bloss die Heilige Strasse und den Marktplatz, sondern wueteten auch, der
Befehle ihres milder gesinnten Fuehrers nicht achtend, in grauenhafter
Weise gegen die versammelten Massen. Der Marktplatz schwamm in Blut an
diesem "Octaviustag", wie niemals vor- oder nachher - auf zehntausend
schaetzte man die Zahl der Leichen. Cinna rief die Sklaven auf, sich
durch Teilnahme an dem Kampf die Freiheit zu erkaufen; aber sein Ruf war
ebenso erfolglos wie der gleiche des Marius das Jahr zuvor, und es blieb
den Fuehrern der Bewegung nichts uebrig, als zu fluechten. Weiter gegen
die Haeupter der Verschwoerung, solange ihr Amtsjahr lief, zu verfahren
gab die Verfassung kein Mittel an die Hand. Allein ein vermutlich mehr
loyaler als frommer Prophet hatte geweissagt, dass die Verbannung des
Konsuls Cinna und der sechs mit ihm haltenden Volkstribune dem Lande
Frieden und Ruhe wiedergeben werde; und in Gemaessheit zwar nicht
der Verfassung, aber wohl dieses gluecklich von den Orakelbewahrern
aufgefangenen Goetterratschlags wurde durch Beschluss des Senats der
Konsul Cinna seines Amtes entsetzt, an seiner Stelle Lucius
Cornelius Merula gewaehlt und gegen die fluechtigen Haeupter die Acht
ausgesprochen. Die ganze Krise schien damit endigen zu sollen, dass
die Zahl der ausgetretenen Maenner in Numidien um einige Koepfe sich
vermehrte. Ohne Zweifel waere auch bei der Bewegung nichts weiter
herausgekommen, wenn nicht teils der Senat in seiner gewoehnlichen
Schlaffheit es unterlassen haette, die Fluechtlinge rasch wenigstens zur
Raeumung Italiens zu noetigen, teils diese in der Lage gewesen waeren,
zu ihren Gunsten als der Verfechter der Emanzipation der Neubuerger
gewissermassen den Aufstand der Italiker zu erneuern. Ungehindert
erschienen sie in Tibur, in Praeneste, in allen bedeutenden
Neubuergergemeinden Latiums und Kampaniens und forderten und erhielten
ueberall zur Durchfuehrung der gemeinschaftlichen Sache Geld und
Mannschaft. So unterstuetzt zeigten sie sich bei der Belagerungsarmee
von Nola. Die Heere dieser Zeit waren demokratisch und revolutionaer
gesinnt, wo immer nicht der Feldherr durch seine imponierende
Persoenlichkeit sie an sich selber fesselte; die Reden der fluechtigen
Beamten, die ueberdies zum Teil, wie namentlich Cinna und Sertorius,
aus den letzten Feldzuegen in gutem Andenken bei den Soldaten standen,
machten tiefen Eindruck; die verfassungswidrige Absetzung des popularen
Konsuls, der Eingriff des Senats in die Rechte des souveraenen Volkes
wirkten auf den gemeinen Mann, und den Offizieren machte das Gold des
Konsuls oder vielmehr der Neubuerger den Verfassungsbruch deutlich. Das
kampanische Heer erkannte den Cinna als Konsul an und schwor ihm
Mann fuer Mann den Eid der Treue; es ward der Kern fuer die von
den Neubuergern und selbst den bundesgenoessischen Gemeinden
herbeistroemenden Scharen. Bald bewegten ansehnliche, wenn auch meistens
aus Rekruten bestehende Haufen sich von Kampanien auf die Hauptstadt zu.
Andere Schwaerme nahten ihr von Norden. Auf Cinnas Einladung waren
die das Jahr zuvor Verbannten bei Telamon an der etruskischen Kueste
gelandet. Es waren nicht mehr als etwa 500 Bewaffnete, groesstenteils
Sklaven der Fluechtlinge und geworbene numidische Reiter; aber Gaius
Marius, wie er das Jahr zuvor mit dem hauptstaedtischen Gesindel hatte
Gemeinschaft machen wollen, liess jetzt die Zwinghaeuser erbrechen, in
denen die Gutsbesitzer dieser Gegend ihre Feldarbeiter zur Nachtzeit
einschlossen, und die Waffen, die er diesen bot, um sich die Freiheit
zu erfechten, wurden nicht verschmaeht. Durch diese Mannschaft und
die Zuzuege der Neubuerger sowie der von allen Seiten mit ihrem Anhang
herbeistroemenden landfluechtigen Leute verstaerkt, zaehlte er bald 6000
Mann unter seinen Adlern und konnte vierzig Schiffe bemannen, die
sich vor die Tibermuendung legten und auf die nach Rom segelnden
Getreideschiffe Jagd machten. Mit diesen stellte er sich dem "Konsul"
Cinna zur Verfuegung. Die Fuehrer der kampanischen Armee schwankten;
die einsichtigeren, namentlich Sertorius, warnten ernstlich vor der
allzuengen Gemeinschaft mit einem Manne, der durch seinen Namen an die
Spitze der Bewegung gefuehrt werden musste und doch notorisch ebenso
jedes staatsmaennischen Handelns unfaehig wie von wahnsinnigem
Rachedurst gepeinigt war; indes Cinna achtete diese Bedenklichkeiten
nicht und bestaetigte dem Marius den Oberbefehl in Etrurien und zur See
mit prokonsularischer Gewalt. So zog sich das Gewitter um die Hauptstadt
zusammen, und es konnte nicht laenger verschoben werden, zu ihrem Schutz
die Regierungstruppen heranzuziehen ^1. Aber die Streitkraefte des
Metellus wurden in Samnium und vor Nola durch die Italiker festgehalten;
Strabo allein war imstande, der Hauptstadt zu Hilfe zu eilen. Er
erschien auch und schlug sein Lager am Collinischen Tor; mit seiner
starken und krieggewohnten Armee waere er wohl imstande gewesen, die
noch schwachen Insurgentenhaufen rasch und voellig zu vernichten; allein
dies schien nicht in seiner Absicht zu liegen. Vielmehr liess er es
geschehen, dass Rom von den Insurgenten in der Tat umstellt ward. Cinna
mit seinem Korps und dem des Carbo stellten sich am rechten Tiberufer
dem Ianiculum gegenueber auf, Sertorius am linken, Pompeius gegenueber
gegen den Servianischen Wall zu. Marius, mit seinem allmaehlich auf
drei Legionen angewachsenen Haufen und im Besitz einer Anzahl von
Kriegsschiffen, besetzte einen Kuestenplatz nach dem andern, bis zuletzt
sogar Ostia durch Verrat in seine Gewalt kam und, gleichsam zum Vorspiel
der herannahenden Schreckensherrschaft, der wilden Bande von dem
Feldherrn zu Mord und Pluenderung preisgegeben ward. Die Hauptstadt
schwebte, schon durch die blosse Hemmung des Verkehrs, in
grosser Gefahr; auf Befehl des Senats wurden Mauern und Tore in
Verteidigungszustand gesetzt und das Buergeraufgebot auf das Ianiculum
befehligt. Strabos Untaetigkeit erregte bei Vornehmen und Geringen
gleichmaessig Befremden und Entruestung. Der Verdacht, dass er mit Cinna
insgeheim unterhandle, lag nahe, war indes wahrscheinlich unbegruendet;
ein ernstliches Gefecht, das er dem Haufen des Sertorius lieferte, und
die Unterstuetzung, die er dem Konsul Octavius gewaehrte, als Marius
durch Einverstaendnis mit einem der Offiziere der Besatzung in das
Ianiculum eingedrungen war, und durch die es in der Tat gelang, die
Insurgenten mit starkem Verlust wieder hinauszuschlagen, bewiesen es,
dass er nichts weniger beabsichtigte, als sich den Insurgentenfuehrern
anzuschliessen oder vielmehr unterzuordnen. Vielmehr scheint seine
Absicht gewesen zu sein, der geaengsteten hauptstaedtischen Regierung
und Buergerschaft seinen Beistand gegen die Insurrektion um den Preis
des Konsulats fuer das naechste Jahr zu verkaufen und damit das Heft des
Regiments selber in die Haende zu bekommen. Der Senat war indes nicht
geneigt, um dem einen Usurpator zu entgehen, sich dem andern in die Arme
zu werfen, und suchte sich anderweitig zu helfen. Den saemtlichen, an
dem Aufstand der Bundesgenossen beteiligten italischen Gemeinden, die
die Waffen niedergelegt und infolgedessen ihr altes Buendnis eingebuesst
hatten, wurde durch Senatsbeschluss nachtraeglich das Buergerrecht
verliehen 2. Es schien gleichsam offiziell konstatiert werden zu sollen,
dass Rom in dem Krieg gegen die Italiker seine Existenz nicht um eines
grossen Zweckes, sondern um der eigenen Eitelkeit willen eingesetzt
hatte: in der ersten augenblicklichen Verlegenheit wurde, um ein paar
tausend Soldaten mehr auf die Beine zu bringen, alles aufgeopfert, was
in dem Bundesgenossenkrieg um so fuerchterlich teuren Preis errungen
worden war. In der Tat kamen auch Truppen aus den Gemeinden, denen diese
Nachgiebigkeit zugute kam; aber statt der versprochenen vielen Legionen
betrug ihr Zuzug im ganzen nicht mehr als hoechstens zehntausend Mann.
Wichtiger noch waere es gewesen, mit den Samniten und Nolanern zu
einem Abkommen zu gelangen, um die Truppen des durchaus zuverlaessigen
Metellus zum Schutze der Hauptstadt verwenden zu koennen. Allein die
Samniten stellten Forderungen, die an das Caudinische Joch erinnerten:
Rueckgabe des den Samniten abgenommenen Beuteguts und ihrer Gefangenen
und Ueberlaeufer; Verzicht auf die samnitischerseits den Roemern
entrissene Beute; Bewilligung des Buergerrechts an die Samniten selbst
sowie an die zu ihnen uebergetretenen Roemer. Der Senat verwarf selbst
in dieser Not so entehrende Friedensbedingungen, wies aber den noch
den Metellus an, mit Zuruecklassung einer kleinen Abteilung alle im
suedlichen Italien irgend entbehrlichen Truppen schleunigst selber nach
Rom zu fuehren. Er gehorchte; aber die Folge war, dass die Samniten den
gegen sie zurueckgelassenen Legaten des Metellus Plautius mit seinem
schwachen Haufen angriffen und schlugen, dass die nolanische Besatzung
ausrueckte und die benachbarte, mit Rom verbuendete Stadt Abella
in Brand steckte; dass ferner Cinna und Marius den Samniten alles
bewilligten, was sie begehrten - was lag ihnen an roemischer Ehre!
-und samnitischer Zuzug die Reihen der Insurgenten verstaerkte.
Ein empfindlicher Verlust war es auch, dass nach einem fuer die
Regierungstruppen ungluecklichen Gefecht Ariminum von den Insurgenten
besetzt und dadurch die wichtige Verbindung zwischen Rom und dem Potal,
von wo Mannschaft und Zufuhren erwartet wurden, unterbrochen ward.
Mangel und Hunger stellten sich ein. Die grosse volkreiche, stark mit
Truppen besetzte Stadt war nur ungenuegend mit Vorraeten versehen; und
namentlich Marius liess es sich angelegen sein, ihr die Zufuhr mehr
und mehr abzuschneiden. Schon frueher hatte er den Tiber durch eine
Schiffbruecke gesperrt; jetzt brachte er durch die Eroberung von
Antium, Lanuvium, Aricia und anderen Ortschaften die noch offenen
Landverbindungswege in seine Gewalt und kuehlte zugleich vorlaeufig
seine Rache, indem er, wo immer Gegenwehr geleistet worden war, die
gesamte Buergerschaft mit Ausnahme derer, die etwa die Stadt ihm
verraten hatten, ueber die Klinge springen liess. Ansteckende
Krankheiten waren die Folge der Not und raeumten in den dicht um die
Hauptstadt zusammengedraengten Heermassen fuerchterlich auf von Strabos
Veteranenheer sollen 11000, von den Truppen des Octavius 6000 Mann
denselben erlegen sein. Dennoch verzweifelte die Regierung nicht; und
ein glueckliches Ereignis fuer sie war Strabos ploetzlicher Tod. Er
starb an der Pest 3; die aus vielen Gruenden gegen ihn erbitterten
Massen rissen seinen Leichnam von der Bahre und schleiften ihn durch
die Strassen. Was von seinen Truppen uebrig war, vereinigte der Konsul
Octavius mit seiner Armee. Nach Metellus' Eintreffen und Strabos
Abscheiden war die Regierungsarmee wieder ihren Gegnern wenigstens
gewachsen und konnte am Albaner Gebirge gegen die Insurgenten zum Kampfe
sich stellen. Allein die Gemueter der Regierungssoldaten waren tief
erschuettert; als Cinna ihnen gegenueber erschien, empfingen sie ihn
mit Zuruf, als waere er noch ihr Feldherr und Konsul; Metellus fand
es geraten, es nicht auf die Schlacht ankommen zu lassen, sondern die
Truppen in das Lager zurueckzufuehren. Die Optimaten selbst wurden
unsicher und unter sich uneins. Waehrend eine Partei, an ihrer Spitze
der ehrenwerte, aber stoerrige und kurzsichtige Konsul Octavius,
sich beharrlich gegen jede Nachgiebigkeit setzte, versuchte der
kriegskundigere und verstaendigere Metellus einen Vergleich zustande zu
bringen; aber seine Zusammenkunft mit Cinna erregte den Zorn der Ultras
beider Parteien: Cinna hiess dem Marius ein Schwaechling, Metellus dem
Octavius ein Verraeter. Die Soldaten, ohnehin verstoert und nicht
ohne Ursache der Fuehrung des unerprobten Octavius misstrauend, sannen
Metellus an, den Oberbefehl zu uebernehmen, und begannen, da dieser
sich weigerte, haufenweise die Waffen wegzuwerfen oder gar zum Feind zu
desertieren. Die Stimmung der Buergerschaft wurde taeglich gedrueckter
und schwieriger. Auf den Ruf der Herolde Cinnas, dass den ueberlaufenden
Sklaven die Freiheit zugesichert sei, stroemten dieselben scharenweise
aus der Hauptstadt in das feindliche Lager. Dem Vorschlage aber, dass
der Senat den Sklaven, die in das Heer eintreten wuerden, die Freiheit
zusichern solle, widersetzte Octavius sich entschieden. Die Regierung
konnte es sich nicht verbergen, dass sie geschlagen war und dass nichts
uebrig blieb, als mit den Fuehrern der Bande womoeglich ein Abkommen
zu treffen, wie der ueberwaeltigte Wanderer es trifft mit dem
Raeuberhauptmann. Boten gingen an Cinna; allein da sie toerichterweise
Schwierigkeiten machten, ihn als Konsul anzuerkennen und Cinna waehrend
dieser Weiterungen sein Lager hart vor die Stadttore verlegte, so
griff das Ueberlaufen so sehr um sich, dass es nicht mehr moeglich war,
irgendwelche Bedingungen festzusetzen, sondern der Senat sich einfach
dem in die Acht erklaerten Konsul unterwarf, indem er nur die Bitte
hinzufuegte, des Blutvergiessens sich zu enthalten. Cinna sagte es zu,
aber weigerte sich, sein Versprechen eidlich zu bekraeftigen; Marius,
ihm zur Seite den Verhandlungen beiwohnend, verharrte in finsterem
Schweigen. ------------------------------------ ^1 Die ganze folgende
Darstellung beruht wesentlich auf dem neu aufgefundenen Bericht des
Licinianus, der eine Anzahl frueher unbekannter Tatsachen mitteilt und
vor allem die Folge und Verknuepfung dieser Vorgaenge deutlicher, als
bisher moeglich war, erkennen laesst. 2 3, 258. Dass eine Bestaetigung
durch die Komitien nicht stattfand, geht aus Cic. Phil. 12, 11, 27
hervor. Der Senat scheint sich der Form bedient zu haben, die Frist
des Plautisch-Papirischen Gesetzes einfach zu verlaengern, was ihm
nach Herkommen freistand und tatsaechlich hinauslief auf Erteilung
des Buergerrechts an alle Italiker. 3 Adflatus sidere wie Livius (nach
Obsequens 56) sagt, heisst "von der Pest ergriffen" (Petr. 2; Plin.
nat. 2, 41, 108; Liv. 8, 9, 12), nicht "vom Blitz getroffen", wie
die Spaeteren es missverstanden haben.
------------------------------------------------- Die Tore der
Hauptstadt oeffneten sich. Der Konsul zog ein mit seinen Legionen; aber
Marius, spoettisch erinnernd an das Achtgesetz, weigerte sich, die Stadt
zu betreten, bevor das Gesetz es ihm gestatte, und eilig versammelten
sich die Buerger auf dem Markt, um den kassierenden Beschluss zu fassen.
So kam er denn und mit ihm die Schreckensherrschaft. Es war beschlossen,
nicht einzelne Opfer auszuwaehlen, sondern die namhaften Maenner
der Optimatenpartei saemtlich niedermachen zu lassen und ihre Gueter
einzuziehen. Die Tore wurden gesperrt; fuenf Tage und fuenf Naechte
waehrte unausgesetzt die Schlaechterei; einzelne Entkommene oder
Vergessene wurden auch nachher noch taeglich erschlagen und monatelang
ging die Blutjagd durch ganz Italien. Der Konsul Gnaeus Octavius war das
erste Opfer. Seinem oft ausgesprochenen Grundsatz getreu, lieber den