Deß hochgelehrten vnnd weltberühmten Herrn Dr. Petri
Andreae Matthioli. Jetzt widerumb mit vielen schönen
newen Figuren / auch nützlichen Artzeneyen / vnnd andern
guten Stücken / zum dritten Mal auss sondern Fleiß
gemehret vnnd verferdigt /
Durch
Joachimum Camerarium,
der löblichen Reichsstatt Nürnberg Medicum, Doct.
Sampt dreien wohlgeordneten nützlichen Registern der
Kräutter lateinische und deutsche Namen / vund dann
die Artzeneyen / dazu dieselbigen zugebrauchen jnnhaltendt.
Beneben genugsamen Bericht / von den Destillier vund
Brennöfen.
Mit besonderem Röm. Kais. Majest. Priviligio,
in keinerley Format nachzudrucken.
Gedruckt zu Franckfurt am Mayn
M. D. C.
*
* *
Es verstand sich ganz von selbst, daß Vater dieses
Buch sofort hernahm und fleißig durchstudierte. Es
enthielt sogar mehr, als der Titel versprach. So waren die
Namen der Pflanzen oft auch französisch, englisch, russisch,
böhmisch, italienisch und sogar arabisch angegeben, was
später besonders mir ganz außerordentlich vorwärts half.
Auch Vater ging von Seite zu Seite dieses köstlichen
Buchs, von Pflanze zu Pflanze. Er lernte viel, viel
mehr zu dem, was er bereits wußte. Nicht nur die
Kenntnis der Gewächse an sich, sondern auch ihrer
ernährenden und technischen Eigenschaften und ihrer
Heilwirkungen. Die Vorfahren hatten diese Wirkungen
geprüft und den Band mit sehr vielen Randbemerkungen
versehen, welche sagten, wie diese Prüfungen ausgefallen
waren. Dieses Buch wurde mir später eine Quelle der
reinsten, nützlichsten Freuden, und ich kann wohl sagen,
daß Vater mich dabei vortrefflich unterstützte.
Ein anderes dieser Bücher war eine Sammlung
biblischer Holzschnitte, wahrscheinlich aus der ersten Zeit
der xylographierenden Kunst. Ich besitze es, ganz ebenso
wie das Kräuterbuch, noch heut. Es enthält sehr viele
und ganz vortreffliche Bilder; einige fehlen leider. Das
erste ist Moses und das letzte ist das Tier aus dem
elften Kapitel der Offenbarung Johannis. Das Titelblatt
ist nicht mehr vorhanden. Darum weiß ich nicht,
wer der Verfasser ist und aus welchem Jahre das Werk
stammt. Es war Großmutters Hilfsbuch, wenn sie uns
die biblischen Geschichten erzählte. Jede dieser
Erzählungen war für uns ein Hochgenuß, und damit komme
ich auf den größten Vorzug, den Großmutter für uns
Kinder hatte, nämlich auf ihre unvergleichliche Gabe, zu
erzählen.
Großmutter erzählte eigentlich nicht, sondern sie
schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte. Jeder, auch
der widerstrebendste Stoff gewann Gestalt und Kolorit
auf ihren Lippen. Und wenn zwanzig ihr zuhörten, so
hatte jeder einzelne von den zwanzig den Eindruck, daß
sie das, was sie erzählte, ganz nur für ihn allein
erzählte. Und das haftete; das blieb. Mochte sie aus der
Bibel oder aus ihrer reichen Märchenwelt berichten, stets
ergab sich am Schluß der innige Zusammenhang zwischen
Himmel und Erde, der Sieg des Guten über das Böse
und die Mahnung, daß Alles auf Erden nur ein Gleichnis
sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im
niedrigen sondern nur im höheren Leben liege. Ich bin
überzeugt, daß sie das nicht bewußt und in klarer
Absicht tat; dazu war sie nicht unterrichtet genug, sondern
es war angeborene Gabe, war Genius, und der erreicht
bekanntlich das, was er will, am sichersten, wenn man
ihn weder kennt noch beobachtet. Großmutter war eine
arme, ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von
Gottes Gnaden und darum eine Märchenerzählerin, die
aus der Fülle dessen, was sie erzählte, Gestalten schuf,
die nicht nur im Märchen, sondern auch in Wahrheit
lebten.
In meiner Erinnerung tritt zuerst nicht das Märchen
von Sitara, sondern das Märchen "von der verloren
gegangenen und vergessenen Menschenseele" auf. Sie tat
mir so unendlich leid, diese Seele. Ich habe mit meinen
blinden, lichtlosen Kindesaugen um sie geweint. Für mich
enthielt diese Erzählung die volle Wahrheit. Aber erst
nach Jahren, als ich das Leben kennengelernt und mich
mit dem Innern des Menschen eingehend beschäftigt
hatte, erkannte ich, daß die Kenntnis der Menschenseele
in Wirklichkeit verloren und vergessen wurde und daß
alle unsere Psychologie bisher nicht imstande war, uns
diese Kenntnis zurückzubringen. Ich habe in meiner
Kindheit stundenlang still und regungslos gesessen und
in die Dunkelheit meiner kranken Augen gestarrt, um
nachzudenken, wohin die Verlorene und Vergessene
gekommen sei. Ich wollte und wollte sie finden. Da nahm
Großmutter mich auf ihren Schoß, küßte mich auf die
Stirn und sagte: "Sei still, mein Junge! Gräme dich
nicht um sie! Ich habe sie gefunden. Sie ist da!"
"Wo?" fragte ich. "Hier, bei mir", antwortete sie.
"Du bist diese Seele, du!" "Aber ich bin doch nicht
verloren," warf ich ein. "Natürlich bist du verloren. Man
hat dich herabgeworfen in das ärmste, schmutzigste Ardistan.
Aber man wird dich finden; denn wenn alle, alle dich
vergessen haben, Gott hat dich nicht vergessen." -- Ich
begriff das damals nicht; ich verstand es erst später,
viel, viel später. Eigentlich war in dieser meiner frühen
Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als
Seele. Ich sah nichts. Es gab für mich weder
Gestalten noch Formen, noch Farben, weder Orte noch
Ortsveränderungen. Ich konnte die Personen und Gegenstände
wohl fühlen, hören, auch riechen; aber das genügte
nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte
sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein
Tisch aussieht, das wußte ich nicht; ich konnte mir nur
innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war
seelisch. Wenn jemand sprach, hörte ich nicht seinen
Körper, sondern seine Seele. Nicht sein Aeußeres,
sondern sein Inneres trat mir näher. Es gab für mich
nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben,
auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf
den heutigen Tag. Das ist der Unterschied zwischen mir
und anderen. Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern.
Das ist die Erklärung zu allem, was man an mir lobt,
und zu allem, was man an mir tadelt. Nur wer blind
gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine
so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, daß
sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine
ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles
hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich
schrieb, und nur der besitzt die Fähigkeit, mich zu
kritisieren, _sonst_keiner!_
Ich war die ganze Zeit des Tages nicht bei den
Eltern, sondern bei Großmutter. Sie war mein alles.
Sie war mein Vater, meine Mutter, meine Erzieherin,
mein Licht, mein Sonnenschein, der meinen Augen fehlte.
Alles, was ich in mich aufnahm, leiblich und geistig, das
kam von ihr. So wurde ich ihr ganz selbstverständlich
ähnlich. Was sie mir erzählte, das erzählte ich ihr wieder
und fügte hinzu, was meine kindliche Phantasie teils erriet
und teils erschaute. Ich erzählte es den Geschwistern
und auch anderen, die zu mir kamen, weil ich nicht zu
ihnen konnte. Ich erzählte in Großmutters Tone, mit
ihrer Sicherheit, die keinen Zweifel duldete. Das klang
altklug und überzeugte. Es verlieh mir den Nimbus
eines über sein Alter hinaus sehr klugen Kindes. So
kamen auch Erwachsene, um mir zuzuhören, und ich wäre
vielleicht zum Orakel oder zum Wunderkind verdorben
worden, wenn Großmutter nicht so sehr bescheiden, wahr
und klug gewesen wäre, da, wo ich in Gefahr stand,
einzuspringen. Einem blinden Kind wird wenig Arbeit
gegeben. Es hat mehr Zeit, zu denken und zu grübeln als
andere Kinder. Da kann es leicht klüger erscheinen, als
es ist. Leider besaß Vater nicht diese kluge Bescheidenheit
der Großmutter und auch nicht die schweigsame Bedachtsamkeit
der Mutter. Er sprach sehr gern und übertrieb,
wie wir bereits wissen, in allem, was er tat und
was er sagte. So kam es, daß ich dem Schicksal, dem
ich hier entging, später doch noch verfiel, dem entsetzlichen
Schicksal, totgelobt zu werden.
Als ich sehen lernte, war mein Seelenleben schon
derart entwickelt und in seinen späteren Grundzügen
festgelegt, daß selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor
meinen Augen öffnete, nicht die Macht besaß, den Schwerpunkt,
der in meinem Innern lag, zu sich hinauszuziehen.
Ich blieb ein Kind für alle Zeit, ein um so größeres
Kind, je größer ich wurde, und zwar ein Kind, in dem
die Seele derart die Oberhand besaß und noch heute
besitzt, daß keine Rücksicht auf die Außenwelt und auf
das materielle Leben mich jemals bestimmen kann, etwas
zu unterlassen, was ich für seelisch richtig befunden habe.
Und so lange ich lebe, habe ich unausgesetzt die Erfahrung
gemacht, daß es dem Volke genau ebenso ergeht wie mir.
Es handelt am liebsten nicht aus äußerlichen Gründen,
sondern aus sich selbst heraus, aus seiner Seele heraus.
Die größten und schönsten Taten der Nation wurden
aus ihrem Innern heraus geboren. Und wäre der Geist
eines Dichters auch noch so stark und noch so erfinderisch,
so wird er es doch niemals fertig bringen der Geschichte eines
Volkes den Stoff zu einem großen, nationalen Drama
aufzuzwingen, der diesem Volke nicht seelisch gegeben war.
Und gründen wir hunderte von Jugendschriftenvereinen, von
Jugendschriftenkommissionen und tausende von Jugend-,
Schüler- und Volksbibliotheken, wir werden das Gegenteil
von dem erreichen, was wir erreichen wollen, falls wir
Bücher wählen, deren Bedürfnis nur in unserm Pedantismus
und in unserer Methodik liegt, nicht aber in den
Seelen derer, denen wir sie aufzwingen. Ich habe diese
Seelen kennengelernt, habe sie studiert seit meiner Jugendzeit.
Ich bin selbst eine solche Seele gewesen, bin sie sogar noch
heut. Darum weiß ich, daß man dem Volke und der Jugend
keine Tugendmusterbücher in die Hand geben darf, weil es
eben keinen Menschen gibt, der ein Tugendmuster ist. Der
Leser will Wahrheit, will Natur. Er haßt die sittlichen
Haubenstöcke, die immer genauso stehen, wie man sie
stellt, weder Fleisch noch Blut besitzen und genau nur
das anhaben, was ihnen von der Putzmacherin Schulmoralität
angezogen wird. Die Aufgabe des Jugendschriftstellers
besteht nicht darin, Gestalten zu schaffen,
die in jeder Lage so überaus köstlich einwandfrei handeln,
daß man sie unbedingt überdrüssig wird, sondern seine
größte Kunst besteht darin, daß er von seinen Figuren
getrost die Fehler und Dummheiten machen läßt, vor
denen er die jugendlichen Leser bewahren will. Es ist
tausendmal besser, er läßt seine Romanfiguren zugrunde
gehen, als daß der ergrimmte Knabe hingeht, um das
Böse, das nicht geschah, obgleich es der Wahrheit nach
geschehen mußte, nun seinerseits aus dem Buche in das
Leben zu übertragen. Hier liegt die Achse, um die sich
unsere Jugend- und Volksliteratur zu drehen hat.
Musterknaben und Mustermenschen sind schlechte Vorbilder; sie
stoßen ab. Man zeige Negatives, aber lebenswahr und
packend, so wird man Positives erreichen.
Nachdem wir zu Miete gezogen waren, wohnten
wir am Marktplatze, auf dessen Mitte die Kirche stand.
Dieser Platz war der Lieblingsspielplatz der Kinder.
Gegen Abend versammelten sich die älteren Schulknaben
unter dem Kirchentore zum Geschichtenerzählen.
Das war eine höchst exklusive Gesellschaft. Es durfte
nicht jeder hin. Kam einer, den man nicht wollte, so
machte man keinen "Summs"; der wurde fortgeprügelt und
kehrte gewiß nicht wieder. Ich aber kam nicht, und ich
bat auch nicht, sondern ich wurde geholt, obgleich ich erst
fünf Jahre alt war, die Andern aber dreizehn und
vierzehn Jahre. Welch eine Ehre! So etwas war noch
niemals dagewesen! Das hatte ich der Großmutter und
ihren Erzählungen zu verdanken! Zunächst verhielt ich
mich still und machte den Zuhörer, bis ich alle Erzählungen
kannte, die hier im Schwange waren. Man nahm mir
das nicht übel, denn ich hatte erst vor Kurzem sehen
gelernt, hielt die Augen noch halb verbunden und wurde
von Allen geschont. Dann aber, als das vorüber war,
wurde ich herangezogen. Alle Tage ein anderes Märchen,
eine andere Geschichte, eine andere Erzählung. Das war
viel, sehr viel verlangt; aber ich leistete es, und zwar
mit Vergnügen. Großmutter arbeitete mit. Was ich
in der Dämmerstunde zu erzählen hatte, das arbeiteten
wir am frühen Morgen, noch ehe wir unsere Morgensuppe
aßen, durch. Dann war ich, wenn ich an das Kirchtor
kam, wohlvorbereitet. Unser schönes Buch "Der Hakawati"
gab Stoff für lange Zeit. Hierzu kam, daß dieser Stoff
sich mit der Zeit ganz außerordentlich vermehrte, doch
freilich nicht im Buche, sondern in mir. Das war die
sehr einfache und sehr natürliche Folge davon, daß ich
nach meinem Sehendwerden die seelische Welt, die durch
den Hakawati in mir entstanden war, nun in die sichtbare
Welt der Farben, Formen, Körper und Flächen zu übersetzen
hatte. Dadurch entstanden unzählige Variationen
und Vervielfältigungen, die ich nur dadurch, daß ich sie
erzählte, in feste Gestalt und Form zu bringen vermochte.
Inzwischen hatte Vater es erreicht, daß ich in die
Schule gehen durfte. Das durfte man erst vom sechsten
Lebensjahr an; aber meine Mutter war als Hebamme
sehr oft bei dem Herrn Pastor, der ihr diesen Wunsch
als Lokalschulinspektor sehr gern erfüllte, und mit dem
Herrn Elementarlehrer Schulze kam Vater wöchentlich
zweimal zusammen, um Skat oder Schafkopf zu spielen,
und darum hielt es nicht schwer, die Erlaubnis auch von
dieser Seite zu erlangen. Ich lernte sehr schnell lesen
und schreiben, denn Vater und Großmutter halfen dabei,
und dann, als ich das konnte, glaubte Vater die Zeit
gekommen, das, was er mit mir vorhatte, zu beginnen.
Es sollte sich nämlich an mir erfüllen, was sich an ihm
nicht erfüllt hatte. Er hatte im Forsthause einen Blick
in bessere und menschlichere Verhältnisse tun dürfen. Und
er mußte immer daran denken, daß es unter unsern
Vorfahren bedeutende Männer gegeben hatte, von denen wir,
ihre Nachkommen, sagen mußten, daß wir ihrer nicht
würdig seien. Er hatte das werden gewollt, war aber
von den Verhältnissen gewaltsam niedergehalten worden.
Das kränkte und das ärgerte ihn. Für sich hatte er mit
diesen Verhältnissen abgeschlossen. Er mußte bleiben,
was er war, ein armer, ungebildeter Professionist. Aber
er übertrug seine Wünsche und Hoffnungen und alles
Andere nun auf mich. Und er nahm sich vor, alles
Mögliche zu tun und nichts zu versäumen, aus mir den
Mann zu machen, welcher zu werden ihm versagt
gewesen war. Das kann man gewiß nur löblich von ihm
nennen. Nur kam es darauf an, welchen Weg und welche
Weise er meiner Erziehung gab. Er wollte, was für
mich gut und glücklich war. Das konnte er nur mit
guten und glücklichen Mitteln erreichen. Leider aber muß
ich, ohne der Zukunft vorzugreifen, sagen, daß meine
"Kindheit" jetzt, mit dem fünften Jahre, zu Ende war.
Sie starb in dem Augenblick, an dem ich die Augen zum
Sehen öffnete. Was diese armen Augen von da an bis
heut zu sehen bekamen, war nichts als Arbeit und Arbeit,
Sorge und Sorge, Leid und Leid, bis zur heutigen Qual
am Marterpfahl, an dem man mich schier ohne Ende
peinigt. -- -- --
_________
III.
Keine Jugend.
_____
Du liebe, schöne, goldene Jugendzeit! Wie oft habe
ich dich gesehen, wie oft mich über dich gefreut! Bei
Andern, immer nur bei Andern! Bei mir warst du nicht.
Um mich gingst du herum, in einem weiten, weiten Bogen.
Ich bin nicht neidisch gewesen, wahrlich nicht, denn zum
Neid habe ich überhaupt keinen Platz in mir; aber wehe
hat es doch getan, wenn ich den Sonnenschein auf dem
Leben Anderer liegen sah, und ich stand so im hintersten,
kalten Schattenwinkel. Und ich hatte doch auch ein Herz,
und ich sehnte mich doch auch nach Licht und Wärme.
Aber Liebe muß sein, selbst im allerärmsten Leben, und
wenn dieser Aermste nur will, so kann er reicher als der
Reiche sein. Er braucht nur in sich selbst zu suchen.
Da findet er, was ihm das Geschick verweigert, und
kann es hinausgeben an alle, alle, von denen er nichts
bekommt. Denn wahrlich, wahrlich, es ist besser, arm
und doch der Gebende zu sein, als reich und doch der
immer nur Empfangende!
Hier ist es wohl am Platze, einen Irrtum, in dem
man sich über mich befindet, gleich von vornherein
aufzuklären. Man hält mich nämlich für sehr reich, sogar
für einen Millionär; das bin ich aber nicht. Ich hatte
bisher nur mein "gutes Auskommen," weiter nichts.
Selbst hiermit wird es höchst wahrscheinlich zu Ende sein,
denn die nimmer ruhenden Angriffe gegen mich müssen
endlich doch erreichen, was man mit ihnen erreichen will.
Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, daß ich
genau so sterben werde, wie ich geboren bin, nämlich
als ein armer, nichts besitzender Mensch. Das tut
aber nichts. Das ist rein äußerlich. Das kann an
meinem inneren Menschen und seiner Zukunft gar nichts
ändern.
Die Lüge, daß ich Millionär sei, daß mein Einkommen
180 000 Mark betragen habe, stammt von einem raffinierten,
sehr klug vorausberechnenden Gegner, der ein scharfer
Menschenkenner ist und sich keinen Augenblick bedenkt,
diese Menschenkenntnis selbst gegen die Stimme des
Gewissens in Gewinn und Vorteil umzusetzen. Er wußte
sehr wohl, was er tat, als er seine Lüge in die Zeitungen
lanzierte. Er erweckte dadurch den allerniedrigsten und
allerschlimmsten Feind gegen mich, den Neid. Die früheren
Angriffe gegen mich sind jetzt kaum der Rede wert. Aber
seit man mich im Besitz von Millionen wähnt, geht man
geradezu gnaden- und erbarmungslos gegen mich vor.
Sogar in den Artikeln sonst ganz achtbarer und humaner
Kritiker spielt diese Geldgehässigkeit eine Rolle. Es
berührt unendlich peinlich, Leute, die sich in jedem anderen
Falle als litararische [sic] Kavaliere erweisen, auf diesem
ordinären Gaul herumreiten zu sehen! Ich besitze ein
schuldenfreies Haus, in dem ich wohne, und ein kleines
Kapital als eisernen Bestand für meine Reisen, weiter
nichts. Von dem, was ich einnehme, bleibt nichts übrig.
Das reicht grad aus für meinen bescheidenen Haushalt
und für die schweren Opfer, die ich den mir aufgezwungenen
Prozessen zu bringen habe. Früher konnte ich meinem
Herzen Genüge tun und gegen arme Menschen, besonders
gegen arme Leser meiner Bücher, mildtätig sein. Das
hat nun aufgehört. Zwar werde ich infolge jener
raffinierten Millionenlüge jetzt mehr als je mit Zuschriften
gepeinigt, in denen man Geld von mir verlangt, aber ich
kann leider nicht mehr helfen, und fast ein Jeder, den ich
abweisen muß, fühlt sich enttäuscht und wird zum Feinde.
Ich konstatiere, daß jene Gewissenlosigkeit, mich als einen
steinreichen Mann zu schildern, mir mehr, viel mehr
geschadet hat als alle gegnerischen Kritiken und sonstigen
Feindseligkeiten zusammengenommen.
Nach dieser Abschweifung, die ich für nötig hielt,
nun wieder zurück zur "Jugend" dieses angeblichen
"Millionärs", der nach ganz anderen Schätzen strebt als alle
die, welche ihn auszubeuten trachten.
Es waren damals schlimme Zeiten, zumal für die
armen Bewohner jener Gegend, in der meine Heimat
liegt. Dem gegenwärtigen Wohlstande ist es fast unmöglich,
sich vorzustellen, wie armselig man sich am Ausgange
der vierziger Jahre dort durch das Leben hungerte.
Arbeitslosigkeit, Mißwuchs, Teuerung und Revolution,
diese vier Worte erklären Alles. Es mangelte uns an
fast Allem, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft
gehört. Wir baten uns von unserem Nachbarn, dem Gastwirt
"Zur Stadt Glauchau", des Mittags die Kartoffelschalen
aus, um die wenigen Brocken, die vielleicht noch
daran hingen, zu einer Hungersuppe zu verwenden. Wir
gingen nach der "roten Mühle" und ließen uns einige
Handvoll Beutelstaub und Spelzenabfall schenken, um
irgend etwas Nahrungsmittelähnliches daraus zu machen.
Wir pflückten von den Schutthaufen Melde, von den
Rainen Otterzungen und von den Zäunen wilden Lattich,
um das zu kochen und mit ihm den Magen zu füllen.
Die Blätter der Melde fühlen sich fettig an. Das ergab
beim Kochen zwei oder drei kleine Fettäuglein, die
auf dem Wasser schwammen. Wie nahrhaft und wie
delikat uns das erschien! Glücklicherweise gab es unter
den vielen Webern des Ortes, die arbeitslos waren, auch
einige wenige Strumpfwirker, deren Geschäft nicht ganz
zum Stillstehen kam. Sie webten Handschuhe, so
außerordentlich billige weiße Handschuhe, die man den Leichen
anzieht, ehe sie begraben werden. Es gelang Mutter,
solche Leichenhandschuhe zum Nähen zu bekommen. Da
saßen wir nun alle, der Vater ausgenommen, von früh
bis abends spät und stichelten darauf los. Mutter nähte
die Daumen, denn das war schwer, Großmutter die Längen
mit dem kleinen Finger und ich mit den Schwestern die
Mittelfinger. Wenn wir recht sehr fleißig waren, hatten
wir alle zusammen am Schluß der Woche elf oder sogar
auch zwölf Neugroschen verdient. Welch ein Kapital!
Dafür gab es für fünf Pfennig Runkelrübensyrup, auf
fünf Dreierbrötchen gestrichen; die wurden sehr gewissenhaft
zerkleinert und verteilt. Das war zugleich Belohnung
für die verflossene und Anregung für die kommende
Woche.
Während wir in dieser Weise fleißig daheim arbeiteten,
hatte Vater ebenso fleißig auswärts zu tun; leider
aber war seine Arbeit mehr ehrend als nährend. Es
galt nämlich, den König Friedrich August und die ganze
sächsische Regierung vor dem Untergange zu retten.
Vorher hatte man grad das Entgegengesetzte gedacht: Der
König sollte abgesetzt und die Regierung aus dem Lande
gejagt werden. Das wollte man fast in ganz Sachsen;
aber in Hohenstein und Ernsttal kam man sehr bald hiervon
zurück, und zwar aus den vortrefflichsten Gründen;
es war nämlich zu gefährlich! Die lautesten Schreier hatten
sich zusammengetan und einen Bäckerladen gestürmt. Da
kam die heilige Hermandad und sperrte sie alle ein. Sie
fühlten sich zwar einige Tage lang als politische Opfer
und Märtyrer groß und mächtig, aber ihre Frauen wollten
von solchem Heldentum nichts wissen; sie sträubten sich
mit aller Gewalt dagegen. Sie kamen zusammen; sie
gingen auseinander; sie liefen auf und ab; sie gewannen
die anderen Frauen; sie politisierten; sie diplomatisierten;
sie drohten; sie baten. Ruhige, vernünftige Männer gesellten
sich zu ihnen. Der alte, ehrwürdige Pastor Schmidt
hielt Friedensreden. Der Herr Stadtrichter Layritz auch.
Der Polizist Eberhardt ging von Haus zu Haus und
warnte vor den schrecklichen Folgen der Empörung; der
Wachtmeister Grabner sekundierte ihm dabei. Am großen
Kirchentor erzählten sich die Jungens in der Abenddämmerung
nur noch vom Erschossenwerden, vom Aufgehangenwerden
und ganz besonders vom Schafott, welches derart
beschrieben wurde, daß Jedermann, der es hörte, sich
mit der Hand nach Hals und Nacken griff. So kam es,
daß die Stimmung sich ganz gründlich änderte. Von
der Absetzung des Königs war keine Rede mehr. Im
Gegenteil, er hatte zu bleiben, denn einen besseren als
ihn konnte es nirgends geben. Von jetzt an galt es nicht
mehr, ihn zu vertreiben, sondern ihn zu beschützen. Man
hielt Versammlungen ab, um zu beraten, in welcher Weise
dies am besten geschehe, und da allüberall vom Kampf
und Krieg und Sieg gesprochen wurde, so verstand es
sich ganz von selbst, daß auch wir Jungens uns nicht nur
in kriegerische Stimmungen, sondern auch in kriegerische
Gewänder und kriegerische Heldentaten hineinarbeiteten.
Ich freilich nur von ferne, denn ich war zu klein dazu
und hatte keine Zeit; ich mußte Handschuhe nähen. Aber
die anderen Buben und Mädels standen überall an den
Ecken und Winkeln herum, erzählten einander, was sie
daheim bei den Eltern gehört hatten, und hielten höchst
wichtige Beratungen über die beste Art und Weise, die
Monarchie zu erhalten und die Republik zu hintertreiben.
Besonders über eine alte, böse Frau war man empört.
Die war an Allem schuld. Sie hieß die Anarchie und
wohnte im tiefsten Walde. Aber des Nachts kam sie in
die Städte, um die Häuser niederzureißen und die Scheunen
anzubrennen; so eine Bestie! Glücklicherweise waren
unsere Väter lauter Helden, von denen keiner sich vor
irgend Jemand fürchtete, auch nicht vor dieser ruppigen
Anarchie. Man beschloß die allgemeine Bewaffnung für
König und Vaterland. In Ernsttal gab es schon seit
alten Zeiten eine Schützen- und eine Gardekompagnie.
Die erstere schoß nach einem hölzernen Vogel, die letzere [sic]
nach einer hölzernen Scheibe. Zu diesen beiden Kompagnieen
sollten noch zwei oder drei andere gegründet werden,
besonders auch eine polnische Sensenkompagnie zum
Totstechen aus der Ferne. Da stellte es sich denn heraus,
daß es in unserem Städtchen eine ganz ungewöhnliche
Menge von Leuten gab, die ungemein kriegerisch veranlagt
waren, strategisch sowohl als auch taktisch. Man
wollte keinen von ihnen missen. Man zählte sie. Es
waren dreiunddreißig. Das stimmte sehr gut und rechnete
sich glatt aus, nämlich: Man brauchte pro Kompagnie
je einen Hauptmann, einen Oberleutnant und einen
Leutnant; wenn man zu den Schützen und der Garde noch
neun neue Kompagnieen formte, so ergab das in Summa
elf, und alle dreiunddreißig Offiziere waren unter Dach
und Fach. Dieser Vorschlag wurde ausgeführt, wobei
die Kopfzahl der einzelnen Kompagnieen ganz selbstverständlich
nur klein bemessen sein konnte; aber der Tambourmajor,
Herr Strumpfwirkermeister Löser, der beim Militär
gestanden und darum alle dreiunddreißig Offiziere
einzuexerzieren hatte, behauptete, dies sei nur vorteilhaft, denn
je kleiner eine Kompagnie sei, desto weniger Leute könnten
im Kriege von ihr weggeschossen werden, und so blieb es
bei dem, was beschlossen worden war.
Mein Vater war Hauptmann der siebenten Kompagnie.
Er bekam einen Säbel und eine Signalpfeife.
Aber er war mit dieser Charge nicht zufrieden; er trachtete
nach höherem. Darum beschloß er, sobald er ausexerziert
war, sich ganz heimlich, ohne daß irgend Jemand etwas
davon bemerkte, im "höheren Kommando" einzuüben. Und
da er mich ausersah, ihm dabei behilflich zu sein, so wurde
ich einstweilen vom Handschuhnähen dispensiert und wanderte
mit ihm tagtäglich hinaus in den Wald, wo auf einer
rings von Büschen und Bäumen umgebenen Wiese unsere
geheimen Evolutionen vorgenommen wurden. Vater war
bald Leutnant, bald Hauptmann, bald Oberst, bald General;
ich aber war die sächsische Armee. Ich wurde erst als
"Zug", dann als ganze Kompagnie einexerziert. Hierauf
wurde ich Bataillon, Regiment, Brigade und Division.
Ich mußte bald reiten, bald laufen, bald vor und bald
zurück, bald nach rechts und bald nach links, bald
angreifen und bald retirieren. Ich war zwar nicht auf den
Kopf gefallen und hatte Lust und Liebe zur Sache. Aber
ich war noch so jung und klein, und so kann man sich
bei dem jähen Temperamente meines Generals wohl
denken, daß es mir nicht möglich war, mich in so kurzer
Zeit von der einfachen, kleinen Korporalschaft bis zur
vollzähligen, gewaltigen Armee zu entwickeln, ohne die
Strenge der militärischen Disziplin an mir erfahren zu
haben. Aber ich weinte bei keiner Strafe; ich war zu
stolz dazu. Eine sächsische Armee, welche weint, die gibt
es nicht! Auch ließ der Lohn nicht auf sich warten.
Als Vater Vizekommandant geworden war, sagte er zu
mir: "Junge, dazu hast du viel geholfen. Ich baue dir
eine Trommel. Du sollst Tambour werden!" Wie das
mich freute! Und es gab Augenblicke, in denen ich wirklich
der Ueberzeugung war, alle diese Püffe, Stöße, Hiebe und
Katzenköpfe nur zum Wohle und zur Rettung des Königs
von Sachsen und seines Ministeriums empfangen zu haben!
Wenn er das wüßte!
Die Trommel bekam ich, denn Vater hielt stets Wort.
Der Klempnermeister Leistner am Markt in Hohenstein
war ihm behilflich, sie zu bauen. Es war eine sehr gut
gelungene Solotrommel; sie existiert noch heut. Ich bin
später, als ich etwas größer war, doch auch noch als Knabe,
Tambour bei der siebenten Kompagnie gewesen und werde
diese Trommel noch einmal zu erwähnen haben. Die elf
Kompagnieen taten ihre Schuldigkeit. Sie exerzierten fast
täglich, wozu mehr als genug Zeit vorhanden war, weil
es keine Arbeit gab. Wie wir trotzdem existieren konnten
und wovon wir eigentlich gelebt haben, das kann ich heute
nicht mehr sagen; es kommt mir wie ein Wunder vor.
Es gab auch an andern Orten "Königsretter". Die standen
miteinander in Verbindung und hatten beschlossen, sobald
der Befehl dazu gegeben werde, nach Dresden aufzubrechen
und für den König alles zu wagen, unter Umständen sogar
das Leben. Und eines schönen Tages kam er, dieser Befehl.
Die Signalhörner erklangen; die Trommeln wirbelten.
Aus allen Türen strömten die Helden, um sich auf
dem Marktplatz zu versammeln. Der Fleischermeister
Haase war Regimentsadjutant. Er hatte sich ein Pferd
geborgt und saß da mitten drauf. Es war keine leichte
Sache für ihn, zwischen dem Kommandanten, dem
Vizekommandanten und den Hauptleuten zu vermitteln, denn
der Gaul wollte immer anders als der Reiter. Die Frau
Stadtrichter Layritz hing eine Tischdecke und ihre
Sonntagssaloppe zu den Fenstern heraus. Das war geflaggt.
Wer etwas dazu hatte, der machte es ihr nach. Dadurch
gewann der Marktplatz ein festlich frohes Angesicht. Man
war überhaupt nur begeistert. Keine Spur von
Abschiedsschmerz! Niemand hatte das Bedürfnis, von Frau und
Kindern besonders Abschied zu nehmen. Lauter Jubel,
dreimal hoch, vivat, hurrah an allen Orten! Der Herr
Kommandant hielt eine Rede. Hierauf ein grandioser Tusch
der Blasinstrumente und Trommeln. Dann die Kommandorufe
der einzelnen Hauptleute: "Achtung -- -- Augen
rechts, rrrricht't euch -- -- Augen grrrade aus -- --
G'wehr bei Fuß -- -- G'wehr auf -- -- G'wehr präsentiert
-- -- G'wehr über -- -- Rrrrechts um -- --
Vorwärts marsch!" Voran der Herr Adjutant auf dem
geborgten Pferde, hinter ihm die Musikanten mit dem
türkischen Schellenbaum, die Tamboure, sodann der
Kommandant und der Vizekommandant, hierauf die Schützen,
die Garde und die neun anderen Kompagnieen, so
marschierten die Heerscharen links, rechts -- links, rechts
zur damaligen Hintergasse hinaus und am Zechenteiche
vorüber, dem wir damals unsere Frösche anvertrauten,
nach Wüstenbrand, um über Chemnitz und Freiberg nach
der Hauptstadt zu gelangen. Eine Menge Angehöriger
marschierte hinterdrein, um den Mutigen bis an das
Weichbild des Städtchens das Geleit zu geben. Ich aber
stand bei meinem ganz besonderen Liebling, dem Herrn
Kantor Strauch, der unser Nachbar war, an seiner Haustür,
dabei die Friederike, seine Frau, die eine Schwester
des Herrn Stadtrichters Layritz war. Sie hatten keine
Kinder, und ich war berufen, ihnen ihre kleinen wirtschaftlichen
Angelegenheiten zu besorgen. Ihn liebte ich glühend;
sie aber war mir zuwider, denn sie belohnte alle
meine Wege, die ich für sie tat, nur mit angefaulten
Aepfeln oder mit teigigen Birnen und erlaubte ihrem
Manne nicht, monatlich mehr als nur zwei Zigarren zu
rauchen, das Stück zu zwei Pfennige. Die mußte ich
ihm vom Krämer holen, weil er sich schämte, so billige
selbst zu kaufen, und er rauchte sie im Hofe, weil die
Friederike den Tabaksgeruch nicht vertragen konnte. Auch
er war heut von dem Anblicke unserer Truppen aufrichtig
begeistert. Indem er ihnen nachblickte, sagte er:
"Es ist doch etwas Großes, etwas Edles um solche
Begeisterung für Gott, für König und Vaterland!"
"Aber was bringt sie ein?" fragte die Frau
Kantorin.
"Das Glück bringt sie ein, das wirkliche, das wahre
Glück!"
Bei diesen Worten trat er in das Haus; er liebte
es nicht, zu streiten. Ich ging nach unserm Hof. Da
stand ein Franzäpfelbaum. Unter den setzte ich mich nieder
und dachte über das nach, was der Herr Kantor gesagt
hatte. Also Gott, König und Vaterland, in diesen Worten
liegt das wahre Glück; das wollte und mußte ich mir
merken! Später hat dann das Leben an diesen drei
Worten herumgemodelt und herumgemeißelt; aber mögen
sich die Formen verändert haben, das innere Wesen ist
geblieben.
Von allen, die heut ausgezogen waren, um große
Heldentaten zu verrichten, kam zuerst der geliehene Gaul
zurück. Der Herr Adjutant hatte ihn einem Boten
übergeben, der ihn heimbrachte, weil Laufen besser sei als
Reiten und weil der Reiter nicht genug Geld übrig habe,
das Pferd zu ersetzen, falls es im Kampfe verwundet oder
gar erschossen werden sollte. Gegen Abend folgte der
Webermeister Kretzschmar. Er behauptete, daß er mit
seinen Plattfüßen nicht weitergekonnt habe; dies sei ein
Naturfehler, den er nicht ändern könne. Als es dunkel
geworden war, stellten sich noch einige andere ein, welche
aus triftigen Gründen entlassen worden waren und die
die Nachricht brachten, daß unser Armeekorps hinter
Chemnitz bei Oederan biwakiere und Spione nach Freiburg [sic]
geschickt habe, das dortige Schlachtfeld auszukundschaften.
Gegen Morgen kam die überraschende, aber ganz und gar
nicht traurige Kunde, daß man aus Freiburg [sic] die Weisung
erhalten habe, sofort wieder umzukehren; man werde gar
nicht gebraucht, denn die Preußen seien in Dresden
eingerückt und so stehe für den König und die Regierung
nicht das Geringste mehr zu befürchten. Man kann sich
wohl denken, daß es heut nun keine Schule und keinerlei
Arbeit gab. Auch ich empörte mich gegen das Handschuhflicken.
Ich riß einfach aus und gesellte mich den wackeren
Buben und Mädels zu, welche elf Kompagnieen bilden
und ihren heimkehrenden Vätern entgegen ziehen sollten.
Dieser Plan wurde ausgeführt. Wir kampierten bei den
Wüstenbränder Teichen und zogen dann, als die Erwarteten
kamen, mit ihnen unter klingendem Spiel und Trommelschlag
den Schießhausberg hinab, wo unsere verwaisten
Frauen und Mütter standen, um uns alle, Groß und Klein,
teils gerührt, teils lachend in Empfang zu nehmen.
Warum ich das alles so ausführlich erzähle? Des
tiefen Eindruckes wegen, den es auf mich machte. Ich
habe die Quellen nachzuweisen, aus denen die Ursachen
meines Schicksals zusammengeflossen sind. Daß ich trotz
allem, was später geschah, niemals auch nur einen einzigen
Augenblick im Gottesglauben wankte und selbst dann,
wenn das Schicksal mich gegen die harten Tafeln der Gesetze
schleuderte, nichts von der Achtung vor diesen Gesetzen
verlor, das wurzelt teils in mir selbst, teils aber
auch in diesen kleinen Ereignissen der frühen Jugend, die
alle mehr oder weniger bestimmend auf mich wirkten.
Nie habe ich die Worte meines alten, guten Kantors
vergessen, die mir nicht nur zu Fleisch und Blut, sondern
zu Geist und Seele geworden sind.
Nach diesen Aufregungen kehrte das Leben in seine
ruhigen, früheren Bahnen zurück. Ich nähte wieder
Handschuhe und ging in die Schule. Aber diese Schule
genügte dem Vater nicht. Ich sollte mehr lernen als
das, was der damalige Elementarunterricht bot. Meine
Stimme entwickelte sich zu einem guten, volltönenden,
umfangreichen Sopran. Infolgedessen nahm der Herr
Kantor mich in die Kurrende auf. Ich wurde schnell
treffsicher und der Oeffentlichkeit gegenüber mutig. So
kam es, daß mir schon nach kurzer Zeit die Kirchensoli
übertragen wurden. Die Gemeinde war arm; sie hatte
für teure Kirchenstücke keine Mittel übrig. Der Herr
Kantor mußte sie abschreiben, und ich schrieb mit. Wo
das nicht angängig war, da komponierte er selbst. Und
er war Komponist! Und zwar was für einer! Aber er
stammt aus dem kleinen, unbedeutenden Dörfchen Mittelbach,
von blutarmen, ungebildeten Eltern, hatte sich durch
das Musikstudium förmlich hindurchgehungert und, bis er
Lehrer resp. Kantor wurde, nur in blauen Leinenrock und
blaue Leinenhosen kleiden können und sah einen Taler für
ein Vermögen an, von dem man wochenlang leben konnte.
Diese Armut hatte ihn um die Selbstbewertung gebracht.
Er verstand es nicht, sich geltend zu machen. Er war
mit allem zufrieden. Ein ganz vorzüglicher Orgel-, Klavier-
und Violinspieler, konnte er auch die komponistische
Behandlung jedes andern Musikinstrumentes und hätte
es schnell zu Ruhm und Verdienst bringen können, wenn
ihm mehr Selbstvertrauen und Mut zu eigen gewesen
wäre. Jedermann wußte: Wo in Sachsen und den
angrenzenden Gegenden eine neue Orgel eingeweiht wurde,
da erschien ganz sicher der Kantor Strauch aus Ernsttal,
um sie kennenzulernen und einmal spielen zu können.
Das war die einzige Freude, die er sich gönnte. Denn
mehr werden zu wollen als nur Kantor von Ernsttal, dazu
fehlte ihm außer der Beherztheit besonders auch die
Erlaubnis der sehr gestrengen Frau Friederike, die ein
wohlhabendes Mädchen gewesen war und darum in der
Ehe als zweiunddreißigfüßiger "Prinzipal" ertönte, während
dem Herrn Kantor nur die Stimme einer sanften
"Vox humana" zugebilligt wurde. Sie besaß mit ihrem
Bruder gemeinsam einige Obstgärten, deren Erträgnisse
mit der äußersten Genauigkeit verwertet wurden, und
daß ich von ihr nur angefaulte oder teigige Aepfel und
Birnen bekam, das habe ich bereits erwähnt. Sie wußte
das aber mit einer Miene zu geben, als ob sie ein Königreich
verschenke. Für den unendlich hohen Wert ihres Mannes,
sowohl als Mensch wie auch als Künstler, hatte sie nicht
das geringste Verständnis. Sie war an ihre Gärten und
er infolgedessen an Ernsttal gekettet. Um sein geistiges
Dasein und seine seelischen Bedürfnisse bekümmerte sie sich
nicht. Sie öffnete keines seiner Bücher, und seine vielen
Kompositionen verschwanden, sobald sie vollendet waren,
tief in den staubigen Kisten, die unter dem Dache standen.
Als er gestorben war, hat sie das alles als Makulatur
an die Papiermühle verkauft, ohne daß ich dies
verhindern konnte, denn ich war nicht daheim. Welch ein
tiefes, von anderen kaum zu fassendes Elend es ist, für
das ganze Leben an ein weibliches Wesen gebunden zu
sein, welches nur in niederen Lüften atmet und selbst den
begabtesten, ja genialsten Mann nicht in bessere Höhen
kommen läßt, das ist nicht auszusagen. Mein alter Kantor
konnte dieses Elend nur darum ertragen, weil er eine
ungemeine Fügsamkeit besaß und hierzu eine Gutmütigkeit,
die niemals vergessen konnte, daß er ein armer Teufel,
die Friederike aber ein reiches Mädchen und außerdem
die Schwester des Herrn Stadtrichters gewesen war.
Später gab er mir Orgel-, Klavier- und Violinunterricht.
Ich habe bereits gesagt, daß Vater den Bogen
zur Violine selbst fertigte. Dieser Unterricht war ganz
selbstverständlich gratis, denn die Eltern waren zu arm,
ihn zu bezahlen. Damit war die gestrenge Frau Friederike
gar nicht einverstanden. Der Orgelunterricht wurde
in der Kirche und der Violinunterricht in der Schulstube
gegeben; da konnte die Frau Kantorin keine Handhabe
finden. Aber das Klavier stand in der Wohnstube, und
wenn ich da klopfte, um anzufragen, so kam der Herr
Kantor unter zehnmal neunmal mit dem Bescheid heraus:
"Es gibt heut keinen Unterricht, lieber Karl. Meine
Frau Friederike hält es nicht aus; sie hat Migräne".
Manchmal hieß es auch "sie hat Vapeurs". Was das
war, wußte ich nicht, doch hielt ich es für eine Steigerung
von dem, was ich auch nicht wußte, nämlich von der
Migräne. Aber daß sich das immer nur dann einstellte,
wenn ich klavierspielen kam, das wollte mir nicht
gefallen. Der gute Herr Kantor glich das dadurch aus,
daß er mich nach und nach, grad wie die Gelegenheit
es brachte, auch in der Harmonielehre unterwies, was die
Friederike gar nicht zu erfahren brauchte, doch war das
in der späteren Knabenzeit, und so weit bin ich jetzt
noch nicht.
Wie mein Vater sich in Allem ungeduldig zeigte,
so auch in dem, was er meine "Erziehung" nannte.
Notabene mich "erzog" er; um die Schwestern bekümmerte
er sich weniger. Er hatte alle seine Hoffnungen darauf
gesetzt, daß ich im Leben das erreichen werde, was von
ihm nicht zu erreichen war, nämlich nicht nur eine
glücklichere, sondern auch eine geistig höhere Lebensstellung.
Denn das muß ich ihm nachrühmen, daß ihm zwar der
Wunsch auf ein sogenanntes gutes Auskommen am nächsten
stand, daß er aber den höheren Wert auf die kräftige
Entwickelung der geistigen Persönlichkeit setzte. Er fühlte
das im Innern mehr und deutlicher, als er es in Worten
auszudrücken vermochte. Ich sollte ein gebildeter,
womöglich ein hochgebildeter Mann werden, der für das
allgemeine Menschheitswohl etwas zu leisten vermag; dies
war sein Herzenswunsch, wenn er ihn auch nicht grad
in diesen, sondern in andern Worten äußerte. Man sieht,
er verlangte nicht wenig, aber das war nicht Vermessenheit
von ihm, sondern er glaubte stets an das, was er
wünschte, und war vollständig überzeugt, es erreichen zu
können. Leider aber war er sich über die Wege, auf
denen, und über die Mittel, durch welche dieses Ziel zu
erreichen war, nicht klar, und er unterschätzte die gewaltigen
Hindernisse, die seinem Plane entgegenstanden. Er war
zu jedem, selbst zum größten Opfer bereit, aber er bedachte
nicht, daß selbst das allergrößte Opfer eines armen Teufels
dem Widerstande der Verhältnisse gegenüber kein Gramm,
kein Quentchen wiegt. Und vor allen Dingen, er hatte
keine Ahnung davon, daß ein ganz anderer Mann als er
dazu gehörte, mit leitender Hand derartigen Zielen
zuzusteuern. Er war der Ansicht, daß ich vor allen Dingen
so viel wie möglich, so schnell wie möglich zu lernen habe,
und hiernach wurde mit größter Energie gehandelt.
Ich war mit fünf Jahren in die Schule gekommen,
aus der man mit vierzehn Jahren entlassen wurde. Das
Lernen fiel mir leicht. Ich holte schnell meine zwei
Jahre ältere Schwester ein. Dann wurden die Schulbücher
älterer Knaben gekauft. Ich mußte daheim die
Aufgaben lösen, die ihnen in der Schule gestellt waren.
So wurde ich sehr bald klassenfremd, für so ein kleines,
weiches Menschenkind ein großes, psychologisches Uebel,
von dem Vater freilich so viel wie nichts verstand. Ich
glaube, daß sogar nicht einmal die Lehrer ahnten, was
für ein großer Fehler da begangen wurde. Sie gingen
von der anspruchslosen Erwägung aus, daß ein Knabe,
den man in seiner Klasse nichts mehr lehren kann, ganz
einfach und trotz seiner Jugend in die nächst höhere Klasse
zu versetzen ist. Diese Herren waren alle mehr oder
weniger mit meinem Vater befreundet, und so drückte
sogar der Herr Lokalschulinspektor ein Auge darüber zu,
daß ich als acht- oder neunjähriger Knabe schon bei den
elf- und zwölfjährigen saß. In Beziehung auf meine
geistigen Fortschritte, zu denen in einer Elementarschule
freilich nicht viel gehörte, war dies allerdings wohl richtig;
seelisch aber bedeutete es einen großen, schmerzlichen
Diebstahl, den man an mir beging. Ich bemerke hier, daß
ich sehr scharf zwischen Geist und Seele, zwischen geistig
und seelisch unterscheide. Was mir in den Klassen, in
die ich meinem Alter nach noch nicht gehörte, für meinen
kleinen Geist gegeben wurde, das wurde auf der andern
Seite meiner Seele genommen. Ich saß nicht unter
Altersgenossen. Ich wurde als Eindringling betrachtet und
schwebte mit meinen kleinen, warmen, kindlich-seelischen
Bedürfnissen in der Luft. Mit einem Worte, ich war
gleich von Anfang an klassenfremd gewesen und wurde
von Jahr zu Jahr klassenfremder. Die Kameraden, welche
hinter mir lagen, hatte ich verloren, ohne die, bei denen
ich mich befand, zu gewinnen. Ich bitte, ja nicht über
dieses nur scheinbar winzige, höchst unwichtige Knabenschicksal
zu lächeln. Der Erzieher, der sich im Reiche der
Menschen- und der Kindesseele auskennt, wird keinen
Augenblick zögern, dies ernst, sehr ernst zu nehmen. Jeder
erwachsene Mensch und noch viel mehr jedes Kind will
festen Boden unter den Füßen haben, den es ja nicht
verlieren darf. Mir aber war dieser Boden entzogen.
Das, was man als "Jugend" bezeichnet, habe ich nie gehabt.
Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund
ist mir nie beschieden gewesen. Die allereinfachste
Folge davon ist, daß ich selbst noch heut, im hohen Alter,
in meiner Heimat fremd bin, ja fremder noch als fremd.
Man kennt mich dort nicht; man hat mich dort nie
verstanden, und so ist es gekommen, daß um meine Person
sich dort ein Gewebe von Sagen gesponnen hat, die ich
ganz unmöglich zu unterschreiben vermag.
Das, was ich nach Vaters Ansicht zu lernen hatte,
beschränkte sich keineswegs auf den Schulunterricht und
auf die Schularbeiten. Er holte allen möglichen
sogenannten Lehrstoff zusammen, ohne zu einer Auswahl
befähigt zu sein oder eine geordnete Reihenfolge bestimmen
zu können. Er brachte Alles, was er fand, herbei. Ich
mußte es lesen oder gar abschreiben, weil er meinte, daß
ich es dadurch besser behalten könne. Was hatte ich da
alles durchzumachen! Alte Gebetbücher, Rechenbücher,
Naturgeschichten, gelehrte Abhandlungen, von denen ich
kein Wort verstand. Eine Geographie Deutschlands aus
dem Jahre 1802, über 500 Seiten stark, mußte ich ganz
abschreiben, um mir die Ziffern leichter einzuprägen. Die
stimmten natürlich längst nicht mehr! Ich saß ganze
Tage und halbe Nächte lang, um mir dieses wüste, unnötige
Zeug in den Kopf zu packen. Es war eine Verfütterung
und Ueberfütterung sondergleichen. Ich wäre
hieran wahrscheinlich zu Grunde gegangen, wenn sich
mein Körper nicht trotz der äußerst schmalen Kost so
überaus kräftig entwickelt hätte, daß er selbst solche
Anstrengungen ganz leidlich ertragen konnte. Und es gab
auch Zeiten und Stunden der Erholung. Vater pflegte
nämlich keinen Spaziergang und keinen Weg über Land
zu machen, ohne mich mitzunehmen. Er pflegte hieran
nur eine Bedingung zu knüpfen, nämlich die, daß kein
Augenblick der Schulzeit dabei versäumt wurde. Die
Spaziergänge durch Wald und Hain waren wegen seiner
reichen Pflanzenkenntnisse immer hochinteressant. Aber
es wurde auch eingekehrt. Es gab bestimmte Tage und
bestimmte Restaurationen. Da kamen der Herr Lehrer
Schulze, der Herr Rektor, der reiche Wetzel, der Herr
Kämmerer Thiele, der Kaufmann Vogel, der Schützenhauptmann
Lippold und andere, um Kegel zu schieben
oder einen Skat zu spielen. Vater war stets dabei und
ich mit, denn ich mußte. Er meinte, ich gehöre zu ihm.
Er sah mich nicht gern mit anderen Knaben zusammen,
weil ich da ohne Aufsicht sei. Daß ich bei ihm, in der
Gesellschaft erwachsener Männer, gewiß auch nicht besser
aufgehoben war, dafür hatte er kein Verständnis. Ich
konnte da Dinge hören, und Beobachtungen machen, welche
der Jugend am besten vorenthalten blieben. Uebrigens
war Vater selbst in der angeregtesten Gesellschaft
außerordentlich mäßig. Ich habe ihn niemals betrunken
gesehen. Wenn er einkehrte, so war sein regelmäßiges
Quantum ein Glas einfaches Bier für sieben Pfennige
und ein Glas Kümmel oder Doppelwacholder für sechs
Pfennige; davon durfte auch ich mit trinken. Bei
besonderen Veranlassungen teilte er ein Stückchen Kuchen
für sechs Pfennige mit mir. Niemand hat ihn jemals
gewarnt, mich in solche Gesellschaften von Erwachsenen
mitzubringen, selbst der Rektor und der Pastor nicht, der
sich auch zuweilen einstellte. Diese Herren wenigstens
mußten doch wissen, daß ich da selbst auf erlaubten und
vollständig reinen Unterhaltungsgebieten als stiller, aber
sehr aufmerksamer Zuhörer in Dinge und Verhältnisse
eingeweiht wurde, die mir noch Jahrzehnte lang fernzuliegen
hatten. Ich wurde nicht frühreif, denn dieses
Wort pflegt man nur auf Geschlechtliches zu beziehen,
und davon bekam ich nichts zu hören, sondern etwas noch
viel Schlimmeres: Ich wurde aus meiner Kindheit
herausgehoben und auf den harten, schmutzigen Weg gezerrt,
auf dem meine Füße das Gefühl haben mußten, als ob
sie auf Glassplittern gingen. Wie wohl ich mich dann
fühlte, wenn ich zu Großmutter kam und bei ihr mich
in mein liebes, liebes Märchenreich flüchten konnte! Freilich
war ich viel zu jung, um einzusehen, daß dieses Reich
sich aus der wahrsten, festesten Wirklichkeit erhob. Für
mich hatte es keine Füße; es schwebte; es konnte mir
erst später, wenn ich mich zum Verständnis emporgearbeitet
hatte, die Stütze bieten, die mir so nötig war.
Da kam ein Tag, an dem sich mir eine Welt offenbarte,
die mich seitdem nicht wieder losgelassen hat. Es
gab Theater. Zwar nur ein ganz gewöhnliches, armseliges
Puppentheater, aber doch Theater. Das war im
Webermeisterhause. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz
zwei Groschen, dritter Platz einen Groschen, Kinder die
Hälfte. Ich bekam die Erlaubnis, mit Großmutter
hinzugehen. Das kostete fünfzehn Pfennige für uns beide.
Es wurde gegeben: "Das Müllerröschen oder die Schlacht
bei Jena." Meine Augen brannten; ich glühte innerlich.
Puppen, Puppen, Puppen! Aber sie lebten für mich.
Sie sprachen; sie liebten und haßten; sie duldeten; sie
faßten große, kühne Entschlüsse; sie opferten sich auf
König und für Vaterland. Das war es ja, was der
Herr Kantor damals gesagt und bewundert hatte! Mein
Herz jubelte. Als wir nach Hause gekommen waren,
mußte Großmutter mir beschreiben, wie die Puppen
bewegt werden.
"An einem Holzkreuze," erklärte sie mir. "Von diesem
Holzkreuze, gehen die Fäden hernieder, die an die Glieder
der Puppen befestigt sind. Sie bewegen sich, sobald man
oben das Kreuz bewegt."
"Aber sie sprechen doch!" sagte ich.
"Nein, sondern die Person, die das Kreuz in den
Händen hält, spricht. Es ist genauso, wie im wirklichen
Leben."
"Wie meinst du das?"
"Das verstehst du jetzt noch nicht; du wirst es aber
verstehen lernen."
Ich gab keine Ruhe, bis wir die Erlaubnis erhielten,
nochmals zu gehen. Es wurde gespielt "Doktor Faust
oder Gott, Mensch und Teufel." Es wäre ein resultatloses
Beginnen, den Eindruck, den dieses Stück auf mich
machte, in Worte fassen zu wollen. Das war nicht der
Göthesche Faust, sondern der Faust des uralten
Volksstückes, nicht ein Drama, in dem die ganze Philosophie
eines großen Dichters aufgestapelt wurde und auch noch
etwas mehr, sondern das war ein direkt aus der tiefsten
Tiefe der Volksseele heraus zum Himmel klingender Schrei
um Erlösung aus der Qual und Angst des Erdenlebens.
Ich hörte, ich fühlte diesen Schrei, und ich schrie ihn mit,
obgleich ich nur ein armer, unwissender Knabe war,
damals wohl kaum neun Jahre alt. Der Göthesche Faust
hätte mir, dem Kinde, gar nichts sagen können; er sagt
mir, aufrichtig gestanden, selbst heut noch nicht, was er
der Menschheit wahrscheinlich hat sagen wollen und sollen;
aber diese Puppen sprachen laut, fast überlaut, und was
sie sagten, das war groß, unendlich groß, weil es so
einfach, so unendlich einfach war: Ein Teufel, der nur dann
zu Gott zurückkehren darf, wenn er den Menschen mit
sich bringt! Und die Fäden, diese Fäden; die alle nach
oben gehen, mitten in den Himmel hinein! Und alles,
alles, was sich da unten bewegt, das hängt am Kreuz,
am Schmerz, an der Qual, am Erdenleid. Was nicht
an diesem Kreuze hängt, ist überflüssig, ist bewegungslos,
ist für den Himmel tot! Freilich kamen mir diese letzteren
Gedanken damals noch nicht, noch lange nicht; aber
Großmutter sprach sich in dieser Weise, wenn auch nicht
so deutlich, aus, und was ich nicht direkt vor Augen sah,
das begann ich doch zu ahnen. Ich mußte als Kurrendaner
Sonn- und Feiertags zweimal in die Kirche, und
ich tat dies gern. Ich kann mich nicht besinnen, jemals
einen dieser Gottesdienste versäumt zu haben. Aber ich
bin aufrichtig genug, zu sagen, daß ich trotz aller
Erbauung, die ich da fand, niemals einen so unbeschreiblich
tiefen Eindruck aus der Kirche mit nach Hause genommen
habe wie damals aus dem Puppentheater. Seit jenem
Abende ist mir das Theater bis auf den heutigen Tag als
eine Stätte erschienen, durch deren Tor nichts dringen
soll, was unsauber, häßlich oder unheilig ist. Als ich
den Herrn Kantor fragte, wer dieses Theaterstück
ausgesonnen und niedergeschrieben habe, antwortete er, das
sei kein einzelner Mensch, sondern die Seele der ganzen
Menschheit gewesen, und ein großer, berühmter deutscher
Dichter, Wolfgang Goethe geheißen, habe daraus ein herrliches
Kunstwerk gemacht, welches nicht für Puppen, sondern
für lebende Menschen geschrieben sei. Da fiel ich
schnell ein: "Herr Kantor, ich will auch so ein großer
Dichter werden, der nicht für Puppen, sondern nur für
lebende Menschen schreibt! Wie habe ich das anzufangen?"
Da sah er mich sehr lange und unter einem fast
mitleidigen Lächeln an und antwortete: "Fange es an, wie
du willst, mein Junge, so werden es doch meist nur Puppen
sein, denen du deine Arbeit und dein Dasein opferst."
Diesen Bescheid habe ich freilich erst später verstehen lernen;
aber diese beiden Abende haben ohne Zweifel sehr
bestimmend auf meine kleine Seele gewirkt. Gott, Mensch
und Teufel sind meine Lieblingsthemata gewesen und
geblieben, und der Gedanke, daß die meisten Menschen nur
Puppen seien, die sich nicht von selbst bewegen, sondern
bewegt werden, steht bei allem, was ich tue, im nahen
Hintergrunde. Ob Gott, ob der Teufel oder ob ein
Mensch, ein Fürst des Geistes oder ein Fürst der Waffen,
das Kreuz, von dem die Fäden herunterhängen, in den
Händen hält, um das Volk der Menschen zu beeinflussen,
das ist niemals sofort, sondern immer nur erst später an
den Folgen zu ersehen.
Kurze Zeit darauf lernte ich auch Stücke kennen, die
nicht von der Volksseele, sondern von Dichtern für das
Theater geschrieben worden waren, und das ist der Punkt,
an dem ich auf meine Trommel zurückzukommen habe.
Es ließ sich eine Schauspielertruppe für einige Zeit in
Ernsttal nieder. Es handelte sich also nicht um ein
Puppen-, sondern um ein wirkliches Theater. Die Preise
waren mehr als mäßig: Erster Platz 50 Pfennige, zweiter
Platz 25 Pfennige, dritter Platz 15 Pfennige und vierter
Platz 10 Pfennige, nur zum Stehen. Aber trotz dieser
Billigkeit blieb täglich über die Hälfte der Sitze leer.
Die "Künstler" fielen in Schulden. Dem Herrn Direktor
wurde himmelangst. Schon konnte er die Saalmiete nicht
mehr bezahlen; da erschien ihm ein Retter, und dieser
Retter war -- -- -- ich. Er hatte beim Spazierengehen
meinen Vater getroffen und ihm seine Not geklagt. Beide
berieten. Das Resultat war, daß Vater schleunigst nach
Hause kam und zu mir sagte: "Karl, hole deine Trommel
herunter; wir müssen sie putzen!" "Wozu?" fragte ich.
"Du hast die Preziosa und alle ihre Zigeuner dreimal
über die ganze Bühne herumzutrommeln". "Wer ist
die Preziosa?" "Eine junge, schöne Zigeunerin, die
eigentlich eine Grafenstochter ist. Sie wurde von den
Zigeunern geraubt. Jetzt kommt sie zurück und findet
ihre Eltern. Du bist der Tambour und bekommst blanke
Knöpfe und einen Hut mit weißer Feder. Das zieht
Zuschauer herbei. Es wird bekannt gemacht. Wird das
"Haus" voll, so gibt der Herr Direktor dir fünf
Neugroschen; wird es aber nicht voll, so bekommst du nichts.
Morgen vormittag 11 Uhr ist Probe."
Es versteht sich ganz von selbst, daß ich in Wonne
schwamm. Zigeunertambour! Eine Grafentochter! Blanke
Knöpfe! Weiße Feder! Dreimal um die ganze Bühne
herum! Fünf Neugroschen! Ich schlief in der folgenden
Nacht sehr wenig und stellte mich mit meiner Trommel
sehr pünktlich zur Probe ein. Sie verlief sehr gut. Ich
gefiel sämtlichen Künstlerinnen und Künstlern. Die Frau
Direktorin streichelte mir die Wange. Der Herr Direktor
lobte mein intelligentes Gesicht, meinen Mut und mein
schnelles Begriffsvermögen. Meine Rolle sei aber auch sehr
leicht. Vielleicht täte ich es für vierzig Pfennige; schon mit
dreißig Pfennigen sei dieses Honorar splendid zu nennen.
Aber Vater war mit dabei und ging um keinen Pfennig
herunter, denn er hatte meinen künstlerischen Wert erkannt
und ließ nicht mit sich handeln. Ich hatte für die fünfzig
Pfennige nur einmal aufzutreten, um dem großen Zigeunerumzug
voranzumarschieren. Ich stand an einer Kulisse,
die Zigeuner alle hinter mir. Mir gegenüber in der
jenseitigen Kulisse stand der Regisseur, der den alten
Schloßvogt Pedro spielte. Wenn der die rechte Hand
emporhob, so war dies das Zeichen für mich, meinen Marsch
sofort zu beginnen und nach einem dreimaligen, strammen
Umgang in derselben Kulisse wieder zu verschwinden.
Das war so kinderleicht; man konnte gar nicht irren.
Die blanken Knöpfe bekam ich gleich nach der Probe mit.
Mutter mußte sie mir anflicken. Es waren über dreißig
Stück; sie gingen fast gar nicht ganz auf meine Weste.
Im Laufe des Nachmittages brachte man mir den Hut
mit der weißen Feder. Der wurde als Reklame zum
Fenster hinausgehängt und hat seine Wirkung getan. Ich
hatte mich eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung
einzustellen. Da wurde ich von der Frau Direktorin
strahlenden Angesichtes empfangen, denn der Zuschauerraum
war schon jetzt derart gefüllt, daß schnell ganz vorn
noch einige "Logen" eingerichtet wurden mit dem Preise
von zehn Neugroschen pro Platz. Auch die waren rasch
verkauft. Vater, Mutter und Großmutter hatten
Freiplätze bekommen. Ich war eben an diesem Tage ein
höchst wertvolles Menschenkind. Diese Erkenntnis hatte
sich so allgemein verbreitet, daß die Frau Direktorin sich
bewogen fühlte, mir meine fünf Neugroschen schon ehe
der Vorhang zum ersten Male aufging, in die rechte Hosentasche
zu stecken. Das erhöhte meine Sicherheit und meine
künstlerische Begeisterung bedeutend.
Und nun waren sie da, die großen, erhabenen Augenblicke
meines ersten Bühnendebüts. Der erste Akt spielte
in Madrid. Da hatte ich nichts zu tun. Ich saß in
der Ankleidekammer und horchte auf das, was auf der
Bühne gesprochen wurde. Da wurde ich geholt. Ich
schnallte die Trommel an, setzte den Federhut auf und ging
nach meiner Kulisse. Don Fernando und Donna Klara
und noch irgend wer standen auf der Bühne. In der
gegenüberliegenden Kulisse lehnte der Schloßvogt Pedro,
der mir das Zeichen zu geben hatte. Er sah mich mit
einem so energischen Schritte kommen, daß er glaubte,
ich wollte gleich und direkt hinaus auf das Podium.
Darum hob er schnell die rechte Hand, um dem abzuwehren.
Ich aber nahm das ganz selbstverständlich für das
verabredete Zeichen, obgleich die Zigeuner noch nicht hinter
mir standen, begann meinen Wirbel zu schlagen und
marschierte hinaus, rund um die Bühne herum. Don
Fernando und Donna Klara standen vor Schreck ganz
starr. "Lausbub!" schrie mir der Schloßvogt zu, als ich
an ihm vorüberschritt. Er griff aus der Kulisse heraus,
um mich zu fassen und zu sich hineinzuziehen, aber schon
war ich an ihm vorüber. Aus allen Kulissen winkte
man mir, doch aufzuhalten und hineinzukommen; ich aber
bestand auf dem, was ausgemacht worden war, nämlich
dreimal rund um die Bühne herum. "Lausbub!" brüllte
der Schloßvogt, als ich zum zweiten Mal an ihm
vorüberkam, und zwar tat er das so laut, daß es trotz des
Trommelwirbels auch hinaus- und über den ganzen Zuschauerraum
schallte. Lautes Gelächter antwortete von dorther;
ich aber begann meine dritte Runde. "Bravo, bravo!"
erklangen die Beifallsrufe des Publikums. Da kam endlich
Bewegung in den erschrockenen Herrn Direktor, der
den Don Fernando spielte. Er sprang auf mich zu, faßte
meine beiden Arme, so daß ich stehenbleiben und die
Trommelschlegel ruhen lassen mußte und donnerte mich an:
"Junge, bist du denn ganz toll geworden? So halte
doch auf!
"Nein, nicht aufhalten, sondern weiter, immer weiter!"
rief man im Zuschauerraum lachend.
"Ja, weiter, immer weiter!" antwortete auch ich, indem
ich mich von ihm losriß. "Die Zigeuner haben zu kommen!
Raus mit der Bande, raus mit der Bande!"
"Ja, raus mit der Bande, raus mit der Bande!"
schrie, brüllte und johlte das Publikum.
Ich aber marschierte weiter und begann meinen Wirbel
von neuem. Und da kam sie, die Bande, wenn auch
nur notgedrungen, voran Vianda, die alte Zigeunermutter,
und dann die Andern alle hinterdrein. Nun begann erst
der eigentliche Umzug, dreimal rund um und dann zu
meiner Kulisse wieder hinein. Aber damit gab sich das
Publikum nicht zufrieden. Es rief: "Heraus mit der
Bande, heraus!" und wir mußten den Umzug von neuem
beginnen und immer wieder von neuem. Und am Schluß
des Aktes mußte ich noch zweimal heraus. War das
ein Gaudium! Sodann hatte ich eigentlich nichts mehr
zu tun und konnte gehen, aber der Herr Direktor ließ
mich nicht fort. Er schrieb mir eine kurze Ansprache auf,
die ich jetzt auswendig lernen und am Schlusse der
Vorstellung halten sollte. Für den Fall, daß ich meine Sache
gut machen würde, versprach er mir noch weitere fünfzig
Pfennige. Das wirkte äußerst anregend auf mein
Gedächtnis. Als das Stück zu Ende war und der Beifall
zu verklingen begann, marschierte ich noch einmal
trommelwirbelnd hinaus, um dann ganz vorn an der Rampe
die "hohen Herrschaften" zu bitten, sich noch nicht gleich
zu entfernen, weil die Frau Direktorin erscheinen und
von Platz zu Platz gehen werde, um Abonnementsbilletts
zu verkaufen, so billig, wie sie morgen, übermorgen und
auch fernerhin unmöglich abgegeben werden könnten. Als
Reminiszenz auf den Wortlaut des heutigen Beifalles
hatte der Herr Direktor dem Schlusse dieser Ansprache
folgende Fassung gegeben: "Also rrrrein mit der Hand
in den Beutel! Und rrrraus mit den Moneten, rrrraus!"
Das wurde nicht etwa übel-, sondern mit gutwilligem
Lachen entgegengenommen und hatte den gewünschten
Erfolg. Alle Gesichter strahlten, sowohl diejenigen der
hohen Direktion als auch diejenigen aller übrigen
Künstlerinnen und Künstler, das meinige nicht ausgeschlossen,
denn ich bekam nicht nur meine weiteren fünf Neugroschen,
sondern dazu auch noch ein Freibillett, welches für den
ganzen, diesmaligen Aufenthalt der Truppe bei uns galt.
Ich habe es wiederholt benutzt, und zwar für Stücke,
in welche Vater mich gehen lassen konnte. Uebrigens gab
es bei dieser braven Truppe wohl kaum eine sittliche
Gefahr für die Zuhörerschaft, denn als der Herr Direktor
sich eines Tages mit am Kegelschieben beteiligte und bei
dieser Gelegenheit gefragt wurde, warum er alle zärtlichen
Liebesszenen so ängstlich aus seinen Stücken streiche,
antwortete er: "Teils aus moralischem Pflichtgefühl und teils
aus kluger Erwägung. Unsere erste und einzige Liebhaberin
ist zu alt und auch zu häßlich für solche Rollen."
In den Stücken, die ich da besuchte, forschte ich nach
dem Kreuz und nach den Fäden, an denen die Puppen
hangen. Ich war zu jung, sie zu finden. Das blieb
einer späteren Zeit vorbehalten. Auch wollte es mir nicht
gelingen, den Gott, den Teufel und den Menschen
herauszufinden. Das passiert mir sogar noch heut sehr häufig,
obwohl diese drei Foktoren [sic] nicht nur die bedeutendsten,
sondern sogar die einzigen sind, aus deren Zusammenwirken
sich ein Drama aufzubauen hat. Das sage ich
jetzt, als Mann, als Greis. Damals, als Kind, verstand
ich nichts davon und ließ mir von der leeren, hohlen
Oberflächlichkeit gewaltig imponieren, wie jedes andere
größere oder kleinere Kind. Die Menschen, die solche
Stücke schrieben, die auf die Bühne gegeben wurden,
kamen mir wie Götter vor. Wäre ich ein so bevorzugter
Mensch, so würde ich nicht von geraubten Zigeunerinnen
erzählen, sondern von meinem herrlichen Sitara-Märchen,
von Ardistan und Dschinnistan, von der Geisterschmiede
von Kulub, von der Erlösung aus der Erdenqual und
allen anderen, ähnlichen Dingen! Man sieht, ich befand
mich hier wieder an einem jener Punkte, an denen ich
aus dem Halt, den andere Kinder haben und der auch
mir so nötig war, in eine Welt emporgerissen wurde, in
die ich nicht gehörte, weil sie nur von auserwählten
Männern in reifen Jahren betreten werden darf. Und noch
Anderes kam hinzu.
Meine Eltern waren evangelisch-lutherisch. Demgemäß
war ich evangelisch-lutherisch getauft worden,
genoß evangelisch-lutherischen Religionsunterricht und
wurde, als ich vierzehn Jahre alt geworden war,
evangelisch-lutherisch konfirmiert. Aber zu einer
Stellungnahme gegen Andersgläubige führte das keineswegs.
Wir hielten uns weder für besser noch für berufener als
sie. Unser alter Pfarrer war ein lieber, menschenfreundlicher
Herr, dem es gar nicht in den Sinn kam, im Bereiche
seines Kirchenamtes religiösen Haß zu säen. Unsere
Lehrer dachten ebenso. Und die, auf die es hier am
meisten ankam, nämlich Vater, Mutter und Großmutter,
die waren alle drei ursprünglich tief religiös aber von
jener angeborenen, nicht angelehrten Religiosität, die sich
in keinen Streit einläßt und einem jeden vor allen Dingen
die Aufgabe stellt, ein guter Mensch zu sein. Ist er das,
so kann er sich dann um so leichter auch als guter Christ
erweisen. Ich hörte einst den Herrn Pastor mit dem
Herrn Rektor über religiöse Differenzen sprechen. Da
sagte der erstere: "Ein Eiferer ist niemals ein guter
Diplomat." Das habe ich mir gemerkt. Ich habe bereits
gesagt, daß ich an jedem Sonn- und Feiertag zweimal
in die Kirche ging, doch ohne bigott zu sein oder mir dies
gar als Verdienst anzurechnen. Ich habe täglich gebetet,
in jeder Lage meines Lebens, und bete noch heut.
Seitdem ich lebe, ist es mir keinen Augenblick lang
beigekommen, an Gott, an seiner Allmacht, seiner Weisheit,
Liebe und Gerechtigkeit, zu zweifeln. Ich bin auch heut
noch unerschütterlich in diesem meinem felsenfesten Glauben.
Ich habe stets eine Hinneigung zum Symbolismus
gehabt, und zwar nicht nur zum religiösen. Eine jede
Person und eine jede Handlung, die etwas Gutes, Edles,
Tiefes bedeutet, ist mir heilig. Darum machten einige
religiöse Gebräuche, an denen ich mich als Knabe zu
beteiligen hatte, auf mich einen ganz besonderen Eindruck.
Der eine dieser Gebräuche war folgender: Die Konfirmanden,
welche am Palmsonntag eingesegnet worden waren,
beteiligten sich am darauf folgenden grünen Donnerstag
zum ersten Male in ihrem Leben an der heiligen
Kommunion. Nur während dieser einen Abendmalsdarreichung,
sonst während des ganzen Jahres nicht,
standen die ersten vier Kurrendaner je zwei und zwei zu
beiden Seiten des Altares, um Handreichung zu tun.
Sie waren genau wie Pfarrer gekleidet, Priesterrock,
Bäffchen [sic] und weißes Halstuch. Sie standen zwischen
dem Geistlichen und den paarweise herantretenden Kommunikanten
und hielten schwarze, goldgeränderte Schutztücher
empor, damit ja nichts von der dargereichten heiligen
Speise verloren gehe. Da ich sehr jung zur Kurrende
gekommen war, hatte ich dieses Amtes mehrere
Male zu walten, ehe ich selbst zur Einsegnung kam. Diese
frommen, gottesgläubigen Augenblicke vor dem Altare
wirken noch heute, nach so vielen Jahren, in mir fort.
Ein anderer dieser Gebräuche war der, daß am
ersten Weihnachtsfeiertage jedes Jahres während des
Hauptgottesdienstes der erste Knabe der Kurrende die
Kanzel zu besteigen hatte, um die Weissagung des Jesaias
Kap. 9 Vers 2 bis mit Vers 7 zu singen. Er tat dies
ganz allein, mit milder, leiser Orgelbegleitung. Es gehörte
Mut dazu, und es kam nicht selten vor, daß der Organist
dem kleinen Sänger zur Hilfe zu kommen hatte, um ihn
vor dem Steckenbleiben zu bewahren. Auch ich habe
diese Weissagung gesungen, und genauso, wie die Gemeinde
sie von mir hörte, so wirkt sie noch heute in mir
fort und klingt von mir hinaus bis in die fernsten Kreise
meiner Leser, wenn auch in andern Worten, zwischen
den Zeilen meiner Bücher. Wer als kleiner Schulknabe
auf der Kanzel gestanden und mit fröhlich erhobener
Stimme vor der lauschenden Gemeinde gesungen hat,
daß ein helles Licht erscheine und von nun an des Friedens
kein Ende sein werde, den begleitet, wenn er sich
nicht absolut dagegen sträubt, jener Stern von Bethlehem
durch das Leben, der selbst dann noch weiterleuchtet, wenn
alle andern Sterne verlöschen.
Wer nicht gewöhnt ist, tiefer zu blicken, der wird
jetzt wahrscheinlich sagen, daß ich auch hier wieder auf
einen der Punkte gestoßen sei, an denen mir ein fester
Halt nach dem andern unter den Füßen hinweggenommen
wurde, so daß ich schließlich seelisch ganz nur in der Luft
zu schweben hatte. Es ist aber grad das Gegenteil der
Fall. Es wurde mir nichts genommen, sondern viel, sehr
viel gegeben, zwar kein Halt und kein Unterschlupf in der
Richtung nach der Erde zu, dafür aber ein Tau, stark
und fest genug, mich an ihm emporzuretten, wenn unter
mir der Abgrund sich öffnen sollte, dem ich, wie
Fatalisten behaupten würden, von allem Anfang verfallen
war. Indem ich nun von diesem Abgrund zu sprechen
beginne, betrete ich diejenigen Gegenden meiner sogenannten
Jugend, in welcher die Sümpfe lagen und heut noch
liegen, aus denen alle die Nebel und alle die Gifte stiegen,
durch welche mein Leben mir zu einer ununterbrochenen,
endlosen Qual geworden ist.
Dieser Abgrund heißt, damit ich ihn gleich beim
richtigen Namen nenne -- -- Lektüre. Ich bin ihn nicht
etwa hinabgestürzt, plötzlich, jählings und unerwartet,
sondern ich bin ihn hinabgestiegen, Schritt um Schritt,
langsam und absichtlich, sorgsam geleitet von der Hand
meines Vaters. Freilich ahnte dieser ebensowenig wie
ich, wohin dieser Weg uns führte. Meine erste Lektüre
bildeten die Märchen, das Kräuterbuch und die Bilderbibel
mit den Anmerkungen unserer Vorfahren. Hierauf
folgten die verschiedenen Schulbücher der Vergangenheit
und Gegenwart, die es im Städtchen gab. Dann alle
möglichen anderen Bücher, die Vater sich zusammenborgte.
Nebenbei die Bibel. Nicht etwa eine Auswahl biblischer
Geschichten, sondern die ganze, volle Bibel, die ich als
Knabe wiederholt durchgelesen habe, vom ersten bis zum
letzten Worte, mit allem, was drin steht. Vater hielt
das für gut, und keiner meiner Lehrer widersprach ihm
da, auch der Pfarrer nicht. Er duldete nicht, daß ich,
wenn auch nur scheinbar, müßig stand. Und er war
gegen alle Beteiligung an den "Unarten" anderer Knaben.
Er erzog mich, wie man Muster herausarbeitet, um sie
andern anzupreisen. Ich mußte stets zu Hause sein, um
zu schreiben, zu lesen und zu "lernen"! Von dem
Handschuhnähen wurde ich nach und nach befreit. Auch wenn
er ausging, brachte mir das keine Erlösung, sondern er
nahm mich mit. Wenn ich meine Altersgenossen auf
dem Markte springen, tollen, spielen und lachen sah,
wagte ich es nur selten, den Wunsch auszusprechen, mittun
zu dürfen, denn wenn Vater keine gute Laune hatte,
war dies höchst gefährlich. Saß ich dann betrübt oder
gar mit heimlichen Tränen bei meinem Buche, so kam
es vor, daß Mutter mich leise zur Tür hinaussteckte und
erbarmend sagte: "So geh schnell ein bißchen hinaus;
aber komme ja in zehn Minuten wieder, sonst schlägt er
dich. Ich sag, ich habe dich wohingeschickt!" O, diese
Mutter, diese einzig gute, arme, stille Mutter! Wer da
wissen will, wie und was ich noch heut über sie denke, der
schlage in meinen "Himmelsgedanken" das Gedicht auf Seite
105 auf. Und das auf Seite 109 bezieht sich auf meine
Großmutter, aus deren Seele die Gestalt meiner Marah Durimeh
herausgewachsen ist, jener orientalischen Königstochter, die
für mich und meine Leser als "Menschheitsseele" gilt.
Als ich so ziemlich alles, was sich in Hohenstein-Ernsttal
von Büchern jeden Genres in Privathänden befand,
zusammengelesen und auch viel, sehr viel davon
abgeschrieben resp. notiert hatte, sah Vater sich nach neuen
Quellen um. Es gab deren drei, nämlich die Bibliotheken
des Herrn Kantors, des Herrn Rektors und des
Herrn Pastors. Der Herr Kantor zeigte sich auch hier
als der Vernünftigste von allen. Er sagte, Bücher zur
Unterhaltung habe er nicht, sondern nur Bücher zum
Lernen, und für diese letzteren sei ich jetzt noch viel zu
jung. Aber er gab doch eines von ihnen her, denn er
meinte, für mich als Kurrendaner sei es sehr nützlich, den
lateinischen Text unserer Kirchengesänge in die deutsche
Sprache übersetzen zu lernen. Dieses Buch war eine
lateinische Grammatik, von welcher das Titelblatt fehlte,
doch auf dem nächsten Blatte stand zu lesen:
"Ein buer [sic] lernen muß,
Wenn er will werden dominus,
Lernt er aber mit Verdruß,
So wird er ein asinus!"
Vater war ganz entzückt über diesen Vierzeiler und
meinte, ich solle nur ja dafür sorgen, daß ich kein asinus,
sondern ein dominus werde. Also nun schnell und fleißig
lateinisch lernen!
Bald darauf faßten einige Ernsttaler Familien den
Entschluß, im nächsten Jahre nach Amerika auszuwandern.
Darum sollten ihre Kinder während dieser Frist so viel
wie möglich englisch lernen. Da verstand es sich ganz
von selbst, daß ich mitzutun hatte! Und sodann geriet
auf irgend eine, ich weiß nicht mehr, welche Weise ein
Buch in unsern Besitz, welches französische Freimaurerlieder
mit Text und Melodie enthielt. Es war im Jahre
1782 in Berlin gedruckt und "Seiner Königlichen Hoheit,
Friedrich Wilhelm, Prinz von Preußen" gewidmet.
Darum mußte es gut und von sehr hohem Werte sein!
Der Titel lautete: "Chansons maçonniques", und zu der
Melodie, die mir am besten gefiel, waren sieben vierzeilige
Strophen zu singen, deren erste hierhergesetzt sein mag:
"Nons vénérous de l'Arabie
La sage et noble antiquité,
Et la célèbre Confrairie [sic]
Transmise à la postérité".
Das Wort "Freimaurerlieder" reizte ganz besonders.
Welch eine Wonne, in die Geheimnisse der Freimaurerei
eindringen zu können! Glücklicherweise erteilte der Herr
Rektor für Privatschüler auch französischen Unterricht.
Er gestattete mir, in diesem "Zirkle" einzutreten, und so
kam es, daß ich mich jetzt mit dem Lateinischen, Englischen
und Französischen zugleich zu befassen hatte.
Der Herr Rektor war in Beziehung auf das Bücherverleihen
weniger zurückhaltend als der Herr Kantor.
Sein Lieblingsfach war Geographie. Er besaß hunderte
von geographischen und ethnographischen Werken, die er
meinem Vater alle für mich zur Verfügung stellte. Ich
fiel über diesen Schatz mit wahrer Begeisterung her, und
der gute Herr freute sich darüber, ohne irgendein doch
so naheliegendes Bedenken zu hegen. Obgleich er auf
eine Pfarrstelle reflektierte, war er in seinem Innern
mehr Philosoph als Theolog und einer freieren Richtung
zugeneigt. Das sprach sich aber weniger in seinen Worten,
als vielmehr in den Büchern aus, die er besaß. Zu derselben
Zeit öffnete mir auch der Herr Pastor seine Bibliothek.
Er war ganz und gar nicht Philosoph, sondern
nur und nur und nur Theolog, weiter nichts. Ich meine
mit ihm nicht unsern alten, guten Pfarrer, von dem ich
schon gesprochen habe, sondern dessen Nachfolger, der mir
zunächst alle seine Traktätchen zu lesen gab und hierzu
dann allerlei Erweckungs-, Erbauungs- und Jugendschriften
von Redenbacher und andern guten Menschen fügte. So
kam es, daß ich vom Rektor z. B. eine begeisterte Schilderung
der islamitischen Wohltätigkeit vor mir liegen hatte
und vom Herrn Pastor daneben einen Missionsbericht,
in welchem über das offensichtliche Nachlassen der
christlichen Barmherzigkeit bittere Klage geführt wurde. In
der Bibliothek des einen lernte ich Humboldt, Bonpland
und alle jene "Großen" kennen, welche der Wissenschaft
mehr als der Religion vertrauen, und in der Bibliothek
des zweiten alle jene andern "Großen", denen die religiöse
Offenbarung himmelhoch über jedem wissenschaftlichen
Ergebnisse steht. Und dabei war ich nicht etwa ein
Erwachsener, sondern ein dummer, ein ganz dummer Junge;
aber noch viel törichter als ich waren die, welche mich
in diese Konflikte fallen und sinken ließen, ohne zu wissen,
was sie taten. Alles, was in diesen so verschiedenen
Büchern stand, konnte gut, ja konnte vortrefflich sein;
mir aber mußte es zum Gifte werden.
Aber es kam noch Schlimmeres. Der sprachliche
Privatunterricht, den ich jetzt bekam, mußte bezahlt werden,
und ich war es, der sich dieses Geld auf irgendeine Weise
zu verdienen hatte. Wir sahen uns um. Für eine Hohensteiner
Schankwirtschaft wurde ein gewandter, ausdauernder
Kegelaufsetzer gesucht. Ich meldete mich, obwohl ich keine
Uebung besaß, und bekam die Stelle. Da habe ich freilich
Geld verdient, sehr viel Geld, aber wie! Durch welche
Qualen! Und was habe ich noch außerdem dafür geopfert!
Der Kegelschub war ein vielbesuchter, zugebauter und
heizbarer, so daß er zur Sommer- und zur Winterszeit und
bei jeder Witterung benutzt werden konnte. Es wurde
täglich geschoben. Von jetzt an hatte ich keine freie
Viertelstunde mehr, besonders auch keinen Sonntagnachmittag.
Da ging es gleich nach der Kirche los und dauerte bis
zur späten Abendstunde. Der Haupttag aber war der
Montag, denn dieser war der Tag des Wochenmarktes,
an dem die Landbewohner zur Stadt kamen, um ihre
Erzeugnisse zu bringen, ihre Einkäufe zu machen und --
last not least -- eine Partie Kegel zu schieben. Aus
dieser einen aber wurden fünf, wurden zehn, wurden
zwanzig, und es kam an diesen Montagen vor, daß ich
mich von Mittags zwölf Uhr an bis nach Mitternacht
zu schinden hatte, ohne auch nur fünf Minuten ausruhen
zu können. Zur Stärkung bekam ich des Nachmittags
und des Abends ein Butterbrod [sic] und ein Glas abgestandenes,
zusammengegossenes Bier. Es kam auch vor, daß ein
mitleidiger Kegler, welcher sah, daß ich kaum mehr konnte,
mir ein Glas Schnaps herausbrachte, um meine Lebensgeister
anzuregen. Ich habe mich ob dieser übermäßigen
Anstrengungen daheim niemals beklagt, weil ich sah, wie
notwendig man das, was ich verdiente, brauchte. Der
Betrag, den ich da wöchentlich zusammenbrachte, war gar
nicht unbedeutend. Ich bekam pro Stunde ein Fixum
und außerdem für jedes Honneur, welches geschoben wurde,
einen festbestimmten Satz. Wurde nicht gespielt, sondern
frei gewettet oder gar hasardiert, so bekam dieser Satz
eine doppelte oder dreifache Höhe. Es hat Montage
gegeben, an denen ich über zwanzig Groschen nach Hause
brachte, dafür aber vor Müdigkeit die Treppe zu unserer
Wohnung mehr hinaufstürzte als hinaufstieg.
Welchen Gewinn aber hatte ich in seelischer Beziehung?
Nicht den geringsten, sondern nur Verlust. Es wurde
zwar nur einfaches, billiges Bier, aber besonders viel
Schnaps getrunken. Ich werde an anderer Stelle nachweisen,
daß es sich hier nicht um Leute handelte, welche
das kannten, was man unter Rücksicht oder gar Zartgefühl
versteht. Man platzte mit allem, was auf die Zunge
kam, ohne Scheu heraus. Man kann sich denken, was
ich da alles zu hören bekam! Der langgestreckte, zugebaute
Kegelschub wirkte wie ein Hörrohr. Jedes Wort, welches
da vorn bei den Spielern gesprochen wurde, klang deutlich
heraus zu mir. Alles, was Großmutter und Mutter
in mir aufgebaut hatten, der Herr Kantor und der Herr
Rektor auch, das empörte sich gegen das, was ich hier
zu hören bekam. Es war viel Schmutz und auch viel Gift
dabei. Es gab da nicht jene kräftige, kerngesunde
Fröhlichkeit wie z. B. bei einem oberbayrischen Kegelschieben,
sondern es handelte sich um Leute, welche aus der
brusttötenden Atmosphäre ihres Webstuhles direkt in die
Schnapswirtschaft kamen, um sich für einige Stunden
ein Vergnügen vorzutäuschen, welches aber nichts weniger
als ein Vergnügen war, für mich jedenfalls eine Qual,
körperlich sowohl als auch seelisch.
Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch
viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähnliche
böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek, und zwar
was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich
und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche
Büchersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte
sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in
den beiden Städtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts.
Die einzige Veränderung, die sie erlitt, war die, daß die
Einbände immer schmutziger und die Blätter immer schmieriger
und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde
von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen,
und ich muß der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner
Schande gestehen, daß auch ich, nachdem ich einmal
gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Bänden steckte,
gänzlich verfiel. Was für ein Teufel das war, mögen
einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der
Räuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo
Sallini, der edle Räuberhauptmann. Himlo Himlini,
der wohltätige Räuberhauptmann. Die Räuberhöhle auf
dem Monte Viso. Bellini, der bewunderswürdige [sic] Bandit.
Die schöne Räuberbraut oder das Opfer des ungerechten
Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der
Gesetze. Bruno von Löweneck, der Pfaffenvertilger. Hans
von Hunsrück oder der Raubritter als Beschützer der
Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von
Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am
Hochgericht. Der König als Mörder. Die Sünden des
Erzbischofs u. s. w. u. s. w.
Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine
Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher,
einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne
sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich las
sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch!
Ich nahm sie mit nach Haus. Ich saß ganze Nächte
lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte
nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht,
die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen.
Sie wußten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl
daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte
nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir
zusammenbrach. Daß die wenigen Stützen, die ich, der
seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun
auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein
Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.
Die Psychologie ist gegenwärtig in einer Umwandlung
begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und
Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide
auseinanderzuhalten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede
nachzuweisen. Man behauptet, daß der Mensch nicht
Einzelwesen, sondern Drama sei. Soll ich mich dem
anschließen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst
im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine
kindliche Seele wirkte, nicht miteinander verwechseln.
Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen
war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur
das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon
gehabt, aber was für eine Wirkung! Es war zu einem
kleinen, monströs dicken, wasserköpfigen Ungeheuer
aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja
vielleicht außergewöhnlich veranlagte Knabe hatte sich zu
einer unartikulierten geistigen Mißgestalt verwandelt, die
nichts Wirkliches besaß als nur ihre Hilflosigkeit. Und
seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach
oben nur an dem erwähnten starken, unzerreißbaren Tau
und wurde nach unten nur dadurch an der Erde
festgehalten, daß ich für König und Vaterland, Gesetz und
Gerechtigkeit diejenige mehr poetisch als materielle
Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an
denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet
hatten, den schwer bedrängten Monarchen Sachsens und
seine Regierung von dem Untergange zu erretten. Nun
aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar
durch die Lektüre dieser schändlichen Leihbibliothek. Alle
die Räuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen
ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren,
das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch
ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden.
Sie besaßen wahre Frömmigkeit, glühende Vaterlandsliebe,
eine grenzenlose Wohltätigkeit und warfen sich
zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrückten und
Bedrängten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung
und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Männer
aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der
Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor
allen Dingen die Fülle des Lebens, der Tätigkeit, der
Bewegung, die in diesen Büchern herrschte! Auf jeder Seite
geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend
eine große, schwere, kühne Tat, die man zu bewundern
hatte. Was dagegen war in all den Büchern geschehen,
die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktätchen
des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden
Jugendschriften? Und was geschah in den sonst
ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors?
Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben,
aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde
Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich
nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie,
nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte.
Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen
standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch
kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand
zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es
gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt
verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles
an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben
werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder
Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod.
Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser
Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten
und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt!
Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so
wird dieser auch schon erfüllt. Und welche bewundernswerte,
unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder
gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Räuberhauptmann
sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder böse
Mensch, jeder Sünder, mag er zehnmal König, Feldherr,
Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft.
Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist göttliche
Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit
und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen
Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht!
Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den
Rinaldo Rinaldini geschrieben!
Das Schlimmste an dieser Lektüre war, daß sie in
meine spätere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner
Seele festsetzte, für immer festgehalten wurde. Hierzu kam
die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in
hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da
las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit.
Nur Großmutter schüttelte den Kopf, und zwar je länger,
desto mehr; sie wurde aber von uns andern überstimmt.
Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuß, von "edlen"
Menschen zu lesen, die immerfort Reichtümer verschenkten.
Daß sie diese Reichtümer vorher andern abgestohlen und
abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das
nicht! Wenn wir lasen, wieviel bedürftige Menschen durch
so einen Räuberhauptmann unterstützt und gerettet worden
seien, so freuten wir uns darüber und bildeten uns ein,
wie schön es wäre, wenn so ein Himlo Himlini plötzlich
hier bei uns zur Tür hereinträte, zehntausend blanke Taler
auf den Tisch zählte und dabei sagte; "Das ist für euren
Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der
Theaterstücke schreibt!" Das letztere war mir nämlich,
seit ich den "Faust" gesehen hatte, zum Ideal geworden.
Ich muß bekennen, daß ich diese verderblichen Bücher
nicht nur las, sondern auch vorlas, nämlich zunächst
meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in anderen
Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist
gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine
einzige solche Scharteke herbeiführen kann. Alles Positive
geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige
Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen
verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die
Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung
zwischen gut und bös wird immer unzuverlässiger!
das führt schließlich zur Bewunderung der verbotenen Tat,
die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht
etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern
es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum äußersten
Verbrechertum.
Das war zur Zeit, als bestimmt werden mußte, was
nach der Konfirmation aus mir zu werden hatte. Ich
wollte so unendlich gern auf das Gymnasium, dann auf
die Universität. Aber hierzu fehlten nicht mehr als alle
Mittel. Ich mußte mit meinen Wünschen weit herunter
und kam zuletzt beim Volksschullehrer an. Aber auch hierzu
waren wir zu arm. Wir sahen uns nach Hilfe um. Der
Herr Kaufmann Friedrich Wilhelm Layritz, mit dem
Herrn Stadtrichter gleichen Namens, aber nicht mit ihm
verwandt, war ein sehr reicher und sehr frommer Mann.
Man hatte ihm zwar noch keine Wohltat nachweisen
können, aber er versäumte keinen Kirchgang, sprach gern
von Humanität und Nächstenliebe und war unser
Gevatter. Wir hatten uns nach allem erkundigt und uns
einen Ueberschlag gemacht. Wenn wir recht arbeiteten,
recht sparten, recht hungerten und ich auf dem Seminar
keinen Pfennig unnütz ausgab, so bedurften wir nur eines
Zuschusses von fünf bis zehn Talern pro Jahr. Das
hatten wir ausgerechnet. Freilich stimmte es nicht; aber
wir glaubten, daß es stimme. Meine Eltern hatten nie
auch nur einen Pfennig geborgt; jetzt waren sie mir zu
Liebe zu einer Anleihe entschlossen. Mutter ging zum
Herrn Layritz. Er setzte sich in den Lehnstuhl, faltete
die Hände und ließ sich ihr Anliegen vortragen. Sie
schilderte ihm alles und bat, uns fünf Taler zu borgen,
nicht gleich jetzt, sondern dann, wenn wir sie brauchten,
also wenn ich die Aufnahmeprüfung bestanden haben
würde. Bis dahin aber war noch lange, lange Zeit.
Da antwortete er, ohne sich lange zu besinnen: "Meine
liebe Frau Gevatter, es ist wahr, ich bin reich, und Sie
sind arm, sehr arm. Aber Sie haben denselben Gott,
den auch ich habe, und wie er mir bis hierher geholfen
hat, wo wird er auch Ihnen weiterhelfen. Ich habe auch
Kinder wie Sie und muß für sie sorgen. Ich kann Ihnen
also die fünf Taler nicht leihen. Aber gehen Sie getrost
nach Hause, und beten Sie recht fleißig, so wird sich ganz
gewiß zur rechten Zeit jemand finden, der sie übrig hat
und sie Ihnen gibt!"
Das war abends. Ich saß da und las in einem
Räuberbuche. Da kam Mutter heim und erzählte, was
Herr Layritz gesagt hatte. Sie weinte mehr aus
Empörung über solche Art der Frömmigkeit, als über die
Abweisung selbst. Vater saß lange Zeit still; dann stand
er auf und ging. Unter der Tür aber sagte er: "Einen
solchen Versuch machen wir nicht mehr! Karl geht auf
das Seminar, und wenn ich mir die Hände blutig arbeiten
soll!" Als er fort war, saßen wir andern noch
lange Zeit traurig beisammen. Dann gingen wir schlafen.
Ich schlief aber nicht, sondern ich wachte. Ich sann auf
Hilfe. Ich rang nach einem Entschlusse. Das Buch,
in dem ich gelesen hatte, führte den Titel "Die
Räuberhöhle an der Sierra Morena oder der Engel aller
Bedrängten." Als Vater nach Hause gekommen und dann
eingeschlafen war, stieg ich aus dem Bett schlich mich
aus der Kammer und zog mich an. Dann schrieb ich
einen Zettel: "Ihr sollt euch nicht die Hände blutig
arbeiten; ich gehe nach Spanien; ich hole Hilfe!" Diesen
Zettel legte ich auf den Tisch, steckte ein Stückchen
trockenes Brot in die Tasche, dazu einige Groschen von
meinem Kegelgeld, stieg die Treppe hinab, öffnete die
Tür, atmete da noch einmal tief und schluchzend auf,
aber leise, leise, damit ja niemand es höre, und ging dann
gedämpften Schrittes den Marktplatz hinab und die
Niedergasse hinaus, den Lungwitzer Weg, der über
Lichtenstein nach Zwickau führte, nach Spanien zu, nach
Spanien, dem Lande der edlen Räuber, der Helfer aus
der Not. -- -- --
_________
IV.
Seminar- und Lehrerzeit.
_____
Keine Pflanze zieht das, was sie in ihren Zellen und
in ihren Früchten aufzuspeichern hat, aus sich selbst
heraus, sondern aus dem Boden, dem sie entsprossen ist,
und aus der Atmosphäre, in der sie atmet. Pflanze ist in
dieser Beziehung auch der Mensch. Körperlich ist er freilich
nicht angewachsen, aber geistig und seelisch wurzelt
er, und zwar tief, sehr tief, tiefer als mancher Baumriese
in kalifornischer Erde. Darum ist kein Mensch für das,
was er in seiner Entwicklungszeit tut, in vollem Maße
verantwortlich zu machen. Ihm alle seine Fehler vollauf
anzurechnen, würde ebenso falsch sein wie die Behauptung,
daß er alle seine Vorzüge nur allein sich selbst verdanke.
Nur wer den Heimatboden und die Jugendatmosphäre
eines "Gewordenen" genau kennt und richtig zu
beurteilen weiß, ist imstande, einigermaßen nachzuweisen,
welche Teile eines Lebensschicksales aus den gegebenen
Verhältnissen und welche Teile aus dem rein persönlichen
Willen des Betreffenden geflossen sind. Es war eine der
größten Grausamkeiten der Vergangenheit, jedem armen
Teufel, den die Verhältnisse zur Verletzung der Gesetze
führten, zu seiner eigenen, vielleicht geringen Schuld auch
noch die ganze, schwere Last dieser Verhältnisse mit
aufzubürden. Es gibt leider auch heute mehr als genug
Menschen, welche diese Grausamkeit sogar jetzt noch
begehen, ohne zu ahnen, daß sie selbst es sind, die, wenn
es hier Gesetze gäbe, mit verantwortlich gemacht werden
müßten. Und gewöhnlich sind es nicht etwa die
Fernstehenden, sondern grad die lieben "Nächsten", welche
Stein um Stein auf den andern werfen, obgleich die
Einflüsse, denen er unterlegen ist, besonders auch von ihnen
mit ausgegangen sind. Sie tragen also an der Schuld,
die sie auf ihn werfen, selbst mit Schuld.
Wenn ich es hier unternehme, die Verhältnisse, aus
denen ich erwuchs, einer ungefärbten Prüfung zu unterwerfen,
so geschieht das nicht etwa in der Absicht, irgend
welchen Teil meiner eigenen Schuld von mir ab und auf
andere zu werfen, sondern nur, um einmal durch ein laut
sprechendes Beispiel zu zeigen, wie vorsichtig man sein
muß, wenn man sich die Aufgabe stellt, eine menschliche
Existenz nach ihrer Entstehung und Entwicklung hin genau
zu untersuchen.
Hohenstein und Ernsttal waren damals zwei so nahe
bei einander liegende Städtchen, daß sie stellenweise ihre
Gäßchen wie die Finger zweier gefalteter Hände zwischen
einander hineinschoben. In Hohenstein wurde der
Naturphilosoph Gotthilf Heinrich von Schubert geboren, dessen
Werke zunächst unter Schellingschem Einflusse entstanden,
dann aber sich dem pietistisch-asketischen Mystizismus
zuwendeten. Seine Vaterstadt hat ihm ein Denkmal gesetzt.
Aus Ernsttal stammt der verdienstvolle Philosoph und
Publizist Pölitz, dessen Bibliothek über 30 000 Bände
zählte, die er der Stadt Leipzig vermachte. Ich habe es
hier weniger mit Hohenstein als vielmehr mit Ernsttal
zu tun, in dem ich, wie der Hobble-Frank sich auszudrücken
pflegt, "das erste Licht der Welt erblickte". Die
ersten und ältesten Eindrücke meiner Kindheit sind
diejenigen einer beklagenswerten Armut, und zwar nicht nur
in materieller, sondern auch in anderer Beziehung.
Niemals in meinem Leben habe ich so viel geistige
Anspruchslosigkeit beisammen gesehen wie damals. Der
Bürgermeister war ein unstudierter Mann. Es gab zwar einen
Nachtwächter, aber die Bewohner hatten sich reihum an
der Nachtwache zu beteiligen. Die Hauptbeschäftigung
bildete die Weberei. Der Verdienst war kärglich, ja oft
überkärglich zu nennen. Zu gewissen Zeiten gab es
wochen-, zuweilen sogar monatelang wenig oder gar keine
Arbeit. Da sah man Frauen in den Wald gehen und
Körbe voll Reisig heimschleppen, um im Winter Feuerung
zu haben. Des Nachts konnte man auf einsamen Pfaden
Männern begegnen, welche Baumstämme nach Hause trugen,
die noch während der Nacht zu Feuerholz zersägt und
zerhackt werden mußten, damit, wenn die Haussuchung
kam, nichts gefunden werden könne. Es galt für die
armen Weber, fleißig zu sein, um den Hunger abzuwehren.
Am Sonnabend war Zahltag. Da trug ein jeder sein
"Stück zu Markte". Für jeden Fehler, der sich zeigte,
gab es einen bestimmten Lohnabzug. Da brachte gar
mancher weniger heim, als er erwartet hatte. Dann
wurde ausgeruht. Der Sonnabend Abend war der
Heiterkeit und -- -- -- dem Schnaps gewidmet. Man
fand sich beim Nachbar ein. Da ging die Bulle rundum.
Bulle ist Abkürzung von Bouteille. In einigen Familien
sang man dazu, aber was für Lieder oft! In andern
regierte die Karte. Da wurde "gelumpt", "geschafkopft"
oder gar "getippt". Das letztere ist ein verbotenes
Glücksspiel, dem mancher den Verdienst der ganzen Woche opferte.
Man trank dazu aus einem einzigen Glas. Dieses ging
von Hand zu Hand, von Mund zu Mund. Auch während
der Sonntagsausgänge und überhaupt bei jedem
Gang in das Freie war man mit Branntwein versehen.
Da saß man im Grünen und trank. Schnaps war
überall dabei; man mochte ihn nicht entbehren. Man
betrachtete ihn als den einzigen Sorgenbrecher und nahm
seine schlimmen Wirkungen hin, als ob sich das so ganz
von selbst verstände.