politischen Parteiruecksichten. Catulus war ein feiner und gescheiter
Mann, ein so anmutiger Sprecher, dass der Wohllaut seiner Worte fast
wie Beredsamkeit klang, ein leidlicher Memoirenschreiber und
Gelegenheitspoet und ein vortrefflicher Kunstkenner und Kunstrichter;
aber er war nichts weniger als ein Mann des Volkes und sein Sieg ein
Sieg der Aristokratie. Die Schlachten aber des groben Bauern, welcher
von dem gemeinen Volke auf den Schild gehoben war und das gemeine Volk
zum Siege gefuehrt hatte, diese Schlachten waren nicht bloss Niederlagen
der Kimbrer und Teutonen, sondern auch Niederlagen der Regierung; es
knuepften daran sich noch ganz andere Hoffnungen als die, dass man
wieder ungestoert jenseits der Alpen Geldgeschaefte machen oder
diesseits den Acker bauen koenne. Zwanzig Jahre waren verstrichen,
seit Gaius Gracchus' blutende Leiche den Tiber hinabgetrieben war; seit
zwanzig Jahren ward das Regiment der restaurierten Oligarchie ertragen
und verwuenscht; immer noch war dem Gracchus kein Raecher, seinem
angefangenen Bau kein zweiter Meister erstanden. Es hassten und hofften
viele, viele von den schlechtesten und viele von den besten Buergern des
Staats; war der Mann, der diese Rache und diese Wuensche zu erfuellen
verstand, endlich gefunden in dem Sohn des Tageloehners von Arpinum?
Stand man wirklich an der Schwelle der neuen, vielgefuerchteten und
vielersehnten zweiten Revolution? 6. Kapitel Revolutionsversuch des
Marius und Reformversuch des Drusus Gaius Marius ward, eines
armen Tageloehners Sohn, geboren im Jahre 599 (155) in dem damals
arpinatischen Dorfe Cereatae, das spaeter als Cereatae Marianae
Stadtrecht erhielt und noch heute den Namen "Mariusheimat" (Casamare)
traegt. Beim Pfluge war er aufgekommen, in so duerftigen Verhaeltnissen,
dass sie ihm selbst zu den Gemeindeaemtern von Arpinum den Zugang
zu verschliessen schienen; er lernte frueh, was er spaeter noch als
Feldherr uebte, Hunger und Durst, Sonnenbrand und Winterkaelte ertragen
und auf der harten Erde schlafen. Sowie das Alter es ihm erlaubte,
war er in das Heer eingetreten und hatte in der schweren Schule der
Spanischen Kriege sich rasch zum Offizier emporgedient; in Scipios
Numantinischem Kriege zog er, damals dreiundzwanzigjaehrig, des strengen
Feldherrn Augen auf sich durch die saubere Haltung seines Pferdes und
seiner Waffen wie durch seine Tapferkeit im Gefecht und sein ehrbares
Betragen im Lager. Er war heimgekehrt mit ehrenvollen Narben und
kriegerischen Abzeichen und mit dem lebhaften Wunsch, in der ruehmlich
betretenen Laufbahn sich einen Namen zu machen; allein unter den
damaligen Verhaeltnissen konnte zu den politischen Aemtern, die allein
zu hoeheren Militaerstellen fuehrten, auch der verdienteste Mann nicht
gelangen ohne Vermoegen und ohne Verbindungen. Beides ward dem jungen
Offizier zuteil durch glueckliche Handelsspekulationen und durch die
Verbindung mit einem Maedchen aus dem altadligen Geschlecht der
Julier; so gelangte er unter grossen Anstrengungen und nach vielfachen
Misserfolgen im Jahre 639 (115) bis zur Praetur, in welcher er als
Statthalter des jenseitigen Spaniens seine militaerische Tuechtigkeit
aufs neue zu bewaehren Gelegenheit fand. Wie er sodann der Aristokratie
zum Trotz im Jahre 647 (107) das Konsulat uebernahm und als Prokonsul
(648, 649 106, 105) den Afrikanischen Krieg beendigte, wie er, nach dem
Unglueckstag von Arausio zur Oberleitung des Krieges gegen die Deutschen
berufen, unter viermal vom Jahre 650 (104) bis zum Jahre 653 (101)
wiederholter, in den Annalen der Republik beispielloser Erneuerung
des Konsulats, die Kimbrer jenseits, die Teutonen diesseits der Alpen
ueberwand und vernichtete, ist bereits erzaehlt worden. In seinem
Kriegsamt hatte er sich gezeigt als einen braven und rechtschaffenen
Mann, der unparteiisch Recht sprach, ueber die Beute mit seltener
Ehrlichkeit und Uneigennuetzigkeit verfuegte und durchaus unbestechlich
war; als einen geschickten Organisator, der die einigermassen
eingerostete Maschine des roemischen Heerwesens wieder in brauchbaren
Stand gesetzt hatte; als einen faehigen Feldherrn, der den Soldaten
in Zucht und doch bei guter Laune erhielt und zugleich im
kameradschaftlichen Verkehr seine Liebe gewann, dem Feinde aber
kuehn ins Auge sah und zur rechten Zeit sich mit ihm schlug. Eine
militaerische Kapazitaet im eminenten Sinn war er, soweit wir urteilen
koennen, nicht; allein die sehr achtungswerten Eigenschaften, die
er besass, genuegten unter den damals bestehenden Verhaeltnissen
vollkommen, um ihm den Ruf einer solchen zu verschaffen, und auf diesen
gestuetzt war er in einer beispiellos ehrenvollen Weise eingetreten
unter die Konsulare und die Triumphatoren. Allein er passte darum nicht
besser in den glaenzenden Kreis. Seine Stimme blieb rauh und laut, sein
Blick wild, als saehe er noch Libyer oder Kimbrer vor sich und nicht
wohlerzogene und parfuemierte Kollegen. Dass er aberglaeubisch war wie
ein echter Lanzknecht, dass er zur Bewerbung um sein erstes Konsulat
sich nicht durch den Drang seiner Talente, sondern zunaechst durch die
Aussagen eines etruskischen Eingeweidebeschauers bestimmen liess, und
bei dem Feldzug gegen die Teutonen eine syrische Prophetin Martha
mit ihren Orakeln dem Kriegsrat aushalf, war nicht eigentlich
unaristokratisch; in solchen Dingen begegneten sich damals wie zu allen
Zeiten die hoechsten und die niedrigsten Schichten der Gesellschaft.
Allein unverzeihlich war der Mangel an politischer Bildung; es war zwar
loeblich, dass er die Barbaren zu schlagen verstand, aber was sollte man
denken von einem der verfassungsmaessigen Etikette so unkundigen Konsul,
dass er im Triumphalkostuem im Senat erschien! Auch sonst hing die
Rotuere ihm an. Er war nicht bloss - nach aristokratischer Terminologie
- ein armer Mann, sondern, was schlimmer war, genuegsam und ein
abgesagter Feind aller Bestechung und Durchstecherei. Nach Soldatenart
war er nicht waehlerisch, aber becherte gern, besonders in spaeteren
Jahren; Feste zu geben verstand er nicht und hielt einen schlechten
Koch. Ebenso uebel war es, dass der Konsular nur Lateinisch verstand
und die griechische Konversation sich verbitten musste; dass er bei
den griechischen Schauspielen sich langweilte, mochte hingehen - er war
vermutlich nicht der einzige -, aber dass er sich zu seiner Langenweile
bekannte, war naiv. So blieb er zeit seines Lebens ein unter die
Aristokraten verschlagener Bauersmann und geplagt von den empfindlichen
Stichelworten und dem empfindlicheren Mitleiden seiner Kollegen, das wie
diese selber zu verachten er denn doch nicht ueber sich vermochte. Nicht
viel weniger wie ausserhalb der Gesellschaft stand Marius ausserhalb
der Parteien. Die Massregeln, die er in seinem Volkstribunat (635 119)
durchsetzte, eine bessere Kontrolle bei der Abgabe der Stimmtaefelchen
zur Abstellung der argen dabei stattfindenden Betruegereien und die
Verhinderung ausschweifender Antraege auf Spenden an das Volk, tragen
nicht den Stempel einer Partei, am wenigsten den der demokratischen,
sondern zeigen nur, dass ihm Unrechtfertigkeit und Unvernunft verhasst
waren; und wie haette auch ein Mann wie dieser, Bauer von Geburt
und Soldat aus Neigung, von Haus aus revolutionaer sein koennen? Die
Anfeindungen der Aristokratie hatten ihn zwar spaeter in das Lager
der Gegner der Regierung getrieben, und rasch sah er sich hier auf den
Schild gehoben zunaechst als Feldherr der Opposition und demnaechst
vielleicht bestimmt zu noch hoeheren Dingen. Allein es war dies
weit mehr die Folge der zwingenden Gewalt der Verhaeltnisse und des
allgemeinen Beduerfnisses der Opposition nach einem Haupte als sein
eigenes Werk; hatte er doch seit seinem Abgang nach Afrika 647/48
(107/06) kaum voruebergehend auf kurze Zeit in der Hauptstadt verweilt.
Erst in der zweiten Haelfte des Jahres 653 (101) kam er, Sieger wie
ueber die Kimbrer so ueber die Teutonen, nach Rom zurueck, um den
verschobenen Triumph nun zwiefach zu feiern, entschieden der erste Mann
in Rom und doch zugleich politischer Anfaenger. Es war unwidersprechlich
ausgemacht, nicht bloss dass Marius Rom gerettet habe, sondern dass er
der einzige Mann sei, der Rom habe retten koennen; sein Name war auf
allen Lippen; die Vornehmen erkannten seine Leistungen an; bei dem
Volk war er populaer wie keiner vor oder nach ihm, populaer durch
seine Tugenden wie durch seine Fehler, durch seine unaristokratische
Uneigennuetzigkeit nicht minder wie durch seine baeurische Derbheit; er
hiess der Menge der dritte Romulus und der zweite Camillus; gleich den
Goettern wurden ihm Trankopfer gespendet. Es war kein Wunder, wenn dem
Bauernsohn der Kopf mitunter schwindelte von all der Herrlichkeit, wenn
er seinen Zug von Afrika ins Kettenland den Siegesfahrten des Dionysos
von Erdteil zu Erdteil verglich und sich fuer seinen Gebrauch einen
Becher - keinen von den kleinsten - nach dem Muster des Bakchischen
fertigen liess. Es war ebensoviel Hoffnung wie Dankbarkeit in dieser
taumelnden Begeisterung des Volkes, die wohl einen Mann von kaelterem
Blut und gereifterer politischer Erfahrung zu irren vermocht haette.
Marius' Werk schien seinen Bewunderern keineswegs vollendet. Schwerer
als die Barbaren lastete auf dem Lande die elende Regierung; ihm, dem
ersten Manne Roms, dem Liebling des Volkes, dem Haupt der Opposition
kam es zu, Rom zum zweitenmal zu retten. Zwar war ihm, dem Bauer und
Soldaten, das hauptstaedtische politische Treiben fremd und unbequem; er
sprach so schlecht, wie er gut kommandierte, und bewies den Lanzen und
Schwertern der Feinde gegenueber eine weit festere Haltung als gegen die
klatschende oder zischende Menge; aber auf seine Neigung kam wenig an.
Hoffnungen binden. Seine militaerische und politische Stellung war
von der Art, dass, wenn er mit seiner ruhmvollen Vergangenheit nicht
brechen, die Erwartungen seiner Partei, ja der Nation nicht taeuschen,
seiner eigenen Gewissenspflicht nicht untreu werden wollte, er der
Missverwaltung der oeffentlichen Angelegenheiten steuern und dem
Restaurationsregiment ein Ende machen musste, und wenn er nur die
inneren Eigenschaften eines Volkshauptes besass, so konnte er dessen,
was zum Volksfuehrer ihm abging, allerdings entraten. Eine furchtbare
Waffe hielt er in der Hand in der neu organisierten Armee. Bis auf seine
Zeit hatte man von dem Grundgedanken der Servianischen Verfassung, die
Aushebung lediglich auf die vermoegenden Buerger zu beschraenken und die
Unterschiede der Waffengattungen allein nach den Vermoegensklassen zu
ordnen, wohl schon manches nachlassen muessen: es war das zum Eintritt
in das Buergerheer verpflichtende Minimalvermoegen von 11000 Assen (300
Talern) herabgesetzt worden auf 4000 (115 Taler; 2, 345); es waren die
aelteren sechs in den Waffengattungen unterschiedenen Vermoegensklassen
beschraenkt worden auf drei, indem man zwar wie nach der Servianischen
Ordnung die Reiter aus den vermoegendsten, die Leichtbewaffneten aus den
aermsten Dienstpflichtigen auslas, aber den Mittelstand, die eigentliche
Linieninfanterie unter sich nicht mehr nach dem Vermoegen, sondern nach
dem Dienstalter in die drei Treffen der Hastaten, Principes und Triarier
ordnet. Man hatte ferner schon laengst die italischen Bundesgenossen
in sehr ausgedehntem Masse zum Kriegsdienst mitherangezogen, indes auch
hier, ganz wie bei der roemischen Buergerschaft, die Militaerpflicht
vorzugsweise auf die besitzenden Klassen gelegt. Nichtsdestoweniger
ruhte das roemische Militaerwesen bis auf Marius im wesentlichen
auf jener uralten Buergerwehrordnung. Allein fuer die veraenderten
Verhaeltnisse passte dieselbe nicht mehr. Die besseren Klassen der
Gesellschaft zogen teils vom Heerdienst mehr und mehr sich zurueck,
teils schwand der roemische und italische Mittelstand ueberhaupt
zusammen; dagegen waren einesteils die betraechtlichen Streitmittel
der ausseritalischen Bundesgenossen und Untertanen verfuegbar geworden,
andererseits bot das italische Proletariat, richtig verwandt, ein
militaerisch wenigstens sehr brauchbares Material. Die Buergerreiterei,
die aus der Klasse der Wohlhabenden gebildet werden sollte, war im
Felddienst schon vor Marius tatsaechlich eingegangen. Als wirklicher
Heerkoerper wird sie zuletzt genannt in dem spanischen Feldzug von 614
(140), wo sie den Feldherrn durch ihren hoehnischen Hochmut und ihre
Unbotmaessigkeit zur Verzweiflung bringt und zwischen beiden ein von
den Reitern wie vom Feldherrn mit gleicher Gewissenlosigkeit gefuehrter
Krieg ausbricht. Im Jugurthinischen Krieg erscheint sie schon nur noch
als eine Art Nobelgarde fuer den Feldherrn und fremde Prinzen; von da
an verschwindet sie ganz. Ebenso erwies sich die Ergaenzung der Legionen
mit gehoerig qualifizierten Pflichtigen schon im gewoehnlichen Lauf der
Dinge schwierig, so dass Anstrengungen, wie sie nach der Schlacht von
Arausio noetig waren, unter Einhaltung der bestehenden Vorschriften
ueber die Dienstpflicht wohl in der Tat materiell unausfuehrbar gewesen
sein wuerden. Andererseits wurden schon vor Marius, namentlich in der
Kavallerie und der leichten Infanterie, die ausseritalischen Untertanen,
die schweren Berittenen Thrakiens, die leichte afrikanische Reiterei,
das vortreffliche leichte Fussvolk der bebenden Ligurer, die Schleuderer
von den Balearen, in immer groesserer Anzahl auch ausserhalb ihrer
Provinzen bei den roemischen Heeren mitverwendet; und zugleich draengten
sich, waehrend an qualifizierten Buergerrekruten Mangel war, die
nichtqualifizierten aermeren Buerger ungerufen zum Eintritt in die
Armee, wie denn bei der Masse des arbeitslosen oder arbeitsscheuen
Buergergesindels und bei den ansehnlichen Vorteilen, die der roemische
Kriegsdienst abwarf, die Freiwilligenwerbung nicht schwierig sein
konnte. Es war demnach nichts als eine notwendige Konsequenz
der politischen und sozialen Umwandlung des Staats, dass man im
Militaerwesen ueberging von dem System des Buergeraufgebots zu dem
Zuzug- und Werbesystem, die Reiterei und die leichten Truppen wesentlich
aus den Kontingenten der Untertanen bildete, wie denn fuer den
kimbrischen Feldzug schon bis nach Bithynien Zuzug angesagt ward, fuer
die Linieninfanterie aber zwar die bisherige Dienstpflichtordnung nicht
aufhob, allein daneben jedem freigeborenen Buerger den freiwilligen
Eintritt in das Heer gestattete, was zuerst Marius 647 (107) tat. Hierzu
kam die Nivellierung innerhalb der Linieninfanterie, die gleichfalls
auf Marius zurueckgeht. Die roemische Weise aristokratischer Gliederung
hatte bis dahin auch innerhalb der Legion geherrscht. Die vier Treffen
der Leichten, der Hastaten, der Principes, der Triarier oder, wie man
auch sagen kann, der Vorhut, der ersten, zweiten und dritten Linie
hatten bis dahin jedes seine besondere Qualifikation nach Vermoegens-
oder Dienstalter und grossenteils auch verschiedene Bewaffnung, jedes
seinen ein fuer allemal bestimmten Platz in der Schlachtordnung, jedes
seinen bestimmten militaerischen Rang und sein eigenes Feldzeichen
gehabt. Alle diese Unterschiede fielen jetzt ueber den Haufen. Wer
ueberhaupt als Legionaer zugelassen ward, bedurfte keiner weiteren
Qualifikation, um in jeder Abteilung zu dienen; ueber die Einordnung
entschied einzig das Ermessen der Offiziere. Alle Unterschiede der
Bewaffnung fielen weg und somit wurden auch alle Rekruten gleichmaessig
geschult. Ohne Zweifel in Verbindung damit stehen die vielfachen
Verbesserungen, die in der Bewaffnung, dem Tragen des Gepaecks und
aehnlichen Dingen von Marius herruehren und ein ruehmliches Zeugnis
ablegen von der Einsicht desselben in das praktische Detail des
Kriegshandwerks und seiner Fuersorge fuer die Soldaten; vor allem aber
das neue, von dem Kameraden des Marius im Afrikanischen Krieg, Publius
Rutilius Rufus (Konsul 649 105), entworfene Exerzierreglement; es ist
bezeichnend, dass dasselbe die militaerische Ausbildung des einzelnen
Mannes betraechtlich steigerte und wesentlich sich anlehnte an die
in den damaligen Fechterschulen uebliche Ausbildung der kuenftigen
Gladiatoren. Die Gliederung der Legion ward eine gaenzlich andere. An
die Stelle der 30 Faehnlein (manipuli) schwerer Infanterie, die - jedes
zu zwei Zuegen (centuriae) von je 60 Mann in den beiden ersten und je 30
Mann im dritten Treffen - bisher die taktische Einheit gebildet hatten,
traten 10 Haufen (cohortes), jeder mit eigenem Feldzeichen und jeder zu
sechs, oft auch nur zu fuenf Zuegen von je 100 Mann; so dass, obgleich
gleichzeitig durch Einziehung der leichten Infanterie der Legion 1200
Mann erspart wurden, dennoch die Gesamtzahl der Legion von 4200 auf
5000 bis 6000 Mann stieg. Die Sitte, in drei Treffen zu fechten, blieb
bestehen, allein wenn bisher jedes Treffen einen eigenen Truppenkoerper
gebildet hatte, so war es in Zukunft dem Feldherrn ueberlassen, die
Kohorten, ueber die er disponierte, in die drei Linien nach Ermessen zu
verteilen. Den militaerischen Rang bestimmte einzig die Ordnungsnummer
der Soldaten und der Abteilungen. Die vier Feldzeichen der einzelnen
Legionsteile, der Wolf, der mannkoepfige Stier, das Ross, der Eber, die
bisher wahrscheinlich der Reiterei und den drei Treffen der schweren
Infanterie waren vorgetragen worden, verschwanden; dafuer traten die
Faehnlein der neuen Kohorten ein und das neue Zeichen, das Marius der
gesamten Legion verlieh, der silberne Adler. Wenn also innerhalb der
Legion jede Spur der bisherigen buergerlichen und aristokratischen
Gliederung verschwand und unter den Legionaeren fortan nur noch rein
soldatische Unterschiede vorkamen, so hatte sich dagegen schon
einige Jahrzehnte frueher aus zufaelligen Anlaessen eine bevorzugte
Heeresabteilung neben den Legionen entwickelt: die Leibwache
des Feldherrn. Bis dahin hatten ausgesuchte Mannschaften aus den
bundesgenoessischen Kontingenten die persoenliche Bedeckung des
Feldherrn gebildet; roemische Legionaere oder gar freiwillig sich
erbietende Mannschaften zum persoenlichen Dienst bei dem selben
zu verwenden, widerstritt der strengen Gebundenheit des gewaltigen
Gemeinwesens. Aber als der Numantinische Krieg ein beispiellos
demoralisiertes Heer grossgezogen hatte und Scipio Aemilianus, der
berufen ward, dem wuesten Unwesen zu steuern, es nicht bei der Regierung
hatte durchsetzen koennen, voellig neue Truppen unter die Waffen
zu rufen, ward es ihm wenigstens gewaehrt, ausser einer Anzahl von
Mannschaften, die ihm die abhaengigen Koenige und Freistaedte des
Auslandes zur Verfuegung stellten, aus freiwilligen roemischen Buergern
eine persoenliche Bedeckungsmannschaft von 500 Mann zu bilden. Diese
Kohorte, teils aus den besseren Staenden, teils aus der niederen
persoenlichen Klientel des Feldherrn hervorgegangen und daher bald die
der Freunde, bald die des Hauptquartiers (praetoriani) genannt,
hatte den Dienst in diesem (praetorium), wofuer sie vom Lager- und
Schanzdienst frei war, und genoss hoeheren Sold und groesseres Ansehen.
Diese vollstaendige Revolution der roemischen Heerverfassung scheint
allerdings wesentlich aus rein militaerischen Motiven hervorgegangen
und ueberhaupt weniger das Werk eines einzelnen, am wenigsten eines
berechnenden Ehrgeizigen, als die vom Drang der Umstaende gebotene
Umgestaltung unhaltbar gewordener Einrichtungen gewesen zu sein. Es
ist wahrscheinlich, dass die Einfuehrung des inlaendischen Werbesystems
durch Marius ebenso den Staat militaerisch vom Untergang gerettet hat,
wie manches Jahrhundert spaeter Arbogast und Stilicho durch Einfuehrung
des auslaendischen ihm noch auf eine Weile die Existenz fristeten.
Nichtsdestoweniger lag in ihr, wenn auch noch unentwickelt, zugleich
eine vollstaendige politische Revolution. Die republikanische Verfassung
ruhte zumeist darauf, dass der Buerger zugleich Soldat, der Soldat vor
allem Buerger war; es war mit ihr zu Ende, sowie ein Soldatenstand sich
bildete. Hierzu musste schon das neue Exerzierreglement fuehren mit
seiner dem Kunstfechter abgeborgten Routine; der Kriegsdienst ward
allmaehlich Kriegshandwerk. Weit rascher noch wirkte die wenn auch
beschraenkte Zuziehung des Proletariats zum Militaerdienst, besonders in
Verbindung mit den uralten Satzungen, die dem Feldherrn ein nur mit
sehr soliden republikanischen Institutionen vertraegliches arbitraeres
Belohnungsrecht seiner Soldaten einraeumten und dem tuechtigen und
gluecklichen Soldaten eine Art Anrecht gaben, vom Feldherrn einen Teil
der beweglichen Beute, vom Staat ein Stueck des gewonnenen Ackers zu
heischen. Wenn der ausgehobene Buerger und Bauer in dem Kriegsdienst
nichts sah als eine fuer das gemeine Beste zu uebernehmende Last und
im Kriegsgewinn nichts als einen geringen Entgelt fuer den ihm aus dem
Dienst erwachsenden weit ansehnlicheren Verlust, so war dagegen der
geworbene Proletarier nicht bloss fuer den Augenblick allein angewiesen
auf seinen Sold, sondern auch fuer die Zukunft musste er, den nach der
Entlassung kein Invaliden- , ja nicht einmal ein Armenhaus aufnahm,
wuenschen, zunaechst bei der Fahne zu bleiben und diese nicht anders
zu verlassen als mit Begruendung seiner buergerlichen Existenz. Seine
einzige Heimat war das Lager, seine einzige Wissenschaft der Krieg,
seine einzige Hoffnung der Feldherr - was hierin lag, leuchtet ein. Als
Marius nach dem Treffen auf dem Raudischen Feld zwei Kohorten italischer
Bundesgenossen ihrer tapferen Haltung wegen in Masse das Buergerrecht
auf dem Schlachtfeld selbst verfassungswidrig verlieh, rechtfertigte er
spaeter sich damit, dass er im Laerm der Schlacht die Stimme der Gesetze
nicht habe unterscheiden koennen. Wenn einmal in wichtigeren Fragen das
Interesse des Heers und des Feldherrn in verfassungswidrigem Begehren
sich begegneten, wer mochte dafuer stehen, dass alsdann nicht noch
andere Gesetze ueber dem Schwertergeklirr nicht wuerden vernommen
werden? Man hatte das stehende Heer, den Soldatenstand, die Garde; wie
in der buergerlichen Verfassung, so standen auch in der militaerischen
bereits alle Pfeiler der kuenftigen Monarchie: es fehlte einzig an dem
Monarchen. Wie die zwoelf Adler um den Palatinischen Huegel kreisten, da
riefen sie dem Koenigtum; der neue Adler, den Gaius Marius den Legionen
verlieh, verkuendete das Reich der Kaiser. Es ist wohl keinem Zweifel
unterworfen, dass Marius einging auf die glaenzenden Aussichten, die
seine militaerische und politische Stellung ihm eroeffnete. Es war eine
truebe, schwere Zeit. Man hatte Frieden, aber man ward des Friedens
nicht froh; es war nicht mehr wie einst nach dem ersten gewaltigen
Anprall der Nordlaender auf Rom, wo nach ueberstandener Krise im
frischen Gefuehl der Genesung alle Kraefte sich neu geregt, wo sie in
ueppiger Entfaltung das Verlorene rasch und reichlich ersetzt hatten.
Alle Welt fuehlte, dass, mochten auch tuechtige Feldherren noch aber und
abermals das unmittelbare Verderben abwehren, das Gemeinwesen darum
nur um so sicherer zu Grunde gehe unter dem Regiment der restaurierten
Oligarchie; aber alle Welt fuehlte auch, dass die Zeit nicht mehr war,
wo in solchen Faellen die Buergerschaft sich selber half, und dass
nichts besser ward, solange des Gaius Gracchus Platz leer blieb. Wie
tief die Menge die nach dem Verschwinden jener beiden hohen Juenglinge,
welche der Revolution das Tor geoeffnet hatten, zurueckgebliebene Luecke
empfand, freilich auch wie kindisch sie nach jedem Schatten des Ersatzes
griff, beweist der falsche Sohn des Tiberius Gracchus, welcher, obwohl