an saemtliche Schuldner. Es war genau wieder wie waehrend des
Staendestreits: wieder machten die Kapitalisten im Bunde mit der
befangenen Aristokratie der gedrueckten Menge und der zur Maessigung des
starren Rechtes mahnenden Mittelpartei den Krieg und den Prozess; wieder
stand man an dem Rande desjenigen Abgrundes, in den der verzweifelte
Schuldner den Glaeubiger mit sich hinabreisst; nur war seitdem an die
Stelle der einfach buergerlichen und sittlichen Ordnung einer grossen
Ackerstadt die soziale Zerrissenheit einer Kapitale vieler Nationen und
diejenige Demoralisation getreten, in der der Prinz mit dem Bettler
sich begegnet; nur waren alle Missverhaeltnisse breiter, schroffer, in
grauenhafter Weise grossartiger geworden. Indem der Bundesgenossenkrieg
all die gaerenden politischen und sozialen Elemente in der Buergerschaft
gegeneinander ruettelte, legte er den Grund zu einer neuen Revolution.
Zum Ausbruch brachte sie ein Zufall. Der Volkstribun Publius Sulpicius
Rufus war es, der im Jahre 666 (88) bei der Buergerschaft die Antraege
stellte, jeden Senator, der ueber 2000 Denare (600 Taler) schulde,
seiner Ratsstelle verlustig zu erklaeren; den durch unfreie
Geschworenengerichte verurteilten Buergern die Rueckkehr in die Heimat
freizugeben; die Neubuerger durch saemtliche Distrikte zu verteilen
und ingleichen den Freigelassenen Stimmrecht in allen Distrikten zu
gestatten. Es waren Vorschlaege, die aus dem Munde dieses Mannes zum
Teil wenigstens ueberraschten. Publius Sulpicius Rufus (geboren 630
124) verdankte seine politische Bedeutung weniger seiner adligen Geburt,
seinen bedeutenden Verbindungen und seinem angeerbten Reichtum als
seinem ungemeinen Rednertalent, worin von den Altersgenossen keiner
ihm gleichkam; die maechtige Stimme, die lebhaften, zuweilen an
Theateraktion streifenden Gebaerden, die ueppige Fuelle seines
Wortstroms ergriffen auch wen sie nicht ueberzeugten. Seiner
Parteistellung nach stand er von Haus aus auf der Seite des Senats,
und sein erstes politisches Auftreten (659 95) war die Anklage des
der Regierungspartei toedlich verhassten Norbanus gewesen. Unter den
Konservativen gehoerte er zu der Fraktion des Crassus und Drusus.
Was ihn zunaechst veranlasste, sich fuer das Jahr 666 (88) um das
Volkstribunat zu bewerben und um dessentwillen seinen patrizischen Adel
abzulegen, wissen wir nicht; doch scheint es dadurch, dass auch er,
wie die gesamte Mittelpartei, von den Konservativen als Revolutionaer
verfolgt worden war, noch keineswegs Revolutionaer geworden zu sein
und keineswegs einen Umsturz der Verfassung im Sinne des Gaius Gracchus
beabsichtigt zu haben. Eher mag er, als der einzige aus dem Varischen
Prozesssturm unversehrt hervorgegangene namhafte Mann der Partei des
Crassus und Drusus, sich berufen gefuehlt haben, das Werk des Drusus
zu vollenden und die noch bestehenden Zuruecksetzungen der Neubuerger
schliesslich zu beseitigen, wozu er des Tribunats bedurfte. Noch aus
seinem Tribunat werden mehrere Handlungen von ihm erwaehnt, die das
gerade Gegenteil demagogischer Absichten verraten - so hinderte er durch
sein Einschreiten einen seiner Kollegen, die auf Grund des Varischen
Gesetzes ergangenen Geschworenenurteile durch Volksschluss zu kassieren;
und als der gewesene Aedil Gaius Caesar verfassungswidrig sich mit
Ueberspringung der Praetur um das Konsulat fuer 667 (87) bewarb, wie es
heisst in der Absicht, sich spaeter die Fuehrung des Asiatischen Krieges
uebertragen zu lassen, trat, entschlossener und schaerfer als irgendein
anderer, Sulpicius ihm entgegen. Ganz im Sinne des Drusus also forderte
er von sich wie von andern zunaechst und vor allem die Einhaltung
der Verfassung. Aber freilich vermochte er ebensowenig wie Drusus das
Unvertraegliche zu vereinigen und die von ihm beabsichtigte, an sich
verstaendige, aber von der ungeheuren Mehrzahl der Altbuergerschaft auf
guetlichem Wege niemals zu erlangende Verfassungsaenderung in strenger
Form Rechtens durchzusetzen. Der Bruch mit der maechtigen Familie der
Iulier, unter denen namentlich der Bruder des Gaius, der Konsular
Lucius Caesar, im Senat sehr einflussreich war, und mit der derselben
anhaengenden Fraktion der Aristokratie hat ohne Zweifel auch wesentlich
mitgewirkt und den zornmuetigen Mann durch persoenliche Erbitterung
ueber die urspruengliche Absicht hinausgefuehrt. Aber der Charakter der
von ihm eingebrachten Antraege ist doch von der Art, dass sie keineswegs
die Persoenlichkeit und die bisherige Parteistellung ihres Urhebers
verleugnen. Die Gleichstellung der Neubuerger mit den Altbuergern war
nichts als die teilweise Wiederaufnahme der von Drusus entworfenen
Antraege zu Gunsten der Italiker und wie diese nur die Erfuellung der
Vorschriften einer gesunden Politik. Die Zurueckrufung der durch die
Varischen Geschworenen Verurteilten opferte zwar den Grundsatz der
Unverletzlichkeit des Geschworenenwahrspruchs, fuer den Sulpicius
eben noch selbst mit der Tat eingestanden war, aber sie kam zunaechst
wesentlich den eigenen Parteigenossen des Antragstellers, den
gemaessigten Konservativen, zugute, und es laesst sich von dem
stuermischen Mann recht wohl begreifen, dass er bei seinem ersten
Auftreten eine solche Massregel entschieden bekaempfte und dann,
ergrimmt ueber den Widerstand, auf den er traf, sie selber beantragte.
Die Massregel gegen die Ueberschuldung der Senatoren war ohne Zweifel
herbeigefuehrt durch die Blosslegung der trotz alles aeusseren Glanzes
tief zerruetteten oekonomischen Lage der regierenden Familien bei
Gelegenheit der letzten finanziellen Krise; es war zwar peinlich, aber
an sich doch im wohlverstandenen Interesse der Aristokratie, wenn, wie
dies die Folge des Sulpicischen Antrags sein musste, alle Individuen
aus dem Senat ausschieden, die nicht vermochten, ihre Passiva rasch zu
liquidieren, und wenn das Koteriewesen, das in der Ueberschuldung vieler
Senatoren und ihrer dadurch herbeigefuehrten Abhaengigkeit von
den reichen Kollegen seinen hauptsaechlichen Halt fand, durch die
Beseitigung des notorisch feilen Senatorengesindels gedaempft ward -
womit natuerlich nicht geleugnet werden soll, dass Rufus eine den Senat
so schroff und gehaessig prostituierende Saeuberung der Kurie, wie
er sie vorschlug, ohne seine persoenlichen Zerwuerfnisse mit den
herrschenden Koteriehaeuptern sicher niemals beantragt haben wuerde.
Endlich die Bestimmung zu Gunsten der Freigelassenen hatte unzweifelhaft
zunaechst den Zweck, den Antragsteller zum Herrn der Gasse zu machen;
an sich aber war sie weder unmotiviert noch mit der aristokratischen
Verfassung unvereinbar. Seitdem man angefangen hatte, die Freigelassenen
zum Militaerdienst mit hinzuzuziehen, war ihre Forderung des Stimmrechts
insofern gerechtfertigt, als Stimmrecht und Dienstpflicht stets Hand in
Hand gegangen waren. Vor allen Dingen aber kam bei der Nichtigkeit der
Komitien politisch sehr wenig darauf an, ob in diesen Sumpf noch eine
Kloake mehr sich entleerte. Die Moeglichkeit, mit den Komitien zu
regieren, ward fuer die Oligarchie eher gesteigert als gemindert durch
die unbeschraenkte Zulassung der Freigelassenen, welche ja zu einem sehr
grossen Teil von den regierenden Familien persoenlich und oekonomisch
abhaengig waren und richtig verwandt eben ein Mittel fuer die Regierung
abgeben konnten, die Wahlen gruendlicher noch als bisher zu beherrschen.
Wider die Tendenzen der reformistisch gesinnten Aristokratie lief
diese Massregel allerdings wie jede andere politische Beguenstigung des
Proletariats; allein sie war auch fuer Rufus schwerlich etwas anderes,
als was das Getreidegesetz fuer Drusus gewesen war: ein Mittel, um
das Proletariat auf seine Seite zu ziehen und mit dessen Hilfe den
Widerstand gegen die beabsichtigten, wahrhaft gemeinnuetzigen Reformen
zu brechen. Es liess sich leicht voraussehen, dass dieser nicht gering
sein, dass die bornierte Aristokratie und die bornierte Bourgeoisie
ebendenselben stumpfsinnigen Neid wie vor dem Ausbruch der Insurrektion
jetzt nach ihrer Ueberwindung betaetigen, dass die grosse Majoritaet
aller Parteien die im Augenblick der furchtbarsten Gefahr gemachten
halben Zugestaendnisse im stillen oder auch laut als unzeitige
Nachgiebigkeit bezeichnen und jeder Ausdehnung derselben sich
leidenschaftlich widersetzen werde. Drusus' Beispiel hatte gezeigt, was
dabei herauskam, wenn man konservative Reformen allein im Vertrauen
auf die Senatsmajoritaet durchzusetzen unternahm; es war vollkommen
erklaerlich, dass sein Freund und Gesinnungsgenosse verwandte Absichten
in Opposition gegen diese Mehrheit und in den Formen der Demagogie zu
realisieren versuchte. Rufus gab demnach sich keine Muehe, durch
den Koeder der Geschworenengerichte den Senat fuer sich zu gewinnen.
Besseren Rueckhalt fand er bei den Freigelassenen und vor allem an dem
bewaffneten Gefolge - dem Bericht seiner Gegner zufolge bestand es aus
3000 gedungenen Leuten und einem "Gegensenat" von 600 jungen Maennern
aus der besseren Klasse -, mit dem er in den Strassen und auf dem Markte
erschien. Seine Antraege stiessen denn auch auf den entschiedensten
Widerstand bei der Majoritaet des Senats, welche zunaechst, um Zeit zu
gewinnen, die Konsuln Lucius Cornelius Sulla und Quintus Pompeius
Rufus, beide abgesagte Gegner der Demagogie, bewog, ausserordentliche
religioese Festlichkeiten anzuordnen, waehrend deren die
Volksversammlungen ruhten. Sulpicius antwortete mit einem heftigen
Auflauf, bei welchem unter anderen Opfern der junge Quintus Pompeius,
der Sohn des einen und Schwiegersohn des anderen Konsuls, den Tod fand
und das Leben der beiden Konsuln selbst ernstlich bedroht ward - Sulla
soll sogar nur dadurch gerettet worden sein, dass Marius ihm sein
Haus oeffnete. Man musste nachgeben; Sulla verstand sich dazu, die
angekuendigten Festlichkeiten abzusagen, und die Sulpicischen Antraege
gingen nun ohne weiteres durch. Allein es war damit ihr Schicksal
noch keineswegs gesichert. Mochte auch in der Hauptstadt sich die
Aristokratie geschlagen geben, so gab es jetzt - zum erstenmal seit dem
Beginn der Revolution - noch eine andere Macht in Italien, die nicht
uebersehen werden durfte: die beiden starken und siegreichen Armeen des
Prokonsuls Strabo und des Konsuls Sulla. War auch Strabos politische
Stellung zweideutig, so stand Sulla, obwohl er der offenbaren Gewalt
fuer den Augenblick gewichen war, nicht bloss mit der Senatsmajoritaet
in vollem Einvernehmen, sondern war auch, unmittelbar nachdem er die
Festlichkeiten abgesagt hatte, abgegangen nach Kampanien zu seiner
Armee. Den unbewaffneten Konsul durch die Knuettelmaenner oder die
wehrlose Hauptstadt durch die Schwerter der Legionen zu terrorisieren,
lief am Ende auf dasselbe hinaus; Sulpicius setzte voraus, dass der
Gegner, jetzt wo er konnte, Gewalt mit Gewalt vergelten und an der
Spitze seiner Legionen nach der Hauptstadt zurueckkehren werde, um den
konservativen Demagogen mitsamt seinen Gesetzen ueber den Haufen zu
werfen. Vielleicht irrte er sich. Sulla wuenschte den Krieg gegen
Mithradates ebensosehr, wie ihm grauen mochte vor dem hauptstaedtischen
politischen Brodel; bei seinem originellen Indifferentismus und
seiner unuebertroffenen politischen Nonchalance hat es grosse
Wahrscheinlichkeit, dass er den Staatsstreich, den Sulpicius erwartete,
keineswegs beabsichtigte und dass er, wenn man ihn haette gewaehren
lassen, nach der Einnahme von Nola, dessen Belagerung ihn noch
beschaeftigte, unverweilt sich mit seinen Truppen nach Asien
eingeschifft haben wuerde. Indes wie dem auch sein mag, Sulpicius
entwarf, um den vermuteten Streich zu parieren, den Plan, Sulla den
Oberbefehl abzunehmen, und liess zu diesem Ende mit Marius sich ein,
dessen Name noch immer hinreichend populaer war, um einen Antrag, den
Oberbefehl im Asiatischen Kriege auf ihn zu uebertragen, der Menge
plausibel erscheinen zu lassen, und dessen militaerische Stellung und
Kapazitaet fuer den Fall eines Bruches mit Sulla eine Stuetze werden
konnte. Die Gefahr, die darin lag, den alten, ebenso unfaehigen als
rach- und ehrsuechtigen Mann an die Spitze der kampanischen Armee zu
stellen, mochte Sulpicius nicht uebersehen und ebensowenig die arge
Abnormitaet, einem Privatmann ein ausserordentliches Oberkommando durch
Volksschluss zu uebertragen; aber eben Marius' erprobte staatsmaennische
Unfaehigkeit gab eine Art Garantie dafuer, dass er die Verfassung nicht
ernstlich wuerde gefaehrden koennen, und vor allem war Sulpicius' eigene
Lage, wenn er Sullas Absichten richtig beurteilte, eine so bedrohte,
dass dergleichen Ruecksichten kaum mehr in Betracht kamen. Dass der
abgestandene Held selbst bereitwillig jedem entgegenkam, der ihn als
Condottiere gebrauchen wollte, versteht sich von selbst; nach dem
Oberbefehl nun gar in einem asiatischen Krieg geluestete sein Herz seit
vielen Jahren und nicht weniger vielleicht danach, einmal gruendlich
abzurechnen mit der Senatsmajoritaet. Demnach erhielt auf Antrag des
Sulpicius durch Beschluss des Volkes Gaius Marius mit ausserordentlicher
hoechster oder sogenannter prokonsularischer Gewalt das Kommando der
kampanischen Armee und den Oberbefehl in dem Krieg gegen Mithradates,
und es wurden, um das Heer von Sulla zu uebernehmen, zwei Volkstribune
in das Lager von Nola abgesandt. Die Botschaft kam an den unrechten
Mann. Wenn irgend jemand berufen war, den Oberbefehl im Asiatischen
Kriege zu fuehren, so war es Sulla. Er hatte wenige Jahre zuvor mit dem
groessten Erfolge auf demselben Kriegsschauplatz kommandiert: er hatte
mehr als irgendein anderer Mann beigetragen zur Ueberwaeltigung der
gefaehrlichen italischen Insurrektion; ihm als Konsul des Jahres, in
welchem der Asiatische Krieg zum Ausbruch kam, war in der hergebrachten
Weise und mit voller Zustimmung seines ihm befreundeten und
verschwaegerten Kollegen das Kommando in demselben uebertragen worden.
Es war ein starkes Ansinnen, einen unter solchen Verhaeltnissen
uebernommenen Oberbefehl nach Beschluss der souveraenen Buergerschaft
von Rom abzugeben an einen alten militaerischen und politischen
Antagonisten, in dessen Haenden die Armee, niemand mochte sagen zu
welchen Gewaltsamkeiten und Verkehrtheiten, missbraucht werden konnte.
Sulla war weder gutmuetig genug, um freiwillig einem solchen Befehl
Folge zu leisten, noch abhaengig genug, um es zu muessen. Sein Heer
war, teils infolge der von Marius herruehrenden Umgestaltungen des
Heerwesens, teils durch die von Sulla gehandhabte sittlich lockere
und militaerisch strenge Disziplin, wenig mehr als eine ihrem
Fuehrer unbedingt ergebene und in politischen Dingen indifferente
Lanzknechtschar. Sulla selbst war ein blasierter, kalter und klarer
Kopf, dem die souveraene roemische Buergerschaft ein Poebelhaufen war,
der Held von Aquae Sextiae ein bankrotter Schwindler, die formelle
Legalitaet eine Phrase, Rom selbst eine Stadt ohne Besatzung und mit
halbverfallenen Mauern, die viel leichter erobert werden konnte als
Nola. In diesem Sinne handelte er. Er versammelte seine Soldaten - es
waren sechs Legionen oder etwa 35000 Mann - und setzte ihnen die von Rom
angelangte Botschaft auseinander, nicht vergessend, ihnen anzudeuten,
dass der neue Oberfeldherr ohne Zweifel nicht dieses Heer, sondern
andere, neu gebildete Truppen nach Kleinasien fuehren werde. Die
hoeheren Offiziere, immer noch mehr Buerger als Militaers, hielten sich
zurueck, und nur ein einziger von ihnen folgte dem Feldherrn gegen die
Hauptstadt; allein die Soldaten, die nach frueheren Erfahrungen in Asien
einen bequemen Krieg und unendliche Beute zu finden hofften, brausten
auf; in einem Nu waren die beiden von Rom gekommenen Tribune zerrissen
und von allen Seiten erscholl der Zuruf, dass der Feldherr sie auf Rom
zu fuehren moege. Unverweilt brach der Konsul auf, und unterwegs
seinen Gleichgesinnten Kollegen an sich ziehend, gelang er in raschen
Maerschen, wenig sich kuemmernd um die von Rom ihm entgegeneilenden
Abgesandten, die ihn aufzuhalten versuchten, bis unter die Mauern der
Hauptstadt. Unerwartet sah man Sullas Heersaeulen sich aufstellen an der
Tiberbruecke und am Collinischen und Esquilinischen Tore und sodann zwei
Legionen in Reih' und Glied, ihre Feldzeichen voran, den Befriedeten
Mauerring ueberschreiten, jenseits dessen das Gesetz den Krieg gebannt
hatte. So viel schlimmer Hader, so viele bedeutende Fehden waren
innerhalb dieser Mauern zum Austrag gekommen, ohne dass ein roemisches
Heer den heiligen Stadtfrieden gebrochen haette; jetzt geschah es,
zunaechst um der elenden Frage willen, ob dieser oder jener Offizier
berufen sei, im Osten zu kommandieren. Die einrueckenden Legionen
gingen vor bis auf die Hoehe des Esquilin; als die von den Daechern
heranregnenden Geschosse und Steine die Soldaten unsicher machten und
sie zu weichen anfingen, erhob Sulla selbst die flammende Fackel
und, mit Brandpfeilen und Anzuendung der Haeuser drohend, brachen die
Legionen sich Bahn bis auf den Esquilinischen Marktplatz (unweit S.
Maria Maggiore). Hier wartete ihrer die eiligst von Marius und Sulpicius
zusammengeraffte Mannschaft und warf die zuerst eindringenden
Kolonnen durch die Ueberzahl zurueck. Aber von den Toren kam denselben
Verstaerkung; eine andere Abteilung der Sullaner machte Anstalt, auf der
Suburastrasse die Verteidiger zu umgehen; sie mussten zurueck. Am Tempel
der Tellus, wo der Esquilin anfaengt sich gegen den Grossen Marktplatz
zu senken, versuchte Marius noch einmal sich zu setzen; er beschwor
Senat und Ritter und die gesamte Buergerschaft, den Legionen sich
entgegenzuwerfen. Aber er selbst hatte dieselben aus Buergern in
Lanzknechte umgeschaffen; sein eigenes Werk wandte sich gegen ihn; sie
gehorchten nicht der Regierung, sondern ihrem Feldherrn. Selbst als die
Sklaven unter dem Versprechen der Freiheit aufgefordert wurden, sich zu
bewaffnen, erschienen ihrer nicht mehr als drei. Es blieb den Fuehrern
nichts uebrig, als eiligst durch die noch unbesetzten Tore zu entrinnen;
nach wenigen Stunden war Sulla unumschraenkter Herr von Rom. Diese
Nacht brannten die Wachfeuer der Legionen auf dem Grossen Marktplatz der
Hauptstadt. Die erste militaerische Intervention in den buergerlichen
Fehden hatte es zur vollen Evidenz gebracht, sowohl dass die politischen
Kaempfe auf dem Punkt angekommen waren, wo nur noch offene und
unmittelbare Gewalt die Entscheidung gibt, als auch dass die Gewalt
des Knuettels nichts ist gegen die Gewalt des Schwertes. Es ist die
konservative Partei gewesen, die das Schwert zuerst gezogen und an der
denn auch jenes ahnungsvolle Wort des Evangeliums ueber den, der
zuerst das Schwert erhebt, seinerzeit sich erfuellt hat. Fuer jetzt
triumphierte sie vollstaendig und durfte ihren Sieg nach Belieben selber
formulieren. Von selbst verstand es sich, dass die Sulpicischen Gesetze
als von Rechts wegen nichtig bezeichnet wurden. Ihr Urheber und seine
namhaftesten Anhaenger hatten sich gefluechtet; sie wurden, zwoelf
an der Zahl, von dem Senat als Vaterlandsfeinde zur Fahndung und
Hinrichtung ausgeschrieben. Publius Sulpicius ward infolgedessen bei
Laurentum ergriffen und niedergemacht und das an Sulla gesandte Haupt
des Tribuns nach dessen Anordnung auf dem Markt auf ebenderselben
Rednerbuehne zur Schau gestellt, wo er selbst noch wenige Tage zuvor in
voller Jugend- und Rednerkraft gestanden hatte. Die anderen Geaechteten
wurden verfolgt; auch dem alten Gaius Marius waren die Moerder auf den
Fersen. Wie der Feldherr auch die Erinnerung an seine glorreichen Tage
durch eine Kette von Erbaermlichkeiten getruebt haben mochte, jetzt, wo
der Retter des Vaterlandes um sein Leben lief, war er wieder der Sieger
von Vercellae und mit atemloser Spannung vernahm man in ganz Italien
die Ereignisse seiner wundersamen Flucht. In Ostia hatte er ein Fahrzeug
bestiegen, um nach Afrika zu segeln; allein widrige Winde und Mangel an
Vorraeten zwangen ihn, am Circeischen Vorgebirg zu landen und auf gut
Glueck in die Irre zu gehen. Von wenigen begleitet und keinem Dach
sich anvertrauend, gelangte der greise Konsular zu Fuss, oft vom Hunger
gepeinigt, in die Naehe der roemischen Kolonie Minturnae an der Muendung
des Garigliano. Hier zeigten sich in der Ferne die verfolgenden
Reiter; mit genauer Not ward das Ufer erreicht, und ein dort liegendes
Handelsschiff entzog ihn seinen Verfolgern; allein die aengstlichen
Schiffer legten bald wieder an und suchten das Weite, waehrend Marius
am Strande schlief. In dem Strandsumpf von Minturnae, bis zum Guertel in
den Schlamm versunken und das Haupt unter einem Schilfhaufen verborgen,
fanden ihn seine Verfolger und lieferten ihn ab an die Stadtbehoerde
von Minturnae. Er ward ins Gefaengnis gelegt und der Stadtbuettel,
ein kimbrischer Sklave, gesandt, ihn hinzurichten; allein der Deutsche
erschrak vor dem blitzenden Auge seines alten Besiegers und das
Beil entsank ihm, als der General mit seiner gewaltigen Stimme ihn
anherrschte, ob er der Mann sei, den Gaius Marius zu toeten. Als man
dies vernahm, ergriff die Beamten von Minturnae die Scham, dass der
Retter Roms groessere Ehrfurcht finde bei den Sklaven, denen er die
Knechtschaft, als bei den Mitbuergern, denen er die Freiheit gebracht
hatte; sie loesten seine Fesseln, gaben ihm Schiff und Reisegeld und
sandten ihn nach Aenaria (Ischia). Die Verbannten mit Ausnahme des
Sulpicius fanden in diesen Gewaessern sich allmaehlich zusammen; sie
liefen am Eryx und bei dem ehemaligen Karthago an, allein die roemischen
Beamten wiesen sie in Sizilien wie in Afrika zurueck. So entrannen sie
nach Numidien, dessen oede Strandduenen ihnen einen Zufluchtsort fuer
den Winter gewaehrten. Allein der Koenig Hiempsal II., den sie zu
gewinnen hofften und der auch eine Zeitlang sich die Miene gegeben
hatte, mit ihnen sich verbinden zu wollen, hatte es nur getan, um
sie sicher zu machen, und versuchte jetzt, sich ihrer Personen zu
bemaechtigen. Mit genauer Not entrannen die Fluechtlinge seinen Reitern
und fanden vorlaeufig eine Zuflucht auf der kleinen Insel Kerkina
(Kerkena) an der tunesischen Kueste. Wir wissen es nicht, ob Sulla
seinem Gluecksstern auch dafuer dankte, dass es ihm erspart blieb, den
Kimbrersieger toeten zu lassen; wenigstens scheint es nicht, dass
die minturnensischen Beamten bestraft worden sind. Um die vorhandenen
Uebelstaende zu beseitigen und kuenftige Umwaelzungen zu verhueten,
veranlasste Sulla eine Reihe neuer gesetzlicher Bestimmungen. Fuer die
bedraengten Schuldner scheint nichts geschehen zu sein, als dass man die
Vorschriften ueber das Zinsmaximum einschaerfte ^11; ausserdem wurde die
Ausfuehrung einer Anzahl von Kolonien angeordnet. Der in den Schlachten
und Prozessen des Bundesgenossenkrieges sehr zusammengeschwundene Senat
ward ergaenzt durch die Aufnahme von 300 neuen Senatoren, deren Auswahl
natuerlich im optimatischen Interesse getroffen ward. Endlich wurden
hinsichtlich des Wahlmodus und der legislatorischen Initiative
wesentliche Aenderungen vorgenommen. Die alte Servianische Stimmordnung
der Zenturiatkomitien, nach der die erste Steuerklasse mit einem
Vermoegen von 100000 Sesterzen (7600 Talern) oder darueber allein fast
die Haelfte der Stimmen inne hatte, trat wieder an die Stelle der
im Jahre 513 (241) eingefuehrten, das Uebergewicht der ersten Klasse
mildernden Ordnungen. Tatsaechlich ward damit fuer die Wahl der
Konsuln, Praetoren und Zensoren ein Zensus eingefuehrt, der die nicht