durch Makedonien und Thrakien nach Asien zu gelangen und dort durch
Ueberwaeltigung Mithradats sich den Weg zu weiteren Erfolgen zu bahnen.
Dass Sulla den schwaecheren Gegner ungehindert abziehen liess und, statt
ihm zu folgen, vielmehr zurueck nach Athen ging, wo er den Winter
668/69 (86/85) verweilt zu haben scheint, ist militaerisch betrachtet
auffallend; vielleicht darf man annehmen, dass auch hier politische
Beweggruende ihn leiteten und er gemaessigt und Patriotisch genug
dachte, um wenigstens so lange, als man doch mit den Asiaten zu tun
hatte, gern einen Sieg ueber die Landsleute zu vermeiden und die
ertraeglichste Loesung der leidigen Verwicklung darin zu finden, wenn
die Revolutionsarmee in Asien, die der Oligarchie in Europa mit dem
gemeinschaftlichen Feinde stritt. Mit dem Fruehling 669 (85) gab es
in Europa wieder neue Arbeit. Mithradates, der in Kleinasien seine
Ruestungen unermuedlich fortsetzte, hatte eine, der bei Chaeroneia
aufgeriebenen an Zahl nicht viel nachstehende Armee unter Dorylaos
nach Euboea gesandt; von dort war dieselbe in Verbindung mit den
Ueberbleibseln der Armee des Archelaos ueber den Euripos nach Boeotien
gegangen. Der pontische Koenig, der in den Siegen ueber die
bithynische und die kappadokische Miliz den Massstab fand fuer die
Leistungsfaehigkeit seiner Armee, begriff die unguenstige Wendung
nicht, die die Dinge in Europa nahmen; schon fluesterten die Kreise der
Hoeflinge von Verrat des Archelaos; peremtorischer Befehl war gegeben,
mit der neuen Armee sofort eine zweite Schlacht zu liefern und nun
unfehlbar die Roemer zu vernichten. Der Wille des Herrn geschah,
wo nicht im Siegen, doch wenigstens im Schlagen. Abermals in der
Kephissosebene bei Orchomenos, begegneten sich die Roemer und die
Asiaten. Die zahlreiche und vortreffliche Reiterei der letzteren warf
sich ungestuem auf das roemische Fussvolk, das zu schwanken und zu
weichen begann; die Gefahr ward so dringend, dass Sulla ein Feldzeichen
ergriff und mit seinen Adjutanten und Ordonnanzen gegen den Feind
vorgehend mit lauter Stimme den Soldaten zurief, wenn man daheim sie
frage, wo sie ihren Feldherrn im Stich gelassen haetten, so moechten sie
antworten: bei Orchomenos. Dies wirkte; die Legionen standen wieder und
ueberwaeltigten die feindlichen Reiter, worauf auch die Infanterie mit
leichter Muehe geworfen ward. Am folgenden Tage wurde das Lager der
Asiaten umstellt und erstuermt; der weitaus groesste Teil derselben
fiel oder kam in den Kopaischen Suempfen um; nur wenige, unter ihnen
Archelaos, gelangten nach Euboea. Die boeotischen Gemeinden hatten
den abermaligen Abfall von Rom schwer, zum Teil bis zur Vernichtung zu
buessen. Dem Einmarsch in Makedonien und Thrakien stand nichts im Wege:
Philippi ward besetzt, Abdera von der pontischen Besatzung freiwillig
geraeumt, ueberhaupt das europaeische Festland von den Feinden
gesaeubert. Am Ende des dritten Kriegsjahres (669 85) konnte Sulla
Winterquartiere in Thessalien beziehen, um im Fruehjahr 670 (84) 9 den
asiatischen Feldzug zu beginnen, zu welchem Ende er Befehl gab, in
den thessalischen Haefen Schiffe zu bauen.
----------------------------------------- 9 Die Chronologie dieser
Ereignisse liegt, wie alle Einzelheiten ueberhaupt, in einem Dunkel, das
die Forschung hoechstens bis zur Daemmerung zu zerstreuen vermag. Dass
die Schlacht von Chaeroneia, wenn auch nicht an demselben Tage wie die
Erstuermung von Athen (Paus. 1, 20), doch bald nachher, etwa im Maerz
668 (86), stattfand, ist ziemlich sicher. Dass die darauf folgende
thessalische und die zweite boeotische Kampagne nicht bloss den Rest
des Jahres 668 (86), sondern auch das ganze Jahr 669 (85) in Anspruch
nahmen, ist an sich wahrscheinlich und wird es noch mehr dadurch, dass
Sullas Unternehmungen in Asien nicht genuegen, um mehr als einen Feldzug
auszufuellen. Auch scheint Licinianus anzudeuten, dass Sulla fuer
den Winter 668/69 (86/85) wieder nach Athen zurueckging und hier die
Untersuchungen und Bestrafungen vornahm; worauf dann die Schlacht von
Orchomenos erzaehlt wird. Darum ist der Uebergang Sullas nach
Asien nicht 669 (85), sondern 670 (84) gesetzt worden.
-------------------------------------------- Inzwischen hatten auch die
kleinasiatischen Verhaeltnisse sich wesentlich geaendert. Wenn Koenig
Mithradates einst aufgetreten war als der Befreier der Hellenen, wenn er
mit Foerderung der staedtischen Unabhaengigkeit und mit Steuererlassen
seine Herrschaft eingeleitet hatte, so war auf diesen kurzen Taumel nur
zu rasch und nur zu bitter die Enttaeuschung gefolgt. Sehr bald war er
in seinem wahren Charakter hervorgetreten und hatte eine die Tyrannei
der roemischen Voegte weit ueberbietende Zwingherrschaft zu ueben
begonnen, die sogar die geduldigen Kleinasiaten zu offener Auflehnung
trieb. Der Sultan griff dagegen wieder zu den gewaltsamsten Mitteln.
Seine Verordnungen verliehen den zugewandten Ortschaften die
Selbstaendigkeit, den Insassen das Buergerrecht, den Schuldnern vollen
Schuldenerlass, den Besitzlosen Aecker, den Sklaven die Freiheit; an
15000 solcher freigelassener Sklaven fochten im Heer des Archelaos.
Die fuerchterlichsten Szenen waren die Folge dieser von oben herab
erfolgenden Umwaelzung aller bestehenden Ordnung. Die ansehnlichsten
Kaufstaedte, Smyrna, Kolophon, Ephesos, Tralleis, Sardeis, schlossen den
Voegten des Koenigs die Tore oder brachten sie um und erklaerten sich
fuer Rom ^10. Dagegen liess der koenigliche Vogt Diodoros, ein namhafter
Philosoph wie Aristion, von anderer Schule, aber gleich brauchbar
zur schlimmsten Herrendienerei, im Auftrag seines Herrn den gesamten
Stadtrat von Adramytion niedermachen. Die Chier, die der Hinneigung
zu Rom verdaechtig schienen, wurden zunaechst um 2000 Talente (3150000
Taler) gebuesst und, da die Zahlung nicht richtig befunden wurde, in
Masse auf Schiffe gesetzt und gebunden, unter Aufsicht ihrer eigenen
Sklaven, an die kolchische Kueste deportiert, waehrend ihre Insel mit
pontischen Kolonisten besetzt ward. Die Haeuptlinge der kleinasiatischen
Kelten befahl der Koenig saemtlich an einem Tage mit ihren Weibern
und Kindern umzubringen und Galatien in eine pontische Satrapie zu
verwandeln. Die meisten dieser Blutbefehle wurden auch entweder an
Mithradates' eigenem Hoflager oder im galatischen Lande vollstreckt,
allein die wenigen Entronnenen stellten sich an die Spitze ihrer
kraeftigen Staemme und schlugen den Statthalter des Koenigs, Eumachos,
aus ihren Grenzen hinaus. Dass diesen Koenig die Dolche der Moerder
verfolgten, ist begreiflich; sechzehnhundert Menschen wurden als in
solche Komplotte verwickelt von den koeniglichen Untersuchungsgerichten
zum Tode verurteilt. -----------------------------------------------
^10 Es ist kuerzlich (Waddington, Zusaetze zu Lebas, 3, 136a) der
desfaellige Beschluss der Buergerschaft von Ephesos aufgefunden worden.
Sie seien, erklaeren die Buerger, in die Gewalt des "Koenigs von
Kappadokien" Mithradates geraten, erschreckt durch die Masse seiner
Streitkraefte und die Ploetzlichkeit seines Angriffs; wie aber die
Gelegenheit dazu sich darbiete, erklaerten sie "fuer die Herrschaft
(/e/gemonia) der Roemer und die gemeine Freiheit" ihm den Krieg.
---------------------------------------------- Wenn also der Koenig
durch dies selbstmoerderische Wueten seine derzeitigen Untertanen gegen
sich unter die Waffen rief, so begannen gleichzeitig die Roemer auch in
Asien, ihn zur See und zu Lande zu draengen. Lucullus hatte, nachdem
der Versuch, die aegyptische Flotte gegen Mithradates vorzufuehren,
gescheitert war, sein Bemuehen, sich Kriegsschiffe zu verschaffen,
in den syrischen Seestaedten mit besserem Erfolg wiederholt und seine
werdende Flotte in den kyprischen, pamphylischen und rhodischen Haefen
verstaerkt, bis er sich stark genug fand, zum Angriff ueberzugehen.
Gewandt vermied er es, mit ueberlegenen Streitkraeften sich zu messen
und errang dennoch nicht unbedeutende Erfolge. Die knidische Insel und
Halbinsel wurden von ihm besetzt, Samos angegriffen, Kolophon und Chios
den Feinden entrissen. Inzwischen war auch Flaccus mit seiner Armee
durch Makedonien und Thrakien nach Byzantion und von dort, die Meerenge
passierend, nach Kalchedon gelangt (Ende 668 86). Hier brach gegen den
Feldherrn eine Militaerinsurrektion aus, angeblich weil er den Soldaten
die Beute unterschlug; die Seele derselben war einer der hoechsten
Offiziere des Heeres, ein Mann, dessen Name in Rom sprichwoertlich
geworden war fuer den rechten Poebelredner, Gaius Flavius Fimbria,
welcher, nachdem er mit seinem Oberfeldherrn sich entzweit hatte, das
auf dem Markt begonnene Demagogengeschaeft ins Lager uebertrug. Flaccus
ward von dem Heer abgesetzt und bald nachher in Nikomedeia unweit
Kalchedon getoetet; an seine Stelle trat nach Beschluss der Soldaten
Fimbria. Es versteht sich, dass er seinen Leuten alles nachsah: in dem
befreundeten Kyzikos zum Beispiel ward der Buergerschaft befohlen,
ihre gesamte Habe an die Soldaten bei Todesstrafe auszuliefern und zum
warnenden Exempel zwei der angesehensten Buerger sogleich vorlaeufig
hingerichtet. Allein militaerisch war der Wechsel des Oberbefehls
dennoch ein Gewinn; Fimbria war nicht wie Flaccus ein unfaehiger
General, sondern energisch und talentvoll. Bei Miletopolis (am Rhyndakos
westlich von Brussa) schlug er den juengeren Mithradates, der
als Statthalter der pontischen Satrapie ihm entgegengezogen war,
vollstaendig in einem naechtlichen Ueberfall und oeffnete sich durch
diesen Sieg den Weg nach der Hauptstadt sonst der roemischen Provinz,
jetzt des pontischen Koenigs, Pergamon, von wo er den Koenig vertrieb
und ihn zwang, sich nach dem wenig entfernten Hafen Pitane zu retten, um
dort sich einzuschiffen. Eben jetzt erschien Lucullus mit seiner Flotte
in diesen Gewaessern; Fimbria beschwor ihn, durch seinen Beistand ihm
die Gefangennehmung des Koenigs moeglich zu machen. Aber der Optimat
war maechtiger in Lucullus als der Patriot; er segelte weiter, und der
Koenig entkam nach Mytilene. Auch so war Mithradates' Lage bedraengt
genug. Am Ende des Jahres 669 (85) war Europa verloren, Kleinasien
gegen ihn teils im Aufstand begriffen, teils von einem roemischen Heer
eingenommen und er selbst von diesem in unmittelbarer Naehe bedroht.
Die roemische Flotte unter Lucullus hatte an der Kueste der troischen
Landschaft in zwei gluecklichen Seegefechten am Vorgebirg Lekton und
bei der Insel Tenedos ihre Stellung behauptet; sie zog daselbst die
inzwischen nach Sullas Anordnung in Thessalien erbauten Schiffe an
sich und verbuergte in ihrer den Hellespont beherrschenden Stellung dem
Feldherrn der roemischen Senatsarmee fuer das naechste Fruehjahr den
sicheren und bequemen Uebergang nach Asien. Mithradates versuchte zu
unterhandeln. Unter anderen Verhaeltnissen zwar haette der Urheber des
ephesischen Mordedikts nie und nimmermehr hoffen duerfen, zum Frieden
mit Rom gelassen zu werden; allein bei den inneren Konvulsionen der
roemischen Republik, wo die herrschende Regierung den gegen Mithradates
ausgesandten Feldherrn in die Acht erklaert hatte und daheim gegen seine
Parteigenossen in der grauenhaftesten Weise wuetete, wo ein roemischer
General gegen den andern und doch wieder beide gegen denselben Feind
standen, hoffte er nicht bloss einen Frieden, sondern einen guenstigen
Frieden erlangen zu koennen. Er hatte die Wahl, sich an Sulla oder an
Fimbria zu wenden; mit beiden liess er unterhandeln, doch scheint seine
Absicht von Haus aus gewesen zu sein, mit Sulla abzuschliessen,
der wenigstens in dem Horizont des Koenigs als seinem Nebenbuhler
entschieden ueberlegen erschien. Sein Feldherr Archelaos forderte nach
Anweisung seines Herrn Sulla auf, Asien an den Koenig abzutreten und
dafuer die Hilfe desselben gegen die demokratische Partei in Rom zu
gewaertigen. Aber Sulla, kuehl und klar wie immer, wuenschte zwar wegen
der Lage der Dinge in Italien dringend die schleunige Erledigung der
asiatischen Angelegenheiten, schlug aber die Vorteile der kappadokischen
Allianz fuer den ihm in Italien bevorstehenden Krieg sehr niedrig an
und war ueberhaupt viel zu sehr Roemer, um in eine so entehrende und so
nachteilige Abtretung zu willigen. In den Friedenskonferenzen, die
im Winter 669/70 (85/84) zu Delion an der boeotischen Kueste, Euboea
gegenueber, stattfanden, weigerte er sich bestimmt, auch nur einen
Fussbreit Landes abzutreten, ging aber, der alten roemischen Sitte, die
vor dem Kampfe erhobenen Forderungen nach dem Siege nicht zu steigern,
aus gutem Grunde getreu, ueber die frueher gestellten Bedingungen nicht
hinaus. Er forderte die Rueckgabe aller von dem Koenig gemachten und ihm
noch nicht wiederentrissenen Eroberungen, Kappadokiens, Paphlagoniens,
Galatiens, Bithyniens, Kleinasiens und der Inseln, die Auslieferung der
Gefangenen und Ueberlaeufer, die Uebergabe der achtzig Kriegsschiffe des
Archelaos zur Verstaerkung der immer noch geringen roemischen Flotte,
endlich Sold und Verpflegung fuer das Heer und Ersatz der Kriegskosten
mit der sehr maessigen Summe von 3000 Talenten (4_ Mill. Taler). Die
nach dem Schwarzen Meer weggefuehrten Chier sollten heimgesandt,
den roemisch gesinnten Makedoniern ihre weggefuehrten Familien
zurueckgegeben, den mit Rom verbuendeten Staedten eine Anzahl
Kriegsschiffe zugestellt werden. Von Tigranes, der streng genommen
gleichfalls mit in den Frieden haette eingeschlossen werden sollen,
schwieg man auf beiden Seiten, da an den endlosen Weiterungen, die seine
Beiziehung machen musste, keinem der kontrahierenden Teile gelegen war.
Der Besitzstand also, den der Koenig vor dem Kriege gehabt hatte, blieb
ihm und es ward ihm keine ehrenkraenkende Demuetigung angesonnen ^11.
Archelaos, deutlich erkennend, dass verhaeltnismaessig unerwartet viel
erreicht und mehr nicht zu erreichen sei, schloss auf diese Bedingungen
die Praeliminarien und den Waffenstillstand ab und zog die Truppen aus
den Plaetzen heraus, die die Asiaten noch in Europa innehatten. Allein
Mithradates verwarf den Frieden und begehrte wenigstens, dass die Roemer
auf die Auslieferung der Kriegsschiffe verzichten und ihm Paphlagonien
einraeumen wollten; indem er zugleich geltend machte, dass Fimbria ihm
weit guenstigere Bedingungen zu gewaehren bereit sei. Sulla, beleidigt
durch dies Gleichstellen seiner Anerbietungen mit denen eines amtlosen
Abenteurers und bei dem aeussersten Mass der Nachgiebigkeit bereits
angelangt, brach die Unterhandlungen ab. Er hatte die Zwischenzeit
benutzt, um Makedonien wiederzuordnen und die Dardaner, Sinter, Maeder
zu zuechtigen, wobei er zugleich seinem Heer Beute verschaffte und sich
Asien naeherte; denn dahin zu gehen war er auf jeden Fall entschlossen,
um mit Fimbria abzurechnen. Nun setzte er sofort seine in Thrakien
stehenden Legionen sowie seine Flotte in Bewegung nach dem Hellespont.
Da endlich gelang es Archelaos, seinem eigensinnigen Herrn die
widerstrebende Einwilligung zu dem Traktat zu entreissen; wofuer er
spaeter am koeniglichen Hofe als der Urheber des nachteiligen Friedens
scheel angesehen, ja des Verrats bezichtigt ward, so dass einige Zeit
nachher er sich genoetigt sah, das Land zu raeumen und zu den Roemern zu
fluechten, die ihn bereitwillig aufnahmen und mit Ehren ueberhaeuften.
Auch die roemischen Soldaten murrten; dass die gehoffte asiatische
Kriegsbeute ihnen entging, mochte dazu freilich mehr beitragen als der
an sich wohl gerechtfertigte Unwille, dass man den Barbarenfuersten,
der achtzigtausend ihrer Landsleute ermordet und ueber Italien und Asien
unsaegliches Elend gebracht hatte, mit dem groessten Teil der in Asien
zusammengepluenderten Schaetze ungestraft abziehen liess in seine
Heimat. Sulla selbst mag es schmerzlich empfunden haben, dass die
politischen Verwicklungen seine militaerisch so einfache Aufgabe in
peinlichster Weise durchkreuzten und ihn zwangen, nach solchen Siegen
sich mit einem solchen Frieden zu begnuegen. Indes zeigt sich die
Selbstverleugnung und die Einsicht, mit der er diesen ganzen Krieg
gefuehrt hat, nur aufs neue in diesem Friedensschluss; denn der Krieg
gegen einen Fuersten, dem fast die ganze Kueste des Schwarzen Meeres
gehorchte und dessen Starrsinn noch die letzten Verhandlungen deutlich
offenbarten, nahm selbst im guenstigsten Fall Jahre in Anspruch, und die
Lage Italiens war von der Art, dass es fast schon fuer Sulla zu spaet
schien, um mit den wenigen Legionen, die er besass, der dort regierenden
Partei entgegenzutreten ^12. Indes bevor dies geschehen konnte, war es
schlechterdings notwendig, den kecken Offizier niederzuwerfen, der
in Asien an der Spitze der demokratischen Armee stand, damit derselbe
nicht, wie Sulla jetzt von Asien aus die. italische Revolution zu
unterdruecken hoffte, so dereinst ebenfalls von Asien aus derselben zu
Hilfe komme. Bei Kypsela am Hebros erreichte Sulla die Nachricht von
der Ratifikation des Friedens durch Mithradates; allein der Marsch nach
Asien ging weiter. Der Koenig, hiess es, wuensche persoenlich mit
dem roemischen Feldherrn zusammenzutreffen und den Frieden mit ihm zu
vereinbaren; vermutlich war dies nichts als ein schicklicher Vorwand,
um das Heer nach Asien ueberzufuehren und dort mit Fimbria ein Ende zu
machen. So ueberschritt Sulla, begleitet von seinen Legionen und von
Archelaos, den Hellespont; nachdem er am asiatischen Ufer desselben in
Dardanos mit Mithradates zusammengetroffen war und muendlich den
Vertrag abgeschlossen hatte, liess er den Marsch fortsetzen, bis er
bei Thyateira unweit Pergamon auf das Lager des Fimbria traf. Hart an
demselben schlug er das seinige auf. Die Sullanischen Soldaten, an Zahl,
Zucht, Fuehrung und Tuechtigkeit den Fimbrianern weit ueberlegen, sahen
mit Verachtung auf die verzagten und demoralisierten Haufen und deren
unberufenen Oberfeldherrn. Die Desertionen unter den Fimbrianern
wurden immer zahlreicher. Als Fimbria anzugreifen befahl, weigerten
die Soldaten sich, gegen ihre Mitbuerger zu fechten, ja sogar den
geforderten Eid, treulich im Kampf zusammenzustehen, in seine Haende
abzulegen. Ein Mordversuch auf Sulla schlug fehl; zu der von Fimbria
erbetenen Zusammenkunft erschien Sulla nicht, sondern begnuegte sich,
ihm durch einen seiner Offiziere eine Aussicht auf persoenliche Rettung
zu eroeffnen. Fimbria war eine frevelhafte Natur, aber keine Memme;
statt das von Sulla ihm angebotene Schiff anzunehmen und zu den Barbaren
zu fliehen, ging er nach Pergamon und fiel im Tempel des Asklepios in
sein eigenes Schwert. Die kompromittiertesten aus seinem Heer begaben
sich zu Mithradates oder zu den Piraten, wo sie bereitwillige
Aufnahme fanden; die Masse stellte sich unter die Befehle Sullas.
----------------------------------------------- ^11 Die Angabe, dass
Mithradates den Staedten, die seine Partei ergriffen hatten im Frieden
Straflosigkeit ausbedungen habe (Memn. 35), erscheint schon nach dem
Charakter des Siegers wie des Besiegten wenig glaublich und fehlt
auch bei Appian wie bei Licinianus. Die schriftliche Abfassung des
Friedensvertrages ward versaeumt, was spaeter zu vielen Entstellungen
benutzt ward. ^12 Auch die armenische Tradition kennt den Ersten
Mithradatischen Krieg. Koenig Ardasches von Armenien, berichtet Moses
von Khorene, begnuegte sich nicht mit dem zweiten Rang, der ihm im
Persischen (Parthischen) Reich von Rechts wegen zukam, sondern zwang den
Partherkoenig Arschagan, ihm die hoechste Gewalt abzutreten, worauf
er in Persien sich einen Palast bauen und daselbst Muenzen mit eigenem
Bildnis schlagen liess und den Arschagan zum Unterkoenig Persiens,
seinen Sohn Dicran (Tigranes) zum Unterkoenig Armeniens bestellte, seine
Tochter Ardaschama aber vermaehlte mit dem Grossfuersten der Iberer
Mihrdates (Mithradates), der von dem Mihrdates, Satrapen des Dareios und
Statthalters Alexanders ueber die besiegten Iberer, abstammte und in den
noerdlichen Bergen sowie ueber das Schwarze Meer befahl. Ardasches nahm
darauf den Koenig der Lydier Kroesos gefangen, unterwarf das Festland
zwischen den beiden grossen Meeren (Kleinasien) und ging ueber das Meer
mit unzaehligen Schiffen, um den Westen zu bezwingen. Da in Rom damals
Anarchie war, fand er nirgends ernstlichen Widerstand, aber seine
Soldaten brachten einander um und Ardasches fiel von der Hand seiner
Leute. Nach Ardasches' Tode rueckte sein Nachfolger Dicran gegen die
Armee der Griechen (d. i. der Roemer), die jetzt ihrerseits in das
armenische Land eindrangen; er setzte ihrem Vordringen ein Ziel,
uebergab seinem Schwager Mithradates die Verwaltung von Madschag
(Mazaka in Kappadokien) und des Binnenlandes nebst einer ansehnlichen
Streitmacht und kehrte zurueck nach Armenien. Viele Jahre spaeter zeigte
man noch in den armenischen Staedten Statuen griechischer Goetter von
bekannten Meistern, Siegeszeichen aus diesem Feldzug. Man erkennt hier
verschiedene Tatsachen des Ersten Mithradatischen Kriegs ohne
Muehe wieder, aber die ganze Erzaehlung ist augenscheinlich
durcheinandergeworfen, mit fremdartigen Zusaetzen ausgestattet und
namentlich durch patriotische Faelschung auf Armenien uebertragen. Ganz
ebenso wird spaeter der Sieg ueber Crassus den Armeniern beigelegt.
Diese orientalischen Nachrichten sind mit um so groesserer Vorsicht
aufzunehmen, als sie keineswegs reine Volkssage sind, sondern teils
die Nachrichten des Josephus, Eusebius und anderer, den Christen des
fuenften Jahrhunderts gelaeufiger Quellen darin mit den armenischen
Traditionen verschmolzen, teils auch die historischen Romane der
Griechen und ohne Frage auch die eigenen patriotischen Phantasien des
Moses dafuer ansehnlich in Kontribution gesetzt sind. So schlecht unsere
okzidentalische Ueberlieferung an sich ist, so kann die Zuziehung der
orientalischen in diesem und in aehnlichen Faellen, wie zum Beispiel der
unkritische Saint-Martin sie versucht hat, doch nur dahin fuehren,
sie noch staerker zu trueben.
--------------------------------------------------- Sulla beschloss,
diese beiden Legionen, denen er fuer den bevorstehenden Krieg doch nicht
traute, in Asien zurueckzulassen, wo die entsetzliche Krise noch lange
in den einzelnen Staedten und Landschaften nachzitterte. Das Kommando
ueber dieses Korps und die Statthalterschaft im roemischen Asien
uebergab er seinem besten Offizier Lucius Licinius Murena. Die
revolutionaeren Massregeln Mithradats, wie die Befreiung der Sklaven
und die Kassation der Forderungen, wurden natuerlich aufgehoben; eine
Restauration, die freilich an vielen Orten nicht ohne Waffengewalt
durchgesetzt werden konnte. Die Staedte des oestlichen Grenzgebiets
unterlagen einer durchgreifenden Reorganisation und rechneten seit
dem Jahre 670 (84) als dem ihrer Konstituierung. Es ward ferner
Gerechtigkeit geuebt, wie die Sieger sie verstanden. Die namhaftesten
Anhaenger Mithradats und die Urheber der an den Italikern veruebten
Mordtaten traf die Todesstrafe. Die Steuerpflichtigen mussten die
saemtlichen von den letzten fuenf Jahren her rueckstaendigen Zehnten und
Zoelle sofort nach Abschaetzung bar erlegen; ausserdem hatten sie eine
Kriegsentschaedigung von 20000 Talenten (32 Mill. Talern) zu entrichten,
zu deren Eintreibung Lucius Lucullus zurueckblieb. Es waren die
Massregeln von furchtbarer Strenge und schrecklichen Folgen; wenn man
sich indes des ephesischen Dekrets und seiner Exekution erinnert, so
fuehlt man sich geneigt, dieselben als eine verhaeltnismaessig noch