»Geh, Alte, hol mir mei Brill'n!« Als er sie bedächtig aufgesetzt und

das Schreiben geöffnet hatte, las er langsam die Mitteilung, daß ihm

die monatliche Unterstützung von fünfzehn Mark entzogen werde ...

entzogen werde ... indem daß der Königliche Bezirksarzt Dr. Stierlinger

sich persönlich davon überzeugt habe ... daß genannter Buchberger von

den Folgen des Unfalls gänzlich geheilt sei und nicht die geringsten

Beschwerden ... Beschwerden am Fuße mehr verspüre ...

Ah!

Ja ... Himmel ... Herrgott ...

Unser guater, alter Herzog Karl

Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung

bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern

wird in der deutschen Welt.

Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.

Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein

billiges Winterquartier verschaffen können.

Und das ist hart.

Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl.

Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn

lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.

Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage!

Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender

Handwerksbursche. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn der Apfelbaum

am Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen

liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue

Luft nachschaut. Das ist wohl ein schönes Metier, wenn die Kornähren

sich über dem müden Haupte wiegen und am heißesten Sommertag einen

erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll,

wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn

die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.

Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber in

die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und

pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt?

Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht oder die Schneeflocken

wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt

sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken?

Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz, und er

sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es

nicht tropft.

Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in

seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. --

Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver

Landesfürst.

Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in

gewissen Beziehungen zu ihm.

Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier

trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.

Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in

den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte.

Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden

Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig

doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter

ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen

des Simon Lackner.

Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht

übel, wenn seine Gensdarmen grob und rauhändig waren.

Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe

liebenswürdig geschaffen.

Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen?

Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre

einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm

nicht innewohnte.

Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein

schützendes Dach zu kommen.

Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum

herzoglich neuburgischen Gefängnisse, welches auf freiem Felde lag,

hinaus.

Dort versteckte er sich in einem Holzschupfen, welcher gegenüber dem

Eingange der Anstalt lag, und wartete.

Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie

mit lauter Stimme:

»Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!«

Das erstemal und das zweitemal stürzten die Gendarmen gierig auf den

frevelhaften Menschen und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang

gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn

sie wußten jetzt, daß Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise

ein Winterquartier verschaffen wollte.

Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen.

Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit.

Man wußte es nicht mehr anders.

Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute

der Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte:

»Jetzt wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: den andern

Tag zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom

Holzschupfen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a

Rindviech.«

Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die

Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat.

Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl

is a ..« »Weiß schon, weiß schon,« sagte der Inspektor, »Sie kriegen

schon Ihre fünf Monat.«

Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich

durch das Herzogtum Neuburg.

Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III.

sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen,

ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war

nicht ernst gemeint.

Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund

Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die

Wintersnot hinweggeholfen hat.

Ist das nicht hart?

Liebe um Liebe

Eine patriotische Stimmung

Durch Stoppelfelder und frisch gemähte Wiesen rollte ein Eisenbahnzug,

und die buttergelbe Herbstsonne glänzte in die Fenster eines lackierten

Salonwagens, der sich überhaupt in dieser Umgebung recht sonderbar

ausnahm.

Darin saß Prinz Xaver, ein Seitensprosse des königlichen Hauses,

und fuhr mit seinem Adjutanten, Rittmeister Baron Schröfel, nach

Weißkirchen zur landwirtschaftlichen Ausstellung, die unter sein

Protektorat gestellt worden war.

Weil aber hier Herablassung und dort Untertanenliebe gezeigt werden

sollte, hielt man überall; und wo größere Menschenmengen sich dem Auge

darboten, fragte Prinz Xaver seinen Begleiter: »Muaß i?«

»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete alsdann der Baron

und sah in seinem Notizbuche nach. »Faistenhamm ... Kirchdorf ... 163

Seelen ... katholisch ... 37 Pferde ... 281 Stück Rindvieh ... ja ...

Königliche Hoheit ... da ist's vorgemerkt.«

Und Prinz Xaver hielt das edle große Haupt zum Fenster hinaus und

blickte durch seinen Kneifer, den er nur bei solchen Anlässen trug,

auf einige fette Herren, die das besitzende und bessere Publikum

vorstellten.

»Diese Gegend,« sprach der Prinz, »ist sehr lieblich.«

»Han?« fragte ein Posthalter oder Tafernwirt, der mehr Treue als

Schliff besaß.

»Diese Gegend, sie ist sehr reizvoll,« wiederholte der Prinz.

»Jawoi, Königliche Hoheit!«

»Sie ist von sanften Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt ...«

»Jawol, Königliche Hoheit!«

»Aber das Auge erblickt auch fruchtbare Felder, welche den Fleiß des

Landmannes belohnen und ... und ...«

»Jawoi, Königliche Hoheit!«

»Und ...«

»Saftige Matten ...« soufflierte der Adjutant.

»... und saftige Matten, welche dem kernigen Vieh dieses Volkes ...

welche dem Vieh dieses kernigen Volkes Nahrung bieten.«

Prinz Xaver rückte den Zwicker, der ihm von der schwitzenden Nase

heruntergeglitten war, zurecht, und der Posthalter oder Tafernwirt

schaute mit geistlosen Augen in die ebenso blauen des Königssprossen,

und er fühlte, daß nunmehr die Aufgabe an ihn herangetreten war.

»Königliche Hoheit ... diese Gefiehle, wo ins heute besäligen ...

durch dieses, daß Sie hier durchfahren und für Kinder und Kindeskinder

...«

Die Lokomotive pfiff, und da legte der Tafernwirt die ganze ungeheure

Treuherzigkeit seines Landes in den Satz: »Pfüad Good, Königliche

Hoheit, aufs Wiederschaugen, und kemman S' halt wieda zu ins außa

...« Er entschwand den gütigen Blicken des Fürsten, der sich in die

Kissen zurückwarf, und sagte: »Dös hätt' ma wieda! Wo muaß i denn 's

nächstmal?«

»Einen Augenblick, Königliche Hoheit!« antwortete Baron Schröfel.

»... Sünzing ... nein ... Matzling ... 214 Seelen ... katholisch ...

311 Stück Rindvieh ... in Matzling werden Königliche Hoheit wieder

sprechen.«

»O jegerl!« seufzte der Prinz und wiederholte gewissermaßen im Geiste

jene Rede des Wohlwollens und lebendigen Interesses.

Nach zwei langen Stunden fuhr der Zug in Weißkirchen ein, wo

ein Beamtenkörper, eine ergeben lächelnde Geistlichkeit, wo

Veteranenvereine, Feuerwehren und Schützen, wo alles, was

repräsentieren durfte, den kleinen Bahnhof füllte, nach vorwärts

gedrängt von einer wimmelnden Menge, die in dem aussteigenden Prinzen,

der sein quellendes Fleisch in eine blitzblaue Uniform gepreßt hatte,

alles Anverwandte und Angestammte erblickte und darüber in ein

gellendes Hoch ausbrach.

Ein kleiner, stülpsnäsiger, aufgeregter Herr gab sich dem Prinzen

durch viele und schnell wiederholte Bücklinge als den zu erkennen, der

hier als Erster zu beachten war, und als einen Titularregierungsrat und

vorstehenden Chef des Bezirks.

Dicke Herren mit mehr landwirtschaftlicher Färbung der feisten

Gesichter und Hälse wurden in zweiter Reihe als Tierärzte und

Ökonomieräte und verdiente Braun- oder Fleckviehzüchter erkannt, und

in veralteten, seit Jahren die Bäuche nicht mehr bedeckenden Gehröcken

schoben sie sich vor, und ehe es sich der Prinz versah, war er von

Leuten umringt, die als starke Esser viel animalische Wärme und als

treue Untertanen eine ungemeine Ergebenheit ausstrahlten.

Und da ihre patriotischen Gefühle nirgends hinauskonnten, nicht durch

die verknüllten Hosen, nicht durch die krampfhaft geschlossenen Westen,

so drängten sie sich schweißtreibend nach oben und saßen hinter

schwimmenden Augen, die sich auf ihr prinzliches Ebenbild richteten.

Der stülpsnäsige Herr hielt eine Rede, in der alle Gefühle, die weder

er noch sonst wer hegte, in Superlativen ausgedrückt waren, und niemand

lehnte sich innerlich dagegen auf.

Im Gegenteile hörte Prinz Xaver mit tiefem Ernste die erhabenen

Tugenden aufzählen, die ihn und sein Haus schmücken sollten, obgleich

er es doch besser wissen mußte, und gleichermaßen hörten alle

Festgäste, die von Weißwürsten kamen oder zu Weißwürsten gingen, daß

sie in diesem Augenblicke den Schwur der Treue erneuert hätten und Gut

und Blut opfern wollten.

Ja, und darauf mußte etwas gesagt werden.

Der hohe Protektor umfaßte mit einem wohlwollenden Blicke diesen

Patriotismus, der um ihn herum schwitzte und schnaubte, und sagte es.

»Diese Gegend,« hub er an, »sie ist sehr lieblich. Sie ist von sanften

Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt. Aber das Auge erblickt auch

fruchtbare Felder, welche den Fleiß des Landmannes belohnen und ... und

...«

»Seine Königliche Hoheit lebe hoch!« schrie jetzt verfrüht, unzeitig

und taktlos der Zimmermeister Schlegel, der immer etwas voraushaben

mußte.

»Und saftige Matten ...« fuhr Prinz Xaver fort, aber das Hoch hatte

im Pulverfasse der angestammten Liebe gezündet, und die brausenden --

oder auch donnernden -- Rufe übertönten die letzten Worte vom Vieh des

kernigen Volkes.

Der Protektor lächelte gerührt und wurde zum Wagen verbracht, rechter

Hand die Stülpnase, linker Hand den dicksten Fleckviehzüchter.

Er fuhr durch beflaggte Gassen an schreienden Menschen vorbei,

grüßte allerleutseligst, sah die Herzen, die ihm entgegenschlugen,

Triumphbögen, die sich wölbten, und langte auf dem Festplatze an,

wo es nicht minder laut blökte, quiekte und brüllte von treuen

Haustieren, die ihren Lärm nur so und unwissend warum vollführten. Da

sah Prinz Xaver alles, was unter sein Protektorat gestellt worden war.

Breitnackige Stiere, die ihn böse anblickten, wollige Schafe, die ihm

mild ins Auge schauten; braune, gelbe, weiße Kühe, die ihre Rücken

hoch zogen, wenn sie behaglichst ihre Wasser rinnen ließen, Kälber und

Schweine.

Die Stülpsnase erklärte eifrig, aber ein besserer Menschenkenner, als

Prinzen sind, hätte wohl merken können, daß der bewegliche Beamte auch

nicht mehr verstand als der Protektor, welcher nur lebendige Eßwaren in

dem Getier sah.

Auch in der viktualischen Abteilung überkamen Prinz Xaver mehr

reflektierende als züchterische Vorstellungen. Bei den Krautköpfen

dachte er an rosiges Surfleisch, beim Sellerie an gebratene Gänse, bei

Kartoffeln an den Fürst und Volk einigenden Nierenbraten, und Rettiche

sah er gebeizt, und Zwiebeln geschmort.

Als man zuletzt noch die Hühner, denen man harte und weiche Eier,

Ochsenaugen und Rühreier verdankt, besichtigt, gut befunden und gelobt

hatte, war so eigentlich die Aufgabe der Königlichen Hoheit erledigt.

Aber eine neuzeitliche Sitte ließ den Prinzen nicht sogleich zur Ruhe

kommen.

Es geht ein demokratischer Zug durch unser Volk.

Die Tage, da es in alle Schulbücher kam, wenn der Fürst einen kleinen

Mann aus dem Volke leutselig ansprach, sind vorüber, und heute spricht

der kleine Mann leutselig den Fürsten an.

Ein Spenglermeister aus Sünzing fand hier den Mut, indem er vortrat,

nach Bier roch und treuherzig sagte:

»Geh, Königliche Hoheit, unterschreiben S' de Kart'n an meine Spezeln,

daß de aa 'r a Freud hamm!«

Die Stülpsnase winkte ihm strenge ab, jedoch der Prinz lächelte und

setzte seinen Namen auf die fettige Postkarte.

Ein schöner Moment trat ein. Fürst und Untertan Auge in Auge, und der

wackere Spengler traf den Ton des echten Volksstückes, als er sagte:

»Königliche Hoheit ... dös ... dös ... kimmt unter Glas und Rahmen, und

in hundert Jahr no müass'n d' Leut' sehg'n ...«

»Ist schon gut,« sagte die Stülpsnase und schob den Redner ungnädig

weg, denn er roch wirklich sehr stark nach Bier, und auch wollten nun

viele die gleiche Gnade erlangen.

»Königliche Hoheit ... an insern G'sellenverein ... dös war an Ehr' für

Kinda und Kindeskinda ...«

»Königliche Hoheit ... an insern Stammtisch 'De Grüabig'n' ...«

Den Prinzen überkamen väterliche Empfindungen, er hielt diese Leute für

anhängliche Kinder, ihre Wünsche für naiv, und er hatte keine Ahnung

davon, daß hier gar nichts ehrlich oder tiefwurzelnd war, außer seiner

eigenen Beschränktheit.

Er schüttelte gütig alle Hände, die sich in seine Rechte schoben,

kalte und warme, trockene und feuchte, er unterschrieb wohlwollend

alles und setzte seinen Namen neben Ober- und Niedermayer unter ihre

Fröhlichkeit.

»Menschen ... Menschen san mir alle ... Jakob Schanderl, #Xaver,

königlicher Prinz# ... Eins ... zwei ... drei ... g'suffa!... Es lebe die

Viecherei! Hans Breitsameter, Jakob Leistl, #Xaver, königlicher Prinz#

...«

Die Karten wanderten hinaus in die Kneipen des Landes, und wenn sie

gleich nicht Ehrfurcht in Kindern und Kindeskindern erregen konnten,

spannen sie doch Fäden vom zünftigen Prinzen zu zünftigen Stammtischen.

Neue Fäden zum alten Bande, das Volk und Herrscherhaus verknüpft.

Auf der Elektrischen

In #München#. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten

gibt es einen Ruck, daß die stehenden Passagiere durcheinander

gerüttelt werden.

Ein Schaffner ruft die Station aus.

»Müliansplatz!«

Heißt eigentlich Maximiliansplatz.

Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen

nicht leiden.

Ein Student steigt auf. Er trägt eine farbige Mütze, und der Schaffner

salutiert militärisch.

Er weiß: das zieht bei den Grünschnäbeln. Sie bilden sich darauf was

ein.

Und wenn sich Grünschnäbel geschmeichelt fühlen, geben sie Trinkgelder.

Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getäuscht.

Der junge Herr mit der großen Lausallee gibt fünf Pfennige.

Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgültig ins Leere;

er zeigt, daß er dem Geschenke keine Bedeutung beimißt. Der Schaffner

salutiert wieder.

Wumm! Prr!

Der Wagen hält.

»Deonsplatz!« schreit der Schaffner.

Heißt eigentlich Odeonsplatz.

Eine Frau, die ein großes Federbett trägt, schiebt sich in den Wagen.

Ein Sitzplatz ist noch frei.

Die Frau zwängt sich zwischen zwei Herren. Sie stößt dem einen den

Zylinder vom Kopfe.

Das ärgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und

blickt strafend auf das Weib.

»Aber erlauben Sie!« sagt er.

-- ?! --

»Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!«

Die Leute im Wagen werden aufmerksam.

Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein; der Sprache nach zu

schließen. Ein besserer Herr, der Kleidung nach zu schließen.

Was fällt ihm ein, die arme Frau aus dem Volke zu beleidigen?

Ein dicker Mann, dessen grünen Hut ein Gemsbart ziert, verleiht der

allgemeinen Stimmung Ausdruck.

»Warum soll denn dös arme Weiberl net da herin sitzen? Soll's

vielleicht draußen bleib'n und frier'n? Bloß weil's dem nobligen Herrn

net recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt mit da Droschken!«

Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Einige Passagiere nicken ihm beifällig zu; andere murmeln ihre

Zustimmung. Ein Arbeiter sagt: »Überhaupt is de Tramway für an jed'n

da. Net wahr? Und dera Frau ihr Zehnerl is vielleicht g'rad so guat,

net wahr, als wia dem Herrn sei Zehnerl.«

Die Frau mit dem Bett sieht recht gekränkt aus. Sie schweigt; sie will

nicht reden; sie weiß schon, daß arme Leute immer unterdrückt werden.

Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht. Dabei fährt sie

mit dem Bette ihrem anderen Nachbarn ins Gesicht.

Der stößt das Bett unsanft weg und redet in soliden Baßtönen: »Sie, mit

Eahnan dreckigen Bett brauchen S' mir fei's Maul net abwisch'n! Glauben

S' vielleicht, Sie müassen's mir unta d' Nasen halt'n, weil S' as jetzt

aus 'm Versatzamt g'holt hamm?«

Die Passagiere horchen auf.

Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke beleidigt; aber, wie es

scheint, ein süddeutscher Landsmann.

Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn. Übrigens sieht er so aus,

als wenn ihm das gleichgültig sein könnte.

Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes, Hinausschmeißerisches.

Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grünen Hute.

Und dann, alle haben es gesehen:

Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette über das Gesicht gefahren.

So etwas tut man nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig mit

seiner Entrüstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen Blick auf die

Frau aus dem Volke und einen sehr verächtlichen Blick auf das Bett.

Er sagt: »Überhaupt is dös a Frechheit gegen die Leut', mit so an Bett

do rei'geh'. Wer woaß denn, wer in dem Bett g'leg'n is? Vielleicht a

Kranker; und mir fahren S' ins G'sicht damit! Sie ausg'schamte Person!«

Einige murmeln beifällig.

Der Mann mit dem grünen Hute gerät wieder in Zorn.

Er sagt: »Der Herr hat ganz recht. Mit so an Bett geht ma net in a

Tramway. Da kunnten ja mir alle o'g'steckt wer'n. Heuntzutag, wo's so

viel Bazüllen gibt!«

Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Alle Passagiere sind jetzt wütend über die Unverschämtheit der Frau.

Man ruft den Schaffner.

»De muaß außi!« sagt der Mann mit dem Gemsbart, »und überhaupts,

wia könna denn Sie de Frau da einaschiab'n? Muaß ma sie vielleicht

dös g'fallen lassen bei der Tramway? Daß de Bazüllen im Wag'n

umanandfliag'n?«

Der Schaffner trifft die Entscheidung, daß die Frau sich auf die

vordere Plattform stellen muß. Sie verläßt ihren Platz und geht hinaus.

»Dös war amal a freche Person!« sagt der Mann mit dem Gemsbart.

Der Herr mit dem Zwicker meint: »Eigentlich war sie ganz anständig. Nur

mit dem Bette ...«

»Was?!« schreit sein robuster Nachbar. »Sie woll'n vielleicht dös

Weibsbild in Schutz nehma? Gengan S' außi dazua, wann's Eahna so guat

g'fallt!«

Alle murmeln beifällig.

Und der Arbeiter sagt: »Da siecht ma halt wieda de Preißen!«

* * * * *

Ein kalter Wintertag.

Die Passagiere des Straßenbahnwagens hauchen große Nebelwolken vor sich

hin. Die Fenster sind mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner

die Türe öffnet, zieht jeder die Füße an; am Boden macht sich der

kalte Luftstrom zuerst bemerklich. Die Passagiere frieren, nur wenige

sind durch warme Kleidungen geschützt, denn der Wagen fährt durch eine

ärmliche Vorstadt.

Da kommt ein Herr in den Wagen; er trägt einen pelzgefütterten

Überrock, eine Pelzmütze, dicke Handschuhe.

Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu schenken, zieht eine

Zeitung aus der Tasche und liest.

Die anderen Passagiere mustern ihn; das heißt seine untere Partie. Die

obere ist hinter der Zeitung versteckt.

Die größte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behäbiger Mann, der ihm

gerade gegenübersitzt.

Er biegt sich nach links und rechts, um hinter die Zeitung zu schauen.

Es geht nicht.

Er schiebt mit der Krücke seines Stockes das hemmende Papier weg und

fragt in gemütlichem Tone:

»Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan Pelz Eahna Hauben is?«

Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich.

»Lassen Sie mich doch in Ruhe!«

»Nix für ungut!« sagt der Behäbige.

Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke an die Zeitung, die der

Herr noch immer vor sich hinhält.

»Sie, Herr Nachbar!«

»Waßß denn?!«

»Sie, dös is fei a Biberpelz, Eahna Haub'n da.«

»So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung lesen!«

»Nix für ungut!« sagt der Mann und wendet sich an die anderen

Passagiere.

»Ja, dös is a Biberpelz, de Haub'n. Dös is a schön's Trag'n und kost'

a schön's Geld, aba ma hat was, und es is an oanmalige Anschaffung. De

Haub'n, sag' i Eahna, de trag'n no amal de Kinder von dem Herrn. De is

net zum Umbringa. Freili, billig is er net, so a Biberpelz!«

Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen auch die Pelzmütze sehen.

Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat sich voll Unwillen in seine

Zeitung eingewickelt.

Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem behäbigen Manne, mit der

Stockkrücke.

»Sie, Herr Nachbar ...«

»Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!«

»Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub'n eigentlich gekostet?«

Der Herr gibt keine Antwort.

Wütend steht er auf, geht hinaus und schlägt die Türe mit Geräusch zu.

Der Behäbige deutet mit dem Stock auf den leeren Platz und sagt: »Der

Biberpelz, den wo dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat ganz

g'wiß seine zwanz'g Markln kost'; wenn er net teurer war!«

* * * * *

Der alte Professor Spengler fährt jeden Morgen gegen acht Uhr vom

großen Wirt in Schwabing bis zur Universität.

Er fällt auf durch seine ehrwürdige Erscheinung; lange, weiße Locken

hängen ihm auf die Schultern, und er geht gebückt unter der Last der

Jahre.

Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet ihn längere Zeit

durch das Fenster.

Er wendet sich an den Schaffner.

»Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den habe ich schon öfter

gesehen.«

»Der? Den kenna Sie nöt?«

»Nein.«

»Dös is do unsa Professa Spengler.«

»So? so? Spengler. M--hm.«

»Professa der Weltgeschüchte,« ergänzt der Schaffner und schüttet eine

Prise Schnupftabak auf den Daumen.

»Mhm!« macht der Herr. »So, so.«

Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und schaut den Herrn

vorwurfsvoll an.

»Den sollten S' aba scho kenna!« sagt er. »Der hat vier solchene Büacha

g'schrieb'n.«

Er zeigt mit den Händen, wie dick die Bücher sind.

»So ... so?«

»Lauter Weltgeschüchte!«

»Ich bin nicht von hier,« sagt der Herr und sieht jetzt mit sichtlichem

Respekte auf den Professor.

»Ah so! Nacha is 's was anders, wenn Sie net von hier san,« erwidert

der Schaffner.

Er öffnet die Türe.

»Universität!«

Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner ist ihm behilflich; er gibt

acht, daß der alte Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen kommt.

Dann klopft er ihm wohlwollend auf die Schulter.

»Soo, Herr Professa! Nur net gar z' fleißig!«

Er pfeift, und es geht weiter.

Der Schaffner wendet sich nochmal an den Herrn:

»Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt dös alte Mannderl auf d' Universität.

Nix wia lauta Weltgeschüchte!«

* * * * *

In #Berlin#. Der Straßenwagen fährt durch den Tiergarten. Seitab werden

Bäume gefällt, und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der

Großstadt Waldarbeit zu sehen.

Nachbarsleute · 第 4 / 7 段