Todesstrafe fuer politische Vergehen wurde Caepio verhaftet und die
Absicht unverhohlen ausgesprochen, das Todesurteil ueber ihn zu faellen
und zu vollstrecken. Die Regierungspartei versuchte, durch tribunizische
Interzession den Antrag zu beseitigen; allein die einsprechenden Tribune
wurden mit Gewalt aus der Versammlung verjagt und bei dem heftigen
Auflauf die ersten Maenner des Senats durch Steinwuerfe verletzt. Die
Untersuchung war nicht zu verhindern und der Prozesskrieg ging im Jahre
651 (103) seinen Gang wie sechs Jahre zuvor; Caepio selbst, sein Kollege
im Oberbefehl Gnaeus Malbus Maximus und zahlreiche andere angesehene
Maenner wurden verurteilt; mit Muehe gelang es einem mit Caepio
befreundeten Volkstribun, durch Aufopferung seiner eigenen buergerlichen
Existenz den Hauptangeklagten wenigstens das Leben zu retten ^15.
------------------------------------------ ^15 Die Amtsentsetzung des
Prokonsuls Caepio, mit der die Vermoegenseinziehung verbunden war (Liv.
ep. 67), ward wahrscheinlich unmittelbar nach der Schlacht von Arausio
(6. Oktober 649 105) von der Volksversammlung ausgesprochen. Dass
zwischen der Absetzung und der eigentlichen Katastrophe einige Zeit
verstrich, zeigt deutlich der im Jahre 650 (104) gestellte, auf Caepio
gemuenzte Antrag, dass Amtsentsetzung den Verlust des Sitzes im Senat
nach sich ziehen solle (Ascon. Corn. 78). Die Fragmente des Licinianus
(p. 10: Cn. Manilius ob eandem causam quam et Caepio L. Saturnini
rogatione e civitate est cito [?] eiectus; wodurch die Andeutung bei
Cicero (De orat. 2, 28,125) klar wird, lehren jetzt, dass ein von
Lucius Appuleius Saturninus vorgeschlagenes Gesetz diese Katastrophe
herbeigefuehrt hat. Es ist dies offenbar kein anderes als das
Appuleische Gesetz ueber die geschmaelerte Majestaet des roemischen
Staates (Cic. De orat. 2, 25, 107; 49, 201) oder, wie der Inhalt
desselben schon frueher (Bd. 2, S. 193 der ersten Auflage
[Orig.]) bestimmt ward, Saturninus' Antrag auf Niedersetzung einer
ausserordentlichen Kommission zur Untersuchung der waehrend
der kimbrischen Unruhen vorgekommenen Landesverraetereien. Die
Untersuchungskommission wegen des Goldes von Tolosa (Cic. nat. deor. 3,
30, 74) entsprang in ganz aehnlicher Weise aus dem Appuleischen Gesetz,
wie die dort weiter genannten Spezialgerichte ueber eine aergerliche
Richterbestechung aus dem Mucischen von 613 (141), die ueber die
Vorgaenge mit den Vestalinnen aus dem Peducaeischen von 641 (113), die
ueber den Jugurthinischen Krieg aus dem Mamilischen von 644 (110).
Die Vergleichung dieser Faelle lehrt auch, dass von dergleichen
Spezialkommissionen, anders als von den ordentlichen, selbst Strafen
an Leib und Leben erkannt werden konnten und erkannt worden sind. Wenn
anderweitig der Volkstribun Gaius Norbanus als derjenige genannt wird,
der das Verfahren gegen Caepio veranlasste und dafuer spaeter zur
Verantwortung gezogen ward (Cic. De orat. 2, 40, 167; 48, 199; 4, 200.
part. 30, 105 u. a. St.), so ist dies damit nicht in Widerspruch; denn
der Antrag ging, wie gewoehnlich, von mehreren Volkstribunen aus (Rhet.
Her. 1, 14, 24; Cic. De orat. 2, 47, 197), und da Saturninus bereits tot
war, als die aristokratische Partei daran denken konnte, Vergeltung zu
ueben, hielt man sich an den Kollegen. Was die Zeit dieser zweiten und
schliesslichen Verurteilung Caepios anlangt, so ist die gewoehnliche,
sehr unueberlegte Annahme, welche dieselbe in das Jahr 650 (95),
zehn Jahre nach der Schlacht von Arausio setzt, bereits frueher
zurueckgewiesen worden. Sie beruht lediglich darauf, dass Crassus als
Konsul, also 659 (95) fuer Caepio sprach (Cic. Brut. 44,162); was er
aber offenbar nicht als dessen Sachwalter tat, sondern als Norbanus
wegen seines Verfahrens gegen Caepio im Jahre 659 (95) von Publius
Sulpicius Rufus zur Verantwortung gezogen ward. Frueher wurde fuer diese
zweite Anklage das Jahr 650 (104) angenommen; seit wir wissen, dass
sie aus einem Antrag des Saturninus hervorging, kann man nur schwanken
zwischen dem Jahr 651 (103), wo dieser zum ersten (Plut. Mar. 14; Oros.
hist. 5, 17; App. 1, 28; Diod. p. 608, 631) und 654 (100), wo er zum
zweiten Male Volkstribun war. Ganz sicher entscheidende Momente finden
sich nicht, aber die sehr ueberwiegende Wahrscheinlichkeit spricht fuer
das erstere Jahr, teils weil dies den Ungluecksfaellen in Gallien
naeher steht, teils weil in den ziemlich ausfuehrlichen Berichten ueber
Saturninus' zweites Tribunat Quintus Caepio des Vaters und der gegen
diesen gerichteten Gewaltsamkeiten nicht gedacht wird. Dass die infolge
der Urteilssprueche wegen der unterschlagenen tolosanischen Beute an den
Staatsschatz zurueckgezahlten Summen von Saturninus im zweiten Tribunat
fuer seine Kolonisationsplaene in Anspruch genommen werden (Vir. ill.
73, 5 und dazu Orelli ind. legg. p. 137), ist an sich nicht
entscheidend und kann ueberdies leicht durch Verwechslung von dem ersten
afrikanischen auf das zweite allgemeine Ackergesetz des Saturninus
uebertragen worden sein. Dass spaeterhin, als Norbanus belangt ward,
dies eben auf Grund des von ihm mitveranlassten Gesetzes geschah, ist
eine dem roemischen politischen Prozess dieser Zeit gewoehnliche Ironie
(Cic. Brut. 89, 305) und darf etwa nicht zu dem Glauben verleiten, als
sei das Appuleische Gesetz schon, wie das spaetere Cornelische,
ein allgemeines Hochverratsgesetz gewesen.
------------------------------------------------ Wichtiger als diese
Massregel der Rache war die Frage, wie der gefaehrliche Krieg
jenseits der Alpen ferner gefuehrt und zunaechst, wem darin die
Oberfeldherrnschaft uebertragen werden sollte. Bei unbefangener
Behandlung war es nicht schwer, eine passende Wahl zu treffen. Rom war
zwar im Vergleich mit frueheren Zeiten an militaerischen Notabilitaeten
nicht reich; allein es hatten doch Quintus Maximus in Gallien, Marcus
Aemilius Scaurus und Quintus Minucius in den Donaulaendern, Quintus
Metellus, Publius Rutilius Rufus, Gaius Marius in Afrika mit
Auszeichnung kommandiert; und es handelte sich ja nicht darum, einen
Pyrrhos oder Hannibal zu schlagen, sondern den Barbaren des Nordens
gegenueber die oft erprobte Ueberlegenheit roemischer Waffen und
roemischer Taktik wieder in ihr Recht einzusetzen, wozu es keines
genialen, sondern nur eines strengen und tuechtigen Kriegsmanns
bedurfte. Allein es war eben eine Zeit, in der alles eher moeglich war
als die unbefangene Erledigung einer Verwaltungsfrage. Die Regierung
war, wie es nicht anders sein konnte und wie schon der jugurthinische
Krieg gezeigt hatte, in der oeffentlichen Meinung so vollstaendig
bankrott, dass ihre tuechtigsten Feldherren in der vollen Siegeslaufbahn
weichen mussten, sowie es einem namhaften Offizier einfiel, sie vor dem
Volk herunterzumachen und als Kandidat der Opposition von dieser sich an
die Spitze der Geschaefte stellen zu lassen. Es war kein Wunder,
dass, was nach den Siegen des Metellus geschehen war, gesteigert sich
wiederholte nach den Niederlagen des Gnaeus, Mallius und Quintus Caepio.
Abermals trat Gaius Marius trotz des Gesetzes, das das Konsulat mehr als
einmal zu uebernehmen verbot, auf als Bewerber um das hoechste Staatsamt
und nicht bloss ward er, waehrend er noch in Afrika an der Spitze des
dortigen Heeres stand, zum Konsul ernannt und ihm der Oberbefehl in
dem Gallischen Krieg uebergeben, sondern es ward ihm auch fuenf
Jahre hintereinander (650-654 104-100) wieder und wieder das Konsulat
uebertragen, in einer Weise, welche aussah wie ein berechneter Hohn
gegen den eben in Beziehung auf diesen Mann in seiner ganzen Torheit
und Kurzsichtigkeit bewaehrten exklusiven Geist der Nobilitaet, aber
freilich auch in den Annalen der Republik unerhoert und in der Tat mit
dem Geiste der freien Verfassung Roms schlechterdings unvertraeglich
war. Namentlich in dem roemischen Militaerwesen, dessen im Afrikanischen
Krieg begonnene Umgestaltung aus einer Buergerwehr in eine Soeldnerschar
Marius waehrend seines fuenfjaehrigen, durch die Not der Zeit mehr noch
als durch die Klauseln seiner Bestallung unumschraenkten
Oberkommandos fortsetzte und vollendete, sind die tiefen Spuren dieser
inkonstitutionellen Oberfeldherrnschaft des ersten demokratischen
Generals fuer alle Zeit sichtbar geblieben. Der neue Oberfeldherr Gaius
Marius erschien im Jahre 650 (164) jenseits der Alpen, gefolgt von einer
Anzahl erprobter Offiziere, unter denen der kuehne Faenger des Jugurtha,
Lucius Sulla, bald sich abermals hervortat, und von zahlreichen Scharen
italischer und bundesgenoessischer Soldaten. Zunaechst fand er den
Feind, gegen den er geschickt war, nicht vor. Die wunderlichen Leute,
die bei Arausio gesiegt hatten, waren inzwischen, wie schon gesagt ward,
nachdem sie die Landschaft westlich der Rhone ausgeraubt hatten, ueber
die Pyrenaeen gestiegen und schlugen sich eben in Spanien mit den
tapferen Bewohnern der Nordkueste und des Binnenlandes herum; es schien,
als wollten die Deutschen ihr Talent, nicht zuzugreifen, gleich bei
ihrem ersten Auftreten in der Geschichte beweisen. So fand Marius
volle Zeit, einesteils die abgefallenen Tektosagen zum Gehorsam
zurueckzubringen, die schwankende Treue der untertaenigen gallischen und
ligurischen Gaue wieder zu befestigen und innerhalb wie ausserhalb
der roemischen Provinz von den gleich den Roemern durch die Kimbrer
gefaehrdeten Bundesgenossen, wie zum Beispiel von den Massalioten, den
Allobrogen, den Sequanern, Beistand und Zuzug zu erlangen; andrerseits
durch strenge Mannszucht und unparteiische Gerechtigkeit gegen Vornehme
und Geringe das ihm anvertraute Heer zu disziplinieren und durch
Maersche und ausgedehnte Schanzarbeiten - insbesondere die Anlegung
eines spaeter den Massalioten ueberwiesenen Rhonekanals zur leichteren
Herbeischaffung der von Italien dem Heer nachgesandten Transporte -
die Soldaten fuer die ernstere Kriegsarbeit tuechtig zu machen. Auch er
verhielt sich in strenger Defensive und ueberschritt nicht die Grenzen
der roemischen Provinz. Endlich, es scheint im Laufe des Jahres 651
(103), flutete der Kimbrenstrom, nachdem er in Spanien an dem tapferen
Widerstand der eingeborenen Voelkerschaften, namentlich der Keltiberer
sich gebrochen hatte, wieder zurueck ueber die Pyrenaeen und von da,
wie es scheint, am Atlantischen Ozean hinauf, wo alles den schrecklichen
Maennern sich unterwarf, von den Pyrenaeen bis zur Seine. Erst hier, an
der Landesgrenze der tapferen Eidgenossenschaft der Belgen, trafen
sie auf ernstlichen Widerstand; allein eben auch hier, waehrend sie
im Gebiet der Veliocasser (bei Rouen) standen, kam ihnen ansehnlicher
Zuzug. Nicht bloss drei Quartiere der Helvetier, darunter die Tigoriner
und Tougener, welche frueher an der Garonne gegen die Roemer gefochten
hatten, gesellten, wie es scheint um diese Zeit, sich zu den Kimbrern,
sondern es stiessen auch zu ihnen die stammverwandten Teutonen unter
ihrem Koenig Teutobod, welche durch uns nicht ueberlieferte Fuegungen
aus ihrer Heimat an der Ostsee hierher an die Seine verschlagen
waren ^16. Aber auch die vereinigten Scharen vermochten den tapferen
Widerstand der Belgen nicht zu ueberwaeltigen. Die Fuehrer entschlossen
sich daher, mit der also angeschwollenen Menge den schon mehrmals
beratenen Zug nach Italien nun allen Ernstes anzutreten. Um nicht mit
dem bisher zusammengeraubten Gut sich zu schleppen, wurde dasselbe hier
zurueckgelassen unter dem Schutz einer Abteilung von 6000 Mann, aus
denen spaeter nach mancherlei Irrfahrten die Voelkerschaft der Aduatuker
an der Sambre erwachsen ist. Indes sei es wegen der schwierigen
Verpflegung auf den Alpenstrassen, sei es aus anderen Gruenden, die
Massen loesten sich wieder auf in zwei Heerhaufen, von denen der eine,
die Kimbrer und Tigoriner, ueber den Rhein zurueck und durch die schon
im Jahre 641 (113) erkundeten Paesse der Ostalpen, der andere, die
neuangelangten Teutonen, die Tougener und die schon in der Schlacht von
Arausio bewaehrte kimbrische Kernschar der Ambronen, durch das roemische
Gallien und die Westpaesse nach Italien eindringen sollte. Diese zweite
Abteilung war es, die im Sommer 652 (102) abermals ungehindert die Rhone
ueberschritt und am linken Ufer derselben mit den Roemern den Kampf nach
fast dreijaehriger Pause wieder aufnahm. Marius erwartete sie in einem
wohlgewaehlten und wohlverproviantierten Lager am Einfluss der Isere in
die Rhone, in welcher Stellung er die beiden einzigen damals gangbaren
Heerstrassen nach Italien, die ueber den Kleinen Bernhard und die an der
Kueste, zugleich den Barbaren verlegte. Die Teutonen griffen das Lager
an, das ihnen den Weg sperrte; drei Tage nacheinander tobte der Sturm
der Barbaren um die roemischen Verschanzungen, aber der wilde Mut
scheiterte an der Ueberlegenheit der Roemer im Festungskrieg und an der
Besonnenheit des Feldherrn. Nach hartem Verlust entschlossen sich die
dreisten Gesellen, den Sturm aufzugeben und am Lager vorbei fuerbass
nach Italien zu marschieren. Sechs Tage hintereinander zogen sie daran
vorueber, ein Beweis mehr noch fuer die Schwerfaelligkeit ihres Trosses
als fuer ihre ungeheure Zahl. Der Feldherr liess es geschehen ohne
anzugreifen; dass er durch den hoehnischen Zuruf der Feinde, ob die
Roemer nicht Auftraege haetten an ihre Frauen daheim, sich nicht irren
liess, ist begreiflich, aber dass er dies verwegene Vorbeidefilieren
der feindlichen Kolonnen vor der konzentrierten roemischen Masse nicht
benutzte um zu schlagen, zeigt, wie wenig er seinen ungeuebten Soldaten
vertraute. Als der Zug vorueber war, brach auch er sein Lager ab und
folgte dem Feinde auf dem Fuss, in strenger Ordnung und Nacht fuer Nacht
sich sorgfaeltig verschanzend. Die Teutonen, die der Kuestenstrasse
zustrebten, gelangten laengs der Rhone hinabmarschierend bis in die
Gegend von Aquae Sextiae, gefolgt von den Roemern. Beim Wasserschoepfen
stiessen hier die leichten ligurischen Truppen der Roemer mit der
feindlichen Nachhut, den Ambronen, zusammen; das Gefecht ward bald
allgemein; nach heftigem Kampf siegten die Roemer und verfolgten
den weichenden Feind bis an die Wagenburg. Dieser erste glueckliche
Zusammenstoss erhoehte dem Feldherrn wie den Soldaten den Mut; am
dritten Tage nach demselben ordnete Marius auf dem Huegel, dessen Spitze
das roemische Lager trug, seine Reihen zur entscheidenden Schlacht.
Die Teutonen, laengst ungeduldig, mit ihren Gegnern sich zu messen,
stuermten sofort den Huegel hinauf und begannen das Gefecht. Es war
ernst und langwierig; bis zum Mittag standen die Deutschen wie die
Mauern; allein die ungewohnte Glut der provencalischen Sonne erschlaffte
ihre Sehnen und ein blinder Laerm in ihrem Ruecken, wo ein Haufen
roemischer Trossbuben aus einem waldigen Versteck mit gewaltigem
Geschrei hervorrannte, entschied vollends die Aufloesung der
schwankenden Reihen. Der ganze Schwarm ward gesprengt und, wie
begreiflich in dem fremden Lande, entweder getoetet oder gefangen;
unter den Gefangenen war der Koenig Teutobod, unter den Toten eine
Menge Frauen, welche, nicht unbekannt mit der Behandlung, die ihnen als
Sklavinnen bevorstand, teils auf ihren Karren in verzweifelter Gegenwehr
sich hatten niedermachen lassen, teils in der Gefangenschaft, nachdem
sie umsonst gebeten, sie dem Dienst der Goetter und der heiligen
Jungfrauen der Vesta zu widmen, sich selber den Tod gegeben hatten
(Sommer 652 102). ----------------------------------------------- ^16
Diese Darstellung beruht im wesentlichen auf dem verhaeltnismaessig
zuverlaessigsten Livianischen Bericht in der Epitome (67, wo zu lesen
ist: reversi in Galliam in Vellocassis se Teutonis coniunxerunt) und bei
Obsequens, mit Beseitigung der geringeren Zeugnisse, die die Teutonen
schon frueher, zum Teil, wie App. Celt. 13, schon in der Schlacht von
Noreia, neben den Kimbrern auftreten lassen. Damit sind verbunden die
Notizen bei Caesar (Gall. 1, 33; 2, 4 u. 29), da mit dem Zug der Kimbrer
in die roemische Provinz und nach Italien nur die Expedition von 652
(102) gemeint sein kann. ----------------------------------------------
So hatte Gallien Ruhe vor den Deutschen; und es war Zeit, denn schon
standen deren Waffenbrueder diesseits der Alpen. Mit den Helvetiern
verbuendet, waren die Kimbrer ohne Schwierigkeit von der Seine in
das obere Rheintal gelangt, hatten die Alpenkette auf dem Brennerpass
ueberschritten und waren von da durch die Taeler der Eisack und Etsch
hinabgestiegen in die italische Ebene. Hier sollte der Konsul Quintus
Lutatius Catulus die Paesse bewachen; allein der Gegend nicht voellig
kundig und fuerchtend, umgangen zu werden hatte er sich nicht getraut,
in die Alpen selbst vorzuruecken, sondern unterhalb Trient am linken
Ufer der Etsch sich aufgestellt und fuer alle Faelle den Rueckzug auf
das rechte durch Anlegung einer Bruecke sich gesichert. Allein als nun
die Kimbrer in dichten Scharen aus den Bergen hervordrangen, ergriff ein
panischer Schreck das roemische Heer und Legionaere und Reiter liefen
davon, diese geradeswegs nach der Hauptstadt, jene auf die naechste
Anhoehe, die Sicherheit zu gewaehren schien. Mit genauer Not brachte
Catulus wenigstens den groessten Teil seines Heeres durch eine
Kriegslist wieder an den Fluss und ueber die Bruecke zurueck, ehe es den
Feinden, die den oberen Lauf der Etsch beherrschten und schon Baeume
und Balken gegen die Bruecke hinabtreiben liessen, gelang, diese zu
zerstoeren und damit dem Heer den Rueckzug abzuschneiden. Eine Legion
indes hatte der Feldherr auf dem anderen Ufer zuruecklassen muessen und
bereits wollte der feige Tribun, der sie fuehrte, kapitulieren, als
der Rottenfuehrer Gnaeus Petreius von Atina ihn niederstiess und mitten
durch die Feinde auf das rechte Ufer der Etsch zu dem Hauptheer sich
durchschlug. So war das Heer und einigermassen selbst die Waffenehre
gerettet; allein die Folgen der versaeumten Besetzung der Paesse und des
uebereilten Rueckzugs waren dennoch sehr empfindlich. Catulus musste auf
das rechte Ufer des Po sich zurueckziehen und die ganze Ebene zwischen
dem Po und den Alpen in der Gewalt der Kimbrer lassen, so dass man die
Verbindung mit Aquileia nur zur See noch unterhielt. Dies geschah im
Sommer 652 (102), um dieselbe Zeit, wo es zwischen den Teutonen und
den Roemern bei Aquae Sextiae zur Entscheidung kam. Haetten die Kimbrer
ihren Angriff ununterbrochen fortgesetzt, so konnte Rom in eine sehr
bedraengte Lage geraten; indes ihrer Gewohnheit, im Winter zu rasten,
blieben sie auch diesmal getreu und um so mehr, als das reiche Land, die
ungewohnten Quartiere unter Dach und Fach, die warmen Baeder, die neuen
reichlichen Speisen und Getraenke sie einluden, es sich vorlaeufig wohl
sein zu lassen. Dadurch gewannen die Roemer Zeit, ihnen mit
vereinigten Kraeften in Italien zu begegnen. Es war keine Zeit, was der
demokratische General sonst wohl getan haben wuerde, den unterbrochenen
Eroberungsplan des Keltenlandes, wie Gaius Gracchus ihn mochte entworfen
haben, jetzt wieder aufzunehmen; von dem Schlachtfeld von Aix wurde
das siegreiche Heer an den Po gefuehrt und nach kurzem Verweilen in
der Hauptstadt, wo er den ihm angetragenen Triumph bis nach voelliger
Ueberwindung der Barbaren zurueckwies, traf auch Marius selbst bei den
vereinigten Armeen ein. Im Fruehjahr 653 (101) ueberschritten sie, 50000
Mann stark, unter dem Konsul Marius und dem Prokonsul Catulus wiederum
den Po und zogen gegen die Kimbrer, welche ihrerseits flussaufwaerts
marschiert zu sein scheinen, um den maechtigen Strom an seiner Quelle zu
ueberschreiten. Unterhalb Vercellae unweit der Muendung der Sesia in den
Po ^17, ebenda, wo Hannibal seine erste Schlacht auf italischem Boden
geschlagen hatte, trafen die beiden Heere aufeinander. Die Kimbrer
wuenschten die Schlacht und sandten, ihrer Landessitte gemaess, zu den
Roemern, Zeit und Ort dazu auszumachen: Marius willfahrte ihnen und
nannte den naechsten Tag - es war der 30. Juli 653 (101) - und das
Raudische Feld, eine weite Ebene, auf der die ueberlegene roemische
Reiterei einen vorteilhaften Spielraum fand. Hier stiess man auf den
Feind, erwartet und doch ueberraschend; denn in dem dichten Morgennebel
fand sich die kimbrische Reiterei im Handgemenge mit der staerkeren
roemischen, ehe sie es vermutete, und ward von ihr zurueckgeworfen auf
das Fussvolk, das eben zum Kampfe sich ordnete. Mit geringen Opfern ward
ein vollstaendiger Sieg erfochten und die Kimbrer vernichtet. Gluecklich
mochte heissen, wer den Tod in der Schlacht fand, wie die meisten, unter
ihnen der tapfere Koenig Boiorix; gluecklicher mindestens als die,
die nachher verzweifelnd Hand an sich selbst legten oder gar auf
dem Sklavenmarkt in Rom den Herrn suchen mussten, der dem einzelnen
Nordmannen die Dreistigkeit vergalt, des schoenen Suedens begehrt zu
haben, ehe denn es Zeit war. Die Tigoriner, die auf den Vorbergen
der Alpen zurueckgeblieben waren, um den Kimbrern spaeter zu folgen,
verliefen sich auf die Kunde von der Niederlage in ihre Heimat. Die
Menschenlawine, die dreizehn Jahre hindurch von der Donau bis zum Ebro,
von der Seine bis zum Po die Nationen alarmiert hatte, ruhte unter der
Scholle oder fronte im Sklavenjoch; der verlorene Posten der deutschen
Wanderungen hatte seine Schuldigkeit getan; das heimatlose Volk
der Kimbrer mit seinen Genossen war nicht mehr.
------------------------------------------------- ^17 Man hat nicht wohl
getan, von der Ueberlieferung abweichend das Schlachtfeld nach Verona
zu verlegen; wobei uebersehen ward, dass zwischen den Gefechten an der
Etsch und dem entscheidenden Treffen ein ganzer Winter und vielfache
Truppenbewegungen liegen, und dass Catulus nach ausdruecklicher Angabe
(Plut. Mar. 24) bis auf das rechte Poufer zurueckgewichen war. Auch
die Angaben, dass am Po (Hier. chron. a. Abr.) und dass da, wo Stilicho
spaeter die Geten schlug, d. h. bei Cherasco am Tanaro, die Kimbrer
geschlagen wurden, fuehren, obwohl beide ungenau, doch viel eher
nach Vercellae als nach Verona.
--------------------------------------------------- Ueber den Leichen
haderten die politischen Parteien Roms ihren kuemmerlichen Hader weiter,
ohne um das grosse Kapitel der Weltgeschichte sich zu bekuemmern, davon
hier das erste Blatt sich aufgeschlagen hatte, ohne auch nur Raum zu
geben dem reinen Gefuehl, dass an diesem Tage Roms Aristokraten wie Roms
Demokraten ihre Schuldigkeit getan hatten. Die Rivalitaet der beiden
Feldherren, die nicht bloss politische Gegner, sondern auch durch den
so verschiedenen Erfolg der beiden vorjaehrigen Feldzuege militaerisch
gespannt waren, kam sofort nach der Schlacht zum widerwaertigsten
Ausbruch. Catulus mochte mit Recht behaupten, dass das Mitteltreffen,
das er befehligte, den Sieg entschieden habe und dass von seinen Leuten
einunddreissig, von den Marianern nur zwei Feldzeichen eingebracht seien
- seine Soldaten fuehrten sogar die Abgeordneten der Stadt Parma durch
die Leichenhaufen, um ihnen zu zeigen, dass Marius tausend geschlagen
habe, Catulus aber zehntausend. Nichtsdestoweniger galt Marius als der
eigentliche Besieger der Kimbrer, und mit Recht; nicht bloss, weil er
kraft seines hoeheren Ranges an dem entscheidenden Tage den Oberbefehl
gefuehrt hatte und an militaerischer Begabung und Erfahrung seinem
Kollegen ohne Zweifel weit ueberlegen war, sondern vor allem, weil der
zweite Sieg von Vercellae in der Tat nur moeglich geworden war durch den
ersten von Aquae Sextiae. Allein in der damaligen Zeit waren es weniger
diese Erwaegungen, die den Ruhm von den Kimbrern und Teutonen Rom