man also Herr. Allein einer anderen Bande entlaufener Sklaven gelang
es, dafuer eine Abteilung der Besatzung von Enna (Castrogiovanni) zu
schlagen, und dieser erste Erfolg verschaffte den Insurgenten, was sie
vor allem bedurften, Waffen und Zulauf. Das Heergeraet der gefallenen
und fluechtigen Gegner gab die erste Grundlage fuer ihre militaerische
Organisation, und bald war die Zahl der Insurgenten auf viele Tausende
angeschwollen. Diese Syrer in der Fremde schienen bereits, gleich ihren
Vorgaengern, sich nicht unwuerdig, von Koenigen regiert zu werden wie
ihre Landsleute daheim und - den Lumpenkoenig der Heimat bis auf den
Namen parodierend - stellten sie den Sklaven Salvius an ihre Spitze als
Koenig Tryphon. In dem Strich zwischen Enna und Leontinoi (Lentini),
wo diese Haufen ihren Hauptsitz hatten, war das offene Land ganz in den
Haenden der Insurgenten und Morgantia und andere ummauerte Staedte schon
von ihnen belagert, als mit den eiligst zusammengerafften sizilischen
und italischen Scharen der roemische Statthalter das Sklavenheer vor
Morgantia ueberfiel. Er besetzte das unverteidigte Lager; allein die
Sklaven, obwohl ueberrascht, hielten stand, und wie es zum Gefecht kam,
wich der Landsturm der Insel nicht bloss beim ersten Anprall, sondern,
da die Sklaven jeden, der die Waffen wegwarf, ungehindert entkommen
liessen, benutzten die Milizen fast ohne Ausnahme die gute Gelegenheit,
ihren Abschied zu nehmen, und das roemische Heer lief vollstaendig
auseinander. Haetten die Sklaven in Morgantia mit ihren Genossen vor den
Toren gemeinschaftliche Sache machen wollen, so war die Stadt verloren;
sie zogen es indes vor, von ihren Herren gesetzmaessig die Freiheit
geschenkt zu nehmen und halfen ihnen durch ihre Tapferkeit die Stadt
retten, worauf sodann der roemische Statthalter das den Sklaven von
den Herren feierlich gegebene Freiheitsversprechen als widerrechtlich
erzwungen von Rechts wegen kassierte. Waehrend also im Innern der Insel
der Aufstand in besorglicher Weise um sich griff, brach ein zweiter aus
auf der Westkueste. An der Spitze stand hier Athenion. Er war, eben
wie Kleon, einst ein gefuerchteter Raeuberhauptmann in seiner Heimat
Kilikien gewesen und von dort als Sklave nach Sizilien gefuehrt worden.
Ganz wie seine Vorgaenger versicherte er sich der Gemueter der Griechen
und Syrer vor allem durch Prophezeiungen und anderen erbaulichen
Schwindel; aber kriegskundig und einsichtig wie er war, bewaffnete er
nicht, wie die uebrigen Fuehrer, die ganze Masse der ihm zustroemenden
Leute, sondern bildete aus den kriegstuechtigen Mannschaften ein
organisiertes Heer, waehrend er die Masse zu friedlicher Beschaeftigung
anwies. Bei der strengen Mannszucht, die in seinen Truppen jedes
Schwanken und jede unbotmaessige Regung niederhielt, und der milden
Behandlung der friedlichen Landbewohner und selbst der Gefangenen errang
er rasche und grosse Erfolge. Die Hoffnung, dass die beiden Fuehrer sich
veruneinigen wuerden, schlug den Roemern auch diesmal fehl; freiwillig
fuegte sich Athenion dem weit minder faehigen Koenig Tryphon und erhielt
damit die Einigkeit unter den Insurgenten. Bald herrschten diese so
gut wie unumschraenkt auf dem platten Lande, wo die freien Proletarier
wieder mehr oder minder offen mit den Sklaven hielten; die roemischen
Behoerden waren nicht imstande, gegen sie das Feld zu nehmen,
und mussten sich begnuegen, mit dem sizilischen und dem eiligst
herangezogenen afrikanischen Landsturm die Staedte zu schuetzen, welche
sich in der beklagenswertesten Verfassung befanden. Die Rechtspflege
stockte auf der ganzen Insel, und es regierte einzig das Faustrecht. Da
kein Ackerbuerger sich mehr vor das Tor, kein Landmann sich in die Stadt
wagte, brach die fuerchterlichste Hungersnot herein, und die staedtische
Bevoelkerung dieser sonst Italien ernaehrenden Insel musste von den
roemischen Behoerden mit Getreidesendungen unterstuetzt werden. Dazu
drohten ueberall im Innern die Verschwoerungen der Stadtsklaven und vor
den Mauern die Insurgentenheere, wie denn selbst Messana um ein Haar von
Athenion erobert worden waere. So schwer es der Regierung fiel, waehrend
des ernsten Kimbrischen Krieges eine zweite Armee ins Feld zu stellen,
sie konnte doch nicht umhin, im Jahre 651 (103) ein Heer von 14000
Roemern und Italikern, umgerechnet die ueberseeischen Milizen, unter
dem Praetor Lucius Lucullus nach der Insel zu entsenden. Das vereinigte
Sklavenheer stand in den Bergen oberhalb Sciacca und nahm die Schlacht
an, die Lucullus anbot. Die bessere militaerische Organisation gab den
Roemern den Sieg: Athenion blieb fuer tot auf der Walstatt, Tryphon
musste sich in die Bergfestung Triokala werfen; die Insurgenten berieten
ernstlich, ob es moeglich sei, den Kampf laenger fortzusetzen. Indes
die Partei, die entschlossen war, auszuharren bis auf den letzten Mann,
behielt die Oberhand; Athenion, der in wunderbarer Weise gerettet worden
war, trat wieder unter die Seinigen und belebte den gesunkenen Mut; vor
allem aber tat Lucullus unbegreiflicherweise nicht das geringste,
um seinen Sieg zu verfolgen, ja er soll absichtlich die Armee
desorganisiert und sein Feldgeraet verbrannt haben, um die gaenzliche
Erfolglosigkeit seiner Amtsfuehrung zu bedecken und von seinem
Nachfolger nicht in Schatten gestellt zu werden. Mag dies wahr sein oder
nicht, sein Nachfolger Gaius Servilius (652 102) erlangte nicht bessere
Resultate, und beide Generale sind spaeter ihrer Amtsfuehrung wegen
kriminell belangt und verurteilt worden, was freilich auch durchaus kein
sicherer Beweis fuer ihre Schuld ist. Athenion, der nach Tryphons Tode
(652 102) den Oberbefehl allein uebernommen hatte, stand siegreich an
der Spitze eines ansehnlichen Heeres, als im Jahre 653 (101) Manius
Aquillius, der das Jahr zuvor unter Marius im Teutonenkriege sich
ausgezeichnet hatte, als Konsul und Statthalter die Fuehrung des Krieges
uebernahm. Nach zweijaehrigen harten Kaempfen - Aquillius soll mit
Athenion persoenlich gefochten und ihn im Zweikampf getoetet haben -
schlug der roemische Feldherr endlich die verzweifelte Gegenwehr nieder
und ueberwand die Insurgenten in ihren letzten Schlupfwinkeln durch
Hunger. Den Sklaven auf der Insel wurde das Waffentragen untersagt und
der Friede zog wieder auf ihr ein, das heisst die neuen Peiniger wurden
abgeloest von den altgewohnten; wie denn namentlich der Sieger selbst
unter den zahlreichen und energischen Raeuberbeamten dieser Zeit eine
hervorragende Stelle einnimmt. Fuer wen es aber noch eines Beweises
bedurfte, wie das Regiment der restaurierten Aristokratie im Innern
beschaffen war, den konnte man auf die Entstehung wie auf die Fuehrung
dieses zweiten fuenfjaehrigen Sizilischen Sklavenkrieges verweisen.
Wo man aber auch hinsehen mochte in dem weiten Kreis der roemischen
Verwaltung, es traten dieselben Ursachen und dieselben Wirkungen hervor.
Wenn der sizilische Sklavenkrieg zeigt, wie wenig die Regierung auch nur
der einfachsten Aufgabe, das Proletariat niederzuhalten, gewachsen war,
so offenbarten die gleichzeitigen Ereignisse in Afrika, wie man jetzt in
Rom es verstand, Klientelstaaten zu regieren. Um dieselbe Zeit, wo der
Sizilische Sklavenkrieg ausbrach, ward auch vor den Augen der erstaunten
Welt das Schauspiel aufgefuehrt, dass gegen die gewaltige Republik, die
die Koenigreiche Makedonien und Asien mit einem Schlag ihres schweren
Armes zerschmettert hatte, ein unbedeutender Klientelfuerst nicht
mittels Waffen, sondern mittels der Erbaermlichkeit ihrer regierenden
Herren eine vierzehnjaehrige Usurpation und Insurrektion durchzufuehren
vermochte. Das Koenigreich Numidien dehnte vom Flusse Molochat sich
aus bis an die Grosse Syrte, so dass es einerseits grenzte an das
Mauretanische Reich von Tingis (das heutige Marokko), andererseits
an Kyrene und Aegypten, und den schmalen Kuestenstrich der roemischen
Provinz Africa westlich, suedlich und oestlich umschloss; es umfasste
ausser den alten Besitzungen der numidischen Haeuptlinge den bei weitem
groessten Teil desjenigen Gebiets, welches Karthago in den Zeiten
seiner Bluete in Afrika besessen hatte, darunter mehrere bedeutende
altphoenikische Staedte wie Hippo regius (Bona) und Gross-Leptis
(Lebidah), ueberhaupt den groessten und besten Teil des reichen
nordafrikanischen Kuestenlandes. Naechst Aegypten war ohne Frage
Numidien der ansehnlichste unter allen roemischen Klientelstaaten. Nach
Massinissas Tode (605 149) hatte Scipio unter dessen drei Soehne, die
Koenige Micipsa, Gulussa und Mastanabal, die vaeterliche Herrschaft in
der Art geteilt, dass der erstgeborene die Residenz und die Staatskasse,
der zweite den Krieg, der dritte die Gerichtsbarkeit uebernahm. Jetzt
regierte nach dem Tode seiner beiden Brueder wieder allein Massinissas
aeltester Sohn Micipsa 4, ein schwacher, friedlicher Greis, der lieber
als mit Staatsangelegenheiten sich mit dem Studium der griechischen
Philosophie beschaeftigte. Da seine Soehne noch nicht erwachsen waren,
fuehrte tatsaechlich die Zuegel der Regierung ein illegitimer Neffe
des Koenigs, der Prinz Jugurtha. Jugurtha war kein unwuerdiger Enkel
Massinissas. Er war ein schoener Mann und ein gewandter und mutiger
Reiter und Jaeger; seine Landsleute hielten den klaren und einsichtigen
Verwalter in hohen Ehren, und seine militaerische Brauchbarkeit hatte er
als Fuehrer des numidischen Kontingents vor Numantia unter Scipios Augen
erwiesen. Seine Stellung im Koenigreich und der Einfluss, dessen er
durch seine zahlreichen Freunde und Kriegskameraden bei der roemischen
Regierung genoss, liessen es Koenig Micipsa ratsam erscheinen, ihn zu
adoptieren (634 120) und in seinem Testament zu verordnen, dass des
Koenigs beide aelteste leibliche Soehne Adherbal und Hiempsal und sein
Adoptivsohn Jugurtha selbdritt, ebenso wie er selbst mit seinen beiden
Bruedern, zu gesamter Hand das Reich erben und regieren sollten. Zu
groesserer Sicherheit wurde diese Verfuegung unter die Garantie der
roemischen Regierung gestellt. Bald nachher, im Jahre 636 (118) starb
Koenig Micipsa. Das Testament trat in Kraft; allein die beiden Soehne
Micipsas, mehr noch als der schwache aeltere Bruder der heftige
Hiempsal, gerieten bald mit ihrem Vetter, den sie als Eindringling in
die legitime Erbfolge ansahen, so heftig zusammen, dass der Gedanke
an eine Gesamtregierung der drei Koenige aufgegeben werden musste. Man
versuchte eine Realteilung durchzufuehren; allein die hadernden Koenige
vermochten ueber die Landes- und Schatzquoten sich nicht zu einigen,
und die Schutzmacht, der hier von Rechts wegen das entscheidende Wort
zustand, bekuemmerte wie gewoehnlich um diese Angelegenheit sich nicht.
Es kam zum Bruch; Adherbal und Hiempsal mochten das Testament des
Vaters als erschlichen bezeichnen und Jugurthas Miterbrecht ueberhaupt
bestreiten, wogegen Jugurtha auftrat als Praetendent auf das gesamte
Koenigreich. Noch waehrend der Verhandlungen ueber die Teilung ward
Hiempsal durch gedungene Meuchelmoerder aus dem Wege geschafft; zwischen
Adherbal und Jugurtha kam es zum Buergerkriege, in dem ganz Numidien
Partei nahm. Mit seinen minder zahlreichen, aber besser geuebten und
besser gefuehrten Truppen siegte Jugurtha und bemaechtigte sich des
gesamten Reichsgebiets unter den grausamsten Verfolgungen gegen die
seinem Vetter anhaengenden Haeupter. Adherbal rettete sich nach der
roemischen Provinz und ging von da nach Rom, um dort Klage zu fuehren.
Jugurtha hatte es erwartet und sich darauf eingerichtet, der drohenden
Intervention zu begegnen. Er hatte im Lager von Numantia noch mehr
von Rom kennengelernt als die roemische Taktik: der numidische Prinz,
eingefuehrt in die Kreise der roemischen Aristokraten, war zugleich
eingeweiht worden in die roemischen Koterieintrigen und hatte an der
Quelle studiert, was man roemischen Adligen zumuten koenne;
schon damals, sechzehn Jahre vor Micipsas Tode, hatte er illoyale
Unterhandlungen ueber die numidische Erbfolge mit vornehmen roemischen
Kameraden gepflogen und hatte Scipio ihn ernstlich erinnern muessen,
dass es fremden Prinzen anstaendiger sei, mit dem roemischen Staat als
mit einzelnen roemischen Buergern Freundschaft zu halten. Jugurthas
Gesandte erschienen in Rom, nicht bloss mit Worten ausgeruestet; dass
sie die richtigen diplomatischen Ueberzeugungsmittel gewaehlt hatten,
bewies der Erfolg. Die eifrigsten Vertreter von Adherbals gutem Recht
ueberzeugten in unglaublicher Geschwindigkeit sich davon, dass Hiempsal
seiner Grausamkeit halber von seinen Untertanen umgebracht worden
und dass der Urheber des Erbfolgkrieges nicht Jugurtha sei, sondern
Adherbal. Selbst die leitenden Maenner im Senat erschraken vor dem
Skandal; Marcus Scaurus suchte zu steuern; es war umsonst. Der Senat
ueberging das Geschehene mit Stillschweigen und verfuegte, dass die
beiden ueberlebenden Testamentserben das Reich zu gleichen Teilen
erhalten und zur Verhuetung neuen Haders die Teilung durch eine
Kommission des Senats vorgenommen werden solle. Sie kam; der Konsular
Lucius Opimius, bekannt durch seine Verdienste um die Beseitigung der
Revolution, hatte die Gelegenheit wahrgenommen, den Lohn fuer seinen
Patriotismus einzuziehen, und sich an die Spitze dieser Kommission
stellen lassen. Die Teilung fiel durchaus zu Jugurthas Gunsten und nicht
zum Nachteil der Kommissarien aus; die Hauptstadt Cirta (Constantine)
mit ihrem Hafen Rusicade (Philippeville) kam zwar an Adherbal, allein
eben dadurch ward ihm der fast ganz aus Sandwuesten bestehende oestliche
Teil des Reiches, Jugurtha dagegen die fruchtbare und bevoelkerte
Westhaelfte (das spaetere Sitifensische und Caesariensische Mauretanien)
zu teil. ---------------------------------------------- 4 Der Stammbaum
der numidischen Fuersten ist folgender: