»Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mir Lieder aufschreiben, die

Ihre Burschen singen --«

»Ja, dös singan s'.«

»Das??«

»Dös singan s' fei gern!«

»Also ... Matheiser ...!«

Habergais überflog die anderen Seiten, die aus Bruchstücken

erkenntlichen Lieder.

Ein sehr langes. »Heul unsern Känig ... heul!« ein kurzes »... im

gruhnen walth is holzauxion ...« und wieder »O du liber augastien«,

»Ich hath einen Kahmeraten« und das letzte noch »Das schöne land,

wo meine wihge stand.« Der Rechtsgelehrte blickte den Ökonomen

durchdringend an.

»Also das sind ...??«

»Dös singan s' allssammete,« sagte Hirtner treuherzig und ohne Arg ...

»und derfan S' g'wiß glaab'n, Herr Dokta, daß i mi schö plagt hab', und

d' Bäurin sagt aa, mit dem Glump derfst ma nimma komma, sagt s' ...«

»Es ist recht, Matheiser, Sie haben Ihre vier Mark, gehen Sie!«

»Und, sagt d' Bäurin, a so a spinnate Arbet, sagt s', muaß 's net glei

wieda geb'n ...«

»Gehen Sie, sage ich!«

»Und ... Herr Dokta ... bal 's grad gang, soll i Eahna nomal a sechsi

aufschreib'n ...?«

Habergais wollte heftig werden, besann sich eines Besseren und sagte

mild:

»Nein, Matheiser, es genügt ...«

»Aba wenn S' moanen?«

»Es genügt. Adieu!«

»S' Good, Herr Dokta!«

Auf dem Bahnsteig

»Es wird Herbst!« sagte Major Burkhardt und blickte den Studienlehrer

fest an mit seinen furchtlosen Soldatenaugen.

Er sagte es mit Betonung, als suchte er in seinem Begleiter bestimmte

Vorstellungen zu erwecken.

»Ja -- -- ja,« seufzte Professor Hasleitner, »es wird allmählich kalt.«

»Und ungemütlich. Kalt und ungemütlich.«

Der Major wies auf die Kastanien vor dem Dornsteiner Bahnhofe, deren

gelbe Blätter sich fröstelnd zusammenkrümmten.

»Um fünf Uhr wird es Nacht. Ein schlecht geheiztes Zimmer. Eine

qualmende Lampe. Die Zugeherin bringt lauwarmes Essen aus dem Gasthof.

Stellt es unfreundlich auf den Tisch. Das ist Ihr Leben.«

Hasleitner hatte ins Weite geblickt, zu dem Walde hinüber, an dessen

Fichten der Nebel lange Fetzen zurückließ.

Der soldatisch bestimmte Ton des pensionierten Majors weckte ihn auf.

»Wie?« fragte er.

»Ich sage, Sie müssen heiraten.«

Der alte Soldat deutete auf die tiefer gelegene Stadt, deren Häuser

behaglich aneinandergerückt waren.

»Das ist das Glück!« sagte er. »Eine Frau am Herde, fleißig, um unser

Wohl besorgt und stattlich.«

Er beschrieb mit der Rechten eine nach rückwärts ausbauchende runde

Linie.

»Und stattlich!« wiederholte er.

Hasleitner sah, wie es weiß und grau und dick und dünn aus vielen

Kaminen rauchte, und er schien die Gemütlichkeit des Anblickes zu

verstehen.

In seine Augen trat ein freundlicher Schimmer, und man konnte glauben,

daß er an Herdfeuer dachte, oder an die runde, sich nach rückwärts

ausbauchende Linie.

Überhaupt, er war ein träumerischer Mensch.

Sorglos im Äußeren, den Hemdkragen nicht immer blendend weiß, die

Krawatte verschoben, den Bart naß von der letzten Suppe, aber in den

Augen Herzensgüte, im ganzen Wesen eine Verträumtheit, die immer wieder

zum Nasenbohren führte.

Kein Mann, der Backfische begeistern konnte, aber einer, der älteren

Töchtern hundert Dinge zeigte, die man in lieber Häuslichkeit flicken,

stopfen und bürsten mochte.

Und doch -- dieser Mann, geschaffen, von den Ärmeln einer bürgerlichen

Schlafjacke umfangen zu werden, war durch eine seltsame Laune des

Schicksals mit einer verdorbenen Phantasie belastet, also daß seine

Gedanken an das weibliche Geschlecht sich stets mit Vorstellungen

von Eisbärenfellen verbanden, von Eisbärenfellen, auf denen dünne,

lasterhafte Beine in schwarzen Seidenstrümpfen ruhten. Noch dazu

lehrte er die Wissenschaft der Geographie und stieß auf der Landkarte

immer wieder auf Orte, wo seine Sinne knisternde Seide und herrlich

verstöpselte Parfüms vermuten durften.

Paris -- Wien -- Budapest --

Ein Gefühl, das mit seiner heimlichen Sehnsucht zusammenhing, trieb ihn

täglich zum Bahnhofe, wo Punkt fünf Uhr der große Schnellzug hielt, der

glücklichere Menschen von einer Großstadt in die andere führte.

Hier hatte nun der quieszierte Major den Träumer angesprochen, und ein

freundlicher Zufall fügte es, daß beide, als sie auf dem Bahnsteige

kehrtmachten, der Gattin des Offiziers gegenüberstanden, wie auch der

Tochter Elise.

In merkwürdig schnellem Gedankengange brachte der Professor das

vorausgegangene Gespräch von Stattlichkeit in Zusammenhang mit der

Erscheinung Elisens, und vielleicht ohne daß er es wollte, drang seine

unlautere Phantasie dem älteren Mädchen durch Mantel und Rock und

begann, sich Dinge auszumalen.

Freilich nicht langgestreckte, seidenumhüllte Beine, aber

Rundlichkeiten, mit denen sich die Vorstellung von Wärme und Innigkeit

verbindet.

Die Tochter des Majors fühlte den sengenden Blick des Philologen, und

als eine reife Blume, die sie war, öffnete sie willig ihre Blätter

den wärmenden Strahlen. Dieses heimliche, unbewußte Suchen und dieses

bewußte Entgegenkommen spann Fäden zwischen den beiden, welche das

erfahrene Mädchen bald genug aufzuspulen beschloß, und es schickte sich

alsbald mit einem lieblichen Lächeln dazu an.

Freilich war dieser Professor kein Gegenstand für brennende Wünsche und

verzehrende Glut, indessen wohl ein Objekt, das sich mit baumwollenen

Ärmeln sanft umfangen ließ, nachdem es vorher sorgfältig gereinigt war.

Keine berauschend süße Frucht, sondern ein säuerlicher deutscher

Hausapfel, der aber, im Kachelofen gebraten, einigen Wohlgeschmack

bieten konnte.

Und das Mädchen schickte sich alsbald an, den heimlichen Faden zu

ergreifen, als mit dumpfem Brausen der Schnellzug in die Station

einfuhr.

Die riesige Lokomotive schnaufte, als wäre sie in der langen,

stürmischen Fahrt außer Atem gekommen, und die langen, schönen Wagen

standen da, als ruhten sie kurze Augenblicke, um weiterzujagen in die

weite Welt.

Mit einem Male hatte Hasleitner alle Gedanken an runde Mädchenreize

vergessen; sie versanken vor ihm, er sah sie nicht mehr.

Dort im ersten Coupé schob eine schmale Hand den Vorhang zurück, und

ein Paar müde Augen blickten entsetzt auf die Philister, hier prallte

ein entzückender Kopf entrüstet zurück.

Es war die große Welt, die eine Minute lang Dornsteiner Luft einzog und

Pariser Odeurs zurückgab.

Und da stand es auf weißen Tafeln und war darum kein phantastisches

Märchen: Paris -- Avricourt -- Wien --

Ja ... ja ... diese nämlichen Wagen waren gestern noch in Paris gewesen!

Jene fabelhaften Damen, von denen man sich erzählt, daß sie gierig

und unerbittlich Jagd machen auf gut gebaute Männer, waren an ihnen

vorbeigewandelt, hatten süße Blicke in sie hineingeworfen, und von

ihrem Dufte hing etwas an Türen und Fenstern und verwirrte den Sinn

eines deutschen Jugendbildners.

Wußte man, ob nicht eine solche Tigerin da drinnen auf schwellenden

Polstern saß und einen breitbrüstigen Germanen mit ihren Blicken

verschlang?

Odette, Suzette -- Germaine -- ah!

Hier steht ein Gymnasiallehrer von gänzlich unverdorbener Jugend,

und der für schlanke Waden und schwarze Strümpfe die heftigsten

Empfindungen angestaut hat.

Warum seufzt ihr erleichtert auf, da sich nun der Zug in Bewegung setzt?

Ihr saht erstaunt auf die Kostüme, die im Dornsteiner Atelier für

_modes_ und _confection_ kreiert waren, ihr saht Spitzbäuche und

gepreßte Busen, faltenreiche Hosen und geschmierte Stiefel, aber ihr

saht nicht in das Herz des blonden Professors und wißt nicht, wie er so

ganz der Eure ist!

Fort!

Die Lokomotive pfeift jubelnd aus der Station hinaus, als freute auch

sie sich, diesem Neste entronnen zu sein ...

Diesem Himmelherrgott ...

»Warum so träumerisch?« lispelte Elise und blickte schelmisch auf den

Professor, der dem Zuge nachstarrte und in der Nase bohrte.

Da traf sie ein Blick, so leer, so fremd und so feindselig ..., daß sie

unter dem flanellenen Höschen eine Gänsehaut überlief.

-- -- Der Faden war zerrissen -- --

Tja -- --!

Eine bunte Gesellschaft, wie sie die Sommerfrische zusammenführt,

saß im Postgarten zu Binswang und freute sich des schönen Abends und

führte kluge Gespräche über dies und das. Alle Anwesenden vorzustellen,

wäre ermüdend, denn es waren zwei lange Tische, an denen in dichter

Folge Männer und Frauen saßen, und es genüge hier zu sagen, daß ein

Kommerzienrat Diestelkamp aus Barmen, wie auch ein Landgerichtsdirektor

Höfler aus Fürth und ein pensionierter Hauptmann darunter waren und dem

Kreise das Gepräge der besseren Gesellschaft verliehen.

Auch das bedeutende oder interessante Element fehlte nicht, da am

Vormittage der bekannte Schriftsteller Harry Mertens eingetroffen war,

dessen lyrische Gedichte und Versdramen nicht erst hervorgehoben werden

müssen.

Er saß neben seiner Frau, die ihn an Stattlichkeit bei weitem

übertraf, denn er war eine kleine semmelblonde Erscheinung mit

kreisrunden blauen Augen und einem merkwürdig entsagungsvollen Lächeln

um den süßen Dichtermund, während sie einen heftig arbeitenden Busen

und pralle Arme und ein Doppelkinn hatte.

Die Gesellschaft würdigte vollkommen die Ehre, mit einem gedruckten,

besprochenen und aufgeführten Genius unseres Volkes an einem Tische zu

sitzen, und nicht nur waren es die Damen, welche mit leuchtenden Augen

an ihm hingen, sondern auch die Herren Diestelkamp und Höfler legten

eine mit Neugierde vermischte Ehrerbietung an den Tag.

Man hatte unmittelbar nach Mertens Ankunft nicht geahnt, mit wem man

es zu tun hatte, und Frau Mertens hatte nicht früher als beim ersten

Mittagmahle Gelegenheit gefunden, solche Bemerkungen hinzustreuen,

welche allgemeine Aufklärung verschafften, indem sie laut nach einer

Zeitung rief und den Semmelblonden fragte, ob nichts von ihm oder

über ihn darin stünde. Sie wiederholte die Frage, schlug die stark

rauschenden Blätter hastig um, überflog das Gedruckte und sagte, daß zu

ihrer Verwunderung keine Notiz zu finden sei.

Sie beruhigte sich erst, als die Pfeile saßen und von den Nebentischen

forschende Blicke ihren Mann streiften, der seine Suppe aß und sich

apathisch wie ein dem Publikum vorgezeigter Menagerielöwe verhielt.

Frau Mertens warf zwischen Rindfleisch und Mehlspeise und zwischen

Mehlspeise und Kaffee noch mehrmals die Angel aus, und als man sich

erhob, biß Frau Direktor Höfler an und erhielt auf schüchterne Fragen

eine erschöpfende Belehrung über das Stück Literaturgeschichte, welches

der Zufall in ihren Kreis geworfen hatte.

Am Abend war dann alle Welt so unterrichtet, daß sie dem Dichter

Bewunderung zeigen und Kenntnis seiner Werke heucheln konnte.

»Woher nehmen Sie Ihre Stoffe?« fragte Landgerichtsdirektor Höfler, der

hier zum ersten Male eines Genius inquirieren konnte und entschlossen

war, das Wesen der Schriftstellerei zu zerlegen. »Bietet sich Ihnen der

Stoff, wenn ich so sagen darf, zufällig dar, oder erfassen Sie durch

einen Willensakt die Materie, der Sie dann poetische Form verleihen?«

»Tja ...« sagte der Dichter.

»Ich meine, gehen Sie mit Überlegung und Absicht an das Objekt

heran, oder drängt es sich unabhängig und gewissermaßen fertig Ihrem

subjektiven Empfinden auf, oder ...«

»Tja ...« sagte der Dichter.

»#Oder#,« wiederholte Höfler mit erhobener Stimme, denn er liebte es

nicht, unterbrochen zu werden, »oder ist die Produktion in ihrem ersten

Stadium ein von den den Willen bildenden Momenten unabhängiger Vorgang

Ihrer Phantasie, welcher dann erst in seinem späteren Verlaufe in den

Bereich Ihrer geistigen Machtsphäre gelangt und so Ihrem formenden

Verstande unterworfen wird?«

»Er macht alles mit der Phantasie,« warf Frau Mertens ein, »er sitzt

oft den ganzen Tag da und hat bloß Phantasie im Kopf; und dann kann man

mit ihm reden, was man will, -- er hört einen nicht.«

»Das wäre also ein passiv empfangender Vorgang, der zeitlich dem aktiv

gestaltenden vorausgeht,« bestätigte Direktor Höfler und sammelte

zustimmendes Kopfnicken ein, indem er die Tafel entlang blickte.

»Ich denke es mir furchtbar interessant,« sagte Frau Kommerzienrat

Diestelkamp, »wie so eine Dichtung entsteht; das muß zu spannend sein!

Was hat man da nun eigentlich für ein Gefühl dabei?«

»Tja ...« sagte der Dichter.

»Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, was wir da für ein Gefühl haben,«

warf wiederum Frau Mertens ein. »Zuerst, wenn wir anfangen, ist es

sehr nett, weil man sich darauf freut, und dann in der Mitte wird es

traurig, weil es oft nicht geht, aber dann, wenn es heraußen ist, sind

wir wieder froh.«

»Ich kann mir das sehr gut vorstellen,« meinte Frau Diestelkamp,

»zuerst und dann ...«

»So daß wir gewissermaßen drei Momente der aktiven Gestaltung

unterscheiden,« warf der Direktor in erklärender Weise ein, »der

von Hoffnungen getragene Beginn, das behinderte Werden und die

Erleichterung der Vollendung.«

»Ja, ich bin immer erleichtert, wenn er es heraußen hat, denn Sie

glauben nicht, was man als Frau dabei aussteht. Beim zweiten Akt ist es

am ärgsten, weil man da immer stecken bleibt. Beim ersten hat er noch

Appetit und schläft gut und hat auch seinen regelmäßigen Stuhlgang. Sie

entschuldigen, wenn ich das erzähle ...«

»Aber ich bitte Sie, es ist ja so interessant,« unterbrach hier Frau

Diestelkamp die lebhafte Dichtersgattin, welche sogleich fortfuhr: »Ja,

beim ersten Akt ist alles in Ordnung, aber sowie der zweite angeht,

ißt er weniger und wacht mitten in der Nacht auf und verliert seine

Regelmäßigkeit und verändert sich überhaupt. Ich kenne es sofort, wenn

der zweite Akt angeht, und ich sage dann zu meiner Köchin, daß sie

leicht verdauliche Speisen kocht, und daß mir immer Kompott auf den

Tisch kommt, und ich lasse ihn dann auch fleißig Hunyadywasser trinken,

bis wir den zweiten Akt heraußen haben, denn der dritte geht schon

wieder viel leichter. Er kriegt dann eine bessere Gesichtsfarbe und

schwitzt auch nicht mehr so stark in der Nacht.«

»Also die Lösung des Knotens gestaltet sich weniger schwierig, Herr

Mertens?« wandte sich der Direktor an den Mann, der sich teilnahmslos

erklären ließ.

»Tja ...« antwortete dieser und schnitt an seinem Rettig weiter.

Seine Frau aber ließ den Faden nicht aus der Hand gleiten.

»Der dritte Akt geht auch viel schneller. Wir haben höchstens vierzehn

Tage Arbeit damit. Heuer, beim 'Barbarossa' haben wir drei Wochen

gebraucht, weil eine Szene vorkam, wo sich alles reimen mußte. Ich

habe es ihm gleich gesagt, daß wir stecken bleiben; aber es war eine

Liebeserklärung, und da hat er es so im Kopf gehabt. Ein paar Tage hat

es gefährlich ausgesehen, und meiner Köchin ist es auch aufgefallen.

Sie hat mich gleich gefragt: 'Was hat denn der gnä' Herr? Es wird doch

um Gottes willen nicht schon wieder einen zweiten Akt geben?' 'Nein,'

sagte ich, 'Lina, den haben wir dieses Jahr glücklich hinter uns, aber

es muß sich vier oder fünf Seiten voll reimen, und Sie können ja für

morgen eine Eierspeise mit Pflaumenmus richten, und wenn es dann noch

nicht besser wird, wollen wir schon sehen.' Aber zum Glück waren dann

am andern Tag die Verse heraußen, und es ging wieder von selbst.«

Die Frauen der Tafelrunde hatten mit großem Ernste zugehört und nickten

nun verständnisvoll mit den Köpfen.

»So lebt man doch eigentlich als Frau die Werke seines Mannes mit!«

unterbrach Frau Direktor Höfler das kurze Schweigen.

»Ich kann es mir so gut vorstellen!« sagte Frau Kommerzienrat

Diestelkamp.

»Sie dürfen mir glauben, daß ich als Frau meinen Kopf beisammen haben

muß, wenn #er# dichtet.«

Frau Mertens zeigte bei diesen Worten auf ihren Gatten, der kindlich

lächelnd seinen Rettig einsalzte. »Ich muß an alles denken, und mich

trifft es viel härter wie ihn. Er sitzt einfach in seinem Zimmer und

schreibt, aber ich habe die Haushaltung und muß genau achtgeben, daß

wir noch waschen und reinemachen, vor der zweite Akt angeht, denn dann

ist keine Zeit mehr zu so was, und es muß gut eingeteilt werden. Wie

wir den 'Perikles' gedichtet haben, sind wir mit dem Stöbern gerade

noch drei Tage in den zweiten Akt hineingekommen, und ich kann Ihnen

bloß sagen, ich möchte das nicht wieder erleben, und ich habe auch beim

'Theodorich' eine zweite Zugeherin genommen, daß wir nur ja schnell

fertig geworden sind.«

»Wie interessant!« rief Frau Diestelkamp aus, »es wird einem alles so

näher gebracht. Ich habe bis jetzt gar keine rechte Vorstellung gehabt,

wie es wohl in Dichterfamilien ist, und nun verstehe ich manches.«

»Sie müssen aber trotzdem sehr glücklich sein,« fügte Frau Höfler

hinzu. »Als Gattin eines Dichters! Ich stelle mir das entzückend vor.«

»Ich möchte mit niemand tauschen,« erwiderte Frau Mertens, »obschon

manches vorkommt, was einem Sorgen macht. Denken Sie sich, wir haben

fünfzehn Jahre lang romantisch gedichtet, und jetzt geht das nicht

mehr, und wir müssen modern schreiben, oder realistisch, wie man auch

sagt. Das ist ein Schlag, kann ich Sie versichern! Mein Mann wollte

noch immer nicht, aber was kann man gegen die Kritiker machen?«

»Erlauben Sie mir die Bemerkung, gnädige Frau, daß ich da ganz auf

Seite Ihres verehrten Gemahls stehe,« rief Herr Diestelkamp, »wir

wollen gerade in unserer nüchternen Zeit die Romantik nicht missen, und

wir suchen bei unsern Dichtern die herrliche Quelle der ... den ... den

Ritt in ... ich wollte sagen, wir wollen immer noch einen Trunk aus der

romantischen Quelle schlürfen.«

»Es geht nicht,« sagte Frau Mertens mit einer Schärfe, die erraten

ließ, daß man hier auf ein eheliches Streitthema gekommen war; »es geht

durchaus nicht. Das nächste Stück muß er modern schreiben. Ich will

nicht, daß die Zeitungen noch einmal von veralteter Manier schreiben,

oder daß die Frau Nathusius die Nase rümpft, wenn sie mir begegnet,

weil ihr Mann schon dreimal hochmodern gedichtet hat.«

»Aber die romantische Muse Ihres Mannes wird sich dagegen sträuben,«

sagte Direktor Höfler.

»Sie #hat# sich gesträubt,« rief die streitbare Frau und blickte dabei

mit einiger Strenge auf ihren Mann, der den endlich weinenden Rettig

aß; »sie #hat# sich allerdings gesträubt, aber das ist jetzt vorbei.

Ich muß es auch aushalten, und wenn es noch schlimmer wird bei den

zweiten Akten.«

»So geben also auch Sie den Ritt ins alte romantische Land auf?« fragte

Diestelkamp, der sich nun auf das Zitat besonnen hatte, mit starkem

Pathos.

»Tja ...« antwortete der Dichter.

Der Biedermann

Der alte Buchberger Hans saß auf der Hausbank und ließ sich so

behaglich wie die Katze neben ihm die warme Märzensonne auf den

Pelz brennen. Auf dem Dache zerging der letzte Schnee, und eintönig

plätscherte es von der Rinne auf die Kieselsteine. Drüben am Waldrande

lag schon ein grüner Schimmer über den Sträuchern, und dem Hans kamen

fröhliche Gedanken von schönen Tagen und Wiederaufwachen aus langem

Schlafe.

Zufrieden patschte er sich auf das linke Knie und rieb ein wenig daran.

Das war auch wieder gut geworden; viel besser, als er geglaubt hatte

nach dem bösen Fall im vorigen Jahre.

Hätte leicht steif bleiben können, und das wäre ihm hart gefallen in

seinen alten Tagen, und weil er ja auch noch arbeiten wollte neben den

Jungen in dem kleinen Haushalte, der jede Beihilfe brauchen konnte.

Aber so war es nun wieder recht geworden. Der Unfall zahlte ihm

fünfzehn Mark alle Monate, und weiß Gott, wie wohl ihnen das Bargeld

tat, wenn es noch so wenig war, und faulenzen brauchte er deswegen doch

nicht.

Er schlenkerte mit dem Fuß und streckte ihn wieder geradeaus.

Es ging schon, jawohl, und vor ein paar Tagen war er mit dem Jungen

auch auf der Bergwiese droben gewesen und war rechtschaffen müd

geworden.

Aber es ging und wurde alleweil besser.

Alleweil besser.

Da schau her! Den sonnigen Hang herauf kam ein Spaziergänger, ein

städtischer Herr, der oft stehenblieb und ausschnaufte.

Tat halt einem jeden wohl, Wärme und Sonnenschein.

Jetzt nahm der Herr den Hut ab und trocknete sich die Stirne.

Der sah beinahe aus wie der Bezirksarzt mit seinem langen Vollbart, und

so groß und breitschultrig war er auch.

Richtig, da fiel dem Buchberger ein, daß die Leitnerbäuerin krank war,

und vielleicht ging jetzt der Doktor zu ihr ...

Und war schon so.

Von weitem schon lachte der Bezirksarzt freundlich, wie er den Alten

erkannte, und der Hans stand auf und grüßte höflich.

»Das is ja der Buchberger? Grüß Gott! Darf ich mich a bissel hersetzen?«

»Ja freili, Herr Bezirksarzt! Oder soll i an Sessel außa hol'n?«

»Na! I sitz gut g'nug.«

»Gengan's g'wiß zum Leitner aufi?«

»Ja ... mhm ... no, wie geht's Ihnen?«

»Guat ... Herr Bezirksarzt ... Bin woh z'fried'n ...«

»Das hört man gern ... ja! so ein alter Veteran laßt nicht aus!«

Der leutselige Bezirksarzt klopfte dem Hans auf die Schulter und

schaute ihm mit herzlichem Wohlwollen in die Augen.

»Sie sind ja noch einer von Anno siebzig?« fragte er.

»Siebazgi und sechsasechzgi.«

»Und sechsundsechzig! Allen Respekt! Da haben Sie was durchg'macht im

Leben!«

»Ja ... dös ko ma wohl sag'n.«

»Fürs deutsche Vaterland!«

Und der freundliche Mann tätschelte wieder den braven alten Soldaten

auf die Achsel.

»No, von sechsasechzgi kann i net viel prahl'n,« sagte der Hans. »Da

san ma de mehra Zeit retariert, weil si koa Mensch net auskennt hot und

überhaupts ...«

»Ja ... ja ... der Bruderkrieg!« sagte der Arzt lächelnd.

»Aba ... siebazgi! Sakera Hosenzwickl! Da hamm's as ins dafür

ei'kocht! I bin bei Wörth dabeig'wen und bei Sedan ... und nacha bei

Orleanß hinten! Bei Kulmirs hamm s' an Major Gruaba neben meiner aufi

g'schoss'n, und i und da Hage Pauli, mir hamm an im größt'n Feuer

z'ruckbracht ... und hab aa 's Eiserne Kreuz kriagt für dös und bin

belobigt wor'n vorn ganz'n Regament ...«

»Ja, was Sie sagen!«

Der Bezirksarzt streckte dem eifrigen Alten seine Hand hin. »Respekt --

Buchberger! Ein deutscher Ritter des Eisernen Kreuzes! Da müssen wir

Jüngeren den Hut ziehen!«

»No ja! Es hätten's eigentli alle vadeant, denn was mir selbigsmal

durchg'macht hamm, dös war a wengl hart ... und i sag's oft, de junga

Leut achten's nimmer a so, aba es hat scho was braucht!«

»Ja, die jungen Leute! Die werden von den sozialdemokratischen

Zeitungen vergiftet. Das findet man nicht mehr, wie früher ... diese

... diese Einfachheit und ... ah ... diese ... diese Vaterlandsliebe

...«

»Gel? I sag's aa'r allaweil! De Patriot'n san nimmer gar so viel! Und

wenn ma was sagt, wurd ma glei ausg'lacht von de Grasteufl!...«

»Es ist schlimm, Buchberger! Schlimm! Aber ein alter Soldat, wie Sie,

der laßt sich nicht irrmachen ...«

»Ja, was waar denn net dös? I laß net aus.«

»Einer von der alten Garde! Han?«

»Und de Erinnerung gab i net her ... dös derfen S' g'wiß glaab'n, Herr

Dokta ... Sakera Hosenzwickl ... wia mir einmarschiert san ...«

»In Paris? Was?«

»In Paris net; da bin i net dabeig'wen, weil inser Regament heraußd

bleib'n hat müass'n ... aba in Münk'n ... do bin i nobl mit ...«

»Vor dem Kronprinz'n?«

»Und an Kini; vor der Feldherrnhalle san ma an eahm vorbei ...«

»Parademarsch?...«

»Dös glaab i! Neig'haut, daß d' Stoa g'wackelt hamm!«

»Eins ... zwei! Eins ... zwei ...! Ob's heut noch ging, Buchberger?«

»Probier ma's!« lachte der Alte und sprang von der Bank auf und nahm

die Hände an die Hosennaht. Augen links! nach dem Bezirksarzt, und eins

und zwei ... eins und zwei ... und es ging noch.

Freilich nicht mehr so stramm, daß die Steine wackelten, aber ganz

passabel, daß der joviale Arzt in die Hände patschte und herzhaft

lachte.

»Bravo, Buchberger!« rief er, als sich der Hans wieder setzte und

patschte ihm urkräftig auf das Knie ... »ja, ihr alten Veteranen, ihr

seid aus einem andern Stahl als wir!«

»Woaß net,« sagte der Hans, »i g'spüret's glei im Hax'n ...«

»I wo! Sie sind ja marschiert wie ein Gardeleutnant ... also, jetzt muß

ich aber gehen ... es hat mich recht g'freut ...«

»Mi scho aa, Herr Bezirksarzt, und kehren S' wieder amal zua! Adjes!«

»Dös is a liaba Mo!« sagte er noch vor sich hin, als sich der Doktor

langsam entfernte -- »a ganz a g'führiger Mo!«

* * * * *

Eine Woche später, und es war schlechtes Wetter, regnete und schneite

durcheinander, brachte der Postbote dem Buchberger ein Schreiben, das

sich der Länge und Breite nach amtlich ausnahm und auch einen Stempel

trug.

Nachbarsleute · 第 3 / 7 段