Anfaenger, dem Antichambrieren in den Zimmern der vornehmen Senatoren

und den gerichtlichen Deklamationen. Dagegen liebte er die Jagd - als

Siebzehnjaehriger hatte er, nachdem er den Feldzug gegen Perseus unter

seinem Vater mit Auszeichnung mitgemacht hatte, als Belohnung dafuer

sich freie Pirsch in dem seit vier Jahren unberuehrten Wildhag der

Koenige von Makedonien erbeten - und vor allen Dingen wandte er gern

seine Musse auf wissenschaftlichen und literarischen Genuss. Durch die

Fuersorge seines Vaters war er frueh in diejenige echte griechische

Bildung eingefuehrt worden, welche ueber das geschmacklose Hellenisieren

der gemeinen Halbbildung hinaushob; durch seine ernste und treffende

Wuerdigung des Echten und des Schlechten in dem griechischen Wesen und

durch sein adliges Auftreten imponierte dieser Roemer den Hoefen des

Ostens, ja sogar den spottlustigen Alexandrinern. Seinen Hellenismus

erkannte man vor allem in der feinen Ironie seiner Rede und in seinem

klassisch reinen Latein. Obwohl nicht eigentlich Schriftsteller,

zeichnete er doch wie Cato seine politischen Reden auf - sie wurden

gleich den Briefen seiner Adoptivschwester, der Mutter der Gracchen,

von den spaeteren Literatoren als Meisterstuecke mustergueltiger

Prosa geschaetzt - und zog mit Vorliebe die besseren griechischen und

roemischen Literaten in seinen Kreis, welcher plebejische Umgang ihm

freilich nicht wenig verdacht ward von denjenigen Kollegen im Senat,

die auf ihre edle Geburt als einzige Auszeichnung angewiesen waren. Ein

sittlich fester und zuverlaessiger Mann, galt sein Wort bei Freund

und Feind; er mied Bauten und Spekulationen und lebte einfach;

dafuer handelte er in Geldangelegenheiten nicht bloss ehrlich und

uneigennuetzig, sondern auch mit einer dem kaufmaennischen Sinn seiner

Zeitgenossen seltsam duenkenden Zartheit und Liberalitaet. Er war ein

tuechtiger Soldat und Offizier; aus dem Afrikanischen Krieg brachte er

den Ehrenkranz heim, der wegen Rettung gefaehrdeter Buerger mit eigener

Lebensgefahr erteilt zu werden pflegte, und beendete den Krieg als

Feldherr, den er als Offizier begonnen hatte; an wirklich schwierigen

Aufgaben sein Feldherrngeschick zu erproben, boten die Umstaende ihm

keine Gelegenheit. Scipio war so wenig wie sein Vater eine geniale

Natur - davon zeugt schon seine Vorliebe fuer Xenophon, den nuechternen

Militaer und korrekten Schriftsteller -, aber ein rechter und echter

Mann, der vor andern berufen schien, dem beginnenden Verfall durch

organische Reformen zu wehren. Um so bezeichnender ist es, dass er es

nicht versucht hat. Zwar half er, wo und wie er konnte, Missbraeuche

abstellen und verhindern und arbeitete namentlich hin auf Verbesserung

der Rechtspflege. Hauptsaechlich durch seinen Beistand vermochte

Lucius Cassius, ein tuechtiger Mann von altvaeterischer Strenge und

Ehrenhaftigkeit, gegen den heftigsten Widerstand der Optimaten, sein

Stimmgesetz durchzubringen, welches fuer die noch immer den wichtigsten

Teil der Kriminaljurisdiktion umfassenden Volksgerichte die geheime

Abstimmung einfuehrte. Ebenso zog er, der die Knabenanklagen nicht

hatte mitmachen moegen, in seinen reifen Jahren selbst mehrere der

schuldigsten Maenner der Aristokratie vor die Gerichte. In gleichem

Geiste hat er als Feldherr vor Karthago und vor Numantia die Weiber

und die Pfaffen zu den Toren des Lagers hinausgejagt und das

Soldatengesindel wieder zurueck gezwungen unter den eisernen Druck der

alten Heereszucht, als Zensor (612 142) unter der vornehmen Welt der

glattkinnigen Manschettentraeger aufgeraeumt und mit ernsten Worten die

Buergerschaft ermahnt, an den rechtschaffenen Sitten der Vaeter

treulich zu halten. Aber niemand, und er selber am wenigsten, konnte es

verkennen, dass die Verschaerfung der Rechtspflege und das vereinzelte

Dazwischenfahren nicht einmal Anfaenge waren zur Heilung der organischen

Uebel, an denen der Staat krankte. An diese hat Scipio nicht geruehrt.

Gaius Laelius (Konsul 614 140), Scipios aelterer Freund und sein

politischer Lehrmeister und Vertrauter, hatte den Plan gefasst, die

Einziehung des unvergebenen, aber vorlaeufig okkupierten italischen

Domaniallandes vorzuschlagen und durch dessen Aufteilung der zusehends

verfallenden italischen Bauernschaft Hilfe zu bringen; allein er stand

von dem Vorschlag ab, als er sah, welchen Sturm er zu erregen im Begriff

war, und ward fortan "der Verstaendige" genannt. Auch Scipio dachte

also. Er war von der Groesse des Uebels voellig durchdrungen und griff,

wo er nur sich selber wagte, mit ehrenwertem Mut ohne Ansehen der Person

ruecksichtslos an und durch; allein er hatte sich auch ueberzeugt, dass

dem Lande nur zu helfen sei um den Preis derselben Revolution, die im

vierten und fuenften Jahrhundert aus der Reformfrage sich entsponnen

hatte, und ihm schien, mit Recht oder mit Unrecht, das Heilmittel

schlimmer als das Uebel. So stand er mit dem kleinen Kreis seiner

Freunde zwischen den Aristokraten, die ihm seine Befuerwortung des

Cassischen Gesetzes nie verziehen, und den Demokraten, denen er doch

auch nicht genuegte noch genuegen wollte, waehrend seines Lebens einsam,

nach seinem Tode gefeiert von beiden Parteien, bald als Vormann der

Aristokratie, bald als Beguenstiger der Reform. Bis auf seine Zeit

hatten die Zensoren bei der Niederlegung ihres Amtes die Goetter

angerufen, dem Staat groessere Macht und Herrlichkeit zu verleihen; der

Zensor Scipio betete, dass sie geneigen moechten, den Staat zu erhalten.

Sein ganzes Glaubensbekenntnis liegt in dem schmerzlichen Ausruf. Aber

wo der Mann verzagte, der zweimal das roemische Heer aus tiefem Verfall

zum Siege gefuehrt hatte, da getraute sich ein tatenloser Juengling, zum

Retter Italiens sich aufzuwerfen. Er hiess Tiberius Sempronius Gracchus

(591-621 163-133). Sein gleichnamiger Vater (Konsul 577, 591; Zensor 585

177, 163;169) war das rechte Musterbild eines roemischen Aristokraten.

Die glaenzende, nicht ohne Bedrueckung der abhaengigen Gemeinden zuwege

gebrachte Pracht seiner aedilizischen Spiele hatte ihm schweren

und verdienten Tadel vom Senat zugezogen, waehrend er durch sein

Einschreiten in dem leidigen Prozess gegen die persoenlich ihm

verfeindeten Scipionen sein ritterliches und wohl auch sein

Standesgefuehl, durch sein energisches Auftreten gegen die

Freigelassenen in seiner Zensur seine konservative Gesinnung betaetigte

und als Statthalter der Ebroprovinz durch Tapferkeit und vor allem

durch Gerechtigkeit sich um sein Vaterland ein bleibendes Verdienst

und zugleich in den Gemuetern der unterworfenen Nation ein dauerndes

Gedaechtnis in Ehrfurcht und Liebe erwarb. Seine Mutter Cornelia war

die Tochter des Siegers von Zama, welcher ebenjenes hochherzigen

Dazwischentretens wegen den bisherigen Gegner sich zum Schwiegersohn

erkoren hatte, sie selbst eine hochgebildete und bedeutende Frau, die

nach dem Tode ihres viel aelteren Gemahls die Hand des Koenigs von

Aegypten zurueckgewiesen hatte und im Andenken an den Gemahl und den

Vater die drei ihr gebliebenen Kinder erzog. Der aeltere von den beiden

Soehnen, Tiberius, war eine gute und sittliche Natur, sanften Blicks

und ruhigen Wesens, wie es schien, zu allem andern eher bestimmt als

zum Agitator der Massen. Mit allen seinen Beziehungen und Anschauungen

gehoerte er dem Scipionischen Kreise an, dessen feine griechische

und nationale Durchbildung er und seine Geschwister teilten. Scipio

Aemilianus war zugleich sein Vetter und seiner Schwester Gemahl; unter

ihm hatte Tiberius als Achtzehnjaehriger die Erstuermung Karthagos

mitgemacht und durch seine Tapferkeit das Lob des strengen Feldherrn und

kriegerische Auszeichnungen erworben. Dass der tuechtige junge Mann die

Anschauungen ueber den Verfall des Staats an Haupt und Gliedern, wie sie

in diesem Kreise gangbar waren, die Gedanken namentlich ueber die Hebung

des italischen Bauernstandes mit aller Lebendigkeit und allem Rigorismus

der Jugend in sich aufnahm und steigerte, ist begreiflich; waren es doch

nicht bloss die jungen Leute, denen das Zurueckweichen des Laelius vor

der Durchfuehrung seiner Reformideen nicht verstaendig erschien, sondern

schwach. Appius Claudius, der gewesene Konsul (611 143) und Zensor (618

136), einer der angesehensten Maenner des Senats, tadelte mit all der

gewaltsamen Leidenschaftlichkeit, die in dem Geschlecht der Claudier

erblich war und blieb, dass der Scipionische Kreis den Plan der

Domaenenaufteilung so rasch wieder habe fallen lassen; um so bitterer,

wie es scheint, weil er mit Scipio Aemilianus bei der Bewerbung um die

Zensur in persoenliche Konflikte gekommen war. Ebenso sprach Publius

Crassus Mucianus sich aus, der derzeitige Oberpontifex, als Mensch und

Rechtsgelehrter im Senat wie in der Buergerschaft allgemein verehrt.

Sogar dessen Bruder Publius Mucius Scaevola, der Begruender der

wissenschaftlichen Jurisprudenz in Rom, schien dem Reformplan nicht

abgeneigt, und seine Stimme war von um so groesserem Gewicht, als er

gewissermassen ausserhalb der Parteien stand. Aehnlich dachte Quintus

Metellus, der Ueberwinder Makedoniens und der Achaeer, mehr aber noch

als seiner Kriegstaten halber geachtet als ein Muster alter Zucht und

Sitte in seinem haeuslichen wie in seinem oeffentlichen Leben. Tiberius

Gracchus stand diesen Maennern nahe, namentlich dem Appius, dessen

Tochter er, und dem Mucianus, dessen Tochter sein Bruder zum Weib

genommen hatte; es war kein Wunder, dass der Gedanke sich in ihm

regte, den Reformplan selber wiederaufzunehmen, sobald er sich in einer

Stellung befinden werde, die ihm verfassungsmaessig die Initiative

gestatte. Persoenliche Motive mochten ihn hierin bestaerken. Der

Friedensvertrag, den Mancinus 617 (147) mit den Numantinern abschloss,

war wesentlich Gracchus' Werk; dass der Senat ihn kassiert hatte, dass

der Feldherr deswegen den Feinden ausgeliefert worden und Gracchus mit

den uebrigen hoeheren Offizieren dem gleichen Schicksal nur durch die

groessere Gunst, deren er bei der Buergerschaft genoss, entgangen war,

konnte den jungen rechtschaffenen und stolzen Mann nicht milder stimmen

gegen die herrschende Aristokratie. Die hellenischen Rhetoren, mit denen

er gern philosophierte und politisierte, der Mytilenaeer Diophanes, der

Kymaeer Gaius Blossius, naehrten in seiner Seele die Ideale, mit denen

er sich trug; als seine Absichten in weiteren Kreisen bekannt wurden,

fehlte es nicht an billigenden Stimmen, und mancher oeffentliche

Anschlag forderte den Enkel des Afrikaners auf, des armen Volkes,

der Rettung Italiens zu gedenken. Am 10. Dezember 620 (134) uebernahm

Tiberius Gracchus das Volkstribunat. Die entsetzlichen Folgen der

bisherigen Missregierung, der politische, militaerische, oekonomische,

sittliche Verfall der Buergerschaft lagen eben damals nackt und bloss

jedermann vor Augen. Von den beiden Konsuln dieses Jahres focht der eine

ohne Erfolg in Sizilien gegen die aufstaendischen Sklaven und war

der andere, Scipio Aemilianus, seit Monaten beschaeftigt, eine kleine

spanische Landstadt nicht zu besiegen, sondern zu erdruecken. Wenn es

noch einer besonderen Aufforderung bedurfte, um Gracchus' Entschluss

zur Tat werden zu lassen, sie lag in diesen, jedes Patrioten Gemuet mit

unnennbarer Angst erfuellenden Zustaenden. Sein Schwiegervater versprach

Beistand mit Rat und Tat, man durfte hoffen auf die Unterstuetzung des

Juristen Scaevola, der kurz vorher zum Konsul fuer 621 (133) erwaehlt

worden war. So beantragte Gracchus gleich nach Antritt seines Amtes die

Erlassung eines Ackergesetzes, das in gewissem Sinn nichts war als eine

Erneuerung des Licinisch-Sextischen vom Jahre 387 der Stadt (367). Es

sollten danach die saemtlichen okkupierten und von den Inhabern ohne

Entgelt benutzten Staatslaendereien - die verpachteten, wie zum Beispiel

das Gebiet von Capua, beruehrte das Gesetz nicht - von Staats wegen

eingezogen werden, jedoch mit der Beschraenkung, dass der einzelne

Okkupant fuer sich 500 und fuer jeden Sohn 250, im ganzen jedoch nicht

ueber 1000 Morgen zu bleibendem und garantiertem Besitz solle behalten

oder dafuer Ersatz in Land in Anspruch nehmen duerfen. Fuer etwaige, von

den bisherigen Inhabern vorgenommene Verbesserungen, wie Gebaeude und

Pflanzungen, scheint man Entschaedigung bewilligt zu haben. Das also

eingezogene Domanialland sollte in Lose von 30 Morgen zerschlagen und

diese teils an Buerger, teils an italische Bundesgenossen verteilt

werden, nicht als freies Eigentum, sondern als unveraeusserliche

Erbpacht, deren Inhaber das Land zum Feldbau zu benutzen und eine

maessige Rente an die Staatskasse zu zahlen sich verpflichteten. Ein

Kollegium von drei Maennern, die als ordentliche und stehende Beamte

der Gemeinde angesehen und jaehrlich von der Volksversammlung gewaehlt

wurden, ward mit dem Einziehungs- und Aufteilungsgeschaeft beauftragt,

wozu spaeter noch der wichtige und schwierige Auftrag kam, rechtlich

festzustellen, was Domanialland und was Privateigentum sei. Die

Aufteilung war demnach angelegt als auf unbestimmte Zeit fortgehend,

bis dass die sehr ausgedehnten und schwer festzustellenden italischen

Domaenen reguliert sein wuerden. Mit dem Licinisch-Sextischen Gesetz

verglichen waren neu in dem Sempronischen Ackergesetz teils die Klausel

zu Gunsten der beerbten Besitzer, teils die fuer die neuen Landstellen

beantragte Erbpachtgutsqualitaet und Unveraeusserlichkeit, teils und

vor allem die regulierte und dauernde Exekutive, deren Fehlen in

dem aelteren Gesetz hauptsaechlich bewirkt hatte, dass dasselbe

ohne nachhaltige praktische Anwendung geblieben war. Den grossen

Grundbesitzern, die jetzt wie vor drei Jahrhunderten ihren wesentlichen

Ausdruck fanden im Senat, war also der Krieg erklaert, und seit langem

zum erstenmal stand wieder einmal ein einzelner Beamter in ernsthafter

Opposition gegen die aristokratische Regierung. Sie nahm den Kampf auf

in der fuer solche Faelle hergebrachten Weise, die Ausschreitungen

des Beamtentums durch dieses selbst zu paralysieren. Ein Kollege

des Gracchus, Marcus Octavius, ein entschlossener und von der

Verwerflichkeit des beantragten Domanialgesetzes ernstlich ueberzeugter

Mann, tat Einspruch, als dasselbe zur Abstimmung gebracht werden sollte;

womit verfassungsmaessig der Antrag beseitigt war. Gracchus sistierte

nun seinerseits die Staatsgeschaefte und die Rechtspflege und legte

seine Siegel auf die oeffentlichen Kassen; man nahm es hin - es war

unbequem, aber das Jahr ging ja doch auch zu Ende. Gracchus, ratlos,

brachte sein Gesetz zum zweitenmal zur Abstimmung; natuerlich

wiederholte Octavius seinen Einspruch, und auf die flehentliche Bitte

seines Kollegen und bisherigen Freundes, ihm die Rettung Italiens nicht

zu wehren, mochte er erwidern, dass darueber, wie Italien gerettet

werden koenne, eben die Ansichten verschieden, sein verfassungsmaessiges

Recht aber, gegen den Antrag des Kollegen seines Veto sich zu bedienen,

ausser allem Zweifel sei. Der Senat machte jetzt den Versuch, Gracchus

einen leidlichen Rueckzug zu eroeffnen; zwei Konsulare forderten ihn

auf, die Angelegenheit in der Kurie weiterzuverhandeln, und eifrig ging

der Tribun hierauf ein. Er suchte in diesen Antrag hineinzulegen, dass

der Senat damit die Domanialaufteilung im Prinzip zugestanden habe;

allein weder lag dies darin, noch war der Senat irgend geneigt, in der

Sache nachzugeben; die Verhandlungen endigten ohne jedes Resultat. Die

verfassungsmaessigen Wege waren erschoepft. In frueheren Zeiten hatte

man unter solchen Verhaeltnissen es sich nicht verdriessen lassen,

den gestellten Antrag fuer dies Jahr zur Ruhe zu legen, aber in jedem

folgenden ihn wiederaufzunehmen, bis der Ernst des Forderns und der

Druck der oeffentlichen Meinung den Widerstand brachen. Jetzt lebte man

rascher. Gracchus schien auf dem Punkte angelangt, wo er entweder auf

die Reform ueberhaupt verzichten oder die Revolution beginnen musste;

er tat das letztere, indem er mit der Erklaerung vor die Buergerschaft

trat, dass entweder er oder Octavius aus dem Kollegium ausscheiden

muesse, und diesem ansann, die Buerger darueber abstimmen zu lassen,

welchen von ihnen sie entlassen wollten. Octavius weigerte sich

natuerlich, auf diesen wunderlichen Zweikampf einzugehen; die

Interzession war eben dazu da, solchen Meinungsverschiedenheiten der

Kollegen Raum zu gewaehren. Da brach Gracchus die Verhandlung mit dem

Kollegen ab und wandte sich an die versammelte Menge mit der Frage, ob

nicht der Volkstribun, der dem Volk zuwiderhandle, sein Amt verwirkt

habe; und die Versammlung, laengst gewohnt, zu allen an sie gebrachten

Antraegen ja zu sagen und groesstenteils zusammengesetzt aus dem

vom Lande hereingestroemten und bei der Durchfuehrung des Gesetzes

persoenlich interessierten agrikolen Proletariat, bejahte fast

einstimmig die Frage. Marcus Octavius ward auf Gracchus' Befehl durch

die Gerichtsdiener von der Tribunenbank entfernt und hierauf unter

allgemeinem Jubel das Ackergesetz durchgebracht und die ersten

Teilungsherren ernannt. Die Stimmen fielen auf den Urheber des

Gesetzes nebst seinem erst zwanzigjaehrigen Bruder Gaius und seinem

Schwiegervater Appius Claudius. Eine solche Familienwahl steigerte die

Erbitterung der Aristokratie. Als die neuen Beamten sich wie ueblich

an den Senat wandten, um ihre Ausstattungs- und Taggelder angewiesen zu

erhalten, wurden jene verweigert und ein Taggeld angewiesen von 24

Assen (10 Groschen). Die Fehde griff immer weiter um sich und ward immer

gehaessiger und persoenlicher. Das schwierige und verwickelte Geschaeft

der Abgrenzung, Einziehung und Aufteilung der Domaenen trug den Hader in

jede Buergergemeinde, ja selbst in die verbuendeten italischen Staedte.

Die Aristokratie hatte es kein Hehl, dass sie das Gesetz vielleicht,

weil sie muesse, sich gefallen lassen, der unberufene Gesetzgeber aber

ihrer Rache nimmermehr entgehen werde; und die Ankuendigung des Quintus

Pompeius, dass er den Gracchus an demselben Tage, wo er das Tribunat

niederlege, in Anklagestand versetzen werde, war unter den Drohungen,

die gegen den Tribun fielen, noch bei weitem nicht die schlimmste.

Gracchus glaubte, wahrscheinlich mit Recht, seine persoenliche

Sicherheit bedroht und erschien auf dem Markt nicht mehr ohne eine

Gefolge von drei- bis viertausend Menschen, worueber er selbst von dem

der Reform an sich nicht abgeneigten Metellus im Senat bittere Worte

hoeren wusste. Ueberhaupt, wenn er gemeint hatte, mit Durchbringung

seines Ackergesetzes am Ziele zu sein, so hatte er jetzt zu lernen, dass

er erst am Anfang stand. Das "Volk" war ihm zu Dank verpflichtet; aber

er war ein verlorener Mann, wenn er keinen anderen Schirm mehr hatte

als diese Dankbarkeit des Volkes, wenn er demselben nicht unentbehrlich

blieb und durch andere und weitergreifende Vorschlaege neue und immer

neue Interessen und Hoffnungen an sich knuepfte. Ebendamals war durch

das Testament des letzten Koenigs von Pergamon den Roemern Reich und

Vermoegen der Attaliden zugefallen; Gracchus beantragte bei dem Volk,

den pergamenischen Schatz unter die neuen Landbesitzer zur Anschaffung

des erforderlichen Beschlags zu verteilen und vindizierte ueberhaupt,

gegen die bestehende Uebung, der Buergerschaft das Recht, ueber die

neue Provinz definitiv zu entscheiden. Weitere populaere Gesetze, ueber

Abkuerzung der Dienstzeit, ueber Ausdehnung des Provokationsrechts,

ueber die Aufhebung des Vorrechts der Senatoren, ausschliesslich als

Zivilgeschworene zu fungieren, sogar ueber die Aufnahme der italischen

Bundesgenossen in den roemischen Buergerverband, soll er vorbereitet

haben; wie weit seine Entwuerfe in der Tat gereicht haben, laesst sich

nicht entscheiden, gewiss ist nur, dass Gracchus seine einzige Rettung

darin sah, das Amt, das ihn schuetzte, von der Buergerschaft auf

ein zweites Jahr verliehen zu erhalten, und dass er, um diese

verfassungswidrige Verlaengerung zu bewirken, weitere Reformen in

Aussicht stellte. Hatte er anfangs sich eingesetzt, um das Gemeinwesen

zu retten, so wusste er jetzt schon, um sich zu retten, das Gemeinwesen

aufs Spiel setzen. Die Bezirke traten zusammen zur Wahl der Tribunen

fuer das naechste Jahr, und die ersten Abteilungen gaben ihre

Stimmen fuer Gracchus; aber die Gegenpartei drang mit ihrem Einspruch

schliesslich wenigstens insoweit durch, dass die Versammlung

unverrichteter Sache aufgeloest und die Entscheidung auf den folgenden

Tag verschoben ward. Fuer diesen setzte Gracchus alle Mittel in

Bewegung, erlaubte und unerlaubte: er zeigte sich dem Volke im

Trauergewand und empfahl ihm seinen unmuendigen Knaben; fuer den Fall,

dass die Wahl abermals durch Einspruch gestoert werden wuerde, traf

er Vorkehrungen, den Anhang der Aristokratie mit Gewalt von dem

Versammlungsplatz vor dem Kapitolinischen Tempel zu vertreiben. So kam

der zweite Wahltag heran; die Stimmen fielen wie an dem vorhergehenden

und wieder erfolgte der Einspruch; der Auflauf begann. Die Buerger

zerstreuten sich; die Wahlversammlung war faktisch aufgehoben; der

Kapitolinische Tempel ward geschlossen; man erzaehlte sich in der Stadt,

bald dass Tiberius die saemtlichen Tribunen abgesetzt habe, bald dass

er ohne Wiederwahl sein Amt fortzufuehren entschlossen sei. Der Senat

versammelte sich im Tempel der Treue, hart bei dem Jupitertempel; die

erbittertsten Gegner des Gracchus fuehrten in der Sitzung das Wort; als

Tiberius die Hand nach der Stirn bewegte, um in dem wilden Getuemmel dem

Volke zu erkennen zu geben, dass sein Leben bedroht sei, hiess es, er

fordere schon die Leute auf, sein Haupt mit der koeniglichen Binde

zu schmuecken. Der Konsul Scaevola ward angegangen, den Hochverraeter

sofort toeten zu lassen; als der gemaessigte, der Reform an sich

keineswegs abgeneigte Mann das ebenso unsinnige wie barbarische Begehren

unwillig zurueckwies, rief der Konsular Publius Scipio Nasica, ein

harter und leidenschaftlicher Aristokrat, die Gleichgesinnten auf, sich

zu bewaffnen, wie sie koennten, und ihm zu folgen. Von den Landleuten

war zu den Wahlen fast niemand in die Stadt gekommen; das Stadtvolk

wich scheu auseinander, als es die vornehmen Maenner mit Stuhlbeinen

und Knuetteln in den Haenden zornigen Auges heranstuermen sah; Gracchus

versuchte, von wenigen begleitet, zu entkommen. Aber er stuerzte auf der

Flucht am Abhang des Kapitols und ward von einem der Wuetenden - Publius

Satureius und Lucius Rufus stritten sich spaeter um die Henkerehre -

vor den Bildsaeulen der sieben Koenige am Tempel der Treue durch einen

Knuettelschlag auf die Schlaefe getoetet; mit ihm dreihundert andere

Maenner, keiner durch Eisenwaffen. Als es Abend geworden war, wurden die

Koerper in den Tiberfluss gestuerzt; vergebens bat Gaius, ihm die Leiche

seines Bruders zur Bestattung zu vergoennen. Solch einen Tag hatte

Rom noch nicht erlebt. Der mehr als hundertjaehrige Hader der Parteien

waehrend der ersten sozialen Krise hatte zu keiner Katastrophe gefuehrt,

wie diejenige war, mit der die zweite begann. Auch den besseren Teil der

Aristokratie mochte schaudern; indes man konnte nicht mehr zurueck. Man

hatte nur die Wahl, eine grosse Zahl der zuverlaessigsten Parteigenossen

der Rache der Menge preiszugeben oder die Verantwortung der Untat auf

die Gesamtheit zu uebernehmen; das letztere geschah. Man hielt

offiziell daran fest, dass Gracchus die Krone habe nehmen wollen, und

rechtfertigte diesen neuesten Frevel mit dem uralten des Ahala; ja man

ueberwies sogar die weitere Untersuchung gegen Gracchus' Mitschuldige

einer besonderen Kommission und liess deren Vormann, den Konsul Publius

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 9 / 52 段