Kaiser hat. Die man in Norddeutschland so häufig trifft. Starkes Kinn.
Habyschnurrbart.
Der Schaffner sagt: »Das geht nun schon so vier Wochen.«
Er deutet auf die Holzarbeiter.
Der Doppelgänger Kaiser Wilhelms schweigt.
»Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen!« sagt der
Schaffner.
Keine Antwort.
Der Schaffner versucht es noch einmal.
»Den ganzen Tiergarten! Es wär doch jammerschade!«
Jetzt blickt ihn der Doppelgänger Kaiser Wilhelms an; strenge und
abweisend.
Und er sagt:
»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in eine Konversation
einzulassen.«
O Natur!
Personen: Er --- Sie -- Ein Holzknecht.
Ort: Im Gebirge.
Er: Wie das hier schon ganz anders riecht, Lizzi! A--ah! Endlich
aus der Stadt in die Natur geflohen!
Sie: Himmlisch!
Er: Stelle dir vor! Der Schnee in unseren Straßen, schwarz,
schmutzig, naß. Und hier blinkt und glitzert er.
Sie: Er ist direkt keusch, finde ich.
Er: Man denkt an Weihnachten, Christabend, an irgend was Poetisches.
Sie: Karl, du Guter! Nein, wie bin ich dir dankbar, daß du mich aus
dem schrecklichen Trubel in diesen Frieden gebracht hast!
Er: Nicht wahr?
Sie: Weißt du, als ganz kleines Mädchen bin ich auch einmal im
Winter auf dem Lande gewesen. Bei Großmama. Da weiß ich noch,
wie da auch die Bäume verschneit waren und so merkwürdig
aussahen.
Er: Du bekommst förmlich große Augen, wie du das sagst, Lizzi!
Sie: Es muß die heimliche Sehnsucht nach der Natur sein, die in
einem lebt. Trotz allem, weißt du, Karl?
Er: Ja, ja. Trotz allem.
Sie: Nein! Sieh mal dort die große Tanne! Wie ein Ungeheuer sieht
so ein Zweig aus. Wie was Lebendiges.
Er: Wie ein Märchen.
Sie: Die Natur ist doch das einzig Wahre!
Er: Man sollte hier immer leben!
Sie: Das wäre herrlich! Ich ließe mir einen großen Pelz dazu
machen; weißt du, grünen Samt, mit Zobel besetzt, und innen
auch Zobel, oder Seal.
Er: Das sollte man tun, hier leben.
Sie: Oder Skunks, Karl, obwohl ich eigentlich Skunks nicht sehr
liebe.
Er: Das würde sich schon finden.
Sie: Und weißt du, eine Pelzmütze sollte ich haben. Ich habe
vorgestern bei Bachmann eine entzückende Mütze gesehen.
Er: Dieser Friede ringsum!
Sie: Ich glaube, sie war aus Otterfellen und hatte vorne eine
Agraffe, in der eine Reiherfeder steckte.
Er: Sieh dort, Lizzi, wie die Bergspitze noch von der Abendsonne
beschienen ist.
Sie: Wun--der--voll! Weißt du, man könnte statt Reiher auch eine
andere Feder nehmen. Meinst du nicht?
Er: Ja -- ja. Ich könnte hier stundenlang in den Anblick versunken
stehen.
Sie: Und ich möchte am liebsten durch den Schnee waten. Wie ein
Schulmädchen, und ganze rote Backen davon kriegen.
Er: Und nasse Füße, Liebling!
Sie (enttäuscht): Das ist wahr!
Er: Man müßte eben andere Schuhe tragen. Und sich überhaupt daran
gewöhnen. Oh! Hier muß ein Mensch gesund werden!
Sie: Ich fühle mich jetzt schon ganz anders.
Er: Ich meine körperlich #und# geistig gesund werden. A--ah! Diese
Luft! Diese Luft!
Sie: Wie die Sonne verglüht! Das sollte man jeden Abend haben.
Er: Und sich von dem Zauber der Natur umfangen lassen.
Sie: Ich möchte am liebsten gar nicht mehr weg.
Er: Weißt du was? Wir bleiben einfach morgen noch hier.
Sie: Ach ja -- das wäre himmlisch! Aber es geht nicht, Schatz. Ich
#muß# morgen zur Schneiderin, und dann sollen wir bei Hofrats
Besuch machen, und abends ist der »Rosenkavalier«, und ...
Er: Richtig ja! Na, denn nich! Eigentlich ist es schade!
Sie: Mir blutet ja das Herz, daß man sich von hier losreißen soll.
Er: Mir auch. Diese Farben! Nein, diese Farben!
Sie: Du, dort kommt ein Mann.
Er: Er hat so was wie 'ne Säge umhängen. Das ist sicher 'n
Holzfäller.
Sie: Wie stilvoll er aussieht!
Er (seufzend): Ach, wer auch so einer wäre! He, guter Mann!
Holzer: Han?
Er: Sie leben wohl immer hier heraußen?
Sie: In der Natur?
Er: Und wissen vielleicht gar nicht, wie beneidenswert Sie sind!
Holzer: Am -- -- -- -- --! (Entfernt sich.)
Sie: Wie? Was hat er gesagt?
Er: Ach, so was ... so was Bäuerliches, was die Leute hier oft
sagen. Nun wollen wir aber umkehren. (Bleibt stehen und atmet
tief auf.) Nein! Diese Natur!
Das alte Recht
Es scheint mir, daß jene uns Deutschen oft nachgerühmte Scheu vor
gewissen Vorrechten der Geburt, des Ranges, des Besitzes in Wahrheit
besteht und unser öffentliches Leben vergiftet, indem sie das Fundament
der Gesellschaft, die Gleichheit vor dem Gesetze aufhebt, während sie
hinwiederum unserem privaten Leben durch Anreiz zur Eitelkeit, zur
Selbsterniedrigung, zu allen Gegenteilen von Stolz und Selbstgefühl
einen bedenklichen Einschlag gibt -- -- ja, das alles scheint mir so,
und ich finde diese Meinung durch alle möglichen Vorkommnisse immer
wieder auf ein neues bestätigt. Auch in unseren kleinen Provinzstädten,
wo doch wahrhaftig der Anblick des Hofes, der Umgang mit glänzenden
Militärs, die Bewunderung genialer Staatsmänner, wo all dies nicht die
klaren Begriffe von Recht verwirren könnte, selbst da finde ich immer
wieder, natürlich ins kleine übertragen, aber nicht minder verderblich
-- was wollte ich sagen? -- Ja, also in Dornstein -- aber das muß
ordentlich und der Reihe nach erzählt werden, und weil das Thema an
sich etwas unappetitlich ist oder sein könnte, muß es auch mit Zartheit
vorgetragen werden. Nur eine Frage vorher!
Wenn nach allgemein gültigen Begriffen von Moral, Anstand und Hygiene
die Verunreinigung von öffentlichen Plätzen und Straßen -- ich möchte
absichtlich keinen starken Ausdruck gebrauchen -- als ordinär,
jedenfalls aber als verboten gilt, wenn dieses Verbot in deutlichen
Verfügungen der Ortspolizeibehörde niedergelegt ist, mit Ausdrücken,
die keinerlei Deutung zulassen, so meine ich doch, dieses Verbot müßte
für alle Bewohner des Ortes gelten? Aber wir werden ja sehen!
Ich meine sogar, gerade Leute von Bildung müßten im Falle einer
Zuwiderhandlung stärkere Mißbilligung und strengere Strafe finden, denn
wenn Bildung wirklich Bildung ist -- aber wir werden ja sehen!
Jedenfalls hier will ich nur die Tatsachen in ihrer zeitlichen Folge
berichten und feststellen, und jeden Schein einer irgendwie gearteten
Färbung vermeiden.
Alles, was sich in der Zeit vom 17. März bis mit 11. April 1913 in
Dornstein ereignete, das heißt: in dieser betreffenden Sache sich
ereignete, werde ich chronologisch erzählen.
Eigentlich müßte man das Datum weiter zurücklegen, denn schon am 21.
Februar, 2. März und wieder am 11. März erschienen im Dornsteiner
Volksboten »Stimmen aus dem Publikum«, welche auf die Vorkommnisse
Bezug nahmen.
»Gibt es =keine Polizei=, welche in der Luitpoldstraße =gewisse
Schweinereien gewisser Herren betrachtet=, und dürfen selbe tun, was
sie wollen?!? (Volksbote vom 21. 2. 1913, Seite 3.)
»Es scheint, daß die =Nemesis= sich vor #gewissen Leuten# =verkriecht=,
welche die Luitpoldstraße zum Schauplatze ihrer =Gemeinheit= machen,
und daß sie in diesem Falle nicht so pünktlich bei der Hand ist, wie
vielleicht gegen die =minder bemittelte Klasse!!!=« (Volksbote vom 2.
3. 1913, Seite 3.)
»Auch unsere gute Stadt Dornstein soll, wie es scheint, ihren
=Panamaskandal!!= haben, ohne den es #überhaupt in Deutschland nicht
mehr abzugehen scheint#!! Trägt der Kadi eine stärkere Binde vor den
Augen, wenn es #sogenannte Gebildete# betrifft?!? Wir fragen zum
=letzen Male!!=« (Volksbote vom 11. 3. 1913, Seite 2.)
Die letzte Anfrage des Blattes war denn doch in einem Tone gestellt,
der hätte gehört werden müssen, wenn die maßgebenden Behörden dazu eine
Lust verspürt hätten, ich möchte sagen, wenn sie eine durchaus strenge
Auffassung von ihrer #Pflicht# besessen hätten.
Sie hatten diese Auffassung #nicht#. Und nun traten in diesem Drama die
Personen aus den Kulissen heraus vor die Rampe der Öffentlichkeit.
-- Ich glaube, man kann dieses Bild füglich gebrauchen? --
Am 17. März gelangte folgendes hier wörtlich wiedergegebenes Schreiben
der Realitätenbesitzerswitwe #Ursula Hirgstettner# in den Einlauf des
Stadtmagistrats Dornstein:
An den Maschißtrath, hochwolgebohren dahir und zu Händen des Herrn
Bürchermeisters.
Eigene Angelegenheit des Emfängers!
Beträf: Notdurfth und unberächtigte Ausübung dersälben in der
Luitpoldstraße. Auch beträf gegen die Sitlichkeith.
Es ist gewieß ales recht und man schweicht oft und denkt sich blos
etwas, denn man wiel nichd fier eine frau gelthen, die wo zimbferlich
ist und die wo gleich iber ales sich empörth ist und obwoll man doch
auch seine Steuern und Abgahben zahlt und Gemeindeumlahgen.
Aber was zu arch ist ist zu arch und mahn braucht sich nicht ales zu
gefallen zu lassen, indem man doch auch zum weiblichen Geschlächte
gehörth und vielleicht mehr bieldung besiezt als die wo immer davon
sprechen. Oder muß sich vieleicht eine schuzlose Wittwe ales gefallen
lasen? Oder denkt man vieleicht, ja hier braucht es keine Rücksicht
durchaus nicht mehr, weil diese Beträfende keinen Man nicht besiezt,
der wo solchene Angriefe auf das Schahmgefühl nicht erlaubt?? Alerdings
wenn mein unvergeslicher Leonhard nicht dahin geraft wäre durch ein
unerbitliches Geschiek, hernach würden sich vieleicht #gewise Herren
der Schöpfung# besinnen, ob sie sich so etwas trauen oder vieleicht
lieber ihre nothurft anderswo verriechten.
Aber freilich ich bin ja blos eine schuzlose Wittwe und da braucht
man keine Rücksicht nicht zu nehmen!! Aber ich zeige es hiemit dem
hochwolgebornen Maschißtrate an und gebe keine Ruhe nicht mehr sondern
apeliere.
Im Gasthaus zum Schiemel sitzen die »#besseren#«!! Herren beinahe ale
tage bis in die späthe Nacht obwol es mich nichts angeht und verlasen
selbes meistens um Mitternacht und sage ich auch nichts obwol oft ein
groser Spetakel ist, aber man denkt sich, es gibt auch feinere Herren,
wo so viel trinken wie ein Fuhrmann.
Aber leider dises ist nicht ales, sondern sie bleiben auf der Strase
stehen und verichten selbes, wo man vieleicht als feinere Herren
anderswo veriechten soll und unterhalten sich dabei mit lauther Stimme.
Dises sind meistens der Herr Majohr Röklmeier und der penzionirte
Oberambsriechter Pollner und verschiedene Bürger und Maschißtratsräthe,
wo ich auch den Herrn Haslinger und Mühlberger deuthlich unterscheiden
konnte. Dieses geschieth vor meinem Hause, indem ich davon oft erwache
und mit Schmertzen frage, ob mahn dieses einer schuzlosen Wittwe
ales biethen darf. Ich habe es schohn dem Polizeiwachtmeister genau
beschriehben, aber leider es hilft nichts, sondern die feineren Herren
betreiben erst recht ihr schweinisches Geschäft und man hört auch daß
sie sich dabei zu Anspillungen auf meine Persönlichkeit erfrächen. Der
betrefende ist besonders erkannt und wenn es auch ein Beahmter ist,
besiezt er doch keine Bieldung und soll vieleicht denken, das er nicht
so unferschämbt zu sein braucht gegen leuthe, wo seine Penziohn auch
mitzahlen.
Hochwollgeborner Maschißtrat ich zeige es hiedurch an, daß ich mir
durchaus nichts mehr gefahlen lasse und mich nicht mit Injuhrien auch
noch behaften lasse, sondern meine Geduld ist erschöpft, wodurch ich
auf einen standpunkt bin, das mahn sich sagt, bis hieher und nicht
weither!
Wenn der Maschißtrat vieleicht sein Auge zudrüken will weil es feinere
Herren sind und die besiezende Klasse, dann weiß ich schon was ich thue.
Ich verlange die strengste Bestraffung dieser Obigen und eine Tafel
gegen nächtliche Verunreinigung und ich glaube das auch eine schuzlose
Wittwe disses erreichen kann gegen die wo sich nicht schähmen, sondern
ihre sogenannte Bieldung in disser weise bezeichen. Ich verlange die
strengste Bestraffung!! Disses möchte ich noch bemerken.
Laut Unterschrift: Ursula Hirgstettner,
hochachtungsvoll dahir.
Am 26. März kam dieser Brief in geheimer Magistratssitzung zur Sprache.
Herr Bürgermeister Dr. Pilzweyer hatte ursprünglich die Absicht
gehegt, und diese Absicht auch gegenüber dem Magistratssekretär Weigel
kundgetan, die Eingabe der Hirgstettner zu perhorreszieren, aber eine
Notiz im Volksboten brachte denn doch die Sache in Gang, da man nun
befürchten mußte, daß weitere sehr unangenehme Preßerörterungen das
stille Begräbnis der Anklage verhindern würden.
Also ging man daran, die Angelegenheit amtlich, wenn auch nicht
ernstlich, zu behandeln.
Denn schon die Miene des vorstehenden Sekretärs verriet die merkwürdige
Neigung, diese Herzensnöte einer Frau als Spaß zu betrachten, und
ein den Vortrag begleitendes Lächeln des Bürgermeisters schien die
Anwesenden aufzufordern, auch ihrerseits den Humor des Schriftstückes
zu erkennen.
Allein Magistratsrat Mühlberger, ein angesehener Bäckermeister, konnte
trotzdem seinen aufsteigenden Zorn nicht meistern und sprang sogleich
auf, indem er rief:
»Dös san ja Insinationa! Hat ma scho so was g'hört von so an alt'n
miserablinga Trankhafa? Dös san ja Insinationa!«
»Herr Magistratsrat,« sagte der Bürgermeister in verbindlichem Tone,
»wir können und wollen uns über dieses Schriftstück doch wahrhaftig
nicht aufregen -- --«
»Sie Eahna net! Aber i!« schrie Mühlberger. »Dös san ganz oafach
Insinationa! Und dös sag' i!«
»Wir werden später darauf zurückkommen,« sagte immer lächelnd Herr Dr.
Pilzweyer. »Aber,« fuhr er fort, indes er seinen Kneifer abnahm und ihn
spielend an der Schnur pendeln ließ, »ich muß nun wohl das tatsächliche
Material den Herrn unterbreiten.«
»Es handelt sich hier,« sagte er und lehnte sich zurück, indes er
jedes Wort mit verstandesmäßiger Betonung aussprach und im Wohlklange
seiner Rede schwelgte, »es handelt sich hier zweifellos um das Haus
Nummer 104a, als welches zu Eigentum der Witwe des verstorbenen
Realitätenbesitzers Leonhard Hirgstettner im Grundbuche vorgetragen
ist, -- und welches sich auf der nördlichen Seite der ehemaligen
Bachleitergasse, jetzt Prinzregent Luitpoldstraße befindet. Gegenüber
von diesem Hause ist die Gast- und Tafernwirtschaft zum Schimmel,
welche von den Eheleuten Johann und Maria Leutgschwendtner betrieben
wird.
Dieses Gasthaus erfreut sich des Besuches gerade der Honoratioren.«
»I g'hör aa dazua,« fiel hier die Baßstimme des Magistratsrates
Haslinger ein.
»Gerade der Honoratioren,« fuhr der Bürgermeister fort, indes ein
Lächeln über seine Züge flog, »und man begegnet dort außer angesehenen
Bürgern« -- er machte eine leichte Verbeugung nach der Richtung, wo
Haslinger und Mühlberger saßen -- »man begegnet dort Offizieren,
Angehörigen des Beamtenkörpers, also Herren, denen eine Störung der
Ordnung, ein Zuwiderhandeln gegen Sitte und Anstand niemals, ich betone
das, niemals zuzutrauen wäre!«
»Dös moan i halt aa,« rief Mühlberger ...
»... Zuzutrauen wäre. Die streng vertraulich gepflogenen Recherchen
haben ergeben, daß vielleicht hier und da einer der Herren, dem Zwange
und Drange der Natur folgend, ganz gewiß in unauffälligster Weise ...«
»Bitt ums Wort!« schrie Herr Haslinger.
»Sogleich! Sie werden das Wort sogleich erhalten, Herr Magistratsrat
... also in diskretester Weise jenem Drange vielleicht Folge leistete.
Aber eine Beschuldigung wie diese hier« -- Herr Dr. Pilzweyer klopfte,
nun ernster werdend, auf das Schriftstück -- »eine solche Beschuldigung
ist frivol. Ich stehe nicht an zu sagen, es ist ein starkes Stück von
Frivolität.«
»An Insination is!« rief Mühlberger ...
»Eine haltlose Verdächtigung, und ich erteile nun, bevor ich einen
Antrag stelle, das Wort dem Herrn Magistratsrat Haslinger.«
Dieser, von Beruf Brauereibesitzer, ein beleibter Mann von stattlicher
Größe, erhob sich, und da er gerade geschnupft hatte, zog er ein
blaues, geblümtes Taschentuch von der Größe einer Serviette aus der
Tasche und entfernte von Bart, Weste und Rock die Tabakreste. Dann
begann er in jovialem Tone zu reden. »Also, meine Herrn, de Sach'
is eigentli ganz oafach; und i muaß scho sagn, daß ma über so was
überhaupts red'n muaß, dös g'hört aa zu de Erscheinunga der Neuzeit.
Also i sag ganz oafach, de Beschwerde von dera ... Beißzanga da ... is
eigentli a Frechheit ersten Grades. Indem daß also Familienväta und
verheirate Männa, und daß ma 's scho glei sag'n, lauta Leut, de wo
eppas san und de wo eppas hamm und de wo eppas vorstell'n -- net --
lauta richtige Leut -- net --- indem daß diese Leute a so hingestellt
wern als wia Sittlichkeitsverbrecher -- net -- und von an solchen alt'n
Trankhafa, bei der ma sie do überhaupts nix mehr denkt ...«
Der Bürgermeister rührte an der Glocke. »Ich möchte den Herrn
Magistratsrat bitten, im Interesse einer sachlichen Behandlung ...«
»Net unterbrecha!« sagte Haslinger grob. »Sie hamm dös überhaupts
a bissel gern, Herr Bürgermoasta, und i sag 's Eahna, daß über dös
bereits Stimmen laut geworden sind.
Ȇber diese Unterbrecherei von Eahna. Da kimmt ma ja aus 'n Thema
außi! Also, meine Herrn, daß i 's kurz sag, seit i ins Wirtshaus geh,
und aa früherszeit, wia no mei Vata ganga is, und natürlicherweis
mei Großvata grad so, also da woaß ma's nia anderst, als daß ma vom
Wirtshaus außa ... no ja ... in Gott's Nam ... Sie verstengan mi scho.
I möcht überhaupts sag'n, dös is an alts Recht! Wenn ma so seine
vier, fünf oda sechs Maß Bier trunka hat -- no ja -- in Gott's Nam!
De Damenwelt is do um de Zeit nimma auf da Straß, und so lang unser
Dornstoa steht, hat ma dös net anderst g'wißt. Jetzt auf oamal kam de
Mistamsel, de abscheilige daher ... Theans mi net unterbrecha, sag
i, Herr Bürgermoasta, -- jetzt kam de daher und möcht ins des alte,
guate Herkomma für an Unsittlichkeit histell'n. Aba i sag bloß dös,
solchena Beleidigunga, solchena neumodische Unverschämtheiten, von dera
grauslinga Beißzanga, diese prallen an unserer Brust ab!«
»Brafo! Brafo!« riefen die Magistratsräte und patschten auch lebhaft
in die Hände, so daß Herr Haslinger sich dankend noch einmal halb vom
Stuhle erhob und wiederholte. »Sie prallen ab, sag i, und mehra sag i
net ...«
»Dös Luada mit ihre Insinationa!« rief Mühlberger, worauf sich der Herr
Bürgermeister räusperte und also begann:
»Meine Herren! Nach den bemerkens- und auch dankenswerten Ausführungen
des Herrn Vorredners, nach diesen von den Tönen eines beleidigten
Ehrgefühles durchzitterten Worten erübrigt mir jetzt nur ... wie?«
»Ich bitte ums Wort!« sagte zum zweiten Male der Buchbindermeister
Kallinger ...
»Ach so! Pardon! Der Herr Magistratsrat Kallinger hat das Wort.«
»Meine Herren!« sagte dieser, ein Freund feinerer Bildung, der einige
Jahre in Norddeutschland befindlich gewesen war, ... »meine Herren!
Ich glaube fürwahr mit Recht behaupten zu dürfen, daß ich einige
Erfahrungen besitze in betreff nämlich der Sitten und Gebräuche fremder
Städte ...«
»Geh, hör auf!«
»Ich höre #nicht# auf, Herr Haslinger, und ich möchte nur bemerken,
bald Sie sich beschweren in betreff von Unterbrechungen, dann dürfen
auch Sie nicht einen Redner unterbrechen ... ich möchte also nur
dieses sagen, daß ich in fremden Städten einige Erfahrungen gesammelt
habe auch in betreff dieses Themas, über das ich mich nicht näher
ausdrücken kann und ich behaupte, daß auch in anderen Städten dieses
häufig vorkommt. Dann möchte ich sagen, daß zum Beispiel während einer
Regenperiode sicherlich kein Grund zur Beschwerde vorhanden ist,
während im Schnee fürwahr zu viele Spuren zurückbleiben. Ich möchte
hierdurch nur eine bescheidene Anregung geben, ob die betreffenden
Herren nicht doch eine gewisse Rücksicht auf die Witterungsverhältnisse
walten lassen könnten ...«
Damit setzte sich Herr Kallinger, und Herr Haslinger stieß Herrn
Mühlberger mit dem Ellenbogen an, und Herr Mühlberger stieß Herrn
Arzböck an, und es herrschte die allgemeine Ansicht, daß der Kallinger
natürlich wieder seinen Senf habe dazu geben müssen.
Aber der Bürgermeister hustete leicht und fuhr an der alten Stelle fort.
»Es erübrigt mir jetzt nur die Frage, ob der Magistrat sich irgendwie
offiziell, also beschlußfassend, mit der Sache beschäftigen soll ...«
»Nix da! Da werd überhaupts nix mehr g'redt! Freili! Daß der alte
Trankhafa sei Freud hätt!...«
»Ja, also, ich entnehme den allgemeinen Zurufen, daß man über die
Beschwerde zur Tagesordnung übergeht ... Herr Kallinger?«
»Ich möchte nur einen Beschluß darüber vorschlagen, daß während
einer Schnee- oder Kälteperiode auch nachts keine solche Verrichtung
stattfinden dürfe ...«
»Wer für den Antrag des Herrn Magistratsrates Kallinger ist, möge sich
erheben!... Niemand? Also, der Antrag ist mit allen gegen eine Stimme
abgelehnt ... und damit gehen wir zur Tagesordnung über. Es liegt vor
ein Antrag des Kaufmanns Oberloher ...«
* * * * *
Das war am 26. März.
Am 29. des gleichen Monats brachte der »Volksbote« einen geharnischten
Artikel über »Korruption«:
»Es ist einem Häuflein Bevorzugter gelungen, dem Gesetz ein Schnippchen
zu schlagen ... usw. ... bis ... wir erinnern aber an das so wahre
Sprüchwort _justitia fundamentum regnorum_, welches denn doch auch in
Dornstein einige Geltung haben dürfte ...«
(Siehe Beilage 5 im Akt: Beschwerde der Ursula Hirgstettner usw.)
Am Abend des 1. April brannte im Hause der Frau Hirgstettner das
Gaslicht nicht mehr. Tagsüber hatten zwei städtische Arbeiter sich
an der Leitung in der Luitpoldstraße zu schaffen gemacht und jede
Auskunft verweigert. Als nun Frau Offiziant Koppenwallner, welche in
dem Hirgstettnerschen Hause wohnte, im Gange Licht machen wollte und
immer wieder den Gashahn aufdrehte, blieb es dessenungeachtet dunkel.
Obwohl sofort eine Magd zum Leiter der Gasanstalt geschickt wurde, kam
niemand zur Abhilfe. Auch den 2. und 3. April ließ sich der städtische
Installateur nicht blicken.
Am 4. April ging Frau Ursula Hirgstettner selbst im Zustande der
höchsten Aufregung, da die Familie Koppenwallner sofort kündigen
wollte, zu Herrn Gasanstaltsdirektor Pfrombeck und stellte ihn
entrüstet zur Rede.
»Nur net so hitzig!« sagte Herr Pfrombeck gelassen. »Am Gas fehlt's
net, aba wahrscheinli fehlt's an der Leitung. Vielleicht hamm S' dös
letzte Quartal net zahlt?«
»Dös tat i mir scho verbitt'n! I bin meiner Lebtag nix schuldi blieb'n
...«
»Ja no! Na werd's wo anders fehl'n. Mi geht dös nix o. De Gasleitung
hat da Herr Magistratsrat Mühlberger unter sich. Da müassen S' zu dem
geh' und frag'n.«
Nun ging der Frau Ursula Hirgstettner allerdings ein Licht auf, aber
als resolute Witwe ging sie unverzagt in den Kampf um ihr gutes Recht
und in den Laden des Bäckermeisters und Magistratsrates Mühlberger.
Sie mußte warten, bis alle Kunden bedient waren, und stand endlich in
dem Hinterzimmer vor dem finster blickenden Stadtvater.
»Was woll'n denn Sie?«
»I? Da tat i no lang frag'n, wenn seit vier Tag 's Gas nimmer brennt!«
»So?«
»Ja! Zahlt ma desweg'n seine Umlag'n und Gebühr'n, daß nacha a solchena
Schlamperei vorkimmt ...«
»Sie, thean S' Eahna a bissel z'ruckhalt'n!«
»Gar net halt i mi z'ruck, und auf der Stell muaß i wiss'n, warum daß
de Arbeita mei Leitung abdraht hamm ...«
»Welchane Arbeita?«
»Ja, ma hat's scho g'sehg'n! Für gar so dumm müaßt's oan aa net halt'n!«
»Wenn de Arbeita Eahna Leitung unterbrocha hamm, nacha hat am Rohr was
g'feit. Vastand'n?«
»So, warum fehlt denn grad bei mir was? Und bein Schimmiwirt net? Und
bei koan Nachbarn net?«
»Dös is de Rohr eahna Sach.«
»I wer scho sehg'n, ob i mir dös g'fall'n lass'n muaß. I woaß scho, was
da für a Spitzbuamg'schicht dahinta steckt.«
»Halten S' Eahna z'ruck, sag i!«
»Und a Spitzbuamg'schicht is, sag i!«
»Sie, passen S' auf, Eahna kennt ma!«
»Sie kenna mi no lang net, und wenn i net auf da Stell mei Gas kriag,
nacha zoag i Eahna, mit wem Sie's z'thoa hamm!«
»Dös braucht's net. Eahna kennt ma, sag i. Sie san eine Frau, de wo
Insinationa macht. Verstengan Sie? Insinationa!«
»I mach Eahna no ganz was anders, Sie Loawibacha, Sie ausgschamta!«
»Jetzt hab i Eahna! Dös is an Amtsbeleidigung!«
»Mei Gas möcht i!«
»An Amtsbeleidigung is dös! Verstengan Sie? Jetzt san Sie
g'richtsmaßig!«
»Gengan S' aufs G'richt! Auf da Stell geh i mit und bring mei Sach vor!
I will amal sehgn, ob Sie mir's Gas abdrahn derfa, weil i Eahna Sauerei
anzoagt hab' -- Sie!«