wahrscheinlich war dieser Vorwurf unbegruendet; Marius bewies, indem
er taeglich in Rom auf dem Turnplatz erschien, wenigstens seine
koerperliche Frische, und auch als Oberbefehlshaber scheint er in dem
letzten Feldzug im ganzen die alte Tuechtigkeit bewaehrt zu haben; aber
glaenzende Erfolge, mit denen allein er nach seinem politischen Bankrott
sich haette in der oeffentlichen Meinung rehabilitieren koennen, hatte
er nicht erfochten, und so ward der gefeierte Degen zu seinem bitteren
Kummer jetzt auch als Offizier ohne Umstaende zu dem alten Eisen
geworfen. An Marius' Stelle trat bei der marsischen Armee der Konsul
dieses Jahres Lucius Porcius Cato, der mit Auszeichnungen in Etrurien
gefochten hatte, an Caesars bei der kampanischen der Unterfeldherr
Lucius Sulla, dem man einige der wesentlichsten Erfolge des vorigen
Feldzugs verdankte; Gnaeus Strabo behielt, jetzt als Konsul, das mit
so grossem Erfolg von ihm gefuehrte Kommando im picenischen Gebiet. So
begann der zweite Feldzug 665 (89), den noch im Winter die Insurgenten
eroeffneten durch den kuehnen, an den grossartigen Gang der Samnitischen
Kriege erinnernden Versuch, einen marsischen Heerhaufen von 15000 Mann
der in Norditalien gaerenden Insurrektion zu Hilfe nach Etrurien zu
senden. Allein Strabo, durch dessen Bereich er zu passieren hatte,
verlegte ihm den Weg und schlug ihn vollstaendig; nur wenige gelangten
zurueck in die weit entfernte Heimat. Als dann die Jahreszeit den
roemischen Heeren gestattete, die Offensive zu ergreifen, betrat Cato
das marsische Gebiet und drang unter gluecklichen Gefechten in demselben
vor, allein er fiel in der Gegend des Fuciner Sees bei einem Sturm
auf das feindliche Lager, wodurch die ausschliessliche Oberleitung der
Operationen in Mittelitalien auf Strabo ueberging. Dieser beschaeftigte
sich teils mit der fortgesetzten Belagerung von Asculum, teils mit der
Unterwerfung der marsischen, sabellischen und apulischen Landschaften.
Zum Entsatz seiner bedraengten Heimatstadt erschien vor Asculum
Iudacilius mit dem picentischen Aufgebot und griff die belagernde
Armee an, waehrend gleichzeitig die ausfallende Besatzung sich auf die
roemischen Linien warf. Es sollen an diesem Tage 75000 Roemer gegen
60000 Italiker gefochten haben. Der Sieg blieb den Roemern, doch gelang
es dem Iudacilius, mit einem Teil des Entsatzheeres sich in die Stadt zu
werfen. Die Belagerung nahm ihren Fortgang; sie war langwierig 8
durch die Festigkeit des Platzes und die verzweifelte Verteidigung
der Bewohner, welche fochten in Erinnerung an die schreckliche
Kriegserklaerung innerhalb ihrer Mauern. Als Iudacilius endlich nach
mehrmonatlicher tapferer Verteidigung die Kapitulation herankommen sah,
liess er die Haeupter der roemisch gesinnten Fraktion der Buergerschaft
unter Martern umbringen und gab sodann sich selbst den Tod. So wurden
die Tore geoeffnet und die roemischen Exekutionen loesten die italischen
ab: alle Offiziere und alle angesehenen Buerger wurden hingerichtet, die
uebrigen mit dem Bettelstab ausgetrieben, saemtliches Hab und Gut von
Staats wegen eingezogen. Waehrend der Belagerung und nach dem Fall
von Asculum durchzogen zahlreiche roemische Korps die benachbarten
aufstaendischen Landschaften und bewogen eine nach der anderen zur
Unterwerfung. Die Marruciner fuegten sich, nachdem Servius Sulpicius sie
bei Teate (Chieti) nachdruecklich geschlagen hatte. In Apulien drang
der Praetor Gaius Cosconius ein, nahm Salapia und Cannae und belagerte
Canusium. Einen samnitischen Heerhaufen, der unter Marius Egnatius
der unkriegerischen Landschaft zu Hilfe kam und in der Tat die Roemer
zurueckdraengte, gelang es dem roemischen Feldherrn bei dem Uebergang
ueber den Aufidus zu schlagen; Egnatius fiel und der Rest des Heeres
musste in den Mauern von Canusium Schutz suchen. Die Roemer drangen
wieder vor bis nach Venusia und Rubi und wurden Herren von ganz Apulien.
Auch am Fuciner See und am Majellagebirg, in den Hauptsitzen der
Insurrektion, stellten die Roemer ihre Herrschaft wieder her; die Marser
ergaben sich an die Unterfeldherren Strabos, Quintus Metellus Pius und
Gaius Cinna, die Vestiner und Paeligner im folgenden Jahr (666 88)
an Strabo selbst; die Insurgentenhauptstadt Italia ward wieder die
bescheidene paelignische Landstadt Corfinium; die Reste des
italischen Senats fluechteten auf samnitisches Gebiet.
---------------------------------------------- 8 Schleuderbleie mit
dem Namen der Legion, die sie warf, auch wohl mit Verwuenschungen der
"entlaufenen Sklaven" - demnach roemische - oder mit der Aufschrift
entweder: "triff die Picenter" oder "triff den Pompeius" -jene
roemische, diese italische - finden sieh von jener Zeit her noch
jetzt zahlreich in der Gegend von Ascoli.
--------------------------------------------- Die roemische Suedarmee,
welche jetzt unter Lucius Sullas Befehlen stand, hatte gleichzeitig
die Offensive ergriffen und war eingedrungen in das vom Feind besetzte
suedliche Kampanien. Stabiae ward von Sulla selbst erobert und zerstoert
(30. April 665 89), Herculaneum von Titus Didius, der indes, es scheint
bei diesem Sturm, selber fiel (11. Juni). Laenger widerstand Pompeii.
Der samnitische Feldherr Lucius Cluentius kam herbei, der Stadt Entsatz
zu bringen, allein er ward von Sulla zurueckgewiesen, und als er, durch
Keltenscharen verstaerkt, seinen Versuch wiederholte, hauptsaechlich
durch den Wankelmut dieser unzuverlaessigen Gesellen so vollstaendig
geschlagen, dass sein Lager erobert und er selbst mit dem groessten
Teil der Seinigen auf der Flucht nach Nola zu niedergehauen ward. Das
dankbare roemische Heer verlieh seinem Feldherrn den Graskranz, mit
welchem schlichten Zeichen nach Lagerbrauch der Soldat geschmueckt
wurde, der durch seine Tuechtigkeit eine Abteilung seiner Kameraden
gerettet hatte. Ohne mit der Belagerung Nolas und den anderen von den
Samniten noch besetzten kampanischen Staedte sich aufzuhalten, rueckte
Sulla sofort in das innere Land ein, wo der Hauptherd der Insurrektion
war. Die rasche Eroberung und fuerchterliche Bestrafung von Aeclanum
verbreitete Schrecken in der ganzen hirpinischen Landschaft; sie
unterwarf sich, noch ehe der lucanische Zuzug herankam, der zu
ihrem Beistand sich in Bewegung setzte, und Sulla konnte ungehindert
vordringen, bis in das Gebiet der samnitischen Eidgenossenschaft. Der
Pass, wo die samnitische Landwehr unter Mutilus ihn erwartete, wurde
umgangen, die samnitische Armee im Ruecken angegriffen und geschlagen;
das Lager ging verloren, der Feldherr rettete sich verwundet nach
Aesernia. Sulla rueckte vor die Hauptstadt der samnitischen Landschaft
Bovianum und zwang sie durch einen zweiten, unter ihren Mauern
erfochtenen Sieg zu kapitulieren. Erst die vorgerueckte Jahreszeit
machte hier dem Feldzug ein Ende. Es war der vollstaendigste Umschwung
der Dinge. So gewaltig, so siegreich, so vordringend die Insurrektion
den Feldzug des Jahres 665 (89) begonnen hatte, so tiefgebeugt, so
ueberall geschlagen, so voellig hoffnungslos ging sie aus demselben
hervor. Ganz Norditalien war beruhigt. In Mittelitalien waren beide
Kuesten voellig in roemischer Gewalt, die Abruzzen fast vollstaendig,
Apulien bis auf Venusia, Kampanien bis auf Nola in den Haenden der
Roemer und durch die Besetzung des hirpinischen Gebietes die Verbindung
gesprengt zwischen den beiden einzigen noch in offener
Gegenwehr beharrenden Landschaften, der samnitischen und der
lucanisch-brettischen. Das Insurrektionsgebiet glich einer erloeschenden
ungeheuren Brandstaette; ueberall traf das Auge auf Asche und Truemmer
und verglimmende Braende, hie und da loderte noch zwischen den Ruinen
die Flamme empor, aber man war des Feuers ueberall Meister und nirgends
drohte mehr Gefahr. Es ist zu bedauern, dass wir die Ursachen dieses
ploetzlichen Umschwunges in der oberflaechlichen Ueberlieferung nicht
mehr genuegend erkennen. So unzweifelhaft Strabos und mehr noch Sullas
geschickte Fuehrung und namentlich die energischere Konzentrierung
der roemischen Streitkraefte, die raschere Offensive wesentlich dazu
beigetragen hat, so moegen doch neben den militaerischen auch politische
Unruhen bei dem beispiellos raschen Sturz der Insurgentenmacht im Spiel
gewesen sein; es mag das Gesetz des Silvanus und Carbo seinen Zweck,
Abfall und Verrat der gemeinen Sache in die Reihen der Feinde zu
tragen, erfuellt haben, es mag, wie so oft, unter die lose verknuepften
aufstaendischen Gemeinden das Unglueck als Apfel der Zwietracht gefallen
sein. Wir sehen nur - und es deutet auch dies auf eine sicher unter
heftigen Konvulsionen erfolgte innerliche Aufloesung der Italia -, dass
die Samniten, vielleicht unter Leitung des Marsers Quintus Silo, der von
Haus aus die Seele des Aufstandes gewesen und nach der Kapitulation der
Marser landfluechtig zu dem Nachbarvolk gegangen war, jetzt sich
eine andere, rein landschaftliche Organisation gaben und, nachdem die
"Italia" ueberwunden war, es unternahmen, als "Safinen" oder Samniten
den Kampf noch weiter fortzusetzen 9. Das feste Aesernia ward aus der
Zwingburg der letzte Hort der samnitischen Freiheit; ein Heer sammelte
sich von angeblich 30000 Mann zu Fuss und 1000 zu Pferd und ward
durch Freisprechung und Einordnung von 20000 Sklaven verstaerkt; fuenf
Feldherren traten an dessen Spitze, darunter als der erste Silo und
neben ihm Mutilus. Mit Erstaunen sah man nach zweihundertjaehriger Pause
die Samnitenkriege aufs neue beginnen und das entschlossene Bauernvolk
abermals, ganz wie im fuenften Jahrhundert, nachdem die italische
Konfoederation gescheitert war, noch einen Versuch machen, seine
landschaftliche Unabhaengigkeit auf eigene Faust von Rom zu ertrotzen.
Allein dieser Entschluss der tapfersten Verzweiflung aenderte in der
Hauptsache nicht viel; es mochte der Bergkrieg in Samnium und Lucanien
noch einige Zeit und einige Opfer fordern, die Insurrektion
war nichtsdestoweniger schon jetzt wesentlich zu Ende.
---------------------------------------------------- 9 Dieser Epoche
muessen die seltenen Denare mit Safinim und G. Mutil in oskischer
Schrift angehoeren; denn solange die Italia von den Insurgenten
festgehalten ward, konnte kein einzelner Gau als souveraene
Macht Muenzen mit dem eigenen Namen schlagen.
---------------------------------------------------- Allerdings war
inzwischen eine neue Komplikation eingetreten, indem die asiatischen
Verwicklungen es zu einer gebieterischen Notwendigkeit gemacht hatten,
an Koenig Mithradates von Pontos den Krieg zu erklaeren und fuer das
naechste Jahr (666 88) den einen Konsul und eine konsularische Armee
nach Kleinasien zu bestimmen. Waere dieser Krieg ein Jahr frueher zum
Ausbruch gekommen, so haette die gleichzeitige Empoerung des halben
Italiens und der wichtigsten Provinz dem roemischen Staat eine ungeheure
Gefahr bereitet. Jetzt, nachdem in dem raschen Sturz der italischen
Insurrektion das wunderbare Glueck Roms sich abermals bewaehrt hatte,
war dieser neu beginnende asiatische Krieg, trotzdem dass er mit
dem verendenden italischen sich verschlang, doch nicht eigentlich
bedrohlicher Art, um so weniger, als Mithradates in seinem Uebermut die
Aufforderung der Italiker, ihnen unmittelbaren Beistand zu leisten, von
der Hand wies, aber freilich immer noch in hohem Grade unbequem.
Die Zeiten waren nicht mehr, wo man einen italischen und einen
ueberseeischen Krieg unbedenklich nebeneinander fuehrte; die Staatskasse
war nach zwei Kriegsjahren bereits vollstaendig erschoepft, die Bildung
einer neuen Armee neben den bereits im Felde stehenden schien kaum
ausfuehrbar. Indes man half sich wie man konnte. Der Verkauf der
seit alter Zeit auf und an der Burg freigebliebenen Plaetze an die
Baulustigen, woraus 9000 Pfund Gold (2« Mill. Taler) geloest wurden,
lieferte die erforderlichen Geldmittel. Eine neue Armee ward nicht
gebildet, sondern die in Kampanien unter Sulla stehende bestimmt, nach
Asien sich einzuschiffen, sobald der Stand der Dinge im suedlichen
Italien es ihr gestatten wuerde sich zu entfernen; war bei den
Fortschritten der im Norden unter Strabo operierenden Armee
voraussichtlich bald geschehen konnte. So begann der dritte Feldzug 666
(88) unter guenstigen Aussichten fuer Rom. Strabo daempfte den letzten
Widerstand, der noch in den Abruzzen geleistet ward. In Apulien machte
Cosconius' Nachfolger Quintus Metellus Pius, der Sohn des Ueberwinders
von Numidien und an energisch konservativer Gesinnung wie an
militaerischer Begabung seinem Vater nicht ungleich, dem Widerstand
ein Ende durch die Einnahme von Venusia, wobei 3000 Bewaffnete gefangen
genommen wurden. In Samnium gelang zwar Silo die Wiedereinnahme von
Bovianum; allein in einer Schlacht, die er dem roemischen General
Mamercus Aemilius lieferte, siegten die Roemer, und was wichtiger war
als der Sieg selbst, unter 6000 Toten, die die Samniten auf der Walstatt
liessen, war auch Silo. In Kampanien wurden die kleineren Ortschaften,
die die Samniten noch besetzt hielten, von Sulla ihnen entrissen und
Nola umstellt. Auch in Lucanien drang der roemische Feldherr Aulus
Gabinius ein und errang nicht geringe Erfolge; allein nachdem er bei
einem Angriff auf das feindliche Lager gefallen war, herrschte der
Insurgentenfuehrer Lamponius mit den Seinen wiederum fast ungestoert in
der weiten und oeden lucanisch-brettischen Landschaft. Er machte sogar
einen Versuch sich Rhegions zu bemaechtigen, den indes der sizilische
Statthalter Gaius Norbanus vereitelte. Trotz einzelner Unfaelle naeherte
man sich unaufhaltsam dem Ziel; der Fall von Nola, die Unterwerfung
von Samnium, die Moeglichkeit, ansehnliche Streitkraefte fuer Asien
verfuegbar zu machen, schienen nicht mehr fern, als die Wendung
der Dinge in der Hauptstadt der fast schon erstickten Insurrektion
unvermutet Luft machte. Rom war in fuerchterlicher Gaerung. Drusus'
Angriff auf die Rittergerichte und sein durch die Ritterpartei bewirkter
jaeher Sturz, sodann der zweischneidige Varische Prozesskrieg hatten die
bitterste Zwietracht gesaet zwischen Aristokratie und Bourgeoisie sowie
zwischen den Gemaessigten und den Ultras. Die Ereignisse hatten der
Partei der Nachgiebigkeit vollstaendig recht gegeben: was sie beantragt
hatte, freiwillig zu verschenken, das hatte man mehr als halb gezwungen
zugestehen muessen; allein die Art, wie dies Zugestaendnis erfolgt war,
trug eben wie die fruehere Weigerung den Charakter des eigensinnigen und
kurzsichtigen Neides. Statt allen italischen Gemeinden das gleiche Recht
zu gewaehren, hatte man die Zuruecksetzung nur anders formuliert.
Man hatte eine grosse Anzahl italischer Gemeinden in den roemischen
Buergerverband aufgenommen, aber was man verlieh, wieder mit einem
ehrenruehrigen Makel behaftet, die Neu- neben die Altbuerger ungefaehr
wie die Freigelassenen neben die Freigeborenen gestellt. Man hatte die
Gemeinden zwischen dem Po und den Alpen durch das Zugestaendnis des
latinischen Rechts mehr gereizt als befriedigt. Man hatte endlich einem
ansehnlichen und nicht dem schlechtesten Teil der Italiker, saemtlichen
wieder unterworfenen insurgierten Gemeinden, nicht bloss das
Buergerrecht vorenthalten, sondern sogar ihre ehemaligen, durch den
Aufstand vernichteten Vertraege ihnen nicht wieder rechtlich verbrieft,
hoechstens im Gnadenweg und auf beliebigen Widerruf dieselben erneuert
^10. Die Zuruecksetzung im Stimmrecht verletzte um so tiefer, als sie
bei der damaligen Beschaffenheit der Komitien politisch sinnlos war und
die scheinheilige Fuersorge der Regierung fuer die unbefleckte Reinheit
der Waehlerschaft jedem Unbefangenen laecherlich erscheinen musste;
all jene Beschraenkungen aber waren insofern gefaehrlich, als sie jeden
Demagogen dazu einluden, durch Aufnahme der mehr oder minder
gerechten Forderungen der Neubuerger sowohl wie der vom Buergerrecht
ausgeschlossenen Italiker seine anderweitigen Zwecke durchzusetzen. Wenn
somit die heller sehende Aristokratie diese halben und missguenstigen
Konzessionen ebenso unzulaenglich finden musste wie die Neubuerger und
die Ausgeschlossenen selbst, so vermisste sie ferner schmerzlich in
ihren Reihen die zahlreichen und vorzueglichen Maenner, die die Varische
Hochverratskommission ins Elend gesandt hatte und die zurueckzurufen
deswegen nur noch schwieriger war, weil sie nicht durch Volks-, sondern
durch Geschworenengerichte verurteilt worden waren; denn sowenig man
Bedenken trug, einen Volksschluss auch richterlicher Natur durch
einen zweiten zu kassieren, so erschien doch die Kassation eines
Geschworenenverdikts durch das Volk eben der besseren Aristokratie als
ein sehr gefaehrliches Beispiel. So waren weder die Ultras noch die
Gemaessigten mit dem Ausgang der italischen Krise zufrieden. Aber
von noch tieferem Grolle schwoll das Herz des alten Mannes, der mit
erfrischten Hoffnungen in den Italischen Krieg gezogen und daraus
unfreiwillig zurueckgekommen war, mit dem Bewusstsein, neue Dienste
geleistet und dafuer neue schwerste Kraenkungen empfangen zu haben, mit
dem bitteren Gefuehle, von den Feinden nicht mehr gefuerchtet, sondern
geringgeschaetzt zu werden, mit jenem Wurm der Rache im Herzen, der
sich aufnaehrt an seinem eigenen Gifte. Auch von ihm galt, was von den
Neubuergern und den Ausgeschlossenen: unfaehig und unbehilflich wie er
sich erwiesen hatte, war doch sein populaerer Name in der Hand
eines Demagogen ein furchtbares Werkzeug.
---------------------------------------------- ^10 Dediticiis, sagt
Licinianus (p. 15) unter dem Jahre 667 (87), omnibus [ci]vita[sJ data;
qui polliciti mult[aJ milia militum vix XV ... cobortes miserunt worin
der Livianische Bericht (ep. 80: Italicis populis a senatu civltas data
est) in teilweise schaerferer Fassung wiedererscheint. Dediticii sind
nach roemischem Staatsrecht diejenigen peregrinischen Freien (Gaius
inst. 13-15, 25; Ulp. 20, 14; 22, 2), die den Roemern untertan geworden
und zu keinem Buendnis zugelassen worden sind. Sie behalten nicht bloss
Leben, Freiheit und Eigentum, sondern koennen auch in Gemeinden mit
eigener Verfassung konstituiert sein. Apolides, nullius certae civitatis
cives (Ulp. 20, 14; vgl. Dig. 48, 19, 17, 1), sind nur die durch
rechtliche Fiktion den dediticii gleichgestellten Freigelassenen (ii
qui dediticiorum numero sunt, nur missbraeuchlich und bei besseren
Schriftstellern selten geradezu dediticii genannt: Gaius inst. 1, 12;
Ulp. 1, 14; Paul. 4, 12, 6) ebenso wie die verwandten liberti Latini
Juniani. Aber die dediticii sind dennoch dem roemischen Staate
gegenueber insofern rechtlos, als nach roemischem Staatsrecht jede
Dedition notwendig unbedingt ist (Polyb. 21,1; vgl. 20, 9 u.10; 36, 2)
und alle ihnen ausdruecklich oder stillschweigend zugestandenen Rechte
nur precario, also auf beliebigen Widerruf zugestanden werden (App.
Hisp. 44), der roemische Staat also, was er auch gleich oder spaeter
ueber seine Deditizier verhaengen mag, niemals gegen sie eine
Rechtsverletzung begehen kann. Diese Rechtlosigkeit hoert erst auf durch
Abschliessung eines Buendnisvertrages (Liv. 34, 57). Darum erscheinen
deditio und foedus als staatsrechtlich sich ausschliessende Gegenstaende
(Liv. 4, 30; 28, 34; Cod. Theod. 7, 13, 16 und dazu Gothofr.), und
nichts anderes ist auch der den Juristen gelaeufige Gegensatz der
Quasideditizier und der Quasilatiner, denn die Latiner sind eben die
Foederierten im eminenten Sinn (Cic. Balb. 24, 54). Nach dem aelteren
Staatsrecht gab es, mit Ausnahme der nicht zahlreichen, infolge des
Hannibalischen Krieges ihrer Vertraege verlustig erklaerten Gemeinden,
keine italischen Deditizier; noch in dem Plautischen Gesetz von 664/65
(90/89) schloss die Bezeichnung: qui foederatis civitatibus adscripti
fuerunt (Cic. Arch. 4, 7) wesentlich alle Italiker ein. Da nun aber
unter den dediticii, die 667 (87) nachtraeglich das Buergerrecht
empfingen, doch nicht fueglich bloss die Brettier und Picenter
verstanden sein koennen, so wird man annehmen duerfen, dass alle
Insurgenten, soweit sie die Waffen niedergelegt und nicht nach dem
Plautisch-Papirischen Gesetz das Buergerrecht erworben hatten, als
Deditizier behandelt oder, was dasselbe ist, dass ihre durch die
Insurrektion von selbst kassierten Vertraege (darum qui foederati
fuerunt in der angefuehrten Ciceronischen Stelle) ihnen bei der
Ergebung nicht rechtlich erneuert wurden.
--------------------------------------------- Mit diesen Elementen
politischer Konvulsionen verband sich der rasch fortschreitende Verfall
der ehrbaren Kriegssitte und der militaerischen Disziplin. Die Keime,
welche die Einstellung der Proletarier in das Heer in sich trug,
entwickelten sich mit erschreckender Geschwindigkeit waehrend des
demoralisierenden Insurgentenkriegs, der jeden waffenfaehigen Mann ohne
Unterschied zum Dienst zuzulassen noetigte und der vor allem unmittelbar
in das Hauptquartier wie in das Soldatenzelt die politische Propaganda
trug. Bald zeigten sich die Folgen in dem Erschlaffen aller Bande der
militaerischen Hierarchie. Waehrend der Belagerung von Pompeii ward
der Befehlshaber des Sullanischen Belagerungskorps, der Konsular Aulus
Postumius Albinus, von seinen Soldaten, die von ihrem Feldherrn dem
Feinde verraten zu sein glaubten, mit Steinen und Knuetteln erschlagen;
und der Oberbefehlshaber Sulla begnuegte sich, die Truppen zu ermahnen,
durch tapferes Verhalten vor dem Feind die Erinnerung an diesen Vorgang
auszuloeschen. Die Urheber dieser Tat waren die Flottensoldaten, von
jeher die am mindesten achtbare Truppe: bald folgte eine vorwiegend
aus dem Stadtpoebel ausgehobene Abteilung der Legionaere dem gegebenen
Beispiel. Angestiftet von einem der Helden des Marktes, Gaius Titius,
vergriff sie sich an dem Konsul Cato. Durch einen Zufall entging
derselbe diesmal dem Tode; Titius aber ward zwar festgesetzt, indes
nicht bestraft. Als Cato dann bald darauf wirklich in einem Gefechte
umkam, wurden seine eigenen Offiziere, namentlich der juengere Gaius
Marius, ob mit Recht oder mit Unrecht ist nicht auszumachen, als die
Urheber seines Todes bezeichnet. Zu dieser beginnenden politischen
und militaerischen kam die vielleicht noch entsetzlichere oekonomische
Krise, die im Verfolg des Bundesgenossenkrieges und der asiatischen
Unruhen ueber die roemischen Geldmaenner hereingebrochen war. Die
Schuldner, unfaehig, auch nur die Zinsen zu erschwingen, und dennoch von
ihren Glaeubigern unerbittlich gedraengt, hatten bei dem beikommenden
Gerichtsvorstand, dem Stadtpraetor Asellio, teils Aufschub erbeten, um
ihre Besitzungen verkaufen zu koennen, teils die alten verschollenen
Zinsgesetze wieder hervorgesucht und nach der vor Zeiten festgestellten
Vorschrift den vierfachen Betrag der dem Gesetz zuwider gezahlten
Zinsen von den Glaeubigern eingeklagt. Asellio gab sich dazu her, das
tatsaechlich bestehende Recht durch dessen Buchstaben zu beugen, und
instruierte in gewoehnlicher Weise die verlangten Zinsklagen; worauf die
verletzten Glaeubiger unter Leitung des Volkstribuns Lucius Cassius
sich auf dem Markt zusammentaten und den Praetor, da er eben in
priesterlichem Schmuck ein Opfer darbrachte, vor dem Tempel der
Eintracht ueberfielen und erschlugen - eine Freveltat, wegen deren nicht
einmal eine Untersuchung stattfand (665 89). Andererseits ging in
den Schuldnerkreisen die Rede, dass der leidenden Menge nicht anders
geholfen werden koenne als durch "neue Rechnungsbuecher", das heisst