der Wechsel der Partei mehr ein Wechsel der politischen Taktik als der

politischen Gesinnung war. Das Gemeinwesen haette ohne Zweifel gewonnen,

wenn entweder die Aristokratie statt der Buergerschaftswahlen geradezu

einen erblichen Turnus eingefuehrt oder die Demokratie ein wirkliches

Demagogenregiment aus sich hervorgebracht haette. Aber diese Optimaten

und diese Popularen des beginnenden siebenten Jahrhunderts waren die

einen fuer die andern viel zu unentbehrlich, um sich also auf Tod und

Leben zu bekriegen; sie konnten nicht bloss nicht einander vernichten,

sondern, wenn sie es gekonnt haetten, haetten sie es nicht gewollt.

Darueber wich denn freilich politisch wie sittlich das Gemeinwesen immer

mehr aus den Fugen und ging seiner voelligen Aufloesung entgegen.

Es ging denn auch die Krise, durch welche die roemische Revolution

eroeffnet ward, nicht aus diesem duerftigen politischen Konflikt hervor,

sondern aus den oekonomischen und sozialen Verhaeltnissen, welche die

roemische Regierung wie alles andere lediglich gehen liess und welche

also Gelegenheit fanden, den seit langem gaerenden Krankheitsstoff jetzt

ungehemmt mit furchtbarer Raschheit und Gewaltsamkeit zu zeigen. Seit

uralter Zeit beruhte die roemische Oekonomie auf den beiden ewig

sich suchenden und ewig hadernden Faktoren, der baeuerlichen und der

Geldwirtschaft. Schon einmal hatte die letztere im engsten Bunde mit dem

grossen Grundbesitz Jahrhunderte lang gegen den Bauernstand einen Krieg

gefuehrt, der mit dem Untergang zuerst der Bauernschaft und demnaechst

des ganzen Gemeinwesens endigen zu muessen schien, aber ohne eigentliche

Entscheidung abgebrochen ward infolge der gluecklichen Kriege und

der hierdurch moeglich gemachten umfaenglichen und grossartigen

Domanialaufteilung. Es ward schon frueher gezeigt, dass in derselben

Zeit, welche den Gegensatz zwischen Patriziern und Plebejern unter

veraenderten Namen erneuerte, das unverhaeltnismaessig anschwellende

Kapital einen zweiten Sturm gegen die baeuerliche Wirtschaft

vorbereitete. Zwar der Weg war ein anderer. Ehemals war der kleine Bauer

ruiniert worden durch Vorschuesse, die ihn tatsaechlich zum Meier seines

Glaeubigers herabdrueckten; jetzt ward er erdrueckt durch die Konkurrenz

des ueberseeischen und insonderheit des Sklavenkorns. Man schritt fort

mit der Zeit; das Kapital fuehrte gegen die Arbeit, das heisst gegen die

Freiheit der Person, den Krieg, natuerlich wie immer in strengster Form

Rechtens, aber nicht mehr in der unziemlichen Weise, dass der freie Mann

der Schulden wegen Sklave ward, sondern von Haus aus mit rechtmaessig

gekauften und bezahlten Sklaven; der ehemalige hauptstaedtische Zinsherr

trat auf in zeitgemaesser Gestalt als industrieller Plantagenbesitzer.

Allein das letzte Ergebnis war in beiden Faellen das gleiche:

die Entwertung der italischen Bauernstellen, die Verdraengung der

Kleinwirtschaft zuerst in einem Teil der Provinzen, sodann in Italien

durch die Gutswirtschaft; die vorwiegende Richtung auch dieser in

Italien auf Viehzucht und auf Oel- und Weinbau; schliesslich die

Ersetzung der freien Arbeiter in den Provinzen wie in Italien durch

Sklaven. Eben wie die Nobilitaet deshalb gefaehrlicher war als das

Patriziat, weil jene nicht wie dieses durch eine Verfassungsaenderung

sich beseitigen liess, so war auch diese neue Kapitalmacht darum

gefaehrlicher als die des vierten und fuenften Jahrhunderts, weil gegen

sie mit Aenderungen des Landrechts nichts auszurichten war. Ehe wir es

versuchen, den Verlauf dieses zweiten grossen Konflikts von Arbeit und

Kapital zu schildern, wird es notwendig, ueber das Wesen und den Umfang

der Sklavenwirtschaft hier einige Andeutungen einzuschalten. Wir

haben es hier nicht zu tun mit der alten, gewissermassen unschuldigen

Feldsklaverei, wonach der Bauer entweder zugleich mit seinem Knechte

ackert oder auch, wenn er mehr Land besitzt, als er bewirtschaften

kann, denselben entweder als Verwalter oder auch unter Verpflichtung

zur Ablieferung eines Teils vom Ertrag gewissermassen als Paechter ueber

einen abgeteilten Meierhof setzt; solche Verhaeltnisse bestanden zwar

zu allen Zeiten - um Comum zum Beispiel waren sie noch in der Kaiserzeit

die Regel -, allein als Ausnahmezustaende bevorzugter Landschaften

und milde verwalteter Gueter. Hier ist die Grosswirtschaft mit Sklaven

gemeint, welche im roemischen Staat wie einst im karthagischen aus

der Uebermacht des Kapitals sich entwickelte. Waehrend fuer den

Sklavenbestand der aelteren Zeit die Kriegsgefangenschaft und

die Erblichkeit der Knechtschaft ausreichten, beruht diese

Sklavenwirtschaft, voellig wie die amerikanische, auf systematisch

betriebener Menschenjagd, da bei der auf Leben und Fortpflanzung der

Sklaven wenig Ruecksicht nehmenden Nutzungsweise die Sklavenbevoelkerung

bestaendig zusammenschwand und selbst die stets neue Massen auf den

Sklavenmarkt liefernden Kriege das Defizit zu decken nicht ausreichten.

Kein Land, wo dieses jagdbare Wild sich vorfand, blieb hiervon

verschont; selbst in Italien war es keineswegs unerhoert, dass der

arme Freie von seinem Brotherrn unter die Sklaven eingestellt ward.

Das Negerland jener Zeit aber war Vorderasien 2, wo die kretischen und

kilikischen Korsaren, die rechten gewerbsmaessigen Sklavenjaeger

und Sklavenhaendler, die Kuesten Syriens und die griechischen Inseln

ausraubten, wo mit ihnen wetteifernd die roemischen Zollpaechter in den

Klientelstaaten Menschenjagden veranstalteten und die Gefangenen unter

ihr Sklavengesinde untersteckten - es geschah dies in solchem Umfang,

dass um 650 (100) der Koenig von Bithynien sich unfaehig erklaerte, den

verlangten Zuzug zu leisten, da aus seinem Reich alle arbeitsfaehigen

Leute von den Zollpaechtern weggeschleppt seien. Auf dem grossen

Sklavenmarkt in Delos, wo die kleinasiatischen Sklavenhaendler ihre Ware

an die italischen Spekulanten absetzten, sollen an einem Tage bis zu

10000 Sklaven des Morgens ausgeschifft und vor Abend alle verkauft

gewesen sein - ein Beweis zugleich, welche ungeheure Zahl von Sklaven

geliefert ward und wie dennoch die Nachfrage immer noch das Angebot

ueberstieg. Es war kein Wunder. Bereits in der Schilderung der

roemischen Oekonomie des sechsten Jahrhunderts ist es dargelegt worden,

dass dieselbe wie ueberhaupt die gesamte Grosswirtschaft des Altertums

auf dem Sklavenbetriebe ruht. Worauf immer die Spekulation sich warf,

ihr Werkzeug war ohne Ausnahme der rechtlich zum Tier herabgesetzte

Mensch. Durch Sklaven wurden grossenteils die Handwerke betrieben,

so dass der Ertrag dem Herrn zufiel. Durch die Sklaven der

Steuerpachtgesellschaft wurde die Erhebung der oeffentlichen Gefaelle

in den untern Graden regelmaessig beschafft. Ihre Haende besorgten den

Grubenbau, die Pechhuetten und was derart sonst vorkommt; schon frueh

kam es auf, Sklavenherden nach den spanischen Bergwerken zu senden,

deren Vorsteher sie bereitwillig annahmen und hoch verzinsten. Die

Wein- und Olivenlese wurde in Italien nicht von den Leuten auf dem Gut

bewirkt, sondern einem Sklavenbesitzer in Akkord gegeben. Die Huetung

des Viehs ward allgemein durch Sklaven beschafft; der bewaffneten,

haeufig berittenen Hirtensklaven auf den grossen Weidestrecken Italiens

ist bereits gedacht worden, und dieselbe Art der Weidewirtschaft ward

bald auch in den Provinzen ein beliebter Gegenstand der roemischen

Spekulation - so war zum Beispiel Dalmatien kaum erobert (599 155),

als die roemischen Kapitalisten anfingen, dort in italischer Weise

die Viehzucht im grossen zu betreiben. Aber in jeder Beziehung weit

schlimmer noch war der eigentliche Plantagenbau, die Bestellung der

Felder durch eine Herde nicht selten mit dem Eisen gestempelter Sklaven,

welche mit Fussschellen an den Beinen unter Aufsehern des Tags die

Feldarbeiten taten und nachts in dem gemeinschaftlichen, haeufig

unterirdischen Arbeiterzwinger zusammengesperrt wurden. Diese

Plantagenwirtschaft war aus dem Orient nach Karthago gewandert

und scheint durch die Karthager nach Sizilien gelangt zu sein, wo,

wahrscheinlich aus diesem Grunde, die Plantagenwirtschaft frueher

und vollstaendiger als in irgendeinem anderen Gebiet der roemischen

Herrschaft durchgebildet auftritt 3. Die Leontinische Feldmark von etwa

30 000 Jugera urbaren Landes, die als roemische Domaene von den Zensoren

verpachtet wurde, finden wir einige Dezennien nach der Gracchenzeit

geteilt unter nicht mehr als 84 Paechter, von denen also

durchschnittlich auf jeden 360 Jugera kamen und unter denen nur ein

einziger Leontiner, die uebrigen fremde, meistens roemische Spekulanten

waren. Man sieht hieraus, mit welchem Eifer die roemischen Spekulanten

hier in die Fussstapfen ihrer Vorgaenger traten und welche grossartigen

Geschaefte mit sizilischem Vieh und sizilischem Sklavenkorn die

roemischen und nichtroemischen Spekulanten gemacht haben werden, die

mit ihren Hutungen und Pflanzungen die schoene Insel bedeckten. Italien

indes blieb von dieser schlimmsten Form der Sklavenwirtschaft fuer

jetzt noch wesentlich verschont. Wenngleich in Etrurien, wo die

Plantagenwirtschaft zuerst in Italien aufgekommen zu sein scheint und wo

sie wenigstens vierzig Jahre spaeter in ausgedehntestem Umfange bestand,

hoechstwahrscheinlich schon jetzt es an Arbeiterzwingern nicht

fehlte, so ward doch die italische Ackerwirtschaft in dieser Zeit noch

ueberwiegend durch freie Leute oder doch durch ungefesselte Knechte,

daneben durch Akkordierung groesserer Arbeiten an Unternehmer betrieben.

Recht deutlich zeigt sich der Unterschied des italischen Sklavenwesens

von dem sizilischen darin, dass bei dem sizilischen Sklavenaufstand

619-622 (135-1 S2) allein die Sklaven der nach italischer Weise

lebenden mamertinischen Gemeinde sich nicht beteiligten.

------------------------------------------ 2 Auch damals wurde es

geltend gemacht, dass die Menschenrasse daselbst durch besondere

Dauerhaftigkeit sich vorzugsweise zum Sklavenstand eigne. Schon Plautus

(Trip. 542) preist "den Syrerschlag, der mehr vertraegt als ein andrer

sonst". 3 Auch die hybrid griechische Benennung des Arbeitshauses

(ergastulum von ergazomai nach Analogie von stabulum, operculum) deutet

darauf, dass diese Wirtschaftsweise aus einer Gegend des griechischen

Sprachgebiets und in einer noch nicht hellenisch durchgebildeten Zeit

den Roemern zukam. ------------------------------------------ Das Meer

von Jammer und Elend, das in diesem elendesten aller Proletariate sich

vor unsern Augen auftut, mag ergruenden, wer den Blick in solche

Tiefen wagt; es ist leicht moeglich, dass mit denen der roemischen

Sklavenschaft verglichen die Summe aller Negerleiden ein Tropfen ist.

Hier kommt es weniger auf den Notstand der Sklavenschaft selbst an als

auf die Gefahren, die sie ueber den roemischen Staat brachte und auf

das Verhalten der Regierung denselben gegenueber. Dass dies Proletariat

weder durch die Regierung ins Leben gerufen war noch geradezu von ihr

beseitigt werden konnte, leuchtet ein; es haette dies nur geschehen

koennen durch Heilmittel, die noch schlimmer gewesen waeren als das

Uebel. Der Regierung lag nur ob, teils die unmittelbare Gefahr fuer

Eigentum und Leben, womit das Sklavenproletariat die Staatsangehoerigen

bedrohte, durch eine ernstliche Sicherheitspolizei abzuwenden, teils auf

die moeglichste Beschraenkung des Proletariats durch Hebung der freien

Arbeit hinzuwirken. Sehen wir, wie die roemische Aristokratie diesen

beiden Aufgaben nachkam. Wie die Polizei gehandhabt ward, zeigen die

allerorts ausbrechenden Sklavenverschwoerungen und Sklavenkriege. In

Italien schienen die wuesten Vorgaenge, wie sie in den unmittelbaren

Nachwehen des Hannibalischen Krieges vorgekommen waren, sich jetzt zu

erneuern; auf einmal musste man in der Hauptstadt 150, in Minturnae 450,

in Sinuessa gar 4000 Sklaven aufgreifen und hinrichten lassen (621 133).

Noch schlimmer stand es begreiflicherweise in den Provinzen. Auf dem

grossen Sklavenmarkt zu Delos und in den attischen Silbergruben hatte

man um dieselbe Zeit die aufstaendischen Sklaven mit den Waffen

zu Paaren zu treiben. Der Krieg gegen Aristonikos und seine

kleinasiatischen "Sonnenstaedter" war wesentlich ein Krieg der

Besitzenden gegen die empoerten Sklaven. Am aergsten aber stand es

natuerlicherweise in dem gelobten Lande des Plantagensystems, in

Sizilien. Die Raeuberwirtschaft war daselbst, zumal im Binnenlande,

laengst ein stehendes Uebel; sie fing an, sich zur Insurrektion zu

steigern. Ein reicher und mit den italischen Herren in industrieller

Exploitierung seines lebendigen Kapitals wetteifernder Pflanzer von Enna

(Castrogiovanni), Damophilos, ward von seinen erbitterten Feldsklaven

ueberfallen und ermordet; worauf die wilde Schar in die Stadt Enna

stroemte und dort derselbe Vorgang in groesserem Massstab sich

erneuerte. In Masse erhoben die Sklaven sich gegen ihre Herren, toeteten

oder knechteten sie und riefen an die Spitze des schon ansehnlichen

Insurgentenheeres einen Wundermann aus dem syrischen Apameia, der Feuer

zu speien und zu orakeln verstand, bisher als Sklave Eunus genannt,

jetzt als Haupt der Insurgenten Antiochos der Koenig der Syrer. Warum

auch nicht? Hatte doch wenige Jahre zuvor ein anderer syrischer Knecht,

der nicht einmal ein Prophet war, in Antiocheia selbst das koenigliche

Stirnband der Seleukiden getragen. Der tapfere "Feldherr" des neuen

Koenigs, der griechische Sklave Achaeos, durchstreifte die Insel, und

nicht bloss die wilden Hirten stroemten von nah und fern unter die

seltsamen Fahnen - auch die freien Arbeiter, die den Pflanzern alles

Ueble goennten, machten mit den empoerten Sklaven gemeinschaftliche

Sache. In einer anderen Gegend Siziliens folgte ein kilikischer Sklave,

Kleon, einst in seiner Heimat ein dreister Raeuber, dem gegebenen

Beispiel und besetzte Akragas, und da die Haeupter miteinander sich

vertrugen, gelang es ihnen nach manchen geringeren Erfolgen zuletzt, den

Praetor Lucius Hypsaeus selbst mit seiner groesstenteils aus sizilischen

Milizen bestehenden Armee gaenzlich zu schlagen und sein Lager

zu erobern. Hierdurch kam fast die ganze Insel in die Gewalt der

Aufstaendischen, deren Zahl nach den maessigsten Angaben sich auf 70000

Waffenfaehige belaufen haben soll; die Roemer sahen sich genoetigt, drei

Jahre nacheinander (620-622 134-132) Konsuln und konsularische Heere

nach Sizilien abzusenden, bis nach manchen unentschiedenen, ja zum Teil

ungluecklichen Gefechten endlich mit der Einnahme von Tauromenion und

von Enna der Aufstand ueberwaeltigt war. Vor der letzteren Stadt, in die

sich die entschlossenste Mannschaft der Insurgenten geworfen hatte, um

sich in dieser unbezwinglichen Stellung zu verteidigen, wie sich Maenner

verteidigen, die an Rettung wie an Begnadigung verzweifeln, lagerten die

Konsuln Lucius Calpurnius Piso und Publius Rupilius zwei Jahre hindurch

und bezwangen sie endlich mehr durch den Hunger als durch die Waffen 4.

------------------------------------------------- 4 Noch jetzt finden

sich vor Castrogiovanni, da, wo der Aufgang am wenigsten jaeh ist,

nicht selten roemische Schleuderkugeln mit dem Namen des Konsuls von

621 (133): L. Piso L. f. cos.

------------------------------------------------- Das waren die

Ergebnisse der Sicherheitspolizei, wie sie von dem roemischen Senat und

dessen Beamten in Italien und den Provinzen gehandhabt ward. Wenn die

Aufgabe, das Proletariat zu beseitigen, die ganze Macht und Weisheit

der Regierung erfordert und nur zu oft uebersteigt, so ist dagegen die

polizeiliche Niederhaltung desselben fuer jedes groessere Gemeinwesen

verhaeltnismaessig leicht. Es staende wohl um die Staaten, wenn die

besitzlosen Massen ihnen keine andere Gefahr bereiteten, als wie sie

auch droht von Baeren und Woelfen; nur der Aengsterling und wer mit der

albernen Angst der Menge Geschaefte macht, prophezeit den Untergang

der buergerlichen Ordnung in Sklavenaufstaenden oder

Proletariatinsurrektionen. Aber selbst dieser leichteren Aufgabe der

Baendigung der gedrueckten Massen ward von der roemischen Regierung

trotz des tiefsten Friedens und der unerschoepflichen Hilfsquellen des

Staats keineswegs genuegt. Es war dies ein Zeichen ihrer Schwaeche;

aber nicht ihrer Schwaeche allein. Von Rechts wegen war der roemische

Statthalter verpflichtet, die Landstrassen rein zu halten und die

aufgegriffenen Raeuber, wenn es Sklaven waren, ans Kreuz schlagen zu

lassen; natuerlich, denn Sklavenwirtschaft ist nicht moeglich ohne

Schreckensregiment. Allein in dieser Zeit war in Sizilien wohl auch

mitunter, wenn die Strassen allzu unsicher wurden, von dem Statthalter

eine Razzia veranstaltet, aber um es mit den italischen Pflanzern nicht

zu verderben, wurden die gefangenen Raeuber von der Behoerde in der

Regel an ihre Herren zu gutfindender Bestrafung abgegeben; und diese

Herren waren sparsame Leute, welche ihren Hirtenknechten, wenn sie

Kleider begehrten, mit Pruegel antworteten und mit der Frage, ob denn

die Reisenden nackt durch das Land zoegen. Die Folge solcher Konnivenz

war denn, dass nach Ueberwaeltigung des Sklavenaufstandes der Konsul

Publius Rupilius alles, was lebend in seine Haende kam, es heisst ueber

20000 Menschen, ans Kreuz schlagen liess. Es war freilich nicht laenger

moeglich, das Kapital zu schonen. Unendlich schwerer zu gewinnende,

freilich auch unendlich reichere Fruechte verhiess die Fuersorge

der Regierung fuer Hebung der freien Arbeit und folgeweise fuer

Beschraenkung des Sklavenproletariats. Leider geschah in dieser

Beziehung schlechterdings gar nichts. In der ersten sozialen Krise hatte

man gesetzlich dem Gutsherrn vorgeschrieben, eine nach der Zahl seiner

Sklavenarbeiter abgemessene Anzahl freier Arbeiter zu verwenden. Jetzt

ward auf Veranlassung der Regierung eine punische Schrift ueber den

Landbau, ohne Zweifel eine Anweisung zur Plantagenwirtschaft nach

karthagischer Art, zu Nutz und Frommen der italischen Spekulation ins

Lateinische uebersetzt -das erste und einzige Beispiel einer von dem

roemischen Senat veranlassten literarischen Unternehmung! Dieselbe

Tendenz offenbart sich in einer wichtigeren Angelegenheit oder vielmehr

in der Lebensfrage fuer Rom, in dem Kolonisierungssystem. Es bedurfte

nicht der Weisheit, nur der Erinnerung an den Verlauf der ersten

sozialen Krise Roms, um zu begreifen, dass gegen ein agrikoles

Proletariat die einzige ernstliche Abhilfe in einem umfassenden

und regularisierten Emigrationssystem bestand, wozu die aeusseren

Verhaeltnisse Roms die guenstigste Gelegenheit darboten. Bis gegen das

Ende des sechsten Jahrhunderts hatte man in der Tat dem fortwaehrenden

Zusammenschwinden des italischen Kleinbesitzes durch fortwaehrende

Gruendung neuer Bauernhufen entgegengewirkt. Es war dies zwar keineswegs

in dem Masse geschehen, wie es haette geschehen koennen und sollen;

man hatte nicht bloss das seit alten Zeiten von Privaten okkupierte

Domanialland nicht eingezogen, sondern auch weitere Okkupationen

neugewonnenen Landes gestattet und andere sehr wichtige Erwerbungen, wie

namentlich das Gebiet von Capua, zwar nicht der Okkupation preisgegeben,

aber doch auch nicht zur Verteilung gebracht, sondern als nutzbare

Domaene verwertet. Dennoch hatte die Landanweisung segensreich gewirkt,

vielen der Notleidenden Hilfe und allen Hoffnung gegeben. Allein, nach

der Gruendung von Luna (577 177) findet sich, ausser der vereinzelt

stehenden Anlage der picenischen Kolonie Auximum (Osimo) im Jahre 597

(157), von weiteren Landanweisungen auf lange hinaus keine Spur. Die

Ursache ist einfach. Da seit der Besiegung der Boier und Apuaner ausser

den wenig lockenden ligurischen Taelern neues Gebiet in Italien nicht

gewonnen ward, war daselbst kein anderes Land zu verteilen als

das verpachtete oder okkupierte Domanialland, dessen Antastung der

Aristokratie begreiflicherweise jetzt ebensowenig genehm war wie

vor dreihundert Jahren. Das ausserhalb Italien! gewonnene Gebiet zur

Verteilung zu bringen, schien aber aus politischen Gruenden unzulaessig;

Italien sollte das herrschende Land bleiben und die Scheidewand zwischen

italischen Herren und dienenden Provinzialen nicht fallen. Wenn

man nicht die Ruecksichten der hoeheren Politik oder gar die

Standesinteressen beiseite setzen wollte, blieb der Regierung nichts

uebrig, als dem Ruin des italischen Bauernstandes zuzusehen, und

also geschah es. Die Kapitalisten fuhren fort, die kleinen Besitzer

auszukaufen, auch wohl, wenn sie eigensinnig blieben, deren Aecker ohne

Kaufbrief einzuziehen, wobei es begreiflich nicht immer guetlich abging

- eine besonders beliebte Weise war es, dem Bauer, waehrend er im Felde

stand, Weib und Kinder vom Hofe zu stossen und ihn mittels der Theorie

der vollendeten Tatsache zur Nachgiebigkeit zu bringen. Die Gutsbesitzer

fuhren fort, statt der freien Arbeiter sich vorwiegend der Sklaven zu

bedienen, schon deshalb, weil diese nicht wie jene zum Kriegsdienst

abgerufen werden konnten, und dadurch das freie Proletariat auf das

gleiche Niveau des Elends mit der Sklavenschaft herabzudruecken.

Sie fuhren fort, durch das spottwohlfeile sizilische Sklavenkorn das

italische von dem hauptstaedtischen Markt zu verdraengen und dasselbe

auf der ganzen Halbinsel zu entwerten. In Etrurien hatte die alte

einheimische Aristokratie im Bunde mit den roemischen Kapitalisten

schon im Jahre 520 (184) es so weit gebracht, dass es dort keinen freien

Bauern mehr gab. Es konnte auf dem Markt der Hauptstadt laut gesagt

werden, dass die Tiere ihr Lager haetten, den Buergern aber nichts

geblieben sei als Luft und Sonnenschein und dass die, welche die Herren

der Welt hiessen, keine Scholle mehr ihr eigen nennten. Den Kommentar

zu diesen Worten lieferten die Zaehlungslisten der roemischen

Buergerschaft. Vom Ende des Hannibalischen Krieges bis zum Jahre

595 (159) ist die Buergerzahl in stetigem Steigen, wovon die Ursache

wesentlich zu suchen ist in den fortdauernden und ansehnlichen

Verteilungen von Domanialland; nach 595 (159), wo die Zaehlung 328000

waffenfaehige Buerger ergab, zeigt sich dagegen ein regelmaessiges

Sinken, indem sich die Liste im Jahre 600 (154) auf 324000, im Jahre 607

(147) auf 322000, im Jahre 623 (131) auf 319000 waffenfaehige Buerger

stellt - ein erschreckendes Ergebnis fuer eine Zeit tiefen inneren und

aeusseren Friedens. Wenn das so fortging, loeste die Buergerschaft sich

auf in Pflanzer und Sklaven und konnte schliesslich der roemische Staat,

wie es bei den Parthern geschah, seine Soldaten auf dem Sklavenmarkt

kaufen. So standen die aeusseren und inneren Verhaeltnisse Roms, als der

Staat eintrat in das siebente Jahrhundert seines Bestandes. Wohin

man auch das Auge wandte, fiel es auf Missbraeuche und Verfall;

jedem einsichtigen und wohlwollenden Mann musste die Erwaegung sich

aufdraengen, ob denn hier nicht zu helfen und zu bessern sei. Es fehlte

an solchen in Rom nicht; aber keiner schien mehr berufen zu dem grossen

Werk der politischen und sozialen Reform als der Lieblingssohn des

Aemilius Paullus, der Adoptivenkel des grossen Scipio, der dessen

glorreichen Afrikanernamen nicht bloss kraft Erb-, sondern auch kraft

eigenen Rechtes trug, Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus

(570-625 184-129). Gleich seinem Vater war er ein massvoller, durch und

durch gesunder Mann, nie krank am Koerper und nie unsicher ueber den

naechsten und notwendigen Entschluss. Schon in seiner Jugend hatte

er sich ferngehalten von dem gewoehnlichen Treiben der politischen

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 8 / 52 段