die der Alkohol keine Macht besaß, aber die waren in
ganz geringer Zahl. Patriziergeschlechter gab es in beiden
Städtchen nicht. In Hohenstein wohnten einige Familien,
die man höher schätzte als andere, in Ernsttal aber nicht.
Die Pfarrer und die Aerzte waren die einzigen akademisch
gebildeten Personen, hierzu kam vielleicht ein Rechtsanwalt,
dessen Liquidationen absolut nicht das Geschick besaßen,
sich in klingende Einnahmen zu verwandeln. So war
die ganze Lebensführung überhaupt eine ungemein niedrige
und der allgemeine Umgangston auf eine Note gestimmt,
die man jetzt kaum mehr für möglich hält. Im persönlichen
Verkehr waren Spitznamen oft gebräuchlicher als
die wirklichen, richtigen Namen. Als einziges Beispiel,
welches ich da anführe, diene der Name Wolf. Es gab
einen Weißkopfwolf, einen Rotkopfwolf, einen Daniellobwolf,
einen Schlagwolf und noch eine Menge andersgenannter
Wölfe. Die Häuser waren klein, die Gassen
eng. Ein jeder konnte in die Fenster des andern sehen
und alles beobachten, was geschah. So wurde es fast
zur Unmöglichkeit, Geheimnisse voreinander zu haben. Und
da kein Mensch ohne Fehler ist, so hatte ein jeder seinen
Nachbar im Sacke. Man wußte alles, aber man schwieg.
Nur zuweilen, wenn man es für nötig hielt, ließ man
ein Wörtchen fallen, und das war genug. Man kam
dadurch zur immerwährenden, aber stillen Hechelei [sic], zur
niedrigen Ironie, zu einem scheinbar gutmütigen Sarkasmus,
welcher aber nichts Reelles an sich hatte. Das
war ungesund und griff immer weiter um sich, ohne daß
man es beachtete. Das ätzte; das wirkte wie Gift. So
hatte sich aus den sonnabendlichen Kartenspielen ein
lichtscheues Unternehmen gebildet, welches den Zweck verfolgte,
verbotenes, ja sogar falsches, betrügerisches Kartenspiel
zu pflegen. Die Betreffenden kamen zusammen, um
sich in der Zubereitung und im Gebrauch von falschen
Karten zu üben. Sie etablierten sich in einer vor der
Stadt gelegenen Wirtschaft. Sie schickten Zubringer
aus, um Opfer einzufangen. Da saß man nächtelang
und spielte um hohe Einsätze. Mancher kam da mit
vollen Taschen und ging mit leeren fort. Dieses Treiben
war im Städtchen wohlbekannt. Man erzählte sich von
jedem neuen Coup, der gemacht worden war. Man
sprach von den erbeuteten Summen, und man freute sich
darüber, anstatt daß man diese Betrügereien verwarf.
Man verkehrte mit den Falschspielern wie mit ehrlichen
Leuten. Man leistete ihnen Vorschub. Ja, man achtete,
man rühmte ihre Pfiffigkeit, und man verriet nicht das
geringste von allem, was man von ihnen wußte. Daß
hierdurch eigentlich das ganze Städtchen an dem Betruge
gegen die herbeigeschleppten Opfer beteiligt wurde und
daß jedermann, der von diesen Gaunereien wußte, sich,
streng genommen, als Hehler zu betrachten hatte, das
leuchtete keinem Menschen ein. Wer damals gesagt hätte,
daß dies einen beklagenswerten, allgemeinen moralischen
Tiefstand bedeute, der wäre wohl ausgelacht worden, oder
gar noch Schlimmeres. Das allgemeine Rechtsgefühl war
irregeführt. Man bewunderte die Falschspieler, wie man
die Rinaldo Rinaldini's und die Himlo Himlini's der
alten Leihbibliothek bewunderte, deren Bände man
verschlang, weil sie die einzige war, die es in den beiden
Städtchen gab. Ich habe niemals gehört, daß der
Bürgermeister, der Pfarrer oder ein sonst hierzu berufener
Beamter einen dieser Falschspieler zu sich kommen ließ, um
ihn zu verwarnen, und von dem bösen Beispiele, welches der
ganzen Gemeinde gegeben wurde, abzulassen. Man duldete
es. Man ging schweigend darüber hinweg. Die Jugend
aber, die das alles mit ansah und mit anhörte, mußte
den Eindruck gewinnen, daß diese Betrügereien
bewundernswerte und sehr gut lohnende Taten seien, und
so ein Eindruck wird nie wieder verwischt. Mir wurde
einst von einem Juristen gesagt, ich sei in einem Sumpf
geboren worden. Ob dieser Herr wohl recht gehabt hat
oder nicht?
Zwei eigenartige Gewächse dieses Sumpfes waren
die beiden Namen "Batzendorf" und die "Lügenschmiede".
Der erstere leitet sich auf die bekannte, alte süddeutsche
und schweizer Scheidemünze, Batzen genannt, zurück.
Batzendorf war eine fingierte Dorfgemeinde, der jeder
Einwohner Ernsttals beitreten konnte. Es war ein Jux,
aber ein Jux, der häufig zum Ausarten kam. Batzendorf
hatte seinen eigenen Gemeindevorstand, seinen eigenen
Pfarrer, seine eigene Gemeindeverwaltung, das alles
aber von der heiter sein sollenden Seite genommen. Das
allerkleinste Häuschen Ernsttals, das der alten
Gemüsehändlerin Dore Wendelbrück, wurde zum Batzendorfer
Rathause erhoben. Eines Morgens stand ein Turm darauf,
den man aus Latten und Zigarrenkistchen gezimmert
und der alten Dore auf das Dach gesetzt hatte, ohne sie
zu fragen. Sie war aber sehr stolz darauf. Die Wirtin
zum Meisterhaus war Dorfnachtwächter. Sie mußte die
Stunden ansagen und tuten. Jede Behörde und jede
Charge war vertreten, bis tief herunter zum Kartoffel-
und zum Schotenwächter, auch das alles in das Komische
gezogen. Des Sonnabends war Versammlungstag. Da
kam die Gemeinde zusammen, und es wurden die tollsten
Sachen ausgeheckt, um dann wirklich ausgeführt zu
werden: Taufen fünfzigjähriger Säuglinge, Verheiratung
zweier Witwen miteinander, eine Spritzenprobe ohne
Wasser, Neuwahl einer Gemeindegans, öffentliche Prüfung
eines neuen Bandwurmmittels und ähnliche tolle, oft
sogar sehr tolle Sachen. Der Herr Stadtrichter Layritz
war alt geworden und duldete das. Der Herr Pastor
war noch älter und glaubte von allem das Beste. Er
sagte immer: "Nur nicht übertreiben, nur nicht übertreiben!"
Damit glaubte er, seiner Pflicht genügt zu haben.
Der Herr Kantor schüttelte den Kopf. Er war zu bescheiden,
öffentlich mit einem Tadel hervorzutreten. Aber
unter vier Augen hatte er den Mut, meinen Vater zu
warnen: "Machen Sie nicht mit, Herr Nachbar, machen
Sie ja nicht mit! Es ist nicht gut für Sie und auch nicht
gut für den Karl. Was man da treibt, ist alles weiter
nichts als Persiflage, Ironie, Verhöhnung und
Verspottung von Dingen, an deren Heiligkeit ja niemand
rühren soll! Und zumal Kinder sollen so etwas nie zu
sehen noch zu hören bekommen!"
Er hatte sehr, sehr Recht. Dieses "Batzendorf",
in dem man nur mit Batzengeld zahlen durfte, hat eine
ganze Reihe von Jahren bestanden und manche stille,
heimliche, doch um so bösere Wirkung gehabt. Da lockerten
sich "die Bande frommer Scheu". Da gab es wöchentlich
etwas Neues. Wir Kinder verfolgten die Albernheiten
der Erwachsenen mit riesigem Interesse und höhnten
und persiflierten mit, freilich ohne uns dessen bewußt
zu werden. Das ging so fort, bis ein neuer, strammer
Zug in die Ortsverwaltung und in die Kirchenleitung
kam, und Batzendorf an sich selbst zugrunde ging. Aber
einen Nutzen hatte es keinem Menschen gebracht. Es war
eine Versumpfung, in welche nicht nur die Alten gestiegen
sind, sondern wir Jungen wurden auch mit hinein geführt
und haben sehr viel von unserer Kindlichkeit drin
stecken lassen müssen. Dem Unbegabten schadet das weniger;
in dem Begabten aber wirkt es fort und nimmt in seinem
Innern Dimensionen an, die später, wenn sie zutage
treten, nicht mehr einzudämmen sind.
Die "Lügenschmiede" war etwas neueren Datums.
Indem ich von ihr spreche, nenne ich absichtlich keine
Namen. Ich will das, was ich sage, nur gegen die Sache
selbst, nicht aber gegen Personen richten. Es gab in
Ernsttal einige jüngere Leute, welche außerordentlich
satirisch begabt waren. An sich sehr achtbare, liebenswürdige
Menschen, hätten sie in andern, größeren Verhältnissen
durch diese Begabung ihr Glück machen können,
so aber blieben sie unten in den kleinen Verhältnissen
hangen und konnten also auch nur Kleinliches und
Gewöhnliches, oft sogar nur sehr Triviales leisten. Es war
wirklich schade um sie!
Einer von ihnen, vielleicht der Unternehmendste und
Witzigste, brachte es zum Hausbesitzer und hatte die
Kühnheit, in diesem Ernsttal, wo so wenig Sinn und
Mittel für Delikatessen vorhanden waren, ein Delikatessengeschäft
zu errichten, aber natürlich mit Restauration,
denn ohne diese wäre es ganz unmöglich gegangen. Diese
Restauration hatte zunächst keinen besonderen Namen;
aber nicht lange, so wurde ihr einer gegeben, und zwar
ein sehr bezeichnender. Man nannte sie die Lügenschmiede
und ihren Besitzer, den Wirt, den Lügenschmied.
Weshalb? Sowohl dem Wirte als auch seinen Stammgästen
saß allen der Schalk im Nacken. Ein Anderer
konnte öfters dort verkehren, ohne daß er etwas davon
bemerkte. Aber plötzlich brach es über ihn los, plötzlich,
ganz unerwartet und mit einer Sicherheit, der nicht zu
widerstehen war. Er wurde "gemacht", wie man es
nannte. Man hatte seine schwächste Seite und seinen
stärksten Nagel entdeckt und hing an diesem irgend eine
wohlausgedachte Lüge auf, die er glauben mußte, er
mochte wollen oder nicht. An dieser Lüge blamierte er
sich, mochte er sich noch so sehr dagegen sträuben und
mochte er zehnmal und hundertmal klüger sein, als alle
die, welche beschlossen hatten, ihn zum Falle zu bringen.
Diese Lügenschmiede wurde weithin bekannt. Tausende
von Fremden kamen, um da einzukehren, und ein jeder,
dem es etwa einfiel, mit dem Wirt und seinen Stammgästen
anzubinden, nahm seine Backpfeife mit und zog
beschämt von dannen.
Gewöhnliche Gäste kaufte man sich billig. Verlangte
einer ein Glas Bier, so bekam er einen Kognak. Begehrte
er einen Schnaps, so erhielt er Limonade. Wollte er
einen marinierten Hering essen, so setzte man ihm
Kartoffeln in der Schale und Apfelmus vor. Und keiner
weigerte sich, dies zu nehmen und zu bezahlen, denn
Jeder wußte, die Blamage kommt dann hinterher. Bessere
Gäste hatten keine so gewöhnlichen Witze zu befürchten.
Die ließ man warten. "Der muß erst noch reif werden,"
pflegte der Lügenschmied zu sagen. Und Jeder wurde
reif, Jeder, mochte er sein, wer oder was er wollte, ob
studiert oder nicht studiert, ob hochgestellt oder niedrig.
Es gab da oft geradezu geniale Witze, immer aber mit einem
Einschlag aus dem Gewöhnlichen heraus. Einem Gast,
der sich rasieren lassen wollte, wurde gesagt, der Barbier
sei nicht zu Hause, sondern er sitze grad hier neben ihm.
Dieser war aber kein Barbier, sondern ein Bäckermeister.
Er seifte den Betreffenden mit Anilinwasser ein und
rasierte ihn, ohne daß einer der Anwesenden eine Miene
dabei verzog. Der Rasierte bezahlte und ging dann
vergnügt von dannen, vollständig blau im Gesicht. Er
konnte sich wochenlang nicht sehen lassen, zur Strafe
dafür, daß er in der Lügenschmiede behauptet hatte, er sei
gescheiter als alle, ihn könne niemand foppen. Einem
andern Gaste wurde weisgemacht, sein Bruder sei heut'
Vormittag auf dem Jahrmarkt verunglückt. Er sei einem
Riesenleierkasten zu nahe gekommen und mit dem rechten
Bein in das Räderwerk geraten; man habe ihm infolgedessen
das Bein unterhalb des Knies abnehmen müssen.
Der Mann sprang erschrocken auf und rannte fort, kam
aber sehr bald lachend und mit seinem vollständig
gesunden Bruder zurück. Auch die Herren von der
Behörde verkehrten sehr gern in der Lügenschmiede, doch
nur zu Zeiten, in denen sie sich dort allein und unbeobachtet
wußten. Sie ließen sich auch einen Ulk gefallen,
und oft hatte der Lügenschmied es nur ihrem Einflusse
zu verdanken, daß seine oft zu weitgehenden Witze ohne
unangenehme Folgen blieben. Denn die Sache artete,
wie Alles, was unten aus dem Niedrigen stammt, nach
und nach aus. Die Witze wurden gewöhnlicher; sie
verloren den Reiz. Man hatte sich verausgabt. Und ein
Jeder, der die Lügenschmiede betrat, glaubte, Lügen
machen und Unwahrheiten präsentieren zu dürfen. Der
Geist ging aus. Was früher wirklicher Humor, wirkliche
Schalkhaftigkeit und wirklicher Scherz und Schwank gewesen
war, das wurde jetzt zur Zote, zur Zweideutigkeit,
zur Unwahrheit, zur Fälschung, zur unvorsichtigen
Klatscherei und Lüge. Die Lügenschmiede ist jetzt
verschwunden. Das Haus wurde der Erde gleichgemacht.
Leider aber sind die Folgen dieser unangebrachten
Witzbolderei nicht auch verschwunden. Sie existieren noch
heute. Sie wirken fort. Auch das war ein Sumpf, und
zwar ein unter hellem Grün und winkenden Blumen
verborgener Sumpf. Nicht nur die Ortsseele hat unter
ihm gelitten, sondern seine Miasmen sind auch im weiten
Umkreise rund über das Land gegangen, und leider,
leider bin auch ich einer von denen, die sehr und schwer
darunter zu leiden hatten und noch heutigen Tages
leiden müssen. Daß meine Gegner es wagen konnten,
den Karl May, der ich in Wirklichkeit und Wahrheit
bin, in die verlogenste aller Karikaturen zu verwandeln
und mich sogar als Marktweiberbandit und Räuberhauptmann
durch alle Zeitungen zu schleppen, das wurde zum
größten Teil durch die Lügenschmiede ermöglicht, deren
Stammgäste gar nicht bedachten, was sie an mir
begingen, als sie einander mit immer neuen Erfindungen
über meine angeblichen Abenteuer und Missetaten
traktierten. Ich komme hierauf an anderer Stelle zurück
und habe hier noch ganz kurz zu sagen: Was ich über
jene Falschspielergesellschaft, über "Batzendorf" und über
die "Lügenschmiede" zu berichten hatte, sind nur einige
kurze Einblicke in die damaligen Verhältnisse meiner
Vaterstadt. Ich könnte diese Einblicke noch überaus
erweitern und vertiefen, um nachzuweisen, daß es wirklich
und wahrhaft ein sehr verseuchter Boden gewesen ist, in
den meine Seele gezwungen war, ihre Wurzeln zu schlagen,
will dies aber gern und mit Vergnügen unterlassen,
weil ich kürzlich zu meiner Freude gesehen habe, wieviel
sich dort verändert hat. Ich hatte meine Vaterstadt
schon lange Zeit gemieden und wollte sie auch ferner
meiden, als ich durch eine Rechtssache gezwungen wurde,
sie noch einmal aufzusuchen. Ich wurde angenehm enttäuscht.
Das meine ich nicht äußerlich, sondern innerlich.
Ich habe der Städte und Orte genug gesehen; da
kann mich nichts überraschen und auch nichts enttäuschen.
Wie ich bei jeder Begegnung mit einem mir bisher fremden
Menschen zunächst und vor allen Dingen seine Seele
kennenzulernen suche, so auch die Seele eines jeden
Ortes, den ich neu betrete. Und die Seele Hohenstein-Ernsttals
war zwar noch die alte; das sah ich sofort;
aber sie hatte sich gehoben; sie hatte sich gereinigt; sie
hatte ein anderes, besseres und würdigeres Aussehen
bekommen. Ich hatte Gelegenheit, sie einige Tage lang
beobachten zu können, und darf wohl sagen, daß mir
diese Beobachtungen Freude bereiteten. Ich fand
Intelligenz, wo es früher keine gegeben hatte. Ich
begegnete einem regen Rechtsgefühl, welches nicht so leicht wie
früher irrezuleiten war. Es gab mehr Gemeindesinn,
mehr Zusammenhangsgefühl. Ja, die materiellen Verhältnisse
zeigten überall schon einen Aufblick hinauf in
das Ideale. Der Boden, auf dem man lebte, hatte sich
gehoben und zeigte die Fähigkeit, sich auch fernerhin und
zusehends zu veredeln. Ich begegnete alten Bekannten,
aus denen in Wirklichkeit "Etwas geworden" war. Das
war mir eine Genugtuung, die ich nicht erwartet hatte.
Da gab es nicht mehr jene alten, indolenten Gesichter
mit dem Ausdruck unangenehmer Bauernpfiffigkeit, sondern
die Züge sprachen von Einsicht und Fähigkeit, von
gesunder Klugheit und überlegsamer Urteilskraft. War
dies etwa nur eine Folge des Zuzuges von außen her?
Gewiß nicht ausschließlich, obwohl nicht abgeleugnet werden
kann, daß fremdes Blut auch im Gemeindeleben auffrischend,
stärkend und verbessernd wirkt. Ich gestehe
aufrichtig, daß ich seit jenem Besuche und seit jenen
Beobachtungen mit meiner Vaterstadt wieder sympathisiere
und von Herzen wünsche, daß der jetzt so deutlich sichtbare
Fortschritt auch nach geistigen Zielen ein dauernder
sein möge. Der Beweis ist erbracht, daß die alten Zeiten
vorüber sind. Man hat sich aufgerafft und steigt mit
jugendlicher Energie empor; das bringt Erfolg, und mit
dem Erfolg kommt auch der Segen.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen kann ich nun
zu mir selbst zurückkehren und zu jener Morgenfrühe, in
der ich aus Ernsttal fortging, um mir bei einem edeln
spanischen Räuberhauptmann Hilfe zu holen. Man glaube
ja nicht, daß dies eine "verrückte" Idee gewesen sei. Ich
war geistig kerngesund. Meine Logik war zwar noch
kindlich, aber doch schon wohlgeübt. Der Fehler lag
daran, daß ich infolge des verschlungenen Leseschundes den
Roman für das Leben hielt und darum das Leben nun
einfach als Roman behandelte. Die überreiche Phantasie,
mit der mich die Natur begabte, machte die Möglichkeit
dieser Verwechslung zur Wirklichkeit.
Meine Reise nach Spanien dauerte nur einen Tag.
In der Gegend von Zwickau wohnten Verwandte von
uns. Bei ihnen kehrte ich ein. Sie nahmen mich freundlich
auf und veranlaßten mich, zu bleiben. Inzwischen
hatte man daheim meinen Zettel gefunden und gelesen.
Vater wußte, nach welcher Richtung hin Spanien liegt.
Er dachte sofort an die erwähnten Verwandten und
machte sich in der Ueberzeugung, mich sicher dort
anzutreffen, sofort auf den Weg. Als er kam, saßen wir
rund um den Tisch, und ich erzählte in aller
Herzensaufrichtigkeit, wohin ich wollte, zu wem und auch warum.
Die Verwandten waren arme, einfache, ehrliche Webersleute.
Von Phantasie gab es bei ihnen keine Spur. Sie
waren über mein Vorhaben einfach entsetzt. Hilfe bei
einem Räuberhauptmann suchen! Sie wußten sich zunächst
keinen Rat, was sie mit mir anfangen sollten,
und da war es wie eine Erlösung für sie, als sie meinen
Vater hereintreten sahen. Er, der jähzornige, leicht
überhitzige Mann, verhielt sich ganz anders als gewöhnlich.
Seine Augen waren feucht. Er sagte mir kein einziges
Wort des Zornes. Er drückte mich an sich und sagte:
"Mach so Etwas niemals wieder, niemals!" Dann ging
er nach kurzem Ausruhen mit mir fort -- -- wieder heim.
Der Weg betrug fünf Stunden. Wir sind in dieser
Zeit still nebeneinander hergegangen; er führte mich an
der Hand. Nie habe ich deutlicher gefühlt wie damals,
wie lieb er mich eigentlich hatte. Alles, was er vom
Leben wünschte und hoffte, das konzentrierte er auf mich.
Ich nahm mir heilig vor, ihn niemals wieder ein solches
Leid, wie das heutige, an mir erleben zu lassen. Und
er? Was mochten das wohl für Gedanken sein, die jetzt
in ihm erklangen? Er sagte nichts. Als wir nach
Hause kamen, mußte ich mich niederlegen, denn ich kleiner
Kerl war zehn Stunden lang gelaufen und außerordentlich
müde. Von meinem Ausflug nach Spanien wurde
nie ein Wort gesprochen; aber das Kegelaufsetzen und
das Lesen jener verderblichen Romane hörte auf. Als
dann die Zeit gekommen war, stellte sich die nötige Hilfe
ein, ohne aus dem Lande der Kastanien geholt werden
zu müssen. Der Herr Pastor legte ein gutes Wort für
mich bei unserem Kirchenpatron, dem Grafen von Hinterglauchau,
ein, und dieser gewährte mir eine Unterstützung
von fünfzehn Talern pro Jahr, eine Summe, die man für
mich für hinreichend hielt, das Seminar zu besuchen. Zu
Ostern 1856 wurde ich konfirmiert. Zu Michaelis bestand
ich die Aufnahmeprüfung für das Proseminar zu
Waldenburg und wurde dort interniert.
Also nicht Gymnasiast, sondern nur Seminarist!
Nicht akademisches Studium, sondern nur Lehrer werden!
Nur? Wie falsch! Es gibt keinen höheren Stand als
den Lehrerstand, und ich dachte, fühlte und lebte mich
derart in meine nunmehrige Aufgabe hinein, daß mir
Alles Freude machte, was sich auf sie bezog. Freilich
stand diese Aufgabe nur im Vordergrund. Im Hintergrunde,
hoch über sie hinausragend, hob sich das über
alles Andere empor, was mir seit jenem Abende, an dem
ich den Faust gesehen hatte, zum Ideal geworden war:
Stücke für das Theater schreiben! Ueber das Thema
Gott, Mensch und Teufel! Konnte ich das als Lehrer
nicht ebenso gut wie als gewesener Akademiker? Ganz
gewiß, vorausgesetzt freilich, daß die Gabe dazu nicht
fehlte. Wie stolz ich war, als ich zum ersten Male die
grüne Mütze trug! Wie stolz auch meine Eltern und
Geschwister! Großmutter drückte mich an sich und bat:
"Denk immer an unser Märchen! Jetzt bist du
noch in Ardistan; du sollst aber hinauf nach Dschinnistan.
Dieser Weg wird heut beginnen. Du hast zu steigen.
Kehre dich niemals an die, welche dich zurückhalten
wollen!"
"Und die Geisterschmiede?" fragte ich. "Muß ich
da hinein?"
"Bist du es wert, so kannst du sie nicht umgehen,"
antwortete sie. "Bist du es aber nicht wert, so wird
dein Leben ohne Kampf und ohne Qual verlaufen."
"Ich will aber hinein; ich will!" rief ich mutig aus.
Da legte sie mir ihre Hand auf das Haupt und
sagte lächelnd:
"Das steht bei Gott. Vergiß ihn nicht! Vergiß
ihn nie in deinem Leben!"
Diesem Rat bin ich gehorsam gewesen, muß aber,
falls ich ehrlich sein will, eingestehen, daß mir das
niemals schwer geworden ist. Ich kann mich nicht besinnen,
daß ich je mit dem Zweifel oder gar mit dem Unglauben
zu ringen gehabt hätte. Die Ueberzeugung, daß es einen
Gott gebe, der auch über mich wachen und mich nie verlassen
werde, ist, sozusagen, zu jeder Zeit eine feste,
unveräußerliche Ingredienz meiner Persönlichkeit gewesen,
und ich kann es mir also keineswegs als ein Verdienst
anrechnen, daß ich diesem meinem lichten, schönen
Kinderglauben niemals untreu geworden bin. Freilich, so ganz
ohne alle innere Störung ist es auch bei mir nicht
abgegangen; aber diese Störung kam von außen her und
wurde nicht in der Weise aufgenommen, daß sie sich hätte
festsetzen können. Sie hatte ihre Ursache in der ganz
besonderen Art, in welcher die Theologie und der
Religionsunterricht am Seminar behandelt wurde. Es gab
täglich Morgen- und Abendandachten, an denen jeder
Schüler unweigerlich teilnehmen mußte. Das war ganz
richtig. Wir wurden sonn- und feiertäglich in corpore
in die Kirche geführt. Das war ebenso richtig. Es gab
außerdem bestimmte Feierlichkeiten für Missions- und
ähnliche Zwecke. Auch das war gut und zweckentsprechend.
Und es gab für sämtliche Seminarklassen einen
wohldurchdachten, sehr reichlich ausfallenden Unterricht in
Religions-, Bibel- und Gesangbuchslehre. Das war ganz
selbstverständlich. Aber es gab bei alledem Eines nicht,
nämlich grad das, was in allen religiösen Dingen die
Hauptsache ist; nämlich es gab keine Liebe, keine Milde,
keine Demut, keine Versöhnlichkeit. Der Unterricht war
kalt, streng, hart. Es fehlte ihm jede Spur von Poesie.
Anstatt zu beglücken, zu begeistern, stieß er ab. Die
Religionsstunden waren diejenigen Stunden, für welche
man sich am allerwenigsten zu erwärmen vermochte.
Man war immer froh, wenn der Zeiger die Zwölf
erreichte. Dabei wurde dieser Unterricht von Jahr zu
Jahr in genau denselben Absätzen und genau denselben
Worten und Ausdrücken geführt. Was es am heutigen
Datum gab, das gab es im nächsten Jahre an demselben
Tage ganz unweigerlich wieder. Das ging wie eine alte
Kuckucksuhr; das klang alles so sehr nach Holz, und
das sah alles so aus wie gemacht, wie fabriziert. Jeder
einzelne Gedanke gehörte in sein bestimmtes Dutzend und
durfte sich beileibe nicht an einer andern Stelle sehen
lassen. Das ließ keine Spur von Wärme aufkommen;
das tötete innerlich ab. Ich habe unter allen meinen
Mitschülern keinen einzigen gekannt, der jemals ein
sympathisches Wort über diese Art des Religionsunterrichts
gesagt hätte. Und ich habe auch keinen gekannt, der so
religiös gewesen wäre, aus freien Stücken einmal die
Hände zu falten, um zu beten. Ich selbst habe stets und
bei jeder Veranlassung gebetet; ich tue das auch noch
heut, ohne mich zu genieren; aber damals im Seminar
habe ich das geheim gehalten, weil ich das Lächeln meiner
Mitschüler fürchtete.
Ich hätte gern über diese religiösen Verhältnisse
geschwiegen, durfte dies aber nicht, weil ich die Aufgabe
habe, Alles aufrichtig zu sagen, was auf meinen inneren
und äußeren Werdegang von Einfluß war. Dieses
Seminarchristentum kam mir ebenso seelenlos wie streitbar
vor. Es befriedigte nicht und behauptete trotzdem,
die einzige reine, wahre Lehre zu sein. Wie arm und
wie gottverlassen man sich da fühlte! Die Andern nahmen
das gar nicht etwa als ein Unglück hin; sie waren gleichgültig;
ich aber mit meiner religiösen Liebesbedürftigkeit
fühlte mich erkältet und zog mich in mich selbst zurück.
Ich vereinsamte auch hier, und zwar mehr, viel mehr
als daheim. Und ich wurde hier noch klassenfremder,
als ich es dort gewesen war. Das lag teils in den
Verhältnissen, teils aber auch an mir selbst.
Ich wußte viel mehr als meine Mitschüler. Das
darf ich sagen, ohne in den Verdacht der Prahlerei
zu fallen. Denn was ich wußte, das war eben nichts
weiter als nur Wust, eine regellose, ungeordnete
Anhäufung von Wissensstoff, der mir nicht den geringsten
Nutzen brachte, sondern mich nur beschwerte. Wenn ich
mir ja einmal von dieser meiner unfruchtbaren
Vielwisserei etwas merken ließ, sah man mich staunend an
und lächelte darüber. Man fühlte instinktiv heraus, daß
ich weniger beneidens- als vielmehr beklagenswert sei.
Die andern, meist Lehrersöhne, hatten zwar nicht so viel
gelernt, aber das, was sie gelernt hatten, lag wohlaufgespeichert
und wohlgeordnet in den Kammern ihres Gedächtnisses,
stets bereit, benutzt zu werden. Ich fühlte,
daß ich gegen sie sehr im Nachteil stand, und sträubte
mich doch, dies mir und ihnen einzugestehen. Meine
stille und fleißige Hauptarbeit war, vor allen Dingen
Ordnung in meinem armen Kopf zu schaffen, und das
ging leider nicht so schnell, wie ich es wünschte. Das,
was ich aufbaute, fiel immer wieder ein. Es war
wie ein mühsames Graben durch einen Schneehaufen
hindurch, dessen Massen immer wieder nachrutschten. Und
dabei gab es einen Gegensatz, der sich absolut nicht
beseitigen lassen wollte. Nämlich den Gegensatz zwischen
meiner außerordentlich fruchtbaren Phantasie und der
Trockenheit und absoluten Poesielosigkeit des hiesigen
Unterrichts. Ich war damals noch viel zu jung, als
daß ich eingesehen hätte, woher diese Trockenheit kam.
Man lehrte nämlich weniger das, was zu lernen war,
als vielmehr die Art und Weise, in der man zu lernen
hatte. Man lehrte uns das Lernen. Hatten wir das
begriffen, so war das Fernere leicht. Man gab uns
lauter Knochen; daher die geradezu schmerzende Trockenheit
des Unterrichts. Aber aus diesen Knochen fügte
man die Skelette der einzelnen Wissenschaften zusammen,
deren Fleisch dann später hinzuzufügen war. Bei mir
aber hatte sich bisher grad das Umgekehrte ereignet: Ich
hatte mir zwar eine Unmasse von Fleisch zusammengeschleppt,
aber keinen einzigen tragenden, stützenden
Knochen dazu. In meinem Wissen fehlte das feste
Gerippe. Ich war in Beziehung auf das, was ich geistig
besaß, eine Qualle, die weder innerlich noch äußerlich
einen Halt besaß und darum auch keinen Ort, an dem
sie sich daheim zu fühlen vermochte. Und das Schlimmste
hierbei war: das knochenlose Fleisch dieser Qualle war
nicht gesund, sondern krank, schwer krank; es war von
den Schundromanen des Kegelhausbesitzers vergiftet. Das
begann ich jetzt erst eigentlich einzusehen und fühlte mich
umso unglücklicher dabei, als ich mit keinem Menschen
davon sprechen konnte, ohne mich dadurch bloßzustellen.
Grad die Trockenheit und, ich muß wohl sagen, die
Seelenlosigkeit dieses Seminarunterrichtes war es, welche
mich zu der Erkenntnis meiner Vergiftung führte. Ich
fand für die Skelette, die uns geboten wurden, damit
wir sie beleben möchten, kein gesundes Fleisch in mir.
Alles, was ich zusammenfügte und was ich mir innerlich
aufzubauen versuchte, wurde formlos, wurde häßlich,
wurde unwahr und ungesetzlich. Ich begann, Angst vor
mir zu bekommen, und arbeitete unausgesetzt an meiner
seelischen Gestalt herum, mich innerlich zu säubern, zu
reinigen, zu ordnen und zu heben, ohne fremde Hilfe in
Anspruch nehmen zu müssen, die es ja auch gar nicht
gab. Ich hätte mich wohl gern einem unserer Lehrer
anvertraut, aber die waren ja alle so erhaben, so kalt,
so unnahbar, und vor allen Dingen, das fühlte ich heraus,
keiner von ihnen hätte mich verstanden; sie waren keine
Psychologen. Sie hätten mich befremdet angesehen und
einfach stehen lassen.
Hierzu kam der angeborene, unwiderstehliche Drang
nach geistiger Betätigung. Ich lernte sehr leicht und
hatte demzufolge viel Zeit übrig. So dichtete ich im
Stillen; ja, ich komponierte. Die paar Pfennige, die ich
erübrigte, wurden in Schreibpapier angelegt. Aber was
ich schrieb, das sollte keine Schülerarbeit werden, sondern
etwas Brauchbares, etwas wirklich Gutes. Und was
schrieb ich da? Ganz selbstverständlich eine
Indianergeschichte! Wozu? Ganz selbstverständlich, um gedruckt
zu werden! Von wem? Ganz selbstverständlich von der
"Gartenlaube", die vor einigen Jahren gegründet worden
war, aber schon von Jedermann gelesen wurde. Da war
ich sechzehn Jahre alt. Ich schickte das Manuskript ein.
Als sich eine ganze Woche lang nichts hierauf ereignete,
bat ich um Antwort. Es kam keine. Darum schrieb
ich nach weiteren vierzehn Tagen in einem strengeren
Tone, und nach weiteren zwei Wochen verlangte ich mein
Manuskript zurück, um es an eine andere Redaktion zu
senden. Es kam. Dazu ein Brief von Ernst Keil selbst
geschrieben, vier große Quartseiten lang. Ich war fern
davon, dies so zu schätzen, wie es zu schätzen war. Er
kanzelte mich zunächst ganz tüchtig herunter, so daß ich
mich wirklich aufrichtig schämte, denn er zählte mir höchst
gewissenhaft alle Missetaten auf, die ich, natürlich ohne
es zu ahnen, in der Erzählung begangen hatte. Gegen
den Schluß hin milderten sich die Vorwürfe, und am
Ende reichte er mir, dem dummen Jungen, vergnügt die
Hand und sagte mir, daß er nicht übermäßig entsetzt
sein werde, wenn sich nach vier oder fünf Jahren wieder
eine Indianergeschichte von mir bei ihm einstellen sollte.
Er hat keine bekommen; aber daran trage nicht ich die
Schuld, sondern die Verhältnisse gestatteten es nicht. Das
war der erste literarische Erfolg, den ich zu verzeichnen
habe. Damals freilich hielt ich es für einen absoluten
Mißerfolg und fühlte mich sehr unglücklich darüber.
Inzwischen verging die Zeit. Ich stieg aus dem Proseminar
in die vierte, dritte und zweite Seminarklasse, und in
dieser zweiten Klasse war es, wo mich jenes Schicksal
überfiel, aus welchem meine Gegner so überklingendes
Kapital geschlagen haben.
Es herrschte im Seminar der Gebrauch, daß die
Angelegenheiten jeder Klasse reihum zu besorgen waren, von
jedem eine Woche lang. Darum wurde der Betreffende
als "Wochner" bezeichnet. Außerdem gab es in der ersten
Klasse einen "Ordnungswochner" und in der zweiten einen
"Lichtwochner", welch letzterer die Beleuchtung der
Klassenzimmer zu übersehen hatte. Diese Beleuchtung geschah
damals mit Hilfe von Talglichtern, von denen, wenn eines
niedergebrannt war, ein anderes neu aufgesteckt wurde.
Der Lichtwochner hatte täglich die Säuberung der alten,
wertlosen Leuchter vorzunehmen und insbesondere die
Dillen von den steckengebliebenen Docht- und Talgresten
zu reinigen. Diese Reste wurden entweder einfach
weggeworfen oder von dem Hausmanne zu Stiefel- oder
anderer Schmiere zusammengeschmolzen. Sie waren
allgemein als wertlos anzusehen.
Es war anfangs der Weihnachtswoche, als die Reihe,
Lichtwochner zu sein, an mich kam. Ich besorgte diese
Arbeit wie jeder andere. Am Tage vor dem
Weihnachtsheiligenabende begannen unsere Ferien. Am Tage
vorher kam eine meiner Schwestern, um meine Wäsche
abzuholen und das wenige Gepäck, welches ich mit in die
Ferien zu nehmen hatte. Sie tat dies stets, so oft es
Ferien gab. Der Weg, den sie da von Ernsttal nach
Waldenburg machte, war zwei Stunden lang. So auch
jetzt. Als sie dieses Mal kam, war ich grad beim Reinigen
der Leuchter. Sie war traurig. Es stand nicht gut
daheim. Es gab keine Arbeit und darum keinen Verdienst.
Mutter pflegte, wie selbst die ärmsten Leute, für das
Weihnachtsfest wenigstens einige Kuchen zu backen. Das
hatte sie heuer kaum erschwingen können. Aber bescheert [sic]
werden konnte nichts, gar nichts, denn es fehlte das Geld
dazu. Es gab keine Lichter für den Weihnachtsleuchter.
Sogar die hölzernen Engel der kleineren Schwestern sollten
ohne Lichte sein. Zu diesen Engeln gehörten drei kleine
Lichte, das Stück für fünf oder sechs Pfennige; aber
wenn diese achtzehn Pfennige zu andern, notwendigeren
Dingen gebraucht wurden, so hatte man sich eben zu
fügen. Das tat mir wehe. Der Schwester stand das
Weinen hinter den Augen. Sie sah die Talgreste, die ich
soeben aus den Dillen und von den Leuchtern herabgekratzt
hatte. "Könnte man denn nicht daraus einige
Pfenniglichte machen?" fragte sie. "Ganz leicht,"
antwortete ich. "Man braucht dazu eine Papierröhre und
einen Docht, weiter nichts. Aber brennen würde es schlecht,
denn dieses Zeug ist nur noch höchstens für Schmiere zu
gebrauchen." "Wenn auch, wenn auch! Wir hätten doch
eine Art von Licht für die drei Engel. Wem gehört
dieser Abfall?" "Eigentlich Niemandem. Ich habe ihn
zum Hausmann zu schaffen. Ob der ihn wegwirft oder
nicht, ist seine Sache." "Also wäre es wohl nicht
gestohlen, wenn wir uns ein bißchen davon mit nach Hause
nähmen?" "Gestohlen. Lächerlich! Fällt keinem
Menschen ein! Der ganze Schmutz ist nicht drei Pfennige
wert. Ich wickle dir ein wenig davon ein. Daraus
machen wir drei kleine Weihnachtslichte."
Gesagt, getan! Wir waren nicht allein. Ein anderer
Seminarist stand dabei. Einer aus der ersten Klasse,
also eine Klasse über mir. Es widerstrebt mir, seinen
Namen zu nennen. Sein Vater war Gendarm. Dieser
wackere Mitschüler sah alles mit an. Er warnte mich
nicht etwa, sondern er war ganz freundlich dabei, ging
fort und -- -- -- zeigte mich an. Der Herr Direktor
kam in eigener Person, den "Diebstahl" zu untersuchen.
Ich gestand sehr ruhig ein, was ich getan hatte, und gab
den "Raub", den ich begangen hatte, zurück. Ich dachte
wahrhaftig nichts Arges. Er aber nannte mich einen
"infernalischen Charakter" und rief die Lehrerkonferenz
zusammen, über mich und meine Strafe zu entscheiden.
Schon nach einer halben Stunde wurde sie mir verkündet.
Ich war aus dem Seminar entlassen und konnte
gehen, wohin es mir beliebte. Ich ging gleich mit der
Schwester -- -- -- in die heiligen Christferien -- --
-- ohne Talg für die Weihnachtsengel -- -- -- es waren
das sehr trübe, dunkle Weihnachtsfeiertage. Ich habe
wohl überhaupt schon gesagt, daß grad Weihnacht für
mich oft eine Zeit der Trauer, nicht der Freude gewesen
sei. An diesen Weihnachtstagen löschten heilige Flammen
in mir aus, Lichter, die mir wert gewesen waren. Ich
lernte zwischen Christentum und seinen Bekennern
unterscheiden. Ich hatte Christen kennengelernt, die
unchristlicher gegen mich verfahren waren, als Juden, Türken
und Heiden verfahren würden.
Glücklicherweise zeigte sich das Ministerium des Kultus
und öffentlichen Unterrichtes, an welches ich mich wendete,
verständiger und humaner als die Seminardirektion. Ich
erlangte ohne weiteres die Genehmigung, meine unterbrochenen
Studien auf dem Seminar in Plauen fortzusetzen.
Ich kam dort in dieselbe Klasse, also in die zweite,
und bestand nach zurückgelegter erster Klasse das Lehrerexamen,
worauf ich meine erste Stelle in Glauchau erhielt,
bald aber nach Altchemnitz kam, und zwar in eine
Fabrikschule, deren Schüler ausschließlich aus ziemlich
erwachsenen Fabrikarbeitern bestanden. Hier haben meine
Bekenntnisse zu beginnen. Ich lege sie ab, ohne Scheu,
der Wahrheit gemäß, als ob ich mich nicht mit mir selbst,
sondern mit einer andern, mir fremden Person beschäftigte.
Ich komme auf die Armut meiner Eltern zurück.
Das Examen hatte einen Frackanzug erfordert, für unsere
Verhältnisse eine kostspielige Sache. Hierzu kam, da ich
als Lehrer nicht mehr wie als Schüler herumlaufen
konnte, eine wenn auch noch so bescheidene
Ausstattung an Wäsche und andern notwendigen Dingen.
Das konnten meine Eltern nicht bezahlen; ich mußte es
auf mein Konto nehmen; das heißt, ich borgte es mir,
um es von meinem Gehalte nach und nach abzuzahlen.
Da hieß es sparsam sein und jeden Pfennig umdrehen,
ehe er ausgegeben wurde! Ich beschränkte mich auf das
Aeußerste und verzichtete auf jede Ausgabe, die nicht
absolut notwendig war. Ich besaß nicht einmal eine Uhr,
die doch für einen Lehrer, der sich nach Minuten zu
richten hat, fast unentbehrlich ist.
Der Fabrikherr, dessen Schule mir anvertraut worden
war, hatte kontraktlich für Logis für mich zu sorgen. Er
machte sich das leicht. Einer seiner Buchhalter besaß
auch freies Logis, Stube mit Schlafstube. Er hatte bisher
beides allein besessen, nun wurde ich zu ihm einquartiert;
er mußte mit mir teilen. Hierdurch verlor er
seine Selbständigkeit und seine Bequemlichkeit; ich genierte
ihn an allen Ecken und Enden, und so läßt es sich gar
wohl begreifen, daß ich ihm nicht sonderlich willkommen
war und ihm der Gedanke nahelag, sich auf irgend eine
Weise von dieser Störung zu befreien. Im übrigen kam
ich ganz gut mit ihm aus. Ich war ihm möglichst gefällig
und behandelte ihn, da ich sah, daß er das wünschte,
als den eigentlichen Herrn des Logis. Das verpflichtete
ihn zur Gegenfreundlichkeit. Die Gelegenheit hierzu fand
sich sehr bald. Er hatte von seinen Eltern eine neue
Taschenuhr bekommen. Seine alte, die er nun nicht mehr
brauchte, hing unbenutzt an einem Nagel an der Wand.
Sie hatte einen Wert von höchstens zwanzig Mark. Er
bot sie mir zum Kaufe an, weil ich keine besaß; ich lehnte
aber ab, denn wenn ich mir einmal eine Uhr kaufte, so
sollte es eine neue, bessere sein. Freilich stand dies noch
in weitem Felde, weil ich zuvor meine Schulden abzuzahlen
hatte. Da machte er selbst mir den Vorschlag,
seine alte Uhr, wenn ich in die Schule gehe, zu mir zu
stecken, da ich doch zur Pünktlichkeit verpflichtet sei. Ich
ging darauf ein und war ihm dankbar dafür. In der
ersten Zeit hing ich die Uhr, sobald ich aus der Schule
zurückkehrte, sofort an den Nagel zurück. Später unterblieb
das zuweilen; ich behielt sie noch stundenlang in der
Tasche, denn eine so auffällige Betonung, daß sie nicht
mir gehöre, kam mir nicht gewissenhaft, sondern lächerlich
vor. Schließlich nahm ich sie sogar auf Ausgängen
mit und hing sie erst am Abende, nach meiner Heimkehr,
an Ort und Stelle. Ein wirklich freundschaftlicher oder
gar herzlicher Umgang fand nicht zwischen uns statt. Er
duldete mich notgedrungen und ließ es mich zuweilen
absichtlich merken, daß ihm die Teilung seiner Wohnung
nicht behage.
Da kam Weihnacht. Ich teilte ihm mit, daß ich
die Feiertage bei den Eltern zubringen würde, und
verabschiedete mich von ihm, weil ich nach Schluß der Schule
gleich abreisen wollte, ohne erst in die Wohnung
zurückzukehren. Als die letzte Schulstunde vorüber war, fuhr
ich nach Ernsttal, nur eine Bahnstunde lang, also gar
nicht weit. Die Uhr zurückzulassen, daran hatte ich in
meiner Ferienfreude nicht gedacht. Als ich bemerkte; daß
sie sich in meiner Tasche befand, war mir das sehr
gleichgültig. Ich war mir ja nicht der geringsten unlautern
Absicht bewußt. Dieser Abend bei den Eltern war ein
so glücklicher. Ich hatte die Schülerzeit hinter mir; ich
besaß ein Amt; ich bekam Gehalt. Der Anfang zum
Aufstieg war da. Morgen war heiliger Abend. Wir
begannen schon heut die Christbescherung vorzubereiten.
Dabei sprach ich über meine Zukunft, über meine Ideale,
die für mich alle im hellsten Weihnachtsglanze standen.
Der Vater schwärmte mit. Die Mutter war stillglücklich.
Großmutters alte, treue Augen strahlten. Als wir
endlich zur Ruhe gegangen waren, lag ich noch lange Zeit
wach im Bette und hielt Rechenschaft über mich. Meine
innere Unklarheit wurde mir zum ersten Male wirklich
bewußt. Ich sah die Abgründe hinter mir gähnen, vor
mir aber keinen mehr, denn mein Weg schien zwar schwer
und mühevoll, aber völlig frei zu sein: Schriftsteller
werden; Großes leisten, aber vorher Großes lernen! Alle
inneren Fehler, welche die Folgen meiner verkehrten
Erziehung waren, nach und nach herauswerfen, damit Platz
für Neues, Besseres, Richtigeres, Edles werde! In diesen
Gedanken schlief ich ein, und als ich früh erwachte, war
der Vormittag schon fast vorüber, und ich mußte nach
dem Hohensteiner Christmarkt, um noch einige kleine
Einkäufe zur Bescherung für die Schwestern zu machen.
Dort traf ich einen Gendarm, der mich fragte, ob ich
der Lehrer May sei. Als ich dies bejahte, forderte er
mich auf, mit ihm nach dem Rathause zu kommen, zur
Polizei, wo man eine Befragung für mich habe. Ich
ging mit, vollständig ahnungslos. Ich wurde zunächst
in die Wohnstube geführt, nicht in das Bureau. Da saß
eine Frau und nähte. Wessen Frau, darüber bitte ich,
schweigen zu dürfen. Sie war eine gute Bekannte meiner
Mutter, eine Schulkameradin von ihr, und sah mich mit
angstvollen Augen an. Der Gendarm gebot mir, mich
niederzusetzen, und ging für kurze Zeit hinaus, seine
Meldung zu machen. Das benutzte die Frau, mich hastig
zu fragen:
"Sie sind arretiert! Wissen Sie das?"
"Nein," antwortete ich, tödlich erschrocken.
"Warum?"
"Sie sollen Ihrem Mietkameraden seine Taschenuhr
gestohlen haben! Wenn man sie bei Ihnen findet,
bekommen Sie Gefängnis und werden als Lehrer
abgesetzt!"
Mir flimmerten die Augen. Ich hatte das Gefühl,
als habe mich jemand mit einer Keule auf den Kopf
geschlagen. Ich dachte an den gestrigen Abend, an meine
Gedanken vor dem Einschlafen, und nun plötzlich Absetzung
und Gefängnis!
"Aber die ist ja gar nicht gestohlen, sondern nur
geborgt!" stammelte ich, indem ich sie aus der Tasche zog.
"Das glaubt man Ihnen nicht! Weg damit! Geben
Sie sie ihm heimlich wieder, doch lassen Sie sie jetzt nicht
sehen! Schnell, schnell!"
Meine Bestürzung war unbeschreiblich. Ein einziger
klarer, ruhiger Gedanke hätte mich gerettet, aber er blieb
aus. Ich brauchte die Uhr einfach nur vorzuzeigen und
die Wahrheit zu sagen, so war alles gut; aber ich stand
vor Schreck wie im Fieber und handelte wie im Fieber.
Die Uhr verschwand, nicht wieder in der Tasche, sondern
im Anzuge, wohin sie nicht gehörte, und kaum war dies
geschehen, so kehrte der Gendarm zurück, um mich
abzuholen. Mache ich es mit dem, was nun geschah, so
kurz wie möglich! Ich beging den Wahnsinn, den Besitz
der Uhr in Abrede zu stellen; sie wurde aber, als man
nach ihr suchte, gefunden. So vernichtete mich also die
Lüge, anstatt daß sie mich rettete; das tut sie ja immer;
ich war ein -- -- -- Dieb! Ich wurde nach Chemnitz
vor den Untersuchungsrichter geschafft, brachte die
Weihnachtsfeiertage anstatt bei den Eltern hinter Schloß und
Riegel zu und wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.
Ob und womit ich mich verteidigt habe; ob ich
zur Berufung, zur Appellation, zu irgendeinem Rechtsmittel,
zu einem Gnadengesuche, zu einem Anwalt meine
Zuflucht nahm, das weiß ich nicht zu sagen. Jene Tage
sind aus meinem Gedächtnisse entschwunden, vollständig
entschwunden. Ich möchte aus wichtigen psychologischen
Gründen gern Alles so offen und ausführlich wie möglich
erzählen, kann das aber leider nicht, weil das Alles infolge
ganz eigenartiger, seelischer Zustände, über die ich
im nächsten Kapitel zu berichten haben werde, aus meiner
Erinnerung ausgestrichen ist. Ich weiß nur, daß ich
mich vollständig verloren hatte und daß ich mich dann
in der Pflege der Eltern und besonders der Großmutter
wiederfand. Als ich mich mühsam erholt hatte und wieder
kräftig genug auf den Beinen war, bin ich nach Altchemnitz
gegangen, um mein beschädigtes Gedächtnis wieder
aufzufrischen. Es war in Beziehung auf die Oertlichkeiten
vergebens; ich erkannte nichts, weder die Fabrik,
noch meine damalige Wohnung, noch irgendeine Stelle,
an der ich ganz unbedingt gewesen war. Aber plötzlich
stand er vor mir, mein Wohnungsgenosse, der Buchhalter.
Er kam mir auf der Straße entgegen und hielt den
Schritt an, als wir uns erreichten. Den erkannte ich
sofort, er mich auch, obgleich er versicherte, daß ich ganz
anders aussehe als früher, so außerordentlich leidend.
Er gab mir die Hand und bat mich, ihm zu verzeihen.
So, wie es gekommen sei, das habe er keineswegs gewollt.
Es tue ihm unendlich leid, mir meine Karriere verdorben
zu haben! Ich sah ihn groß an. Mir meine Karriere
verdorben? Hätte das überhaupt Jemand gekonnt?
Selbst wenn der Staat mich nicht mehr anstellen will,
gibt es doch Privatstellen genug, die besser bezahlt werden
als diejenigen des Staates. Und meine Absicht war es
ja niemals gewesen, Volks- oder gar Fabrikschullehrer zu
bleiben; ich hatte ganz Anderes geplant und plante das
auch noch heut. Ich ließ den Mann mitten auf der
Straße stehen und entfernte mich, ohne ihm einen
Vorwurf zu machen.
Ja, ich ging fort, aber wohin?! Das ahnte ich
damals nicht. Ich habe im letzten Verlaufe dieser
Darstellung gesagt, daß die Abgründe hinter mir lagen, vor
mir aber keine, und daß ich die Absicht hegte, Großes zu
leisten, vorher aber Großes zu lernen. Das Erstere war
falsch. Die Abgründe lagen ganz im Gegenteile nicht
hinter mir, sondern vor mir. Und das Große, was ich
zu lernen und zu leisten hatte, war, in diese Abgründe
zu stürzen, ohne zu zerschmettern, und jenseits frei
hinaufzusteigen, ohne jemals wieder zurückzufallen. Dies ist die
schwerste Aufgabe, die es für einen Sterblichen gibt, und
ich glaube, ich habe sie gelöst. -- -- --
_________
V.
Im Abgrunde.
_____
Ich komme nun zu der Zeit, welche für mich und für jeden
Menschenfreund die schrecklichste, für den Psychologen
aber die interessanteste ist. Es liegt mir in der schreibenden
Hand und in der Feder, der vorliegenden Darstellung
jene psychologische oder gar kriminalpsychologische Färbung
zu geben, welche am besten geeignet wäre, das, was damals
in mir vorgegangen ist, für den Fachmann begreiflich
zu machen; aber ich schreibe hier nicht für den seelenkundigen
Spezialisten, sondern für die Welt, in der meine
Bücher gelesen werden, und habe mich also aller Versuche,
Psychologie zu treiben, zu enthalten. Ich werde infolge
dessen alle Fachausdrücke vermeiden und lieber einen
bildlichen Ausdruck in Anwendung bringen als einen, der
nicht allgemein verständlich ist.
Die im letzten Kapitel erzählte Begebenheit hatte wie
ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag über den
Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht.
Und ich brach zusammen! Ich stand zwar wieder
auf, doch nur äußerlich; innerlich blieb ich in dumpfer
Betäubung liegen; wochenlang, ja monatelang. Daß es
grad zur Weihnachtszeit geschehen war, hatte die Wirkung
verdoppelt. Ob ich mich an einen Rechtsanwalt wendete,
ob ich Berufung eingelegt, appelliert oder sonst irgend ein
Rechtsmittel ergriffen habe, das weiß ich nicht. Ich weiß
nur noch, daß ich sechs Wochen lang in einer Zelle wohnte,
zwei andere Männer mit mir. Sie waren Untersuchungsgefangene.
Man schien mich also für ungefährlich zu
halten, sonst hätte man mich nicht mit Personen
zusammengesperrt, die noch nicht abgeurteilt waren. Der Eine
war ein Bankbeamter, der Andere ein Hotelier. Weshalb
sie in Untersuchung saßen, das kümmerte mich nicht. Sie
zeigten sich lieb zu mir und gaben sich Mühe, mich aus
dem Zustande innerlicher Versteinerung, in dem ich mich
befand, emporzuheben, doch vergeblich. Ich verließ die
Zelle nach Beendigung meiner Haft mit derselben
Empfindungslosigkeit, in der ich sie betreten hatte. Ich ging
heim, zu den Eltern.
Weder dem Vater noch der Mutter noch der Großmutter
noch den Schwestern fiel es ein, mir Vorwürfe
zu machen. Und das war geradezu entsetzlich! Als ich
damals in meinem kindlichen Unverstand nach Spanien
wollte und Vater mich heimholte, hatte ich mir vorgenommen,
ihn niemals wieder mit Aehnlichem zu betrüben, und es
war so ganz anders und so viel schlimmer gekommen!
Um meine Zukunft oder um eine Anstellung war es mir
nicht; die hätte ich zu jeder Zeit erhalten können. Nun
da es so stand, handelte es sich für mich darum, nicht
erst seitwärts abzuschweifen, sondern gleich jetzt und für
immer in den Weg einzubiegen, an dessen anderem Ende
die Ideale lagen, die ich seit meiner Knabenzeit im tiefsten
Herzen trug. Schriftsteller werden, Dichter werden! Lernen,
lernen, lernen! Am Großen, Schönen, Edlen mich
emporarbeiten aus der jetzigen tiefen Niedrigkeit! Die Welt
als Bühne kennen lernen, und die Menschheit, die sich
auf ihr bewegt! Und am Schlusse dieses schweren,
arbeitsreichen Lebens für die andere Bühne schreiben, für das
Theater, um dort die Rätsel zu lösen, die mich schon seit
frühester Kindheit umfangen hatten und die ich heut zwar
fühlte, aber noch lange, lange, lange nicht begriff!
Dieser sich in mir vollziehende Gedanken- oder Willensvorgang
war nicht etwa ein klarer, kurz und bündig sich
aussprechender, o nein, denn es herrschte jetzt in mir das
strikte Gegenteil von Klarheit; es war Nacht; es gab
nur wenige freie Augenblicke, in denen ich weitersah,
als grad der heutige Tag mich sehen ließ. Diese Nacht
war nicht ganz dunkel; sie hatte Dämmerlicht. Und
sonderbar, sie erstreckte sich nur auf die Seele, nicht auch
auf den Geist. Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank.
Ich besaß die Fähigkeit zu jedem logischen Schlusse,
zur Lösung jeder mathematischen Aufgabe. Ich hatte
den schärfsten Einblick in alles, was außer mir lag; aber
sobald es sich mir näherte, um zu mir in Beziehung zu
treten, hörte diese Einsicht auf. Ich war nicht imstande,
mich selbst zu betrachten, mich selbst zu verstehen, mich
selbst zu führen und zu lenken. Nur zuweilen kam ein
Augenblick, der mir die Fähigkeit brachte, zu wissen, was
ich wollte, und dann wurde dieses Wollen festgehalten bis
zum nächsten Augenblicke. Es war ein Zustand, wie ich
ihn noch bei keinem Menschen gesehen und in keinem
Buche gelesen hatte. Und ich war mir dieses seelischen
Zustandes geistig sehr wohl bewußt, besaß aber nicht
die Macht, ihn zu ändern oder gar zu überwinden. Es
bildete sich bei mir das Bewußtsein heraus, daß ich kein
Ganzes mehr sei, sondern eine gespaltene Persönlichkeit,
ganz dem neuen Lehrsatze entsprechend, nicht Einzelwesen,
sondern Drama ist der Mensch. In diesem Drama gab
es verschiedene, handelnde Persönlichkeiten, die sich bald
gar nicht, bald aber auch sehr genau voneinander
unterschieden.
Da war zunächst ich selbst, nämlich ich, der ich das
Alles beobachtete. Aber wer dieses Ich eigentlich war
und wo es steckte, das vermochte ich nicht zu sagen. Es
besaß große Aehnlichkeit mit meinem Vater und hatte
alle seine Fehler. Ein zweites Wesen in mir stand stets
nur in der Ferne. Es glich einer Fee, einem Engel,
einer jener reinen, beglückenden Gestalten aus Großmutters
Märchenbuche. Es mahnte; es warnte. Es lächelte,
wenn ich gehorchte, und es trauerte, wenn ich ungehorsam
war. Die dritte Gestalt, natürlich nicht körperliche, sondern
seelische Gestalt, war mir direkt widerlich. Fatal, häßlich,
höhnisch, abstoßend, stets finster und drohend; anders habe
ich sie nie gesehen, und anders habe ich sie nie gehört.
Denn ich sah sie nicht nur, sondern ich hörte sie auch; sie
sprach. Sie sprach oft ganze Tage und ganze Nächte
lang in einem fort zu mir. Und sie wollte nie das Gute,
sondern stets nur das, was bös und ungesetzlich war.
Sie war mir neu; ich hatte sie nie gesehen, sondern erst
jetzt, seitdem ich innerlich gespalten war. Aber wenn sie
einmal still war und ich darum Zeit fand, sie unbemerkt
und aufmerksam zu betrachten, dann kam sie mir so vertraut
und so bekannt vor, als ob ich sie schon tausendmal
gesehen hätte. Dann wechselte ihre Gestalt, und es wechselte
auch ihr Gesicht. Bald stammte sie aus Batzendorf,
aus dem Kegelschub oder aus der Lügenschmiede. Heut
sah sie aus wie Rinaldo Rinaldini, morgen wie der
Raubritter Kuno von der Eulenburg und übermorgen
wie der fromme Seminardirektor, als er vor meinem
Talgpapiere stand.
Diese inneren Beobachtungen machte ich nicht mit
einem Male, sondern nach und nach. Es vergingen viele,
viele Monate, bis sie sich in mir so weit entwickelt hatten,
daß ich sie mit dem geistigen Auge fassen und durch das
Gedächtnis festhalten konnte. Und da begann ich zu
begreifen, um was es sich eigentlich handelte. Was sich in
jedem Menschen vollzieht, ohne daß er es bemerkt oder
auch nur ahnt, das vollzog sich in mir, indem ich es sah
und hörte. War dies ein Vorzug, eine Gottesgnade?
Oder war ich verrückt? Dann aber jedenfalls nicht geistig,
sondern seelisch verrückt, denn ich machte diese Beobachtungen
mit einer Objektivität und Kaltblütigkeit, als ob es sich
nicht um mich selbst, sondern um einen ganz anderen, mir
vollständig fremden Menschen handle. Und ich lebte das
gewöhnliche, alltägliche Leben ganz so, wie jede gesunde
Person es lebt, die von derartigen psychologischen
Vorgängen nicht angefochten wird. Es kehrte mir die Kraft
und der Wille zum Leben zurück. Ich arbeitete. Ich
gab Unterricht in Musik und fremden Sprachen. Ich
dichtete; ich komponierte. Ich bildete mir eine kleine
Instrumentalkapelle, um das, was ich komponierte,
einzuüben und auszuführen. Es leben noch heut Mitglieder
dieser Kapelle. Ich wurde Direktor eines Gesangvereins,
mit dem ich öffentliche Konzerte gab, trotz meiner Jugend.
Und ich begann, zu schriftstellern. Ich schrieb erst
Humoresken, dann "Erzgebirgische Dorfgeschichten". Ich hatte
nicht die geringste Not, Verleger zu finden. Gute, packende
Humoresken sind äußerst selten und werden hoch bezahlt.
Die meinigen gingen aus einer Zeitung in die andere.
Es war eine Freude, zu sehen, wie sich das so vortrefflich
entwickelte. Aber diese Freude wurde in der grausamsten
Weise durch eine andere Entwicklung vergällt, die sich
zu gleicher Zeit und dem konform in meinem Innern
vollzog. Die Spaltung dort griff weiter um sich. Jede
Empfindung, jedes Gefühl schien Form annehmen zu
wollen. Es wimmelte von Gestalten in mir, die mitsorgen,
mitarbeiten, mitschaffen, mitdichten und mitkomponieren
wollten. Und jede dieser Gestalten sprach; ich mußte sie
hören. Es war zum Wahnsinnigwerden! Wie es früher
außer mir selbst nur zwei Gestalten gegeben hatte, die
helle und die dunkle, so jetzt außer mir zwei Gruppen.
Und je länger es dauerte, daß sie sich von einander
unterschieden, um so deutlicher erkannte ich sie. Es kämpften
da zwei einander feindliche Heerlager gegen einander:
Großmutters helle, lichte Bibel- und Märchengestalten
gegen die schmutzigen Dämonen jener unglückseligen Hohensteiner
Leihbibliothek. Ardistan gegen Dschinnistan. Die
übererbten Gedanken des Sumpfes, in dem ich geboren
wurde, gegen die beglückenden Ideen des Hochlandes,
nach dem ich strebte. Die Miasmen einer vergifteten
Kinder- und Jugendzeit gegen die reinen, beseligenden
Wünsche und Hoffnungen, mit denen ich in die Zukunft
schaute, die Lüge gegen die Wahrheit, das Laster gegen
die Tugend, die eingeborene menschliche Bestie gegen die
Wiedergeburt, nach der jeder Sterbliche zu streben hat,
um zum Edelmenschen zu werden.
Solche innere Kämpfe hat jeder denkende Mensch,
der vorwärts strebt, durchzumachen. Bei ihm sind es
Gedanken und Empfindungen, die gegeneinander streiten.
Bei mir aber hatten diese Gedanken und Regungen sich
zu sichtbaren und hörbaren Gestalten verdichtet. Ich sah
sie bei geschlossenen Augen, und ich hörte sie, bei Tag und
bei Nacht; sie störten mich aus der Arbeit; sie weckten
mich aus dem Schlafe. Die dunklen waren mächtiger
als die hellen; gegen ihre Zudringlichkeit gab es keinen
Widerstand. In gewöhnlichen Stunden herrschte Ruhe
in mir; da gab es keinen Konflikt. Sobald ich aber zu
arbeiten begann, erwachte Gestalt um Gestalt. Eine jede
wollte die Arbeit so, wie sie es wünschte. Auch kam
es sehr auf das Thema an, welches ich behandelte. Gegen
eine lustige Humoreske hatte niemand etwas. Die konnte
ich ohne Streit und Störung vollenden. Bei einer ernsten
Dorfgeschichte aber erhoben sich zahlreiche Stimmen für
und gegen mich. In diesen Dorfgeschichten wies ich
regelmäßig nach, daß Gott nicht mit sich spotten läßt,
sondern genauso straft, wie man sündigt. Hiergegen
empörten sich gewisse Gestalten in mir. Den größten
Widerstand aber fand ich, sobald ich in meinen Arbeiten
oder meiner Lektüre noch höhere Linien bestieg. Wenn
ich mir ein religiös oder ethisch oder ästhetisch hohes
Thema stellte, empörte sich die dunkle Gestalt in mir mit
aller Macht dagegen und bereitete mir Qualen, die ganz
unaussprechlich sind. Um zu zeigen, in welcher Weise
das vor sich ging und was für Qualen das waren, will
ich ein erläuterndes Beispiel bringen: Ich hatte den Auftrag
erhalten, eine Parodie von "des Sängers Fluch"
von Uhland zu schreiben. Ich tat es. Die Parodie bekam
den Titel "des Schneiders Fluch". Ein Schneider
verfluchte einen Schuster, sein baufälliges Häuschen und
winziges Gärtchen, in dem nur zwei Stachelbeerbüsche
standen. Bei der Verfluchung des Häuschens kam es
zu folgenden Zeilen:
"Die Hypotheken lauern
Schon heut auf euern Sturz.
Ihr hörts, verruchte Mauern,
Ich mach' es mit euch kurz!"
Diese Parodie dichtete ich, ohne innerlich dabei gestört zu
sein. Gegen so niedrige Sachen gab es nicht die geringste
Empörung in mir. Nur die lichte Gestalt verschwand;
sie trauerte, denn mein Können reichte zu Besserem und
Edlerem aus. Einige Zeit später hatte ich ein Lehrgedicht
zu schreiben, von dem mir jetzt nur noch folgende Strophen
gegenwärtig sind:
"Wenn ihr erst selbst das Wort verstanden,
Das euer Heiland euch gelehrt
Und es in euren eig'nen Landen
Befolgt und mit Gehorsam ehrt,
Dann einet sich zu einem Strome
Die Menschheit all von nah und fern
Und kniet anbetend in dem Dome
Der Schöpfung vor dem einen Herrn.
Dann wird der Glaube triumphieren,
Der einen Gott und Vater kennt;
Die Namen sinken, und es führen
Die Wege all zum Firmament."
Kaum hatte ich mich hingesetzt, um die Disposition zu
diesem hochstrebenden Gedicht niederzuschreiben, so trat
eine seltene Klarheit in mir ein, ich sah das frohe Lächeln
der lichten Gestalt, und hundert schöne, edle Gedanken
eilten herbei, um von mir aufgenommen zu werden. Ich griff
zur Feder. Da aber war es plötzlich, als ob ein schwarzer
Vorhang in mir niederfalle. Die Klarheit war vorüber;
die lichte Gestalt verschwand; die dunkle tauchte auf,
höhnisch lachend, und überall, durch mein ganzes inneres
Wesen, erscholl es wie mit hundert Stimmen "des
Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders
Fluch u. s. w.!" So klang es stunden- und stundenlang
in mir fort, endlos, unaufhörlich und ohne die geringste
Pause, nicht etwa nur in der Einbildung, sondern wirklich,
wirklich. Es war, als ob diese Stimmen nicht in mir,
sondern grad vor meinem äußern Ohr ertönten. Ich
gab mir alle Mühe, sie zum Schweigen zu bringen, doch
war das, solange ich die Feder in der Hand hielt und
zum Schreiben sitzen blieb, vergeblich. Auch als ich
aufstand, klangen sie fort, und nur als mir der Gedanke kam,
auf das Lehrgedicht zu verzichten, trat augenblicklich
Schweigen ein. Da ich aber mein Versprechen, es anzufertigen,
halten mußte, so griff ich bald wieder zur Feder.
Sofort erklang der Stimmenchor von neuem "des
Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch!" und als ich
trotzdem alle meine Gedanken auf meine Aufgaben konzentrierte,
kamen die lautgebrüllten Sätze hinzu "Die Hypotheken
lauern, die Hypotheken lauern; ihr hörts, verruchte
Mauern, ihr hörts, verruchte Mauern!" Das ging den
ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch und auch dann
noch immer weiter. Kein anderer Mensch sah und hörte
es; Niemand ahnte, was und wie furchtbar ich litt.
Jeder Andere hätte das als Wahnsinn bezeichnet, ich aber
nicht. Ich blieb kaltblütig und beobachtete mich. Ich
setzte es trotz aller Gegenwehr durch, daß mein Gedicht
zur vereinbarten Zeit fertig wurde. Aber derartige Siege
hatte ich immer sehr teuer zu bezahlen; ich brach dann
innerlich zusammen.
Leider erstreckte sich diese gewalttätige Verhinderung
meiner guten Vorsätze nicht nur auf meine Studien und
Arbeiten, sondern noch viel mehr und ganz besonders auch
auf meine Lebensführung, auf mein alltägliches Tun.
Es war, als ob ich aus jener Zelle, in der ich sechs
Wochen lang eingekerkert gewesen war, eine ganze Menge
unsichtbarer Verbrecherexistenzen mit heimgebracht hätte,
die es nun als ihre Aufgabe betrachteten, sich bei mir
einzunisten und mich ihnen gleichgesinnt zu machen. Ich
sah sie nicht; ich sah nur die finstere, höhnische
Hauptgestalt aus dem heimatlichen Sumpf und den Hohensteiner
Schundromanen; aber sie sprachen auf mich ein; sie
beeinflußten mich. Und wenn ich mich dagegen sträubte,
so wurden sie lauter, um mich zu betäuben und so zu
ermüden, daß ich die Kraft zum Widerstand verlor. Die
Hauptsache war, daß ich mich rächen sollte, rächen an
dem Eigentümer jener Uhr, der mich angezeigt hatte, nur
um mich aus seiner Wohnung loszuwerden, rächen an
der Polizei, rächen an dem Richter, rächen am Staate,
an der Menschheit, überhaupt an jedermann! Ich war
ein Mustermensch, weiß, rein und unschuldig wie ein
Lamm. Die Welt hatte mich betrogen um meine Zukunft,
um mein Lebensglück. Wodurch? Dadurch, daß
ich das blieb, wozu sie mich gemacht hatte, nämlich ein
Verbrecher.
Das war es, was die Versucher in meinem Innern
von mir forderten. Ich wehrte mich, so viel ich konnte,
so weit meine Kräfte reichten. Ich gab allem, was ich
damals schrieb, besonders meinen Dorfgeschichten, eine
ethische, eine streng gesetzliche, eine königstreue Tendenz.
Das tat ich, nicht nur andern sondern auch mir selbst
zur Stütze. Aber wie schwer, wie unendlich schwer ist
mir das geworden! Wenn ich nicht tat, was diese lauten
Stimmen in mir verlangten, wurde ich von ihnen mit
Hohngelächter, mit Flüchen und Verwünschungen überschüttet,
nicht nur stundenlang, sondern halbe Tage und
ganze Nächte lang. Ich bin, um diesen Stimmen zu
entgehen, aus dem Bett gesprungen und hinaus in den Regen
und das Schneegestöber gelaufen. Es hat mich
fortgetrieben, wie weit, wie weit! Ich bin aus der Heimat
fort, um mich zu retten, kein Mensch wußte, wohin, doch
es zog mich wieder und immer wieder zurück. Niemand
erfuhr, was in mir vorging und wie un- oder gar
übermenschlich ich kämpfte, weder Vater noch Mutter noch
Großmutter noch eine der Schwestern. Und noch viel
weniger ein anderer, ein fremder Mensch; man hätte mich
ja doch nicht verstanden, sondern mich einfach für
übergeschnappt erklärt. Ob irgend Jemand an meiner Stelle
das ausgehalten hätte, daß weiß ich nicht, ich glaube es
aber kaum. Ich war sowohl körperlich als auch geistig
ein kräftiger, sogar ein sehr kräftiger Mensch, aber ich
wurde dennoch müder und müder. Es kamen zunächst
Tage, dann aber ganze Wochen, in denen es vollständig
dunkel in mir wurde; da wußte ich kaum oder oft auch
gar nicht, was ich tat. In solchen Zeiten war die lichte
Gestalt in mir vollständig verschwunden. Das dunkle
Wesen führte mich an der Hand. Es ging immerfort
am Abgrund hin. Bald sollte ich dies, bald jenes tun,
was doch verboten war. Ich wehrte mich zuletzt nur
noch wie im Traum. Hätte ich den Eltern oder doch
wenigstens Großmutter gesagt, wie es um mich stand, so
wäre der tiefe Sturz, dem ich entgegentrieb, gewißlich
unterblieben. Und er kam, nicht daheim in der Heimat,
sondern in Leipzig, wohin mich eine Theaterangelegenheit
führte. Dort habe ich, der ich gar nichts derartiges brauchte,
Rauchwaren gekauft und bin mit ihnen verschwunden, ohne
zu bezahlen. Wie ich es angefangen habe, dies fertig zu
bringen, das kann ich nicht mehr sagen; ich habe es
wahrscheinlich auch schon damals nicht gewußt. Denn für mich
ist es sicher und gewiß, daß ich ganz unmöglich bei klarem
Bewußtsein gehandelt haben kann. Ich weiß von der
darauf folgenden Gerichtsverhandlung gar nichts mehr,
weder im Einzelnen noch im Ganzen. Ich kann mich
auch nicht auf den Wortlaut des Urteils besinnen. Ich
habe bis jetzt geglaubt, daß die Strafe vier Jahre
Gefängnis betragen habe; nach dem aber, was jetzt hierüber
in den Zeitungen steht, ist es noch ein Monat darüber
gewesen. Doch das ist Nebensache. Hauptsache ist, daß
der Abgrund nicht vergeblich für mich offengestanden hatte.
Ich war hinabgestürzt; ich wurde in das Landesgefängnis
Zwickau eingeliefert.
Ehe ich mich über diese meine Detentien verbreite,
habe ich mich gegen einige Vorurteile und falsche
Anschauungen zu wenden, die sich gegen Alles, was mit dem
Strafvollzug zusammenhängt, richten und mit denen nun
doch endlich einmal aufgeräumt werden sollte. Ich habe
manchen gebildeten Mitgefangenen in begreiflicher, aber
unberechtigter Erbitterung drohen hören, daß er nach seiner
Entlassung ein Buch über seine Gefangenschaft schreiben
werde, um die ebenso schweren wie unzähligen Mängel
unserer Rechtspflege und unseres Strafvollzuges aufzudecken.
Ein verständiger Mann lächelt über solche Drohungen,
die zwar ausgesprochen, aber nur höchst selten ausgeführt
werden. Jeder entlassene Gefangene, der Ehrgefühl
besitzt, ist froh, die Zeit der Strafe hinter sich zu
haben. Es fällt ihm nicht ein, das, was bisher doch nur
wenige wußten, nun, da es überstanden ist, an die volle
Oeffentlichkeit zu bringen. Er schweigt also. Und das
ist gut, weil sein Buch, wenn er es schriebe, gewiß
beweisen würde, daß unter tausend Gefangenen kaum einer
ist, der über sich und seine Bestrafung unbefangen und
sachgemäß zu urteilen vermag. Ich aber glaube, mich
zu dieser Sachlichkeit und Unbefangenheit emporgearbeitet
zu haben; ich halte mein Urteil für wohlerwogen und
richtig und fühle mich verpflichtet, hier folgende Punkte
festzustellen:
Die Zeiten, in denen die Gefängnisse als "Verbrecherschulen"
bezeichnet werden durften, sind längst vorüber.
In unseren Strafanstalten geht es nicht weniger moralisch
und nicht weniger human als in der Freiheit zu.
Das, was man einst als "Verbrecherwelt" brandmarkte,
gibt es nicht mehr. Die Bewohnerschaft der
heutigen Strafhäuser rekrutiert sich aus allen Ständen
des Volkes. Sie setzt sich in Beziehung auf Beruf und
Intelligenz aus denselben Prozentsätzen zusammen wie die
der "Unbestraften".
An der Tat des Einzelnen ist auch die Gesamtheit schuld.
Sie hat ihn um ihrer selbst willen zu "ent"-schuldigen.
Der deutsche Richterstand ist sich der Wahrheit dieses
Satzes wohlbewußt. Ich habe keinen einzigen Richter
kennen gelernt, auch unter denen, welche gegen mich
entschieden, dem ich einen Vorwurf machen könnte. Die
zahlreichen Prozesse, zu denen meine Gegner mich förmlich
zwingen, geben mir reichlich Gelegenheit, Erfahrungen
zu machen, und ich muß sagen, daß ich alle diese
Herren, sowohl Straf- als auch Zivilrichter, nur
hochachten kann. Ich habe sogar den Fall erlebt, daß ein
Dresdener Richter mir recht gab, obwohl alle seine
Verwandten und Bekannten gegen mich waren und ihn in
diesem Sinne zu beeinflussen suchten. Welche Genugtuung
und welch ein Vertrauen zu dem ganzen Richterstand
dies erweckt, das weiß nur der, der Gleiches wie
ich erlebte.
In Beziehung auf den Strafvollzug habe ich dasselbe
auszusprechen. Ich habe während meiner Gefangenschaft
nicht einen einzigen Oberbeamten oder Aufseher
kennen gelernt, der mir in Beziehung auf Gerechtigkeit
und Humanität Grund zu irgend einem Tadel gegeben
hätte. Ich behaupte sogar, daß die Aufseher die Strenge
des Dienstes viel stärker empfinden als der Gefangene
selbst. Ich habe Hunderte von Malen eine Güte, eine
Geduld und Langmut bewundert, welche mir unmöglich
gewesen wäre. Das Gefängnis ist kein Konzerthaus und
kein Tanzsalon, sondern eine sehr, sehr ernste Stätte, in
welcher der Mensch zur Erkenntnis seiner selbst zu kommen
hat. Derjenige Detinierte, der so verständig ist, sich dies
zu sagen, wird niemals Grund zur Klage, sondern alle
mögliche Hilfe finden, das, was ihm vorzuwerfen war,
vergessen zu machen. Es gab Beamte, die ich herzlich
lieb gewann, und ich bin vollständig überzeugt, daß ihre
Erwiderung dieser meiner Zuneigung nicht etwa nur
vorgetäuscht, sondern ehrlich und aufrichtig war.
Wenn die Erfolge unserer Rechtsprechung und unseres
Strafvollzuges trotzdem nicht solche sind, wie wir sie uns
wünschen, so tragen wahrlich nicht die Richter und auch
nicht die Strafanstaltsbeamten die Schuld, sondern die
Ursachen sind ganz anderswo zu suchen, nämlich in der
Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung, in der törichten
Selbstgerechtigkeit des lieben Nächsten, in gewissen, allzu tief
eingefressenen Vorurteilen und nicht zum geringsten auch
in unserer sogenannten, hochgepriesenen "Kriminalpsychologie",
an welche nur gewisse Fachleute glauben, nicht
aber der wirkliche Menschenkenner und noch viel weniger
der, um den es sich hier eigentlich handelt, nämlich der
sogenannte -- -- -- Verbrecher.
Dies sind die Quellen, aus denen immer wieder neue
Straftaten und neue Rückfälle fließen, obgleich doch sonst
alles mögliche geschieht, diese trüben Wasser einzudämmen
und nach und nach zum Versiegen zu bringen. Soll ich
sie mit Beispielen belegen und damit sogleich bei der
letzten, der "Kriminalpsychologie", beginnen, so liegen vor
mir mehrere Werke dieses hochinteressanten, äußerst
strittigen Faches aufgeschlagen, deren Inhalt von Beweisen
dessen, was ich behaupte, geradezu wimmelt. Einer der
Herren Verfasser, ein bekannter Staatsanwalt, zeichnet
sich durch seine zahlreichen Versuche aus, die Gesetzgebung
und den Strafvollzug in mildere, humanere Bahnen zu
lenken. Er hat sich dadurch einen Namen gemacht. Er
wird, wann und wo es sich um diese Humanisierung
handelt, oft genannt und würde ein Segen auf diesem
Gebiete sein, wenn er nicht als Kriminalpsychologe das
wieder zerstörte, was er als Vorkämpfer der Humanität
aufzubauen strebt. Ich nenne auch hier keinen Namen,
denn es kommt mir nicht auf die Person, sondern auf die
Sache an. Als Menschenfreund im höchsten Grade
beachtenswert, kann er als "Seelenforscher" in fast noch
höherem Grade unbedachtsam und grausam sein. Indem
er seine öffentlichen Behauptungen mit Beweisen zu belegen
versucht, läßt er sich so weit hinreißen, Personen,
die vor dreißig und noch mehr Jahren bestraft worden
sind, nun aber sich in mühsam errungener, öffentlicher
Stellung befinden, mit in seine "psychiatrischen"
Betrachtungen zu ziehen und sie in seinen Schriften derart
kenntlich zu machen, daß jedermann weiß, wen er meint.
Von einem Rechtsanwalt hierüber zur Rede gestellt,
antwortete er, daß er als Wissenschaftler hierzu berechtigt
sei; es gebe einen Paragraphen, der ihm das erlaube.
Ich unterlasse es, kritische Bemerkungen hieran zu knüpfen.
Aber selbst wenn es wahr wäre, daß es einen solchen
Paragraphen gibt, wer zwingt den Herrn Staatsanwalt,
einen derartigen Paragraphen zuliebe gegen seine eigene,
sonstige Humanität zu handeln und Menschen, die ihm
nie etwas zuleid taten und deren Schutz ihm als dem
Vertreter des Staates obzuliegen hatte, bei lebendigem
Leibe mit dem Messer zu zerschneiden? Falls dieser
Paragraph in Wirklichkeit vorhanden ist, so wird es für
den Reichstag höchste Zeit, ihn einer ernsten Prüfung zu
unterwerfen. Wenn jeder einstige Strafgefangene, mag
er sich noch so hoch emporgearbeitet haben, durch das
Gesetz gezwungen ist, es sich gefallen zu lassen, daß die
Herren Kriminalpsychologen ihn öffentlich an den
wissenschaftlichen Pranger stellen, so darf man sich gewiß nicht
darüber wundern, daß die Kriminalistik keine Neigung
zur Besserung zeigt. Ich werde im Verlaufe meiner
Darstellungen auf diesen Punkt zurückkommen müssen.
Was die Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung betrifft,
so brauche ich hier nur auf die völlige Schutzlosigkeit der
Vorbestraften gewissen Rechtsanwälten gegenüber
hinzuweisen. Der größte Schurke kann durch seinen Anwalt
in den Besitz der diskreten Akten dessen gelangen, den er
verderben will; das wird dann veröffentlicht, und der
arme Teufel ist verloren! A. ist ein Schuft; B. ist ein
Ehrenmann, aber leider vorbestraft. A. hat die Absicht,
den B. zu vernichten. Er braucht ihn bloß zu beleidigen
und sich von ihm verklagen zu lassen. Er verlangt dann
als Beschuldigter, daß die Strafakten des Klägers vorgelegt
werden. Das geschieht. Sie werden in öffentlicher
Verhandlung vorgelesen. A. bekommt zehn Mark
Beleidigungsstrafe; B. aber ist in die frühere Verachtung
und in das frühere Elend zurückgeworfen und wird nun
darauf schwören, daß für den einmal Bestraften alle Vorsätze,
sich zu "bessern", nutzlos sind. Wenn er nun rückfällig
wird, ist es gewiß kein Wunder. Es gibt leider
nicht wenige Rechtsanwälte, welche ganz ohne Bedenken
zu dem höchst unfairen Mittel greifen, die Prozesse, die
in sachlicher Weise nicht zu gewinnen sind, in persönlich
gehässiger, rücksichtsloser Weise zu führen. Auch ich selbst
habe es mit solchen Gegnern zu tun gehabt, aber immer
gesehen, daß unsere Richter sich durch derartigen Schmutz
niemals beeinflussen lassen. Ich bin überzeugt, daß gerade
diese Herren es mit Freuden begrüßen würden, wenn
endlich jene gesetzlichen Bestimmungen in Wegfall kämen,
durch welche es, wie bereits gesagt, jedem Schurken
ermöglicht ist, längst Vergangenes und längst Gesühntes
wieder aufzudecken. Dann würde die bedeutende Zahl der
sogenannten Erbitterungsrückfälle wohl bald in Wegfall
kommen.
Daß ich die törichte Selbstgerechtigkeit des "lieben
Nächsten" anführte, geschah mit vollstem Rechte. Sie ist
und bleibt die Hauptursache der Mißstände, die hier zu
besprechen sind. Ich will keineswegs behaupten, daß dies
auf einem ethischen Mangel beruht. Ich meine vielmehr,
es liegen alte Vorurteile vor, die sich so tief eingefressen
haben, daß man sie gar nicht mehr als Vorurteile
erkennt, sondern für Wahrheiten hält, an denen niemand
zu rütteln vermag. Der "Verbrecher" war einst vogelfrei;
er ist es auch noch heute. Ein jeder hackt auf ihn ein;
ist es nicht offen, so geschieht es doch heimlich. Er suche
Arbeit, er suche Hilfe, er suche Recht, so wird er jedem
andern nachgesetzt. Es gibt im Leben hundert und
aberhundert Punkte, von denen aus er als minderwertiger
Mensch betrachtet und behandelt wird, und es bedarf von
seiner Seite einer ungewöhnlichen Seelenruhe und einer
seltenen Willenskraft, dies immer wieder und immer
weiter zu ertragen, ohne sich auf die alte Bahn zurückwerfen
zu lassen. Die größte Gefahr für ihn liegt darin,
daß ihm von dem lieben Nächsten das Ehrgefühl nach
und nach abgestumpft oder gar getötet wird. Läßt er es
so weit kommen, so ist er verloren, und die Kriminalistik
gibt ihr entweder erbittertes oder vollständig gleichgültig
gewordenes Opfer nie wieder her. Dies wird und kann
gar nicht anders werden, so lange an dem alten, ebenso
unsinnigen wie grausamen Vorurteil festgehalten wird,
daß jeder bestrafte Mensch für die ganze Zeit seines
Lebens als "Verbrecher" zu betrachten sei. Kürzlich kam
in Charlottenburg der Fall vor, daß jemand, der vor
über vierzig Jahren bestraft worden war, sich seitdem
aber gut geführt hatte, von einem übelwollenden Menschen
als "geborener Verbrecher" bezeichnet wurde. Der
Beleidigte verklagte den Beleidiger, doch dieser wurde
freigesprochen. Heißt das nicht, einen armen Menschen, der
sich mit äußerster Willenskraft aus dem Abgrund
emporgearbeitet und vierzig Jahre lang oben bewährt hat, mit
brutaler Gewalt wieder hinunterwerfen? -- --
Da unten lag auch ich. Indem ich hierüber weiter
berichte, ist es keineswegs meine Absicht, dies in der
Weise zu tun, wie aufregungsbedürftige, sensationslüsterne
Leser es wünschen. Es ist mehr als genug, wenn man
solche Dinge nur einmal erlebt. Ist man gezwungen, sie
zum zweitenmale zu erleben, indem man sie für andere
niederschreibt, so besitzt man gewiß die Berechtigung, sich
so kurz wie möglich zu fassen. Von dieser Berechtigung
mache ich hiermit Gebrauch.
Ich fand bei meiner Einlieferung in die Strafanstalt
eine ernste, aber keineswegs verletzende Aufnahme. Wer
höflich ist, sich den Hausgesetzen fügt und nicht dummer
Weise immerfort seine Unschuld beteuert, wird nie über
Härte zu klagen haben. Was die Beschäftigung betrifft,
die man für mich auswählte, so wurde ich der Schreibstube
zugeteilt. Man kann hieraus ersehen, wie fürsorglich
die Verhältnisse der Gefangenen von der Direktion
berücksichtigt werden. Leider aber hatte diese Fürsoge in
meinem Falle nicht den erwarteten Erfolg. Nämlich ich
versagte als Schreiber so vollständig, daß ich als
unbrauchbar erfunden wurde. Ich hatte als Neueingetretener
das Leichteste zu tun, was es gab; aber auch das brachte
ich nicht fertig. Das fiel auf. Man sagte sich, daß es
mit mir eine ganz besondere Bewandtnis haben müsse,
denn schreiben mußte ich doch können! Ich wurde Gegenstand
besonderer Beachtung. Man gab mir andere Arbeit,
und zwar die anständigste Handarbeit, die man hatte.
Ich kam in den Saal der Portefeuillearbeiter und wurde
Mitglied einer Riege, in welcher feine Geld- und
Zigarrentaschen gefertigt wurden. Diese Riege bestand mit mir
aus vier Personen, nämlich einem Kaufmann aus Prag,
einem Lehrer aus Leipzig, und was der vierte war, das
konnte ich nicht erfahren; er sprach niemals davon. Diese
drei Mitarbeiter waren liebe, gute Menschen. Sie arbeiteten
schon seit längerer Zeit zusammen, standen bei den
Vorgesetzten in gutem Ansehen und gaben sich alle
mögliche Mühe, mir die Lehrzeit und überhaupt die schwere
Zeit so leicht wie möglich zu machen. Nie ist ein
unschönes oder gar verbotenes Wort zwischen uns gefallen.
Unser Arbeitssaal faßte siebzig bis achtzig Menschen. Ich
habe unter ihnen nicht einen einzigen bemerkt, dessen
Verhalten an die Behauptung erinnert hätte, daß das
Gefängnis die hohe Schule der Verbrecher sei. Im
Gegenteil! Jeder einzelne war unausgesetzt bemüht, einen
möglichst guten Eindruck auf seine Vorgesetzten und
Mitgefangenen zu machen. Vom Schmieden schlimmer Pläne
für die Zukunft habe ich während meiner ganzen
Gefangenschaft niemals etwas gehört. Hätte irgend einer
gewagt, so etwas zu verlautbaren, so wäre er, wenn nicht
angezeigt, so doch auf das energischste zurückgewiesen
worden.
Der Aufseher dieses Saales oder, wie es dort genannt
wurde, dieser Visitation hieß Göhler. Ich nenne
seinen Namen mit großer, aufrichtiger Dankbarkeit. Er
hatte mich zu beobachten und kam, obwohl er von Psychologie
nicht das geringste verstand, nur infolge seiner
Humanität und seiner reichen Erfahrung meinem inneren
Wesen derart auf die Spur, daß seine Berichte über mich,
wie sich später herausstellte, die Wahrheit fast erreichten.
Er hatte, wie wohl alle diese Aufseher, früher beim
Militär gestanden, und zwar bei der Kapelle, als erster
Pistonbläser. Darum war ihm das Musik- und Bläserkorps
der Gefangenen anvertraut. Er gab des Sonntags
in den Visitationen und Gefängnishöfen Konzerte,
die er sehr gut dirigierte. Auch hatte er bei Kirchenmusik
die Sänger mit seiner Instrumentalmusik zu begleiten.
Leider aber besaß weder er noch der Katechet,
dem das Kirchenkorps unterstand, die nötigen theoretischen
Kenntnisse, die Stücke, welche gegeben werden sollten, für
die vorhandenen Kräfte umzuarbeiten oder, wie der
fachmännische Ausdruck heißt, zu arrangieren. Darum hatten
beide Herren schon längst nach einem Gefangenen gesucht,
der diese Lücke auszufüllen vermochte; es war aber keiner
vorhanden gewesen.
Jetzt nun kam der Aufseher Göhler infolge seiner
Beobachtung meines seelischen Zustandes auf die Idee, mich
in sein Bläserkorps aufzunehmen, um zu sehen, ob das
vielleicht von guter Wirkung auf mich sei. Er fragte bei
der Direktion an und bekam die Erlaubnis. Dann fragte
er mich, und ich sagte ganz selbstverständlich auch nicht
nein. Ich trat in die Kapelle ein. Es war gerade nur
das Althorn frei. Ich hatte noch nie ein Althorn in den
Händen gehabt, blies aber schon bald ganz wacker mit.
Der Aufseher freute sich darüber. Er freute sich noch
mehr, als er erfuhr, daß ich Kompositionslehre getrieben
habe und Musikstücke arrangieren könne. Er meldete das
sofort dem Katecheten, und dieser nahm mich unter die
Kirchensänger auf. Nun war ich also Mitglied sowohl
des Bläser- als auch des Kirchenkorps und beschäftigte
mich damit, die vorhandenen Musikstücke durchzusehen und
neue zu arrangieren. Die Konzerte und Kirchenaufführungen
bekamen von jetzt an ein ganz anderes Gepräge.
Ich muß erwähnen, daß diese musikalischen Arbeiten
nur Nebenarbeiten waren. Ich wurde durch sie keineswegs
von dem Arbeitspensum entbunden, welches jeder
Gefangene pro Tag zu liefern hat, wenn er vermeiden
will, sich Unannehmlichkeiten auszusetzen. Dieses Pensum
ist nicht zu hoch gestellt; ein jeder Arbeitswillige kann es
liefern. Wer geschickt ist, der liefert es sogar in wenigen
Stunden. Darum blieb mir reichlich genug Zeit für
meine kompositionelle Beschäftigung übrig, die ich nicht
aufgab, auch als ich aus der Visitation der
Portefeuillearbeiter versetzt worden war. Es wurde mir nämlich
mein inniger Wusch erfüllt, isoliert zu werden.
Ich hatte gleich bei meiner Einlieferung gebeten, eine
Zelle für mich allein zu bekommen; die Erfüllung dieses
Wunsches war aber nicht angängig gewesen. Erst nun,
da man über mich zu einem psychologisch abgeschlossenen
Resultate kam, wurde ich in das Isolierhaus versetzt und
unmittelbar neben dem Arbeitsraume des Inspektors
desselben einquartiert. Er war ein hochgebildeter, sehr
pflichtbewußter und humaner Herr, dessen besonderer Schreiber
ich wurde. Das war eine Stelle, die es bis dahin noch
nicht gegeben hatte. Ich mache hier auf den psychologisch
bedeutungsvollen Umstand aufmerksam, daß ich zur Zeit
meiner Einlieferung vollständig unfähig gewesen war,
Schreiber zu sein, nun aber für fähig gehalten wurde,
eine Schreiberstelle zu bekleiden, welche große geistige Um-
und Einsicht erforderte und die höchste Vertrauensstelle
war, die es in der ganzen Anstalt gab. Mein Inspektor
war nämlich neben seiner Direktion des Isolierhauses
noch beruflich schriftstellerisch tätig. Diese seine Tätigkeit
bezog sich auf die besondere Statistik unserer Anstalt und
auf das Wesen und die Aufgaben des Strafvollzuges
überhaupt. Er schrieb die hierauf bezüglichen Berichte
und stand mit allen hervorragenden Männern des
Strafvollzuges in lebhafter Korrespondenz. Meine Aufgabe
war, die statistischen Ziffern zu ermitteln, sie auf ihre
Zuverlässigkeit zu untersuchen, sie zusammenzustellen, zu
vergleichen und dann die Resultate aus ihnen zu ziehen.
Das war an und für sich eine sehr schwere, anstrengende
und scheinbar langweilige Beschäftigung mit leblosem
Ziffernwerk; aber diese Ziffern zu Gestalten zusammenzusetzen
und diesen Gestalten Leben und Seele einzuhauchen,
ihnen Sprache zu verleihen, das war im höchsten Grade
interessant, und ich darf wohl sagen, daß ich da viel, sehr
viel gelernt habe und daß mich diese Arbeiten in stiller,
einsamer Zelle in Beziehung auf Menschheitspsychologie
viel weiter vorwärts gebracht haben, als ich ohne
diese Gefangenschaft jemals gekommen wäre. Daß mir
hierzu nur die besten und zuverlässigsten Unterlagen zu
Gebote standen, versteht sich ganz von selbst. Es sind mir
da ganz eigenartige Lichter aufgegangen. Ich habe da
in die tiefsten Tiefen des Menschenlebens geschaut und
Dinge gesehen, die andere niemals sehen werden, weil sie
keine Augen dafür haben. Ich habe da erkannt, daß
Großmutters Märchen die Wahrheit sagt, daß es ein
Dschinnistan und ein Ardistan gibt, ein ethisches Hochland
und ein ethisches Tiefland, und daß die Hauptbewegung,
an der wir alle teilzunehmen haben, nicht von
oben nach unten geht, sondern von unten nach oben,
empor, empor zur Befreiung von der Sünde, hinauf,
hinauf zur Edelmenschlichkeit. Diese Erkenntnis ist mir
von größtem Segen gewesen; sie hat auch mich selbst
befreit. Ich habe die in mir schreienden Stimmen, von
denen ich weiter oben sprach, auch in der Zelle
vernommen. Ich habe mit ihnen gekämpft und sie stets zum
Schweigen gebracht. Sie kehrten zwar zurück; sie ließen
sich wieder hören, doch in immer längern Zwischenräumen,
bis ich endlich annehmen konnte, daß sie ganz und für
immer stumm geworden seien.
Außerdem hatte ich die Bibliothek der Gefangenen
zu verwalten, und auch die Bibliothek der Beamten stand
mir offen. Die Werke der letzteren bezogen sich nicht etwa
nur auf Strafrecht und auf Strafvollzug, sondern es waren
alle Wissenschaften vertreten. Ich habe diese köstlichen,
inhaltsreichen Bücher nicht nur gelesen, sondern studiert
und sehr viel daraus gewonnen. Und es waren nicht nur
die Werke der Anstaltsbibliotheken, die mir zur
Verfügung standen, sondern man zeigte sich auch gern
bereit, mir solche von auswärts zugängig zu machen. Es
war mir ein unwiderstehliches Bedürfnis, die Ruhe und
Ungestörtheit der Zelle so viel wie möglich für mein
geistiges Vorwärtskommen auszunutzen, und die Beamten
hatten ihre Freude daran, mir hierzu in jeder, den
Anstaltsgesetzen nicht widersprechenden Weise behilflich zu sein.
So verwandelte sich für mich die Strafzeit in eine
Studienzeit, zu der mir größere Sammlung und größere
Vertiefungsmöglichkeit geboten war, als ein Hochschüler
jemals in der Freiheit findet. Ich werde über diesen großen,
unschätzbaren Gewinn, den die Gefangenschaft mir brachte,
noch fernerhin sprechen. Noch heut bin ich ganz
besonders dankbar dafür, daß es mir nicht verboten war,
mir fremdsprachige Grammatiken anzuschaffen und hierdurch
den eigentlichen Grund zu meinen späteren Reisearbeiten
zu legen, die aber bekanntlich gar keine Reisearbeiten
sind, sondern ein ganz anderes, bis jetzt unbebautes
Genre bilden sollen. Doch ist es für jetzt nicht
meine Absicht, mich über diese meine Studien zu verbreiten,
sondern ich habe mich hier allein und ganz besonders
mit dem Umstand zu befassen, daß die mir anvertraute
Verwaltung der Gefangenenbibliothek mir Gelegenheit
zu höchst wichtigen Beobachtungen und Erfahrungen
gab, unter deren Einfluß meine schriftstellerische
Tätigkeit sich zu der gestaltete, die sie geworden ist.
Wenn ich behaupte, daß ich die literarischen Bedürfnisse,
oder sagen wir, die Lesebedürfnisse der Volksseele
kennen lernte, so bitte ich, diese Behauptung ernst
zu nehmen. Man soll nicht sagen, daß jeder
Volksbibliothekar und jeder Leihbibliothekar genau dieselben
Erfahrungen machen könne, denn das ist nicht wahr.
Ein Leser in Freiheit und ein Leser in Haft, das sind
zwei ganz verschiedene Gestalten. Bei dem Letzteren kann
das Lesen geradezu zum seelischen Existenzbedürfnisse
werden. Sein Wesen wendet sich, es kehrt sich um. Die
äußere Persönlichkeit hat unter der Anstaltszucht ihre
Geltung aufgegeben; die innere tritt hervor. Und diese
ist es, die von dem Beamten, von der Anstaltserziehung
erkannt und gepackt werden muß, wenn der menschlich
große, humane Zweck der Strafe erreicht werden soll,
moralische Erhebung und Festigung, Aussöhnung zwischen
der Gesellschaft und dem sogenannten Verbrecher, die
sich beide aneinander versündigten. Dieses Hervortreten
der innern Persönlichkeit ist in der Freiheit eine Ausnahme,
in der Gefangenschaft aber die Regel. Der Gefangene
hat während seiner Detention auf alle seine leiblichen
Sonderrechte zu verzichten. In leiblicher Beziehung
ist er nicht mehr Person, sondern nur noch Sache, eine
Nummer, die in den Büchern eingetragen wird und bei
der man ihn auch nennt. Um so kräftiger, ja ungestümer
tritt seine innere Gestalt, seine Seele hervor, um sich,
ihre Rechte und Bedürfnisse geltend zu machen. Der
Leib ist gezwungen, sich in die Gefängniskleidung und
Gefängniskost zu fügen. Wehe, wenn man den Fehler
begeht, den gleichen Zwang auch auf die Seele ausüben
zu wollen! Sie strebt mit Macht heraus aus dem
Gefängniskleide, und sie verlangt mit Heißhunger nach einer
Kost, an der sie ethisch gesunden und erstarken kann, um
sich von den Fesseln, in denen sie bisher schmachtete, zu
befreien. Man glaube mir, kein Sträfling wünscht das
Böse für sich; sie alle wünschen das Gute. Im tiefsten
Herzensgrunde hat jeder den Trieb, nicht nur körperlich
sondern auch moralisch frei zu sein, sogar der scheinbar
Unverbesserliche. Woher aber soll diese nackte, hungrige
Seele sich gut kleiden und gut nähren, nämlich gut im
ethischen Sinne? Aus sich selbst heraus? Aus den
sonntäglichen Anstaltspredigten? Aus den wenigen, kurzen
Besuchen der Anstaltsgeistlichen und anderer Beamten?
Aus dem Zusammenleben mit den Strafgefährten? Man
beantworte diese Fragen, wie man will, die Hauptquelle
aller Erziehung, Besserung und Emporhebung kann bei
derartig gegebenen Verhältnissen nur die Bibliothek sein.
Der Gefangene, der sich so führt, daß ihm das Lesen
nicht verboten werden muß, bekommt pro Woche ein Buch.
Der Inhalt desselben bildet sieben Tage lang die seelische
Kost für den nach Nahrung Schmachtenden. Er darf
sich das Buch nicht wählen; er muß nehmen, was er
bekommt. Was man ihm gibt, kann ihm zum Glück, kann
ihm zum Unglück werden, kann ihm Belehrung oder Strafe
sein, kann ihn zur Selbsterkenntnis und zur Einsicht bringen,
ihn aber auch empören und verhärten. Einer meiner
Mitgefangenen, ein geistreicher Bankier, hatte dreiviertel Jahre
lang weiter nichts als alte "Frauendorfer Blätter" zu
lesen bekommen, trockene Unterweisungen im Gartenbau,
die ihn weder interessieren noch ihm irgendeinen Nutzen
bringen konnten. Er trug es in steigender Erbitterung,
bis ich die Bibliothek überkam [sic] und ihm Passenderes gab.
Einen Schauspieler, der ein Feuerkopf war, hatten Jeremias
Gotthelfs Erzählungen derart außer sich gebracht,
daß er nahe daran stand, wegen Ungebühr bestraft zu
werden. Das letzte, was er hatte lesen müssen, hatte
den Titel gehabt "Wie fünf Mädchen im Branntwein
jämmerlich umkommen." Als ich ihm einen Band von
Edmund Höfer gab, war er so froh, als ob ich ihm ein Vermögen
geschenkt hätte. Ein sozialdemokratischer Klempnermeister
war einer langen Reihe von Erbauungsbüchern
zum Opfer gefallen. Er schwor mir wütend zu, daß es
schon um dieser Bücher willen keinen Herrgott geben
könne. Er habe nur aus bitterer Not Bankrott gemacht;
die Verfasser und Herausgeber dieser Schriften aber seien
aus Selbstgerechtigkeit und Uebermut bankrott und
verdienten wenigstens dieselbe Gefängnisstrafe wie er.
Aus solchen Beispielen geht hervor, wie genau ich
zunächst meine Bibliothek und sodann auch die Bedürfnisse
ihrer Leser kennen zu lernen hatte. Das war mit
ernsten und schwierigen psychologischen Erwägungen
verbunden und führte zu dem betrübenden Schlußresultate,
daß eigentlich solche Bücher, wie wir sie brauchten,
nur ganz wenige vorhanden waren. Sie fehlten nicht
nur in unserer Gefängnisbibliothek, sie fehlten auch
überhaupt in der Literatur. Ich dachte an meine Knabenzeit,
an die Traktätchen, die ich da gelesen und an den Schund,
der mich da vergiftet hatte; ich dachte weiter, und ich
verglich. Da dämmerte in mir eine Erkenntnis auf. Sind
nur die Bewohner der Strafanstalten detiniert? Ist nicht
eigentlich jeder Mensch ein Gefangener? Stecken nicht
Millionen von Menschen hinter Mauern, die man zwar
nicht mit den Augen sieht, die aber doch nur allzu
fühlbar vorhanden sind? Ist es nur für die Bewohner der
Strafanstalt der Leib, der gebändigt werden muß, damit
der höhere, von oben stammende Teil unseres Wesens zur
Geltung kommen möge? Muß nicht überhaupt bei allen
Sterblichen, also bei der ganzen Menschheit, alles Niedrige
gefesselt werden, damit die hierdurch die Freiheit
gewinnende Seele sich zum höchsten irdischen Ideale, zur
Edelmenschlichkeit, erheben könne? Und sind es nicht die
Religion, die Kunst, die Literatur, die uns aus solcher
Tiefe zu solcher Höhe führen sollen? Die Literatur, der
auch ich, der an die enge Zelle geschmiedete Gefangene,
mit angehöre!
Auf diesem Gedankenpfade weitergehend, gelangte ich
zu Betrachtungen und Schlüssen, die scheinbar höchst
seltsam, im Grunde genommen aber ganz natürlich waren.
Es wurde zwischen meinen vier engen Wänden hell; sie
weiteten sich. Erst ahnte ich, dann sah ich und endlich
erkannte ich die zwar verborgenen aber doch innigen
Zusammenhänge zwischen dem Kleinsten und dem Größten,
dem Körperlichen und dem Seelischen, dem Leiblichen und
dem Geistigen, dem Endlichen und dem Unendlichen.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, die lieben,
alten Märchen meiner Großmutter in ihrer tiefen
Bedeutung zu begreifen. Ich lag nächtelang wach und
dachte nach. Ich war angekettet im tiefsten, niedrigsten,
verachtetsten Ardistan und schickte meine ganze Sehnsucht
und alle meine Gedanken zum hellen, freien Dschinnistan
empor. Ich stellte mir vor, die verloren gegangene
Menschenseele zu sein, die niemals wiedergefunden werden
kann, wenn sie sich nicht selbst wiederfindet. Dieses
Wiederfinden kann nie hoch oben in Dschinnistan, sondern nur
hier unten in Ardistan geschehen, im Erdenleid, in der
Menschheitsqual, bei der Träberkost des verlorenen Sohnes
unserer biblischen Geschichte. Meine Phantasie begann,
das, was ich suchte, in Form zu fassen, um es ergreifen
und festhalten zu können. Es wohnte und lebte in mir.
Aber nicht nur da, sondern auch außerhalb, allüberall, in
jedem andern Menschen, auch im Menschengeschlecht, als
Großes und Ganzes gedacht. Da entstand in mir meine
Marah Durimeh, die große, herrliche Menschheitsseele,
der ich die Gestalt meiner geliebten Großmutter gab. Da
tauchte zum ersten Male mein Tatellah-Satah in mir
auf, jener geheimnisvolle "Bewahrer der großen Medizin",
den meine Leser im dreiunddreißigsten meiner Bände
kennen gelernt haben. Und da wurde auch der Gedanke
"Winnetou" geboren. Wohlverstanden, nur der Gedanke,
nicht aber er selbst, den ich erst später fand. Damals
habe ich die psychologischen Werke der Beamtenbibliothek
und alle andern, die mir zugängig wurden -- fast
verschlungen, hätte ich beinahe gesagt; aber das würde nicht
wahr sein, denn ich habe sie langsam, Wort für Wort
zerlegt und jedes einzelne Wort mit einer Bedachtsamkeit
in mir aufgenommen, die höchst wahrscheinlich nicht
allzu häufig ist; aber ich habe das wie atemlos und mit
einem Hunger, mit einem Eifer getan, als ob mein Leben,
meine Seligkeit davon abhänge, mir innerlich klar zu
werden. Und als ich dann glaubte, mich auf dem richtigen
Wege zu befinden, da griff ich in meine Kinderzeit
zurück und holte den alten, kühnen Wunsch hervor, "ein
Märchenerzähler zu werden, wie du, Großmutter bist."
Ich befand mich ja an einem der größten und reichsten
Fundorte alles dessen, was da zu erzählen war, im
Gefängnisse. Da kondensiert und verdichtet sich alles, was
draußen in der Freiheit so leicht und so dünn vorüberfließt,
daß man es nicht ergreifen und noch viel weniger
betrachten kann. Und da erheben sich die Gegensätze, die
draußen sich wie auf ebener Fläche vermischen, so bergeshoch,
daß in dieser Vergrößerung Alles offenbar wird,
was anderwärts in Heimlichkeit verborgen bleibt. Ich
hatte sie vor mir aufgeschlagen, die anspruchsvollen,
hochgelehrten Werke über Psychologie, besonders über
Kriminalpsychologie. Fast jede Zeile war mir eingeprägt. Sie
enthielten die Theorie, ein Konglomerat von Rätseln und
Problemen. Die Praxis aber lag rund um mich her, in
ebenso klarer wie erschütternder Aufrichtigkeit. Welch ein
Unterschied zwischen beiden? Wo war die Wahrheit zu
suchen? In den aufgeschlagenen Büchern oder in der
aufgeschlagenen Wirklichkeit? In beiden! Die Wissenschaft
ist wahr, und das Leben ist wahr. Die Wissenschaft
irrt, und das Leben irrt. Ihre beiderseitigen Wege
führen über den Irrtum zur Wahrheit; dort müssen sie
sich treffen. Wo diese Wahrheit liegt und wie sie lautet,
das können wir nur ahnen. Es ist nur einem einzigen
Auge vergönnt, sie vorauszusehen, und das ist das Auge
des -- -- Märchens. Darum will ich Märchenerzähler
sein, nichts Anderes als Märchenerzähler, ganz so, wie
Großmutter es war! Ich brauche nur die Augen zu
öffnen, so sehe ich sie aufgespeichert, diese Hunderte und
Aberhunderte von fleischgewordenen Gleichnissen und nach
Erlösung trachtenden Märchen. In jeder Zelle eins und
auf jedem Arbeitsschemel eins. Lauter schlafende
Dornröschen, die darauf warten, von der Barmherzigkeit und
Liebe wachgeküßt zu werden. Lauter in Fesseln schmachtende
Seelen, in alten Schlössern, die in Gefängnisse
umgewandelt sind, oder in modernen Riesenbauten, in denen
Humanität von Zelle zu Zelle, von Schemel zu Schemel
geht, um aufzuwecken und freizumachen, was des Aufwachens
und der Freiheit wert sich zeigt. Ich will zwischen
Wissenschaft und Leben vermitteln. Ich will Gleichnisse
und Märchen erzählen, in denen tief verborgen die
Wahrheit liegt, die man auf andere Weise noch nicht zu
erschauen vermag. Ich will Licht schöpfen aus dem Dunkel
meines Gefängnislebens. Ich will die Strafe, die mich
getroffen hat, in Freiheit für andere verwandeln. Ich
will die Strenge des Gesetzes, unter der ich leide, in ein
großes Mitleid mit allen denen, die gefallen sind,
verkehren, in eine Liebe und Barmherzigkeit, vor der es
schließlich kein "Verbrechen" mehr und keine "Verbrecher"
gibt, sondern nur Kranke, Kranke, Kranke.
Aber kein Mensch darf ahnen, daß das, was ich erzähle,
nur Gleichnisse und nur Märchen sind, denn wüßte
man das, so würde ich nie erreichen, was ich zu erreichen
gedenke. Ich muß selbst zum Märchen werden, ich selbst,
mein eigenes Ich. Es wird das freilich eine Kühnheit
sein, an der ich leicht zugrunde gehen kann, was aber
liegt am Schicksal eines kleinen Einzelmenschen, wenn es
sich um große, riesig emporstrebende Fragen der ganzen
Menschheit handelt? An dem winzigen Schicksälchen eines
verachteten Gefangenen, der für die Gesellschaft schon so
und überhaupt verloren ist, wenn sich die Art und Weise,
in der man über das "Verbrechen" denkt und spricht,
nicht baldigst ändert!
Das war ein Gedanke, der mir ganz plötzlich kam,
sich aber tief einnistete und mich nicht wieder verließ.
Er gewann Macht über mich; er wurde groß. Er nahm
endlich meine ganze Seele ein, und zwar wohl deshalb,
weil er in sich die Erfüllung alles dessen barg, was schon
von meiner Kindheit an Wunsch und Hoffnung in
mir lebte. Ich hielt ihn fest, diesen Gedanken; ich
erweiterte und vertiefte ihn; ich arbeitete ihn aus. Er
hatte mich, und ich hatte ihn; wir wurden beide identisch.
Aber das geschah nicht schnell, sondern es brauchte eine lange,
lange Zeit, und es gingen noch trübere und noch schwerere
Tage dahin, als die gegenwärtigen waren, ehe ich meinen
Arbeitsplan entwickelte und derart festgelegt hatte, daß
an ihm nichts mehr zu ändern war. Ich nahm mir vor,
zunächst noch weiter an meinen Humoresken und erzgebirgischen
Dorfgeschichten zu schreiben, um der deutschen
Leserwelt bekannt zu werden und ihr zu zeigen, daß ich
mich absolut nur auf gottesgläubigem Boden bewege.
Dann aber wollte ich zu einem Genre greifen, welches
im allgemeinsten Interesse steht und die größte Eindrucksfähigkeit
besitzt, nämlich zur Reiseerzählung. Diesen Erzählungen
wirkliche Reisen zugrunde zu legen, war nicht
absolut notwendig; sie sollten ja doch nur Gleichnisse
und nur Märchen sein, allerdings außerordentlich
vielsagende Gleichnisse und Märchen. Trotzdem aber waren
Reisen wünschenswert, zu Studienzwecken, um die verschiedenen
Milieus kennen zu lernen, in denen meine Gestalten
sich zu bewegen hatten. Vor allem galt es, sich
tüchtig vorzubereiten, Erdkunde, Völkerkunde, Sprachkunde
treiben. Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen
Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat
zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemäß
behaupten, daß Alles, was ich erzähle, Selbsterlebtes und
Miterlebtes sei. Aber ich mußte diese Sujets hinaus
in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen, um ihnen
diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen
Kleidung nicht besitzen. In die Prärie oder unter Palmen
versetzt, von der Sonne des Morgenlandes bestrahlt oder
von den Schneestürmen des Wilden Westens umtobt, in
Gefahren schwebend, welche das stärkste Mitgefühl der
Lesenden erwecken, so und nicht anders mußten alle meine
Gestalten gezeichnet sein, wenn ich mit ihnen das erreichen
wollte, was sie erreichen sollten. Und dazu hatte ich in
allen den Ländern, die zu beschreiben waren, wenigstens
theoretisch derart zu Hause zu sein, wie ein Europäer
es nur immer vermag. Es galt also zu arbeiten, schwer
und angestrengt zu arbeiten, um mich vorzubereiten, und
dazu war der stille ungestörte Gefängnisraum, in dem
ich lebte, grad so die richtige Stelle.
Es gibt irdische Wahrheiten, und es gibt himmlische
Wahrheiten. Die irdischen Wahrheiten werden uns durch
die Wissenschaft, die himmlischen durch die Offenbarung
gegeben. Die Wissenschaft pflegt ihre Wahrheiten zu
beweisen; was die Offenbarung behauptet, wird von den
Gelehrten höchstens als glaubhaft, nicht aber als bewiesen
betrachtet. So eine himmlische Wahrheit steigt an den
Strahlen der Sterne zur Erde nieder und geht von Haus
zu Haus, um anzuklopfen und eingelassen zu werden.
Sie wird überall abgewiesen, denn sie will geglaubt sein,
aber das tut man nicht, weil sie keine gelehrte Legitimation
besitzt. So geht sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu
Stadt, von Land zu Land, ohne erhört und aufgenommen
zu werden. Da steigt sie am Strahl der Sterne wieder
himmelan und kehrt zu dem zurück, von dem sie ausgegangen
ist. Sie klagt ihm weinend ihr Leid. Er aber
lächelt mild und spricht: "Weine nicht! Geh' wieder
zur Erde nieder, und klopfe bei dem Einzigen an, dessen
Haus du noch nicht fandest, beim Dichter. Bitte ihn,
dich in das Gewand des Märchens zu kleiden, und versuche
dann dein Heil noch einmal!" Sie gehorcht. Der
Dichter nimmt sie liebend auf und kleidet sie. Sie
beginnt ihren Gang als Märchen nun von Neuem, und
wo sie anklopft, ist sie jetzt willkommen. Man öffnet ihr
die Türen und die Herzen. Man lauscht mit Andacht
ihren Worten; man glaubt an sie. Man bittet sie, zu
bleiben, denn jeder hat sie liebgewonnen. Sie aber muß
weiter, immer weiter, um zu erfüllen, was ihr aufgetragen
worden ist. Doch geht sie nur als Märchen; als Wahrheit
aber bleibt sie zurück. Und wenn man sie auch nicht
sieht, sie ist doch da und herrscht im Haus, für alle
Folgezeiten.
So, das ist das Märchen! Aber nicht das Kindermärchen,
sondern das wahre, eigentliche, wirkliche Märchen,
trotz seines anspruchslosen, einfachen Kleides die
höchste und schwierigste aller Dichtungen, der in ihm
wohnenden Seele gemäß. Und einer jener Dichter, zu
denen die ewige Wahrheit kommt, um sie kleiden zu lassen,
wollte ich sein! Ich weiß gar wohl, welche Kühnheit
des war. Doch gestehe ich es, ohne mich zu fürchten.
Die Wahrheit ist so verhaßt und das Märchen so
verachtet, wie ich selbst es bin; wir passen zueinander.
Das Märchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen,
ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe
dringt. Wie man behauptet, daß das Märchen nur für
Kinder sei, so bezeichnet man mich als "Jugendschriftsteller",
der nur für unerwachsene Buben schreibe. Kurz,
ich brauche mich gar nicht zu entschuldigen, daß ich so
verwegen gewesen bin, nur ein Märchen- und
Gleichnisschriftsteller sein zu wollen. Gleicht doch mein "Leben
und Streben" schon an und für sich selbst einem Märchen,
und sind es doch fast unzählige Fabeln und Märchen, mit
denen meine Person von gegnerischer Seite umkleidet
worden ist! Und wenn ich mich dagegen verwahre, so
glaubt man mir ebenso wenig, wie Mancher dem Märchen
glaubt. Aber, wie jedes echte Märchen doch endlich
einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur
Wahrheit werden, und was man mir heut nicht glaubt,
das wird man morgen glauben lernen.