schaetzen, die stark gelichteten Truppen auf zwei voneinander nicht weit
entfernten Huegeln vorlaeufig fuer die Nacht in Sicherheit zu bringen.
Indes die arge Nachlaessigkeit der von ihrem Siege trunkenen Afrikaner
entriss ihnen die Folgen desselben; sie liessen sich von den waehrend
der Nacht einigermassen wiedergeordneten roemischen Truppen beim
grauenden Morgen im tiefen Schlafe ueberfallen und wurden gluecklich
zerstreut. Darauf setzte das roemische Heer in besserer Ordnung und mit
groesserer Vorsicht den Rueckzug fort; allein noch einmal wurde es auf
demselben von allen vier Seiten zugleich angefallen und schwebte in
grosser Gefahr, bis der Reiterobrist Lucius Cornelius Sulla zuerst die
ihm gegenueberstehenden Reiterhaufen auseinanderstaeubte und von deren
Verfolgung rasch zurueckkehrend sich weiter auf Jugurtha und Bocchus
warf, da wo sie persoenlich das roemische Fussvolk im Ruecken
bedraengten. Also ward auch dieser Angriff gluecklich abgeschlagen;
Marius brachte sein Heer zurueck nach Cirta und nahm daselbst das
Winterquartier (648/49 106/05). Es ist wunderlich, aber freilich
begreiflich, dass man roemischerseits um die Freundschaft des Koenigs
Bocchus, die man anfangs verschmaeht, sodann wenigstens nicht eben
gesucht hatte, jetzt, nachdem er den Krieg begonnen hatte, anfing sich
aufs eifrigste zu bemuehen, wobei es den Roemern zustatten kam, dass
von mauretanischer Seite keine foermliche Kriegserklaerung stattgefunden
hatte. Nicht ungern trat Koenig Bocchus zurueck in seine alte
zweideutige Stellung; ohne den Vertrag mit Jugurtha aufzuloesen oder
diesen zu entlassen, liess er mit dem roemischen Feldherrn sich ein auf
Verhandlungen ueber die Bedingungen eines Buendnisses mit Rom. Als man
einig geworden war oder zu sein schien, erbat sich der Koenig, dass
Marius zum Abschluss des Vertrages und zur Uebernahme des koeniglichen
Gefangenen den Lucius Sulla an ihn absenden moege, der dem Koenig
bekannt und genehm sei teils von der Zeit her, wo er als Gesandter des
Senats am mauretanischen Hofe erschienen war, teils durch Empfehlungen
der nach Rom bestimmten mauretanischen Gesandten, denen Sulla unterwegs
Dienste geleistet hatte. Marius war in einer unbequemen Lage. Lehnte er
die Zumutung ab, so fuehrte dies wahrscheinlich zum Bruche; nahm er sie
an, so gab er seinen adligsten und tapfersten Offizier einem mehr als
unzuverlaessigen Mann in die Haende, der, wie maenniglich bekannt, mit
den Roemern und mit Jugurtha doppeltes Spiel spielte, und der fast den
Plan entworfen zu haben schien, an Jugurtha und Sulla sich vorlaeufig
nach beiden Seiten hin Geiseln zu schaffen. Indes der Wunsch, den Krieg
zu Ende zu bringen, ueberwog jede andere Ruecksicht, und Sulla verstand
sich zu der bedenklichen Aufgabe, die Marius ihm ansann. Dreist brach er
auf, geleitet von Koenig Bocchus' Sohn Volux, und seine Entschlossenheit
wankte selbst dann nicht, als sein Wegweiser ihn mitten durch das Lager
des Jugurtha fuehrte. Er wies die kleinmuetigen Fluchtvorschlaege seiner
Begleiter zurueck und zog, des Koenigs Sohn an der Seite, unverletzt
durch die Feinde. Dieselbe Entschiedenheit bewaehrte der kecke Offizier
in den Verhandlungen mit dem Sultan und bestimmte ihn endlich, ernstlich
eine Wahl zu treffen. Jugurtha ward aufgeopfert. Unter dem Vorgeben,
dass alle seine Begehren bewilligt werden sollten, wurde er von dem
eigenen Schwiegervater in einen Hinterhalt gelockt, sein Gefolge
niedergemacht und er selbst gefangengenommen. So fiel der grosse
Verraeter durch den Verrat seiner Naechsten. Gefesselt brachte Lucius
Sulla den listigen und rastlosen Afrikaner mit seinen Kindern in das
roemische Hauptquartier; damit war nach siebenjaehriger Dauer der
Krieg zu Ende. Der Sieg ging zunaechst auf den Namen des Marius; seinem
Triumphalwagen schritt in koeniglichem Schmuck und in Fesseln Koenig
Jugurtha mit seinen beiden Soehnen vorauf, als der Sieger am 1. Januar
650 (104) in Rom einzog; auf seinen Befehl starb der Sohn der Wueste
wenige Tage darauf in dem unterirdischen Stadtgefaengnis, dem alten
Brunnenhaus am Kapitol, dem "eisigen Badgemach", wie der Afrikaner es
nannte, als er die Schwelle ueberschritt, um daselbst sei es erdrosselt
zu werden, sei es umzukommen durch Kaelte und Hunger. Allein es
liess sich nicht leugnen, dass Marius an den wirklichen Erfolgen den
geringsten Anteil hatte, dass Numidiens Eroberung bis an den Saum der
Wueste das Werk des Metellus, Jugurthas Gefangennahme das des Sulla war
und zwischen beiden Marius eine fuer einen ehrgeizigen Emporkoemmling
einigermassen kompromittierende Rolle spielte. Marius ertrug es ungern,
dass sein Vorgaenger den Namen des Siegers von Numidien annahm; er
brauste zornig auf, als Koenig Bocchus spaeter ein goldnes Bildwerk
auf dem Kapitol weihte, welches die Auslieferung des Jugurtha an Sulla
darstellte; und doch stellten auch in den Augen unbefangener Urteiler
die Leistungen dieser beiden des Marius Feldherrnschaft gar sehr in
Schatten, vor allem Sullas glaenzender Zug in die Wueste, der seinen
Mut, seine Geistesgegenwart, seinen Scharfsinn, seine Macht ueber
die Menschen vor dem Feldherrn selbst und vor der ganzen Armee zur
Anerkennung gebracht hatte. An sich waere auf diese militaerischen
Rivalitaeten wenig angekommen, wenn sie nicht in den politischen
Parteikampf eingegriffen haetten; wenn nicht die Opposition durch Marius
den senatorischen General verdraengt gehabt, nicht die Regierungspartei
Metellus und mehr noch Sulla mit erbitternder Absichtlichkeit als die
militaerischen Koryphaeen gefeiert und dem nominellen Sieger vorgezogen
haette - wir werden auf die verhaengnisvollen Folgen dieser Verhetzungen
in der Darstellung der inneren Geschichte zurueckzukommen haben.
--------------------------------- 7 Die Oertlichkeit ist nicht
wiedergefunden. Die fruehere Annahme, dass Thelepte (bei Feriana,
noerdlich von Capsa) gemeint sei, ist willkuerlich und die
Identifikation mit einer auch heute Thala genannten
Oertlichkeit oestlich von Capsa auch nicht gehoerig begruendet.
-------------------------------- Im uebrigen verlief diese Insurrektion
des numidischen Klientelstaats, ohne weder in den allgemeinen
politischen Verhaeltnissen noch auch nur in denen der afrikanischen
Provinz eine merkliche Veraenderung hervorzubringen. Abweichend von
der sonst in dieser Zeit befolgten Politik ward Numidien nicht in eine
roemische Provinz umgewandelt; offenbar deshalb, weil das Land nicht
ohne eine die Grenzen gegen die Wilden der Wueste deckende Armee zu
behaupten und man keineswegs gemeint war, in Afrika ein stehendes Heer
zu unterhalten. Man begnuegte sich deshalb, die westlichste Landschaft
Numidiens, wahrscheinlich den Strich vom Fluss Molochath bis zum Hafen
von Saldae (Bougie) - das spaetere Mauretanien von Caesarea (Provinz
Algier) - zu dem Reich des Bocchus zu schlagen und das darum
verkleinerte Koenigreich Numidien auf den letzten noch lebenden
legitimen Enkel Massinissas, Jugurthas an Koerper und Geist schwachen
Halbbruder Gauda, zu uebertragen, welcher bereits im Jahre 646 (108) auf
Veranlassung des Marius seine Ansprueche bei dem Senat geltend gemacht
hatte 8. Zugleich wurden die gaetulischen Staemme im inneren Afrika
als freie Bundesgenossen unter die mit den Roemern in Vertrag
stehenden unabhaengigen Nationen aufgenommen.
---------------------------------------------------------------- 8
Sallusts politisches Genregemaelde des jugurthinischen Krieges, in der
sonst voellig verblassten und verwaschenen Tradition dieser Epoche
das einzige in frischen Farben uebriggebliebene Bild, schliesst mit
Jugurthas Katastrophe, seiner Kompositionsweise getreu, poetisch, nicht
historisch; und auch anderweitig fehlt es an einem zusammenhaengenden
Bericht ueber die Behandlung des Numidischen Reiches. Dass Gauda
Jugurthas Nachfolger ward deuten Sallust (c. 64) und Dio Cassius (fr.
79, 4 Bekk.) an und bestaetigt eine Inschrift von Cartagena (Orelli
630), die ihn Koenig und Vater Hiempsals II. nennt. Dass im Westen
die zwischen Numidien einer- und dem roemischen Afrika und Kyrene
andererseits bestehenden Grenzverhaeltnisse unveraendert blieben,
zeigt Caesar (civ. 2, 38), Bell. Afr. 43, 77 und die spaetere
Provinzialverfassung. Dagegen liegt es in der Natur der Sache und wird
auch von Sallust (c. 97; 102; 111) angedeutet, dass Bocchus' Reich
bedeutend vergroessert ward; womit es unzweifelhaft zusammenhaengt, dass
Mauretanien, urspruenglich beschraenkt auf die Landschaft von Tingis
(Marokko), in spaeterer Zeit sich erstreckt auf die Landschaft von
Caesarea (Provinz Algier) und die von Sitifis (westliche Haelfte
der Provinz Constantine). Da Mauretanien zweimal von den Roemern
vergroessert ward, zuerst 649 (105) nach Jugurthas Auslieferung, sodann
708 (46) nach Aufloesung des Numidischen Reiches, so ist wahrscheinlich
die Landschaft von Caesarea bei der ersten, die von Sitifis bei
der zweiten Vergroesserung hinzugekommen.
-------------------------------------------------------------- Wichtiger
als diese Regulierung der afrikanischen Klientel waren die politischen
Folgen des Jugurthinischen Krieges oder vielmehr der Jugurthinischen
Insurrektion, obgleich auch diese haeufig zu hoch angeschlagen
worden sind. Allerdings waren darin alle Schaeden des Regiments in
unverhuellter Nacktheit zu Tage gekommen; es war jetzt nicht bloss
notorisch, sondern sozusagen gerichtlich konstatiert, dass den
regierenden Herren Roms alles feil war, der Friedensvertrag wie das
Interzessionsrecht, der Lagerwall und das Leben der Soldaten; der
Afrikaner hatte nicht mehr gesagt als die einfache Wahrheit, als er bei
seiner Abreise von Rom aeusserte, wenn er nur Geld genug haette,
mache er sich anheischig, die Stadt selber zu kaufen. Allein das ganze
aeussere und innere Regiment dieser Zeit trug den gleichen Stempel
teuflischer Erbaermlichkeit. Fuer uns verschiebt der Zufall, dass uns
der Krieg in Afrika durch bessere Berichte naeher gerueckt ist als die
anderen gleichzeitigen militaerischen und politischen Ereignisse, die
richtige Perspektive; die Zeitgenossen erfuhren durch jene Enthuellungen
eben nichts, als was jedermann laengst wusste und jeder unerschrockene
Patriot laengst mit Tatsachen zu belegen imstande war. Dass man fuer
die nur durch ihre Unfaehigkeit aufgewogene Niedertraechtigkeit der
restaurierten Senatsregierung jetzt einige neue, noch staerkere und
noch unwiderleglichere Beweise in die Haende bekam, haette dennoch von
Wichtigkeit sein koennen, wenn es eine Opposition und eine oeffentliche
Meinung gegeben haette, mit denen die Regierung genoetigt gewesen waere
sich abzufinden. Allein dieser Krieg hatte in der Tat nicht minder die
Regierung prostituiert als die vollstaendige Nichtigkeit der Opposition
offenbart. Es war nicht moeglich, schlechter zu regieren als die
Restauration in den Jahren 637- 645 (117-109) es tat, nicht moeglich,
wehrloser und verlorener dazustehen, als der roemische Senat im Jahre
645 (109) stand; haette es in Rom eine wirkliche Opposition gegeben,
das heisst eine Partei, die eine prinzipielle Abaenderung der Verfassung
wuenschte und betrieb, so musste diese notwendig jetzt wenigstens einen
Versuch machen, den restaurierten Senat zu stuerzen. Er erfolgte
nicht; man machte aus der politischen eine Personenfrage, wechselte die
Feldherren und schickte ein paar nichtsnutzige und unbedeutende Leute
in die Verbannung. Damit stand es also fest, dass die sogenannte
Popularpartei als solche weder regieren konnte, noch regieren wollte;
dass es in Rom schlechterdings nur zwei moegliche Regierungsformen gab,
die Tyrannis und die Oligarchie; dass, solange es zufaellig an einer
Persoenlichkeit fehlte, die, wo nicht bedeutend, doch bekannt genug
war, um sich zum Staatsoberhaupt aufzuwerfen, die aergste Misswirtschaft
hoechstens einzelne Oligarchen, aber niemals die Oligarchie gefaehrdete;
dass dagegen, sowie ein solcher Praetendent auftrat, nichts leichter
war, als die morschen kurulischen Stuehle zu erschuettern. In dieser
Hinsicht war das Auftreten des Marius bezeichnend, eben weil es an
sich so voellig unmotiviert war. Wenn die Buergerschaft nach Albinus'
Niederlage die Kurie gestuermt haette, es waere begreiflich, um nicht
zu sagen in der Ordnung gewesen; aber nach der Wendung, die Metellus
dem Numidischen Krieg gegeben hatte, konnte von schlechter Fuehrung,
geschweige denn von Gefahr fuer das Gemeinwesen wenigstens in dieser
Beziehung nicht mehr die Rede sein; und dennoch gelang es dem ersten
besten ehrgeizigen Offizier, das auszufuehren, womit einst der aeltere
Africanus der Regierung gedroht, und sich eines der vornehmsten
militaerischen Kommandos gegen den bestimmt ausgesprochenen Willen
der Regierung zu verschaffen. Die oeffentliche Meinung, nichtig in den
Haenden der sogenannten Popularpartei, ward zur unwiderstehlichen Waffe
in der Hand des kuenftigen Koenigs von Rom. Es soll damit nicht gesagt
werden, dass Marius beabsichtigte, den Praetendenten zu spielen, am
wenigsten damals schon, als er um den Oberbefehl von Afrika bei dem
Volke warb; aber mochte er begreifen oder nicht begreifen, was er tat,
es war augenscheinlich zu Ende mit dem restaurierten aristokratischen
Regiment, wenn die Komitialmaschine anfing, Feldherren zu machen oder,
was ungefaehr dasselbe war, wenn jeder populaere Offizier imstande war,
in legaler Weise sich selbst zum Feldherrn zu ernennen. Ein einziges
neues Element trat in diesen vorlaeufigen Krisen auf; es war das
Hineinziehen der militaerischen Maenner und der militaerischen Macht
in die politische Revolution. Ob Marius' Auftreten unmittelbar die
Einleitung sein werde zu einem neuen Versuch, die Oligarchie durch die
Tyrannis zu verdraengen, oder ob dasselbe, wie so manches Aehnliche,
als vereinzelter Eingriff in die Praerogative der Regierung ohne weitere
Folgen voruebergehen werde, liess sich noch nicht bestimmen; wohl aber
war es vorauszusehen, dass, wenn diese Keime einer zweiten Tyrannis
zur Entwicklung gelangten, in derselben nicht ein Staatsmann, wie
Gaius Gracchus, sondern ein Offizier an die Spitze treten werde. Die
gleichzeitige Reorganisation des Heerwesens, indem zuerst Marius bei der
Bildung seiner nach Afrika bestimmten Armee von der bisher geforderten
Vermoegensqualifikation absah und auch dem aermsten Buerger, wenn
er sonst brauchbar war, als Freiwilligen den Eintritt in die Legion
gestattete, mag von ihrem Urheber aus rein militaerischen Ruecksichten
veranstaltet worden sein; allein darum war es nichtsdestoweniger ein
folgenreiches politisches Ereignis, dass das Heer nicht mehr, wie
ehemals, aus denen, die viel, nicht einmal mehr wie in der juengsten
Zeit aus denen, die etwas zu verlieren hatten, gebildet ward, sondern
anfing sich zu verwandeln in einen Haufen von Leuten, die nichts hatten
als ihre Arme und was der Feldherr ihnen spendete. Die Aristokratie
herrschte im Jahre 650 (104) ebenso unumschraenkt wie im Jahre 620
(134); aber die Zeichen der herannahenden Katastrophe hatten sich
gemehrt, und am politischen Horizont war neben der Krone das Schwert
aufgegangen. 5. Kapitel Die Voelker des Nordens Seit dem Ende des
sechsten Jahrhunderts beherrschte die roemische Gemeinde die drei
grossen von dem noerdlichen Kontinent in das Mittelmeer hineinragenden
Halbinseln, wenigstens im ganzen genommen; denn freilich innerhalb
derselben fuhren im Norden und Westen Spaniens, in den Ligurischen
Apenninen und Alpentaelern, in den Gebirgen Makedoniens und Thrakiens
die ganz- oder halbfreien Voelkerschaften fort, der schlaffen roemischen
Regierung zu trotzen. Ferner war die kontinentale Verbindung zwischen
Spanien und Italien wie zwischen Italien und Makedonien nur in der
oberflaechlichsten Weise hergestellt und die Landschaften jenseits der
Pyrenaeen, der Alpen und der Balkankette, die grossen Stromgebiete
der Rhone, des Rheins und der Donau lagen wesentlich ausserhalb des
politischen Gesichtskreises der Roemer. Es ist hier darzustellen,
was roemischerseits geschah, um nach dieser Richtung hin das Reich zu
sichern und zu arrondieren und wie zugleich die grossen Voelkermassen,
die hinter jenem gewaltigen Gebirgsvorhang ewig auf und nieder wogten,
anfingen, an die Tore der noerdlichen Gebirge zu pochen und die
griechisch-roemische Welt wieder einmal unsanft daran zu mahnen, dass
sie mit Unrecht meine, die Erde fuer sich allein zu besitzen. Fassen wir
zunaechst die Landschaft zwischen den Westalpen und den Pyrenaeen ins
Auge. Die Roemer beherrschten diesen Teil der Kueste des Mittelmeers
seit langem durch ihre Klientelstadt Massalia, eine der aeltesten,
treuesten und maechtigsten der von Rom abhaengigen bundesgenoessischen
Gemeinden, deren Seestationen, westlich Agathe (Agde) und Rhode (Rosas),
oestlich Tauroention (Ciotat), Olbia (Hyeres?), Antipolis (Antibes) und
Nikaea (Nizza), die Kuestenfahrt wie den Landweg von den Pyrenaeen zu
den Alpen sicherten und deren merkantile und politische Verbindungen
weit ins Binnenland hineinreichten. Eine Expedition in die Alpen
oberhalb Nizza und Antibes gegen die ligurischen Oxybier und Dekieten
ward im Jahre 600 (154) von den Roemern teils auf Ansuchen der
Massalioten, teils im eigenen Interesse unternommen und nach heftigen
und zum Teil verlustvollen Gefechten dieser Teil des Gebirges gezwungen,
den Massalioten fortan stehende Geiseln zu geben und ihnen jaehrlichen
Zins zu zahlen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass um diese Zeit
zugleich in dem ganzen von Massalia abhaengigen Gebiete jenseits der
Alpen der nach dem Muster des massaliotischen daselbst aufbluehende
Wein- und Oelbau im Interesse der italischen Gutsbesitzer und Kaufleute
untersagt ward ^1. Einen aehnlichen Charakter finanzieller Spekulation
traegt der Krieg, der wegen der Goldgruben und Goldwaeschereien von
Victumulae (in der Gegend von Vercelli und Bard und im ganzen Tal der
Dora Baltea) von den Roemern unter dem Konsul Appius Claudius im Jahre
611 (143) gegen die Salasser gefuehrt ward. Die grosse Ausdehnung dieser
Waeschereien, welche den Bewohnern der niedriger liegenden Landschaft
das Wasser fuer ihre Aecker entzog, rief erst einen Vermittlungsversuch,
sodann die bewaffnete Intervention der Roemer hervor; der Krieg, obwohl
die Roemer auch ihn wie alle uebrigen dieser Epoche mit einer Niederlage
begannen, fuehrte endlich zu der Unterwerfung der Salasser und der
Abtretung des Goldbezirkes an das roemische Aerar. Einige Jahrzehnte
spaeter (654 100) ward auf dem hier gewonnenen Gebiet die Kolonie
Eporedia (Ivrea) angelegt, hauptsaechlich wohl, um durch sie den
westlichen wie durch Aquileia den oestlichen Alpenpass zu beherrschen.
Einen ernsteren Charakter nahmen diese alpinischen Kriege erst an, als
Marcus Fulvius Flaccus, der treue Bundesgenosse des Gaius Gracchus, als
Konsul 629 (125) in dieser Gegend den Oberbefehl uebernahm. Er zuerst
betrat die Bahn der transalpinischen Eroberungen. In der vielgeteilten
keltischen Nation war um diese Zeit, nachdem der Gau der Biturigen
seine wirkliche Hegemonie eingebuesst und nur eine Ehrenvorstandschaft
behalten hatte, der effektiv fuehrende Gau in dem Gebiet von den
Pyrenaeen bis zum Rhein und vom Mittelmeer bis zur Westsee der Arverner
2, und es erscheint danach nicht gerade uebertrieben, dass er bis 180000
Mann ins Feld zu stellen vermocht haben soll. Mit ihnen rangen daselbst
die Haeduer (um Autun) um die Hegemonie als ungleiche Rivalen; waehrend
in dem nordoestlichen Gallien die Koenige der Suessionen (um Soissons)
den bis nach Britannien hinueber sich erstreckenden Voelkerbund der
Belgen unter ihrer Schutzherrschaft vereinigten. Griechische Reisende
jener Zeit wussten viel zu erzaehlen von der prachtvollen Hofhaltung des
Arvernerkoenigs Luerius, wie derselbe, umgeben von seinem glaenzenden
Clangefolge, den Jaegern mit der gekoppelten Meute und der wandernden
Saengerschar, auf dem silberbeschlagenen Wagen durch die Staedte seines
Reiches fuhr, das Gold mit vollen Haenden auswerfend unter die Menge,
vor allen aber das Herz des Dichters mit dem leuchtenden Regen erfreuend
- die Schilderungen von der offenen Tafel, die er in einem Raume von
1500 Doppelschritten ins Gevierte abhielt und zu der jeder des Wegs
Kommende geladen war, erinnern lebhaft an die Hochzeitstafel Camachos.
In der Tat zeugen die zahlreichen noch jetzt vorhandenen arvernischen
Goldmuenzen dieser Zeit dafuer, dass der Arvernergau zu ungemeinem
Reichtum und einer verhaeltnismaessig hoch gesteigerten Zivilisation
gediehen war. Flaccus' Angriff traf indes zunaechst nicht auf die
Arverner, sondern auf die kleineren Staemme in dem Gebiet zwischen den
Alpen und der Rhone, wo die urspruenglich ligurischen Einwohner mit
nachgerueckten keltischen Scharen sich vermischt hatten und eine der
keltiberischen vergleichbare keltoligurische Bevoelkerung entstanden
war. Er focht (629, 630 125, 124) mit Glueck gegen die Salyer oder
Salluvier in der Gegend von Aix und im Tal der Durance und gegen ihre
noerdlichen Nachbarn, die Vocontier (Dept. Vaucluse und Drome), ebenso
sein Nachfolger Gaius Sextius Calvinus (631, 632 123, 122) gegen die
Allobrogen, einen maechtigen keltischen Clan in dem reichen Tal der
Isere, der auf die Bitte des landfluechtigen Koenigs der Salyer,
Tutomotulus, gekommen war, ihm sein Land wiedererobern zu helfen,
aber in der Gegend von Aix geschlagen wurde. Da die Allobrogen indes
nichtsdestoweniger sich weigerten, den Salyerkoenig auszuliefern, drang
Calvinus' Nachfolger Gnaeus Domitius Ahenobarbus in ihr eigenes Gebiet
ein (632 122). Bis dahin hatte der fuehrende keltische Stamm dem
Umsichgreifen der italischen Nachbarn zugesehen; der Arvernerkoenig
Betuhus, jenes Luerius' Sohn, schien nicht sehr geneigt, des losen
Schutzverhaeltnisses wegen, in dem die oestlichen Gaue zu ihm stehen
mochten, in einen bedenklichen Krieg sich einzulassen. Indes als
die Roemer Miene machten, die Allobrogen auf ihrem eigenen Gebiet
anzugreifen, bot er seine Vermittlung an, deren Zurueckweisung zur
Folge hatte, dass er mit seiner gesamten Macht den Allobrogen zu Hilfe
erschien; wogegen wieder die Haeduer Partei ergriffen fuer die Roemer.
Auch die Roemer sandten auf die Nachricht von der Schilderhebung der
Arverner den Konsul des Jahres 633 (121) Quintus Fabius Maximus, um
in Verbindung mit Ahenobarbus dem drohenden Sturm zu begegnen. An der
suedlichen Grenze des allobrogischen Kantons, am Einfluss der Isere
in die Rhone, ward am 8. August 633 (121) die Schlacht geschlagen, die
ueber die Herrschaft im suedlichen Gallien entschied. Koenig Betuitus,
wie er die zahllosen Haufen der abhaengigen Clans auf der ueber die
Rhone geschlagenen Schiffbruecke an sich vorueberziehen und gegen sie
die dreimal schwaecheren Roemer sich aufstellen sah, soll ausgerufen
haben, dass dieser ja nicht genug seien, um die Hunde des Keltenheeres
zu saettigen. Allein Maximus, ein Enkel des Siegers von Pydna, erfocht
dennoch einen entscheidenden Sieg, welcher, da die Schiffbruecke unter
der Masse der Fluechtenden zusammenbrach, mit der Vernichtung des
groessten Teils der arvernischen Armee endigte. Die Allobrogen, denen
ferner Beistand zu leisten der Arvernerkoenig sich unfaehig erklaerte
und denen er selber riet, mit Maximus ihren Frieden zu machen,
unterwarfen sich dem Konsul, worauf derselbe, fortan der Allobrogiker
genannt, nach Italien zurueckging und die nicht mehr ferne Beendigung
des arvernischen Krieges dem Ahenobarbus ueberliess. Dieser, auf Koenig