»Und jetzt macha S', daß S' naus kemma, sunst gibt's an

Hausfriedensbruch aa no, Sie Trebernfaß, Sie ordanärs! Sie Mistamsel,

Sie gräusliche!«

»So? So red'n Sie? Aba ...«

»Außi!«

Der Befehl war so kategorisch und mit Schub und Druck begleitet, daß

die fassungslose Witwe, ohne zu wissen wie, vor der Türe und auf der

Straße stand.

Ihr eiligster Lauf ging in die Redaktion des Volksboten.

-- -- -- -- --

Aber der Kämpfer für ihre Rechte, Herr Martin Irzinger, war nicht wie

sonst.

Er hörte sie nicht an, er unterbrach sie lange, bevor ihre Klagen zu

Ende waren.

»Dös is alles ganz recht, Frau Hiergstettner, und i kenn ja de ... i

will sag'n, i waaß ja alles, aba, es thuat mir leid, i ko in dera Sach'

nix mehr thoa.«

»Sie san guat. Zerscht hamm's mi allaweil aufghetzt, daß i de Eingab'

mach, und Sie hamm in Eahnern Blattl de G'schicht aufgrührt ...«

»Ja ... ja ... Dös hoaßt, i hab mi für Eahna a bissel einseitig ins

Zeug g'legt. Einseitig, verstengan Sie?«

»Aba Sie hamm do g'sagt ...«

»I #hab# g'sagt, aba jetzt sag i Eahna was anders, Frau Hiergstettner.

Schauen's, i muaß #von# de Leut' leb'n, und #Sie# müass'n #mit# de Leut

leb'n. Wir kinnan den Kriag net weiter führ'n.«

»Mir geht da Proviant aus. Verstengan S', der diri dari -- und Eahna

geht 's Liacht aus.«

»Ja, was soll i denn thoa?«

»An Fried'n schliaß'n. Es bleibt ins nix anders net übrig ...«

Da verließ die Witwe aller Kampfes- und Lebensmut, und sie fing

gottesjämmerlich zu weinen an.

Es müssen hier einige Tatsachen nachgeholt werden.

Am 1. April wurde dem »Volksboten« amtlich mitgeteilt: 1. daß der

Magistrat das bisherige Abonnement von zwei Exemplaren nicht erneuere,

2. daß der »Volksbote« künftighin keine amtlichen Inserate mehr zu

gewärtigen habe.

Noch den gleichen Tag suchte Irzinger den Bürgermeister auf und bat um

Aufklärung.

»Wundern Sie sich darüber?« fragte Herr Dr. Pilzweyer mit Nachdruck.

»Konnten Sie etwas anderes erwarten, nachdem Sie in jeder Nummer Ihres

Blattes ...?«

»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«

»Oder, ich will sagen, wenn Sie beinahe in jeder Nummer die

angesehensten Männer der Stadt, ja die Stadtverwaltung selbst, in

maßloser Weise angreifen?«

»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«

»Jawohl, maßlos, Herr Irzinger! Das Wort ist keineswegs stark gewählt

...« Herr Dr. Pilzweyer spielte hier wieder mit dem Zwicker und

lauschte auf seinen Tonfall. »Sie zweifeln unsere Intaktheit an, unsere

Gerechtigkeitsliebe, Sie sprechen von einem Panama ...«

»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«

»Wortwörtlich Panama! Das ist ein schlimmer Vorwurf, Herr Irzinger! Und

ich kann Ihnen nur sagen, er hat mich persönlich geschmerzt, denn ich

verkenne keineswegs die Bedeutung der Presse ...«

»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta ...«

»Ich kann aber, und das werden Sie mir zugeben, ein Blatt nicht

unterstützen, welches in unser Gemeinwesen den Unfrieden trägt, welches

das Ansehen der besten Bürger zu untergraben sucht, welches die Leitung

der Gemeinde verdächtigt, welches ...«

»Entschuldinga, Herr Bürgermoasta, und bald diese Angriffe

unterbleiben?«

»Wenn Sie mir das Versprechen geben ...«

»Und bald ich den Herren vom Magistrat gewissermaßen im Volksboten eine

Genugtuung gebe?«

»Dann abonniere ich wieder.«

»Und de Inserat'?«

»Bekommen Sie wieder.«

»Gilt scho!«

»Ihr Ehrenwort, Herr Irzinger?«

»Auf Ehr und Seligkeit, sag i. Und bal i amal was sag', da gibt's nix;

dös is wia Stahl und Eis'n ...«

»Also gut! Sie unterlassen die Angriffe -- auch in dieser etwas

komischen Sache ...«

»A glänzende Ehrerklärung gib i, wenn i 's amal sag, Herr Bürgermoasta!

A glänzende Genugtuung.«

»Schön, dann sind wir wieder einig.«

»Dös glaab i.«

Die glänzende Ehrenerklärung kam am 5. April, denn einiger Zeit

bedurfte Herr Irzinger denn doch, um seinen Gesinnungswechsel zu

stilisieren. Er packte die Sache beim richtigen Ende an, indem er

zuerst etwas humoristisch wurde, dann aber doch die echt altbayrische

Standhaftigkeit der Männer hervorhob, welche auch in einer kleinen

Sache, deren allzu deutliche Beschreibung sich von selbst verbot,

am alten Herkommen festhielten und durch diese Hartnäckigkeit alle

Widerstände besiegten.

Auch wie Herr Irzinger freimütig bekennen zu müssen erklärte, den

Widerstand der Presse.

Der im vollsten Sinne des Wortes verlassenen Witwe blieb nichts anderes

übrig, als die Verzeihung der standhaften Verunreiniger zu erflehen.

Sie tat es.

Nicht ganz so leichten Gemütes und nicht ganz so rasch wie der

Redakteur des Volksboten; aber die Notwendigkeit, Gas zu erhalten,

erlaubte auch kein allzulanges Zögern.

Mühlberger sträubte sich und verzieh nur unter bissigen Bemerkungen die

Insinuationen der schmähsüchtigen Frau.

Aber am 11. April brannten die Gasflammen wieder.

Lange nachdem sie in dieser Nacht erloschen waren, um die Geisterstunde

vernahm die Lauschende wiederum die Ausübung jenes alten Rechtes oder

Herkommens.

Und sie konnte feststellen, daß die vier Hauptkämpfer für den alten

Brauch samt und sonders sich betätigten.

Der Herr Major Stöckelmeier, der Oberamtsrichter Pollner und die zwei

kriegerischen Magistratsräte.

Anfänge

Da war ich also Rechtsanwalt in dem kleinen Orte D., und weil ich

der erste war, der sich hierorts auf diese Weise sein Brot verdienen

wollte, konnte ich nicht verlangen, daß alle Welt von meiner Bedeutung

oder meinen Aussichten überzeugt war.

Der Schneidermeister, in dessem Hause ich eine Wohnung gemietet hatte,

brachte mir ein stilles, aber inniges Mißtrauen entgegen, das wiederum

nicht frei war von einem wohlwollenden Mitleid. Der Vorstand des

Amtsgerichtes, dem ich mich sogleich vorstellte, strich einen langen,

grauen Schnurrbart und heftete seine scharfen Augen auf mich.

Dann sagte er nur: »So, Sie san der?«

Es war manches aus den Worten herauszulesen, nur keine freudige

Zustimmung zu meinem Unternehmen.

Wenn ich über die Straße ging, merkte ich wohl, daß sich Leute nach mir

umdrehten, und wenn ich auch nicht feinnervig war, merkte ich doch,

daß sie sich frei von allem Respekt über meine mutmaßliche Zukunft

unterhielten.

Am reichbesetzten Stammtische legten mir alle diese fest angestellten,

besoldeten und pensionsberechtigten Männer Fragen vor, die ihre

Überlegenheit ebenso wie ihre Zweifel dartaten.

Das alles entmutigte mich nicht, aber wenn ich heim kam und durch meine

drei kärglich möblierten Zimmer ging, in denen die Schritte so stark

widerhallten, dann packte mich doch ein Gefühl der Unsicherheit und der

Vereinsamung.

Ich half mir auf meine Weise. Mit dem alten Zimmerstutzen meines Vaters

schoß ich nach der Scheibe und vertrieb mir die langweiligsten Stunden.

Denn wenn ich mich an den Tisch setzte und etwa zu lesen versuchte,

hörte ich mit einem Male diese Stille um mich, ich horchte auf sie, und

sie klang mir brausend in die Ohren.

Da fiel mir alles schwer aufs Herz, was einmal war und nie mehr sein

würde, und ein Heimweh kam über mich nach lieben Menschen, nach Dingen

und Zuständen, von denen ich für immer hatte Abschied nehmen müssen.

Das waren Trübseligkeiten, über die mir keine Arbeit weghalf, weil ich

keine hatte.

Wenn ich die Treppe herunterstieg und in die Werkstatt meines

Schneidermeisters einen Blick werfen konnte, beneidete ich die blassen,

jungen Leute, die darauflos nähten von Montag bis Samstag und jeden

Feierabend und jeden Feiertag sich redlich verdienten.

Das sah anders aus als in meiner leeren Stube, an deren Wand zwecklos

ein kleiner Tisch stand, auf dem ein Paket frischer Papierbogen lag

neben dem nagelneuen Tintenfasse, den ungebrauchten Federhaltern und

scharfgespitzten Bleistiften. Drei, vier lange Tage schlichen vorbei,

ohne daß jemand zu mir gekommen wäre.

Der fragende Blick des Hausherrn wurde eindringlicher, die Bemerkungen

am Stammtische wurden berechtigter, die Mienen aller mir begegnenden

Spießbürger wurden höhnischer. Wie lange ich nachts mit offenen Augen

im Bette lag und nun erst recht die brausende, tosende Stille um mich

herum hörte!

Leute standen vor mir, die mich mit ernsten Augen anblickten und mir

die Aussichtslosigkeit meines Versuches darlegten, Menschen, die ich

liebte und denen ich auch etwas galt, -- gegolten hatte.

Denn was war dann, wenn ich hier scheiterte und allen recht gab, die

mir abgeraten hatten?

Es waren lange Nächte.

Gegenüber lag eine Schmiede, und vor Tagesanbruch klangen schon die

Hammerschläge.

Da mußte ich aufstehen, zuschauen und mir immer wieder sagen, das sei

Arbeit, Freude und Leben.

Am fünften Tage kroch mir schon die häßlichste Mutlosigkeit ans Herz.

Aufstehen und warten, in der Stube herumgehen und warten.

Den Zimmerstutzen hatte ich in eine Ecke gestellt.

Mir war gottsjämmerlich zumut. Mein ganzes Vermögen von achtzig Mark

ging auf die Neige, und hier mit Schulden beginnen wollte mir doch als

Anfang vom Ende vorkommen.

Da!

Nein, es war keine Täuschung, hell und durchdringend läutet die Glocke

an meiner Wohnungstüre.

Ich eilte hinaus und öffnete.

Ein hochgewachsener, wohlbeleibter Mann mit einem mächtigen

altbayrischen Knebelbart stand vor mir, und sein städtischer Anzug

war für mich eine Enttäuschung, weil er so gar nicht wie ein

prozessierender Ökonom aussah.

Aber vielleicht ein Gutsbesitzer, Pächter oder Verwalter?

Das schien mir zweifelhaft. Eher konnte er ein behäbiger Bürger des

Marktes sein, und ja, das würde wohl stimmen.

»Hab' ich die Ehr', den Herrn Rechtsanwalt ...?«

»Bitte, kommen Sie nur herein ...«

Ich mußte so etwas von der einladenden Höflichkeit eines Friseurs,

eines Zahnarztes, des Besitzers einer schlechtbesuchten Schaubude an

mir haben.

Der Gast stand hoch und breit in meinem Zimmer und war sich, wie ich

merken konnte, sogleich über die Situation klar.

»Aha!« sagte er, »-- m--hm -- da is aber a bissel -- --«

»Wie meinen Sie?«

»A bissel laar is.«

»Ich lasse mir meine Möbel erst nachkommen,« sagte ich. »In den ersten

Tagen mochte ich natürlich nicht -- --«

»Freili, natürli. Aba wo san denn de Büacha?«

»Die kommen auch nach.«

»M--hm -- ja -- ja -- I will Eahna was sag'n, Herr Dokta. Dös erste,

was Sie hamm müass'n, san Büacha. Es is ja scho weg'n de Klient'n. Da

wenn oana rei kimmt zum Beispiel, nacha muaß 's ausschaug'n da herin,

als wia 'r in a alt'n Kanzlei. An dera Wand da drüb'n, da müass'n lauta

Büacha steh', und da herent, da müassen S' a so a Stellaschi mit Papier

und Aktendeckel hamm. Derfen S' ma 's glaab'n, i hab scho mehra junge

Herrn o'fanga sehg'n ...«

»Das kommt alles, aber mit was kann ich Ihnen dienen?«

»Mir? Dös wer i Eahna glei sag'n. I bin nämli der Vertreter von der

Buchhandlung Maier -- J. A. Maier & Sohn -- Sie kennan ja die Firma?...«

Es war wieder eine Enttäuschung, und diesmal eine ziemlich starke.

»N ... nein ...« sagte ich.

»Dös wundert mi, aba mir lerna uns scho no bessa kenna,« antwortete

er, und es strömte ein wirkliches und wohlwollendes Behagen von ihm

aus. »Mir lerna uns no guat kenna. Nämli, unser Spezialität is ja, daß

mir junge Herrn Rechtsanwält ausstaffiern, und i kann Eahna sag'n, i

hab scho ziemli viel Herrn ausstaffiert. Lesen S' no ...«

Er gab mir eine Karte.

J. A. Maier -- Buchhandlung -- Spezialität -- Anlage von Bibliotheken

für Herren Notare und Rechtsanwälte -- An- und Verkauf von juristischen

Bibliotheken -- Kulante Gewährung von Teilzahlungen -- usw.

»Sehg'n S', Herr Dokta, dös is dös, was Sie brauchan. De Wand da

drüben, de muaß ganz zuadeckt sei mit lauta Büacha. Erschtens -- er

streckte den Daumen aus -- brauchan Sie wirkliche juristische Büacha

-- dös kriag'n ma nacha -- zwoatens -- er gab den Zeigefinger dazu --

brauchan Sie Entscheidunga -- mir hamm antiquarisch a paar Sammlunga --

drittens -- und jetzt kam der Mittelfinger -- drittens, da gibt's so

Amtsblätter und alte Verordnungsblätter, de ja koan Wert nimmer hamm,

aba de san hübsch groß, in blaue Pappadeckel ei'bund'n, und macha an

recht'n Krawall, de nehman si großartig aus in da Kanzlei. De kriag'ns

von uns drein, an achtz'g Bänd für zwölf Markl ...«

»Das ist alles recht schön, aber ...«

»Nix aba!« Er sagte es energisch und jede Widerrede abschneidend. »Dös

is dös, was Sie brauchan, Herr Dokta. Und jetzt schreib'n mir amal auf,

was Sie für wirkliche Büacha hamm müass'n. Mit 'n Strafrecht fanga ma

'r o ...«

Und er fing mit dem Strafrecht an und nannte im befehlenden Ton alle

anderen im besten Ansehen stehenden Kommentare, schrieb sie mit der

Füllfeder auf, fand immer noch ein Buch und gab es dazu, und erklärte

endlich, daß mir nunmehr einigermaßen und fürs erste geholfen sei.

Alle Zahlungsbedenken schnitt er kurz ab, und erst, als er sein dickes

Notizbuch in die Brusttasche und seine Füllfeder in die Westentasche

gesteckt hatte, gab er den befehlshaberischen Ton auf und wurde wieder

umgänglich.

»Soo,« sagte er gemütlich, »jetza hamm ma 's, und Notabeni, i mach no

mei Gratulation, daß Sie Eahna hier niederlassen hamm. De Gegend is

guat, de Bauern streit'n gern, g'rafft werd aa no Gott sei Dank, da hat

a junger Rechtsanwalt a ganz a schön's Feld der Betätigung, und jetzt

bhüat Eahna Good!«

Er schied mit einem freundlichen Lächeln von mir, und seine Worte taten

mir wohl. Nur allmählich wurde mir klar, daß diese Anschaffung auf

Kredit meine Stellung nicht gerade gebessert und befestigt hatte.

Ein ereignisloser Tag, der nun folgte, und die Gewißheit, der ich

entschlossen ins Gesicht sehen mußte, die Gewißheit, daß ich das

nächste Mittagessen würde schuldig bleiben müssen, ließen mir die

Bestellung einer Bibliothek als verbrecherische Torheit erscheinen.

Die Schneider nähten, die Schmiede hämmerten, der Rechtsanwalt schaute

zum Fenster hinaus auf den Marktplatz.

Vor seinem Bäckerladen stand der dicke Herr Holdenried und stocherte

in den Zähnen herum und gähnte und spuckte aus, und tat das alles mit

Ruhe, wie sie eine gefestigte Sicherheit gibt.

Zwei Häuser weiter stand der Seiler Weiß auf dem Bürgersteig und zeigte

ebenso aller Welt, die es wissen wollte, daß er sich satt gegessen

hatte.

Sie riefen sich etwas zu und lachten, und Herr Holdenried ging ein

paar Schritte hinauf, und Herr Weiß ging ein paar Schritte herunter,

bis sie beisammen standen und offenbar von den gleichgültigsten

Dingen miteinander redeten. Jeder stand würdig und breitbeinig und

zahlungsfähig auf dem Pflaster und jeder wußte, daß aus irgendeinem

Fenster, oder aus mehreren Fenstern, neidische Blicke auf sie geworfen

wurden. Und jeder wußte, daß er wie Vater und Vatersvater den Neid

verdiente.

Ob je einer von diesen niederträchtigen Spießbürgern Sorgen getragen

hatte, oder auch nur wußte, wie der Gedanke an morgen bleischwer auf

dem Magen liegen konnte?

Sie bliesen die Luft von sich und waren zufrieden mit sich und einer

mit dem andern, und dann ging Herr Holdenried ein paar Schritte

hinunter und Herr Weiß ein paar Schritte hinauf, und sie schloffen

durch ihre Haustüren ins Behagen zurück.

-- -- -- -- --

Und es war doch wieder die Glocke! Es war gewiß und wahrhaftig wieder

die Glocke! Ein kleiner, schmächtiger Mann stand vor der Türe. An

seinen Stiefeln hing zäher Lehm, und ich sah wohl, daß er auf Feldwegen

gegangen war, und in seinen Blicken lag etwas Unsicheres, Fragendes ...

»Sind Sie der neue Herr ...«

»Ja, jawohl, kommen Sie nur herein, bitte!«

Es klang immer noch wie die Einladung einer Schießbudenmadam, nur

zögernder.

Und das war also ein Lehrer aus Irzenham, einem weit entlegenen Orte,

der zu einem anderen Gerichte gehörte, aber der Herr Lehrer war etliche

Stationen weit mit der Bahn gefahren, hier ausgestiegen, und nun eben,

nun war er da.

Es handelte sich um eine Beleidigung. Eigentlich um eine

ununterbrochene Reihe von Kränkungen, Beleidigungen und

Ehrabschneidungen.

Man mußte weit zurückgreifen. Es handelte sich, wenn man es recht sagen

wollte, um einen förmlichen Krieg zwischen Pfarrer und Lehrer, Sie

wissen ja, wie das leider so häufig vorkommt ... Ob ich es wußte! Und

ob ich nicht, was ich wußte, mit starken Worten sagte, mit Entrüstung,

allgemeiner und gerade auf diesen Fall angewandter besonderer

Entrüstung!

Wie konnte man einen Mann, der ... und wie konnte man einen Lehrer,

dessen dornenvoller, verantwortungsreicher Beruf -- -- und so weiter --

Wie konnte man das?

Der Pfarrer hatte es gekonnt. Er hatte schon bald, nachdem der Herr

Lehrer nach Irzenham versetzt worden war, begonnen, die Stellung

des Mannes zu untergraben, ihn zu reizen, ihn zu verdächtigen, ihn

herunterzusetzen --. Man mußte da weit zurückgreifen und die Irzenhamer

Geschichte der letzten drei, vier Jahre kennen lernen, um dann wieder

hier vorgreifend, dort Rückschlüsse ziehend, um, auch den schlechten

Charakter des neu gewählten Bürgermeisters so ganz begreifend, zu

verstehen, warum und wieso die letzten Angriffe auf den Herrn Lehrer,

dessen Ehefrau Amalie und wiederum deren Schwester Karoline von langer

Hand vorbereitet und besonders giftig waren.

Man mußte weit zurückgreifen, und ob ich es gern tat!

Ob ich nicht politische Bemerkungen einfließen ließ und mich voll

und ganz auf die Seite der Lehrer stellte, ganz allgemein aus

Gesichtspunkten, die für jeden anständigen Menschen gelten mußten,

die in jedem vernünftig geleiteten Staat, die in jeder ordentlich

verwalteten Gemeinde überhaupt nicht in Frage kommen konnten!

Ob ich sie nicht mit juristischen Bemerkungen spickte!

Ob ich nicht selber von einer sittlichen Entrüstung durchbebt war!

Und ob ich nicht immer wieder betonte und feierlich versicherte, daß

diese seit Jahren auf Irzenham drückende, schwüle Temperatur bloß durch

das Gewitter einer Gerichtsverhandlung gereinigt werden könne und müsse!

Ja, ich hatte wirklich das Gefühl der Erleichterung, der Befriedigung,

als es nun endlich feststand, daß ich als Kläger gegen den Pfarrer

auftreten würde!

Es sollte dabei nichts verschwiegen werden?

Aber gewiß nichts!

Die Irzenhamer Geschichte der letzten vier Jahre sollte vor dem Forum

der Öffentlichkeit aufgerollt und unter eine alle Winkel erhellende

Beleuchtung gesetzt werden. Darauf konnte sich der Herr Lehrer

verlassen.

Darauf konnten sich der Herr Lehrer, seine Ehefrau und deren Schwester

Karoline unbedingt verlassen.

Die Vollmacht war unterschrieben. »Und ja, womit kann ich noch dienen?«

»Ich möchte,« sagte der ehrenwerte und in allen seinen Gefühlen heftig

verletzte Mann, »ich möchte natürlich einen Vorschuß erlegen, aber ich

habe leider nicht mehr als fünfzig Mark bei mir ...«

Er zog einen reizenden, von der liebenden Hand der Ehefrau gestickten

Geldbeutel hervor und nahm wundervoll klingende Goldstücke daraus ...

Ich schwieg und sah ihm zu.

Ich dachte durchaus ernsthaft darüber nach, wie unsagbar roh man

veranlagt sein mußte, wenn man diese Frau, welche die hübsche Geldbörse

vermutlich zu Weihnachten gestickt hatte, kränken oder ihrer Schwester

Karoline zu nahe treten konnte! Der Lehrer faßte mein tiefsinniges

Schweigen irrtümlich auf.

»Ich kann Ihnen ja noch einiges schicken, wenn das nicht genügt ...«

»Es genügt,« sagte ich und ließ meine Gedanken nicht weiter abschweifen.

Er zählte das Geld auf den Tisch, ich schrieb mit scheinbarem Gleichmut

eine Quittung, alles sah geschäftsmäßig und richtig aus, und er wollte

nach höflichem Abschiede gehen.

Da drängte sich mir eine Frage auf die Lippen.

»Herr Lehrer, wie kommt das nun eigentlich? Ich meine, wie kommen Sie

von Irzenham hierher und zu mir?«

»Hierher? Hm--m ...«

»Sie haben wahrscheinlich meine Anzeige im Wochenblatt gelesen?«

»Nein ... eigentlich nicht ...«

»Und wieso ...?«

»Ich wollte nämlich nach München fahren und dort zu einem Anwalt gehen,

aber in der Bahn ... wissen Sie ... da war ein Herr ... ein gebildeter

Mann, so militärisch hat er ausgesehen ...«

Der Lehrer zwirbelte mit der Hand einen imaginären Schnurr- und

Knebelbart ...

»... wie ein alter Soldat und auch in der Sprechweise ... nicht

wahr ... Und ja, wir sind ins Gespräch gekommen, wie man eben eine

Unterhaltung beginnt, und da erzählte ich dem Herrn von meinem Prozeß

...«

»Richtig, dem Herrn erzählten Sie ...«

»Daß ich nach München fahre, um einen Anwalt aufzusuchen, und da sagt

er zu mir: Was wollen Sie denn in München? Wissen Sie denn nicht, daß

ein ausgezeichneter Anwalt hier ist? Er meinte nämlich, hier ...« Der

Lehrer machte eine Verbeugung.

»Bitte!« sagte ich ruhig.

»Ja, und der Herr erzählte von Ihnen in sehr schmeichelhafter Weise

und er sagte, es sei ein Glück, wenn sich in der Provinz so gute

Anwälte niederlassen, Sie entschuldigen Herr Doktor, wenn ich das so

wiedererzähle, aber ...«

»Bitte!« sagte ich ruhig.

»Sie müssen schon öfter für den Herrn Prozesse gewonnen haben?«

»Möglich«, log ich. »Momentan natürlich kann ich mich nicht erinnern

...«

»Ein auffallend großer Mann mit einem militärischen Bart,« wiederholte

der Lehrer und zwirbelte einen unsichtbaren, martialischen Bart ...

»Hm! Ich kann mir ungefähr denken ...«

»Er war, wenn ich so sagen darf, sehr energisch. Wie der Zug hier

anhielt, und ich ... Sie entschuldigen, Herr Doktor, weil ich Sie doch

nicht kannte ... und ich wußte noch nicht, ob ich aussteigen sollte,

da hat er mich gewissermaßen hinausgeschoben und hat mir meinen Mantel

und meinen Regenschirm hinausgereicht, und er sagte immer: Sie müssen

zu dem Anwalt hier gehen. Das ist der rechte Mann für Sie, und er

sagte: Sie werden mir ewig dankbar sein, denn sehen Sie, sagte er,

in der Großstadt, da hat man nicht das Interesse und die Zeit, da

werden Sie kurz abgefertigt, sagte er, -- und da ist der Zug schon

weggefahren, und ich bin da gestanden. Ja, und der Herr hat noch zum

Fenster herausgesehen und hat mir gewunken ... hm ... ja ... und da

bin ich eben zu Ihnen gegangen ... und wenn ich so sagen darf, ich bin

eigentlich froh ...«

»Seien Sie unbesorgt, Herr Lehrer, ich werde energisch für Ihr Recht

eintreten ...«

»Ja, und wissen Sie, diese Äußerung gegen meine Schwägerin Karoline,

die muß besonders hervorgehoben werden ...«

»Sie #wird# hervorgehoben,« sagte ich mit starker Stimme, »wir wollen

einmal sehen, ob der politische Fanatismus alles und jedes beschmutzen

darf, wir wollen sehen, ob ... kurz und gut, Sie können beruhigt

heimfahren.«

Die Augen des Lehrers leuchteten auf. Er bot mir die Hand und

schüttelte sie und ging ...

Ich nahm zu allererst die Goldstücke und ließ sie klirrend auf den

Tisch fallen und wieder in den hohlen Händen aneinander klingen.

Ha!

Ob ich mich an den Mann erinnerte, der einen so befehlenden Ton hatte,

wenn er die Bestellung einer Bibliothek erzwang oder zaghafte Klienten

zum richtigen Anwalt schickte?

Es sollte mehr solche Männer geben!

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Nachbarsleute · 第 6 / 7 段