dass Rom gegen sich keineswegs dulden werde, was es gegen Karthago
verstattet hatte; wogegen der Name der neuen Provinz, Africa,
andererseits darauf hinzudeuten schien, dass Rom die gegenwaertig
abgesteckte Grenze durchaus nicht als eine definitive betrachte. Die
Oberverwaltung der neuen Provinz uebernahm ein roemischer Statthalter,
dessen Sitz Utica wurde. Einer regelmaessigen Grenzverteidigung bedurfte
dieselbe nicht, da das verbuendete Numidische Reich sie ueberall von
den Bewohnern der Wueste schied. Hinsichtlich der Abgaben verfuhr man im
ganzen mit Milde. Diejenigen Gemeinden, die seit Anfang des Krieges auf
seiten der Roemer gestanden hatten - es waren dies nur die Seestaedte
Utica, Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus, Achulla, Usalis und die
Binnenstadt Theudalis -, behielten ihre Mark und wurden Freistaedte;
dasselbe Recht empfing die neugegruendete Gemeinde der Ueberlaeufer.
Das Stadtgebiet Karthagos, mit Ausnahme eines an Utica verschenkten
Striches, und das der uebrigen zerstoerten Ortschaften ward roemisches
Domanialland, welches man durch Verpachtung verwertete. Die uebrigen
Ortschaften verloren gleichfalls dem Rechte nach ihr Bodeneigentum
und ihre staedtischen Freiheiten; doch wurde ihnen ihr Acker und ihre
Verfassung bis auf weitere Anordnung der roemischen Regierung vorlaeufig
als widerruflicher Besitz gelassen und zahlten die Gemeinden fuer die
Nutzung des roemisch gewordenen Bodens jaehrlich nach Rom eine ein
fuer allemal normierte Abgabe (stipendium), welche sie dann ihrerseits
mittels einer Vermoegenssteuer von den einzelnen Abgabepflichtigen
wiedereinzogen. Die eigentlichen Gewinner aber bei dieser Zerstoerung
der ersten Handelsstadt des Westens waren die roemischen Kaufleute,
welche, sowie Karthago in Asche lag, scharenweise nach Utica stroemten
und von dort aus nicht bloss die roemische Provinz, sondern auch die
bis dahin ihnen verschlossenen numidischen und gaetulischen Landschaften
auszubeuten begannen. Um dieselbe Zeit wie Karthago verschwand
auch Makedonien aus der Reihe der Nationen. Die vier kleinen
Eidgenossenschaften, in die die Weisheit des roemischen Senats das alte
Koenigreich zerstueckelt hatte, konnten in sich und untereinander nicht
zum Frieden kommen; wie es in dem Lande zuging, zeigt ein einzelner,
zufaellig erwaehnter Vorfall in Phakos, wo der gesamte Regierungsrat
einer dieser Eidgenossenschaften auf Anstiften eines gewissen Damasippos
ermordet wurde. Weder die Kommissionen, die der Senat abordnete
(590 164), noch die nach griechischer Sitte von den Makedoniern
herbeigerufenen fremden Schiedsrichter, wie zum Beispiel Scipio
Aemilianus (603 151), vermochten einen leidlichen Zustand herzustellen.
Da erschien ploetzlich in Thrakien ein junger Mann, der sich Philippos
nannte, den Sohn des Koenigs Perseus, welchem er auffallend glich, und
der syrischen Laodike. Seine Jugend hatte er in der mysischen Stadt
Adramytion verlebt; hier behauptete er die sicheren Beweise seiner
hohen Abstammung erhalten zu haben. Mit diesen hatte er, nach einem
vergeblichen Versuch, in seinem Heimatland sich geltend zu machen, sich
an seiner Mutter Bruder, Koenig Demetrios Soter von Syrien, gewandt. Es
fanden sich in der Tat einige Maenner, die dem Adramytener glaubten oder
zu glauben vorgaben und den Koenig bestuermten, den Prinzen entweder
in sein angeerbtes Reich wiedereinzusetzen oder ihm die Krone Syriens
abzutreten; worauf Demetrios, um dem tollen Treiben ein Ende zu machen,
den Praetendenten festnahm und den Roemern zuschickte. Indes der Senat
achtete des Menschen so wenig, dass er ihn in einer italischen Stadt
konfinierte, ohne ihn auch nur ernstlich bewachen zu lassen. So war
er nach Milet entflohen, wo die staedtischen Behoerden ihn abermals
aufgriffen und bei roemischen Kommissarien anfragten, was sie mit
dem Gefangenen machen sollten. Diese rieten, ihn laufen zu lassen; es
geschah. Jetzt versuchte er denn weiter in Thrakien sein Glueck; und
wunderbarerweise fand er hier Anerkennung und Unterstuetzung, nicht
bloss bei den thrakischen Barbarenfuersten Teres, dem Gemahl seiner
Vaterschwester, und Barsabas, sondern auch bei den klugen Byzantiern.
Mit thrakischer Unterstuetzung drang der sogenannte Philipp in
Makedonien ein, und obwohl er anfangs geschlagen ward, erfocht er
doch bald einen Sieg ueber das makedonische Aufgebot in der Odomantike
jenseits des Strymon und darauf einen zweiten diesseits des Flusses, der
ihm den Besitz von ganz Makedonien verschaffte. So apokryphisch seine
Erzaehlung klang und so entschieden es feststand, dass der echte
Philippos Perseus' Sohn achtzehn Jahre alt in Alba gestorben und
dieser Mensch nichts weniger als ein makedonischer Prinz, sondern der
adramytenische Walker Andriskos sei, so war man doch in Makedonien der
Koenigsherrschaft zu sehr gewohnt, um nicht mit der Legitimitaetsfrage
sich rasch abzufinden und gern in das alte Gleis wiedereinzulenken.
Schon kamen Boten von den Thessalern, dass der Praetendent in ihr Gebiet
eingerueckt sei; der roemische Kommissar Nasica, der in der Erwartung,
dass das erste ernste Wort dem toerichten Beginnen ein Ende machen
werde, vom Senat ohne Soldaten nach Makedonien gesandt worden war,
musste die achaeische und pergamenische Mannschaft aufbieten und mit den
Achaeern Thessalien gegen die Uebermacht, soweit es anging, schirmen,
bis (605? 149) der Praetor Juventius mit einer Legion erschien. Dieser
griff mit seiner geringen Streitmacht die Makedonier an; allein er
selber fiel, sein Heer ging fast ganz zugrunde und Thessalien geriet zum
groessten Teil in die Gewalt des falschen Philippos, der sein Regiment
hier und in Makedonien in grausamer und uebermuetiger Weise handhabte.
Endlich betrat ein staerkeres roemisches. Heer unter Quintus Caecilius
Metellus den Kampfplatz und drang, unterstuetzt durch die pergamenische
Flotte, in Makedonien ein. Zwar behielten in dem ersten Reitergefecht
die Makedonier die Oberhand; allein bald traten Spaltungen und
Desertionen im makedonischen Heer ein, und der Fehler des Praetendenten,
sein Heer zu teilen und die eine Haelfte nach Thessalien zu detachieren,
verschaffte den Roemern einen leichten und entscheidenden Sieg (606
148). Philippos fluechtete nach Thrakien zu dem Haeuptling Byzes, wohin
Metellus ihm folgte und nach einem zweiten Sieg seine Auslieferung
erlangte. Die vier makedonischen Eidgenossenschaften hatten sich dem
Praetendenten nicht freiwillig unterworfen, sondern waren lediglich der
Gewalt gewichen. Nach der bisher befolgten Politik lag also kein Grund
vor, den Makedoniern den Schatten von Selbstaendigkeit zu nehmen, den
die Schlacht von Pydna ihnen noch gelassen hatte; dennoch wurde das
Reich Alexanders jetzt auf Befehl des Senats von Metellus in eine
roemische Provinz verwandelt. Sehr deutlich ward es hier, dass die
roemische Regierung ihr System geaendert und das Klientel- durch das
Untertanenverhaeltnis zu ersetzen beschlossen hatte; und darum wurde
die Einziehung der vier makedonischen Eidgenossenschaften in dem
ganzen Kreise der Klientelstaaten als ein gegen alle gerichteter Schlag
empfunden. Die frueher nach den ersten roemischen Siegen von Makedonien
abgerissenen Besitzungen in Epeiros, die Ionischen Inseln und die Haefen
Apollonia und Epidamnos, welche bisher zu dem italischen Beamtensprengel
gehoert hatten, wurden jetzt wieder mit Makedonien vereinigt, so dass
dasselbe, wahrscheinlich schon um diese Zeit, im Nordosten bis jenseits
Skodra reichte, wo Illyricum begann. Ebenso fiel die Schutzherrlichkeit,
die Rom ueber das eigentliche Griechenland in Anspruch nahm, von selbst
dem neuen Statthalter von Makedonien zu. So erhielt Makedonien die
Einigkeit zurueck und auch ungefaehr wieder die Grenzen, wie es sie
in seiner bluehendsten Zeit gehabt; aber es war nicht mehr ein einiges
Reich, sondern eine einige Provinz, mit kommunaler und selbst wie es
scheint landschaftlicher Organisation, jedoch unter einem italischen
Vogt und Schatzmeister, deren Namen auch wohl auf den Landesmuenzen
neben dem der Landschaft erscheinen. Als Steuer blieb die alte maessige
Abgabe, wie Paullus sie angeordnet hatte, eine Summe von 100 Talenten
(155000 Talern), die in festen Betraegen auf die einzelnen Gemeinden
umgelegt war. Dennoch vermochte das Land seiner alten ruhmreichen
Dynastie noch nicht zu vergessen. Wenige Jahre nach der Besiegung
des falschen Philippos pflanzte ein anderer angeblicher Perseussohn,
Alexander, am Nestos (Karasu) die Fahne der Insurrektion auf und
hatte in kurzer Zeit 1600 Mann vereinigt; allein der Quaestor Lucius
Tremellius ward des Aufstandes ohne Muehe Herr und verfolgte den
fliehenden Praetendenten bis nach Dardanien (612 142). Dies aber ist
auch die letzte Regung des stolzen makedonischen Nationalsinns, der zwei
Jahrhunderte zuvor in Hellas und Asien so grosse Dinge vollbracht hatte;
seitdem ist von den Makedoniern kaum etwas anderes zu berichten, als
dass sie fortfuhren, von dem der definitiven Provinzialorganisation der
Landschaft (608 146) an ihre tatenlosen Jahre zu zaehlen. Fortan waren
es die Roemer, denen die Verteidigung der makedonischen Nord- und
Ostgrenzen, das heisst der Grenze der hellenischen Zivilisation
gegen die Barbaren, oblag. Sie ward von ihnen mit unzulaenglichen
Streitkraeften und im ganzen nicht mit der gebuehrenden Energie
gefuehrt; doch ist zunaechst fuer diesen militaerischen Zweck die grosse
Egnatische Chaussee angelegt worden, welche schon zu Polybios' Zeit von
den beiden Haupthaefen an der Westkueste, Apollonia und Dyrrhachion,
quer durch das Binnenland nach Thessalonike, spaeter noch weiter bis
an den Hebros (Maritza) lief ^11. Die neue Provinz ward die natuerliche
Basis teils fuer die Zuege gegen die unruhigen Dalmater, teils fuer die
zahlreichen Expeditionen gegen die nordwaerts der griechischen Halbinsel
ansaessigen illyrischen, keltischen und thrakischen Staemme, die
spaeter in ihrem geschichtlichen Zusammenhang darzustellen sein werden.
------------------------------------------- ^11 Als Handelsstrasse
zwischen dem Adriatischen und Schwarzen Meer, als diejenige naemlich, in
deren Mitte die kerkyraeischen Weinkruege den thasischen und lesbischen
begegnen, kennt diese Strasse schon der Verfasser der pseudo-
aristotelischen Schrift 'Von den merkwuerdigen Dingen'. Auch heute noch
laeuft dieselbe wesentlich in gleicher Richtung von Durazzo, die
Berge von Bagora (Kandavisches Gebirge) am See von Ochrida
(Lychnitis) durchschneidend, ueber Monastir nach Saloniki.
------------------------------------------ Mehr als Makedonien hatte
das eigentliche Griechenland sich der Gunst der herrschenden Macht zu
erfreuen; und die Philhellenen Roms mochten wohl der Ansicht sein, dass
daselbst die Nachwehen des Perseischen Krieges im Verschwinden und
die Verhaeltnisse ueberhaupt auf dem Wege zum Besseren seien. Die
verbissensten Aufhetzer der jetzt herrschenden Partei, Lykiskos der
Aetoler, Mnasippos der Boeoter, Chrematas der Akarnane, der schandbare
Epeirote Charops, dem selbst ehrenhafte Roemer ihr Haus verboten,
stiegen einer nach dem andern ins Grab; ein anderes Geschlecht wuchs
heran, in dem die alten Erinnerungen und die alten Gegensaetze verblasst
waren. Der roemische Senat meinte die Zeit des allgemeinen Vergebens und
Vergessens gekommen und entliess im Jahre 604 (150) die noch uebrigen
der seit siebzehn Jahren in Italien konfinierten achaeischen Patrioten,
deren Freigebung die achaeische Tagsatzung nicht aufgehoert hatte zu
fordern. Dennoch irrte man sich. Wie wenig es den Roemern mit all ihrem
Philhellenentum gelungen war, den hellenischen Patriotismus innerlich
zu versoehnen, offenbarte sich in nichts so deutlich wie in der Stellung
der Griechen zu den Attaliden. Koenig Eumenes II. war als Roemerfreund
in Griechenland im hoechsten Grade verhasst gewesen; kaum aber war
zwischen ihm und den Roemern eine Verstimmung eingetreten, als er
in Griechenland ploetzlich populaer ward; wie frueher von Makedonien
erwartete der hellenische Euelpides den Erloeser aus der Fremdherrschaft
jetzt von Pergamon. Vor allen Dingen aber stieg in der sich selbst
ueberlassenen hellenischen Kleinstaaterei zusehends die soziale
Zerruettung. Das Land veroedete, nicht durch Krieg und Pest, sondern
durch die immer weiter um sich greifende Abneigung der hoeheren Staende,
mit Frau und Kindern sich zu plagen; dafuer stroemte wie bisher
das verbrecherische oder leichtsinnige Gesindel vorwiegend nach
Griechenland, um daselbst den Werbeoffizier zu erwarten. Die Gemeinden
versanken in immer tiefere Verschuldung und in oekonomische Ehr- und die
daranhaengende Kreditlosigkeit; einzelne Staedte, namentlich Athen und
Theben, griffen in ihrer Finanznot geradezu zum Raeuberhandwerk und
pluenderten die Nachbargemeinden aus. Auch der innere Hader in den
Buenden, zum Beispiel zwischen den freiwilligen und den gezwungenen
Mitgliedern der Achaeischen Eidgenossenschaft, war keineswegs beigelegt.
Wenn die Roemer, wie es scheint, glaubten, was sie wuenschten, und
der augenblicklich herrschenden Ruhe vertrauten, so sollten sie bald
erfahren, dass die juengere Generation in Hellas um nichts besser und um
nichts klueger als die aeltere war. Die Gelegenheit, um mit den Roemern
Haendel anzufangen, brach man geradezu vom Zaune. Um einen schmutzigen
Handel zu bedecken, warf um das Jahr 605 (149) der zeitige Vorstand der
Achaeischen Eidgenossenschaft, Diaeos, auf der Tagsatzung die
Behauptung hin, dass die den Lakedaemoniern als Glied der Achaeischen
Eidgenossenschaft von dieser zugestandenen Sonderrechte, die
Befreiung von der achaeischen Kriminaljurisdiktion und das Recht,
Sondergesandtschaften nach Rom zu schicken, ihnen keineswegs von den
Roemern gewaehrleistet seien. Es war eine freche Luege; allein die
Tagsatzung glaubte natuerlich, was sie wuenschte, und da sich die
Achaeer bereit zeigten, ihre Behauptungen mit den Waffen in der Hand
wahrzumachen, gaben die schwaecheren Spartaner vorlaeufig nach, oder
vielmehr diejenigen, deren Auslieferung von den Achaeern begehrt
ward, verliessen die Stadt, um als Klaeger vor dem roemischen Senat
aufzutreten. Der Senat antwortete wie gewoehnlich, dass er eine
Kommission zur Untersuchung der Sache senden werde; allein statt dieses
Bescheides berichteten die Boten, in Achaia wie in Sparta und beide
falsch, dass der Senat zu ihren Gunsten entschieden habe. Die Achaeer,
die wegen der soeben in Thessalien geleisteten Bundeshilfe gegen den
falschen Philippos sich mehr als je in bundesgenoessischer Gleichheit
und politischer Gewichtigkeit fuehlten, rueckten im Jahre 606 (148)
unter ihrem Strategen Damokritos in Lakonike ein; vergeblich mahnte,
von Metellus aufgefordert, eine nach Asien durchpassierende roemische
Gesandtschaft, Frieden zu halten und die Kommissarien des Senats zu
erwarten. Eine Schlacht ward geliefert, in der bei 1000 Spartaner
fielen, und Sparta haette genommen werden koennen, wenn Damokritos nicht
als Offizier ebenso untuechtig gewesen waere wie als Staatsmann. Er ward
abgesetzt, und sein Nachfolger Diaeos, der Anstifter all dieses Unfugs,
setzte den Krieg eifrig fort, waehrend er gleichzeitig den gefuerchteten
Kommandanten von Makedonien der vollen Botmaessigkeit der Achaeischen
Eidgenossenschaft versichern liess. Darueber erschien die lange
erwartete roemische Kommission, an ihrer Spitze Aurelius Orestes; nun
ruhten die Waffen und die achaeische Tagsatzung versammelte sich in
Korinth, um ihre Eroeffnungen entgegenzunehmen. Sie waren unerwarteter
und unerfreulicher Art. Die Roemer hatten sich entschlossen, die
unnatuerliche und usurpierte Einreihung Spartas unter die
achaeischen Staaten wiederaufzuheben und ueberhaupt gegen die Achaeer
durchzugreifen. Schon einige Jahre zuvor (591 163) hatten dieselben die
aetolische Stadt Pleuron aus ihrem Bund entlassen muessen; jetzt wurden
sie angewiesen auf saemtliche seit dem Zweiten Makedonischen Krieg
gemachte Erwerbungen, das heisst auf Korinth, Orchomenos, Argos, Sparta
im Peloponnes und Herakleia am Ota, zu verzichten und ihren Bund wieder
auf den Bestand am Ende des Hannibalischen Krieges zurueckzufuehren. Wie
dies die achaeischen Abgeordneten vernahmen, stuermten sie sofort
auf den Markt, ohne die Roemer auch nur auszuhoeren, und teilten die
roemischen Forderungen der Menge mit, worauf der regierende und der
regierte Poebel einhellig beschloss, zu allervoerderst saemtliche in
Korinth anwesende Lakedaemonier festzusetzen, da ja Sparta dies Unglueck
ueber sie gebracht habe. Die Verhaftung erfolgte denn auch in der
tumultuarischsten Weise, so dass Lakonername oder Lakonerschuhe als
hinreichende Einsperrungsgruende erschienen: ja man drang sogar in
die Wohnungen der roemischen Gesandten, um die dorthin gefluechteten
Lakedaemonier festzunehmen, und es fielen gegen die Roemer harte Reden,
obgleich man an ihrer Person sich nicht vergriff. Indigniert kehrten
dieselben heim und fuehrten bittere, selbst uebertriebene Beschwerde im
Senat; dennoch beschraenkte sich dieser mit derselben Maessigung,
die all seine Massregeln gegen die Griechen bezeichnet, zunaechst
auf Vorstellungen. In der mildesten Form und der Genugtuung fuer die
erlittenen Beleidigungen kaum erwaehnend, wiederholte Sextus Iulius
Caesar auf der Tagsatzung in Aegion (Fruehling 607 147) die Befehle der
Roemer. Aber die Leiter der Dinge in Achaia, an ihrer Spitze der neue
Strateg Kritolaos (Strateg Mai 607 bis Mai 608 147/46), zogen als
staatskluge und in der hoeheren Politik wohlbewanderte Leute daraus
bloss den Schluss, dass die roemischen Angelegenheiten gegen Karthago
und Viriathus sehr schlecht stehen muessten, und fuhren fort, die
Roemer zugleich zu prellen und zu beleidigen. Caesar ward ersucht,
zur Ausgleichung der Sache eine Zusammenkunft von Abgeordneten der
streitenden Teile in Tegea zu veranstalten; es geschah, allein nachdem
Caesar und die lakedaemonischen Gesandten daselbst lange vergeblich
auf die Achaeer gewartet hatten, erschien endlich Kritolaos allein und
zeigte an, dass lediglich die allgemeine Volksversammlung der Achaeer
in dieser Sache kompetent sei und dieselbe erst auf der Tagsatzung, das
heisst in sechs Monaten, erledigt werden koenne. Caesar ging darauf nach
Rom zurueck; die naechste Volksversammlung der Achaeer aber erklaerte
auf Kritolaos' Antrag foermlich den Krieg gegen Sparta. Auch jetzt
noch machte Metellus einen Versuch, den Zwist in Guete beizulegen,
und schickte Gesandte nach Korinth; allein die laermende Ekklesia,
groesstenteils bestehend aus dem Poebel der reichen Handels- und
Fabrikstadt, uebertobte die Stimme der roemischen Gesandten und zwang
sie, die Rednerbuehne zu verlassen. Kritolaos' Erklaerung, dass man
die Roemer wohl zu Freunden, aber nicht zu Herren wuensche, ward mit
unsaeglichem Jubel aufgenommen, und als die Mitglieder der Tagsatzung
sich ins Mittel legen wollten, schuetzte der Poebel den Mann seines
Herzens und beklatschte die Stichwoerter von dem Landesverrat der
Reichen und der notwendigen Militaerdiktatur sowie die geheimnisvollen
Winke ueber die nahe bevorstehende Schilderhebung unzaehliger Voelker
und Koenige gegen Rom. Von welchem Geist die Bewegung beseelt war,
zeigten die beiden Beschluesse, dass bis zum hergestellten Frieden alle
Klubs permanent sein und alle Schuldklagen ruhen sollten. Man hatte also
Krieg, ja sogar auch wirkliche Bundesgenossen: die Thebaner und Boeoter
naemlich und ferner die Chalkidenser. Schon zu Anfang des Jahres 608
(146) rueckten die Achaeer in Thessalien ein, um Herakleia am Oeta,
das in Gemaessheit des Senatsbeschlusses sich von der Achaeischen
Eidgenossenschaft losgesagt hatte, wieder zum Gehorsam zu bringen.
Der Konsul Lucius Mummius, den der Senat nach Griechenland zu senden
beschlossen hatte, war noch nicht eingetroffen; demnach uebernahm es
Metellus mit den makedonischen Legionen, Herakleia zu schuetzen. Als dem
achaeisch-thebanischen Heer das Anruecken der Roemer gemeldet ward, war
von Schlagen nicht mehr die Rede; man ratschlagte einzig, wie es wohl
gelingen moechte, den sicheren Peloponnes wieder zu erreichen; eiligst
machte die Armee sich davon und versuchte nicht einmal, die Stellung bei
den Thermopylen zu halten. Metellus indes beschleunigte die Verfolgung
und erreichte und schlug das griechische Heer bei Skarpheia in Lokris.
Der Verlust an Gefangenen und Toten war betraechtlich; von Kritolaos
ward nach der Schlacht nie wieder eine Kunde vernommen. Die Truemmer
der geschlagenen Armee irrten in einzelnen Trupps in den hellenischen
Landschaften umher und baten ueberall umsonst um Aufnahme; die Abteilung
von Patrae ward in Phokis, das arkadische Elitenkorps bei Chaeroneia
aufgerieben; ganz Nordgriechenland wurde geraeumt, und von dem
Achaeerheer und der in Masse fluechtenden Buergerschaft von Theben
gelangte nur ein geringer Teil in den Peloponnes. Metellus suchte
durch die moeglichste Milde die Griechen zum Aufgeben des sinnlosen
Widerstandes zu bestimmen und befahl zum Beispiel, alle Thebaner mit
Ausnahme eines einzigen laufen zu lassen; seine wohlgemeinten Versuche
scheiterten nicht an der Energie des Volkes, sondern an der Desperation
der um ihren eigenen Kopf besorgten Fuehrer. Diaeos, der nach Kritolaos'
Fall wieder den Oberbefehl uebernommen hatte, berief alle Waffenfaehigen
auf den Isthmos und befahl, 12000 in Griechenland geborene Sklaven in
das Heer einzustellen; die Reichen wurden zu Vorschuessen angehalten
und unter den Friedensfreunden, soweit sie nicht durch Bestechung der
Schreckensherren ihr Leben erkauften, durch Blutgerichte aufgeraeumt.
Der Kampf ging also fort und in dem gleichen Stile. Die achaeische
Vorhut, die 4000 Mann stark unter Alkamenes bei Megara stand, verlief
sich, sowie sie die roemischen Feldzeichen gewahrte. Die Hauptmacht auf
dem Isthmos wollte Metellus eben angreifen lassen, als der Konsul Lucius
Mummius mit wenigen Begleitern im roemischen Hauptquartier eintraf und
das Kommando uebernahm. Inzwischen boten die Achaeer, ermutigt durch
einen gelungenen Angriff auf die allzu unvorsichtigen roemischen
Vorposten, der roemischen um das Doppelte ueberlegenen Armee bei
Leukopetra auf dem Isthmos die Schlacht an. Die Roemer zoegerten nicht
sie anzunehmen. Gleich zu Anfang rissen die achaeischen Reiter in Masse
aus vor der sechsfach staerkeren roemischen Reiterei; die Hopliten
standen dem Feinde, bis ein Flankenangriff des roemischen Elitenkorps
auch in ihre Reihen Verwirrung brachte. Damit war der Widerstand zu
Ende. Diaeos floh in seine Heimat, toetete sein Weib und nahm selber
Gift; die Staedte unterwarfen sich saemtlich ohne Gegenwehr, und sogar
das unbezwingliche Korinth, in das einzuruecken Mummius drei Tage
zauderte, weil er einen Hinterhalt besorgte, ward ohne Schwertstreich
von den Roemern besetzt. Die neue Regelung der griechischen
Verhaeltnisse ward in Gemeinschaft mit einer Kommission von zehn
Senatoren dem Konsul Mummius uebertragen, der sich in dem eroberten
Lande im ganzen ein gesegnetes Andenken erwarb. Zwar war es, gelind
gesagt, eine Torheit, dass er seiner Kriegs- und Siegestaten wegen den
Namen des "Achaikers" annahm und dem Hercules Sieger dankerfuellt
einen Tempel erbaute; allein als Verwalter erwies er, der nicht in
aristokratischem Luxus und aristokratischer Korruption aufgewachsen,
sondern ein "neuer Mann" und verhaeltnismaessig unbemittelt war, sich