d.i.
der Märchenerzähler in Asia, Africa, Turkia, Arabia,
Persia und India sampt eyn Anhang mit Deytung,
explanatio und interpretatio auch viele Vergleychung
und Figürlich seyn
von
Christianus Kretzschmann
der aus Germania war.
Gedruckt von Wilhelmus Candidus
A. D: M. D. C. V.
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Dieses Buch enthielt eine Menge bedeutungsvoller
orientalischer Märchen, die sich bisher in keiner andern
Märchensammlung befanden. Großmutter kannte diese
Märchen alle. Sie erzählte sie gewöhnlich wörtlich
gleichlautend; aber in gewissen Fällen, in denen sie es für
nötig hielt, gab sie Aenderungen und Anwendungen,
aus denen zu ersehen war, daß sie den Geist dessen, was
sie erzählte, sehr wohl kannte und ihn genau wirken ließ.
Ihr Lieblingsmärchen war das Märchen von Sitara;
es wurde später auch das meinige, weil es die Geographie
und Ethnologie unserer Erde und ihrer Bewohner rein
ethisch behandelt. Doch dies hier nur, um anzudeuten.
Der Vater starb infolge einer Reihe von Blutstürzen.
Die Pflege war so anstrengend, daß auch die Tochter
dem Tode nahe kam, doch überstand sie es. Nach
verflossener Trauerzeit kam May, der treue Geliebte, und
führte sie heim. Nun endlich, endlich wirklich glücklich!
Es war eine Ehe, wie Gott sie will. Zwei Kinder
wurden geboren, mein Vater und vor ihm eine Schwester,
welche später einen schweren Fall tat und an den Folgen
desselben verkrüppelte. Man sieht, daß es an
Heimsuchungen, oder sagen wir Prüfungen, bei uns nicht
fehlte. Und ebenso sieht man, daß ich nichts verschweige.
Es darf nicht meine Absicht sein, das Häßliche schön zu
malen. Aber kurz nach der Geburt des zweiten Kindes
trat jenes unglückliche Weihnachtsereignis ein, welches
ich bereits erzählte. Der brave junge Mann stürzte des
Nachts mit den Broten in die tiefe Schneeschlucht und
erfror. Großmutter hatte mit ihren beiden Kindern an
den Christtagen nichts zu essen und erfuhr erst nach
langer Zeit der Qual, daß und in welch schrecklicher
Weise sie den geliebten Mann verloren hatte. Hierauf
kamen Jahre der Trauer und dann die schwere Zeit der
napoleonischen Kriege und der Hungersnot. Es war Alles
verwüstet. Es gab nirgends Arbeit. Die Teuerung wuchs;
der Hunger wütete. Ein armer Handwerksbursche kam,
um zu betteln. Großmutter konnte ihm nichts geben.
Sie hatte für sich und ihre Kinder selbst keinen einzigen
Bissen Brot. Er sah ihr stilles Weinen. Das erbarmte
ihn. Er ging fort und kam nach über einer Stunde
wieder. Er schüttete vor ihr aus, was er bekommen
hatte, Stücke Brot, ein Dutzend Kartoffeln, eine Kohlrübe,
einen kleinen, sehr ehrwürdigen Käse, eine Düte [sic] Mehl,
eine Düte [sic] Graupen, ein Scheibchen Wurst und ein winziges
Eckchen Hammeltalg. Dann ging er schnell fort, um sich
ihrem Dank zu entziehen. Sie hat ihn nie wieder gesehen;
Einer aber kennt ihn gewiß und wird es ihm nicht
vergessen. Dieser Eine schickte auch noch andere, bessere
Hilfe. Einem abseits wohnenden Oberförster, den man
als ebenso wohlhabend, wie edeldenkend kannte, war die
Frau gestorben. Sie hatte ihm eine sehr reichliche Anzahl
Kinder hinterlassen. Er wünschte Großmutter zur Führung
seiner Wirtschaft zu haben. Sie hätte in dieser
Zeit der Not nur zu gern eingewilligt, erklärte aber, sich
von ihren eigenen Kindern unmöglich trennen zu können,
selbst wenn sie einen Platz, sie unterzubringen, hätte. Der
brave Mann besann sich nicht lange. Er erklärte ihr,
es sei ihm gleich, ob sechs oder acht Kinder bei ihm äßen;
sie würden alle satt. Sie solle nur kommen, doch nicht
ohne sie, sondern mit ihnen. Das war Rettung in der
höchsten Not!
Der Aufenthalt in dem stillen, einsamen Forsthause
tat der Mutter und den Kindern wohl. Sie gesundeten
und erstarkten in der besseren Ernährung. Der Oberförster
sah, wie Großmutter sich abmühte, ihm dankbar zu sein
und seine Zufriedenheit zu erringen. Sie arbeitete fast
über ihre Kraft, fühlte sich aber wohl dabei. Er
beobachtete das im Stillen und belohnte sie dadurch, daß
er ihren Kindern in jeder Beziehung dasselbe gewährte,
was die seinen bekamen. Freilich war er Aristokrat und
eigentlich stolz. Er aß mit seiner Schwiegermutter allein.
Großmutter war nur Dienstbote, doch aß sie nicht in der
Gesinde- sondern mit in der Kinderstube. Als er aber
nach längerer Zeit einen Einblick in ihr eigenartiges
Seelenleben erhielt, nahm er sich ihrer auch in innerer
Beziehung an. Er erleichterte ihr die große Arbeitslast,
erlaubte ihr, ihm und seiner Schwiegermutter des Abends
aus ihren Büchern vorzulesen, und gestattete ihr, dann
auch in seine eigenen Bücher zu schauen. Wie gern sie
das tat! Und er hatte so gute, so nützliche Bücher!
Den Kindern wurde in vernünftiger Weise Freiheit
gewährt. Sie tollten im Walde herum und holten sich
kräftige Glieder und rote Wangen. Der kleine May
war der jüngste und kleinste von allen, aber er tat wacker
mit. Und er paßte auf; er lernte und merkte. Er wollte
Alles wissen. Er frug nach jedem Gegenstand, den er
noch nicht kannte. Bald wußte er die Namen aller Pflanzen,
aller Raupen und Würmer, aller Käfer und Schmetterlinge,
die es in seinem Bereiche gab. Er trachtete, ihren
Charakter, ihre Eigenschaften und Gewohnheiten kennen
zu lernen. Diese Wißbegierde erwarb ihm die besondere
Zuneigung des Oberförsters, der sich sogar herbeiließ,
den Jungen mit sich gehen zu lassen. Ich muß das
erwähnen, um Späteres erklärlich zu machen. Der nachherige
Rückfall aus dieser sonnenklaren, hoffnungsreichen
Jugendzeit in die frühere Not und Erbärmlichkeit konnte
auf den Knaben doch nicht glücklich wirken.
In dieser Zeit war es, daß Großmutter während
des Mittagessens plötzlich vom Stuhle fiel und tot zu
Boden sank. Das ganze Haus geriet in Aufregung. Der
Arzt wurde geholt. Er konstatierte Herzschlag;
Großmutter sei tot und nach drei Tagen zu begraben. Aber
sie lebte. Doch konnte sie kein Glied bewegen, nicht einmal
die Lippen oder die nicht ganz geschlossenen Augenlider.
Sie sah und hörte alles, das Weinen, das Jammern
um sie. Sie verstand jedes Wort, welches gesprochen
wurde. Sie sah und hörte den Tischler, welcher kam,
um ihr den Sarg anzumessen. Als er fertig war, wurde
sie hineingelegt und in eine kalte Kammer gestellt. Am
Begräbnistage bahrte man sie im Hausflur auf. Die
Leichenträger kamen, der Pfarrer und der Kantor mit
der Kurrende. Die Familie begann, Abschied von der
Scheintoten zu nehmen. Man denke sich deren Qual!
Drei Tage und drei Nächte lang hatte sie sich alle mögliche
Mühe gegeben, durch irgendeine Bewegung zu zeigen,
daß sie noch lebe -- -- vergeblich! Jetzt kam der letzte
Augenblick, an dem noch Rettung möglich war. Hatte
man den Sarg einmal geschlossen, so gab es keine Hoffnung
mehr. Sie erzählte später, daß sie sich in ihrer
fürchterlichen Todesangst ganz unmenschliche Mühe
gegeben habe, doch wenigstens mit dem Finger zu wackeln,
als einer um den andern kam, um ihre Hand zum letzten
Male zu ergreifen. So tat auch das jüngste Mädchen
des Oberförsters, welches besonders sehr an Großmutter
gehangen hatte. Da schrie das Kind erschrocken aus:
"Sie hat meine Hand angegriffen; sie will mich festhalten!"
Und richtig, man sah, daß die scheinbar Verstorbene
ihre Hand in langsamer Bewegung abwechselnd
öffnete und schloß. Von einem Begräbnisse konnte nun
selbstverständlich nicht mehr die Rede sein. Es wurden
andere Aerzte geholt; Großmutter war gerettet. Aber
von da an war ihre Lebensführung noch ernster und
erhobener als vorher. Sie sprach nur selten von dem, was
sie in jenen unvergeßlichen drei Tagen auf der Schwelle
zwischen Tod und Leben gedacht und empfunden hatte.
Es muß schrecklich gewesen sein. Aber auch hierdurch ist
ihr Glaube an Gott nur noch fester und ihr Vertrauen
zu ihm nur noch tiefer geworden. Wie sie nur scheintot
gewesen war, so hielt sie von nun an auch den sogenannten
wirklichen Tod nur für Schein und suchte jahrelang
nach dem richtigen Gedanken, dies zu erklären und
zu beweisen. Ihr und diesem ihrem Scheintode habe ich
es zu verdanken, daß ich überhaupt nur an das Leben
glaube, nicht aber an den Tod.
Dieses Ereignis war innerlich noch nicht ganz
überwunden, als Großmutter infolge der Versetzung und
Wiederverheiratung des Oberförsters mit ihren beiden
Kindern in ihre früheren Verhältnisse zurückgestoßen wurde.
Sie kehrte nach Ernsttal zurück und hatte nun wieder
jeden Pfennig direkt zu verdienen, den sie brauchte. Ein
braver Mann, der Vogel hieß und auch Weber war,
hielt um ihre Hand an. Jedermann redete ihr zu, sie
müsse ihren Kindern doch einen Vater geben; das sei sie
ihnen schuldig. Sie tat es und hatte es nicht zu bereuen;
war aber leider schon nach kurzer Zeit wieder Witwe.
Er starb und hinterließ ihr alles, was er besessen hatte,
die Armut und den Ruf eines braven, fleißigen Mannes.
Hierauf wurde es still und stiller um sie. Sie tat ihr
Mädchen zu einer Nähterin und ihren Knaben zu einem
Weber, der ihn von früh bis abends am Spulrad
beschäftigte. Denn daß der Junge nun weiter nichts als
nur ein Weber zu werden hatte, das verstand sich ganz
von selbst. Die Lust dazu war ihm freilich während
seines Aufenthaltes im Forsthause vollständig vergangen;
er hatte sich schon ganz anderes gedacht, und es ist
gewiß erklärlich, daß er später, nachdem er in dieses
ungeliebte Handwerk hineingezwungen worden war, auf die
Idee kam, sich durch den Taubenhandel wieder daraus
zu befreien. Doch tat er sowohl als Knabe wie auch als
Jüngling seine Pflicht. Er war fleißig und wurde ein
tüchtiger Weber, dessen Ware so viel Sauberkeit und
Akkuratesse zeigte, daß jeder Unternehmer ihn gern für
sich arbeiten ließ. In seinen Freistunden aber strich er
durch Feld und Flur, um zu botanisieren und alle die
Kenntnisse festzuhalten, die er sich bei dem Oberförster
erworben hatte Darum machte es ihm große Freude,
daß sich unter der oben erwähnten Erbschaft unserer
Mutter auch einige alte, hochinteressante Bücher befanden,
deren Inhalt ihm bei diesen seinen Freibeschäftigungen
von großem Nutzen war. Ich denke da besonders an
einen großen, starken Folioband, der gegen tausend Seiten
zählte und folgenden Titel hatte: