dessen Ausschreiber faelschlich auf den Zensus von 668 (86) beziehen;

nach Liv. ep. 98 wurden - nach der richtigen Lesung - 900000 Koepfe

gezaehlt). Die einzige zwischen diesen beiden bekannte Zaehlungsziffer,

die des Zensus von 668 (86), der nach Hieronymus 463000 Koepfe ergab,

ist wohl nur deshalb so gering ausgefallen, weil er mitten in der Krise

der Revolution stattfand. Da ein Steigen der Bevoelkerung Italiens in

der Zeit von 639 (115) bis 684 (70) nicht denkbar ist, und selbst

die Sullanischen Landanweisungen die Luecken, die der Krieg gerissen,

hoechstens gedeckt haben koennen, so darf der Ueberschuss von reichlich

500000 Waffenfaehigen mit Sicherheit auf die inzwischen erfolgte

Aufnahme der Bundesgenossen zurueckgefuehrt werden. Indes ist es

moeglich und sogar wahrscheinlich, dass in diesen verhaengnisvollen

Jahren der Gesamtstand der italischen Bevoelkerung vielmehr zurueckging;

rechnet man das Gesamtdefizit auf 100000 Waffenfaehige, was

nicht uebertrieben erscheint, so kommen fuer die Zeit des

Bundesgenossenkrieges in Italien auf zwei Buerger drei Nichtbuerger. 2

Die Eidesformel ist erhalten (bei Diod. Vat. p. 128); sie lautet: "Ich

schwoere bei dem Kapitolinischen Jupiter und bei der roemischen Vesta

und bei dem angestammten Mars und bei der zeugenden Sonne und bei der

naehrenden Erde und bei den goettlichen Gruendern und Mehrern (den

Penaten) der Stadt Rom, dass mir Freund sein soll und Feind sein soll,

wer Freund und Feind ist dem Drusus; ingleichen dass ich weder meines

eigenen noch des Lebens meiner Kinder und meiner Eltern schonen will,

ausser insoweit es dem Drusus frommt und den Genossen dieses Eides. Wenn

ich aber Buerger werden sollte durch das Gesetz des Drusus, so will

ich Rom achten als meine Heimat und Drusus als den groessten meiner

Wohltaeter. Diesen Eid will ich abnehmen so vielen meiner Mitbuerger,

als ich vermag; und schwoere ich recht, so gehe es mir wohl, schwoere

ich falsch, so gehe es mir uebel!" Indes wird man Wohltun, diesen

Bericht mit Vorsicht zu benutzen; er ruehrt entweder her aus den gegen

Drusus von Philippus gehaltenen Reden (worauf die sinnlose, von

dem Auszugmacher der Eidesformel vorgesetzte Ueberschrift 'Eid des

Philippus' zu fuehren scheint) oder im besten Fall aus den spaeter ueber

diese Verschwoerung in Rom aufgenommenen Kriminalprozessakten; und auch

bei der letzteren Annahme bleibt es fraglich, ob diese Eidesformel

aus den Inkulpaten heraus- oder in sie hineininquiriert ward.

--------------------------------------- Die letzte Hoffnung, durch

Vertrag die Aufnahme in den roemischen Buergerverband zu erlangen,

ward den Italikern mit Marcus Drusus zu Grabe getragen. Wozu dieser

konservative und energische Mann unter den guenstigsten Verhaeltnissen

seine eigene Partei nicht hatte bestimmen koennen, dazu war ueberhaupt

auf dem Wege der Guete nicht zu gelangen. Den Italikern blieb nur

die Wahl, entweder geduldig sich zu fuegen oder den Versuch, der vor

fuenfunddreissig Jahren durch die Zerstoerung von Fregellae im Keim

erstickt worden war, noch einmal und womoeglich mit gesamter Hand zu

wiederholen und mit den Waffen sei es Rom zu vernichten und zu beerben,

sei es wenigstens die Gleichberechtigung mit Rom zu erzwingen. Es war

dieser letztere Entschluss freilich ein Entschluss der Verzweiflung;

wie die Sachen lagen, mochte die Auflehnung der einzelnen Stadtgemeinden

gegen die roemische Regierung gar leicht noch hoffnungsloser erscheinen

als der Aufstand der amerikanischen Pflanzstaedte gegen das Britische

Imperium; allem Anschein nach konnte die roemische Regierung mit

maessiger Aufmerksamkeit und Tatkraft dieser zweiten Schilderhebung

das Schicksal der frueheren bereiten. Allein war es etwa minder ein

Entschluss der Verzweiflung, wenn man stillsass und die Dinge ueber

sich kommen liess? Wenn man sich erinnerte, wie die Roemer ungereizt

in Italien zu hausen gewohnt waren, was war jetzt zu erwarten, wo die

angesehensten Maenner in jeder italischen Stadt mit Drusus in einem

Einverstaendnis gestanden hatten oder haben sollten - beides war

hinsichtlich der Folgen ziemlich dasselbe -, das geradezu gegen die

jetzt siegreiche Partei gerichtet und fueglich als Hochverrat zu

qualifizieren war? Allen denen, die an diesem Geheimbund teilgehabt, ja

allen, die nur der Teilhaberschaft verdaechtigt werden konnten, blieb

keine andere Wahl, als den Krieg zu beginnen oder ihren Nacken unter

das Henkerbeil zu beugen. Es kam hinzu, dass fuer eine allgemeine

Schilderhebung durch ganz Italien der gegenwaertige Augenblick noch

verhaeltnismaessig guenstige Aussichten darbot. Wir sind nicht genau

darueber unterrichtet, inwieweit die Roemer die Sprengung der groesseren

italischen Eidgenossenschaften durchgefuehrt hatten; es ist indes nicht

unwahrscheinlich, dass die Marser, die Paeligner, vielleicht sogar die

Samniten und Lucaner damals noch in ihrer alten, wenn auch politisch

bedeutungslos gewordenen, zum Teil wohl auf blosse Fest- und

Opfergemeinschaft zurueckgefuehrten Gemeindebuenden zusammenstanden.

Immer fand die beginnende Insurrektion jetzt noch an diesen Verbaenden

einen Stuetzpunkt; wer aber konnte sagen, wie bald die Roemer ebendarum

dazu schreiten wuerden, auch sie zu beseitigen? Der Geheimbund ferner,

an dessen Spitze Drusus gestanden haben sollte, hatte sein wirkliches

oder gehofftes Haupt an ihm verloren, aber er selber bestand und

gewaehrte fuer die politische Organisation des Aufstandes einen

wichtigen Anhalt, waehrend die militaerische daran anknuepfen konnte,

dass jede Bundesstadt ihr eigenes Heerwesen und erprobte Soldaten

besass. Andrerseits war man in Rom auf nichts ernstlich gefasst. Man

vernahm wohl davon, dass unruhige Bewegungen in Italien stattfaenden und

die bundesgenoessischen Gemeinden miteinander einen auffallenden Verkehr

unterhielten; aber statt schleunigst die Buerger unter die Waffen zu

rufen, begnuegte das regierende Kollegium sich damit, in herkoemmlicher

Art die Beamten zur Wachsamkeit zu ermahnen und Spione auszusenden, um

etwas Genaueres zu erfahren. Die Hauptstadt war so voellig unverteidigt,

dass ein entschlossener marsischer Offizier Quintus Pompaedius Silo,

einer von den vertrautesten Freunden des Drusus, den Plan entworfen

haben soll, an der Spitze einer Schar zuverlaessiger, unter den

Gewaendern Schwerter fuehrender Maenner sich in dieselbe einzuschleichen

und sich ihrer durch einen Handstreich zu bemaechtigen. Ein Aufstand

bereitete also sich vor; Vertraege wurden geschlossen, die Ruestungen

still und taetig betrieben, bis endlich, wie gewoehnlich noch etwas

frueher, als die leitenden Maenner beabsichtigt hatten, durch einen

Zufall die Insurrektion zum Ausbruch kam. Der roemische Praetor mit

prokonsularischer Gewalt Gaius Servilius, durch seine Kundschafter davon

benachrichtigt, dass die Stadt Asculum (Ascoli) in den Abruzzen an die

Nachbargemeinden Geiseln sende, begab sich mit seinem Legaten Fonteius

und wenigem Gefolge dorthin und richtete an die eben zur Feier der

grossen Spiele im Theater versammelte Menge eine donnernde Drohrede. Der

Anblick der nur zu bekannten Beile, die Verkuendigung der nur zu

ernst gemeinten Drohungen warf den Funken in den seit Jahrhunderten

aufgehaeuften Zunder des erbitterten Hasses; die roemischen Beamten

wurden im Theater selbst von der Menge zerrissen und sofort, gleich als

gelte es, durch einen furchtbaren Frevel jede Bruecke der Versoehnung

abzubrechen, die Tore auf Befehl der Obrigkeit geschlossen, die

saemtlichen in Asculum verweilenden Roemer niedergemacht und ihre Habe

gepluendert. Wie die Flamme durch die Steppe lief die Empoerung durch

die Halbinsel. Voran ging das tapfere und zahlreiche Volk der Marser

in Verbindung mit den kleinen, aber kernigen Eidgenossenschaften in den

Abruzzen, den Paelignern, Marrucinern, Frentanern und Vestinern; der

schon genannte tapfere und kluge Quintus Silo war hier die Seele der

Bewegung. Von den Marsern wurde zuerst den Roemern foermlich abgesagt,

wonach spaeterhin dem Krieg der Name des marsischen blieb. Dem gegebenen

Beispiel folgten die samnitischen und ueberhaupt die Masse der Gemeinden

vom Liris und den Abruzzen bis hinab nach Kalabrien und Apulien, so

dass bald in ganz Mittel- und Sueditalien gegen Rom geruestet ward. Die

Etrusker und Umbrer dagegen hielten zu Rom, wie sie bereits frueher mit

den Rittern zusammengehalten hatten gegen Drusus. Es ist bezeichnend,

dass in diesen Landschaften seit alten Zeiten die Grund- und

Geldaristokratie uebermaechtig und der Mittelstand gaenzlich

verschwunden war, wogegen in und an den Abruzzen der Bauernstand sich

reiner und frischer bewahrt hatte als irgendwo sonst in Italien; der

Bauern- und ueberhaupt der Mittelstand also war es, aus dem der Aufstand

wesentlich hervorging, wogegen die munizipale Aristokratie auch jetzt

noch Hand in Hand ging mit der hauptsaechlichen Regierung. Danach ist es

auch leicht erklaerlich, dass in den aufstaendischen Distrikten einzelne

Gemeinden und in den aufstaendischen Gemeinden Minoritaeten festhielten

an dem roemischen Buendnis; wie zum Beispiel die Vestinerstadt Pinna

fuer Rom eine schwere Belagerung aushielt und ein im Hirpinerland

gebildetes Loyalistenkorps unter Minatus Magius von Aeclanum die

roemischen Operationen in Kampanien unterstuetzte. Endlich hielten

fest an Rom die am besten gestellten bundesgenoessischen Gemeinden, in

Kampanien, Nola und Nuceria, und die griechischen Seestaedte Neapolis

und Rhegion, desgleichen wenigstens die meisten latinischen Kolonien,

wie zum Beispiel Alba und Aesernia - ebenwie im Hannibalischen Kriege

die latinischen und die griechischen Staedte im ganzen fuer die

sabellischen gegen Rom Partei genommen hatten. Die Vorfahren hatten

Italiens Beherrschung auf die aristokratische Gliederung gegruendet und

mit geschickter Abstufung der Abhaengigkeiten die schlechter gestellten

Gemeinden durch die besseren Rechts, innerhalb jeder Gemeinde aber

die Buergerschaft durch die Munizipalaristokratie in Untertaenigkeit

gehalten. Erst jetzt, unter dem unvergleichlich schlechten Regiment der

Oligarchie, erprobte es sich vollstaendig, wie fest und gewaltig die

Staatsmaenner des vierten und fuenften Jahrhunderts ihre Werksteine

ineinandergefuegt hatten; auch diese Sturmflut hielt der vielfach

erschuetterte Bau noch aus. Freilich war damit, dass die besser

gestellten Staedte nicht auf den ersten Stoss von Rom liessen, noch

keineswegs gesagt, dass sie auch jetzt, wie im Hannibalischen Kriege,

auf die Laenge und nach schweren Niederlagen ausdauern wuerden, ohne

in ihrer Treue gegen Rom zu schwanken; die Feuerprobe war noch nicht

ueberstanden. Das erste Blut war also geflossen und Italien in zwei

grosse Heerlager auseinandergetreten. Zwar fehlte, wie wir sahen,

noch gar viel an einer allgemeinen Schilderhebung der italischen

Bundesgenossenschaft; dennoch hatte die Insurrektion schon eine

vielleicht die Hoffnungen der Fuehrer selbst uebertreffende Ausdehnung

gewonnen, und die Insurgenten konnten ohne Uebermut daran denken, der

roemischen Regierung ein billiges Abkommen anzubieten. Sie sandten

Boten nach Rom und machten sich anheischig, gegen Aufnahme in den

Buergerverband die Waffen niederzulegen; es war vergebens. Der

Gemeinsinn, der so lange in Rom vermisst worden war, schien ploetzlich

wiedergekehrt zu sein, nun es sich darum handelte, einem gerechten und

jetzt auch mit ansehnlicher Macht unterstuetzten Begehren der Untertanen

mit starrer Borniertheit in den Weg zu treten. Die naechste Folge der

italischen Insurrektion war, aehnlich wie nach den Niederlagen, die die

Regierungspolitik in Afrika und Gallien erlitten hatte, die Eroeffnung

eines Prozesskrieges, mittels dessen die Richteraristokratie Rache

nahm an denjenigen Maennern der Regierung, in denen man, mit Recht oder

Unrecht, die naechste Ursache dieses Unheils sah. Auf den Antrag des

Tribuns Quintus Varius ward trotz des Widerstandes der Optimaten

und trotz der tribunizischen Interzession eine besondere

Hochverratskommission, natuerlich aus dem mit offener Gewalt fuer diesen

Antrag kaempfenden Ritterstand, niedergesetzt zur Untersuchung der von

Drusus angezettelten und, wie in Italien so auch in Rom, weitverzweigten

Verschwoerung, aus der die Insurrektion hervorgegangen war und die

jetzt, da halb Italien in Waffen stand, der gesamten erbitterten und

erschreckten Buergerschaft als unzweifelhafter Landesverrat erschien.

Die Urteile dieser Kommission raeumten stark auf in den Reihen der

senatorischen Vermittlungspartei; unter andern namhaften Maennern

ward Drusus' genauer Freund, der junge talentvolle Gaius Cotta, in die

Verbannung gesandt, und mit Not entging der greise Marcus Scaurus dem

gleichen Schicksal. Der Verdacht gegen die den Reformen des Drusus

geneigten Senatoren ging soweit, dass bald nachher der Konsul Lupus aus

dem Lager an den Senat berichtete ueber die Verbindungen, die zwischen

den Optimaten in seinem Lager und dem Feinde bestaendig unterhalten

wuerden; ein Verdacht, der sich freilich bald durch das Aufgreifen

marsischer Spione als unbegruendet auswies. Insofern konnte der Koenig

Mithradates nicht mit Unrecht sagen, dass der Hader der Faktionen aerger

als der Bundesgenossenkrieg selbst den roemischen Staat zerruettete.

Zunaechst indes stellte der Ausbruch der Insurrektion und der

Terrorismus, den die Hochverratskommission uebte, wenigstens einen

Schein her von Einigkeit und Kraft. Die Parteifehden schwiegen;

die faehigen Offiziere aller Farben, Demokraten wie Gaius Marius,

Aristokraten wie Lucius Sulla, Freunde des Drusus wie Publius

Sulpicius Rufus, stellten sich der Regierung zur Verfuegung; die

Getreideverteilungen wurden, wie es scheint, um diese Zeit durch

Volksbeschluss wesentlich beschraenkt, um die finanziellen Kraefte des

Staates fuer den Krieg zusammenzuhalten, was um so notwendiger wir,

als bei der drohenden Stellung des Koenigs Mithradates die Provinz Asia

jeden Augenblick in Feindeshand geraten und damit eine der Hauptquellen

des roemischen Schatzes versiegen konnte; die Gerichte stellten mit

Ausnahme der Hochverratskommission nach Beschluss des Senats vorlaeufig

ihre Taetigkeit ein; alle Geschaefte stockten und man dachte an nichts

als an Aushebung von Soldaten und Anfertigung von Waffen. Waehrend also

der fuehrende Staat in Voraussicht des bevorstehenden schweren Krieges

sich straffer zusammennahm, hatten die Insurgenten die schwierigere

Aufgabe zu loesen, sich waehrend des Kampfes politisch zu organisieren.

In dem inmitten der marsischen, samnitischen, marrucinischen und

vestinischen Gaue, also im Herzen der insurgierten Landschaften

belegenen Gebiete der Paeligner, in der schoenen Ebene an dem

Pescarafluss ward die Stadt Corfinium auserlesen zum Gegen-Rom oder zur

Stadt Italia, deren Buergerrecht den Buergern saemtlicher insurgierter

Gemeinden erteilt ward; hier wurden in entsprechender Groesse Markt und

Rathaus abgesteckt. Ein Senat von fuenfhundert Mitgliedern erhielt

den Auftrag, die Verfassung festzustellen, und die Oberleitung des

Kriegswesens. Nach seiner Anordnung erlas die Buergerschaft aus den

Maennern senatorischen Ranges zwei Konsuln und zwoelf Praetoren, die

ebenwie Roms zwei Konsuln und sechs Praetoren die hoechste Amtsgewalt

in Krieg und Frieden .uebernahmen. Die lateinische Sprache, die damals

schon bei den Marsern und Picentern die landuebliche war, blieb in

offiziellem Gebrauch, aber es trat ihr die samnitische als die im

suedlichen Italien vorherrschende gleichberechtigt zur Seite und beider

bediente man sich abwechselnd auf den Silbermuenzen, die man nach

roemischen Mustern und nach roemischem Fuss auf den Namen des neuen

italischen Staates zu schlagen anfing, also das seit zwei Jahrhunderten

von Rom ausgeuebte Muenzmonopol ebenfalls ihm aneignend. Es geht aus

diesen Bestimmungen hervor, was sich freilich schon von selbst versteht,

dass die Italiker jetzt nicht mehr sich Gleichberechtigung von den

Roemern zu erstreiten, sondern diese zu vernichten oder zu unterwerfen

und einen neuen Staat zu bilden gedachten. Aber es geht daraus auch

hervor, dass ihre Verfassung nichts war als ein reiner Abklatsch der

roemischen oder, was dasselbe ist, die altgewohnte, bei den italischen

Nationen seit undenklicher Zeit hergebrachte Politik: eine Stadtordnung

statt einer Staatskonstitution, mit Urversammlungen von gleicher

Unbehilflichkeit und Nichtigkeit, wie die roemischen Komitien es waren,

mit einem regierenden Kollegium, das dieselben Elemente der Oligarchie

in sich trug wie der roemische Senat, mit einer in gleicher Art durch

eine Vielzahl konkurrierender hoechster Beamten ausgeuebten Exekutive

- es geht diese Nachbildung bis in das kleinste Detail hinab, wie

zum Beispiel der Konsul- oder Praetortitel des hoechstkommandierenden

Magistrats auch von den Feldherren der Italiker nach einem Siege

vertauscht wird mit dem Titel Imperator. Es aendert sich eben nichts als

der Name, ganz wie auf den Muenzen der Insurgenten dasselbe Goetterbild

erscheint und nur die Beschrift nicht Roma, sondern Italia lautet. Nur

darin unterscheidet, nicht zu seinem Vorteil, sich dies Insurgenten-Rom

von dem urspruenglichen, dass das letztere denn doch eine staedtische

Entwicklung gehabt und seine unnatuerliche Zwischenstellung zwischen

Stadt und Staat wenigstens auf natuerlichem Wege sich gebildet hatte,

wogegen das neue Italia gar nichts war als der Kongressplatz der

Insurgenten und durch eine reine Legalfiktion die Bewohner der Halbinsel

zu Buergern dieser neuen Hauptstadt gestempelt wurden. Bezeichnend

aber ist es, dass hier, wo die ploetzliche Verschmelzung einer Anzahl

einzelner Gemeinden zu einer neuen politischen Einheit den Gedanken

einer Repraesentativverfassung im modernen Sinn so nahelegte, doch von

einer solchen keine Spur, ja das Gegenteil sich zeigt 3 und nur die

kommunale Organisation in einer noch widersinnigeren Weise als bisher

reproduziert wird. Vielleicht nirgends zeigt es sich so deutlich wie

hier, dass dem Altertum die freie Verfassung unzertrennlich ist von

dem Auftreten des souveraenen Volkes in eigener Person in den

Urversammlungen oder von der Stadt, und dass der grosse Grundgedanke

des heutigen republikanisch-konstitutionellen Staates: die

Volkssouveraenitaet auszudruecken durch eine Repraesentantenversammlung,

dieser Gedanke, ohne den der freie Staat ein Unding waere, ganz und

vollkommen modern ist. Selbst die italische Staatenbildung, obwohl sie

in den gewissermassen repraesentativen Senaten und in dem Zuruecktreten

der Komitien dem freien Staat der Neuzeit sich naehert, hat doch

weder als Rom noch als Italia jemals die Grenzlinie zu ueberschreiten

vermocht. --------------------------------------------------- 3 Selbst

aus unserer duerftigen Kunde, worunter Diodor (p. 538) und Strabon (5,

4, 2) noch das Beste geben, erhellt dies sehr bestimmt; wie denn zum

Beispiel der letztere ausdruecklich sagt, dass die Buergerschaft die

Beamten waehlte. Dass der Senat von Italia in anderer Weise gebildet

werden und andere Kompetenz haben sollte als der roemische, ist

wohl behauptet, aber nicht bewiesen worden. Man wird bei der ersten

Zusammensetzung natuerlich fuer eine einigermassen gleichmaessige

Vertretung der insurgierten Staedte gesorgt haben; allein dass die

Senatoren von Rechts wegen von den Gemeinden deputiert werden sollten,

ist nirgends ueberliefert. Ebensowenig schliesst der Auftrag an den

Senat, die Verfassung zu entwerfen, die Promulgation durch den

Beamten und die Ratifikation durch die Volksversammlung aus.

------------------------------------------------- So begann wenige

Monate nach Drusus' Tode im Winter 663/64 (91/90) der Kampf, wie eine

der Insurgentenmuenzen ihn darstellt, des sabellinischen Stiers gegen

die roemische Woelfin. Beiderseits ruestete man eifrig; in Italia wurden

grosse Vorraete an Waffen, Zufuhr und Geld aufgehaeuft; in Rom bezog man

aus den Provinzen, namentlich aus Sizilien, die erforderlichen Vorraete

und setzte fuer alle Faelle die lange vernachlaessigten Mauern in

Verteidigungszustand. Die Streitkraefte waren einigermassen gleich

gewogen. Die Roemer fuellten die Luecken in den italischen Kontingenten

teils durch gesteigerte Aushebung aus der Buergerschaft und aus den

schon fast ganz romanisierten Bewohnern der Keltenlandschaften diesseits

der Alpen, von denen allein bei der kampanischen Armee 10000 dienten

4, teils durch die Zuzuege der Numidier und anderer ueberseeischer

Nationen, und brachten mit Hilfe der griechischen und kleinasiatischen

Freistaedte eine Kriegsflotte zusammen 5. Beiderseits wurden, ohne

die Besatzungen zu rechnen, bis 100000 Soldaten mobil gemacht 6 und an

Tuechtigkeit der Mannschaft, an Kriegstaktik und Bewaffnung standen die

Italiker hinter den Roemern in nichts zurueck. Die Fuehrung des Krieges

war fuer die Insurgenten wie fuer die Roemer deswegen sehr schwierig,

weil das aufstaendische Gebiet sehr ausgedehnt und eine grosse Zahl zu

Rom haltender Festungen in demselben zerstreut war; so dass einerseits

die Insurgenten sich genoetigt sahen, einen sehr zersplitternden und

zeitraubenden Festungskrieg mit einer ausgedehnten Grenzdeckung zu

verbinden, andrerseits die Roemer nicht wohl anders konnten, als

die nirgends recht zentralisierte Insurrektion in allen insurgierten

Landschaften zu bekaempfen. Militaerisch zerfiel das insurgierte Land in

zwei Haelften: in der noerdlichen, die von Picenum und den Abruzzen

bis an die kampanische Nordgrenze reichte und die lateinisch redenden

Distrikte umfasste, uebernahmen italischerseits der Marser Quintus

Silo, roemischerseits Publius Rutilius Lupus, beide als Konsuln, den

Oberbefehl; in der suedlichen, welche Kampanien, Samnium und ueberhaupt

die sabellisch redenden Landschaften in sich schloss, befehligte als

Konsul der Insurgenten der Samnite Gaius Papius Mutilus, als roemischer

Konsul Lucius Iulius Caesar. Jedem der beiden Oberfeldherrn standen

auf italischer Seite sechs, auf roemischer fuenf Unterbefehlshaber

zur Seite, so dass ein jeder von diesen in einem bestimmten Bezirk den

Angriff und die Verteidigung leitete, die konsularischen Heere aber die

Bestimmung hatten, freier zu agieren und die Entscheidung zu bringen.

Die angesehensten roemischen Offiziere, wie zum Beispiel Gaius Marius,

Quintus Catulus und die beiden im Spanischen Krieg erprobten Konsulare

Titus Didius und Publius Crassus, stellten fuer diese Posten den Konsuln

sich zur Verfuegung; und wenn man auf Seiten der Italiker nicht so

gefeierte Namen entgegenzustellen hatte, so bewies doch der Erfolg,

dass ihre Fuehrer den roemischen militaerisch in nichts nachstanden.

--------------------------------------------------- 4 Die Schleuderbleie

von Asculum beweisen, dass auch im Heere des Strabo die Gallier sehr

zahlreich waren. 5 Wir haben noch einen roemischen Senatsbeschluss vom

22. Mai 676 (78), welcher dreien griechischen Schiffskapitaenen von

Karystos, Klazomenae und Miletos fuer die seit dem Beginn des Italischen

Krieges (664 90) geleisteten treuen Dienste bei ihrer Entlassung Ehren

und Vorteile zuerkennt. Gleichartig ist die Nachricht Memnons, dass

von Herakleia am Schwarzen Meer fuer den Italischen Krieg zwei Trieren

aufgeboten und dieselben im elften Jahre mit reichen Ehrengaben

heimgekehrt seien. 6 Dass diese Angaben Appians nicht uebertrieben

ist, beweisen die Schleuderbleie von Asculum, die unter anderen

die fuenfzehnte Legion nennen.

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 25 / 52 段