beabsichtigte, sollten bildlich, sollten symbolisch sein. Sie
sollten Etwas sagen, was nicht auf der Oberfläche lag.
Ich wollte Neues, Beglückendes bringen, ohne meine Leser
mit dem Alten, Bisherigen in Kampf und Streit zu
verwickeln. Und was ich zu sagen hatte, das mußte ich
suchen lassen; ich durfte es nicht offen vor die Türen
legen, weil man Alles, was man so billig bekommt, liegen
zu lassen pflegt und nur das zu schätzen weiß, was man
sich mühsam zu erringen hat. Es wäre ein unverzeihlicher
Fehler gewesen, gleich von vornherein anzudeuten, daß
meine Reiseerzählungen bildlich zu nehmen seien. Man
hätte mich einfach nicht gelesen, und Alles, was ich lösen
wollte, wäre Fabel und Märchen geblieben. Der Leser
mußte ungeahnt finden, was ich gab; er betrachtete
es dann als wohlerrungen und hielt es für das Leben
fest.
Aber was war denn eigentlich das, was ich geben
wollte? Das war vielerlei und nichts Alltägliches. Ich
wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsrätsel
lösen. Man lache mich aus; aber ich habe es
gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter
versuchen. Ob ich es erreiche, kann weder ich noch ein
Anderer wissen. Es mag bei der Ausführung dann wohl
mancher Fehler untergelaufen sein, denn ich bin ein irrender
Mensch; mein Wollen aber ist gut und rein gewesen. Ich
wollte ferner meine psychologischen Erfahrungen zur
Veröffentlichung bringen. Ein junger Lehrer, der bestraft
worden ist, seine psychologischen Erfahrungen? Ist das
nicht noch lächerlicher als das Vorhergehende? Mag man
es dafür halten; ich aber habe an hundert und wieder
hundert unglücklichen Menschen gesehen, daß sie nur darum
in das Unglück geraten waren und nur darum darin
stecken blieben, weil ihre Seelen, diese kostbarsten Wesen
der ganzen irdischen Schöpfung, vollständig vernachlässigt
worden waren. Der Geist ist das verzogene, eingebildete
Lieblingskind, die Seele das zurückgesetzte, hungernde
und frierende Aschenbrödel. Für den Geist sind
alle Schulen da, von der A-B-C-Schützen-Schule bis
hinauf zur Universität, für die Seele aber keine einzige.
Für den Geist werden Millionen Bücher geschrieben,
wie viele für die Seele? Dem Menschengeiste werden
tausend und abertausend Denkmäler gesetzt; wo stehen
die, welche bestimmt sind, die Menschenseele zu
verherrlichen? Wohlan, sage ich mir, so will ich es sein, der
für die Seele schreibt, ganz nur für sie allein, mag man
darüber lächeln oder nicht! Man kennt sie nicht. Darum
werden viele meine Werke entweder nicht oder falsch
verstehen, aber das soll mich ja nicht hindern, zu tun, was
ich mir vorgenommen habe.
Das war eigentlich genug für einen Menschen; aber
ich wollte nicht das allein, ich wollte noch viel mehr.
Ich sah um mich herum das tiefste Menschenelend liegen;
ich war für mich der Mittelpunkt desselben. Und hoch
über uns lag die Erlösung, lag die Edelmenschlichkeit,
nach der wir emporzustreben hatten. Diese Aufgabe war
aber nicht allein die unsrige, sondern sie ist allen Menschen
erteilt; nur daß wir, die wir um so viel tiefer lagerten
als die Andern, weit mehr und weit mühsamer aufzusteigen
hatten als sie. Aus der Tiefe zur Höhe, aus Ardistan
nach Dschinnistan, vom niedern Sinnenmenschen zum
Edelmenschen empor. Wie das geschehen müsse, wollte ich
an zwei Beispielen zeigen, an einem orientalischen und
an einem amerikanischen. Ich teilte mir die Erde für
diese meine besonderen Zwecke in zwei Hälften, in eine
amerikanische und eine asiatisch-afrikanische. Dort wohnt
die indianische Rasse und hier die semitisch-mohammedanische.
An diese beiden Rassen wollte ich meine Märchen, meine
Gedanken und Erläuterungen knüpfen. Darum galt es,
mich vor allen Dingen mit den arabischen u. s. w. Sprachen
und den Indianerdialekten zu beschäftigen. Der unwandelbare
Allahglaube der einen und der hochpoetische Glaube
an den "großen, guten Geist" der Andern harmonierte mit
meinem eigenen, unerschütterlichen Gottesglauben. In
Amerika sollte eine männliche und in Asien eine weibliche
Gestalt das Ideal bilden, an dem meine Leser ihr ethisches
Wollen emporzuranken hätten. Die eine ist mein
Winnetou, die andere Marah Durimeh geworden. Im Westen
soll die Handlung aus dem niedrigen Leben der Savanne
und Prairie nach und nach bis zu den reinen und lichten
Höhen des Mount Winnetou emporsteigen. Im Osten
hat sie sich das Treiben der Wüste bis nach dem
hohen Gipfel des Dschebel Marah Durimeh zu erheben.
Darum beginnt mein erster Band mit dem Titel "durch
die Wüste." Die Hauptperson aller dieser Erzählungen
sollte der Einheit wegen eine und dieselbe sein, ein
beginnender Edelmensch, der sich nach und nach von allen
Schlacken des Animamenschentumes reinigt. Für Amerika
sollte er Old Shatterhand, für den Orient aber Kara
Ben Nemsi heißen, denn daß er ein Deutscher zu sein
hatte, verstand sich ganz von selbst. Er mußte als selbst
erzählend, also als "Icherzähler" dargestellt werden.
Sein Ich ist keine Wirklichkeit, sondern dichterische Imagination.
Doch, wenn dieses "Ich" auch nicht selbst existiert,
so soll doch Alles, was von ihm erzählt wird, aus der
Wirklichkeit geschöpft sein und zur Wirklichkeit werden.
Dieser Old Shatterhand und dieser Kara Ben Nemsi,
also dieses "Ich" ist als jene große Menschheitsfrage
gedacht, welche von Gott selbst geschaffen wurde, als er
durch das Paradies ging um zu fragen: "Adam, d. i.
Mensch, wo bist Du?" "Edelmensch, wo bist Du?" Ich
sehe nur gefallene, niedrige Menschen!" Diese Menschheitsfrage
ist seitdem durch alle Zeiten und alle Länder des
Erdkreises gegangen, laut rufend und laut klagend, hat
aber nie eine Antwort erhalten. Sie hat Gewaltmenschen
gesehen zu Millionen und Abermillionen, die einander
bekämpften, zerfleischten und vernichteten, nie aber einen
Edelmenschen, der den Bewohnern von Dschinnistan glich
und nach ihrem herrlichen Gesetze lebte, daß ein Jeder
Engel seines Nächsten zu sein habe, um nicht an sich
selbst zum Teufel zu werden. Einmal aber muß und
wird die Menschheit doch so hoch gestiegen sein, daß auf
die bis dahin vergebliche Frage von irgendwoher die beglückende
Antwort erfolgt: "hier bin ich. Ich bin der erste
Edelmensch, und Andere werden mir folgen!" So geht
auch Old Shatterhand und so geht Kara Ben Nemsi durch
die Länder, um nach Edelmenschen zu suchen. Und wo
er keinen findet, da zeigt er durch sein eigenes edelmenschliches
Verhalten, wie er sich ihn denkt. Und dieser imaginäre
Old Shatterhand, dieser imaginäre Kara Ben Nemsi,
dieses imaginäre "Ich" hat nicht imaginär zu bleiben,
sondern sich zu realisieren, zu verwirklichen, und zwar in
meinem Leser, der innerlich Alles miterlebt und darum
gleich meinen Gestalten emporsteigt und sich veredelt. In
dieser Weise trage ich meinen Teil zur Lösung der großen
Aufgabe bei, daß sich der Gewaltmensch, also der niedrige
Mensch, zum Edelmenschen entwickeln könne.
Indem ich diese Gedanken in mir bewegte, fühlte
ich gar wohl, daß ich mich durch ihre Ausführung einer
Gefahr aussetzen würde, die für mich keine geringe war.
Wie nun, wenn man diese Imagination nicht verstand
und dieses "Ich" also nicht begriff? Wenn man glaubte,
ich meine mich selbst? Lag es da nicht nahe, daß ein
Jeder, dem es an Intelligenz oder gutem Willen fehlte,
zwischen Wirklichkeit und Imagination zu unterscheiden,
mich als Lügner und Schwindler bezeichnen würde? Ja,
das lag allerdings in der Möglichkeit, aber für wahrscheinlich
hielt ich es nicht. Ich hatte dieses "Ich," also
diesen Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand, ja mit
allen Vorzügen auszustatten, zu denen es die Menschheit
im Verlaufe ihrer Entwicklung bis heut gebracht hat.
Mein Held mußte die höchste Intelligenz, die tiefste
Herzensbildung und die größte Geschicklichkeit in allen
Leibesübungen besitzen. Daß sich das in der Wirklichkeit
nicht in einem einzelnen Menschen vereinigen konnte,
das verstand sich doch wohl ganz von selbst. Und wenn
ich, wie ich mir vornahm, eine Reihe von dreißig bis
vierzig Bänden schrieb, so war doch gewiß anzunehmen,
daß kein vernünftiger Mann auf die Idee kommen werde,
daß ein einziger Mensch das Alles erlebt haben könne.
Nein! Der Vorwurf, daß ich ein Lügner und Schwindler
sei, war, wenigstens für denkende Leute, vollständig
ausgeschlossen! So glaubte ich damals. Ja, ich war sogar
fest überzeugt, trotzdem ich mit dem "Ich" mich nicht
selbst meinte, doch mit bestem Gewissen behaupten zu
können, daß ich den Inhalt dieser Erzählungen selbst
erlebt oder miterlebt habe, weil er ja aus meinem eigenen
Leben oder doch aus meiner nächsten Nähe stammte. Ich
hielt es für gar nicht schwer, sondern sogar für sehr leicht
und vor allen Dingen auch für interessant, sich vorzustellen,
daß Karl May diese Reiseerzählungen zwar niederschreibt,
sie aber so verfaßt, als ob sie nicht aus seinem eigenen
Kopfe stammen, sondern ihm von jenem imaginären "Ich",
also von der großen Menschheitsfrage, diktiert worden
seien. Ob diese meine Annahme richtig war, wird bald
die Folge zeigen.
Der Vorsatz, meine Gestalten teils in indianische
und teils in orientalische Gewänder zu kleiden, führte mich
ganz selbstverständlich zu tiefem Mitgefühle für die Schicksale
der betreffenden Völkerschaften. Der als unaufhaltsam
bezeichnete Untergang der roten Rasse begann, mich
ununterbrochen zu beschäftigen. Und über die Undankbarkeit
des Abendlandes gegenüber dem Morgenlande, dem es
doch seine ganze materielle und geistige Kultur verdankt,
machte ich mir allerlei schwere Gedanken. Das Wohl
der Menschheit will, daß zwischen beiden Friede ist, nicht
länger Ausbeutung und Blutvergießen. Ich nahm mir
vor, dies in meinen Büchern immerfort zu betonen und
in meinen Lesern jene Liebe zur roten Rasse und für die
Bewohner des Orients zu erwecken, die wir als Mitmenschen
ihnen schuldig sind. Man versichert mir heut,
dies nicht etwa bei nur Wenigen, sondern bei Hunderttausenden
erreicht zu haben, und ich bin nicht abgeneigt,
dies zu glauben.
Und nun die Hauptfrage: Für wen sollten meine
Bücher geschrieben sein? Ganz selbstverständlich für das Volk,
für das ganze Volk, nicht nur für einzelne Teile desselben,
für einzelne Stände, für einzelne Altersklassen. Vor allen
Dingen nicht etwa allein für die Jugend! Auf diese
letztere Versicherung habe ich das größte Gewicht und
den schärfsten Ton zu legen. Wäre es meine Absicht
gewesen, Jugendschriftsteller sein oder werden zu wollen,
so hätte ich ganz notwendigerweise auf die Ausführung
aller meiner Pläne und auf die Erreichung aller meiner
Ideale für immer verzichten müssen. Und dies zu tun,
ist mir niemals eingefallen. Zwar hatte ich auch an die
Jugend zu denken, denn sie bietet nicht nur zeitlich die
erste Stufe des Volkes; sie ist es nicht nur, aus der sich
das Volk immer fort und fort ergänzt, sondern sie ist
es, die im Aufwärtsstreben der Menschheit den Alten
und den Bequemen voranzusteigen hat, um das von unsern
Pionieren neu gesichtete Terrain schnellsten Tempo's zu
besetzen. Aber wie sie nur einen Teil des Volkes bildet,
so konnte das, was ich an sie zu richten hatte, auch nur
ein Teil dessen sein, was ich für das Volk als Ganzes
schrieb. Wenn ich sage, daß ich für das Volk schreiben
wollte, so meine ich damit, für den Menschen überhaupt,
mag er so jung oder so alt sein, wie er ist. Aber nicht
jedes meiner Bücher ist für jeden Menschen. Und doch
auch wieder ist es für jeden Menschen, aber nach und
nach, je nachdem er sich vorwärts entwickelt, je nachdem
er älter und erfahrener wird, je nachdem er fähig
geworden ist, ihren Inhalt zu verstehen und zu begreifen.
Meine Bücher sollen ihn durch das ganze Leben begleiten.
Er soll sie als Knabe, als Jüngling, als Mann, als
Greis lesen, auf jeder dieser Altersstufen das, was ihrer
Höhe entsprechend ist. Das Alles langsam, mit
Ueberlegung und Bedacht. Wer meine Bücher verschlingt,
und zwar wahllos verschlingt, um den ist es vielleicht
schade; auf alle Fälle aber ist es noch mehr schade um sie!
Wer sie mißbraucht, der soll nicht mich oder sie, sondern
sich selbst zur Verantwortung ziehen. Ich erinnere da
an das Rauchen, an das Essen und Trinken. Rauchen
ist ein Genuß. Essen und Trinken ist unerläßlich. Aber
jederzeit zu rauchen, zu essen, zu trinken, und Alles, was
einem geboten wird, zu rauchen und zu verzehren, würde
nicht nur töricht, sondern sogar schädlich sein. Eine gute,
interessante Lektüre soll man genießen, aber nicht wie ein
Haifisch verschlingen! Da meine Bücher nur Gleichnisse
und Märchen enthalten, versteht es sich ganz von selbst,
daß man reiflich über sie nachdenken soll und daß sie
nur in die Hände von Leuten gehören, die nicht nur
nachdenken können, sondern auch nachdenken wollen.
Als ich damals diese Gedanken erwog und meine
Pläne faßte, hatte ich zwar schon Verschiedenes geschrieben
und an die Oeffentlichkeit gegeben, aber es war mir noch
nicht eingefallen, mich als Schriftsteller oder gar als
Künstler zu bezeichnen. Und jeder wirkliche Schriftsteller
muß doch zugleich auch Künstler sein. Ich hielt mich
noch nicht einmal für einen zünftigen Lehrling, sondern
nur erst für einen außerhalb der Zunft herumtastenden
Anfänger, der seine ersten, kindlichen Gehversuche macht.
Und doch schon so weit umfassende, weit hinausreichende
Pläne! Wenn ich diese Pläne überschaute, so hätte mir
eigentlich himmelangst werden sollen, denn es gehörten jedenfalls
mehrere arbeitsreiche, ungestörte, glückliche Menschenleben
dazu, den vor mir liegenden Stoff echt literarisch,
also künstlerisch zu bewältigen. Aber es wurde mir doch
nicht angst, sondern ich blieb sehr ruhig dabei. Ich fragte
mich: Muß man denn Schriftsteller sein, und muß man
denn Künstler sein, um solche Sachen schreiben zu dürfen?
Wer will und kann es Einem verbieten? Machen wir es
ohne Zunft, wenn es nur richtig wird! Und machen wir
es ohne Kunst, wenn es nur Wirkung hat und das erreicht,
was es erreichen soll! Ob Schriftsteller und Künstler
mich als "Kollegen" gelten lassen würden, das mußte
mir damals gleichgültig sein. Zwar, meinen individuellen
Stolz besaß ich ebenso wie jeder andere Mensch, und von
Kunst dachte ich so hoch, wie man nur denken kann. Aber
diese meine Gedanken waren anders als diejenigen anderer
Leute, besonders der Fachgenossen. Künstler zu sein,
dünkte mich das Allerhöchste auf Erden, und es lebte tief
in meinem Herzen der heiße Wunsch, diese Höhe zu erreichen,
und sollte es erst noch in der letzten Stunde vor
meinem Tode sein. Jener Kindheitsabend, an dem ich
den "Faust" zu sehen bekam, stand noch unvergessen in
meiner Seele, und die Vorsätze, die ich an ihn geschlossen
hatte, besaßen noch ganz denselben Willen und dieselbe
Macht über mich wie vorher. Für das Theater schreiben!
Dramen schreiben! Dramen, in denen gezeigt wird, wie
der Mensch aufsteigen soll und aufsteigen kann aus dem
Erdenleide zur Daseinsfreude, aus der Sklaverei des
niedern Triebes zur Seelenreinheit und zur Seelengröße.
Um so Etwas schreiben zu können, muß man Künstler
sein, und zwar echter, wahrer Künstler. Aber was ich
nur da als Kunst dachte, das war etwas ganz Anderes
als das, was die heutige Kritik als Kunst bezeichnet, und
so blieb mir weiter nichts übrig, als alle meine Wünsche,
die sich darauf bezogen, als Literat ein Künstler, und
zwar ein wahrer, wertvoller Künstler sein zu dürfen, für
lange, lange Jahre zurückzustellen und bis dahin zu bleiben,
was ich eben war, nämlich ein unzünftiger Anfänger, der
nicht die geringste Prätentien [sic] besaß, ein Zunftgenosse zu
werden. Wie ich stets, seitdem ich lebte, abgesondert und
einsam gestanden hatte, so war ich schon damals überzeugt,
daß auch mein Weg als Literat ein einsamer sein
und bleiben werde, so weit mein Leben reiche. Was ich
suchte, fand sich nicht im alltäglichen Leben. Was ich
wollte, war etwas dem gewöhnlichen Menschen vollständig
Fernliegendes. Und was ich für richtig hielt, das war
höchst wahrscheinlich für andere Leute das Falsche.
Zudem war ich ja ein bestrafter Mensch. Da lag es mir
nahe, ganz für mich zu bleiben und keinen wertvolleren
Menschen mit mir zu belästigen. In Beziehung auf
Kunst war ich nicht sachverständig. Vielleicht hatten die
andern recht; ich konnte irren. Für alle Fälle aber hielt
mich mein Ideal fest, am Abende meines Lebens, nach
vollendeter Reife, ein großes, schönes Dichterwerk zu
schaffen, eine Symphonie erlösender Gedanken, in der
ich mich erkühne, Licht aus meiner Finsternis zu schöpfen,
Glück aus meinem Unglück, Freude aus meiner Qual.
Dies für später, wenn mir der Tod einst seinen ersten
Wink erteilt. Für jetzt aber galt es, zu lernen, viel zu
lernen und auf dieses Werk vorzubereiten, damit es
nicht mißlinge. Jetzt Märchen und Gleichnisse geben,
um dann am Schlusse des Lebens aus ihnen die Wahrheit
und die Wirklichkeit zu ziehen und auf die Bühne
zu bringen!
Aber diese Gleichnisse sind nicht kurze Schriftstücke
wie z. B. die herrlichen Gleichnisse Christi, sondern
lange Erzählungen, in denen viele Personen handelnd
auftreten. Und ihre Zahl ist groß; sie sollen eine
ganze Reihe von Bänden füllen und das Material für
jene spätere große Aufgabe bilden, mit der ich meine
Tätigkeit beschließen will. Sie können also keine
sorgfältig ausgeführten Gemälde sein, sondern nur
Federzeichnungen, nur Skizzen, Vorübungen, Etuden, an
welche nicht der Maßstab gelegt werden darf, der nur
für ausgesprochene Kunstwerke gilt. Ich kann und will
und darf kein kunstvollendeter Paul Heyse sein, sondern
meine Aufgabe ist, aus hochgelegenen Marmor und
Alabasterbrüchen die Blöcke für spätere Kunstwerke zu brechen,
deren Form ich höchstens andeuten kann, weil mir die
Zeit zur Ausführung nicht zur Verfügung steht. Diese
Andeutung gebe ich eben in Märchen, die meinen
erzählenden Gleichnissen eingeschoben sind und die Punkte
bilden, um welche sich das Interesse des Lesers
konzentriert. Die künstlerische Kritik braucht sich also mit
meinen Reiseerzählungen nicht zu befassen, weil es gar
nicht meine Absicht ist, ihnen eine künstlerische Form oder
gar Vollendung zu geben. Sie haben den einfachen,
schlichten Arm- oder Fußringen der Araberinnen zu
gleichen, die weiter nichts sein sollen, als eben nur silberne
Ringe. Der Wert liegt im Metall, nicht in der Arbeit.
Der Maler, welcher flüchtige Skizzen zeichnet, um ein
großes Gemälde vorzubereiten, würde sich gewiß über
den Kritiker verwundern, der an diese Skizzen denselben
Maßstab legen wollte, den er dann später an das
Gemälde zu legen hat.
Soviel über die Pläne, welche damals in mir entstanden
und die ich festgehalten und befolgt habe bis auf
den heutigen Tag. Sie kamen nicht plötzlich, und sie
kamen nicht in gesellschaftlicher Fülle, sondern langsam,
einer nach dem andern. Und sie reiften nicht eilig aus,
sondern es dauerte monate- und jahrelang, ehe ich mir
von dem einen Punkt bis zum nächsten klar geworden
war. Ich hatte aber auch genugsam Zeit dazu. Ich
legte mir eine Art von Buchhaltung über diese Pläne
und ihre Ausführung an; ich habe sie mir heilig aufgehoben
und besitze sie noch heut. Jeder Gedanke wurde
in seine Teile zerlegt, und jeder dieser Teile wurde notiert.
Ich stellte sogar ein Verzeichnis über die Titel und den
Inhalt aller Reiseerzählungen auf, die ich bringen wollte.
Ich bin zwar dann nicht genau nach diesen Verzeichnissen
gegangen, aber es hat mir doch viel genützt, und ich
zehre noch heut von Sujets, die schon damals in mir
entstanden. Auch schriftstellerte ich fleißig; ich schrieb
Manuskripte, um gleich nach meiner Entlassung möglichst
viel Stoff zur Veröffentlichung zu haben. Kurz, ich war
begeistert für mein Vorhaben und fühlte mich, obgleich
ich Gefangener war, unendlich glücklich in der Aussicht
auf eine Zukunft, die, wie ich wohl hoffen durfte, keine
ganz gewöhnliche zu werden versprach.
Das Schicksal schien mit meinen Vorsätzen einverstanden
zu sein. Es spendete mir, als ob es mich für
alles Leid entschädigen wolle, eine reiche, hochwillkommene
Gabe: Ich wurde begnadigt. Die Direktion hatte für
mich ein Gnadengesuch eingereicht, auf welches ich ein
volles Jahr meiner Strafzeit erlassen bekam. Ich stand
in der ersten Disziplinarklasse und erhielt ein
Vertrauenszeugnis ausgestellt, welches mir den Rückweg in das
Leben glättete und mich aller polizeilichen Scherereien
überhob. Der Kenner weiß, was das bedeutet!
Es war ein schöner, warmer Sonnentag, als ich die
Anstalt verließ, zum Kampfe gegen des Lebens Widerstand
mit meinen Manuskripten bewaffnet. Ich hatte nach
Hause geschrieben, um die Meinigen von meiner Heimkehr
zu benachrichtigen. Wie freute ich mich auf das
Wiedersehen. Angst vor Vorwürfen brauchte ich nicht zu
haben; dies war ja schon längst durch Briefe geordnet.
Ich wußte, daß ich willkommen sei und daß man mir
mit keinem Worte wehe tun werde. Am meisten freute
ich mich auf Großmutter. Wie mußte sie sich gegrämt
und gehärmt haben! Und wie gern würde sie mir ihre
alte, liebe, treue Hand entgegenstrecken. Wie entzückt
würde sie über meine Pläne sein! Wie sehr würde sie
mir helfen, sie auszudenken und so tief wie möglich
auszuschöpfen! Ich ging von Zwickau nach Ernsttal, also
genau denselben Weg, den ich damals als Knabe
gegangen war, um in Spanien nach Hilfe zu suchen. Es
läßt sich denken, was für Gedanken mich auf diesem Weg
begleiteten. Ich hatte auf jenem Heimwege mit dem
Vater den Vorsatz gefaßt, ihn nie wieder durch Derartiges
zu betrüben; wie schlecht aber hatte ich Wort gehalten!
Sollte ich heut etwa ähnliche Vorsätze fassen, für deren
Erfüllung die Ohnmacht des Menschen keine Gewähr zu
leisten vermag? Das "Märchen von Sitara" tauchte
vor mir auf. Gehörte ich vielleicht zu denen, auf deren
Seelen, wenn sie geboren werden, der Teufel wartet, um
sie in das Elend zu schleudern, so daß sie verloren gehen?
Alles Sträuben und Aufbäumen hilft nichts; sie sind dem
Untergange geweiht. Gilt das auch mir?
Meine Gedanken wurden trüber und trüber, je mehr
ich mich der Heimat näherte. Es war, als ob mir von
dort aus böse Ahnungen entgegenwehten. Meine frohe
Zuversicht schien mich verlassen zu wollen; ich mußte mir
Mühe geben, sie festzuhalten. Von der Lungwitzer Höhe
aus schaute ich über das Städtchen hin. Da schlängelten
sich vor meinen Augen die Wege, die ich damals so oft
gegangen war, in heißem Kampfe mit jenen fürchterlichen
inneren Stimmen liegend, die mir Tag und Nacht hindurch
in einem fort die Worte "des Schneiders Fluch,
des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch" zuriefen.
Und was war das? Indem ich hieran dachte, hörte ich
ganz dieselbe Stimme erklingen, in mir, ganz deutlich, wie
erst nur von Weitem, aber sie schienen sich zu nähern, "des
Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders
Fluch!" Sollte und wollte sich das etwa wiederholen?
Ich erschrak, wie ich noch nie erschrocken bin, und eilte
von dieser Stelle und von dieser Erinnerung fort, die
Höhe hinab, durch das Städtchen hindurch, nach Hause,
nach Hause, nach Hause!
Ich kam eher, als man mich erwartete. Meine Eltern
wohnten noch im ersten Stock desselben Hauses. Ich stieg
die Treppe empor und dann gleich noch eine zweite hinauf
nach dem Bodenraume, wo Großmutter sich immer am
liebsten aufgehalten hatte. Ich wollte zunächst zu ihr und
dann erst zu Vater, Mutter und Geschwistern. Da sah ich
die wenigen Sachen, die sie besessen hatte; sie selbst aber
war nicht da. Da stand ihre Lade, mit blauen und gelben
Blumen bemalt. Sie war verschlossen, der Schlüssel
abgezogen. Und da stand ihre Bettstelle; sie war leer. Ich
eilte hinab in die Wohnstube. Da saßen die Eltern. Die
Schwestern fehlten. Das war Zartgefühl. Sie hatten
gemeint, die Eltern gingen vor. Ich grüßte gar nicht und
fragte, wo Großmutter sei. "Tot -- -- -- gestorben!"
lautete die Antwort. "Wann?" "Schon voriges Jahr."
Da sank ich auf den Stuhl und legte Kopf und Arme
auf den Tisch. Sie lebte nicht mehr! Man hatte es mir
verschwiegen, um mich zu schonen, um mir die Gefangenschaft
nicht noch zu erschweren. Das war ja recht gut
gedacht; nun aber traf es mich um so wuchtiger. Sie war
nicht eigentlich krank gewesen; sie war nur so
hingeschwunden, vor Gram und Leid um -- -- -- mich!
Es dauerte lange Zeit, ehe ich den Kopf wieder hob,
um die Eltern nun zu grüßen. Sie erschraken. Sie
sagten mir später, mein Gesicht habe schlimmer ausgesehen
als dasjenige einer Leiche. Die Geschwister kamen hinzu.
Sie freuten sich des Wiedersehens, aber sie schauten mich
so sonderbar an, so scheu. Das war nichts weiter als
der Reflex meines eigenen Gesichts. Ich gab mir zwar
die größte Mühe, aber ich konnte den Schlag, der mich
soeben getroffen hatte, doch nicht ganz verbergen. Ich
wollte nur von Großmutter wissen, jetzt weiter nichts, und
man erzählte mir. Sie hatte sehr viel von mir gesprochen,
aber niemals ein Wort, welches mich hätte kränken müssen,
wenn ich dabeigewesen wäre. Und sie hatte nie geklagt
oder gar geweint. Sie hatte gesagt, nun wisse sie, daß
ich eine jener Seelen sei, die bei ihrer Geburt zur falschen
Stelle geschleudert werden, um dort vernichtet zu werden.
Nun sei sie überzeugt, daß ich durch die Geisterschmiede
müsse, um alle irdischen Qualen über mich ergehen zu lassen.
Aber sie wisse, ich werde nicht schreien, ich werde tragen,
was zu tragen ist, und mir den Weg nach Dschinistan [sic]
erzwingen. Je näher sie dem Tode kam, desto
ausschließlicher lebte sie nur noch ihrer Märchenwelt und
desto ausschließlicher sprach sie nur noch von mir. An
einem der letzten Tage erzählte sie, daß der längst
verstorbene Herr Kantor heute Nacht bei ihr gewesen sei.
Er war unser Nachbar gewesen. Die beiden Häuser
stießen aneinander. Da habe sich plötzlich im Dunkel
die Mauer auseinander getan, und es sei hell geworden,
aber nicht in einem gewöhnlichen Licht, sondern von einem,
welches sie noch nie gesehen habe. Von ihm beleuchtet,
sei der Herr Kantor erschienen. Er haben genauso
ausgesehn wie damals, als er noch lebte. Er sei langsam
bis an ihr Bett gekommen, habe sie freundlich lächelnd
gegrüßt, wie es immer seine Art und Weise war, und
dann gesagt, daß sie sich ja nicht um mich sorgen solle;
ich könne wohl stürzen wie jeder Andere, nicht aber liegen
bleiben; es werde mir zwar schwer gemacht, doch erreiche
ich sicher mein Ziel. Nach diesen Worten nickte er ihr
wieder freundlich zu und ging ebenso langsam, wie er
gekommen war, nach der Mauerlücke zurück. Sie schloß
sich hinter ihm. Das Licht verschwand; es wurde wieder
dunkel.
Als sie das erzählt hatte, war es gewesen, als ob
ein Teil jenes fremden, ihr bisher unbekannten Lichtes
auf ihrem Gesicht zurückgeblieben sei, und es lag auch
noch dann darauf, als sie die Augen geschlossen hatte
und nicht mehr atmete. Ihr Tod war ein sanfter, ein
friedlicher, ein seliger gewesen; mir aber war gar nicht
friedlich und gar nicht selig zu Mute, als man mir von
ihm erzählte. Es tauchten Vorwürfe in mir auf, aber
keine Vorwürfe, die nur Gedanken sind, wie bei andern
Leuten, die nicht von derselben Veranlagung sind wie ich,
sondern Vorwürfe viel wesentlicherer, viel kompakterer
Art. Ich sah sie in mir kommen, und ich hörte, was
sie sagten, jedes Wort, ja wirklich, jedes Wort! Das
waren nicht Gedanken, sondern Gestalten, wirkliche Wesen,
die nicht die geringste Identität mit mir zu besitzen schienen
und doch identisch waren. Welch ein Rätsel! Aber welch
ein ungewöhnliches, furchtbar beängstigendes Rätsel! Sie
glichen jenen in mir schreienden, dunkeln Gestalten
von früher her, mit denen ich -- -- -- mein Gott, kaum
hatte ich an sie gedacht, so waren sie wieder da, ganz so,
wie ich damals gezwungen gewesen war, sie in meinem
Innern zu sehen und zu hören. Ich vernahm ihre Stimmen
so deutlich, als ob sie vor mir stünden und an Stelle
der Eltern und Geschwister mit mir sprächen. Und sie
blieben. Sie gingen, als ich mich niederlegte, mit mir
schlafen. Aber sie schliefen nicht und ließen auch mich nicht
schlafen. Es begann das frühere Elend, die frühere
Marter, der frühere Kampf mit unbegreiflichen Mächten,
die um so gefährlicher waren, als ich absolut nicht entdecken
konnte, ob sie Teile von mir seien oder nicht. Sie
schienen es zu sein, denn sie kannten einen jeden meiner
Gedanken, noch ehe er mir selbst zum Bewußtsein kam.
Und doch konnten sie ganz unmöglich zu mir gehören,
weil das, was sie wollten, fast stets das Gegenteil von
meinem Willen war. Ich hatte mit meiner Vergangenheit
abgeschlossen. Der vor mir liegende Teil meines
Lebens sollte ein ganz anderer sein, als der, welcher hinter
mir lag. Diese Stimmen aber waren bemüht, mich mit
aller Gewalt in die Vergangenheit zurückzuzerren. Sie
verlangten wie früher, daß ich mich rächen solle. Nun
erst recht mich rächen, für die im Gefängnis verlorene,
köstliche Zeit! Sie wurden von Tag zu Tag lauter; ich
aber stemmte mich gegen sie; ich tat, als ob ich nichts,
gar nichts höre. Das war aber selbst bei der größten
Kraftaufwendung nicht länger als höchstens nur einige
Tage lang auszuhalten. Indessen besuchte ich einige
Verleger, um mit ihnen über die Herausgabe der im Gefängnisse
geschriebenen Manuskripte zu verhandeln. Hierbei
stellte es sich heraus, daß während dieser meiner
Abwesenheit die inneren Stimmen um so mehr verstummten,
je weiter ich mich von der Heimat entfernte, und wieder
um so deutlicher wurden, je mehr ich mich ihr wieder
näherte. Es war, als ob diese finstern Gestalten dort
seßhaft seien und nur dann über mich herfallen könnten,
wenn ich die Unvorsichtigkeit beging, mich dort einzufinden.
Ich beschloß hierauf die Probe zu machen. Ich kassierte
meine Honorare ein und machte eine längere Auslandsreise.
Wohin, das habe ich im zweiten Bande dieses
Werkes zu erzählen, in welchem meinen Reisen und ihren
Ergebnissen ein größerer Raum gewidmet werden soll,
als ich ihnen hier gewähren könnte. Während dieser
Reise verschwanden diese Bilder ganz und gar; ich wurde
vollständig frei von ihnen. Dafür aber stellte sich ein
ganz ungewöhnlicher Drang in mir ein, nach der Heimat
zurückzukehren. Es war kein gesunder, sondern ein kranker
Trieb; das fühlte ich gar wohl, aber er wurde so stark,
daß ich die Widerstandskraft verlor und ihm gehorchte.
Ich kehrte heim, und kaum war ich dort, so stürzte sich
Alles, was ich beseitigt glaubte, wieder auf mich. Die
Anfechtungen begannen von Neuem. Ich vernahm unausgesetzt
den inneren Befehl, an der menschlichen Gesellschaft
Rache zu nehmen, und zwar dadurch Rache, daß
ich mich an ihren Gesetzen vergriff. Ich fühlte, daß ich,
falls ich diesem Befehle Gehorsam leiste, ein höchst
gefährlicher Mensch sein werde, und nahm alle mir gegebene
Kraft zusammen, gegen dieses entsetzliche Schicksal
anzukämpfen.
Ich halte es hier für nötig, zu konstatieren, daß ich
meinen Zustand keineswegs für pathologisch hielt. Alle
meine Vorfahren waren, soweit ich sie kannte, sowohl
körperlich als auch geistig kerngesunde Menschen gewesen.
Es gab nichts Atavistisches an mir. Was sich in dieser
Beziehung mir angeheftet hatte, das war gewiß nicht
von innen heraus erzeugt, sondern von außen her an
mich herangetreten. Ich arbeitete fleißig, fast Tag und
Nacht, wie ich überhaupt an der Arbeit stets meine größte
Freude gefunden habe. Man kaufte meine Sachen gern.
Ich litt also keineswegs Not, zumal ich bei den Eltern
wohnte, die sich jetzt auch besser standen als früher. Ich
hätte vollständig zu leben gehabt, auch wenn ich mir nichts
verdiente. Bei diesen Arbeiten wiederholte sich das, was
ich schon früher beschrieben habe. Wenn ich etwas Gewöhnliches
schrieb, stellte sich nicht die geringste Hinderung
ein. Sobald ich mir aber ein höheres Thema stellte,
eine geistig, religiös oder ethisch wertvollere Aufgabe,
wurden Gewalten in mir rege, die sich dagegen empörten
und mich dadurch hinderten, meine Arbeit zustande zu
bringen, daß sie mir, wahrend ich schrieb, die trivialsten,
blödesten oder gar verbotensten Gedanken dazwischenwarfen.
Ich sollte nicht empor; ich sollte unten bleiben. Hierzu
gesellte sich ein alter, sehr wohlbekannter Hallunke, dem
Niemand trauen darf, und wenn er auch noch so schmeichelt;
ich meine den Durst. Der Abscheu vor Branntwein ist
mir angeboren; ich genieße ihn höchstens als Arznei.
Wein war mir schon des Preises wegen bisher versagt,
und auch für Bier besitze ich keineswegs die Zuneigung,
welche man empfinden muß, um ein Trinker zu werden.
Jetzt aber fühlte ich seltsamer Weise stets großen Durst,
wenn ich auf meinen Spaziergängen an einem Wirtshause
vorüberging, und auch des Abends, wenn Andere nicht
mehr arbeiteten, trat mir das Verlangen nahe, die Feder
hinzulegen und in die Kneipe zu gehen, wie sie. Ich tat
es aber nicht. Vater tat es. Er konnte sein Glas einfaches
Bier und sein Schnäppschen [sic] nicht gut entbehren.
Ich aber hatte keine Lust dazu und blieb daheim. Das
war mir nicht etwa ein Opfer und fiel mir nicht etwa
schwer, o nein. Ich erzähle es nur des psychologischen
Interesses wegen, weil es mir höchst sonderbar erscheint,
daß dieser meiner ganzen Natur widersprechende und mir
sonst vollständig fremde Durst nach Spirituosen immer
nur dann auftrat, wenn jene Stimmen die Oberhand in
mir hatten, sonst aber nie!
Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Großmutter
meine Arbeitspläne vorzulegen; nun war sie tot. Ich
sprach hierüber also mit den Eltern und Geschwistern.
Vater hatte jetzt Anderes zu denken. Er war in einer
Art sozialer Mauserung begriffen und darum für mich
nicht zu haben, zumal er des Abends nie daheim blieb.
Auch die Schwestern hatten andere Interessen. Mein
ganzer Gedankenkreis war ihnen fremd. So blieb mir
nur die Mutter. Sie saß des Abends mit ihrem Strickstrumpf
still am Tische, an dem ich schrieb. Ich legte
ihr so gern die Gedanken vor, mit denen ich meine Feder
beschäftigte. Sie hörte mir ruhig zu. Sie nickte
einverstanden. Sie lächelte ermutigend. Sie sagte ein liebes,
tröstendes Wort. Sie war wie eine Heilige. Aber auch
sie verstand mich nicht. Sie fühlte nur; sie ahnte. Und
sie wünschte von ganzem Herzen, daß Alles so werden
möchte, wie ich es mir ersehnte. Und als sie sah, wie
fest und unerschütterlich ich an meine Zukunft glaubte,
da glaubte auch sie und war so froh, wie eine Mutter
sein kann, deren Kind noch so glücklich ist, sich auf Gott,
auf die Menschheit und auf sich selbst verlassen zu dürfen.
Ich aber fühlte mich einsam, einsam wie immer. Denn
auch im ganzen Orte gab es keinen einzigen Menschen,
der mich hätte verstehen wollen oder gar verstehen können.
Und diese Einsamkeit war mir, grad mir, dem innerlich
so schwer Angefochtenen im höchsten Grade gefährlich.
Nichts war mir nötiger als verständnisvolle Geselligkeit.
Aber ich stand, wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich
stets allein und war also den Gestalten, die mich bezwingen
wollten, fast unausgesetzt und schutzlos preisgegeben.
Und mitten in dieser Schutzlosigkeit wurde ich
nun auch von andern Feinden gepackt, die, obgleich sie
keine inneren, sondern äußerliche waren, doch ebenso wenig
mit den Händen gefaßt werden konnten.
Meine Mutter hatte infolge ihres Berufes unausgesetzt
in andern Familien zu verkehren. Sie war Vertrauensperson.
Man hatte sie gern. Man teilte ihr Alles
mit, ohne daß man sie um Verschwiegenheit zu bitten
brauchte. Sie erfuhr Alles, was im Städtchen und in
der Umgegend geschah. Es hatte irgendwo einen Einbruch
gegeben. Jedermann sprach von ihm. Der Täter war
entkommen. Bald gab es wieder einen, in derselben Weise
ausgeführt. Dazu kamen einige Schwindeleien, wahrscheinlich
von herabgekommenen Handwerksburschen in Szene
gesetzt. Ich hörte gar nicht hin, als man es erzählte,
bemerkte aber nach einiger Zeit, daß Mutter noch ernster
als gewöhnlich war und mich, wenn sie glaubte, unbeobachtet
zu sein, so eigentümlich mitleidig betrachtete. Ich
blieb anfänglich still, glaubte aber sehr bald, sie nach dem
Grunde fragen zu müssen. Sie wollte nicht antworten;
ich bat aber so lange, bis sie es tat. Es zirkulierte ein
Gerücht, ein unfaßbares Gerücht, daß ich jener Einbrecher
sei. Wem sollte man es zutrauen, als mir, dem entlassenen
Gefangenen? Ich lachte äußerlich dazu, innerlich aber war
ich empört, und es gab einige schwere Nächte. Es brüllte
vom Abend bis zum Morgen in meinem Innern. Die
Stimmen schrien mir zu: "Wehre dich, wie du willst,
wir geben dich nicht los! Du gehörst zu uns! Wir
zwingen dich, dich zu rächen! Du bist vor der Welt ein
Schurke und mußt ein Schurke bleiben, wenn du Ruhe
haben willst!" So klang es bei Nacht. Wenn ich am
Tage arbeiten wollte, brachte ich nichts fertig. Ich konnte
nicht essen. Mutter hatte es auch dem Vater gesagt.
Beide baten mich, mir die Sache nicht zu Herzen zu
nehmen. Sie konnten für mich eintreten. Sie wußten
ja genau, daß ich in den betreffenden Zeiten nicht aus
dem Haus gekommen war. Was wir erfuhren, war alles
im Vertrauen gesagt. Kein Name wurde genannt. Darum
gab es keinen Punkt, an dem ich zugreifen konnte, mich
zu wehren. Aber es kam schlimmer. Die heimatliche
Polizei wollte mir nicht wohl. Ich war mit Vertrauenszeugnis
entlassen worden und darum ihrer Aufsicht entgangen.
Jetzt glaubte sie, Veranlassung zu haben, sich
mit mir zu beschäftigen. Es kamen einige neue Schelmenstreiche
vor, deren Täter ganz unbedingt mit einer gewissen
Intelligenz behaftet waren. Man glaubte, dies
auf mich deuten zu müssen. Das war zu derselben Zeit,
in der sich die schon erwähnte "Lügenschmiede" zu bilden
begann. Neue Gerüchte kursierten, romantisch
ausgeschmückt. Der Herr Wachtmeister erkundigte sich unter
der Hand, wo ich an dem und dem Tag, zu der und der
Zeit gewesen sei. Die Augen hingen an mir, wo ich mich
sehen ließ; aber sobald ich diese Blicke wiedergab, schaute
man schnell hinweg. Da kam ein armer Wurm, aber ein
guter Kerl, ein Schulkamerad, der mich immer lieb gehabt
hatte und auch jetzt noch an mir hing. Der war sprichwörtlich
unbeholfen und unverzeihlich aufrichtig. Er hielt
grob sein für Menschenpflicht. Der konnte es nicht
länger aushalten. Er kam zu mir und erzählte mir auf
Handschlag und Schweigepflicht Alles, was gegen mich
im Schwange ging. Das war so dumm und doch so empörend,
so leichtsinnig und gewissenlos, so -- -- so -- --
so -- -- so -- -- -- ich fand keine Worte, dem armen,
wohlmeinenden Menschen für seine schmerzhafte Aufrichtigkeit
zu danken. Aber als er mein Gesicht sah, machte er
sich so schnell wie möglich von dannen.
Das war ein schwerer, ein unglückseliger Tag. Es
trieb mich fort, hinaus. Ich lief im Wald herum und
kam spät abends todmüde heim und legte mich nieder, ohne
gegessen zu haben. Trotz der Müdigkeit fand ich keinen
Schlaf. Zehn, fünfzig, ja hundert Stimmen verhöhnten
mich in meinem Innern mit unaufhörlichem Gelächter.
Ich sprang vom Lager auf und rannte wieder fort, in
die Nacht hinein; wohin, wohin, das beachtete ich gar
nicht. Es kam mir vor, als ob die inneren Gestalten aus
mir herausgetreten seien und neben mir herliefen. Voran
der fromme Seminardirektor, dann der Buchhalter, der
mir seine Uhr nicht geborgt haben wollte, eine Rotte von
Kegelschiebern, mit Kegelkugeln in den Händen, und hierauf
die Raubritter, Räuber, Mönche, Nonnen, Geister und
Gespenster aus der Hohensteiner Schundbibliothek. Das
verfolgte mich hin und her; das jagte mich auf und ab.
Das schrie und jubelte und höhnte, daß mir die Ohren
gellten. Als die Sonne aufging, fand ich mich im Innern
eines tiefen, steilen Steinbruchs emporkletternd. Ich hatte
mich verstiegen; ich konnte nicht weiter. Da hatten sie
mich fest, und da ließen sie mich nicht wieder hinab. Da
klebte ich zwischen Himmel und Erde, bis die Arbeiter
kamen und mich mit Hilfe einiger Leitern herunterholten.
Dann ging es weiter, immer weiter, weiter, den ganzen
Tag, die ganze nächste Nacht; dann brach ich zusammen
und schlief ein. Wo, das weiß ich nicht. Es war auf
einem Raine, zwischen zwei eng zusammenstehenden
Roggenfeldern. Ein Donner weckte mich. Es war wieder Nacht,
und der Gewitterregen floß in Strömen herab. Ich eilte
fort und kam an ein Rübenfeld. Ich hatte Hunger und
zog eine Rübe heraus. Mit der kam ich in den Wald,
kroch unter die dicht bewachsenen Bäume und aß. Hierauf
schlief ich wieder ein. Aber ich schlief nicht fest; ich wachte
immer wieder auf. Die Stimmen weckten mich. Sie höhnten
unaufhörlich "Du bist ein Vieh geworden, frissest
Rüben, Rüben, Rüben!" Als der Morgen anbrach, holte
ich mir eine zweite Rübe, kehrte in den Wald zurück und
aß. Dann suchte ich mir eine lichte Stelle auf und ließ
mich von der Sonne bescheinen, um trocken zu werden.
Die Stimmen schwiegen hier; das gab mir Ruhe. Ich
fand einen langen, wenn auch nur oberflächlichen Schlaf,
während dessen Dauer ich mich immer von einer Seite
auf die andere warf, und von kurzen, aufregenden Traumbildern
gequält wurde, die mir vorspiegelten, daß ich bald
ein Kegel, nach dem man schob, bald ein Zigeuner aus
Preziosa und bald etwas noch Schlimmeres sei. Dieser
Schlaf ermüdete mich nur noch mehr, statt daß er mich
stärkte. Ich entwand mich ihm, als der Abend anbrach,
und verließ den Wald. Indem ich unter den Bäumen
hervortrat, sah ich den Himmel blutigrot; ein Qualm
stieg zu ihm auf. Sicherlich war da ein Feuer. Das
war von einer ganz eigenen Wirkung auf mich. Ich
wußte nicht, wo ich war; aber es zog mich fort, das Feuer
zu betrachten. Ich erreichte eine Halde, die mir bekannt
vorkam. Dort setzte ich mich auf einen Stein und starrte
in die Glut. Zwar brannte ein Haus; aber das Feuer war
in mir. Und der Rauch, dieser dicke, erstickende Rauch!
Der war nicht da drüben beim Feuer, sondern hier bei
mir. Der hüllte mich ein, und der drang mir in die Seele.
Dort ballte er sich zu Klumpen, die Arme und Beine und
Augen und Gesichtszüge bekamen und sich in mir bewegten.
Sie sprachen. Aber was? Ich bin mir erst später, viel
später klar über die Entstehung solcher innerer Schreckgebilde
geworden. Damals war ich es noch nicht, und so
konnten sie die entsetzliche Wirkung äußern, gegen welche
meine auf das Aeußerste angespannten Nerven keine
Widerstandskraft mehr besaßen. Ich fiel in mir zusammen, wie
das brennende Haus da drüben zusammenfiel, als die
Flammen niedriger und niedriger wurden und endlich
erloschen. Da raffte ich mich auf und ging. In mir war
auch Alles erloschen. Ich war dumm, vollständig dumm.
Mein Kopf war wie von einer dicken Schicht von Lehm
und Häcksel umhüllt. Ich fand keinen Gedanken. Ich
suchte auch gar nicht danach. Ich wankte beim Gehen.
Ich lief irr. Ich torkelte weiter, bis ich endlich
einen Ort erreichte, an dessen Kirchhof die Straße,
auf der ich mich befand, vorüberführte. Ich lehnte mich
an die Mauer des Gottesackers und weinte. Das war
wohl unmännlich, aber ich hatte nicht die Kraft, es zu
verhindern. Diese Tränen waren keine erlösenden. Sie
brachten mir keine Erleichterung; aber sie schienen meine
Augen zu reinigen und zu stärken. Ich sah plötzlich, daß
es der Ernsttaler Kirchhof war, an dem ich stand. Er
war mir ebenso vertraut wie die Straße, an der er lag;
heut aber hatte ich weder ihn noch sie erkannt.
Der Morgen graute. Ich ging den Leichenweg hinab,
über den Markt hinüber und öffnete leise die Tür unseres
Hauses, stieg ebenso leise die Treppe hinauf nach der
Wohnung und setzte mich dort an den Tisch. Das tat ich ohne
Absicht, ohne Willen, wie eine Puppe, die man am
Faden zieht. Nach einiger Zeit öffnete sich die
Schlafkammertür. Mutter trat heraus. Sie pflegte sehr zeitig
aufzustehen, ihres Berufes wegen. Als sie mich sah,
erschrak sie. Sie zog die Kammertür schnell hinter sich
zu und sagte aufgeregt, aber leise:
"Um Gotteswillen! Du? Hat jemand dich kommen
sehen?"
"Nein," antwortete ich.
"Wie siehst du aus! Schnell wieder fort, fort, fort!
Nach Amerika hinüber! Daß man dich nicht erwischt!
Wenn man dich wieder einsperrt, das überlebe ich nicht!"
"Fort? Warum?" fragte ich.
"Was hast du getan; was hast du getan! Dieses
Feuer, dieses Feuer!"
"Was ist es mit dem Feuer?"
"Man hat dich gesehen! Im Steinbruch -- -- im
Walde -- -- auf dem Felde -- -- und gestern auch bei
dem Haus, bevor es niederbrannte!"
Das war ja entsetzlich, geradezu entsetzlich!
"Mut -- -- ter! Mut -- -- ter!" stotterte ich. "Glaubst
du etwa, daß -- -- --"
"Ja, ich glaube es; ich muß es glauben, und Vater
auch," unterbrach sie mich. "Alle Leute sagen es!"
Sie stieß das hastig hervor. Sie weinte nicht, und
sie jammerte nicht; sie war so stark im Tragen innerer
Lasten. Sie fuhr in demselben Atem fort:
"Um Gottes willen, laß dich nicht erwischen, vor
allen Dingen nicht hier bei uns im Hause! Geh, geh!
Ehe die Leute aufstehen und dich sehen! Ich darf nicht
sagen, daß du hier warst; ich darf nicht wissen, wo du
bist; ich darf dich nicht länger sehen! Geh also, geh!
Wenn es verjährt ist, kommst du wieder!"
Sie huschte wieder in die Kammer hinaus, ohne mich
berührt zu haben und ohne auf ein ferneres Wort von
mir zu warten. Ich war allein und griff mir mit beiden
Händen nach dem Kopfe. Ich fühlte da ganz deutlich
die dicke Lehm- und Häckselschicht. Dieser Mensch, der
da stand, war doch nicht etwa ich? An den die eigene
Mutter nicht mehr glaubte? Wer war der Kerl, der in
seiner schmutzigen, verknitterten Kleidung aussah, wie ein
Vagabund? Hinaus mit ihm, hinaus! Fort, fort!
Ich habe noch so viel Verstand gehabt, den
Kleiderschrank zu öffnen und einen andern, saubern Anzug
anzulegen. Dann bin ich fortgegangen. Wohin? Die
Erinnerung läßt mich im Stich. Ich war wieder krank
wie damals. Nicht geistig, sondern seelisch krank. Die
inneren Gestalten und Stimmen beherrschten mich
vollständig. Wenn ich mir Mühe gebe, mich auf jene Zeit
zu besinnen, so ist es mir wie Einem, der vor fünfzig
Jahren irgend ein Theaterstück gesehen hat und nach
dieser Zeit noch wissen soll, was von Augenblick zu
Augenblick geschah und wie die Kulissen sich verwandelten.
Einzelne Bilder sind mir geblieben, doch so undeutlich,
daß ich nicht behaupten kann, was wahr daran ist und
was nicht. Ich habe in jener Zeit jenen dunklen Gestalten
gehorcht, welche in mir wohnten und mich beherrschten.
Was ich getan habe, erscheint jedem Unbefangenen
unglaublich. Man beschuldigte mich, einen
Kinderwagen gestohlen zu haben! Wozu? Ein leeres
Portemonnaie mit nur drei Pfennigen Inhalt! Anderes
ist schon glaublicher und Einiges direkt erwiesen. Man
hatte mich festgenommen, und wo Etwas geschehen war,
da transportierte man mich als "hoffentlichen Täter" hin.
Das war eine hochinteressante Zeit für die Habitués der
Ernsttaler Lügenschmiede. Da wurde fast täglich Neues
erzählt oder Altes variiert, was ich begangen haben sollte.
Jeder Vagabund, der in den Ortsbereich dieser Märchen
kam, legte sich meinen Namen bei, um auf meine Rechnung
hin zu sündigen. Das war selbst für einen äußerlich
und innerlich Gefangenen zuviel. Ich zerbrach
während eines Transportes meine Fesseln und verschwand.
Wohin, das beabsichtige ich, im zweiten Bande, in dem
ich von meinen Reisen erzähle, ausführlich zu berichten.
Für jetzt ist nur dasselbe wie früher zu erwähnen, nämlich,
daß ich seelisch um so freier wurde, je weiter ich mich
von der Heimat entfernte, daß mich draußen in der Ferne
ein unwiderstehlicher Trieb zur Heimkehr packte und daß
ich innerlich wieder um so freier wurde, je mehr ich mich
der Gegend meines Geburtsortes näherte. Gibt es
Jemand, der das zu ergründen vermag? Ich folgte teils
jenem unbegreiflichen Zwange, teils kehrte ich freiwillig
zurück, und zwar um meiner guten Pläne und um meiner
Zukunft willen. Hatte ich gesündigt; so hatte ich zu büßen;
das verstand sich ganz von selbst. Und bevor diese Buße
nicht erledigt war, konnte es für mich keine ersprießliche
Arbeit und keine Zukunft geben. Ich kehrte also nach
fünf Monaten wieder heim, um mich dem Gericht zu
stellen, tat dies aber leider nicht stracks, wie es richtig
gewesen wäre, sondern verfiel jenen inneren Gewalten,
die sich wieder einstellten und mich verhinderten, zu tun,
was ich mir vorgenommen hatte. Die Folge davon war,
daß ich, anstatt mich freiwillig zu stellen, ergriffen wurde.
Das verschärfte meine Lage derart, daß ich die Strenge
des Richters, der mein Urteil fällte, vollständig begreife.
Umso weniger aber ist der Rechtsanwalt zu begreifen,
der mir von Gerichts wegen als Verteidiger gestellt
wurde. Er hat mich nicht verteidigt, sondern belastet,
und zwar in der schlimmsten Weise. Er bildete sich ein,
bei dieser billigen Gelegenheit Kriminalpsychologie treiben
zu können oder treiben zu sollen, und doch fehlte ihm
nicht mehr als Alles, was nötig ist, um eine solche
Aufgabe auch nur einigermaßen zu lösen. Ich hätte gar
wohl leugnen können, gab aber Alles, dessen man mich
beschuldigte, glattweg zu. Das tat ich, um die Sache
um jeden Preis los zu werden und so wenig wie möglich
Zeitverlust zu erleiden. Dieser Advokat war unfähig, mich
oder überhaupt ein nicht ganz alltägliches Seelenleben
zu begreifen. Das Urteil lautete auf 4 Jahre Zuchthaus
und zwei Jahre Polizeiaufsicht. So schwer es mir fällt,
dies für die Oeffentlichkeit niederzuschreiben, ich kann mich
nicht davon entbinden; es muß so sein. Nicht mich bedaure
ich, sondern meine armen, braven Eltern und Geschwister,
welch erstere mir noch im Grabe leid tun, daß
ihr Sohn, auf den sie so große, vielleicht nicht ganz
unberechtigte Hoffnungen setzten, durch die unendliche
Grausamkeit der Tatsachen und Verhältnisse gezwungen
ist, derartige Geständnisse zu machen.
Es kann mir nicht einfallen, die Missetaten, die mir
vorgeworfen werden, hier aufzuzählen. Mein Henker,
Schinder und Abdecker zu sein, überlasse ich jener
abgrundtiefen Ehrlosigkeit, die mich vor nun zehn Jahren an
das Kreuz geschlagen und während dieser Zeit keinen
Augenblick lang aufgehört hat, immer neue Qualen für
mich zu ersinnen. Sie mag in diesen Fäkalienstoffen
weiterwühlen, zum Entzücken aller jener niedern Lebewesen,
denen diese Stoffe Lebensbedingungen sind. Und
ebensowenig bin ich gewillt, mit dieser meiner jetzigen
Gefangenschaft Sensation zu treiben. Ich habe schlicht
und einfach über sie zu berichten, die Wahrheit zu sagen
und mich dann zu beeilen, diesem vermeintlichen Abgrund,
der aber ganz und gar kein Abgrund ist, für immer Valet
zu sagen.
Meine Strafe war schwer und lang, und der auf
zwei Jahre Polizeiaufsicht lautende Zusatz konnte mir
bei meiner Einlieferung keineswegs als Empfehlung dienen.
Ich war also auf strenge Behandlung gefaßt. Sie war
ernst, aber sie tat nicht weh. Eine Anstaltsdirektion
handelt ganz richtig, wenn sie sich nicht voreingenommen
zeigt, sondern ruhig abwartet, ob und wie der Eingelieferte
sich fügt. Nun, ich fügte mich! Freilich wurde für dieses
Mal auf meinen Stand keine Rücksicht genommen. Man
teilte mich derjenigen Beschäftigung zu, in der grad
Arbeiter gebraucht wurden. Ich wurde Zigarrenmacher.
Ich bat, isoliert zu werden; man gestattete es mir. Ich
habe vier Jahre lang dieselbe Zelle bewohnt und denke
noch heut mit jener eigenartigen, dankbaren Rührung an
sie zurück, welche man stillen, nicht grausamen Leidensstätten
schuldet. Auch die Arbeit wurde mir lieb. Sie
war mir hochinteressant. Ich lernte alle Arten von Tabak
kennen und alle Sorten von Zigarren fertigen, von der
billigsten bis zur teuersten. Das tägliche Pensum war
nicht zu hoch gestellt. Es kam auf die Sorte, auf den
guten Willen und auf die Geschicklichkeit an. Als ich
einmal eingeübt war, brachte ich mein Pensum spielend
fertig und hatte auch noch stunden- und halbe Tage lang
übrige Zeit. Diese Zeit für mich verwenden zu dürfen,
war mein innigster Wunsch, und der wurde mir eher,
viel eher erfüllt, als ich es für möglich hielt.
Ich betone hier ein für allemal, daß es für mich keinen
Zufall gibt. Das weiß ein jeder meiner Leser. Für
mich gibt es nur eine Fügung. So auch in diesem Falle.
Die Anstaltskirche in Waldheim hatte eine protestantische
und eine katholische Gemeinde. Der katholische Katechet
(Anstaltslehrer) fungierte während des katholischen
Gottesdienstes als Organist. Nun war er aber im Laufe der
Zeit so mit neuen Pflichten und vieler Arbeit überbürdet
worden, daß er für das Orgelspiel einen Stellvertreter
suchen mußte, zumal er bei Verhinderung des Geistlichen
die Predigt vorzulesen hatte und also nicht auch
noch die Orgel übernehmen konnte. Die Direktion billigte
ihm zu, sich einen Vertreter unter den Gefangenen zu
suchen. Er tat es. Es gab eine ganze Anzahl bestrafter
Lehrer unter den Gefangenen. Sie wurden geprüft.
Warum keiner von ihnen genommen wurde, das weiß
ich nicht. Sie waren alle länger da, als ich, hatten
also Zeit gehabt, sich das Vertrauen zu erwerben, welches
zur Bekleidung einer solchen Stelle gehört. Ich aber war
mit nichts weniger als guten Attesten eingeliefert, konnte
der zukünftigen Polizeiaufsicht unmöglich entgehen und
hatte noch keine Zeit gefunden, zu zeigen, daß ich trotzdem
Vertrauen verdiente. Hier liegt die Ursache für mich,
keinen Zufall, sondern eine Schickung anzunehmen. Der
Katechet kam in meine Zelle, unterhielt sich eine Weile
mit mir und ging dann fort, ohne mir etwas zu sagen.
Einige Tage später kam auch der katholische Geistliche.
Auch er entfernte sich nach kurzer Zeit, ohne daß er sich
über den Grund seines Besuches äußerte. Aber am
nächsten Tage wurde ich in die Kirche geführt, an die
Orgel gesetzt, bekam Noten vorgelegt und mußte spielen.
Die Herren Beamten saßen unten im Schiff der Kirche
so, daß ich sie nicht sah. Bei mir war nur der Katechet,
der mir die Aufgaben vorlegte. Ich bestand die Prüfung
und mußte vor dem Direktor erscheinen, der mir eröffnete,
daß ich zum Organisten bestellt sei und mich also sehr
gut zu führen habe, um dieses Vertrauens würdig zu
sein. Das war der Anfang, aus dem sich so sehr viel
für mich und mein Innenleben entwickelte.
Ich, der Protestant, Orgelspieler in einer
katholischen Kirche! Das brachte mir zunächst einige
Bewegungsfreiheiten innerhalb der Anstaltsgebäude. Man
konnte mir doch keinen Aufseher mit an die Orgel stellen!
Aber es brachte mir noch mehr, nämlich Achtung und
diejenige Rücksichtnahme, nach der ich in Beziehung auf
gewisse Aeußerlichkeiten strebte. Der Aufseher unserer
Visitation war ein stiller, ernster Mann, der mir sehr
wohlgefiel; als er im Meldebuch las, daß ich katholischer
Organist geworden sei, kam er verwundert in meine Zelle,
um mich zu fragen, ob vielleicht in meinen Einlieferungsakten
ein Versehen unterlaufen sei; da sei ich als
evangelisch-lutherisch bezeichnet. Ich verneinte das Versehen.
Da sah er mich groß an und sagte:
"Das ist noch gar nicht dagewesen! Da mußt
du -- -- -- hm, da müssen Sie sehr musikalisch sein!"
Die Gefangenen werden natürlich "Du" genannt;
von jetzt an aber sagte er "Sie", und Andere taten ihm
das nach. Das war eine scheinbar kleine, aber trotzdem
sehr wertvolle Errungenschaft, weil aus ihr vieles Andere
folgerte. Bald stellte sich zu meiner freudigen
Ueberraschung heraus, daß mein Aufseher der Dirigent des
Bläserkorps war. Ich erzählte ihm von meiner
musikalischen Beschäftigung in Zwickau. Da brachte er mir
schleunigst Noten, um mir eine Probeaufgabe zu erteilen.
Ich bestand auch diese Prüfung, und von nun an war
dafür gesorgt, daß ich nicht verhindert wurde, in meiner
freien Zeit nach meinen Zielen zu streben. Dieser Aufseher
ist mir ein lieber, väterlicher Freund gewesen, und
wir haben, als er später pensioniert war und nach Dresden
zog, noch lange in lieber, achtungsvoller Weise mit
einander verkehrt.
Der katholische Katechet hieß Kochta. Er war nur
Lehrer, ohne akademischen Hintergrund, aber ein
Ehrenmann in jeder Beziehung, human wie selten Einer und
von einer so reichen erzieherischen, psychologischen
Erfahrung, daß das, was er meinte, einen viel größeren Wert
für mich besaß, als ganze Stöße von gelehrten Büchern.
Nie sprach er über konfessionelle Dinge mit mir. Er
hielt mich für einen Protestanten und machte nicht den
geringsten Versuch, auf meine Glaubensanschauung
einzuwirken. Und wie er sich zu mir, so verhielt ich mich
zu ihm. Nie habe ich ihm eine Frage nach dem
Katholizismus vorgelegt. Was ich da wissen mußte, das
wußte ich bereits oder konnte es in anderer Weise
erfahren. Mir war das schöne Verhältnis heilig, das
nach und nach zwischen ihm und mir entstand, ohne daß
sich störende Gegensätze in das rein menschliche Wohlwollen
schleichen durften. Er tat seinen Kirchendienst,
ich meinen Orgeldienst, aber im Uebrigen blieb die Religion
zwischen uns vollständig unberührt und konnte also umso
direkter und reiner auf mich wirken. Grad dieses sein
Schweigen war so beredt, denn es ließ seine Taten sprechen,
und diese Taten waren die eines Edelmenschen, dessen
Wirkungskreis zwar ein kleiner ist, der aber selbst das
Kleinste groß zu nehmen weiß.
Ich hatte nie katholische Kirchenlieder gespielt; jetzt
lernte ich sie kennen. Was für Orgel- und sonstige
Musikstücke bekam ich in die Hand! Ich hatte geglaubt,
Musikverständnis zu besitzen. Ich Tor! Dieser einfache
Katechet gab mir Nüsse zu knacken, die mir sehr zu schaffen
machten. Was Musik eigentlich ist, das begann ich erst
jetzt zu ahnen, und die Musik ist nicht etwa das
allergeringste Mittel, durch welches die Kirche wirkt.
Der katholische Pfarrer kam nur dann zu mir, wenn
eine besondere Feststellung in Beziehung auf die
Orgelbegleitung nötig war. Er sprach nur das Allernötigste,
über Religion gar nicht; aber wenn er zu mir hereintrat
war es stets, als ob bei mir die Sonne zu scheinen
beginne. Solche Sonnenmenschen sind selten, und doch müßte
eigentlich jeder Geistliche ein Sonnenmensch sein, denn
der Laie ist nur allzusehr geneigt, die Kirche so zu
betrachten und zu beurteilen, wie ihre Priester sich zu ihm
stellen. Ueber den Unterschied zwischen dem protestantischen
und dem katholischen Gottesdienst gehe ich hinweg, aber
jeder vernünftige Mensch wird es für ganz naturgemäß
und selbstverständlich halten, daß ich nicht vier Jahre
lang an dem letzteren teilnehmen, ja sogar aktiv an ihm
beteiligt sein konnte, ohne von ihm beeinflußt zu werden.
Wir sind doch keine Steine, von denen alles Weiche
abprallt! Und sogar dieser Stein wird warm, wenn
der Sonnenstrahl ihn trifft! Und diese Gottesdienste
waren ja Sonnenstrahlen! Es liegt noch heut eine
unendliche Dankbarkeit für diese Wärme und diese Güte in
mir, die sich meiner annahm und keinen einzigen Vorwurf
für mich hatte, als alles Andere gegen mich war. Ich
habe sie gesegnet bis auf den heutigen Tag und werde
sie segnen, so lange ich lebe! Wie arm müssen doch die
Menschen innerlich sein, welche behaupten, daß ich katholisiere!
Es ist ganz unmöglich, daß sie die Menschenseele und die
in ihr liegenden Heiligtümer kennen. Uebrigens habe
ich über den katholischen Glauben gar nichts geschrieben,
über den mohammedanischen aber ganze Bände. Der
Vorwurf, daß ich islamitisiere, erscheint also viel berechtigter,
als der, daß ich katholisiere. Warum macht man mir
diesen nicht? Die Madonna ist von hundert protestantischen
Malern dargestellt und von hundert protestantischen Dichtern,
sogar von Goethe, behandelt worden. Warum sagt man
von diesen nicht, daß sie katholisieren? Ich habe der
katholischen Kirche für die hochsinnige Gastfreundlichkeit,
die sie mir, dem Protestanten, vier Jahre lang erwies,
durch ein einziges Ave Maria gedankt, welches ich für
meinen Winnetou dichtete. Ist das ein Grund, mich
der religiösen Heuchelei zu bezichtigen? Noch dazu des
Geldes wegen! Ich wiederhole: Wie arm müssen diese
Menschen sein, wie unendlich arm! -- --
Ich muß konstatieren, daß diese vier Jahre der
ungestörten Einsamkeit und konzentrierten Sammlung mich
sehr, sehr weit vorwärts gebracht haben. Es stand mir
jedes Buch zur Verfügung, das ich für meine Studien
brauchte. Ich stellte meine Arbeitspläne fertig und
begann dann mit der Ausführung derselben. Ich schrieb
Manuskripte. Sobald eines fertig war, schickte ich es heim.
Die Eltern vermittelten dann zwischen mir und den Verlegern.
Ich schrieb diesen nicht direkt, weil sie jetzt noch
nicht erfahren sollten, daß der Verfasser der Erzählungen,
die sie druckten, ein Gefangener sei. Einer aber erfuhr
es doch, weil er persönlich zu den Eltern kam. Das war
der später noch viel zu erwähnende Kolportagebuchhändler
H. G. Münchmeyer in Dresden. Er war Zimmergesell
gewesen, hatte bei Tanzmusiken auf dem Dorfe das
Klappenhorn geblasen und war dann Kolporteur geworden. In
dieser Eigenschaft kam er auch nach Hohenstein-Ernsttal
und lernte in einem benachbarten Dorfe eine Dienstmagd
kennen, die er heiratete. Das fesselte ihn an die
Gegend. Er wurde da bekannt und erfuhr auch von mir.
Was er da Tolles hörte, schien ihm außerordentlich passend
für seine Kolportage. Er suchte meinen Vater auf und
machte sich vertraut mit ihm. So kamen ihm meine
Manuskripte in die Hand. Er las sie. Einiges war ihm
zu hoch. Anderes aber gefiel ihm so, daß es ihn, wie er
sagte, entzückte. Er bat, es drucken zu dürfen, und
bekam die Erlaubnis dazu. Er wollte sofort bezahlen und
legte das Geld auf den Tisch. Vater aber nahm es nicht.
Er schob es zurück und forderte ihn auf, es mir persönlich
zu geben, wenn ich entlassen sei. Hierauf ging Münchmeyer
sehr gern ein. Er versicherte, ich sei der Mann,
den er gebrauchen könne; er werde mich nach meiner
Heimkehr aufsuchen und alles Nähere mit mir besprechen.
Dies erzähle und stelle ich für einstweilen fest. Es ist
für manches Folgende von großer Wichtigkeit, zu wissen,
daß Münchmeyer nicht nur meine Vergangenheit, wie sie
in Wahrheit verlief, genau kannte, sondern auch Alles
gehört hatte, was hinzugelogen worden war.
Was meinen seelischen Zustand betrifft, so hatte ich
Ruhe, vollständige Ruhe. In den ersten vier Wochen der
letzten vier Jahre war es noch vorgekommen, daß die
dunklen Gestalten mich innerlich gequält und mit Zurufen
belästigt hatten; das hatte aber nach und nach aufgehört
und war schließlich still geworden, ohne sich wieder zu
regen. Wenn ich hierüber nachdachte, ohne auf psychologische
Abwege zu geraten, so kam ich zu der Einsicht,
daß diese Gebilde nur solange Einfluß besitzen, wie man
in den betreffenden Anschauungen steckt. Hat man aber
die letzteren überwunden, dann müssen die Schreckbilder
schwinden. Und dies schien das Richtige zu sein; der
Katechet war derselben Meinung. Ich hatte ihm von
meinen inneren Anfechtungen nichts erzählt, wie ich in
rein persönlichen und familiären Dingen überhaupt nie
einen Menschen zu meinem Vertrauten mache. Aber zuweilen
fiel doch ein Wort, welches nicht andeuten sollte,
aber doch andeutete. Er wurde aufmerksam. Einmal
kam ich im Verlauf des Gespräches darauf, von meinen
dunklen Gestalten und ihren quälenden Stimmen zu sprechen;
aber ich tat so, als ob ich von einem Andern spräche, nicht
von mir selbst. Da lächelte er. Er wußte gar wohl, wen
ich meinte. Am nächsten Tage brachte er mir ein kleines
Buch, dessen Titel lautete: "Die sogenannte Spaltung des
menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung
überhaupt." Ich las es. Wie köstlich es war! Welche
Aufklärung es gab! Nun wußte ich auf einmal, woran
ich mit mir war! Nun mochten sie wiederkommen, diese
Stimmen; ich hatte sie nicht mehr zu fürchten! Später,
als er sich das Buch wieder holte, dankte ich ihm, der
Freude entsprechend, die ich darüber empfand. Da fragte
er mich:
"Nicht wahr, Sie waren es selbst, von dem Sie
erzählten?"
"Ja," antwortete ich.
"Haben Sie alles verstanden?"
"Nein, noch nicht."
"Dieses hier?"
Er schlug eine Stelle auf; da war zu lesen: "Wer
an diesen schweren Anfechtungen leidet, der hüte sich vor
der Stelle, an der er geboren wurde. Er wohne niemals
längere Zeit dort. Und vor allen Dingen, wenn er einmal
heiratet, so hole er sich seine Frau ja nicht von diesem
Orte!"
"Nein, das verstehe ich noch nicht," gestand ich ein.
"Ich auch nicht," gab er zu. "Aber denken Sie
darüber nach!"
Dieses Nachdenken, welches er mir riet, führte mich
zu keinem Resultate. Es handelte sich um eine rein
psychologische Frage. Da ist die Erfahrung die einzige wissende
Lehrerin, und diese Erfahrung mußte ich machen, ehe
ich es begriff, leider, leider! -- -- --
_________
VI.
Bei der Kolportage.
_____
Es war ausgestanden. Ich kehrte heim. Es war
ein stürmischer Frühlingstag, es regnete und schneite.
Vater kam mir entgegen. Es fiel ihm auch dieses Mal
nicht ein, mir Vorwürfe zu machen. Er hatte meine
Manuskripte gelesen und meine Briefe fast auswendig
gelernt. Er wußte nun, daß er in Beziehung auf meine
Zukunft nichts mehr zu befürchten hatte. Er kam bei
dieser Gelegenheit auch auf Münchmeyer zu sprechen und
darauf, daß dieser mich aufsuchen wolle.
"Das wird vergeblich sein," sagte ich. "Dieser Mann
will Schundromane, aufregende Liebesgeschichten, weiter
nichts. Solche Sachen schreibe ich nicht. Er glaubt
wahrscheinlich, daß ich so ehrlos bin, ihm aus dem, was man
über mich faselt, einen Kolportageroman zusammenzuflicken,
der ihm allerdings viel Geld einbringen, mich aber
vernichten würde. Da irrt er sich. Ich habe ganz andere
Zwecke und Ziele!"
Vater gab mir recht. Als wir oberhalb der Stadt
angekommen waren und sie vor uns liegen sahen, zeigte er
nach dem nächsten Dorf hinüber, auf ein alleinstehendes,
neugebautes Haus und fragte mich:
"Kennst du das dort?"
"Ist es nicht die Stelle, wo damals das Feuer war?"
"Ja. Einige Tage, nachdem du fort warst, kam es
heraus, wer es angezündet hat. Es wurde mit dem Täter
sehr rasch verfahren. Er ist noch eher in das Zuchthaus
gekommen als du. Mutter wird es dir erzählen."
"O nein! Ich will nichts wissen, gar nichts. Bitte
sie, daß sie hierüber schweigen soll!"
Noch an demselben Abend erfuhr ich, daß der Ortswachtmeister
in der Kneipe damit geprahlt hatte, wie scharf
er mich empfangen und beaufsichtigen werde, zwei Jahre
lang; er lasse mich keinen Tag lang aus den Augen! Er
kam schon am andern Vormittag und warf sich derart in
die Brust, daß man es wirklich keinem in dieser Weise
behandelten Menschen übelnehmen kann, wenn er dadurch
rückfällig wird. Er behauptete, zwei Jahre lang mein
Vorgesetzter zu sein, bei dem ich mich täglich zu melden habe.
Dann zog er die betreffenden Gesetzesparagraphen aus der
Tasche, um mir eine Vorlesung über meine Pflichten zu
halten. Ich sagte kein Wort, sondern öffnete die Tür und
gab ihm einen Wink, sich zu entfernen. Als er das nicht
sofort tat, tat ich es. Ich ging zum Bürgermeister und
machte kurzen Prozeß. Ich forderte einen Auslandspaß,
und als mir die Auskunft wurde, daß dies nicht so ohne
weiteres möglich sei, war ich schon am nächsten Tage ohne
Paß unterwegs.
Im Zuge saß ich in einem sonst leeren Coupé. Es
ging über die Grenze. Da begann es plötzlich in mir
laut zu wüten und zu toben, zu schreien und zu brüllen
wie in einem Dorfwirtshause, in dem die Bauernknechte
mit Stuhlbeinen aufeinander schlagen. Hunderte von
Gestalten und Hunderte von Stimmen waren es, von denen
das kam. Früher hätte es mich entsetzt; heut aber ließ
es mich kalt. Diese Sumpfreminiszenzen, die mich nicht
hergeben wollten, hatten ihre Macht über mich verloren.
Ich reagierte nicht darauf, und so sollte es nach und nach
ganz von selber still werden.
Wohin diese Reise ging und wie sie verlief, soll der
zweite Band berichten. Inzwischen kam Münchmeyer, um
nach mir zu fragen. Ich war schon fort. Da zahlte er
das Honorar und ging unverrichteter Sache wieder heim.
Ungefähr dreiviertel Jahre später erschien er wieder, und
zwar nicht allein, sondern mit seinem Bruder. Dieses Mal
fand er mich daheim, denn ich war wieder da, um meine
"Geographischen Predigten" zu schreiben und in Druck zu
geben. Sein Bruder war Schneider gewesen und dann
auch Kolporteur geworden. Das Geschäft war bisher gut
gegangen, sogar außerordentlich gut; nun aber stand es in
Gefahr, ganz plötzlich zusammenzubrechen. Man brauchte
einen Retter, und der sollte ich sein, ausgerechnet ich! Das
war mir unbegreiflich, weil ich mit Münchmeyer noch nie
etwas zu tun gehabt hatte, auch gar nichts mit ihm zu
tun haben wollte und weder ihn noch seine Lage kannte.
Er erklärte sie mir. Er war ein klug berechnender, sehr
beredter Mann, und sein Bruder sekundierte ihm in so
trefflicher Weise, daß ich beide nicht kurzer Hand
abwies, sondern sie aussprechen ließ. Aber als sie das
getan hatten, war ich -- -- -- eingefangen, obgleich ich es
nie für möglich gehalten hätte, daß ich jemals zu der
"Kolportage" in irgend eine Geschäftsbeziehung treten
könne.
Münchmeyer hatte es zu einer nicht unbedeutenden
Druckerei mit Setzersaal, Stereotypie usw. gebracht. Was
er herausgab, war allerdings die niedrigste Kolportage. Er
sprach von einem sogenannten "Schwarzen Buch" mit lauter
Verbrechergeschichten, von einem sogenannten "Venustempel",
der eine wahre Goldgrube sei, und von einigen anderen
Werken gleicher Art. Für heut aber handle es sich
um ein Wochenblatt, welches er unter dem Titel "Der
Beobachter an der Elbe" herausgebe. Gründer und
Redakteur dieses Blattes sei ein aus Berlin stammender
Schriftsteller namens Otto Freytag, ein sehr geschickter,
tatkräftiger, aber in geschäftlicher Beziehung höchst
gefährlicher Mensch. Dieser habe sich mit ihm überworfen, sei
plötzlich aus der Redaktion gelaufen, habe alle
Manuskripte mitgenommen und wolle nun ein ganz ähnliches
Blatt wie den "Beobachter an der Elbe" herausgeben,
um ihn tot zu machen. "Wenn ich nicht sofort einen
anderen Redakteur bekomme, der diesem Menschen über ist
und es mit ihm aufzunehmen versteht, bin ich verloren!"
schloß Münchmeyer seinen Bericht.
"Aber wie kommen Sie da grad auf mich?" erkundigte
ich mich. "Ich bin weder Redakteur noch in irgend
einer Weise bewährt!"
"Das lassen Sie meine Sorge sein! Ich habe viel
von Ihnen gehört und, vor allen Dingen, ich habe Ihre
Manuskripte gelesen. Ich kenne mich aus. Sie sind der,
den ich brauche!"
"Aber ich habe ganz andere Sachen vor, und zur
Kolportage wird mich niemand bringen!"
"Weil Sie sie nicht kennen. Man kann doch auch
Gutes mit ihr leisten. Was haben Sie denn vor?"
Ich erklärte ihm meine Pläne. Da fing er Feuer;
er begeisterte sich für sie. Er gehörte zu jenen Leuten,
die gern vom Hohen schwärmen, aber doch vom
Niedrigen leben.
"Das ist ja vortrefflich, ganz vortrefflich!" rief er
aus. "Und das können Sie Alles bei mir erreichen, am
besten und schnellsten bei mir!"
"Wieso?"
"Sie geben diese Sachen bei mir in Druck und machen
diesen Freytag und sein neues Blatt damit tot!"
"Das wäre allerdings bequem. Aber wenn mir Ihr
,Beobachter an der Elbe' nicht gefällt? Ich kenne ihn
ja nicht."
"So lassen wir ihn eingehen, und Sie gründen ein
neues Blatt an seiner Stelle!"
"Was für eines?"
"Ganz nach Ihrem Belieben, wie es für Ihre Zwecke
paßt!"
Ich gestehe, daß er mich durch dieses Versprechen schon
mehr als halb gewann. Das klang in Beziehung auf meine
Pläne ja fast wie ein Himmelsgeschenk! Er fügte noch
weitere Versprechungen hinzu, durch welche er es mir leicht
machte, auf seine Wünsche einzugehen. Hierzu kamen meine
eigenen Erwägungen. Es wurde mir hier ganz unerwartet
die prächtigste Gelegenheit geboten, den Buchdruck, die
Schriftsetzerei, die Stereotypie und alles noch hierher
Gehörige in bequemster Weise kennenzulernen. Das hatte
für mich als Schriftsteller sehr hohen Wert und wurde
mir wahrscheinlich nie wieder geboten. Der Gehalt, den [sic]
Münchmeyer mir zahlen konnte, war zwar nicht bedeutend,
aber es flossen mir ja außerdem derartige Honorare zu,
daß ich ihn eigentlich gar nicht brauchte. Und ich war
gar nicht gebunden. Er bot mir vierteljährige Kündigung
an. Ich konnte also alle drei Monate gehen, wenn es
mir nicht gefiel.
"Versuchen Sie es! Sagen Sie ja!" forderte er
mich auf, indem er mir einen Monatsgehalt hinzählte.
"Wann hätte ich anzutreten?" fragte ich.
"Spätestens übermorgen. Es eilt. Dieser Freytag
darf uns nicht vorauskommen."
"Aber Sie wissen doch, daß ich bestraft bin!"
"Ich weiß Alles. Das tut aber nichts."
"Und ich stehe sogar auch unter Polizeiaufsicht!"
"Das habe ich nicht gewußt; aber auch das tut
nichts. Grad weil dies so ist, sind Sie mir der
Allerliebste! Schlagen Sie ein!"
Das klang gradezu rührend. Er hielt mir die Hand
hin; Vater und Mutter nickten mir bittend zu; da gab
ich ihm den Handschlag; ich war -- -- -- Redakteur.
Als ich nach Dresden kam, nahm ich mir zunächst
ein möbliertes Logis, doch stellte mir Münchmeyer sehr
bald mehrere Zimmer als Redaktionswohnung zur
Verfügung, und ich kaufte mir die Möbel dazu. Ich fand
den Verlag ganz ungemein häßlich. Das "Schwarze Buch"
war geradezu empörend verbrecherisch. Der "Venustempel"
zeigte sich als ein scheußliches, auf die niedrigste
Sinnenlust berechnetes Unternehmen mit zotenhaften
Beschreibungen und entsetzlich nackten, aufregenden
Abbildungen. Beigegeben war eine Hausapotheke für
Geschlechtskrankheiten, an welcher Summen verdient wurden, die
mir fast unglaublich erschienen. Diese schamlosen Hefte
und Bilder lagen überall umher. Die Arbeiter und
Arbeiterinnen nahmen sie mit heim. Die vier Töchter
Münchmeyers, damals noch im Schul- und Kindesalter,
lasen und spielten mit ihnen, und als ich Frau
Münchmeyer vor den Folgen warnte, antwortete sie: "Was
denken Sie! Das ist unser bestes Buch! Das bringt eine
Masse Geld!" Ich nahm mir vor, dies müsse entweder
anders werden oder ich würde ohne Kündigung wieder
fortgehen. Was den "Beobachter an der Elbe" betrifft,
dessen Redaktion ich übernommen hatte, so sah ich gleich
mit dem ersten Blick, daß er verschwinden müsse.
Münchmeyer war so vernünftig, dies zuzugeben. Wir ließen
das Blatt eingehen, und ich gründete drei andere an
seiner Stelle, nämlich zwei anständige Unterhaltungsblätter,
welche "Deutsches Familienblatt" und "Feierstunden"
betitelt waren, und ein Fach- und Unterhaltungsblatt
für Berg-, Hütten- und Eisenarbeiter, dem ich die
Ueberschrift "Schacht und Hütte" gab. Diese drei Blätter
waren darauf berechnet, besonders die seelischen Bedürfnisse
der Leser zu befriedigen und Sonnenschein in ihre Häuser
und Herzen zu bringen. In Beziehung auf "Schacht und
Hütte" bereiste ich Deutschland und Oesterreich, um die
großen Firmen z. B. Hartmann, Krupp, Borsig usw. dafür
zu interessieren, und da ein solches Blatt damals Bedürfnis
war, so erzielte ich Erfolge, über die ich selbst erstaunte.
Unsere Blätter stiegen so, daß Münchmeyer mir zu Weihnachten
ein Klavier schenkte. Sein Konkurrent Freytag gab
sich alle Mühe, hatte zwar anfänglich auch Erfolg, mußte
sein Blatt aber schon nach kurzer Zeit eingehen lassen.
In dieser Zeit der Entwicklung war es, daß Münchmeyer
von auswärtigen Behörden wegen der Verbreitung
des "Venustempels" angezeigt wurde. Verfasser dieses
Schand- und Schundwerkes war eben jener Otto Freytag,
der nur deshalb mit Münchmeyer gebrochen hatte, weil
dieser ihn an dem Gewinn, den das Werk brachte, nicht
partizipieren ließ. Das Buch enthielt eine lüstern
geschriebene Abteilung über "die Prostitution", die zu
Polizeianzeigen allerdings direkt herausforderte. Es wurde
Münchmeyer von irgend einer Seite verraten, von welcher,
das weiß ich nicht, daß eine Haussuchung nach dem "Venustempel"
stattfinden werde. Sofort begann eine fieberhafte
Rührigkeit, die Verluste, die hier drohten, zu verhüten.
Jedermann, dem man traute, mußte helfen; mir aber
sagte man kein Wort; man schämte sich. Es lagen
Tausende von gedruckten Exemplaren da. Man versteckte
ganze Stöße, die bis zur Decke reichten, hinter andern
Werken. Man füllte den Lift damit aus. Man benutzte
jede verborgene Stelle. Man schaffte eine Menge der
gefährdeten Bücher in die Privatwohnungen und verbarg
sie sogar unter den Betten der Kinder. Das ging so schnell
und gelang so gut, daß die Polizei, als sie sich einstellte,
kaum eine ganz geringe Nachlese fand, und noch lange
hat man sich im Münchmeyerschen Hause des Schnippchens
gerühmt, welches damals der sonst so findigen Dresdener
Behörde geschlagen worden sei. Ich erfuhr erst später,
viel später hiervon und zog meine Konsequenzen. Meines
Bleibens war hier nicht. Ich wollte aus dem Abgrund
heraus, nicht aber wieder hinunter!
Ich darf wohl sagen, daß ich in jener Zeit fleißig
gewesen bin und mir ehrliche Mühe gegeben habe, die
Münchmeyersche Kolportage in einen anständigen Verlag
zu verwandeln. Münchmeyer befreundete sich so mit mir,
daß wir wie Brüder verkehrten. Das war mir ganz lieb,
so lange er tat, was ich für richtig hielt. Ich begann
gleich in den ersten Nummern der drei neugegründeten
Blätter mit der Ausführung meiner literarischen Pläne.
Ich habe bereits gesagt, daß ich in dieser Beziehung mein
Augenmerk auf die Bewohner zweier Erdhälften, nämlich
auf die Indianer und auf die islamitischen Volker richten
wollte. Das tat ich nun hier. Ich bestimmte das "Deutsche
Familienblatt" für die Indianer und die "Feierstunden"
für den Orient. Im ersteren Blatte begann ich sofort
mit "Winnetou", nannte ihn aber einem anderen
Indianerdialekt gemäß einstweilen noch In-nu-woh. Ich war
überzeugt, daß diese beiden Blätter eine Zukunft hätten,
und ich bildete mir ein, für eine ganze Reihe von
Jahrgängen Redakteur bleiben zu können. Da gab es Raum
und Zeit genug für das, was ich wollte. Ganz
selbstverständlich schrieb ich auch für andere Firmen, die ich
wohl nicht zu nennen brauche, doch ohne die Absicht, mich
bei ihnen festzusetzen. Leider stellte sich meinen guten,
weit ausschauenden Absichten ganz plötzlich ein unerwartetes
Hindernis entgegen, welches eigentlich gar nicht bestimmt
war, ein Hindernis zu sein; es sollte vielmehr eine
Anerkennung, eine Förderung bedeuten. Man machte mir
nämlich, um mich an die Firma zu binden, den Vorschlag,
die Schwester der Frau Münchmeyer zu heiraten. Man
lud, um dies zu erreichen, meinen Vater nach Dresden
ein. Er durfte zwei Wochen lang als Gast bei Münchmeyers
wohnen und bekam vom Vater der Frau Münchmeyer
die Brüderschaft angetragen. Das bewirkte grad
das Gegenteil. Ich sagte "nein" und kündigte, denn
nun verstand es sich ganz von selbst, daß ich nicht bleiben
konnte, zumal es um diese Zeit war, daß ich über jenen
Streich, den man der Dresdener Polizei gespielt hatte,
das Nähere erfuhr. Nun hatten meine Pläne einstweilen
zu schweigen, doch gab ich sie nicht auf. Als das
Vierteljahr vorüber war, zog ich von Münchmeyers fort, doch
nicht von Dresden. Die Trennung von der Kolportage
tat mir nicht im geringsten wehe. Ich war wieder frei,
schrieb einige notwendige Manuskripte und ging sodann
auf Reisen. Hierbei meine Vaterstadt berührend, wurde
ich als Zeuge auf das dortige Amtsgericht geladen und
erfuhr, daß Freytag, der Verfasser, und Münchmeyer, der
Verleger des "Venustempels", wegen dieses Schandwerkes
kürzlich bestraft worden seien. Das hatte man mir
verschwiegen. Wie froh war ich, nicht in den Bezirk dieses
Venustempels hineingeheiratet zu haben!
Nach der Heimkehr von der soeben erwähnten Reise
hatte ich Veranlassung, eine meiner Schwestern, die in
Hohenstein verheiratet war, aufzusuchen. Ich wohnte
einige Tage bei ihr und lernte da ein Mädchen kennen,
welches einen ganz eigenartigen Eindruck auf mich machte.
Ich habe am Anfange dieses meines Buches gesagt, daß
ich die sonderbare Eigentümlichkeit besitze, die Menschen
mehr seelisch als körperlich vor mir zu sehen. Ob das
ein Vorzug oder ein Nachteil ist, kann nicht ich
entscheiden; aber infolge dieser meiner Eigenheit kommt es
nicht selten vor, daß ich eine häßliche Person schön und
eine schöne häßlich finde. Die interessantesten Wesen
sind mir die, deren seelische Gestalt mir rätselhaft
erscheint, deren Konturen ich nicht erkennen kann oder deren
Kolorit ich nicht begreife. Solche Personen ziehen mich
an, selbst wenn sie abstoßend wirken; ich kann nichts
dafür. Und mit dem Mädchen, von dem ich hier spreche,
hatte es noch eine andere, ganz eigentümliche Bewandtnis.
Nämlich als ich, vierzehn Jahre alt, Proseminarist in
Waldenburg war, ging ich eines Novembertages von dort
nach Ernstthal zu den Eltern, um meine Wäsche zu holen.
Auf dem Rückwege kam ich über den Hohensteiner Markt.
Da wurde gesungen. Die Kurrende stand vor einem
Hause. Es war da eine Leiche, die beerdigt werden
sollte. Ich kannte das Haus. Unten wohnte ein Mehlhändler
und oben eine von fremdher zugezogene Persönlichkeit,
die man bald als Barbier, bald als Feldscheer [sic], Chirurg
oder Arzt bezeichnete. Er barbierte nicht Jedermann, und es
war bekannt, daß er noch weit mehr konnte als das. Sein
Name war Pollmer. Er hatte eine Tochter, die man für
das schönste Mädchen der beiden Städte hielt; das wußte
ich. Die sollte jetzt begraben werden. Darum blieb ich
stehen. Zwei Frauen, die auch zuhören und zusehen
wollten, stellten sich hinter mich. Eine dritte kam hinzu,
die war vom Dorfe, sie fragte, was das für eine
Leiche sei.
"Pollmers Tochter," antwortete eine der beiden ersten
Frauen.
"Ach?! Dem Zahndoktor seine? Woran ist denn
die gestorben?"
"An ihrem eigenen Kinde. Besser wäre es, dieses
wäre tot, sie aber lebte noch. Auf so einem Kinde, an
dem die Mutter stirbt, kann niemals Segen ruhen; das
bringt Jedermann nur Unheil."
"Was ist denn der Vater?"
"Der? Es hat ja keinen!"
"Du lieber Gott! Auch das noch? Da wäre es
freilich besser, der Nickel könnte gleich mitbegraben
werden!"
Jetzt hörte der Gesang auf. Man brachte den Sarg
heraus. Der Leichenzug bildete sich. Droben am offenen
Fenster der Wohnstube erschien eine weibliche Person,
welche etwas auf den Armen trug. Das war das Kind,
der "Nickel", der seine eigene Mutter getötet hatte und
Jedermann Unheil brachte! Ich verstand von dem allem
nichts. Was weiß ein vierzehnjähriger Junge von den
Vorurteilen dieser Art von Menschen! Aber als der
Leichenzug an mir vorüber war, und ich meinen Weg
fortsetzte, nahm ich Etwas mit, was mich später noch
oft beschäftigte, nämlich die Frage, warum man sich vor
einem Kinde, welches keinen Vater hat und schuld an
dem Tode seiner Mutter ist, in Acht nehmen muß. Ich
glaubte infolge meiner Jugend und Unerfahrenheit an
das, was die alten Weiber gesagt hatten, und fühlte eine
Art von Grauen, so oft ich an dieses Leichenbegräbnis
und an den unglückseligen "Nickel" dachte. Sobald ich
später über den Hohensteiner Markt kam, schaute ich
ganz unwillkürlich nach dem betreffenden Fenster in der
Oberstube des Mehlhändlerhauses. Nach Verlauf einer
Reihe von Jahren sah ich einmal den Kopf eines Kindes,
eines Mädchens, herausschauen. Ich blieb für einen
Augenblick stehen, um das Gesicht zu betrachten. Es
war nichtssagend und hatte weder etwas Wohltuendes
noch etwas Fürchterliches an sich. Später begegnete ich
einmal auf der Gasse einem stark gebauten, hochgewachsenen
Manne, der ein ungefähr zwölfjähriges Mädchen
an der Hand führte. Das war der alte Pollmer mit
seinem "Nickel". Der Alte sah sehr ernst, das Kind
aber recht munter und freundlich aus; es hatte gar
nichts an sich, was verriet, "daß seine Mutter an ihm
gestorben war". Dann habe ich es noch verschiedene
Male gesehen, als angehenden Backfisch, bleich, lang
aufgeschossen, überaus schmal, ganz uninteressant, ein
vollständig gleichgültiges Wesen. Nie hätte ich gedacht, daß
dieses Mädchen jemals in meinem Leben eine wenn auch
nur unbedeutende Rolle spielen könne. Und nun ich jetzt
bei meiner Schwester wohnte, wurden mir bei einer ihrer
Freundinnen einige junge Mädchen vorgestellt, unter
denen sich auch ein "Fräulein Pollmer" befand. Das
war der "Nickel"; aber er sah ganz anders aus als
früher. Er saß so still und bescheiden am Tisch,
beschäftigte sich sehr eifrig mit einer Häkelei und sprach
fast gar kein Wort. Das gefiel mir. Dieses Gesicht
errötete leicht. Es hatte einen ganz eigenartigen,
geheimnisvollen Augenaufschlag. Und wenn ein Wort über
die Lippen kam, so klang es vorsichtig, erwägend, gar
nicht wie bei andern Mädchen, die Alles grad so
herausschwatzten, wie es ihnen auf die Zunge läuft. Das gefiel
mir sehr. Ich erfuhr, daß ihr Großvater, nämlich
Pollmer, meine "Geographischen Predigten" gelesen hatte
und sie immer wieder las. Das gefiel mir noch mehr.
Sie erschien mir von ihren Freundinnen ganz verschieden.
Hinter den Gestalten der Letzteren sah ich keine Spur
von Geist und nur einen Hauch von Seele. Hinter der
Pollmer aber lag psychologisches Land, ob Hoch- oder
Niederland, ob Wüste oder Fruchtbarkeit, das konnte ich
nicht unterscheiden, aber Land war da; das sah ich
deutlich, und es entstand der Wunsch in mir, dieses Land
kennen zu lernen. Daß sie nicht aus einer wohlhabenden
oder gar vornehmen Familie stammte, konnte mich nicht
verhindern, ich war ja selbst auch nur ein armer
Webersohn und eigentlich viel weniger als das.
Am nächsten Tage kam ihr Großvater zu mir. Sie
hatte ihm von mir erzählt und in ihm den Wunsch
erweckt, mich nach der Lektüre meiner "Predigten" nun
auch persönlich kennen zu lernen. Er schien von mir
befriedigt zu sein, denn er forderte mich auf, nun auch
ihn zu besuchen. Ich tat es. Es entwickelte sich ein
Verkehr zwischen uns, der dann, als ich meinen Besuch
beendet hatte und wieder nach Dresden ging, sich aus
einem persönlichen in einen schriftlichen verwandelte.
Aber Pollmer schrieb nicht gern. Die Briefe, die ich
bekam, waren von der Hand seiner Enkeltochter. Wer
hätte jemals gedacht, daß ich mit dem "Nickel", der Einem
"nur Unheil bringt", in Korrespondenz treten würde!
Ihre Zuschriften machten einen außerordentlich guten
Eindruck. Sie sprach da von meinem "schönen, hochwichtigen
Beruf", von meinen "herrlichen Aufgaben", von
meinen "edlen Zielen und Idealen". Sie zitierte Stellen
aus meinen "Geographischen Predigten" und knüpfte
Gedanken daran, deren Trefflichkeit mich erstaunte. Welch
eine Veranlagung zur Schriftstellersfrau! Zwar kam es
mir zuweilen so vor, als ob nur ein männlicher Verfasser,
und zwar ein sehr gebildeter, solche Briefe schreiben
könne, aber es war mir nicht möglich, sie eines solchen
Betruges für fähig zu halten. Meine Schwester schrieb
mir auch. Sie floß vom Lobe "Fräulein Pollmers" über
und lud mich für die Weihnachtsferien ein, sie wieder zu
besuchen. Ich tat es. Ich vergaß, daß grad die
Weihnachtszeit mir selten freundlich gesinnt gewesen ist und
daß ich vor der Stelle, an der ich geboren wurde,
gewarnt worden bin. Diese Weihnacht entschied über
mich, wenn ich mich auch nicht sofort verlobte. Ich hatte
ja Zeit. Diese Zeit verbrachte ich meist auf Reisen, bis
ich mich zu Pfingsten wieder in der Heimat einstellte,
um das Seelenstudium des "Nickels", der nun "mein
Nickel" werden sollte, weiter fortzusetzen. Aber es kam
nicht zu dieser Fortsetzung, sondern gleich zu einer
Entscheidung, wie sie sonst nur auf der Bühne zu sein
pflegt. Nämlich als Pollmer erfuhr, daß ich wieder da
sei, besuchte er mich und lud mich zu sich zum
Mittagessen ein. Er war längst Witwer, und seine Familie
bestand nur aus ihm und seiner Enkeltochter. Ich wußte,
daß er sich überall nur höchst lobend über mich aussprach,
und daß meine Vorstrafen ihn ganz und gar nicht hinderten,
mich für einen guten, vertrauenswürdigen Menschen
zu halten. Aber ich wußte auch, daß er sein Enkelkind
für das schönste und wertvollste Wesen der ganzen
Umgegend hielt und daß er ganz märchenhafte Gedanken
in Beziehung auf dessen Verheiratung hatte. Er war
der Ansicht, daß solche strahlende Beautés der größte
Reichtum ihrer Familie seien und nur möglichst reich
und vornehm verheiratet werden dürfen. Ganz selbstverständlich
konnte diese seine Meinung nicht ohne Einfluß
auf seine Enkeltochter geblieben sein; das bemerkte
ich sehr wohl; und vielleicht war es die höchste Zeit, sie
diesem Einflusse zu entziehen. Ich antwortete darum,
als er mich bat, heut bei ihm zu Mittag zu essen:
"Sehr gern, doch nur unter der Bedingung, daß ich
nicht nur Ihretwegen, sondern auch um Ihrer Tochter
willen kommen darf."
Er horchte überrascht auf.
"Um Emmas willen?" fragte er.
"Ja."
"Wie meinen Sie das? Haben Sie Absichten auf
sie? Wollen Sie sie etwa heiraten?"
"Allerdings."
"Alle Wetter! Davon weiß ich kein Wort! Das ist
aber doch wohl nur Ihre Absicht! Was sagt denn sie
dazu?"
"Sie ist einverstanden."
Da sprang er von dem Stuhle auf, wurde tiefrot
im Gesicht und rief aus:
"Daraus wird nichts, nichts, nichts! Meine Tochter
ist nicht dazu geboren und nicht dazu erzogen, daß sie
sich mit einem armen Teufel durch das Leben schindet!
Die kann andere Männer kriegen. Die soll mir keinen
Schriftsteller heiraten, der, wenn es gut geht, nur von
seiner Berühmtheit und nur vom Hunger lebt!"
"Denken Sie dabei etwa auch mit an meine Vorstrafen?"
fragte ich. "Das würde ich gelten lassen!"
"Unsinn! Das kümmert mich nicht. Es laufen
Hunderttausende in der Freiheit herum, die in das
Zuchthaus gehören! Nein, das ist es nicht. Ich habe ganz
andere Gründe. Sie bekommen meine Tochter nicht!"
Er rief das sehr laut aus.
"Oho!" antwortete ich.
"Oho? Hier gibt es kein Oho! Ich wiederhole
Ihnen, Sie bekommen meine Tochter nicht!"
Er stampfte bei jedem dieser Worte, um ihren Eindruck
zu verstärken, mit dem Spazierstock auf den Boden.
Es juckte mir förmlich in der Hand, sie ihm auf die
Achsel zu legen und ihm lachend zu sagen: "Gut, so behalten
Sie sie!" Aber dagegen bäumte sich das väterliche
Erbteil in mir auf, der zähe, unbedachte Zorn, der
niemals das Richtige tut. Ich brauste nun auch auf:
"Wenn ich sie nicht bekomme, so nehme ich sie mir!"
"Versuchen Sie das!"
"Ich werde es nicht nur versuchen, sondern ich werde
es tun, wirklich tun!"
Da lachte er.
"Sie werden sich nicht zu mir wagen. Ich verbitte
mir von jetzt an jeden Besuch!"
"Das versteht sich ganz von selbst. Aber ich sage
Ihnen im voraus: Sie werden seiner Zeit persönlich zu
mir kommen und mich bitten, Sie zu besuchen. Jetzt
aber leben Sie wohl!"
"Ich Sie bitten? Nie, nie, niemals!"
Er ging. Ich aber schrieb drei Zeilen und schickte
sie seiner Tochter. Die lauteten: "Entscheide zwischen
mir und Deinem Großvater, Wählst Du ihn, so bleib;
wählst Du mich, so komm sofort nach Dresden!" Dann
reiste ich ab. Sie wählte mich; sie kam. Sie verließ
den, der sie erzogen hatte und dessen einziges Gut sie
war. Das schmeichelte mir. Ich fühlte mich als Sieger.
Ich tat sie zu einer Pfarrerswitwe, die zwei erwachsene,
hochgebildete Töchter besaß. Durch den Umgang mit
diesen Damen wurde es ihr möglich, sich Alles, was sie
noch nicht besaß, spielend anzueignen. Von da aus bekam
sie Gelegenheit, eine selbständige Wirtschaft führen
zu können. Auch ich arbeitete mit gutem, ja mit sehr
gutem Erfolg. Ich wurde bekannt und bezog sehr anständige
Honorare. Ich hatte mit meinen "Reiseerzählungen"
begonnen, die sofort in Paris und Tours auch
in französischer Sprache erschienen. Das sprach sich
herum; das imponierte sogar dem "alten Pollmer". Er
hörte von Kennern, daß ich im Begriff stehe, ein
wohlhabender, vielleicht gar ein reicher Mann zu werden. Da
schrieb er an seine Tochter. Er verzieh ihr, daß sie ihn
um meinetwillen verlassen hatte, und forderte sie auf,
nach Hohenstein zu kommen, ihn zu besuchen, mich aber
mitzubringen. Sie erfüllte ihm diesen Wunsch, und ich
begleitete sie. Aber ich ging nicht zu ihm, sondern nach
Ernstthal zu meinen Eltern. Er schickte nach mir; ich
aber antwortete, er wisse wohl, was ich ihm vorausgesagt
habe. Wenn er mich bei sich haben wolle, müsse
er persönlich kommen, mich einzuladen. Und er kam!
Ich fühlte mich wieder als Sieger. Wie töricht
von mir! Hier hatte nicht ich, sondern nur die Erwägung
gesiegt, daß ich es wahrscheinlich zu einem Vermögen
bringen werde, und es gab sogar die Gefahr für mich,
daß diese Erwägung nicht allein vom Großvater getroffen
worden war. Uebrigens bat er sie, bis zu unserer
Verheiratung bei ihm in Hohenstein zu bleiben. Ich hatte
nichts dagegen und gab mein Logis in Dresden auf, um
bei den Eltern in Ernsttal zu wohnen. Es war damals
eine Zeit ganz eigenartiger innerer und äußerer
Entwicklungen für mich. Ich schrieb und machte Reisen.
Von einer dieser Reisen zurückgekehrt, erfuhr ich, kaum
aus dem Kupee gestiegen, daß heute nacht der "alte Pollmer"
gestorben sei; der Schlag hatte ihn getroffen. Ich
eilte nach seiner Wohnung. Man hatte mir zuviel
gesagt. Er war nicht tot; er lebte noch, er konnte aber
weder sprechen noch sich bewegen. Sein Enkelkind saß
in einer seitwärts liegenden Stube bei einer klingenden
Beschäftigung. Sie hatte nach seinem Gelde gesucht und
es gefunden. Es war nicht viel; ich glaube kaum
zweihundert Mark. Ich zog sie davon fort, zu dem Kranken
hinüber. Er erkannte mich und wollte reden, brachte es
aber nur zu einem unartikulierten Lallen. Aus seinem
Blicke sprach eine ungeheure Angst. Da kam der behandelnde
Arzt. Er hatte ihn schon gleich früh am Morgen
untersucht, tat dies jetzt wieder und gab uns den Bescheid,
daß alle Hoffnung vergeblich sei. Als er sich entfernt
hatte, glitt die Tochter des Sterbenden vor mir
nieder und bat mich, sie ja nicht zu verlassen. Ich
versprach es ihr und habe Wort gehalten. Ich habe sogar
noch mehr getan. Ich habe ihren Wunsch erfüllt, in
Hohenstein wohnen zu bleiben. Wir mieteten uns eine
Etage des oberen Marktes und hätten da unendlich glücklich
leben können, wenn uns ein solches Glück beschieden
gewesen wäre.
Ich schrieb damals schon einige Jahre für
Pustet in Regensburg, in dessen "Deutschem Hausschatz"
meine "Reiseerzählungen" erschienen. Die Firma Pustet
ist eine katholische und der "Deutsche Hausschatz" ein
katholisches Familienblatt. Aber diese konfessionelle
Zugehörigkeit war mir höchst gleichgültig. Der Grund,
warum ich dieser hochanständigen Firma treugeblieben
bin, war kein konfessioneller, sondern ein rein geschäftlicher.
Kommerzienrat Pustet ließ mir nämlich schon bei
der zweiten, kurzen Erzählung durch seinen Redakteur
Vinzenz Müller mitteilen, daß er bereit sei, alle meine
Manuskripte zu erwerben; ich solle sie keinem anderen
Verlag senden. Und zahlen werde er sofort. Bei längeren
Manuskripten, die ich ihm nach und nach schicken solle, gehe
er sehr gern auf Teilzahlungen ein; so viel Seiten, so viel
Geld! Es wird wohl selten einen Schriftsteller geben, dem
ein solches Anerbieten gemacht wird. Ich ging mit Freuden
darauf ein. Rund zwanzig Jahre lang ist das Honorar,
wenn ich das Manuskript heute zur Post sandte, genau
übermorgen eingetroffen. Ich erinnere mich keines
einzigen Males, daß es später gekommen wäre. Und
niemals hat es in Beziehung auf das Honorar auch nur
die geringste Differenz zwischen uns gegeben. Ich habe
nie mehr verlangt, als was vereinbart worden war, und
als Pustet es mir plötzlich verdoppelte, tat er das aus
eigenem, freiem Entschlusse, ohne daß ich einen hierauf
bezüglichen Wunsch geäußert hatte. Solchen Verlegern
bleibt man treu, auch ohne nach ihrem Glauben und
ihrer Konfession zu fragen.
Aber noch wertvoller als diese Pünktlichkeit war für
mich der Umstand, daß alle meine Manuskripte vorausbestellt
waren und sicher an- und aufgenommen wurden.
Das machte es mir möglich, meine auf die "Reiseerzählungen"
bezüglichen Pläne nun endlich auszuführen. Es
war mir nun der nötige Spaltenraum für lange Zeit
hinaus sichergestellt. Durch wen ich diese Erzählungen
dann später in Buchform herausgeben würde, war eine
Frage, die einstweilen noch offenbleiben konnte. Es gibt
feindselige Menschen, welche behaupten, daß ich mich
nur um des Geldes willen an diesen katholischen Verlag
herangemacht habe. Das ist eine Unwahrheit, für deren
Gewissenlosigkeit und Verwerflichkeit ich keine Worte
finde. Ich habe ganz das Gegenteil von dem getan,
dessen man mich da beschuldigt. Ich habe dem "Deutschen
Hausschatz" und seinem Herausgeber Opfer gebracht,
von deren Größe die Familie Pustet keine Ahnung
hatte. Vor mir liegt ein Brief, den Professor Josef
Kürschner, der bekannte, berühmte Publizist, mit dem ich
sehr befreundet war, am 3. Oktober 1886 an mich
schrieb. Es handelte sich um die bei Spemann in
Stuttgart erscheinende Revue "Vom Fels zum Meere",
für welche ich mitgearbeitet habe. Der Brief lautet wie
folgt:
"Sehr geehrter Herr!
Sie haben inzwischen schon wieder für andere
Unternehmungen Beiträge geliefert, während Sie mich
mit dem längst Versprochenen noch immer im Stiche
ließen. Das ist eigentlich nicht recht, und ich bitte
Sie dringend, nun Ihr Versprechen mir gegenüber
wahr zu machen. Ich will diese Gelegenheit nicht
vorübergehen lassen, ohne Sie zu fragen, ob Sie nicht
geneigt wären, einmal einen recht packenden, fesselnden
und situationsreichen Roman zu schreiben. Ich würde
I h n e n in diesem Falle ein Honorar bis zu tausend
Mark pro "Fels"-Bogen zusichern können, wenn Sie
etwas Derartiges schreiben würden.