erwaehnt wird, kann kein anderer sein als der Grossvater des Pompeius,
mit dem Caesar stritt, der Schwager des Dichters Lucilius. Die Feinde
werden bezeichnet als Galat/o/n ethnos. Es wird hervorgehoben,
dass Annius aus Schonung gegen die Provinzialen es unterliess, ihre
Kontingente aufzubieten und mit den roemischen Truppen allein die
Barbaren zuruecktrieb. Allem Anschein nach hat Makedonien schon damals
eine faktisch stehende roemische Besatzung erfordert. 9 Ist Quintus
Fabius Maximus Eburnus, Konsul 638 (116) nach Makedonien gegangen (CIG
1534; A. Zumpt, Commentationes epigraphicae. Bd. z. Berlin 1854, S.
167), so muss auch er dort einen Misserfolg erlitten haben, da Cicero
(Pis. 16, 38) sagt: ex (Macedonia) aliquot praetorio imperio, consulari
quidem nemo rediit, qui incolumis fuerit, quin triumpharit; denn die
fuer diese Epoche vollstaendige Triumphalliste kennt nur die drei
makedonischen Triumphe des Metellus 643 (111), des Drusus 644 (110) und
des Minucius 648 (106). ^10 Da nach Frontinus (grom. 2, 4, 3), Velleius
und Eutrop die von Minucius besiegte Voelkerschaft die Skordisker waren,
so kann es nur ein Fehler von Florus sein, dass er statt des Margos
(Morawa) den Hebros (die Maritza) nennt. ^11 Von dieser Vernichtung
der Skordisker, waehrend die Maeder und Dardaner zum Vertrag zugelassen
wurden, berichtet Appian (Ill. 5), und in der Tat sind seitdem die
Skordisker aus dieser Gegend verschwunden. Wenn die schliessliche
Ueberwaeltigung im 32. Jahr apo t/e/s pr/o/t/e/s eis Kelto?s peiras
stattgefunden hat, so scheint dies von einem zweiunddreissigjaehrigen
Krieg zwischen den Roemern und den Skordiskern verstanden werden zu
muessen, dessen Beginn vermutlich nicht lange nach der Konstituierung
der Provinz Makedonien (608 146) faellt und von dem die oben
verzeichneten Waffenereignisse (636-647 118-107) ein Teil sind. Dass die
Ueberwindung kurz vor dem Ausbruch der italischen Buergerkriege, also
wohl spaetestens 663 (91) erfolgt ist, geht aus Appians Erzaehlung
hervor. Sie faellt zwischen 650 (104) und 656 (98), wenn ihr ein
Triumph gefolgt ist, denn vor- und nachher ist das Triumphalverzeichnis
vollstaendig; indes ist es moeglich, dass es aus irgendeinem Grund zum
Triumph nicht kam. Der Sieger ist weiter nicht bekannt; vielleicht ist
es kein anderer als der Konsul des Jahres 671 (83), da dieser infolge
der cinnanisch- marianischen Wirren fueglich verspaetet zum Konsulat
gelangt sein kann. -------------------------------------------------
Indes diese Siege hatten eine Folge, welche die Sieger nicht ahnten.
Schon seit laengerer Zeit irrte ein "unstetes Volk" an dem noerdlichen
Saum der zu beiden Seiten der Donau von den Kelten eingenommenen
Landschaft. Sie nannten sich die Kimbrer, das heisst die Chempho,
die Kaempen oder, wie ihre Feinde uebersetzten, die Raeuber, welche
Benennung indes allem Anschein nach schon vor ihrem Auszug zum
Volksnamen geworden war. Sie kamen aus dem Norden und stiessen unter den
Kelten zuerst, soweit bekannt, auf die Boier, wahrscheinlich in Boehmen.
Genaueres ueber die Ursache und die Richtung ihrer Heerfahrt haben
die Zeitgenossen aufzuzeichnen versaeumt ^12 und kann auch durch keine
Mutmassung ergaenzt werden, da die derzeitigen Zustaende noerdlich von
Boehmen und dem Main und oestlich vom unteren Rheine unseren Blicken
sich vollstaendig entziehen. Dagegen dafuer, dass die Kimbrer und nicht
minder der ihnen spaeter sich anschliessende gleichartige Schwarm der
Teutonen ihrem Kerne nach nicht der keltischen Nation angehoeren, der
die Roemer sie anfaenglich zurechneten, sondern der deutschen, sprechen
die bestimmtesten Tatsachen: das Erscheinen zweier kleiner gleichnamiger
Staemme, allem Anschein nach in den Ursitzen zurueckgebliebener Reste,
der Kimbrer im heutigen Daenemark, der Teutonen im nordoestlichen
Deutschland in der Naehe der Ostsee, wo ihrer schon Alexanders des
Grossen Zeitgenosse Pytheas bei Gelegenheit des Bernsteinhandels
gedenkt; die Verzeichnung der Kimbrer und Teutonen in der germanischen
Voelkertafel unter den Ingaevonen neben den Chaukern; das Urteil
Caesars, der zuerst die Roemer den Unterschied der Deutschen und der
Kelten kennen lehrte und die Kimbrer, deren er selbst noch manchen
gesehen haben muss, den Deutschen beizaehlt; endlich die Voelkernamen
selbst und die Angaben ueber ihre Koerperbildung und ihr sonstiges
Wesen, die zwar auf die Nordlaender ueberhaupt, aber doch vorwiegend auf
die Deutschen passen. Andererseits ist es begreiflich, dass ein solcher
Schwarm, nachdem er vielleicht Jahrzehnte auf der Wanderschaft sich
befunden und auf seinen Zuegen an und in dem Keltenland ohne Zweifel
jeden Waffenbruder, der sich anschloss, willkommen geheissen hatte, eine
Menge keltischer Elemente in sich schloss; so dass es nicht befremdet,
wenn Maenner keltischen Namens an der Spitze der Kimbrer stehen oder
wenn die Roemer sich keltisch redender Spione bedienen, um bei ihnen zu
kundschaften. Es war ein wunderbarer Zug, dessengleichen die Roemer noch
nicht gesehen hatten; nicht eine Raubfahrt reisiger Leute, auch nicht
ein "heiliger Lenz" in die Fremde wandernder junger Mannschaft, sondern
ein wanderndes Volk, das mit Weib und Kind, mit Habe und Gut auszog,
eine neue Heimat sich zu suchen. Der Karren, der ueberall bei den noch
nicht voellig sesshaft gewordenen Voelkern des Nordens eine andere
Bedeutung hatte als bei den Hellenen und den Italikern und auch von den
Kelten durchgaengig ins Lager mitgefuehrt ward, war hier gleichsam das
Haus, wo unter dem uebergespannten Lederdach neben dem Geraet Platz
sich fand fuer die Frau und die Kinder und selbst fuer den Haushund. Die
Suedlaender sahen mit Verwunderung diese hohen schlanken Gestalten mit
den tiefblonden Locken und den hellblauen Augen, die derben stattlichen
Frauen, die den Maennern an Groesse und Staerke wenig nachgaben,
die Kinder mit dem Greisenhaar, wie die Italiener verwundert die
flachskoepfigen Jungen des Nordlandes bezeichneten. Das Kriegswesen war
wesentlich das der Kelten dieser Zeit, die nicht mehr, wie einst die
italischen, barhaeuptig und bloss mit Schwert und Dolch fochten,
sondern mit kupfernen, oft reichgeschmueckten Helmen und mit einer
eigentuemlichen Wurfwaffe, der Materis; daneben war das grosse Schwert
geblieben und der lange schmale Schild, neben dem man auch wohl noch
einen Panzer trug. An Reiterei fehlte es nicht; doch waren die Roemer in
dieser Waffe ihnen ueberlegen. Die Schlachtordnung war wie frueher eine
rohe, angeblich ebensoviel Glieder tief wie breit gestellte Phalanx,
deren erstes Glied in gefaehrlichen Gefechten nicht selten die
metallenen Leibguertel mit Stricken zusammenknuepfte. Die Sitten waren
rauh. Das Fleisch ward haeufig roh verschlungen. Heerkoenig war der
tapferste und womoeglich der laengste Mann. Nicht selten ward, nach Art
der Kelten und ueberhaupt der Barbaren, Tag und Ort des Kampfes vorher
mit dem Feinde ausgemacht, auch wohl vor dem Beginn der Schlacht ein
einzelner Gegner zum Zweikampf herausgefordert. Die Einleitung zum Kampf
machten Verhoehnungen des Feindes durch unschickliche Gebaerden und ein
entsetzliches Gelaerm, indem die Maenner ihr Schlachtgebruell erhoben
und die Frauen und Kinder durch Rufpauken auf die ledernen Wagendeckel
nachhalfen. Der Kimbrer focht tapfer - galt ihm doch der Tod auf dem
Bett der Ehre als der einzige, der des freien Mannes wuerdig war
-, allein nach dem Siege hielt er sich schadlos durch die wildeste
Bestialitaet und verhiess auch wohl im voraus den Schlachtgoettern,
darzubringen, was der Sieg in die Gewalt der Sieger geben wuerde. Dann
wurden die Geraete zerschlagen, die Pferde getoetet, die Gefangenen
aufgeknuepft oder nur aufbehalten, um den Goettern geopfert zu werden.
Es waren die Priesterinnen, greise Frauen in weissen linnenen Gewaendern
und unbeschuht, die wie Iphigeneia im Skythenland diese Opfer vollzogen
und aus dem rinnenden Blut des geopferten Kriegsgefangenen oder
Verbrechers die Zukunft wiesen. Wieviel von diesen Sitten allgemeiner
Brauch der nordischen Barbaren, wieviel von den Kelten entlehnt, wie
viel deutsches Eigen sei, wird sich nicht ausmachen lassen; nur die
Weise, nicht durch Priester, sondern durch Priesterinnen das Heer
geleiten und leiten zu lassen, darf als unzweifelhaft deutsche Art
angesprochen werden. So zogen die Kimbrer hinein in das unbekannte
Land, ein ungeheures Knaeuel mannigfaltigen Volkes, das um einen Kern
deutscher Auswanderer von der Ostsee sich zusammengeballt hatte, nicht
unvergleichbar den Emigrantenmassen, die in unseren Zeiten aehnlich
belastet und aehnlich gemischt und nicht viel minder ins Blaue hinein
uebers Meer fahren; ihre schwerfaellige Wagenburg mit der Gewandtheit,
die ein langes Wanderleben gibt, hinueberfuehrend ueber Stroeme und
Gebirge, gefaehrlich den zivilisierteren Nationen wie die Meereswoge und
die Windsbraut, aber wie diese latinisch und unberechenbar, bald rasch
vordringend, bald ploetzlich stockend oder seitwaerts und rueckwaerts
sich wendend. Wie ein Blitz kamen und trafen sie; wie ein Blitz waren
sie verschwunden, und es fand sich leider in der unlebendigen Zeit, in
der sie erschienen, kein Beobachter, der es wert gehalten haette, das
wunderbare Meteor genau abzuschildern. Als man spaeter anfing, die Kette
zu ahnen, von welcher diese Heerfahrt, die erste deutsche, die den
Kreis der antiken Zivilisation beruehrt hat, ein Glied ist, war die
unmittelbare und lebendige Kunde von derselben lange verschollen.
------------------------------------------------------ ^12 Denn der
Bericht, dass an den Kuesten der Nordsee durch Sturmfluten grosse
Landschaften weggerissen und dadurch die massenhafte Auswanderung der
Kimbrer veranlasst worden sei (Strab. 7, 293), erscheint zwar uns
nicht wie denen, die ihn aufzeichneten, maerchenhaft, allein ob er
auf Ueberlieferung oder Vermutung sich gruendet, ist doch nicht zu
entscheiden. ------------------------------------------------------ Dies
heimatlose Volk der Kimbrer, das bisher von den Kelten an der Donau,
namentlich den Boiern verhindert worden war, nach Sueden vorzudringen,
durchbrach diese Schranke infolge der von den Roemern gegen die
Donaukelten gerichteten Angriffe, sei es nun, dass die Donaukelten die
kimbrischen Gegner zu Hilfe riefen gegen die vordringenden Legionen,
oder dass jene durch den Angriff der Roemer verhindert wurden, ihre
Nordgrenzen so wie bisher zu schirmen. Durch das Gebiet der Skordisker
einrueckend in das Tauriskerland, naeherten sie im Jahre 641 (113) sich
den Krainer Alpenpaessen, zu deren Deckung der Konsul Gnaeus Papirius
Carbo auf den Hoehen unweit Aquileia sich aufstellte. Hier hatten
siebzig Jahre zuvor keltische Staemme sich diesseits der Alpen
anzusiedeln versucht, aber auf Geheiss der Roemer den schon okkupierten
Boden ohne Widerstand geraeumt; auch jetzt erwies die Furcht der
transalpinischen Voelker vor dem roemischen Namen sich maechtig. Die
Kimbrer griffen nicht an; ja sie fuegten sich, als Carbo sie das Gebiet
der Gastfreunde Roms, der Taurisker, raeumen hiess, wozu der Vertrag mit
diesen ihn keineswegs verpflichtete, und folgten den Fuehrern, die ihnen
Carbo gegeben hatte, um sie ueber die Grenze zu geleiten. Allein diese
Fuehrer waren vielmehr angewiesen, die Kimbrer in einen Hinterhalt zu
locken, wo der Konsul ihrer wartete. So kam es unweit Noreia im heutigen
Kaernten zum Kampf, in dem die Verratenen ueber den Verraeter siegten
und ihm betraechtlichen Verlust beibrachten; nur ein Unwetter, das
die Kaempfenden trennte, verhinderte die vollstaendige Vernichtung
der roemischen Armee. Die Kimbrer haetten sogleich ihren Angriff gegen
Italien richten koennen; sie zogen es vor, sich westwaerts zu wenden.
Mehr durch Vertrag mit den Helvetiern und den Sequanern als durch Gewalt
der Waffen eroeffneten sie sich den Weg auf das linke Rheinufer und
ueber den Jura und bedrohten hier einige Jahre nach Carbos Niederlage
abermals in naechster Naehe das roemische Gebiet. Die Rheingrenze und
das zunaechst gefaehrdete Gebiet der Allobrogen zu decken, erschien
645 (109) im suedlichen Gallien ein roemisches Heer unter Marcus Iunius
Silanus. Die Kimbrer baten, ihnen Land anzuweisen, wo sie friedlich sich
niederlassen koennten - eine Bitte, die sich allerdings nicht gewaehren
liess. Der Konsul griff statt aller Antwort sie an; er ward vollstaendig
geschlagen und das roemische Lager erobert. Die neuen Aushebungen,
welche durch diesen Unfall veranlasst wurden, stiessen bereits auf
so grosse Schwierigkeit, dass der Senat deshalb die Aufhebung der
vermutlich von Gaius Gracchus herruehrenden, die Verpflichtung zum
Kriegsdienst der Zeit nach einschraenkenden Gesetze bewirkte. Indes die
Kimbrer, statt ihren Sieg gegen die Roemer zu verfolgen, sandten an
den Senat nach Rom, die Bitte um Anweisung von Land zu wiederholen, und
beschaeftigten sich inzwischen, wie es scheint, mit der Unterwerfung
der umliegenden keltischen Kantone. So hatten vor den Deutschen die
roemische Provinz und die neue roemische Armee fuer den Augenblick Ruhe;
dagegen stand ein neuer Feind auf im Keltenland selbst. Die Helvetier,
die in den steten Kaempfen mit ihren nordoestlichen Nachbarn viel zu
leiden hatten, fuehlten durch das Beispiel der Kimbrer sich gereizt,
gleichfalls im westlichen Gallien sich ruhigere und fruchtbarere Sitze
zu suchen, und hatten vielleicht schon, als die Kimbrerscharen durch ihr
Land zogen, sich dazu mit ihnen verbuendet; jetzt ueberschritten unter
Divicos Fuehrung die Mannschaften der Tougener (unbekannter Lage) und
der Tigoriner (am See von Murten) den Jura ^13 und gelangten bis in
das Gebiet der Nitiobrogen (um Agen an der Garonne). Das roemische Heer
unter dem Konsul Lucius Cassius Longinus, auf das sie hier stiessen,
liess sich von den Helvetiern in einen Hinterhalt locken, wobei der
Feldherr selber und sein Legat, der Konsular Lucius Piso, mit dem
groessten Teil der Soldaten ihren Tod fanden; der interimistische
Oberbefehlshaber der Mannschaft, die sich in das Lager gerettet
hatte, Gaius Popillius, kapitulierte auf Abzug unter dem Joch gegen
Auslieferung der Haelfte der Habe, die die Truppen mit sich fuehrten,
und Stellung von Geiseln (647 107). So bedenklich standen die Dinge fuer
die Roemer, dass in ihrer eigenen Provinz eine der wichtigsten Staedte,
Tolosa, sich gegen sie erhob und die roemische Besatzung in Fesseln
schlug. ------------------------------------- ^13 Die gewoehnliche
Annahme, dass die Tougener und Tigoriner mit den Kimbrern zugleich in
Gallien eingerueckt seien, laesst sich auf Strabon 7, 293 nicht stuetzen
und stimmt wenig zu dem gesonderten Auftreten der Helvetier. Die
Ueberlieferung ueber diesen Krieg ist uebrigens in einer Weise
truemmerhaft, dass eine zusammenhaengende Geschichtserzaehlung,
voellig wie bei den Samnitischen Kriegen, nur Anspruch machen kann auf
ungefaehre Richtigkeit. -------------------------------------- Indes
da die Kimbrer fortfuhren, sich anderswo zu tun zu machen und auch die
Helvetier vorlaeufig die roemische Provinz nicht weiter belaestigten,
hatte der neue roemische Oberfeldherr Quintus Servilius Caepio volle
Zeit, sich der Stadt Tolosa durch Verrat wieder zu bemaechtigen und
das alte und beruehmte Heiligtum des Keltischen Apollon von den
darin aufgehaeuften ungeheuren Schaetzen mit Musse zu leeren - ein
erwuenschter Gewinn fuer die bedraengte Staatskasse, nur dass leider
die Gold- und Silberfaesser auf dem Wege von Tolosa nach Massalia der
schwachen Bedeckung durch einen Raeuberhaufen abgenommen wurden
und spurlos verschwanden; wie es hiess, waren die Anstifter dieses
Ueberfalles der Konsul selbst und sein Stab (648 106). Inzwischen
beschraenkte man sich gegen den Hauptfeind auf die strengste Defensive
und huetete mit drei starken Heeren die roemische Provinz, bis es den
Kimbrern gefallen wuerde, den Angriff zu wiederholen. Sie kamen im Jahre
649 (105) unter ihrem Koenig Boiorix, diesmal ernstlich denkend an
einen Einfall in Italien. Gegen sie befehligte am rechten Rhoneufer der
Prokonsul Caepio, am linken der Konsul Gnaeus Mallius Maximus und unter
ihm, an der Spitze eines abgesonderten Korps, sein Legat, der Konsular
Marcus Aurelius Scaurus. Der erste Angriff traf diesen: er ward voellig
geschlagen und selbst gefangen in das feindliche Hauptquartier gebracht,
wo der kimbrische Koenig, erzuernt ueber die stolze Warnung des
gefangenen Roemers, sich nicht mit seinem Heer nach Italien zu wagen,
ihn niederstiess. Maximus befahl darauf seinem Kollegen, sein Heer ueber
die Rhone zu fuehren; widerwillig sich fuegend erschien dieser endlich
bei Arausio (Orange) am linken Ufer des Flusses, wo nun die ganze
roemische Streitmacht dem Kimbrerheer gegenueberstand und ihm durch ihre
ansehnliche Zahl so imponiert haben soll, dass die Kimbrer anfingen
zu unterhandeln. Allein die beiden Fuehrer lebten im heftigsten
Zerwuerfnis. Maximus, ein geringer und unfaehiger Mann, war als Konsul
seinem stolzeren und besser geborenen, aber nicht besser gearteten
prokonsularischen Kollegen Caepio von Rechts wegen uebergeordnet; allein
dieser weigerte sich, ein gemeinschaftliches Lager zu beziehen und
gemeinschaftlich die Operationen zu beraten, und behauptete nach wie
vor sein selbstaendiges Kommando. Vergeblich versuchten Abgeordnete des
roemischen Senats eine Ausgleichung zu bewirken; auch eine persoenliche
Zusammenkunft der Feldherren, welche die Offiziere erzwangen, erweiterte
nur den Riss. Als Caepio den Maximus mit den Boten der Kimbrer
verhandeln sah, meinte er diesen im Begriff, die Ehre ihrer Unterwerfung
allein zu gewinnen, und warf mit seinem Heerteil allein sich schleunigst
auf den Feind. Er ward voellig vernichtet, so dass auch das Lager dem
Feinde in die Haende fiel (6. Oktober 649 105); und sein Untergang zog
die nicht minder vollstaendige Niederlage der zweiten roemischen Armee
nach sich. Es sollen 80000 roemische Soldaten und halb soviel von dem
ungeheuren und unbehilflichen Tross gefallen, nur zehn Mann entkommen
sein - so viel ist gewiss, dass es nur wenigen von den beiden Heeren
gelang, sich zu retten, da die Roemer mit dem Fluss im Ruecken gefochten
hatten. Es war eine Katastrophe, die materiell und moralisch den Tag
von Cannae weit ueberbot. Die Niederlagen des Carbo, des Silanus,
des Longinus waren an den Italikern ohne nachhaltigen Eindruck
voruebergegangen. Man war es schon gewohnt, jeden Krieg mit Unfaellen
zu eroeffnen; die Unueberwindlichkeit der roemischen Waffen stand so
unerschuetterlich fest, dass es ueberfluessig schien, die ziemlich
zahlreichen Ausnahmen zu beachten. Die Schlacht von Arausio aber, das
den unverteidigten Alpenpaessen in erschreckender Weise sich naehernde
Kimbrerheer, die sowohl in der roemischen Landschaft jenseits der
Alpen als auch bei den Lusitanern aufs neue und verstaerkt ausbrechende
Insurrektion, der wehrlose Zustand Italiens ruettelten furchtbar auf
aus diesen Traeumen. Man gedachte wieder der nie voellig vergessenen
Keltenstuerme des vierten Jahrhunderts, des Tages an der Allia und des
Brandes von Rom; mit der doppelten Gewalt zugleich aeltester Erinnerung
und frischester Angst kam der Gallierschreck ueber Italien; im ganzen
Okzident schien man es inne zu werden, dass die Roemerherrschaft
anfange zu wanken. Wie nach der Cannensischen Schlacht wurde durch
Senatsbeschluss die Trauerzeit abgekuerzt ^14. Die neuen Werbungen
stellten den drueckendsten Menschenmangel heraus. Alle waffenfaehigen
Italiker mussten schwoeren, Italien nicht zu verlassen; die Kapitaene
der in den italischen Haefen liegenden Schiffe wurden angewiesen, keinen
dienstpflichtigen Mann an Bord zu nehmen. Es ist nicht zu sagen, was
haette kommen moegen, wenn die Kimbrer sogleich nach ihrem Doppelsieg
durch die Alpenpforten in Italien eingerueckt waeren. Indes sie
ueberschwemmten zunaechst das Gebiet der Arverner, die muehsam in
ihren Festungen der Feinde sich erwehrten, und zogen bald von da, der
Belagerung muede, nicht nach Italien, sondern westwaerts gegen die
Pyrenaeen. ---------------------------------------------- ^14
Hierher gehoert ohne Zweifel das Fragment Diodors Vat. p. 122.
---------------------------------------------- Wenn der erstarrte
Organismus der roemischen Politik noch aus sich selber zu einer
heilsamen Krise gelangen konnte, so musste sie jetzt eintreten, wo durch
einen der wunderbaren Gluecksfaelle, an denen die Geschichte Roms so
reich ist, die Gefahr nahe genug drohte, um alle Energie und allen
Patriotismus in der Buergerschaft aufzuruetteln, und doch nicht so
ploetzlich hereinbrach, dass diesen Kraeften kein Raum geblieben waere,
sich zu entwickeln. Allein es wiederholten sich nur ebendieselben
Erscheinungen, die vier Jahre zuvor nach den afrikanischen Niederlagen
eingetreten waren. In der Tat waren die afrikanischen und die gallischen
Unfaelle wesentlich gleicher Art. Es mag sein, dass zunaechst jene mehr
der Oligarchie im ganzen, diese mehr einzelnen Beamten zur Last fielen;
allein die oeffentliche Meinung erkannte mit Recht in beiden vor
allen Dingen den Bankrott der Regierung, welche in fortschreitender
Entwicklung zuerst die Ehre des Staats und jetzt bereits dessen Existenz
in Frage stellte. Man taeuschte sich damals so wenig wie jetzt ueber den
wahren Sitz des Uebels, allein jetzt so wenig wie damals brachte man es
auch nur zu einem Versuch, an der rechten Stelle zu bessern. Man sah es
wohl, dass das System die Schuld trug; aber man blieb auch diesmal
dabei stehen, einzelne Personen zur Verantwortung zu ziehen - nur entlud
freilich ueber den Haeuptern der Oligarchie dies zweite Gewitter sich
mit um so viel schwereren Schlaegen, als die Katastrophe von 649
(105) die von 645 (109) an Umfang und Gefaehrlichkeit uebertraf.
Das instinktmaessig sichere Gefuehl des Publikums, dass es gegen die
Oligarchie kein Mittel gebe als die Tyrannis, zeigte sich wiederum,
indem dasselbe bereitwillig einging auf jeden Versuch namhafter
Offiziere, der Regierung die Hand zu zwingen und unter dieser oder
jener Form das oligarchische Regiment durch eine Diktatur zu stuerzen.
Zunaechst war es Quintus Caepio, gegen den die Angriffe sich richteten;
mit Recht, insofern die Niederlage von Arausio zunaechst durch
seine Unbotmaessigkeit herbeigefuehrt war, auch abgesehen von der
wahrscheinlich gegruendeten, aber nicht erwiesenen Unterschlagung der
tolosanischen Beute; indes trug zu der Wut, die die Opposition gegen ihn
entwickelte, wesentlich auch das bei, dass er als Konsul einen Versuch
gewagt hatte, den Kapitalisten die Geschworenenstellen zu entreissen. Um
seinetwillen ward der alte ehrwuerdige Grundsatz, auch im schlechtesten
Gefaess die Heiligkeit des Amtes zu ehren, gebrochen und, waehrend gegen
den Urheber des cannensischen Unglueckstages der Tadel in die stille
Brust verschlossen worden war, der Urheber der Niederlage von Arausio
durch Volksbeschluss des Prokonsulats entsetzt und - was seit den
Krisen, in denen das Koenigtum untergegangen, nicht wieder vorgekommen
war - sein Vermoegen von der Staatskasse eingezogen (649? 105). Nicht
lange nachher wurde derselbe durch einen zweiten Buergerschluss aus dem
Senat gestossen (650 104). Aber dies genuegte nicht; man wollte mehr
Opfer und vor allem Caepios Blut. Eine Anzahl oppositionell gesinnter
Volkstribune, an ihrer Spitze Lucius Appuleius Saturninus und Gaius
Norbanus, beantragten im Jahre 651 (103) wegen des in Gallien begangenen
Unterschleifs und Landesverrats ein Ausnahmegericht niederzusetzen;