scheint Mithradates Eupator tatsaechlich die Regierung angetreten zu
haben; Sullas Intervention fand 662 (92) statt (Liv. ep. 70), womit die
Berechnung der Mithradatischen Kriege auf einen Zeitraum von dreissig
Jahren (662-691 92-63) zusammenstimmt (Plin. nat. 7, 26, 97). In
die Zwischenzeit fallen die paphlagonischen und kappadokischen
Sukzessionshaendel, mit denen die von Mithradates, wie es scheint, in
Saturninus' erstem Tribunat 651 (103) in Rom versuchte Bestechung (Diod.
631) wahrscheinlich schon zusammenhaengt. Marius, der 655 (99) Rom
verliess und nicht lange im Osten verweilte, traf Mithradates schon in
Kappadokien und verhandelte mit ihm wegen seiner Uebergriffe (Cic. Brut.
1, 5; Plut. Mar. 31); Ariarathes VI. war also damals schon ermordet.
---------------------------------------------- Dass der roemische Senat
seine allgemeine Politik, die mehr oder minder von ihm abhaengigen
Staaten niederzuhalten, auch gegen den pontischen geltend machte,
beweist sein Verhalten bei dem Thronwechsel nach dem ploetzlichen Tode
Mithradates V. Dem unmuendigen Knaben, der ihm folgte, wurde das dem
Vater fuer seine Teilnahme an dem Kriege gegen Aristonikos oder vielmehr
fuer sein gutes Geld verliehene Grossphrygien genommen und diese
Landschaft dem unmittelbar roemischen Gebiet hinzugefuegt 6. Aber
nachdem dieser Knabe dann zu seinen Jahren gelangt war, bewies derselbe
Senat gegen dessen allseitige Uebergriffe und gegen diese imposante
Machtbildung, deren Entwicklung vielleicht einen zwanzigjaehrigen
Zeitraum ausfuellt, voellige Passivitaet. Er liess es geschehen, dass
einer seiner Klientelstaaten sich militaerisch zu einer Grossmacht
entwickelte, die ueber hunderttausend Bewaffnete gebot; dass er in die
engste Verbindung trat mit dem neuen, zum Teil durch seine Hilfe an die
Spitze der innerasiatischen Staaten gestellten Grosskoenig des Ostens;
dass er die benachbarten asiatischen Koenigreiche und Fuerstentuemer
unter Vorwaenden einzog, die fast wie ein Hohn auf die schlecht
berichtete und weit entfernte Schutzmacht klangen; dass er endlich sogar
in Europa sich festsetzte und als Koenig auf der Taurischen Halbinsel,
als Schutzherr fast bis an die makedonisch- thrakische Grenze gebot.
Wohl ward ueber diese Verhaeltnisse im Senat verhandelt; aber wenn das
hohe Kollegium sich in der paphlagonischen Erbangelegenheit schliesslich
dabei beruhigte, dass Nikomedes sich auf seinen falschen Pylaemenes
berief, so war dasselbe offenbar nicht so sehr getaeuscht als dankbar
fuer jeden Vorwand, der ihm das ernstliche Einschreiten ersparte.
Inzwischen wurden die Beschwerden immer zahlreicher und dringender. Die
Fuersten der taurischen Skythen, die Mithradates aus der Krim verdraengt
hatte, wandten sich um Hilfe nach Rom; wer von den Senatoren irgend noch
der traditionellen Maximen der roemischen Politik gedachte, musste sich
erinnern, dass einst unter so ganz anderen Verhaeltnissen der Uebergang
des Koenigs Antiochos nach Europa und die Besetzung des thrakischen
Chersones durch seine Truppen das Signal zu dem Asiatischen Krieg
geworden war, und musste begreifen, dass die Besetzung des taurischen
durch den pontischen Koenig jetzt noch viel weniger geduldet werden
konnte. Den Ausschlag gab endlich die faktische Reunion des Koenigreichs
Kappadokien, wegen welcher ueberdies Nikomedes von Bithymen, der auch
seinerseits durch einen andern falschen Ariarathes Kappadokien in Besitz
zu nehmen gehofft hatte und durch den pontischen Praetendenten den
seinigen ausgeschlossen sah, nicht ermangelt haben wird, die roemische
Regierung zur Intervention zu draengen. Der Senat beschloss, dass
Mithradates die skythischen Fuersten wiedereinzusetzen habe - so weit
war man durch die schlaffe Regierungsweise aus den Bahnen der richtigen
Politik gedraengt, dass man jetzt, statt die Hellenen gegen
die Barbaren, umgekehrt die Skythen gegen die halben Landsleute
unterstuetzen musste. Paphlagonien wurde abhaengig erklaert und der
falsche Pylaemenes des Nikomedes angewiesen, das Land zu raeumen. Ebenso
sollte der falsche Ariarathes des Mithradates aus Kappadokien weichen
und, da die Vertreter des Landes die angebotene Freiheit ausschlugen,
durch freie Volkswahl ihm wiederum ein Koenig gesetzt werden. Die
Beschluesse klangen energisch genug; nur war es uebel, dass man, statt
ein Heer zu senden, den Statthalter von Kilikien, Lucius Sulla, mit
der Handvoll Leute, die er daselbst gegen die Raeuber und Piraten
kommandierte, anwies, in Kappadokien zu intervenieren. Zum Glueck
vertrat im Osten die Erinnerung an die ehemalige Energie der Roemer
besser ihr Interesse als ihr gegenwaertiges Regiment und ergaenzte
die Energie und Gewandtheit des Statthalters, was der Senat an beiden
vermissen liess. Mithradates hielt sich zurueck und begnuegte sich,
den Grosskoenig Tigranes von Armenien, der den Roemern gegenueber eine
freiere Stellung hatte als er, zu veranlassen, Truppen nach Kappadokien
zu senden. Sulla nahm rasch seine Mannschaft und die Zuzuege der
asiatischen Bundesgenossen zusammen, ueberstieg den Taurus und schlug
den Statthalter Gordios samt seinen armenischen Hilfstruppen aus
Kappadokien hinaus. Dies wirkte. Mithradates gab in allen Stuecken nach;
Gordios musste die Schuld der kappadokischen Wirren auf sich nehmen und
der falsche Ariarathes verschwand; die Koenigswahl, die der pontische
Anhang vergebens auf Gordios zu lenken versucht hatte, fiel auf den
angesehenen Kappadokier Ariobarzanes. Als Sulla im Verfolg seiner
Expedition in die Gegend des Euphrat gelangte, in dessen Wellen
damals zuerst roemische Feldzeichen sich spiegelten, fand bei dieser
Gelegenheit auch die erste Beruehrung statt zwischen den Roemern und
den Parthern, welche letztere infolge der Spannung zwischen ihnen und
Tigranes Ursache hatten, den Roemern sich zu naehern. Beiderseits schien
man zu fuehlen, dass etwas darauf ankam bei dieser ersten Beruehrung
der beiden Grossmaechte des Westens und des Ostens, dem Anspruch auf
die Herrschaft der Welt nichts zu vergeben; aber Sulla, kecker als der
parthische Bote, nahm und behauptete in der Zusammenkunft den Ehrenplatz
zwischen dem Koenig von Kappadokien und dem parthischen Abgesandten.
Mehr als durch seine Siege im Osten mehrte Sullas Ruhm sich durch diese
vielgefeierte Konferenz am Euphrat; der parthische Gesandte buesste
spaeter seinem Herrn dafuer mit dem Kopfe. Indes fuer den Augenblick
hatte diese Beruehrung keine weitere Folge. Nikomedes unterliess es im
Vertrauen auf die Gunst der Roemer, Paphlagonien zu raeumen; aber die
gegen Mithradates gefassten Senatsbeschluesse wurden ferner vollzogen,
die Wiederherstellung der skythischen Haeuptlinge von ihm wenigstens
zugesagt; der fruehere Status quo im Osten schien wiederhergestellt (662
92). ----------------------------------------------- 6 Ein vor kurzem
in dem Dorfe Aresli suedlich von Synnada gefundener Senatsbeschluss vom
Jahre 638 (116) (Viereck, sermo Graecus quo senatus Romanus usus sit, S.
51) bestaetigt saemtliche, von dem Koenig bis zu seinem Tode getroffenen
Anordnungen und zeigt also, dass Grossphrygien nach dem Tode des Vaters
nicht bloss dem Sohn genommen ward, was auch Appian berichtet,
sondern damit geradezu unter roemische Botmaessigkeit kam.
------------------------------------------------- So hiess es; in der
Tat war von einer ernstlichen Zurueckfuehrung der frueheren Ordnung der
Dinge wenig zu verspueren. Kaum hatte Sulla Asien verlassen, als Koenig
Tigranes von Grossarmenien ueber den neuen Koenig von Kappadokien,
Ariobarzanes, herfiel, ihn vertrieb und an seiner Stelle den pontischen
Praetendenten Ariarathes wiedereinsetzte. In Bithynien, wo nach dem Tode
des alten Koenigs Nikomedes Il. (um 663 91) dessen Sohn Nikomedes III.
Philopator vom Volk und vom roemischen Senat als rechtmaessiger
Koenig anerkannt worden war. trat dessen juengerer Bruder Sokrates als
Kronpraetendent auf und bemaechtigte sich der Herrschaft. Es war klar,
dass der eigentliche Urheber der kappadokischen wie der bithynischen
Wirren kein anderer als Mithradates war, obwohl er sich jeder
offenkundigen Beteiligung enthielt. Jedermann wusste, dass Tigranes nur
handelte auf seinen Wink: in Bithynien aber war Sokrates mit pontischen
Truppen eingerueckt und des rechtmaessigen Koenigs Leben durch
Mithradates' Meuchelmoerder bedroht. In der Krim gar und den
benachbarten Landschaften dachte der pontische Koenig nicht daran
zurueckzuweichen und trug vielmehr seine Waffen weiter und weiter.
Die roemische Regierung, von den Koenigen Ariobarzanes und Nikomedes
persoenlich um Hilfe angerufen, schickte nach Kleinasien zur
Unterstuetzung des dortigen Statthalters Lucius Cassius den Konsular
Manius Aquillius, einen im Kimbrischen und im Sizilischen Krieg
erprobten Offizier, jedoch nicht als Feldherrn an der Spitze einer
Armee, sondern als Gesandten, und wies die asiatischen Klientelstaaten
und namentlich den Mithradates an, noetigenfalls mit gewaffneter Hand
Beistand zu leisten. Es kam eben wie zwei Jahre zuvor. Der roemische
Offizier vollzog dem ihm gewordenen Auftrag mit Hilfe des kleinen
roemischen Korps, ueber das der Statthalter der Provinz Asia verfuegte,
und des Aufgebots der Phryger und der Galater; Koenig Nikomedes
und Koenig Ariobarzanes bestiegen wieder ihre schwankenden Throne;
Mithradates entzog sich zwar der Aufforderung, Zuzug zu gewaehren, unter
verschiedenen Vorwaenden, allein er leistete nicht bloss den Roemern
keinen offenen Widerstand, sondern der bithynische Praetendent Sokrates
wurde sogar auf sein Geheiss getoetet (664 90). Es war eine sonderbare
Verwicklung. Mithradates war vollkommen ueberzeugt, gegen die Roemer
in offenem Kampfe nichts ausrichten zu koennen und es nicht zum offenen
Bruch und zum Kriege mit ihnen kommen lassen zu duerfen. Waere er nicht
also entschlossen gewesen, so fand sich kein guenstigerer Augenblick,
den Kampf zu beginnen, als der gegenwaertige: eben damals, als Aquillius
in Bithymen und Kappadokien einrueckte, stand die italische Insurrektion
auf dem Hoehepunkt ihrer Macht und konnte selbst den Schwachen Mut
machen, gegen Rom sich zu erklaeren; dennoch liess Mithradates das Jahr
664 (90) ungenutzt verstreichen. Aber nichtsdestoweniger verfolgte er
so zaeh wie ruehrig seinen Plan, in Kleinasien sich auszubreiten. Diese
seltsame Verbindung der Politik des Friedens um jeden Preis mit der der
Eroberung war allerdings in sich unhaltbar und beweist nur aufs neue,
dass Mithradates nicht zu den Staatsmaennern rechter Art gehoerte und
weder zum Kampf zu ruesten wusste wie Koenig Philippos noch sich zu
fuegen wie Koenig Attalos, sondern in echter Sultansart ewig hin- und
hergezogen ward zwischen begehrlicher Eroberungslust mit dem Gefuehl
seiner eigenen Schwaeche. Aber auch so laesst sich sein Beginnen nur
begreifen, wenn man sich erinnert, dass Mithradates in zwanzigjaehriger
Erfahrung die damalige roemische Politik kennengelernt hatte. Er wusste
sehr genau, dass die roemische Regierung nichts weniger als kriegslustig
war, ja dass sie, im Hinblick auf die ernstliche Gefahr, die jeder
beruehmte General ihrer Herrschaft bereitete, in frischer Erinnerung
an den Kimbrischen Krieg und Marius, den Krieg womoeglich noch mehr
fuerchtete als er selbst. Daraufhin handelte er. Er scheute sich nicht,
in einer Weise aufzutreten, die jeder energischen und nicht durch
egoistische Ruecksichten gefesselten Regierung hundertfach Ursache
und Anlass zur Kriegserklaerung gegeben haben wuerde; aber er vermied
sorgfaeltig den offenen Bruch, der den Senat in die Notwendigkeit dazu
versetzt haette. Sowie Ernst gezeigt ward, wich er zurueck, vor Sulla
wie vor Aquillius; er hoffte unzweifelhaft darauf, dass nicht immer
energische Feldherren ihm gegenueberstehen, dass auch er so gut
wie Jugurtha auf seine Scaurus und Albinus treffen wuerde. Es muss
zugestanden werden, dass diese Hoffnung nicht unverstaendig war, obwohl
freilich eben Jugurthas Beispiel auch wieder gezeigt hatte, wie verkehrt
es war, die Bestechung eines roemischen Heerfuehrers und die Korruption
einer roemischen Armee mit der Ueberwindung des roemischen Volkes zu
verwechseln. So standen die Dinge zwischen Frieden und Krieg und liessen
ganz dazu an, noch lange sich in gleicher Art weiterzuschleppen. Aber
dies zuzulassen war Aquillius' Absicht nicht, und da er seine Regierung
nicht zwingen konnte, Mithradates den Krieg zu erklaeren, so bediente
er sich dazu des Koenigs Nikomedes. Dieser, ohnehin in die Hand des
roemischen Feldherrn gegeben und ueberdies noch fuer die abgelaufenen
Kriegskosten und die dem Feldherrn persoenlich zugesicherten Summen sein
Schuldner, konnte sich dem Ansinnen desselben, mit Mithradates den Krieg
zu beginnen, nicht entziehen. Die bithynische Kriegserklaerung erfolgte;
aber selbst als Nikomedes' Schiffe den pontischen den Bosporus sperrten,
seine Truppen in die pontischen Grenzdistrikte einrueckten und
die Gegend von Amastris brandschatzten, blieb Mithradates noch
unerschuettert bei seiner Friedenspolitik; statt die Bithyner ueber die
Grenze zu werfen, fuehrte er Klage bei der roemischen Gesandtschaft
und bat dieselbe, entweder vermitteln oder ihm die Selbstverteidigung
gestatten zu wollen. Allein er ward von Aquillius dahin beschieden, dass
er unter allen Umstaenden sich des Krieges gegen Nikomedes zu enthalten
habe. Das freilich war deutlich. Genau dieselbe Politik hatte man gegen
Karthago angewendet; man liess das Schlachtopfer von der roemischen
Meute ueberfallen und verbot ihm, gegen dieselbe sich zu wehren. Auch
Mithradates erachtete sich verloren, ebenwie die Karthager es getan
hatten; aber wenn die Phoeniker sich aus Verzweiflung ergaben, so tat
dagegen der Koenig von Sinope das Gegenteil und rief seine Truppen und
Schiffe zusammen - "Wehrt nicht", so soll er gesagt haben, "auch
wer unterliegen muss, dennoch sich gegen den Raeuber?" Sein Sohn
Ariobarzanes erhielt Befehl, in Kappadokien einzuruecken; es ging noch
einmal eine Botschaft an die roemischen Gesandten, um ihnen anzuzeigen,
wozu die Notwehr den Koenig gezwungen habe, und eine letzte Erklaerung
von ihnen zu fordern. Sie lautete, wie zu erwarten war. Obwohl weder der
roemische Senat noch Koenig Mithradates noch Koenig Nikomedes den Bruch
gewollt hatten, Aquillius wollte ihn und man hatte Krieg (Ende 665 80).
Mit aller ihm eigenen Energie betrieb Mithradates die politischen und
militaerischen Vorbereitungen zu dem ihm aufgedrungenen Waffengang. Vor
allen Dingen knuepfte er das Buendnis mit Koenig Tigranes von Armenien
fester und erlangte von ihm das Versprechen eines Hilfsheeres, das
in Vorderasien einruecken und Grund und Boden daselbst fuer Koenig
Mithradates, die bewegliche Habe fuer Koenig Tigranes in Besitz nehmen
sollte. Der parthische Koenig, verletzt durch das stolze Verhalten
Sullas, trat wenn nicht gerade als Gegner, doch auch nicht als
Bundesgenosse der Roemer auf. Den Griechen war der Koenig bemueht,
sich in der Rolle des Philippos und des Perseus, als Vertreter der
griechischen Nation gegen die roemische Fremdherrschaft darzustellen.
Pontische Gesandte gingen an den Koenig von Aegypten und an den letzten
Ueberrest des freien Griechenlands, den kretensischen Staedtebund, und
beschworen sie, fuer die Rom auch schon die Ketten geschmiedet, jetzt
im letzten Augenblick einzustehen fuer die Rettung der hellenischen
Nationalitaet; es war dies wenigstens auf Kreta nicht ganz vergeblich,
und zahlreiche Kretenser nahmen Dienste im pontischen Heer. Man
hoffte auf die sukzessive Insurrektion der kleineren und kleinsten
Schutzstaaten, Numidiens, Syriens, der hellenischen Republiken, auf die
Empoerung der Provinzen, vor allem des masslos gedrueckten Vorderasiens.
Man arbeitete an der Erregung eines thrakischen Aufstandes, ja an der
Insurgierung Makedoniens. Die schon vorher bluehende Piraterie wurde
jetzt als willkommene Bundesgenossin ueberall entfesselt, und mit
furchtbarer Raschheit erfuellten bald Korsarengeschwader, pontische
Kaper sich nennend, weithin das Mittelmeer. Man vernahm mit Spannung
und Freude die Kunde von den Gaerungen innerhalb der roemischen
Buergerschaft und von der zwar ueberwundenen, aber doch noch lange nicht
unterdrueckten italischen Insurrektion. Unmittelbare Beziehungen indes
mit den Unzufriedenen und Insurgenten in Italien bestanden nicht; nur
wurde in Asien ein roemisch bewaffnetes und organisiertes Fremdenkorps
gebildet, dessen Kern roemische und italische Fluechtlinge waren.
Streitkraefte gleich denen Mithradats waren seit den Perserkriegen
in Asien nicht gesehen worden. Die Angaben, dass er, das armenische
Hilfsheer ungerechnet, mit 250000 Mann zu Fuss und 40 000 Reitern
das Feld nahm, dass 300 pontische Deck- und 100 offene Schiffe in See
stachen, scheinen nicht allzu uebertrieben bei einem Kriegsherrn, der
ueber die zahllosen Steppenbewohner verfuegte. Die Feldherrn, namentlich
die Brueder Neoptolemos und Archelaos, waren erfahrene und umsichtige
griechische Hauptleute; auch unter den Soldaten des Koenigs fehlte
es nicht an tapferen todverachtenden Maennern, und die gold- und
silberblinkenden Ruestungen und reichen Gewaender der Skythen und Meder
mischten sich lustig mit dem Erz und Stahl der griechischen Reisigen.
Ein einheitlicher militaerischer Organismus freilich hielt diese
buntscheckigen Haufen nicht zusammen - auch die Armee des Mithradates
war nichts als eine jener ungeheuerlichen asiatischen Kriegsmaschinen,
wie sie oft schon, zuletzt, genau ein Jahrhundert zuvor, bei Magnesia
einer hoeheren militaerischen Organisation unterlegen waren; immer aber
stand doch der Osten gegen die Roemer in Waffen, waehrend auch in der
westlichen Haelfte des Reichs es nichts weniger als friedlich aussah. So
sehr es an sich fuer Rom eine politische Notwendigkeit war, Mithradates
den Krieg zu erklaeren, so war doch gerade dieser Augenblick so
uebel gewaehlt wie moeglich, und auch aus diesem Grunde ist es sehr
wahrscheinlich, dass Manius Aquillius zunaechst aus Ruecksichten auf
seine eigenen Interessen den Bruch zwischen Rom und Mithradates eben
jetzt herbeigefuehrt hat. Fuer den Augenblick hatte man in Asien keine
anderen Truppen zur Verfuegung als die kleine roemische Abteilung
unter Lucius Cassius und die vorderasiatischen Milizen, und bei der
militaerischen und finanziellen Klemme, in der man daheim sich infolge
des Insurrektionskrieges befand, konnte eine roemische Armee im
guenstigsten Fall nicht vor dem Sommer 666 (88) in Asien landen. Bis
dahin hatten die roemischen Beamten daselbst einen schweren Stand; indes
hoffte man, die roemische Provinz decken und sich behaupten zu koennen,
wo man stand: das bithynische Heer unter Koenig Nikomedes in seiner im
vorigen Jahr eingenommenen Stellung auf paphlagonischem Gebiet
zwischen Amastris und Sinope, weiter rueckwaerts in der bithynischen,
galatischen, kappadokischen Landschaft die Abteilungen unter
Lucius Cassius, Manius Aquillius, Quintus Oppius, waehrend die
bithynisch-roemische Flotte fortfuhr, den Bosporus zu sperren. Mit dem
Beginn des Fruehjahrs 666 (88) ergriff Mithradates die Offensive. An
einem Nebenfluss des Halys, dem Amnias (bei dem heutigen Tesch koepri),
stiess der pontische Vortrab, Reiterei und Leichtbewaffnete, auf die
bithynische Armee und sprengte dieselbe trotz ihrer sehr ueberlegenen
Zahl im ersten Anlauf so vollstaendig auseinander, dass das geschlagene
Heer sich aufloeste und Lager und Kriegskasse den Siegern in die Haende
fielen. Es waren hauptsaechlich Neoptolemos und Archelaos, denen der
Koenig diesen glaenzenden Erfolg verdankte. Die weiter zurueckstehenden,
noch viel schlechteren asiatischen Milizen gaben hierauf sich
ueberwunden, noch ehe sie mit dem Feinde zusammenstiessen; wo
Mithradates' Feldherren sich ihnen naeherten, stoben sie auseinander.
Eine roemische Abteilung ward in Kappadokien geschlagen; Cassius suchte
in Phrygien mit dem Landsturm das Feld zu halten, allein er entliess ihn
wieder, ohne mit ihm eine Schlacht wagen zu moegen, und warf sich
mit seinen wenigen zuverlaessigen Leuten in die Ortschaften am oberen
Maeander, namentlich nach Apameia; Oppius raeumte in gleicher Weise
Pamphylien und schloss in dem phrygischen Laodikeia sich ein; Aquillius
ward im Zurueckweichen am Sangarios im bithynischen Gebiet eingeholt und
so vollstaendig geschlagen, dass er sein Lager verlor und sich in die
roemische Provinz nach Pergamon retten musste; bald war auch diese
ueberschwemmt und Pergamon selbst in den Haenden des Koenigs, ebenso der
Bosporus und die daselbst befindlichen Schiffe. Nach jedem Sieg hatte
Mithradates saemtliche Gefangene der kleinasiatischen Miliz entlassen
und nichts versaeumt, die von Anfang an ihm zugewandten nationalen
Sympathien zu steigern. Jetzt war die ganze Landschaft bis zum Maeander
mit Ausnahme weniger Festungen in seiner Gewalt; zugleich erfuhr
man, dass in Rom eine neue Revolution ausgebrochen, dass der gegen
Mithradates bestimmte Konsul Sulla, statt nach Asien sich einzuschiffen,
gegen Rom marschiert sei, dass die gefeiertsten roemischen Generale sich
untereinander Schlachten lieferten um auszumachen, wem der Oberbefehl
im Asiatischen Kriege gebuehre. Rom schien eifrigst bemueht, sich selber
zugrunde zu richten; es ist kein Wunder, dass, wenngleich Minoritaeten
auch jetzt noch ueberall zu Rom hielten, doch die grosse Masse der
Kleinasiaten den Pontikern zufiel. Die Hellenen und die Asiaten
vereinigten sich in dem Jubel, der den Befreier empfing; es ward
ueblich, den Koenig, in dem wie in dem goettlichen Indersieger Asien
und Hellas sich abermals zusammenfanden, zu verehren unter dem Namen des
neuen Dionysos. Die Staedte und Inseln sandten, wo er hinkam, ihm
Boten entgegen, "den rettenden Gott" zu sich einzuladen, und festlich
gekleidet stroemte die Buergerschaft vor die Tore, ihn zu empfangen.
Einzelne Orte lieferten die bei ihnen verweilenden roemischen Offiziere
gebunden an den Koenig ein, so Laodikeia den Kommandanten der Stadt
Quintus Oppius, Mytilene auf Lesbos den Konsular Manius Aquillius 7.
Die ganze Wut des Barbaren, der den, vor dem er gezittert hat, in seine
Macht bekommt, entlud sich ueber den ungluecklichen Urheber des Krieges.
Bald zu Fuss an einen gewaltigen berittenen Bastarner angefesselt,
bald auf einen Esel gebunden und seinen eigenen Namen abrufend ward der
bejahrte Mann durch ganz Kleinasien gefuehrt und, als endlich das arme
Schaustueck wieder am koeniglichen Hof in Pergamon anlangte, auf Befehl
des Koenigs, um seine Habgier, die eigentlich den Krieg veranlasst habe,
zu saettigen, ihm geschmolzenes Gold in den Hals gegossen, dass er unter
Qualen den Geist aufgab. Aber es blieb nicht bei diesem rohen Hohn,
der allein hinreicht, seinen Urheber auszustreichen aus der Reihe der
adligen Maenner. Von Ephesos aus erliess Koenig Mithradates an alle
von ihm abhaengigen Statthalter und Staedte den Befehl, an einem und
demselben Tage saemtliche in ihrem Bezirk sich aufhaltende Italiker,
Freie und Unfreie, ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters
zu toeten und bei schwerer Strafe keinem der Verfemten zur Rettung
behilflich zu sein, die Leichen der Erschlagenen den Voegeln zum Frass
hinzuwerfen, die Habe einzuziehen und sie zur Haelfte an die Moerder,
zur Haelfte an den Koenig abzuliefern. Die entsetzlichen Befehle wurden
mit Ausnahme weniger Bezirke, wie zum Beispiel der Insel Kos, puenktlich