habe, sich dem Maximus und nicht ihm zu ergeben, bemaechtigte sich in
treuloser Weise der Person des Koenigs und sandte ihn nach Rom, wo der
Senat den Bruch des Treuworts zwar missbilligte, aber nicht bloss den
verratenen Mann festhielt, sondern auch befahl, den Sohn desselben,
Congonnetiacus, gleichfalls nach Rom zu senden. Dies scheint die Ursache
gewesen zu sein, dass der fast schon beendigte arvernische Krieg noch
einmal aufloderte und es bei Vindalium (oberhalb Avignon) am Einfluss
der Sorgue in die Rhone zu einer zweiten Entscheidung durch die
Waffen kam. Sie fiel nicht anders aus als die erste; es waren diesmal
hauptsaechlich die afrikanischen Elefanten, die das Keltenheer
zerstreuten. Hierauf bequemten sich die Arverner zum Frieden und
die Ruhe war in dem Keltenland wiederhergestellt 3.
------------------------------------------ ^1 Wenn Cicero, indem er dies
den Africanus schon im Jahre 625 (129) sagen laesst (rep. 3, 9), nicht
einen Anachronismus sich hat zu Schulden kommen lassen, so bleibt wohl
nur die im Text bezeichnete Auffassung moeglich. Auf Norditalien und
Ligurien bezieht diese Verfuegung sich nicht, wie schon der Weinbau der
Genuaten im Jahre 637 (117) beweist; ebensowenig auf das unmittelbare
Gebiet von Massalia (Just. 43, 4; Poseid. fr. 25 Mueller; Strab.
4, 179). Die starke Ausfuhr von Oel und Wein aus Italien nach dem
Rhonegebiet im siebenten Jahrhundert der Stadt ist bekannt. 2 In der
Auvergne. Ihre Hauptstadt, Nemetum oder Nemossus, lag nicht weit von
Clermont. 3 Die Schlacht bei Vindalium stellen zwar der Livianische
Epitomator und Orosius vor die an der Isara; allein auf die umgekehrte
Folge fuehren Florus und Strabon (4, 191), und sie wird bestaetigt teils
dadurch, dass Maximus nach dem Auszug des Livius und Plinius (nat.
7, 50) die Gallier als Konsul besiegte, teils besonders durch die
Kapitolinischen Fasten, nach denen nicht bloss Maximus vor Ahenobarbus
triumphierte, sondern auch jener ueber die Allobrogen und den
Arvernerkoenig, dieser nur ueber die Arverner. Es ist einleuchtend, dass
die Schlacht gegen Allobrogen und Arverner frueher stattgefunden
haben muss als die gegen die Arverner allein.
------------------------------------------------ Das Ergebnis dieser
militaerischen Operationen war die Einrichtung einer neuen roemischen
Provinz zwischen den Seealpen und den Pyrenaeen. Die saemtlichen
Voelkerschaften zwischen den Alpen und der Rhone wurden von den Roemern
abhaengig und, soweit sie nicht nach Massalia zinsten, vermutlich schon
jetzt den Roemern tributaer. In der Landschaft zwischen der Rhone und
den Pyrenaeen behielten die Arverner zwar die Freiheit und wurden nicht
den Roemern zinspflichtig; allein sie hatten den suedlichsten Teil ihres
mittel- oder unmittelbaren Gebiets, den Strich suedlich der Cevennen
bis an das Mittelmeer und den oberen Lauf der Garonne bis nach Tolosa
(Toulouse), an die Roemer abzutreten. Da der naechste Zweck dieser
Okkupationen die Herstellung einer Landverbindung zwischen Spanien und
Italien war, so wurde unmittelbar nach der Besetzung gesorgt fuer die
Chaussierung des Kuestenweges. Zu diesem Ende wurde von den Alpen zur
Rhone der Kuestenstrich in der Breite von 1/5 bis 3/10 deutschen Meile
den Massalioten, die ja bereits eine Reihe von Seestationen an dieser
Kueste besassen, ueberwiesen mit der Verpflichtung, die Strasse in
gehoerigem Stand zu halten; wogegen von der Rhone bis zu den Pyrenaeen
die Roemer selbst eine Militaerchaussee anlegten, die von ihrem Urheber
Ahenobarbus den Namen der Domitischen Strasse erhielt. Wie gewoehnlich
verband mit dem Strassenbau sich die Anlage neuer Festungen. Im
oestlichen Teil fiel die Wahl auf den Platz, wo Gaius Sextius die Kelten
geschlagen hatte und wo die Anmut und Fruchtbarkeit der Gegend wie die
zahlreichen kalten und warmen Quellen zur Ansiedelung einluden; hier
entstand eine roemische Ortschaft, die "Baeder des Sextius", Aquae
Sextiae (Aix). Westlich von der Rhone siedelten die Roemer in Narbo sich
an, einer uralten Keltenstadt an dem schiffbaren Fluss Atax (Aude) in
geringer Entfernung vom Meere, die bereits Hekataeos nennt und die schon
vor ihrer Besetzung durch die Roemer als lebhafter an dem britannischen
Zinnhandel beteiligter Handelsplatz mit Massalia rivalisierte. Aquae
erhielt nicht Stadtrecht, sondern blieb ein stehendes Lager 4; dagegen
Narbo, obwohl gleichfalls wesentlich als Wacht- und Vorposten gegen die
Kelten gegruendet, ward als "Marsstadt" roemische Buergerkolonie und
der gewoehnliche Sitz des Statthalters der neuen transalpinischen
Keltenprovinz oder, wie sie noch haeufiger genannt wird, der Provinz
Narbo. ------------------------------------------------------- 4 Aquae
ward nicht Kolonie, wie Livius (ep. 61) sagt, sondern Kastell (Strab.
4, 180; Vell. 1, 15; J. N. Madvig, Opuscula academica. Bd. 1. Kopenhagen
1834, S. 303). Dasselbe gilt von Italica und vielen anderen Orten - so
ist zum Beispiel Vindonissa rechtlich nie etwas anderes gewesen als ein
keltisches Dorf, aber dabei zugleich ein befestigtes roemisches
Lager und eine sehr ansehnliche Ortschaft.
------------------------------------------------------- Die Gracchische
Partei, welche diese transalpinischen Gebietserwerbungen veranlasste,
wollte offenbar sich hier ein neues und unermessliches Gebiet fuer
ihre Kolonisationsplaene eroeffnen, das dieselben Vorzuege darbot wie
Sizilien und Afrika und leichter den Eingeborenen entrissen werden
konnte als die sizilischen und libyschen Aecker den italischen
Kapitalisten. Der Sturz des Gaius Gracchus machte freilich auch hier
sich fuehlbar in der Beschraenkung der Eroberungen und mehr noch der
Stadtgruendungen; indes wenn die Absicht nicht in vollem Umfang erreicht
ward, so ward sie doch auch nicht voellig vereitelt. Das gewonnene
Gebiet und mehr noch die Gruendung von Narbo, welcher Ansiedelung der
Senat vergeblich das Schicksal der karthagischen zu bereiten suchte,
blieben als unfertige, aber den kuenftigen Nachfolger des Gracchus an
die Fortsetzung des Baus mahnende Ansaetze stehen. Offenbar schuetzte
die roemische Kaufmannschaft, die nur in Narbo mit Massalia in dem
gallisch-britannischen Handel zu konkurrieren vermochte, diese
Anlage vor den Angriffen der Optimaten. Eine aehnliche Aufgabe wie
im Nordwesten war auch gestellt im Nordosten von Italien; sie ward
gleichfalls nicht ganz vernachlaessigt, aber noch unvollkommener als
jene geloest. Mit der Anlage von Aquileia (571 183) kam die Istrische
Halbinsel in den Besitz der Roemer; in Epirus und dem ehemaligen Gebiet
des Herrn von Skodra geboten sie zum Teil bereits geraume Zeit frueher.
Allein nirgends reichte ihre Herrschaft ins Binnenland hinein,
und selbst an der Kueste beherrschten sie kaum dem Namen nach den
unwirtlichen Ufersaum zwischen Istrien und Epirus, der in seinen
wildverschlungenen, weder von Flusstaelern noch von Kuestenebenen
unterbrochenen, schuppenartig aneinandergereihten Bergkesseln und in
der laengs des Ufers sich hinziehenden Kette felsiger Inseln Italien und
Griechenland mehr scheidet als zusammenknuepft. Um die Stadt Delminium
(an der Cettina bei Trigl) schloss sich hier die Eidgenossenschaft der
Delmater oder Dalmater, deren Sitten rauh waren wie ihre Berge: waehrend
die Nachbarvoelker bereits zu reicher Kulturentwicklung gelangt waren,
kannte man in Dalmatien noch keine Muenze und teilte den Acker, ohne
daran ein Sondereigentum anzuerkennen, von acht zu acht Jahren neu auf
unter die gemeinsaessigen Leute. Land- und Seeraub waren die einzigen
bei ihnen heimischen Gewerbe. Diese Voelkerschaften hatten in frueheren
Zeiten in einem losen Abhaengigkeitsverhaeltnis zu den Herren von Skodra
gestanden und waren insofern mitbetroffen worden von den roemischen
Expeditionen gegen die Koenigin Teuta und Demetrios von Pharos;
allein bei dem Regierungsantritt des Koenigs Genthios hatten sie sich
losgemacht und waren dadurch dem Schicksal entgangen, das das suedliche
Illyrien in den Sturz des Makedonischen Reiches verflocht und es von
Rom dauernd abhaengig machte. Die Roemer ueberliessen die wenig lockende
Landschaft gern sich selbst. Allein die Klagen der roemischen Illyrier,
namentlich der Daorser, die an der Narenta suedlich von den Dalmatern
wohnten, und der Bewohner der Insel Issa (Lissa), deren kontinentale
Stationen Tragyrion (Trau) und Epetion (bei Spalato) von den
Eingeborenen schwer zu leiden hatten, noetigten die roemische Regierung,
an diese eine Gesandtschaft abzuordnen und, da diese die Antwort
zurueckbrachte, dass die Dalmater um die Roemer weder bisher sich
gekuemmert haetten noch kuenftig kuemmern wuerden, im Jahre 598 (156)
ein Heer unter dem Konsul Gaius Marcius Figulus dorthin zu senden. Er
drang in Dalmatien ein, ward aber wieder zurueckgedraengt bis auf das
roemische Gebiet. Erst sein Nachfolger Publius Scipio Nasica nahm 599
(155) die grosse und feste Stadt Delminium, worauf die Eidgenossenschaft
sich zum Ziel legte und sich bekannte als den Roemern untertaenig.
Indes war die arme und nur oberflaechlich unterworfene Landschaft nicht
wichtig genug, um als eigenes Amt verwaltet zu werden; man begnuegte
sich, wie man es schon fuer die wichtigeren Besitzungen in Epirus getan,
sie von Italien aus mit dem diesseitigen Keltenland zugleich verwalten
zu lassen; wobei es wenigstens als Regel auch dann blieb, als im Jahre
608 (146) die Provinz Makedonien eingerichtet und deren
nordoestliche Grenze noerdlich von Skodra festgestellt worden war 5.
------------------------------------------------ 5 3, 49. Die Pirusten
in den Taelern des Drin gehoerten zur Provinz Makedonien, streiften
aber hinueber in das benachbarte Illyricum (Caes. Gall. 5, 1).
------------------------------------------------ Aber ebendiese
Umwandlung Makedoniens in eine von Rom unmittelbar abhaengige Landschaft
gab den Beziehungen Roms zu den Voelkern im Nordosten groessere
Bedeutung, indem sie den Roemern die Verpflichtung auferlegte, die
ueberall offene Nord- und Ostgrenze gegen die angrenzenden barbarischen
Staemme zu verteidigen; und in aehnlicher Weise ging nicht lange
darauf (621 133) durch die Erwerbung des bisher zum Reich der Attaliden
gehoerigen Thrakischen Chersones (Halbinsel von Gallipoli) die bisher
den Koenigen von Pergamon obliegende Verpflichtung, die Hellenen hier
gegen die Thraker zu schuetzen, gleichfalls auf die Roemer ueber. Von
der zwiefachen Basis aus, die das Potal und die makedonische Landschaft
darboten, konnten die Roemer jetzt ernstlich gegen das Quellgebiet des
Rheins und die Donau vorgehen und der noerdlichen Gebirge wenigstens
insoweit sich bemaechtigen, als die Sicherheit der suedlichen
Landschaften es erforderte. Auch in diesen Gegenden war damals die
maechtigste Nation das grosse Keltenvolk, welches der einheimischen
Sage zufolge aus seinen Sitzen am westlichen Ozean sich um dieselbe Zeit
suedlich der Hauptalpenkette in das Potal und noerdlich derselben in die
Landschaften am oberen Rhein und an der Donau ergossen hatte. Von ihren
Staemmen sassen auf beiden Ufern des Oberrheins die maechtigen, reichen
und, da sie mit den Roemern nirgends sich unmittelbar beruehrten, mit
ihnen in Frieden und Vertrag lebenden Helvetier, die damals vom Genfer
See bis zum Main sich erstreckend die heutige Schweiz, Schwaben und
Franken innegehabt zu haben scheinen. Mit ihnen grenzten die Boier,
deren Sitze das heutige Bayern und Boehmen gewesen sein moegen 6.
Suedoestlich von ihnen begegnen wir einem anderen Keltenstamm, der in
der Steiermark und Kaernten unter dem Namen der Taurisker, spaeter der
Noriker, in Friaul, Krain, Istrien unter dem der Karner auftritt. Ihre
Stadt Noreia (unweit St. Veit noerdlich von Klagenfurt) war bluehend und
weitbekannt durch die schon damals in dieser Gegend eifrig betriebenen
Eisengruben; mehr noch wurden eben in dieser Zeit die Italiker dorthin
gelockt durch die dort zu Tage gekommenen reichen Goldlager, bis die
Eingeborenen sie ausschlossen und dies Kalifornien der damaligen
Zeit fuer sich allein nahmen. Diese zu beiden Seiten der Alpen sich
ergiessenden keltischen Schwaerme hatten nach ihrer Art vorwiegend nur
das Flach- und Huegelland besetzt; die eigentliche Alpenlandschaft und
ebenso das Gebiet der Etsch und des unteren Po war von ihnen unbesetzt
und in den Haenden der frueher dort einheimischen Bevoelkerung
geblieben, welche, ohne dass ueber ihre Nationalitaet bis jetzt etwas
Sicheres zu ermitteln gelungen waere, unter dem Namen der Raeter in den
Gebirgen der Ostschweiz und Tirols, unten dem der Euganeer und Veneter
um Padua und Venedig auftreten, so dass an diesem letzten Punkt die
beiden grossen Keltenstroeme fast sich beruehren und nur ein schmaler
Streif eingeborener Bevoelkerung die keltischen Cenomaner um Brescia
von den keltischen Karnern in Friaul scheidet. Die Euganeer und Veneter
waren laengst friedliche Untertanen der Roemer; dagegen die eigentlichen
Alpenvoelker waren nicht bloss noch frei, sondern machten auch von ihren
Bergen herab regelmaessig Streifzuege in die Ebene zwischen den Alpen
und dem Po, wo sie sich nicht begnuegten zu brandschatzen, sondern auch
in den eingenommenen Ortschaften mit fuerchterlicher Grausamkeit hausten
und nicht selten die ganze maennliche Bevoelkerung bis zum Kinde in den
Windeln niedermachten - vermutlich die tatsaechliche Antwort auf die
roemischen Razzias in den Alpentaelern. Wie gefaehrlich diese raetischen
Einfaelle waren, zeigt, dass einer derselben um das Jahr 660 (94) die
ansehnliche Ortschaft Comum zugrunde richtete. Wenn bereits diese auf
und jenseits der Alpenkette sitzenden keltischen und nichtkeltischen
Staemme vielfach sich gemischt haben moegen, so ist die Voelkermengung,
wie begreiflich, noch in viel umfassenderer Weise eingetreten in den
Landschaften an der unteren Donau, wo nicht, wie in den westlicheren,
die hohen Gebirge als natuerliche Scheidewaende dienen. Die
urspruenglich illyrische Bevoelkerung, deren letzter reiner Ueberrest
die heutigen Albanesen zu sein scheinen, war durchgaengig wenigstens
im Binnenland stark gemengt mit keltischen Elementen und die keltische
Bewaffnung und Kriegsweise hier wohl ueberall eingefuehrt. Zunaechst an
die Taurisker schlossen sich die Japyden, die auf den Julischen Alpen
im heutigen Kroatien bis hinab nach Fiume und Zeng sassen, ein
urspruenglich wohl illyrischer, aber stark mit Kelten gemischter Stamm.
An sie grenzten im Litoral die schon genannten Dalmater, in deren rauhe
Gebirge die Kelten nicht eingedrungen zu sein scheinen; im Binnenland
dagegen waren die keltischen Skordisker, denen das ehemals hier vor
allem maechtige Volk der Triballer erlegen war und die schon in den
Keltenzuegen nach Delphi eine Hauptrolle gespielt hatten, an der unteren
Save bis zur Morawa im heutigen Bosnien und Serbien um diese Zeit
die fuehrende Nation, die weit und breit nach Moesien, Thrakien und
Makedonien streifte und von deren wilder Tapferkeit und grausamen Sitten
man sich schreckliche Dinge erzaehlte. Ihr Hauptwaffenplatz war das
feste Segestica oder Siscia an der Muendung der Kulpa in die Save.
Die Voelker, die damals in Ungarn, Siebenbuergen, Rumaenien, Bulgarien
sassen, blieben fuer jetzt noch ausserhalb des Gesichtskreises der
Roemer; nur mit den Thrakern beruehrte man sich an der
Ostgrenze Makedoniens in den Rhodopegebirgen.
------------------------------------------- 6 "Zwischen dem Herkynischen
Walde (d. h. hier wohl der Rauhen Alb), dem Rhein und dem Main wohnten
die Helvetier", sagt Tacitus (Germ. 28), "weiterhin die Boier." Auch
Poseidonios (bei Strabon 7, 293) gibt an, dass die Boier zu der Zeit, wo
sie die Kimbrer abschlugen, den Herkynischen Wald bewohnten, d. h.
die Gebirge von der Rauhen Alb bis zum Boehmerwald. Wenn Caesar sie
"jenseits des Rheines" versetzt (Gall. 1, 5), so ist dies damit nicht
im Widerspruch, denn da er hier von helvetischen Verhaeltnissen ausgeht,
kann er sehr wohl die Landschaft nordoestlich vom Bodensee meinen; womit
vollkommen uebereinstimmt, dass Strabon die ehemals boische Landschaft
als dem Bodensee angrenzend bezeichnet, nur dass er nicht ganz genau als
Anwohner des Bodensees die Vindeliker daneben nennt, da diese sich dort
erst festsetzten, nachdem die Boier diese Striche geraeumt hatten. Aus
diesen ihren Sitzen waren die Boier von den Markomannen und anderen
deutschen Staemmen schon vor Poseidonios' Zeit, also vor 650 (100)
vertrieben; Splitter derselben irrten zu Caesars Zeit in Kaernten
umher (Caes. Gall. 1, 5) und kamen von da zu den Helvetiern und in das
westliche Gallien; ein anderer Schwarm fand neue Sitze am Plattensee,
wo er dann von den Geten vernichtet ward, die Landschaft aber, die
sogenannte "boische Einoede", den Namen dieses geplagtesten
aller keltischen Voelker bewahrte. Vgl. 2, 193 A.
------------------------------------------ Es waere fuer eine
kraeftigere Regierung, als die damalige roemische es war, keine leichte
Aufgabe gewesen, gegen diese weiten und barbarischen Gebiete eine
geordnete und ausreichende Grenzverteidigung einzurichten; was unter den
Auspizien der Restaurationsregierung fuer den wichtigen Zweck geschah,
genuegt auch den maessigsten Anforderungen nicht. An Expeditionen gegen
die Alpenbewohner scheint es nicht gefehlt zu haben; im Jahre 636 (118)
ward triumphiert ueber die Stoener, die in den Bergen oberhalb Verona
gesessen haben duerften; im Jahre 659 (95) liess der Konsul Lucius
Crassus die Alpentaeler weit und breit durchstoebern und die Einwohner
niedermachen, und dennoch gelang es ihm nicht, derselben genug zu
erschlagen, um einen Dorftriumph feiern und mit seinem Rednerruhm den
Siegerlorbeer paaren zu koennen. Allein da man es bei derartigen
Razzias bewenden liess, die die Eingeborenen nur erbitterten, ohne
sie unschaedlich zu machen, und, wie es scheint, nach jedem solchen
Ueberlauf die Truppen wieder wegzog, so blieb der Zustand in der
Landschaft jenseits des Po im wesentlichen, wie er war. Auf der
entgegengesetzten Grenze in Thrakien scheint man sich wenig um die
Nachbarn bekuemmert zu haben; kaum dass im Jahre 651 (103) Gefechte
mit den Thrakern, im Jahre 657 (97) andere mit den Maedern in den
Grenzgebirgen zwischen Makedonien und Thrakien erwaehnt werden.
Ernstlichere Kaempfe fanden statt im illyrischen Land, wo ueber
die unruhigen Dalmater von den Nachbarn und den Schiffern auf der
Adriatischen See bestaendig Beschwerde gefuehrt ward; und an der voellig
offenen Nordgrenze Makedoniens, welche nach dem bezeichnenden Ausdruck
eines Roemers so weit ging als die roemischen Schwerter und Speere
reichten, ruhten die Kaempfe mit den Nachbarn niemals. Im Jahre 619
(135) ward ein Zug gemacht gegen die Ardyaeer oder Vardaeer und die
Pleraeer oder Paralier, eine dalmatische Voelkerschaft in dem Litoral
noerdlich der Narentamuendung, die nicht aufhoerte, auf dem Meer und an
der gegenueberliegenden Kueste Unfug zu treiben; auf Geheiss der
Roemer siedelten sie von der Kueste weg im Binnenland, der heutigen
Herzegowina, sich an und begannen den Acker zu bauen, verkuemmerten aber
in der rauben Gegend bei dem ungewohnten Beruf. Gleichzeitig ward
von Makedonien aus ein Angriff gegen die Skordisker gerichtet, die
vermutlich mit den angegriffenen Kuestenbewohnern gemeinschaftliche
Sache gemacht hatten. Bald darauf (625 129) demuetigte der Konsul
Tuditanus in Verbindung mit dem tuechtigen Decimus Brutus, dem Bezwinger
der spanischen Callaeker, die Japyden und trug, nachdem er anfaenglich
eine Niederlage erlitten, schliesslich die roemischen Waffen tief nach
Dalmatien hinein bis an den Kerkafluss, 25 deutsche Meilen abwaerts von
Aquileia; die Japyden erscheinen fortan als eine befriedete und mit Rom
in Freundschaft lebende Nation. Dennoch erhoben zehn Jahre spaeter
(635 119) die Dalmater sich aufs neue, abermals in Gemeinschaft mit den
Skordiskern. Waehrend gegen diese der Konsul Lucius Cotta kaempfte und
dabei, wie es scheint, bis Segestica vordrang, zog gegen die Dalmater
sein Kollege, der aeltere Bruder des Besiegten von Numidien,
Lucius Metellus, seitdem der Dalmatiker genannt, ueberwand sie
und ueberwinterte in Salona (Spalato), welche Stadt fortan als der
Hauptwaffenplatz der Roemer in dieser Gegend erscheint. Es ist nicht
unwahrscheinlich, dass in diese Zeit auch die Anlage der Gabinischen
Chaussee faellt, die von Salona in oestlicher Richtung nach Andetrium
(bei Much) und von da weiter landeinwaerts fuehrte. Mehr den Charakter
des Eroberungskrieges trug die Expedition des Konsuls des Jahres 539
(115), Marcus Aemilius Scaurus, gegen die Taurisker 7; er ueberstieg,
der erste unter den Roemern, die Kette der Ostalpen an ihrer niedrigsten
Senkung zwischen Triest und Laibach und schloss mit den Tauriskern
Gastfreundschaft, wodurch der nicht unwichtige Handelsverkehr gesichert
ward, ohne dass doch die Roemer, wie eine foermliche Unterwerfung dies
nach sich gezogen haben wuerde, in die Voelkerbewegungen nordwaerts
der Alpen hineingezogen worden waeren.
----------------------------------------------------------------------
7 Galli Karni heissen sie in den Triumphalfasten, Ligures Taurisci (denn
so ist statt des ueberlieferten Ligures et Cauristi zu schreiben)
bei Victor.
-----------------------------------------------------------------------
Von den fast verschollenen Kaempfen mit den Skordiskern ist durch
einen kuerzlich in der Naehe von Thessalonike zum Vorschein gekommenen
Denkstein aus dem Jahr Roms 636 (118) ein auch in seiner Vereinzelung
deutlich redendes Blatt wieder zum Vorschein gekommen. Danach fiel
in diesem Jahr der Statthalter Makedoniens Sextus Pompeius bei Argos
(unweit Stobi am oberen Axios oder Vardar) in einer diesen Kelten
gelieferten Schlacht; und nachdem dessen Quaestor Marcus Annius mit
seinen Truppen herbeigekommen und der Feinde einigermassen Herr geworden
war, brachen bald darauf dieselben Kelten in Verbindung mit dem Koenig
der Maeder (am oberen Strymon) Tipas in noch groesseren Massen abermals
ein, und mit Muehe erwehrten sich die Roemer der andringenden Barbaren
8. Die Dinge nahmen bald eine so drohende Gestalt an, dass es noetig
wurde, konsularische Heere nach Makedonien zu entsenden 9. Wenige Jahre
darauf wurde der Konsul des Jahres 640 (114), Gaius Porcius Cato, in den
serbischen Gebirgen von denselben Skordiskern ueberfallen und sein Heer
vollstaendig aufgerieben, waehrend er selbst mit wenigen schimpflich
entfloh; muehsam schirmte der Praetor Marcus Didius die roemische
Grenze. Gluecklicher fochten seine Nachfolger Gaius Metellus Caprarius
(641, 642 113, 112), Marcus Livius Drusus (642, 643 112, 111), der erste
roemische Feldherr, der die Donau erreichte, und Quintus Minucius Rufus
(644-647 110-107), der die Waffen laengs der Morawa ^10 trug und die
Skordisker nachdruecklich schlug. Aber nichtsdestoweniger fielen sie
bald nachher, im Bunde wieder mit den Maedern und den Dardanern, in das
roemische Gebiet und pluenderten sogar das delphische Heiligtum; erst
da machte Lucius Scipio dem zweiunddreissigjaehrigen Skordiskerkrieg
ein Ende und trieb den Rest hinueber auf das linke Ufer der Donau ^11.
Seitdem beginnen an ihrer Stelle die ebengenannten Dardaner (in Serbien)
in dem Gebiet zwischen der Nordgrenze Makedoniens und der Donau die
erste Rolle zu spielen. ------------------------------------------------
8 Der Quaestor von Makedonien M. Annius P. f., dem die Stadt Lete
(Aivati, 4 Stadien nordwestlich von Thessalonike) im Jahre 29 der
Provinz, der Stadt 636 (118) diesen Denkstein setzte (SIG 247), ist