wenn nicht unschuldige, so doch wehrlose Maenner, Frauen und Kinder mit
kaltem Blut an einem Tage in Kleinasien geschlachtet - eine grauenvolle
Exekution, bei welcher die gute Gelegenheit, der Schulden sich zu
entledigen und die dem Sultan zu jedem Henkerdienst bereite asiatische
Schergenwillfaehrigkeit wenigstens ebensosehr mitgewirkt haben wie das
vergleichungsweise edle Gefuehl der Rache. Politisch war diese Massregel
nicht bloss ohne jeden vernuenftigen Zweck - denn der finanzielle liess
auch ohne diesen Blutbefehl sich erreichen, und die Kleinasiaten
waren selbst durch das Bewusstsein der aergsten Blutschuld nicht zum
kriegerischen Eifer zu treiben -, sondern sogar zweckwidrig, indem
sie einerseits den roemischen Senat, soweit er irgend noch der Energie
faehig war, zur ernstlichen Kriegfuehrung zwang, andererseits nicht
bloss die Roemer traf, sondern ebensogut des Koenigs natuerliche
Bundesgenossen, die nichtroemischen Italiker. Es ist dieser ephesische
Mordbefehl durchaus nichts als ein zweckloser Akt der tierisch blinden
Rache, welcher nur durch die kolossalen Proportionen, in denen hier der
Sultanismus auftritt, einen falschen Schein von Grossartigkeit erhaelt.
--------------------------------------------------- 7 Die Urheber der
Gefangennehmung und Auslieferung des Aquillius traf fuenfundzwanzig
Jahre spaeter die Vergeltung, indem sie nach Mithradates' Tode
dessen Sohn Pharnakes an die Roemer uebergab.
--------------------------------------------------- Ueberhaupt ging des
Koenigs Sinn hoch; aus Verzweiflung hatte er den Krieg begonnen, aber
der unerwartet leichte Sieg, das Ausbleiben des gefuerchteten Sulla
liessen ihn uebergehen zu den hochfahrendsten Hoffnungen. Er richtete
sich haeuslich in Vorderasien ein; der Sitz des roemischen Statthalters,
Pergamon, ward seine neue Hauptstadt; das alte Reich von Sinope wurde
als Statthalterschaft an des Koenigs Sohn Mithradates zur Verwaltung
uebergeben; Kappadokien, Phrygien, Bithymen wurden organisiert als
pontische Satrapien. Die Grossen des Reichs und des Koenigs Guenstlinge
wurden mit reichen Gaben und Lehen bedacht und saemtlichen Gemeinden
nicht bloss die rueckstaendigen Steuern erlassen, sondern auch
Steuerfreiheit auf fuenf Jahre zugesichert - eine Massregel, die ebenso
verkehrt war wie die Ermordung der Roemer, wenn der Koenig dadurch
sich die Treue der Kleinasiaten zu sichern meinte. Freilich fuellte des
Koenigs Schatz ohnehin sich reichlich durch die unermesslichen Summen,
die aus dem Vermoegen der Italiker und anderen Konfiskationen einkamen;
wie denn z. B. allein auf Kos 800 Talente (1250000 Taler), welche die
Juden dort deponiert hatten, von Mithradates weggenommen wurden. Der
noerdliche Teil von Kleinasien und die meisten dazu gehoerigen Inseln
waren in des Koenigs Gewalt; ausser einigen kleinen paphlagonischen
Dynasten gab es hier kaum einen Bezirk, der noch zu Rom hielt; das
gesamte Aegaeische Meer ward beherrscht von seinen Flotten. Nur der
Suedwesten, die Staedtebuende von Karien und Lykien und die Stadt
Rhodos widerstanden ihm. In Karien ward zwar Stratonikeia mit den Waffen
bezwungen; Magnesia am Sipylos aber bestand gluecklich eine schwere
Belagerung, bei welcher Mithradates' tuechtigster Offizier Archelaos
geschlagen und verwundet ward. Rhodos, der Zufluchtsort der aus Asien
entkommenen Roemer, unter ihnen des Statthalters Lucius Cassius,
wurde von Mithradates zu Wasser und zu Lande mit ungeheurer Uebermacht
angegriffen. Aber seine Seeleute, so mutig sie unter den Augen des
Koenigs ihre Pflicht taten, waren ungeschickte Neulinge, und es kam vor,
dass rhodische Geschwader vielfach staerkere pontische ueberwanden
und mit erbeuteten Schiffen heimkehrten. Auch zu Lande rueckte die
Belagerung nicht vor; nachdem ein Teil der Arbeiten zerstoert worden
war, gab Mithradates das Unternehmen auf und die wichtige Insel sowie
das gegenueberliegende Festland blieben in den Haenden der Roemer. Aber
nicht bloss die asiatische Provinz wurde, hauptsaechlich infolge der
zur ungelegensten Zeit ausbrechenden Sulpicischen Revolution, fast
unverteidigt von Mithradates besetzt, sondern derselbe richtete schon
den Angriff auch gegen Europa. Bereits seit dem Jahre 662 (92) hatten
die Grenznachbarn Makedoniens gegen Norden und Osten ihre Einfaelle mit
auffallender Heftigkeit und Streitigkeit erneuert; in den Jahren 664,
665 (90, 89) ueberrannten die Thraker. Makedonien und ganz Epeiros und
pluenderten den Tempel von Dodona. Noch auffallender ist es, dass damit
noch einmal der Versuch verbunden ward, einen Praetendenten auf den
makedonischen Thron in der Person eines gewissen Euphenes aufzustellen.
Mithradates, der von der Krim aus Verbindungen mit den Thrakern
unterhielt, war all diesen Vorgaengen schwerlich fremd. Zwar erwehrte
sich der Praetor Gaius Sentius mit Hilfe der thrakischen Dentheleten
dieser Eingedrungenen; allein es dauerte nicht lange, dass ihm
maechtigere Gegner kamen. Mithradates hatte, fortgerissen von seinen
Erfolgen, den kuehnen Entschluss gefasst, wie Antiochos den Krieg um die
Herrschaft ueber Asien in Griechenland zur Entscheidung zu bringen, und
zu Lande oder zur See den Kern seiner Truppen dorthin dirigiert. Sein
Sohn Ariarathes drang von Thrakien aus in das schwach verteidigte
Makedonien ein, unterwegs die Landschaft unterwerfend und in pontische
Satrapien einteilend. Abdera, Philippi wurden Hauptstuetzpunkte
der pontischen Waffen in Europa. Die pontische Flotte, gefuehrt von
Mithradates' bestem Feldherrn Archelaos, erschien im Aegaeischen Meer,
wo kaum ein roemisches Segel zu finden war. Delos, der Stapelplatz des
roemischen Handels in diesen Gewaessern, ward besetzt und bei 20000
Menschen, groesstenteils Italiker, daselbst niedergemetzelt; Euboea
erlitt ein gleiches Schicksal; bald waren oestlich vom Malfischen
Vorgebirg alle Inseln in Feindes Hand; man konnte weitergehen zum
Angriff auf das Festland selbst. Zwar den Angriff, den die pontische
Flotte von Euboea aus auf das wichtige Demetrias machte, schlug Bruttius
Sura, der tapfere Unterfeldherr des Statthalters von Makedonien, mit
seiner Handvoll Leute und wenigen zusammengerafften Schiffen ab und
besetzte sogar die Insel Skiathos: aber er konnte nicht verhindern, dass
der Feind im eigentlichen Griechenland sich festsetzte. Auch hier
wirkte Mithradates nicht bloss mit den Waffen, sondern zugleich mit der
nationalen Propaganda. Sein Hauptwerkzeug fuer Athen war ein gewisser
Aristion, seiner Geburt nach ein attischer Sklave, seines Handwerks
ehemals Schulmeister der Epikurischen Philosophie, jetzt Guenstling
Mithradats; ein vortrefflicher Peisthetaeros, der durch die glaenzende
Karriere, die er bei Hof gemacht, den Poebel zu blenden und ihm mit
Aplomb zu versichern verstand, dass aus dem seit beilaeufig sechzig
Jahren in Schutt liegenden Karthago die Hilfe fuer Mithradates schon
unterwegs sei. Durch solche Reden des neuen Perikles ward es erreicht,
dass die wenigen Verstaendigen aus Athen entwichen, der Poebel aber und
ein paar toll gewordene Literaten den Roemern foermlich absagten. So
ward aus dem Exphilosophen ein Gewaltherrscher, der, gestuetzt auf seine
pontische Soeldnerbande, ein Schand- und Blutregiment begann, und aus
dem Peiraeeus ein pontischer Landungsplatz. Sowie Mithradats Truppen
auf dem griechischen Kontinent standen, fielen die meisten der kleinen
Freistaaten ihnen zu: Achaeer, Lakonen, Boeoter, bis hinauf nach
Thessalien. Sura, nachdem er aus Makedonien einige Verstaerkung
herangezogen hatte, rueckte in Boeotien ein, um dem belagerten Thespiae
Hilfe zu bringen, und schlug sich bei Chaeroneia in dreitaegigen
Gefechten mit Archelaos und Aristion; aber sie fuehrten zu keiner
Entscheidung und Sura musste zurueckgehen, als die pontischen
Verstaerkungen aus dem Peloponnes sich naeherten (Ende 666, Anfang 667
88, 87). So gebietend war die Stellung Mithradats vor allem zur See,
dass eine Botschaft der italischen Insurgenten ihn auffordern konnte,
einen Landungsversuch in Italien zu machen; allein ihre Sache war damals
bereits verloren und der Koenig wies das Ansinnen zurueck. Die Lage der
roemischen Regierung fing an bedenklich zu werden. Kleinasien und
Hellas waren ganz, Makedonien zum guten Teil in Feindeshand; auf der See
herrschte ohne Nebenbuhler die pontische Flagge. Dazu kam die italische
Insurrektion, die, im ganzen zu Boden geschlagen, immer noch in weiten
Gebieten Italiens unbestritten die Herrschaft fuehrte; dazu die kaum
beschwichtigte Revolution, die jeden Augenblick drohte, wiederum und
furchtbarer emporzulodern; dazu endlich die durch die inneren Unruhen
in Italien und die ungeheuren Verluste der asiatischen Kapitalisten
hervorgerufene fuerchterliche Handels- und Geldkrise und der Mangel an
zuverlaessigen Truppen. Die Regierung haette dreier Armeen bedurft,
um in Rom die Revolution niederzuhalten, in Italien die Insurrektion
voellig zu ersticken und in Asien Krieg zu fuehren; sie hatte
eine einzige, die des Sulla, denn die Nordarmee war unter dem
unzuverlaessigen Gnaeus Strabo nichts als eine Verlegenheit mehr. Die
Wahl unter jenen drei Aufgaben stand bei Sulla; er entschied sich, wie
wir sahen, fuer den asiatischen Krieg. Es war nichts Geringes, man darf
vielleicht sagen eine grosse patriotische Tat, dass in diesem Konflikt
des allgemeinen vaterlaendischen und des besonderen Parteiinteresses
das erstere die Oberhand behielt und Sulla trotz der Gefahren, die seine
Entfernung aus Italien fuer seine Verfassung und fuer seine Partei
nach sich zog, dennoch im Fruehling 667 (87) landete an der Kueste von
Epeiros. Aber er kam nicht, wie sonst roemische Oberfeldherrn im Osten
aufzutreten pflegten. Dass sein Heer von fuenf Legionen oder hoechstens
30000 Mann 8 wenig staerker war als eine gewoehnliche Konsulararmee,
war das wenigste. Sonst hatte in den oestlichen Kriegen eine roemische
Flotte niemals gefehlt, ja ohne Ausnahme die See beherrscht; Sulla,
gesandt, um zwei Kontinente und die Inseln des Aegaeischen Meeres
wiederzuerobern, kam ohne ein einziges Kriegsschiff. Sonst hatte der
Feldherr eine volle Kasse mit sich gefuehrt und den groessten Teil
seiner Beduerfnisse auf dem Seeweg aus der Heimat bezogen; Sulla kam mit
leeren Haenden - denn die fuer den Feldzug von 666 (88) mit Not
fluessig gemachten Summen waren in Italien draufgegangen - und sah sich
ausschliesslich angewiesen auf Requisitionen. Sonst hatte der Feldherr
seinen einzigen Gegner im feindlichen Lager gefunden und hatten dem
Landesfeind gegenueber seit der Beendigung des Staendekampfes
die politischen Faktionen ohne Ausnahme zusammengestanden; unter
Mithradates' Feldzeichen fochten namhafte roemische Maenner, grosse
Landschaften Italiens begehrten, mit ihm in Buendnis zu treten, und es
war wenigstens zweifelhaft, ob die demokratische Partei das ruehmliche
Beispiel, das Sulla ihr gegeben, befolgen und mit ihm Waffenstillstand
halten werde, solange er gegen den asiatischen Koenig focht. Aber der
rasche General, der mit all diesen Verlegenheiten zu ringen hatte, war
nicht gewohnt, vor Erledigung der naechsten Aufgabe um die ferneren
Gefahren sich zu bekuemmern. Da seine an den Koenig gerichteten
Friedensantraege, die im wesentlichen auf die Wiederherstellung des
Zustandes vor dem Kriege hinausliefen, keine Annahme fanden, so rueckte
er, wie er gelandet war, von den epeirotischen Haefen bis nach Boeotien
vor, schlug hier am Thilphossischen Berge die Feldherren der Feinde,
Archelaos und Aristion, und bemaechtigte sich nach diesem Siege fast
ohne Widerstand des gesamten griechischen Festlandes mit Ausnahme der
Festung Athen und des Peiraeeus, wohin Aristion und Archelaos sich
geworfen hatten und die durch einen Handstreich zu nehmen misslang.
Eine roemische Abteilung unter Lucius Hortensius besetzte Thessalien
und streifte bis in Makedonien; eine andere unter Munatius stellte
vor Chalkis sich auf, um das unter Neoptolemos auf Euboea stehende
feindliche Korps abzuwehren; Sulla selbst bezog ein Lager bei Eleusis
und Megara, von wo aus er Griechenland und den Peloponnes beherrschte
und die Belagerung der Stadt und des Hafens von Athen betrieb. Die
hellenischen Staedte, wie immer von der naechsten Furcht regiert,
unterwarfen sich den Roemern auf jede Bedingung und waren froh, wenn
sie mit Lieferungen von Vorraeten und Mannschaft und mit Geldbussen
schwerere Strafen abkaufen durften. Minder rasch gingen die Belagerungen
in Attika vonstatten. Sulla sah sich genoetigt, in aller Form das
schwere Belagerungszeug zu ruesten, wozu die Baeume der Akademie und
des Lykeion das Holz liefern mussten. Archelaos leitete die Verteidigung
ebenso kraeftig wie besonnen; er bewaffnete seine Schiffsmannschaft,
schlug also verstaerkt die Angriffe der Roemer mit ueberlegener Macht ab
und machte haeufige und nicht selten glueckliche Ausfaelle. Zwar die zum
Entsatz herbeirueckende pontische Armee des Dromichaetes ward unter
den Mauern Athens nach hartem Kampf, bei dem namentlich Sullas tapferer
Unterfeldherr Lucius Licinius Murena sich hervortat, von den Roemern
geschlagen; aber die Belagerung schritt darum nicht rascher vor. Von
Makedonien aus, wo die Kappadokier inzwischen sich definitiv festgesetzt
hatten, kam reichliche und regelmaessige Zufuhr zur See, die Sulla nicht
imstande war, der Hafenfestung abzuschneiden; in Athen gingen zwar die
Vorraete auf die Neige, doch konnte bei der Naehe der beiden Festungen
Archelaos mehrfache Versuche machen, Getreidetransporte nach Athen
zu werfen, die nicht alle misslangen. So verfloss in peinlicher
Resultatlosigkeit der Winter 667/68 (87/86). Wie die Jahreszeit es
erlaubte, warf Sulla sich mit Ungestuem auf den Peiraeeus; in der
Tat gelang es, durch Geschuetze und Minen einen Teil der gewaltigen
Perikleischen Mauern in Bresche zu legen, und sofort schritten die
Roemer zum Sturm; allein er ward abgeschlagen, und als er wiederholt
ward, fanden sich hinter den eingestuerzten Mauerteilen halbmondfoermige
Verschanzungen errichtet, aus denen die Eindringenden sich von drei
Seiten beschossen und zur Umkehr gezwungen sahen. Sulla hob darauf die
Belagerung auf und begnuegte sich mit einer Blockade. In Athen waren
inzwischen die Lebensmittel ganz zu Ende gegangen; die Besatzung
versuchte eine Kapitulation zustande zu bringen, aber Sulla wies ihre
redefertigen Boten zurueck mit dem Bedeuten, dass er nicht als Student,
sondern als General vor ihnen stehe und nur unbedingte Unterwerfung
annehme. Als Aristion, wohl wissend, welches Schicksal dann ihm
bevorstand, damit zoegerte, wurden die Leitern angelegt und die kaum
noch verteidigte Stadt erstuermt (1. Maerz 668 86). Aristion warf sich
in die Akropolis, wo er bald darauf sich ergab. Der roemische Feldherr
liess die Soldateska in der eroberten Stadt morden und pluendern und die
angeseheneren Raedelsfuehrer des Abfalls hinrichten; die Stadt selbst
aber erhielt von ihm ihre Freiheit und ihre Besitzungen, sogar das
wichtige Delos zurueck und ward also noch einmal gerettet durch ihre
herrlichen Toten. ----------------------------------------------------
8 Man muss sich erinnern, dass seit dem Bundesgenossenkrieg auf die
Legion, da sie nicht mehr von italischen Kontingenten begleitet
ist, mindestens nur die halbe Mannzahl kommt wie vordem.
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Epikureischen Schulmeister also hatte man gesiegt; indes Sullas Lage
blieb im hoechsten Grade peinlich, ja verzweifelt. Mehr als ein
Jahr stand er nun im Felde, ohne irgendeinen nennenswerten Schritt
vorwaertsgekommen zu sein, ein einziger Hafenplatz spottete all seiner
Anstrengungen, waehrend Asien gaenzlich sich selbst ueberlassen, die
Eroberung Makedoniens von Mithradates' Statthaltern kuerzlich durch die
Einnahme von Amphipolis vollendet war. Ohne Flotte - dies zeigte sich
immer deutlicher - war es nicht bloss unmoeglich, die Verbindungen und
die Zufuhr von den feindlichen und den zahllosen Piratenschiffen zu
sichern, sondern auch nur den Peiraeeus, geschweige denn Asien und die
Inseln wiederzugewinnen; und doch liess sich nicht absehen, wie man zu
Kriegsschiffen gelangen konnte. Schon im Winter 667/68 (87/86) hatte
Sulla einen seiner faehigsten und gewandtesten Offiziere, Lucius
Licinius Lucullus, in die oestlichen Gewaesser entsandt, um dort
womoeglich Schiffe aufzutreiben. Mit sechs offenen Booten, die er von
den Rhodiern und andern kleinen Gemeinden zusammengeborgt hatte, lief
Lucullus aus; einem Piratengeschwader, das die meisten seiner Boote
aufbrachte, entging er selbst nur durch einen Zufall; mit gewechselten
Schiffen den Feind taeuschend, gelangte er ueber Kreta und Kyrene
nach Alexandreia; allein der aegyptische Hof schlug die Bitte um
Unterstuetzung mit Kriegsschiffen ebenso hoeflich wie entschieden ab.
Kaum irgendwo zeigt sich so deutlich wie hier der tiefe Verfall des
roemischen Staats, der einst das Angebot der Koenige von Aegypten,
mit ihrer ganzen Seemacht den Roemern beizustehen, dankbar abzulehnen
vermocht hatte und jetzt selbst den alexandrinischen Staatsmaennern
schon bankrott erschien. Zu allem dem kam die finanzielle Bedraengnis;
schon hatte Sulla die Schatzhaeuser des Olympischen Zeus, des
Delphischen Apollon, des Epidaurischen Asklepios leeren muessen, wofuer
die Goetter entschaedigt wurden durch die zur Strasse eingezogene
Halbscheid des thebanischen Gebiets. Aber weit schlimmer als all diese
militaerische und finanzielle Verlegenheit war der Rueckschlag der
politischen Umwaelzung in Rom, deren rasche, durchgreifende, gewaltsame
Vollendung die aergsten Befuerchtungen weit hinter sich gelassen
hatte. Die Revolution fuehrte in der Hauptstadt das Regiment; Sulla war
abgesetzt, das asiatische Kommando an seiner Stelle dem demokratischen
Konsul Lucius Valerius Flaccus uebertragen worden, den man taeglich in
Griechenland erwarten konnte. Zwar hatte die Soldateska festgehalten an
Sulla, der alles tat, um sie bei guter Laune zu erhalten; aber was liess
sich erwarten, wo Geld und Zufuhr ausblieben, wo der Feldherr abgesetzt
und geaechtet, sein Nachfolger im Anmarsch war und zu allem diesem der
Krieg gegen den zaehen seemaechtigen Gegner aussichtslos sich hinspann!
Koenig Mithradates uebernahm es, den Gegner aus seiner bedenklichen
Lage zu befreien. Allem Anschein nach war er es, der das Defensivsystem
seiner Generale missbilligte und ihnen Befehl schickte, den Feind
foerdersamst zu ueberwinden. Schon 667 (87) war sein Sohn Ariarathes
aus Makedonien aufgebrochen, um Sulla im eigentlichen Griechenland zu
bekaempfen; nur der ploetzliche Tod, der den Prinzen auf dem Marsch am
Tisaeischen Vorgebirg in Thessalien ereilte, hatte die Expedition damals
rueckgaengig gemacht. Sein Nachfolger Taxiles erschien jetzt (668 86),
das in Thessalien stehende roemische Korps vor sich hertreibend, mit
einem Heer von angeblich 100000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern an
den Thermopylen. Mit ihm vereinigte sich Dromichaetes. Auch Archelaos
raeumte - es scheint, weniger durch Sullas Waffen gezwungen als durch
Befehle seines Herrn - den Peiraeeus erst teilweise, sodann ganz und
stiess in Boeotien zu der pontischen Hauptarmee. Sulla, nachdem der
Peiraeeus mit all seinen vielbewunderten Bauwerken auf seinen Befehl
zerstoert worden war, folgte der pontischen Armee in der Hoffnung,
vor dem Eintreffen des Flaccus eine Hauptschlacht liefern zu koennen.
Vergeblich riet Archelaos, sich hierauf nicht einzulassen, sondern die
See und die Kuesten besetzt und den Feind hinzuhalten; wie einst
unter Dareios und Antiochos, so stuerzten auch jetzt die Massen der
Orientalen, wie geaengstigte Tiere in die Feuersbrunst, sich rasch und
blindlings in den Kampf; und toerichter als je war dies hier angewandt,
wo die Asiaten vielleicht nur einige Monate haetten warten duerfen, um
bei einer Schlacht zwischen Sulla und Flaccus die Zuschauer abzugeben.
In der Ebene des Kephissos unweit Chaeroneia im Maerz 668 (86) trafen
die Heere aufeinander. Selbst mit Einschluss der aus Thessalien
zurueckgedraengten Abteilung, der es geglueckt war, ihre Verbindung mit
der roemischen Hauptarmee zu bewerkstelligen, und mit Einschluss der
griechischen Kontingente fand sich das roemische Heer einem dreifach
staerkeren Feind gegenueber und namentlich einer weit ueberlegenen und
bei der Beschaffenheit des Schlachtfeldes sehr gefaehrlichen Reiterei,
gegen die Sulla seine Flanken durch verschanzte Graeben zu decken noetig
fand, sowie er in der Front zum Schutz gegen die feindlichen Streitwagen
zwischen seiner ersten und zweiten Linie eine Palisadenkette anbringen
liess. Als die Streitwagen den Kampf zu eroeffnen heranrollten, zog sich
das erste Treffen der Roemer hinter diese Pfahlreihe zurueck; die Wagen,
an ihr abprallend und gescheucht durch die roemischen Schleuderer und
Schuetzen, warfen sich auf die eigene Linie und brachten Verwirrung
sowohl in die makedonische Phalanx wie in das Korps der italischen
Fluechtlinge. Archelaos zog eilig seine Reiterei von beiden Flanken
herbei und schickte sie dem Feinde entgegen, um Zeit zu gewinnen, sein
Fussvolk wieder zu ordnen; sie griff mit grossem Feuer an und durchbrach
die roemischen Reihen; allein die roemische Infanterie formierte sich
rasch in geschlossene Massen und hielt den von allen Seiten auf sie
anstuermenden Reitern mutig stand. Inzwischen fuehrte Sulla selbst
auf dem rechten Fluegel seine Reiterei in die entbloesste Flanke des
Feindes; die asiatische Infanterie wich, ohne eigentlich zum
Schlagen gekommen zu sein, und ihr Weichen brachte Unruhe auch in die
Reitermassen. Ein allgemeiner Angriff des roemischen Fussvolks, das
durch die schwankende Haltung der feindlichen Reiter wieder Luft
bekam, entschied den Sieg. Die Schliessung der Lagertore, die Archelaos
anordnete, um die Flucht zu hemmen, bewirkte nur, dass das Blutbad um
so groesser ward und, als die Tore endlich sich auftaten, die Roemer
mit den Asiaten zugleich eindrangen. Nicht den zwoelften. Mann soll
Archelaos nach Chalkis gerettet haben. Sulla folgte ihm bis an den
Euripos; den schmalen Meeresarm zu ueberschreiten war er nicht imstande.
Es war ein grosser Sieg, aber die Resultate waren geringfuegig, was
wegen des Mangels einer Flotte, teils weil der roemische Sieger sich
genoetigt sah, statt die Besiegten zu verfolgen, zunaechst vor seinen
Landsleuten sich zu schuetzen. Die See war noch immer ausschliesslich
bedeckt von den pontischen Geschwadern, die jetzt selbst westlich
vom Malfischen Vorgebirge sich zeigten; noch nach der Schlacht von
Chaeroneia setzte Archelaos auf Zakynthos Truppen ans Land und machte
einen Versuch, auf dieser Insel sich festzusetzen. Ferner war inzwischen
in der Tat Lucius Flaccus mit zwei Legionen in Epeiros gelandet,
nicht ohne unterwegs durch Stuerme und durch die im Adriatischen Meer
kreuzenden feindlichen Kriegsschiffe starken Verlust erlitten zu haben;
bereits standen seine Truppen in Thessalien; dorthin zunaechst musste
Sulla sich wenden. Bei Melitaea am noerdlichen Abhang des Othrysgebirges
lagerten beide roemischen Heere sich gegenueber; ein Zusammenstoss
schien unvermeidlich. Indes Flaccus, nachdem er Gelegenheit gehabt hatte
sich zu ueberzeugen, dass Sullas Soldaten keineswegs geneigt war
ihren siegreichen Fuehrer an den gaenzlich unbekannten demokratischen
Oberfeldherrn zu verraten, dass vielmehr seine eigene Vorhut anfing,
in das Sullanische Lager zu desertieren, wich dem Kampfe aus, dem er