blieben in ihren bisherigen beschraenkten Verhaeltnissen bestehen.
Jenseits des Halys befolgte Kappadokien, nachdem Koenig Ariarathes
V. Philopator (591 - 624 136 - 130), hauptsaechlich durch Hilfe der
Attaliden, sich gegen seinen von Syrien unterstuetzten Bruder und
Nebenbuhler Holophernes behauptet hatte, wesentlich die pergamenische
Politik, sowohl in der unbedingten Hingebung an Rom als in der Richtung
auf hellenische Bildung. Durch ihn drang diese ein in das bis dahin fast
barbarische Kappadokien und freilich auch sogleich ihre Auswuechse,
wie der Bakchosdienst und das wueste Treiben der wandernden
Schauspielertruppen, der sogenannten "Kuenstler". Zum Lohn der Treue
gegen Rom, die dieser Fuerst in dem Kampfe gegen den pergamenischen
Praetendenten mit seinem Leben bezahlt hatte, ward sein unmuendiger Erbe
Ariarathes VI. nicht nur gegen die von dem Koenig von Pontos
versuchte Usurpation durch die Roemer geschirmt, sondern ihm auch der
suedoestliche Teil des Attalidenreiches gegeben, Lykaorien nebst der
oestlich daran grenzenden, .in aelterer Zeit zu Kilikien gerechneten
Landschaft. Endlich im fernen Nordosten Kleinasiens gelangte
"Kappadokien am Meer" oder kurzweg der "Meerstaat", Pontos, zu
steigender Ausdehnung und Bedeutung. Nicht lange nach der Schlacht von
Magnesia hatte Koenig Pharnakes I. sein Gebiet weit ueber den Halys
bis nach Tios an, der bithynischen Grenze ausgedehnt und namentlich des
reichen Sinope sich bemaechtigt, das aus einer griechischen Freistadt
dieser Koenige Residenz ward. Zwar hatten die durch diese Uebergriffe
gefaehrdeten Nachbarstaaten, Koenig Eumenes II. an ihrer Spitze,
deswegen Krieg gegen ihn gefuehrt (571-575 183-179) und unter roemischer
Vermittlung das Versprechen von ihm erzwungen, Galatien und Paphlagonien
zu raeumen; allein der Verlauf der Ereignisse zeigt, dass Pharnakes
sowie sein Nachfolger Mithradates V. Euergetes (598 ? - 634 156 - 120),
treue Bundesgenossen Roms im Dritten Punischen Krieg sowie in dem gegen
Aristonikos, nicht bloss jenseits des Halys sitzen geblieben
sind, sondern auch der Sache nach die Schutzherrlichkeit ueber die
paphlagonischen und galatischen Dynasten behalten haben. Nur unter
dieser Voraussetzung ist es erklaerlich, wie Mithradates, angeblich
wegen seiner tapferen Taten im Kriege gegen Aristonikos, in der Tat
fuer betraechtliche an den roemischen Feldherrn gezahlte Summen,
von demselben nach Aufloesung des Attalischen Reiches Grossphrygien
empfangen konnte. Wie weit andererseits gegen den Kaukasus und die
Euphratquellen das :Pontische Reich sich um diese Zeit erstreckte,
ist nicht genau zu bestimmen; doch scheint es den westlichen Teil von
Armenien um Enderes und Diwirigi oder das sogenannte Klein-Armenien
als abhaengige Satrapie umfasst zu haben, waehrend Gross -Armenien
und Sophene eigene unabhaengige Reiche bildeten. Wenn also auf der
kleinasiatischen Halbinsel wesentlich Rom das Regiment fuehrte und, so
vieles auch ohne und gegen seinen Willen geschah, doch den Besitzstand
im ganzen bestimmt, so blieben dagegen die weiten Strecken jenseits des
Taurus und des oberen Euphrat bis hinab zum Niltal in der Hauptsache
sich selber ueberlassen. Zwar der der Regulierung des Ostens von 565
(189) zugrunde gelegte Satz, dass der Halys die Ostgrenze der roemischen
Klientel bilden solle, ward vom Senat nicht eingehalten und trug
auch die Unhaltbarkeit in sich selber. Der politische Horizont ist
Selbsttaeuschung so gut wie der physische; wenn dem Staate Syrien
die Zahl der ihm gestatteten Kriegsschiffe und Kriegselefanten im
Friedensvertrag selbst normiert ward, wenn das syrische Heer auf Befehl
des roemischen Senats das halb gewonnene Aegypten raeumte, so lag da
in die vollstaendige Anerkennung der Hegemonie und der Klientel. Darum
gingen denn auch die Thronstreitigkeiten in Syrien wie in Aegypten
zur Beilegung an die roemische Regierung. Dort stritten nach Antiochos
Epiphanes' Tode (590 164) der als Geisel in Rom lebende Sohn Seleukos
des vierten, Demetrios, spaeter Soter genannt, und des letzten Koenigs
Antiochos Epiphanes unmuendiger Sohn Antiochos Eupator um die Krone;
hier war von den beiden seit 584 (170) gemeinschaftlich regierenden
Bruedern der aeltere Ptolemaeos Philometor (573-608 146-131) durch den
juengeren Ptolemaeos Euergetes II. oder den Dicken (+ 637 117) aus dem
Lande getrieben worden (590 164) und, um seine Herstellung zu erwirken,
persoenlich in Rom erschienen. Beide Angelegenheiten ordnete der Senat
lediglich auf diplomatischem Wege und wesentlich nach Massgabe des
roemischen Vorteils. In Syrien ward Antiochos Eupator mit Beseitigung
des besser berechtigten Demetrios als Koenig anerkannt und mit der
Fuehrung der Vormundschaft ueber den koeniglichen Knaben der roemische
Senator Gnaeus Octavius vom Senat beauftragt, welcher, wie begreiflich,
durchaus im roemischen Interesse regierte, die Kriegsflotte und das
Elefantenheer dem Friedensvertrag von 565 (189) gemaess reduzierte und
im besten Zuge war, den militaerischen Ruin des Landes zu vollenden. In
Aegypten ward nicht bloss Philometors Herstellung bewirkt, sondern auch,
teils um dem Bruderzwist ein Ziel zu setzen, teils um die noch immer
ansehnliche Macht Aegyptens zu schwaechen, Kyrene vom Reich getrennt
und Euergetes mit demselben abgefunden. "Koenige sind, wen die Roemer
wollen", schrieb nicht lange nachher ein juedischer Mann, "und wen sie
nicht wollen, den verjagen sie von Land und Leuten". Allein dies
war fuer lange Zeit das letzte Mal, dass der roemische Senat in den
Angelegenheiten des Ostens mit derjenigen Tuechtigkeit und Tatkraft
auftrat, welche er in den Verwicklungen mit Philippos, Antiochos
und Perseus durchgaengig bewaehrt hatte. Der innerliche Verfall des
Regiments wirkte am spaetesten, aber wirkte doch endlich auch zurueck
auf die Behandlung der auswaertigen Angelegenheiten. Das Regiment ward
unstet und unsicher; man liess die eben erfassten Zuegel erschlaffen und
beinahe wieder fahren. Der vormundschaftliche Regent von Syrien ward in
Laodikeia ermordet; der zurueckgewiesene Praetendent Demetrios entfloh
aus Rom und bemaechtigte sich unter dem dreisten Vorgeben, dass der
roemische Senat ihn dazu bevollmaechtigt habe, nach Beseitigung des
koeniglichen Knaben der Regierung seines vaeterlichen Reiches (592 162).
Bald nachher brach zwischen den Koenigen von Aegypten und Kyrene Krieg
aus ueber den Besitz der Insel Kypros, welche der Senat zuerst dem
aelteren, sodann dem juengeren zugeschieden hatte, und im Widerspruch
mit der neuesten roemischen Entscheidung blieb dieselbe schliesslich bei
Aegypten. So wurde die roemische Regierung, in der Fuelle ihrer Macht
und waehrend des tiefsten inneren und aeusseren Friedens daheim, von den
ohnmaechtigen Koenigen des Ostens mit ihren Dekreten verhoehnt, ihr Name
gemissbraucht, ihr Muendel und ihr Kommissar ermordet. Als siebzig Jahre
zuvor die Illyriker in aehnlicher Weise sich an roemischen Abgeordneten
vergriffen, hatte der damalige Senat dem Ermordeten auf dem Marktplatz
ein Denkmal errichtet und mit Heer und Flotte die Moerder zur
Verantwortung gezogen. Der Senat dieser Zeit liess dem Gnaeus Octavius
gleichfalls ein Denkmal setzen, wie die Sitte der Vaeter es vorschrieb;
aber statt Truppen nach Syrien einzuschiffen, ward Demetrios als
Koenig des Landes anerkannt - man war ja jetzt so maechtig, dass es
ueberfluessig schien, die Ehre zu wahren. Ebenso blieb nicht bloss
Kypros trotz des entgegenstehenden Senatsbeschlusses bei Aegypten,
sondern als nach Philometors Tode (608 146) Euergetes ihm nachfolgte und
dadurch das geteilte Reich wiederum vereinigt ward, liess der Senat auch
dies ungehindert geschehen. Nach solchen Vorgaengen war der roemische
Einfluss in diesen Landschaften tatsaechlich gebrochen und entwickelten
sich die Verhaeltnisse daselbst zunaechst ohne Zutun der Roemer; doch
ist des weiteren Verlaufs der Dinge wegen es notwendig, auch jetzt den
naeheren und selbst den ferneren Osten nicht voellig aus den Augen zu
verlieren. Wenn in dem allerseits abgeschlossenen Aegypten der Status
quo sich so leicht nicht verschob, so gruppierten dagegen in Asien dies-
und jenseits des Euphrat waehrend und zum Teil infolge dieser momentanen
Stockung der roemischen Oberleitung die Voelker und Staaten sich
wesentlich anders. Jenseits der grossen iranischen Wueste hatten nicht
lange nach Alexander dem Grossen am Indus das Reich von Palimbothra
unter Tschandragupta (Sandrakottos), am oberen Oxus der maechtige
baktrische Staat, beide aus einer Mischung der nationalen Elemente und
der oestlichsten Auslaeufer hellenischer Zivilisation sich gebildet.
Westwaerts von diesen begann das Reich Asien, das noch unter Antiochos
dem Grossen zwar geschmaelert, aber immer noch ungeheuer vom Hellespont
bis zu den medischen und persischen Landschaften sich erstreckte und
das ganze Stromgebiet des Euphrat und Tigris in sich schloss. Noch jener
Koenig hatte seine Waffen bis jenseits der Wueste in das Gebiet der
Parther und Baktrier getragen; erst unter ihm hatte der gewaltige Staat
angefangen sich aufzuloesen. Nicht bloss Vorderasien war infolge der
Schlacht von Magnesia verloren worden; auch die gaenzliche Loesung der
beiden Kappadokien und der beiden Armenien, des eigentlichen Armenien im
Nordosten und der Landschaft Sophene im Suedwesten, und ihre Verwandlung
in selbstaendige Koenigreiche aus syrischen Lehnsfuerstentuemern,
gehoert dieser Zeit an. Von diesen Staaten gelangte namentlich
Grossarmenien unter den Artaxiaden bald zu einer ansehnlichen Stellung.
Vielleicht noch gefaehrlichere Wunden schlug dem Reiche seines
Nachfolgers Antiochos Epiphanes (579-590 175- 164) toerichte
Nivellierungspolitik. So richtig es auch war, dass sein Reich mehr einem
Laenderbuendel als einem Staate glich und dass die Verschiedenheiten
der Nationalitaeten und der Religionen der Untertanen der Regierung
die wesentlichsten Hindernisse bereitete, so war doch der Plan,
hellenisch-roemische Weise und hellenisch-roemischen Kultus ueberall
in seinem Lande einzufuehren und seine Voelker in politischer wie in
religioeser Hinsicht auszugleichen unter allen Umstaenden eine Torheit,
auch abgesehen davon, dass dieser karikierte Joseph II. persoenlich
einem solchen gigantischen Beginnen nichts weniger als gewachsen war
und durch Tempelpluenderung im grossartigsten Massstab und die tollste
Ketzerverfolgung seine Reformen in der uebelsten Weise einleitete.
Die eine Folge hiervon war, dass die Bewohner der Grenzprovinz gegen
Aegypten, die Juden, sonst bis zur Demuetigkeit fuegsame und aeusserst
taetige und betriebsame Leute, durch den systematischen Religionszwang
zur offenen Empoerung gedraengt wurden (um 587 167). Die Sache kam an
den Senat, und da derselbe eben damals teils gegen Demetrios Soter
mit gutem Grund erbittert war, teils eine Verbindung der Attaliden und
Seleukiden besorgte, ueberhaupt aber die Herstellung einer Mittelmacht
zwischen Syrien und Aegypten im Interesse Roms lag, so machte er keine
Schwierigkeit, die Freiheit und Autonomie der insurgierten Nation sofort
anzuerkennen (um 593 161). Indes geschah doch von Rom fuer die Juden
nur, was man tun konnte, ohne sich selber zu bemuehen; trotz der Klausel
des zwischen den Roemern und den Juden abgeschlossenen Vertrags, die den
Juden, im Fall sie angegriffen wuerden, den Beistand Roms versprach, und
trotz des an die Koenige von Syrien und Aegypten gerichteten Verbots,
ihre Truppen durch das juedische Land zu fuehren, blieb es natuerlich
lediglich jenen selbst ueberlassen, der syrischen Koenige sich zu
erwehren. Mehr als die Briefe ihrer maechtigen Verbuendeten tat fuer
sie die tapfere und umsichtige Leitung des Aufstandes durch das
Heldengeschlecht der Makkabaeer und die innere Zerrissenheit des
Syrischen Reiches: waehrend des Haders zwischen den syrischen Koenigen
Tryphon und Demetrios Nikator ward den Juden die Autonomie und
Steuerfreiheit foermlich zugestanden (612 142) und bald darauf sogar das
Haupt des Makkabaeerhauses, Simon, des Mattathias Sohn, von der Nation
wie von dem syrischen Grosskoenig als Hochpriester und Fuerst
Israels foermlich anerkannt ^18 (615 139).
----------------------------------------- ^18 Von ihm ruehren die
Muenzen her mit der Aufschrift "Shekel Israel" und der Jahreszahl des
"heiligen Jerusalem" oder "der Erloesung Sions". Die aehnlichen mit dem
Namen Simons, des Fuersten (Nessi) Israel, gehoeren nicht ihm,
sondern dem Insurgentenfuehrer Bar Kochba unter Hadrian.
------------------------------------------ Folgenreicher noch als diese
Insurrektion der Israeliten war die gleichzeitig und wahrscheinlich aus
gleicher Ursache entstandene Bewegung in den oestlichen Landschaften,
wo Antiochos Epiphanes die Tempel der persischen Goetter nicht minder
leerte wie den von Jerusalem und dort den Anhaengern des Ahuramazda und
des Mithra es nicht besser gemacht haben wird wie hier denen des
Jehova. Wie in Judaea, nur in weiterem Umfang und in grossartigeren
Verhaeltnissen, war das Ergebnis eine Reaktion der einheimischen
Weise und der einheimischen Religion gegen den Hellenismus und die
hellenischen Goetter; die Traeger dieser Bewegung waren die Parther und
aus ihr entsprang das grosse Partherreich. Die "Parthwa" oder Parther,
die als eine der zahllosen in das grosse Perserreich aufgegangenen
Voelkerschaften frueh, zuerst im heutigen Khorasan suedoestlich vom
Kaspischen Meere begegnen, erscheinen schon seit 500 (250) unter dem
skythischen, das heisst turanischen Fuerstengeschlecht der Arsakiden
als ein selbstaendiger Staat, der indes erst ein Jahrhundert spaeter aus
seiner Dunkelheit hervortrat. Der sechste Arsakes, Mithradates I.
(579? - 618? 175-136), ist der eigentliche Gruender der parthischen
Grossmacht. Ihm erlag das an sich weit maechtigere, aber teils durch die
Fehden mit den skythischen Reiterscharen von Turan und mit den Staaten
am Indus, teils durch innere Wirren bereits in allen Fugen erschuetterte
Baktrische Reich. Fast gleiche Erfolge errang er in den Landschaften
westlich von der grossen Wueste. Das Syrische Reich war eben damals,
teils infolge der verfehlten Hellenisierungsversuche des
Antiochos Epiphanes, teils durch die nach dessen Tode eintretenden
Sukzessionswirren, aufs tiefste zerruettet und die inneren Provinzen im
vollen Zuge, sich von Antiocheia und der Kuestenlandschaft abzuloesen;
in Kommagene zum Beispiel, der noerdlichsten Landschaft Syriens an
der kappadokischen Grenze, machte der Satrap Ptolemaeos, auf dem
entgegengesetzten Ufer des Euphrat im noerdlichen Mesopotamien oder
der Landschaft Osrhoene der Fuerst von Edessa, in der wichtigen Provinz
Medien der Satrap Timarchos sich unabhaengig; ja der letztere liess sich
vom roemischen Senat seine Unabhaengigkeit bestaetigen und herrschte,
gestuetzt auf das verbuendete Armenien, bis hinab nach Seleukeia am
Tigris. Unordnungen dieser Art waren im Asiatischen Reiche in Permanenz,
sowohl die Provinzen unter ihren halb oder ganz unabhaengigen Satrapen
in ewigem Aufstand als auch die Hauptstadt mit ihrem gleich dem
roemischen und dem alexandrinischen zuchtlosen und widerspenstigen
Poebel. Die gesamte Meute der Nachbarkoenige, Aegypten, Armenien,
Kappadokien, Pergamon, mengte unaufhoerlich sich in die Angelegenheiten
Syriens und naehrte die Erbfolgestreitigkeiten, so dass der Buergerkrieg
und die faktische Teilung der Herrschaft unter zwei oder mehr
Praetendenten fast zur stehenden Landplage ward. Die roemische
Schutzmacht, wenn sie die Nachbarn nicht aufstiftete, sah untaetig zu.
Zu allem diesem draengte von Osten her das neue Partherreich, nicht
bloss mit seiner materiellen Macht, sondern auch mit dem ganzen
Uebergewicht seiner nationalen Sprache und Religion, seiner nationalen
Heer- und Staatsverfassung auf die Fremdlinge ein. Es ist hier noch
nicht der Ort dies regenerierte Kyrosreich zu schildern; es genuegt im
allgemeinen, daran zu erinnern, dass, so maechtig auch in ihm noch der
Hellenismus auftritt, dennoch der parthische Staat, verglichen mit dem
der Seleukiden, auf einer nationalen und religioesen Reaktion beruht und
die alte iranische Sprache, der Magierstand und der Mithrasdienst, die
orientalische Lehnsverfassung, die Reiterei der Wueste und Pfeil und
Bogen hier zuerst dem Hellenismus wieder uebermaechtig entgegentraten.
Die Lage der Reichskoenige diesem allem gegenueber war in der Tat
beklagenswert. Das Geschlecht der Seleukiden war keineswegs so entnervt
wie zum Beispiel das der Lagiden, und einzelnen derselben mangelte es
nicht an Tapferkeit und Faehigkeit; sie wiesen auch wohl den einen oder
den andern jener zahllosen Rebellen, Praetendenten und Intervenienten
in seine Schranken zurueck; aber es fehlte ihrer Herrschaft so sehr an
einer festen Grundlage, dass sie dennoch der Anarchie nicht auch nur
voruebergehend zu steuern vermochten. Das Ergebnis war denn, was es sein
musste. Die oestlichen Landschaften Syriens unter ihren unbeschuetzten
oder gar aufruehrerischen Satrapen gerieten unter parthische
Botmaessigkeit; Persien, Babylonien, Medien wurden auf immer vom
Syrischen Reiche getrennt; der neue Staat der Parther reichte zu beiden
Seiten der grossen Wueste vom Oxus und Hindukusch bis zum Tigris und zur
Arabischen Wueste, wiederum gleich dem Perserreich und all den aelteren
asiatischen Grossstaaten eine reine Kontinentalmonarchie und wiederum
eben gleich dem Perserreich in ewiger Fehde begriffen einerseits mit
den Voelkern von Turan, andererseits mit den Okzidentalen. Der Syrische
Staat umfasste ausser der Kuestenlandschaft hoechstens noch Mesopotamien
und verschwand, mehr noch infolge seiner inneren Zerruettung als seiner
Verkleinerung, auf immer aus der Reihe der Grossstaaten. Wenn die
mehrfach drohende gaenzliche Unterjochung des Landes durch die Parther
unterblieb, so ist dies nicht der Gegenwehr der letzten Seleukiden,
noch weniger dem Einfluss Roms zuzuschreiben, sondern vielmehr den
vielfaeltigen inneren Unruhen im Partherreiche selbst und vor allem
den Einfaellen der turanischen Steppenvoelker in dessen oestliche
Landschaften. Diese Umwandlung der Voelkerverhaeltnisse im inneren Asien
ist der Wendepunkt in der Geschichte des Altertums. Auf die Voelkerflut,
die bisher von Westen nach Osten sich ergossen und in dem grossen
Alexander ihren letzten und hoechsten Ausdruck gefunden hatte, folgt die
Ebbe. Seit der Partherstaat besteht, ist nicht bloss verloren, was in
Baktrien und am Indus etwa noch von hellenischen Elementen sich erhalten
haben mochte, sondern auch das westliche Iran weicht wieder zurueck in
das seit Jahrhunderten verlassene, aber noch nicht verwischte Geleise.
Der roemische Senat opfert das erste wesentliche Ergebnis der Politik
Alexanders und leitet damit jene ruecklaeufige Bewegung ein, deren
letzte Auslaeufer im Alhambra von Granada und in der Grossen Moschee von
Konstantinopel endigen. Solange noch das Land von Ragae und Persepolis
bis zum Mittelmeer dem Koenig von Antiochia gehorchte, erstreckte auch
Roms Macht sich bis an die Grenze der grossen Wueste; der Partherstaat,
nicht weil er so gar maechtig war, sondern weil er seinen Schwerpunkt
fern von der Kueste, im inneren Asien fand, konnte niemals eintreten in
die Klientel des Mittelmeerreiches. Seit Alexander hatte die Welt den
Okzidentalen allein gehoert und schien der Orient fuer diese nur zu
sein, was spaeter Amerika und Australien fuer die Europaeer wurden;
mit Mithradates I. trat dieser wieder ein in den Kreis der politischen
Bewegung. Die Welt hatte wieder zwei Herren. Es ist noch uebrig, auf
die maritimen Verhaeltnisse dieser Zeit einen Blick zu werfen, obwohl
darueber sich kaum etwas anderes sagen laesst, als dass es nirgends
mehr eine Seemacht gab. Karthago war vernichtet, Syriens Kriegsflotte
vertragsmaessig zugrunde gerichtet, Aegyptens einst so gewaltige
Kriegsmarine unter seinen gegenwaertigen schlaffen Regenten in tiefem
Verfall. Die kleineren Staaten und namentlich die Kaufstaedte hatten
wohl einige bewaffnete Fahrzeuge, aber sie genuegten nicht einmal
fuer die im Mittelmeere so schwierige Unterdrueckung des Seeraubs. Mit
Notwendigkeit fiel diese Rom zu als der fuehrenden Macht im Mittelmeer.
Wie ein Jahrhundert zuvor die Roemer eben hierin mit besonderer und
wohltaetiger Entschiedenheit aufgetreten waren und namentlich im Osten
ihre Suprematie zunaechst eingefuehrt hatten durch die zum allgemeinen
Besten energisch gehandhabte Seepolizei, ebenso bestimmt bezeichnet die
vollstaendige Nichtigkeit derselben schon im Beginn dieser Periode den
furchtbar raschen Verfall des aristokratischen Regiments. Eine eigene
Flotte besass Rom nicht mehr; man begnuegte sich, wenn es noetig schien,
von den italischen, den kleinasiatischen und den sonstigen Seestaedten
Schiffe einzufordern. Die Folge war natuerlich, dass das Flibustierwesen
sich organisierte und konsolidierte. Zu dessen Unterdrueckung geschah
nun wohl, wenn nicht genug, so doch etwas, soweit die unmittelbare Macht
der Roemer reichte, im Adriatischen und Tyrrhenischen Meer. Die gegen
die dalmatischen und ligurischen Kuesten in dieser Epoche gerichteten
Expeditionen bezweckten namentlich die Unterdrueckung des Seeraubs in
den beiden italischen Meeren; aus gleichem Grunde wurden im Jahre 631
(123) die Balearischen Inseln besetzt. Dagegen in den mauretanischen
und den griechischen Gewaessern blieb es den Anwohnern und den Schiffern
ueberlassen, mit den Korsaren auf die eine oder die andere Weise sich
abzufinden, da die roemische Politik daran festhielt sich um diese
entfernteren Gegenden so wenig wie irgend moeglich zu kuemmern. Die
zerruetteten und bankerotten Gemeinwesen in den also sich selbst
ueberlassenen Kuestenstaaten wurden hierdurch natuerlich zu Freistaetten
der Korsaren; und an solchen fehlte es namentlich in Asien nicht.
Am aergsten sah es in dieser Hinsicht aus auf Kreta, das durch eine
glueckliche Lage und die Schwaeche oder Schlaffheit der Grossstaaten des
Westens und Ostens allein unter allen griechischen Ansiedlungen seine
Unabhaengigkeit bewahrt hatte; die roemischen Kommissionen kamen und
gingen freilich auch auf dieser Insel, aber richteten hier noch weniger
aus als selbst in Syrien und Aegypten. Fast schien es aber, als habe
das Schicksal den Kretern die Freiheit nur gelassen um zu zeigen,
was herauskomme bei der hellenischen Unabhaengigkeit. Es war ein
schreckliches Bild. Die alte dorische Strenge der Gemeindeordnungen
war aehnlich wie in Tarent umgeschlagen in eine wueste Demokratie, der
ritterliche Sinn der Bewohner in eine wilde Rauf- und Beutegier; ein
achtbarer Hellene selbst bezeugt es, dass allein auf Kreta nichts fuer
schimpflich gelte, was eintraeglich sei, und noch der Apostel Paulus
fuehrt billigend den Spruch eines kretischen Dichters an: "Luegner sind
all, Faulranzen, unsaubere Tiere die Kreter." Die ewigen Buergerkriege
verwandelten trotz der roemischen Friedensstiftungen auf der alten
"Insel der hundert Staedte" eine bluehende Ortschaft nach der andern in
Ruinenhaufen. Ihre Bewohner durchstreiften als Raeuber die Heimat und
die Fremde, die Laender und die Meere; die Insel ward der Werbeplatz
fuer die umliegenden Koenigreiche, seit dieser Unfug im Peloponnes nicht
mehr geduldet ward, und vor allem der rechte Sitz der Piraterie, wie
denn zum Beispiel um diese Zeit die Insel Siphnos durch eine kretische
Korsarenflotte voellig ausgeraubt ward. Rhodos, das ohnehin von dem