diesem durchaus dezentralisierten Krieg war im ganzen auf seiten der
Roemer, tritt aber auch hier nirgends mit Entschiedenheit auf. Es
faellt auf, dass weder die Roemer ihre Truppen zusammennahmen, um
einen ueberlegenen Angriff gegen die Insurgenten auszufuehren, noch die
Insurgenten den Versuch machten, in Latium einzuruecken und sich auf die
feindliche Hauptstadt zu werfen; wir sind indes mit den beiderseitigen
Verhaeltnissen zu wenig bekannt; um zu beurteilen, ob und wie man anders
haette handeln koennen und inwieweit die Schlaffheit der roemischen
Regierung einer- und die lose Verbindung der foederierten Gemeinden
andrerseits zu diesem Mangel an Einheit in der Kriegfuehrung beigetragen
haben. Es ist begreiflich, dass bei diesem System es wohl zu Siegen und
Niederlagen kam, aber sehr lange nicht zu einer endgueltigen Erledigung;
nicht minder aber auch, sass von einem solchen Krieg, der in eine Reihe
von Gefechten einzelner gleichzeitig, bald gesondert, bald
kombiniert operierender Korps sich aufloeste, aus unserer beispiellos
truemmerhaften Ueberlieferung ein anschauliches Bild sich nicht
herstellen laesst. Der erste Sturm traf selbstverstaendlich die in den
insurgierten Landschaften zu Rom haltenden Festungen, die schleunigst
ihre Tore schlossen und die bewegliche Habe vom Lande hereinschafften.
Silo warf sich auf die Zwingburg der Marser, das feste Alba, Mutilus auf
die im Herzen Samniums angelegte Latinerstadt Aesernia: dort wie hier
trafen sie auf den entschlossensten Widerstand. Aehnliche Kaempfe moegen
im Norden um Firmum, Hatria, Pinna, im Sueden um Luceria, Benevent,
Nola, Paestum getobt haben, bevor und waehrend die roemischen Heere
sich an den Grenzen der insurgierten Landschaft aufstellten. Nachdem
die Suedarmee unter Caesar in der groesstenteils noch zu Rom haltenden
kampanischen Landschaft sich im Fruehjahr 664 (90) gesammelt und Capua
mit seinem fuer die Finanzen Roms so wichtigen Domanialgebiet sowie die
bedeutenderen Bundesstaedte mit Besatzung versehen hatte, versuchte sie
zur Offensive ueberzugehen und den kleineren, nach Samnium und Lucanien
unter Marcus Marcellus und Publius Crassus vorausgesandten Abteilungen
zu Hilfe zu kommen. Allein Caesar ward von den Samniten und den Marsern
unter Publius Vettius Scato mit starkem Verlust zurueckgewiesen, und die
wichtige Stadt Venafrum trat hierauf ueber zu den Insurgenten, denen sie
die roemische Besatzung in die Haende lieferte. Durch den Abfall dieser
Stadt, die auf der Heerstrasse von Kampanien nach Samnium lag, war
Aesernia abgeschnitten, und die bereits hart angegriffene Festung
sah sich jetzt ausschliesslich auf den Mut und die Ausdauer ihrer
Verteidiger und ihres Kommandanten Marcellus angewiesen. Zwar machte
ein Streifzug, den Sulla mit derselben kuehnen Verschlagenheit wie vor
Jahren den Zug zu Bocchus gluecklich zu Ende fuehrte, den bedraengten
Aeserninern fuer einen Augenblick Luft; allein dennoch wurden sie nach
hartnaeckiger Gegenwehr gegen Ende des Jahres durch die aeusserste
Hungersnot gezwungen zu kapitulieren. Auch in Lucanien ward Publius
Crassus von Marcus Lamponius geschlagen und genoetigt, sich in Grumentum
einzuschliessen, das nach langer und harter Belagerung fiel. Apulien
und die suedlichen Landschaften hatte man ohnehin gaenzlich sich selbst
ueberlassen muessen. Die Insurrektion griff um sich; wie Mutilus an
der Spitze der samnitischen Armee in Kampanien einrueckte, uebergab
die Buergerschaft von Nola ihm ihre Stadt und lieferte die roemische
Besatzung aus, deren Befehlshaber auf Mutilus' Befehl hingerichtet,
die Mannschaft in die siegreiche Armee untergesteckt ward. Mit einziger
Ausnahme von Nuceria, das fest an Rom hielt, ging ganz Kampanien bis
zum Vesuv den Roemern verloren; Salernum, Stabiae, Pompeii, Herculaneum
erklaerten sich fuer die Insurgenten; Mutilus konnte in das Gebiet
noerdlich vom Vesuv vorruecken und mit seiner samnitisch- lucanischen
Armee Acerrae belagern. Die Numidier, die in grosser Zahl bei Caesars
Armee standen, fingen an, scharenweise zu Mutilus ueberzugehen oder
vielmehr zu Oxyntas, dem Sohne Jugurthas, der bei der Uebergabe von
Venusia den Samniten in die Haende gefallen war und nun im koeniglichen
Purpur in den Reihen der Samniten erschien, so dass Caesar
sich genoetigt sah, das ganze afrikanische Korps in die Heimat
zurueckzuschicken. Mutilus wagte sogar einen Sturm auf das roemische
Lager; allein er ward abgeschlagen, und die Samniten, denen bei dem
Abzug die roemische Reiterei in den Ruecken gefallen war, liessen bei
6000 Tote auf dem Schlachtfeld. Es war der erste namhafte Erfolg, den
in diesem Kriege die Roemer errangen; das Heer rief den Feldherrn zum
Imperator aus, und in der Hauptstadt fing der tief gesunkene Mut wieder
an sich zu heben. Zwar ward nicht lange darauf die siegreiche Armee
bei einem Flussuebergang von Marius Egnatius angegriffen und so
nachdruecklich geschlagen, dass sie bis Teanum zurueckweichen und dort
wieder organisiert werden musste; indes gelang es den Anstrengungen
des taetigen Konsuls, sein Heer noch vor Einbruch des Winters wieder
in kriegsfaehigen Zustand zu setzen und seine alte Stellung wieder
einzunehmen unter den Mauern von Acerrae, das die samnitische Hauptarmee
unter Mutilus fortfuhr zu belagern. Gleichzeitig hatten die Operationen
auch in Mittelitalien begonnen, wo der Aufstand von den Abruzzen und
der Landschaft am Fuciner See aus in gefaehrlicher Naehe die Hauptstadt
bedrohte. Ein selbstaendiges Korps unter Gnaeus Pompeius Strabo ward
ins Picenische gesandt, um, auf Firmum und Falerio gestuetzt, Asculum zu
bedrohen; die Hauptmasse dagegen der roemischen Nordarmee stellte
unter dem Konsul Lupus sich auf an der Grenze des latinischen und des
marsischen Gebietes, wo an der Valerischen und der Salarischen Chaussee
der Feind der Hauptstadt am naechsten stand; der kleine Fluss Tolenus
(Turano), der zwischen Tibur und Alba die Valerische Strasse schneidet
und bei Rieti in den Velino faellt, schied die beiden Heere. Ungeduldig
draengte der Konsul Lupus zur Entscheidung und ueberhoerte den
unbequemen Rat des Marius, die des Dienstes ungewohnte Mannschaft erst
im kleinen Krieg zu ueben. Zunaechst ward ihm die 10000 Mann starke
Abteilung des Gaius Perpenna vollstaendig geschlagen. Der Oberfeldherr
entsetzte den geschlagenen General seines Kommandos und vereinigte den
Rest des Korps mit dem unter Marius' Befehl stehenden, liess sich aber
dadurch nicht abhalten, die Offensive zu ergreifen und in zwei teils von
ihm selbst, teils von Marius gefuehrten Abteilungen auf zwei nicht weit
voneinander geschlagenen Bruecken den Tolenus zu ueberschreiten. Ihnen
gegenueber stand Publius Scato mit den Marsern; er hatte sein Lager an
der Stelle geschlagen, wo Marius den Bach ueberschritt, allein ehe der
Uebergang stattfand, sich mit Hinterlassung der blossen Lagerposten
von dort weggezogen und weiter flussaufwaerts eine verdeckte Stellung
genommen, in welcher er das roemische Korps unter Lupus unvermutet
waehrend des Uebergehens angriff und es teils niedermachte, teils in den
Fluss sprengte (11. Juni 664 90). Der Konsul selbst und 8000 der Seinen
blieben. Es konnte kaum ein Ersatz heissen, dass Marius, Scatos Abmarsch
endlich gewahrend, ueber den Fluss gegangen war und nicht ohne Verlust
der Feinde deren Lager besetzt hatte. Doch zwang dieser Flussuebergang
und gleichzeitig von dem Feldherrn Servius Sulpicius ueber die
Paeligner erfochtener Sieg die Marser, ihre Verteidigungslinie etwas
zurueckzunehmen, und Marius, welcher nach Beschluss des Senats als
Hoechstkommandierender an Lupus' Stelle trat, verhinderte wenigstens,
dass der Feind weitere Erfolge errang. Allein Quintus Caepio, der bald
darauf ihm gleichberechtigt zur Seite gesetzt ward, weniger wegen eines
gluecklich von ihm bestandenen Gefechtes, als weil er den damals in Rom
tonangebenden Rittern durch seine heftige Opposition gegen Drusus sich
empfohlen hatte, liess sich von Silo durch die Vorspiegelung, ihm sein
Heer verraten zu wollen, in einen Hinterhalt locken und ward mit
einem grossen Teil seiner Mannschaft von den Marsern und Vestinern
zusammengehauen. Marius, nach Caepios Fall wiederum alleiniger
Oberbefehlshaber, hinderte durch seinen zaehen Widerstand den Gegner,
die errungenen Vorteile zu benutzen, und drang allmaehlich tief in das
marsische Gebiet ein. Die Schlacht versagte er lange; als er endlich
sie lieferte, ueberwand er seinen stuermischen Gegner, der unter anderen
Toten den Hauptmann der Marruciner Herius Asinius auf der Walstatt
zurueckliess. In einem zweiten Treffen wirkten Marius' Heer und das zur
Suedarmee gehoerige Korps des Sulla zusammen, um den Marsern eine noch
empfindlichere Niederlage beizubringen, die ihnen 6000 Mann kostete; die
Ehre dieses Tages aber blieb dem juengeren Offizier, denn Marius hatte
zwar die Schlacht geliefert und gewonnen, aber Sulla den Fluechtigen
den Rueckzug verlegt und sie aufgerieben. Waehrend also am Fuciner
See heftig und mit wechselndem Erfolg gefochten ward, hatte auch das
picenische Korps unter Strabo ungluecklich und gluecklich gestritten.
Die Insurgentenchefs Gaius Iudacilius aus Asculum, Publius Vettius Scato
und Titus Lafrenius hatten mit vereinten Kraeften dasselbe angegriffen,
es geschlagen und gezwungen, sich nach Firmum zu werfen, wo Lafrenius
den Strabo belagert hielt, waehrend Iudacilius in Apulien einrueckte und
Canusium, Venusia und die sonstigen dort noch zu Rom haltenden
Staedte zum Anschluss an die Aufstaendischen bestimmte. Allein auf der
roemischen Seite bekam Servius Sulpicius durch seinen Sieg ueber die
Paeligner freie Hand, um in Picenum einzuruecken und Strabo Hilfe zu
bringen. Lafrenius ward, waehrend von vorn Strabo ihn angriff, von
Sulpicius in den Ruecken gefasst und sein Lager in Brand gesteckt; er
selber fiel, der Rest seiner Truppen warf sich in aufgeloester Flucht
nach Asculum. So vollstaendig hatte im Picenischen die Lage der Dinge
sich geaendert, dass wie vorher die Roemer auf Firmum, so jetzt die
Italiker auf Asculum sich beschraenkt sahen und der Krieg also sich
abermals in eine Belagerung verwandelte. Endlich war im Laufe des Jahres
zu den beiden schwierigen und vielgeteilten Kriegen im suedlichen
und mittleren Italien noch ein dritter in der noerdlichen Landschaft
gekommen, indem die fuer Rom so gefaehrliche Lage der Dinge nach den
ersten Kriegsmonaten einen grossen Teil der umbrischen und einzelne
etruskische Gemeinden veranlasst hatte, sich fuer die Insurrektion zu
erklaeren, so dass es noetig geworden war, gegen die Umbrer den Aulus
Plotius, gegen die Etrusker den Lucius Porcius Cato zu entsenden. Hier
indes stiessen die Roemer auf einen weit minder energischen
Widerstand als im marsischen und samnitischen Land und behaupteten
das entschiedenste Uebergewicht im Felde. So ging das schwere erste
Kriegsjahr zu Ende, militaerisch wie politisch truebe Erinnerungen und
bedenkliche Aussichten hinterlassend. Militaerisch waren beide Armeen
der Roemer, die marsische wie die kampanische, durch schwere Niederlagen
geschwaecht und entmutigt, die Nordarmee genoetigt, vor allem auf die
Deckung der Hauptstadt bedacht zu sein, die Suedarmee bei Neapel in
ihren Kommunikationen ernstlich bedroht, da die Insurgenten ohne viele
Schwierigkeit aus dem marsischen oder samnitischen Gebiet hervorbrechen
und zwischen Rom und Neapel sich festsetzen konnten; weswegen man
es notwendig fand, wenigstens eine Postenkette von Cumae nach Rom
zu ziehen. Politisch hatte die Insurrektion waehrend dieses ersten
Kampfjahres nach allen Seiten hin Boden gewonnen, der Obertritt von
Nola, die rasche Kapitulation der festen und grossen latinischen Kolonie
Venusia, der umbrisch-etruskische Aufstand waren bedenkliche Zeichen,
dass die roemische Symmachie in ihren innersten Fugen wanke und nicht
imstande sei, diese letzte Probe auszuhalten. Schon hatte man der
Buergerschaft das Aeusserste zugemutet, schon, um jene Postenkette an
der latinisch-kampanischen Kueste zu bilden, gegen 6000 Freigelassene
in die Buergermiliz eingereiht, schon von den noch treugebliebenen
Bundesgenossen die schwersten Opfer gefordert; es war nicht moeglich,
die Sehne des Bogens noch schaerfer anzuziehen, ohne alles aufs Spiel zu
setzen. Die Stimmung der Buergerschaft war unglaublich gedrueckt. Nach
der Schlacht am Tolenus, als der Konsul und die zahlreichen mit ihm
gefallenen namhaften Buerger von dem nahen Schlachtfeld nach der
Hauptstadt als Leichen zurueckgebracht und daselbst bestattet wurden,
als die Beamten zum Zeichen der oeffentlichen Trauer den Purpur und
die Ehrenabzeichen von sich legten, als von der Regierung an die
hauptstaedtischen Bewohner der Befehl erging, in Masse sich zu
bewaffnen, hatten nicht wenige sich der Verzweiflung ueberlassen und
alles verloren gegeben. Zwar war die schlimmste Entmutigung gewichen
nach den von Caesar bei Acerrae, von Strabo im Picenischen erfochtenen
Siegen; auf die Meldung des ersteren hatte man in der Hauptstadt den
Kriegsrock wieder mit dem Buergerkleid vertauscht, auf die des
zweiten die Zeichen der Landestrauer abgelegt; aber es war doch
nicht zweifelhaft, dass im ganzen die Roemer in diesem Waffengang den
kuerzeren gezogen hatten, und vor allen Dingen war aus dem Senat wie aus
der Buergerschaft der Geist entwichen, der sie einst durch alle Krisen
des Hannibalischen Krieges hindurch zum Siege getragen hatte. Man begann
den Krieg wohl noch mit dem gleichen trotzigen Uebermut wie damals, aber
man wusste ihn nicht wie damals damit zu endigen; der starre Eigensinn,
die zaehe Konsequenz hatten einer schlaffen und feigen Gesinnung Platz
gemacht. Schon nach dem ersten Kriegsjahr wurde die aeussere und innere
Politik ploetzlich eine andere und wandte sich zur Transaktion. Es ist
kein Zweifel, dass man damit das Kluegste tat, was sich tun liess; aber
nicht weil man, durch die unmittelbare Gewalt der Waffen genoetigt,
nicht umhin konnte, sich nachteilige Bedingungen gefallen zu lassen,
sondern weil das, worum gestritten ward, die Verewigung des politischen
Vorranges der Roemer vor den uebrigen Italikern, dem Gemeinwesen selber
mehr schaedlich als foerderlich war. Es trifft im oeffentlichen Leben
wohl, dass ein Fehler den anderen ausgleicht; hier machte, was der
Eigensinn verschuldet hatte, die Feigheit gewissermassen wieder gut. Das
Jahr 664 (90) hatte begonnen mit der schroffsten Zurueckweisung des
von den Insurgenten angebotenen Vergleichs und mit der Eroeffnung eines
Prozesskrieges, in welchem die leidenschaftlichsten Verteidiger
des patriotischen Egoismus, die Kapitalisten, Rache nahmen an
allen denjenigen, die im Verdacht standen, der Maessigung und der
rechtzeitigen Nachgiebigkeit das Wort geredet zu haben. Dagegen brachte
der Tribun Marcus Plautius Silvanus, der am 10. Dezember desselben
Jahres sein Amt antrat, ein Gesetz durch, das die Hochverratskommission
den Kapitalistengeschworenen entzog und anderen, aus der freien,
nicht staendisch qualifizierten Wahl der Distrikte hervorgegangenen
Geschworenen anvertraute; wovon die Folge war, dass diese Kommission aus
einer Geissel der Moderierten zu einer Geissel der Ultras ward und sie
unter anderen ihren eigenen Urheber Quintus Varius, dem die oeffentliche
Stimme die schlimmsten demokratischen Greueltaten, die Vergiftung
des Quintus Metellus und die Ermordung des Drusus, schuld gab, in die
Verbannung sandte. Wichtiger als diese seltsam offenherzige politische
Palinodie war die veraenderte Richtung, die man in der Politik gegen die
Italiker einschlug. Genau dreihundert Jahre waren verflossen, seit Rom
zum letzten Male sich hatte den Frieden diktieren lassen muessen;
Rom war jetzt wieder unterlegen, und da es den Frieden begehrte, war
derselbe nur moeglich wenigstens durch teilweises Eingehen auf die
Bedingungen der Gegner. Mit den Gemeinden, die bereits in Waffen sich
erhoben hatten, um Rom zu unterwerfen und zu zerstoeren, war die Fehde
zu erbittert geworden, als dass man in Rom es ueber sich gewonnen
haette, ihnen die verlangten Zugestaendnisse zu machen; und haette
man es getan, sie waeren vielleicht jetzt von der anderen Seite
zurueckgewiesen worden. Indes wenn den bis jetzt noch treugebliebenen
Gemeinden die urspruenglichen Forderungen unter gewissen
Einschraenkungen gewaehrt wurden, so ward damit teils der Schein
freiwilliger Nachgiebigkeit gerettet, teils die sonst unvermeidliche
Konsolidierung der Konfoederation verhindert und damit der Weg zu
ihrer Ueberwindung gebahnt. So taten denn die Pforten des roemischen
Buergertums, die der Bitte so lange verschlossen geblieben waren, jetzt
ploetzlich sich auf, als die Schwerter daran pochten; jedoch auch
jetzt nicht voll und ganz, sondern selbst fuer die Aufgenommenen in
widerwilliger und kraenkender Weise. Ein von dem Konsul Lucius Caesar 7
durchgebrachtes Gesetz verlieh das roemische Buergerrecht den Buergern
aller derjenigen italischen Bundesgemeinden, die bis dahin noch nicht
Rom offen abgesagt hatten; ein zweites der Volkstribune Marcus Plautius
Silvanus und Gaius Papirius Carbo setzte jedem in Italien verbuergerten
und domizilierten Mann eine zweimonatliche Frist, binnen welcher es ihm
gestattet sein solle, durch Anmeldung bei einem roemischen Beamten das
roemische Buergerrecht zu gewinnen. Indes sollten diese Neubuerger,
aehnlich den Freigelassenen, im Stimmrecht in der Art beschraenkt
sein, dass von den fuenfunddreissig Bezirken sie nur in acht, wie
die Freigelassenen nur in vier, eingeschrieben werden konnten; ob die
Beschraenkung persoenlich oder, wie es scheint, erblich war, ist nicht
mit Sicherheit zu entscheiden. Diese Massregel bezog sich zunaechst auf
das eigentliche Italien, das noerdlich damals noch wenig ueber Ancona
und Florenz hinausreichte. In dem Kettenland diesseits der Alpen,
das zwar rechtlich Ausland war, aber in der Administration wie in
der Kolonisierung laengst als Teil Italiens galt, wurden saemtliche
latinische Kolonien behandelt wie die italischen Gemeinden. Im uebrigen
war hier diesseits des Po der groesste Teil des Bodens nach Aufloesung
der alten keltischen Stammgemeinden zwar nicht nach dem munizipalen
Schema organisiert, stand aber doch im Eigentum roemischer, meist in
Marktflecken (fora) zusammenwohnender Buerger. Die nicht zahlreichen
bundesgenoessischen Ortschaften diesseits des Po, namentlich Ravenna,
sowie die gesamte Landschaft zwischen dem Po und den Alpen ward infolge
eines von dem Konsul Strabo im Jahre 665 (89) eingebrachten Gesetzes
nach italischer Stadtverfassung organisiert, so dass die hierzu
sich nicht eignenden Gemeinden, namentlich die Ortschaften in den
Alpentaelern, einzelnen Staedten als abhaengige und zinspflichtige
Doerfer zugelegt wurden, diese neuen Stadtgemeinden aber nicht mit dem
roemischen Buergertum beschenkt, sondern durch die rechtliche Fiktion,
dass sie latinische Kolonien seien, mit denjenigen Rechten bekleidet,
welche bisher den latinischen Staedten geringeren Rechts zugestanden
hatten. Italien endigte also damals tatsaechlich am Po, waehrend die
transpadanische Landschaft als Vorland behandelt ward. Hier, noerdlich
vom Po, gab es ausser Cremona, Eporedia und Aquileia keine Buerger- oder
latinische Kolonien, und es waren auch die einheimischen Staemme hier
keineswegs, wie suedlich vom Po, verdraengt worden. Die Abschaffung
der keltischen Gau- und die Einfuehrung der italischen Stadtverfassung
bahnte die Romanisierung des reichen und wichtigen Gebietes an; es war
dies der erste Schritt zu der langen und folgenreichen Umgestaltung des
gallischen Stammes, im Gegensatz zu dem und zu dessen Abwehr einstmals
Italien sich zusammengefunden hatte, in Genossen ihrer italischen
Herren. ------------------------------------------ 7 Das Julische
Gesetz muss in den letzten Monaten des Jahres 664 (90) erlassen sein, da
waehrend der guten Jahreszeit Caesar im Felde stand; das Plautische
ist wahrscheinlich, wie in der Regel die tribunizischen Antraege,
unmittelbar nach dem Amtsantritt der Tribune, also Dezember 664
(90) oder Januar 665 (89) durchgebracht worden.
----------------------------------------- So ansehnlich diese
Zugestaendnisse waren, wenn man sie vergleicht mit der seit mehr als
hundertfuenfzig Jahren festgehaltenen starren Abgeschlossenheit der
roemischen Buergerschaft, so schlossen sie doch nichts weniger als eine
Kapitulation mit den wirklichen Insurgenten ein, sondern sollten teils
die schwankenden und mit dem Abfall drohenden Gemeinden festhalten,
teils moeglichst viele Ueberlaeufer aus den feindlichen Reihen
herueberziehen. In welchem Umfang diese Gesetze, namentlich das
wichtigste derselben, das des Caesar, zur Anwendung gekommen sind,
laesst sich nicht genau sagen, da wir den Umfang der Insurrektion zur
Zeit der Erlassung des Gesetzes nur im allgemeinen anzugeben vermoegen.
Die Hauptsache war auf jeden Fall, dass die bisher latinischen
Gemeinden, sowohl die Ueberreste der alten latinischen
Eidgenossenschaft, wie Tibur und Praeneste, als auch besonders die
latinischen Kolonien, mit Ausnahme der wenigen zu den Insurgenten
uebergegangenen, dadurch eintraten in den roemischen Buergerverband.
Ausserdem fand das Gesetz Anwendung auf die treugebliebenen
Bundesstaedte in Etrurien und besonders in Sueditalien, wie Nuceria und
Neapolis. Dass einzelne bisher besonders bevorzugte Gemeinden ueber die
Annahme des Buergerrechts schwankten, Neapolis zum Beispiel Bedenken
trug, seinen bisherigen Vertrag mit Rom, der den Buergern Freiheit vom
Landdienst und ihre griechische Verfassung, vielleicht auch ueberdies
Domanialnutzungen garantierte, gegen das beschraenkte Neubuergerrecht
hinzugeben, ist begreiflich; es ist wahrscheinlich aus den dieser
Anstaende wegen geschlossenen Vergleichen herzuleiten, dass diese Stadt,
sowie auch Rhegion und vielleicht noch andere griechische Gemeinden in
Italien, selbst nach dem Eintritt in den Buergerverband ihre bisherige
Kommunalverfassung und die griechische Sprache als offizielle
unveraendert beibehalten haben. Auf alle Faelle ward infolge dieser
Gesetze der roemische Buergerverband ausserordentlich erweitert durch
das Aufgehen von zahlreichen und ansehnlichen von der sizilischen
Meerenge bis zum Po zerstreuten Stadtgemeinden in denselben, ausserdem
die Landschaft zwischen dem Po und den Alpen durch die Erteilung
des besten bundesgenoessischen Rechts gleichsam mit der gesetzlichen
Anwartschaft auf das volle Buergerrecht beliehen. Gestuetzt auf diese
Konzessionen an die schwankenden Gemeinden nahmen die Roemer mit neuem
Mute den Kampf auf gegen die aufstaendischen Distrikte. Man hatte von
den bestehenden politischen Institutionen so viel niedergerissen,
als notwendig schien, um die Ausbreitung des Brandes zu hindern; die
Insurrektion griff fortan wenigstens nicht weiter um sich. Namentlich
in Etrurien und Umbrien, wo sie erst im Beginn war, wurde sie wohl
mehr noch durch das Julische Gesetz als durch den Erfolg der roemischen
Waffen so auffallend rasch ueberwaeltigt. In den ehemaligen latinischen
Kolonien, in der dicht bewohnten Polandschaft eroeffneten sich reiche
und jetzt zuverlaessige Hilfsquellen; mit diesen und mit denen der
Buergerschaft selbst konnte man daran gehen, den jetzt isolierten Brand
zu bewaeltigen. Die beiden bisherigen Oberbefehlshaber gingen nach
Rom zurueck, Caesar als erwaehlter Zensor, Marius, weil man
seine Kriegfuehrung als unsicher und langsam tadelte und den