Freiburg i. Br.
Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld
Druck der Hoffmannschen Buchdruckerei in Stuttgart.
Wenn dich die Welt aus ihren Toren stößt,
So gehe ruhig fort, und laß das Klagen.
Sie hat durch die Verstoßung dich erlöst
Und ihre Schuld an dir nun selbst zu tragen.
(Karl May "Im Reiche des silbernen Löwen")
Inhalt.
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I. Das Märchen von Sitara
II. Meine Kindheit
III. Keine Jugend
IV. Seminar- und Lehrerzeit
V. Im Abgrunde
VI. Bei der Kolportage
VII. Meine Werke
VIII. Meine Prozesse
IX. Schluß
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I.
Das Märchen von Sitara.
_____
Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden
Weges nach der Sonne geht und dann in derselben
Richtung noch drei Monate lang über die Sonne
hinaus, so kommt man an einen Stern, welcher Sitara
heißt. Sitara ist ein persarabisches Wort und bedeutet
eben "Stern".
Dieser Stern hat mit unserer Erde viel, sehr viel
gemein. Sein Durchmesser ist 1700 Meilen und sein
Aequator 5400 Meilen lang. Er dreht sich um sich selbst
und zugleich auch um die Sonne. Die Bewegung um
sich selbst dauert genau einen Tag, die Bewegung um
die Sonne ebenso genau ein Jahr, keine Sekunde mehr
oder weniger. Seine Oberfläche besteht zu einem Teile
aus Land und zu zwei Teilen aus Wasser. Aber während
man auf der Erde bekanntlich fünf Erd- oder Weltteile
zählt, ist das Festland von Sitara in anderer, viel
einfacherer Weise gegliedert. Es hängt zusammen. Es
bildet nicht mehrere Kontinente, sondern nur einen einzigen,
der in ein sehr tiefgelegenes, sümpfereiches Niederland
und ein der Sonne kühn entgegenstrebendes Hochland
zerfällt, welche beide durch einen schmäleren, steil
aufwärtssteigenden Urwaldstreifen mit einander verbunden
sind. Das Tiefland ist eben, ungesund, an giftigen Pflanzen
und reißenden Tieren reich und allen von Meer zu
Meer dahinbrausenden Stürmen preisgegeben. Man
nennt es Ardistan. Ard heißt Erde, Scholle, niedriger
Stoff, und bildlich bedeutet es das Wohlbehagen im
geistlosen Schmutz und Staub, das rücksichtslose Trachten
nach der Materie, den grausamen Vernichtungskampf gegen
Alles, was nicht zum eigenen Selbst gehört oder nicht
gewillt ist, ihm zu dienen. Ardistan ist also die Heimat
der niedrigen, selbstsüchtigen Daseinsformen und, was sich
auf seine höheren Bewohner bezieht, das Land der
_Gewalt-_und_Egoismusmenschen._ Das Hochland
hingegen ist gebirgig, gesund, ewig jung und schön im
Kusse des Sonnenstrahles, reich an Gaben der Natur
und Produkten des menschlichen Fleißes, ein Garten Eden,
ein Paradies. Man nennt es Dschinnistan. Dschinni
heißt Genius, wohltätiger Geist, segensreiches unirdisches
Wesen, und bildlich bedeutet es den angeborenen Herzenstrieb
nach Höherem, das Wohlgefallen am geistigen und
seelischen Aufwärtssteigen, das fleißige Trachten nach Allem,
was gut und was edel ist, und vor allen Dingen die
Freude am Glücke des Nächsten, an der Wohlfahrt aller
derer, welche der Liebe und der Hilfe bedürfen. Dschinnistan
ist also das Territorium der wie die Berge aufwärtsstrebenden
Humanität und Nächstenliebe, das einst verheißene
Land der _Edelmenschen._
Tief unten herrscht über Ardistan ein Geschlecht von
finster denkenden, selbstsüchtigen Tyrannen, deren oberstes
Gesetz in strenger Kürze lautet: "D u s o l l st d e r T e u f e l
d e i n e s N ä ch st e n s e i n, d a m i t d u d i r s e l b s t
z u m E n g e l w e r d e st!" Und hoch oben regierte schon
seit undenklicher Zeit über Dschinnistan eine Dynastie
großherziger, echt königlich denkender Fürsten, deren oberstes
Gesetz in beglückender Kürze lautet: "D u s o l l st d e r
E n g e l d e i n e s N ä ch st e n s e i n, d a m i t d u n i ch t d i r
s e l b st z u m T e u f e l w e r d e st!"
Und solange dieses Dschinnistan, dieses Land der
Edelmenschen, besteht, ist ein jeder Bürger und eine jede
Bürgerin desselben verpflichtet gewesen, heimlich und
ohne sich zu verraten der Schutzengel eines resp. einer
Andern zu sein. Also in Dschinnistan Glück und Sonnenschein,
dagegen in Ardistan ringsum eine tiefe, seelische
Finsternis und der heimliche weil verbotene Jammer
nach Befreiung aus dem Elende dieser Hölle! Ist es
da ein Wunder, daß da unten im Tieflande eine immer
größer werdende Sehnsucht nach dem Hochlande entstand?
Daß die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen
sich aus der Finsternis zu befreien und zu erlösen
suchen? Millionen und Abermillionen fühlen sich in den
Sümpfen von Ardistan wohl. Sie sind die Miasmen
gewohnt. Sie wollen es nicht anders haben. Sie
würden in der reinen Luft von Dschinistan nicht
existieren können. Das sind nicht etwa nur die Aermsten
und Geringsten, sondern grad auch die Mächtigsten, die
Reichsten und Vornehmsten des Landes, die Pharisäer,
die Sünder brauchen, um gerecht erscheinen zu können,
die Vielbesitzenden, denen arme Leute nötig sind, um
ihnen als Folie zu dienen, die Bequemen, welche Arbeiter
haben müssen, um sich in Ruhe zu pflegen, und vor allen
Dingen die Klugen, Pfiffigen, denen die Dummen, die
Vertrauenden, die Ehrlichen unentbehrlich sind, um von
ihnen ausgebeutet zu werden. Was würde aus allen
diesen Bevorzugten werden, wenn es die Andern nicht
mehr gäbe? Darum ist es Jedermann auf das allerstrengste
verboten, Ardistan zu verlassen, um sich dem
Druck des dortigen Gesetzes zu entziehen. Die schärfsten
Strafen aber treffen den, der es wagt, nach dem Lande
der Nächstenliebe und der Humanität, nach Dschinnistan
zu flüchten. Die Grenze ist besetzt. Er kommt nicht
durch. Er wird ergriffen und nach der "Geisterschmiede"
geschafft, um dort gemartert und gepeinigt zu werden,
bis er sich vom Schmerz gezwungen fühlt, Abbitte leistend
in das verhaßte Joch zurückzukehren.
Denn zwischen Ardistan und Dschinnistan liegt Märdistan,
jener steil aufwärtssteigende Urwaldstreifen, durch
dessen Baum- und Felsenlabyrinthe der unendlich gefahrvolle
und beschwerliche Weg nach oben geht. Märd ist
ein persisches Wort; es bedeutet "Mann". Märdistan
ist das Zwischenland, in welches sich nur "Männer"
wagen dürfen; jeder Andere geht unbedingt zu Grunde.
Der gefährlichste Teil dieses fast noch ganz unbekannten
Gebietes ist der "Wald von Kulub". Kulub ist ein
arabisches Wort; es bedeutet die Mehrzahl des deutschen
Wortes "Herz". Also in den Tiefen des Herzens lauern
die Feinde, die man, einen nach dem andern, zu besiegen
hat, wenn man aus Ardistan nach Dschinnistan entkommen
will. Und mitten in jenem Walde von Kulub ist
jener Ort der Qual zu suchen, von dem es in "Babel und
Bibel," Seite 78 heißt:
"Zu Märdistan, im Walde von Kulub,
Liegt einsam, tief versteckt, die Geisterschmiede.
Da schmieden Geister?"
"Nein, man schmiedet sie!
Der Stumm bringt sie geschleppt, um Mitternacht,
Wenn Wetter leuchten, Tränenfluten stürzen.
Der Haß wirft sich in grimmiger Lust auf sie.
Der Neid schlägt tief ins Fleisch die Krallen ein.
Die Reue schwitzt und jammert am Gebläse.
Am Blocke steht der Schmerz, mit starrem Aug
Im rußigen Gesicht, die Hand am Hammer.
Da, jetzt, o Scheik, ergreifen dich die Zangen.
Man stößt dich in den Brand; die Bälge knarren.
Die Lohe zuckt empor, zum Dach hinaus,
Und Alles, was du hast und was du bist,
Der Leib, der Geist, die Seele, alle Knochen,
Die Sehnen, Fibern, Fasern, Fleisch und Blut,
Gedanken und Gefühle, Alles, Alles
Wird dir verbrannt, gepeinigt und gemartert
Bis in die weiße Glut -- -- --"
"Allah, Allah!"
"Schrei nicht, o Scheik! Ich sage dir, schrei nicht!
Denn wer da schreit, ist dieser Qual nicht wert,
Wird weggeworfen in den Brack und Plunder
Und muß dann wieder eingeschmolzen werden.
Du aber willst zum Stahl, zur Klinge werden,
Die in der Faust der Parakleten funkelt.
Sei also still!
Man reißt dich aus dem Feuer -- --
Man wirft dich auf den Amboß -- -- hält dich fest.
Es knallt und prasselt dir in jeder Pore.
Der Schmerz beginnt sein Werk, der Schmied, der Meister.
Er spuckt sich in die Fäuste, greift dann zu.
Hebt beiderhändig hoch den Riesenhammer -- -- --
Die Schläge fallen. Jeder ist ein Mord,
Ein Mord an dir. Du meinst, zermalmt zu werden.
Die Fetzen fliegen heiß nach allen Seiten.
Dein Ich wird dünner, kleiner, immer kleiner,
Und dennoch mußt du wieder in das Feuer -- --
Und wieder -- -- immer wieder, bis der Schmied
Den Geist erkennt, der aus der Höllenqual
Und aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag
Ihm ruhig, dankbar froh entgegenlächelt.
Den schraubt er in den Stock und greift zur Feile.
Die kreischt und knirscht und frißt von dir hinweg
Was noch -- -- --"
"Halt ein! Es ist genug!"
"Es geht noch weiter, denn der Bohrer kommt,
Der schraubt sich tief -- -- --"
"Sei still! Um Gottes willen!"
u. s. w. u. s. w.
So also sieht es in Märdistan aus, und so also
geht es im Innern der "Geisterschmiede von Kulub" zu!
Jeder Bewohner des Sternes Sitara kennt die Sage,
daß die Seelen aller bedeutenden Menschen, die geboren
werden sollen, vom Himmel herniederkommen. Engel
und Teufel warten auf sie. Die Seele, welche das Glück
hat, auf einen Engel zu treffen, wird in Dschinnistan
geboren, und alle ihre Wege sind geebnet. Die arme
Seele aber, welche einem Teufel in die Hände fällt, wird
von ihm nach Ardistan geschleppt und in ein um so tieferes
Elend geschleudert, je höher die Aufgabe ist, die
ihr von oben mitgegeben wurde. Der Teufel will, sie
soll zu Grunde gehen, und ruht weder bei Tag noch bei
Nacht, aus dem zum Talent oder gar Genie Bestimmten
einen möglichst verkommenen, verlorenen Menschen zu
machen. Alles Sträuben und Aufbäumen hilft nichts;
der Arme ist dem Untergange geweiht. Und selbst wenn
es ihm gelänge, aus Ardistan zu entkommen, so würde
er doch in Märdistan ergriffen und nach der Geisterschmiede
geschleppt, um so lange gefoltert und gequält
zu werden, bis er den letzten Rest von Mut verliert, zu
widerstreben.
Nur selten ist die Himmelskraft, die einer solchen
nach Ardistan geschleuderten Seele mitgegeben wurde, so
groß und so unerschöpflich, daß sie selbst die stärkste Pein
der Geisterschmiede erträgt und dem Schmiede und seinen
Gesellen "aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag
ruhig dankbar froh entgegenlächelt". Einer solchen
Himmelstochter kann selbst dieser größte Schmerz nichts
anhaben, sie ist gefeit; sie ist gerettet. Sie wird nicht
vom Feuer vernichtet, sondern geläutert und gestählt. Und
sind alle Schlacken von ihr abgesprungen, so hat der
Schmied von ihr zu lassen, denn es ist nichts mehr an
ihr, was nach Ardistan gehört. Darum kann weder
Mensch noch Teufel sie mehr hindern, unter dem Zorngeschrei
des ganzen Tieflandes nach Dschinnistan emporzusteigen,
wo jeder Mensch der Engel seines Nächsten
ist. -- -- --
_________
II.
Meine Kindheit.
_____
Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein
Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers. Mein
Vater war ein armer Weber. Meine Großväter waren
beide tödlich verunglückt. Der Vater meiner Mutter
daheim, der Vater meines Vaters aber im Walde. Er war
zu Weihnacht nach dem Nachbardorf gegangen, um Brot
zu holen. Die Nacht überraschte ihn. Er kam im tiefen
Schneegestöber vom Wege ab und stürzte in die damals
steile Schlucht des "Krähenholzes", aus der er sich nicht
herausarbeiten konnte. Seine Spuren wurden verweht.
Man suchte lange Zeit vergeblich nach ihm. Erst als
der Schnee verschwunden war, fand man seine Leiche und
auch die Brote. Ueberhaupt ist Weihnacht für mich und
die Meinen sehr oft keine frohe, sondern eine
verhängnisvolle Zeit gewesen.
Geboren wurde ich am 25. Februar 1842 in dem
damals sehr ärmlichen und kleinen, erzgebirgischen
Weberstädtchen Ernsttal, welches jetzt mit dem etwas größeren
Hohenstein verbunden ist. Wir waren neun Personen:
mein Vater, meine Mutter, die beiden Großmütter, vier
Schwestern und ich, der einzige Knabe. Die Mutter
meiner Mutter scheuerte für die Leute und spann Watte.
Es kam vor, daß sie sich mehr als 25 Pfennige pro Tag
verdiente. Da wurde sie splendid und verteilte zwei
Dreierbrötchen, die nur vier Pfennige kosteten, weil sie
äußerst hart und altbacken, oft auch schimmelig waren,
unter uns fünf Kinder. Sie war eine gute, fleißige,
schweigsame Frau, die niemals klagte. Sie starb, wie
man sagte, aus Altersschwäche. Die eigentliche Ursache
ihres Todes aber war wohl das, was man gegenwärtig
diskret als "Unterernährung" zu bezeichnen pflegt. Ueber
meine andere Großmutter, die Mutter meines Vaters,
habe ich etwas mehr zu sagen, doch nicht hier an dieser
Stelle. Meine Mutter war eine Märtyrerin, eine Heilige,
immer still, unendlich fleißig, trotz unserer eigenen Armut
stets opferbereit für andere, vielleicht noch ärmere Leute.
Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem
Mund gehört. Sie war ein Segen für jeden, mit dem
sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre
Kinder. Sie konnte noch so schwer leiden, kein Mensch
erfuhr davon. Doch des Abends, wenn sie, die Stricknadeln
emsig rührend, beim kleinen, qualmenden Oellämpchen
saß und sich unbeachtet wähnte, da kam es vor, daß
ihr eine Träne in das Auge trat und, um schneller, als
sie gekommen war, zu verschwinden, ihr über die Wange
lief. Mit einer Bewegung der Fingerspitze wurde die
Leidesspur sofort verwischt.
Mein Vater war ein Mensch mit zwei Seelen. Die
eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch, voll
Uebermaß im Zorn, unfähig, sich zu beherrschen. Er
besaß hervorragende Talente, die aber alle unentwickelt
geblieben waren, der großen Armut wegen. Er hatte
nie eine Schule besucht, doch aus eigenem Fleiße fließend
lesen und sehr gut schreiben gelernt. Er besaß zu allem,
was nötig war, ein angeborenes Geschick. Was seine
Augen sahen, das machten seine Hände nach. Obgleich
nur Weber, war er doch im stande, sich Rock und Hose
selbst zu schneidern und seine Stiefel selbst zu besohlen.
Er schnitzte und bildhauerte gern, und was er da fertig
brachte, das hatte Schick und war gar nicht so übel.
Als ich eine Geige haben mußte und er kein Geld auch
zu dem Bogen hatte, fertigte er schnell selbst einen. Dem
fehlte es zwar ein wenig an schöner Schweifung und
Eleganz, aber er genügte vollständig, seine Bestimmung zu
erfüllen. Vater war gern fleißig, doch befand sich sein
Fleiß stets in Eile. Wozu ein anderer Weber vierzehn
Stunden brauchte, dazu brauchte er nur zehn; die übrigen
vier verwendete er dann zu Dingen, die ihm lieber waren.
Während dieser zehn angestrengten Stunden war nicht
mit ihm auszukommen; alles hatte zu schweigen; niemand
durfte sich regen. Da waren wir in steter Angst, ihn zu
erzürnen. Dann wehe uns! Am Webstuhl hing ein
dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen
hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte
"birkene Hans", vor dem wir Kinder uns besonders
scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Züchtigung
im großen "Ofentopfe" einzuweichen, um ihn elastischer
und also eindringlicher zu machen. Uebrigens, wenn die
zehn Stunden vorüber waren, so hatten wir nichts mehr
zu befürchten; wir atmeten alle auf, und Vaters andere
Seele lächelte uns an. Er konnte dann geradezu
herzgewinnend sein, doch hatten wir selbst in den heitersten
und friedlichsten Augenblicken das Gefühl, daß wir auf
vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment
einen Ausbruch erwarten konnten. Dann bekam man
den Strick oder den "Hans" so lange, bis Vater nicht
mehr konnte. Unsere älteste Schwester, ein hochbegabtes,
liebes, heiteres, fleißiges Mädchen, wurde sogar noch als
Braut mit Ohrfeigen gezüchtigt, weil sie von einem
Spaziergange mit ihrem Bräutigam etwas später nach Hause
kam, als ihr erlaubt worden war.
Hier habe ich eine Pause zu machen, um mir eine
ernste, wichtigere Bemerkung zu gestatten. Ich schreibe
dieses Buch nicht etwa um meiner Gegner willen, etwa
um ihnen zu antworten oder mich gegen sie zu
verteidigen, sondern ich bin der Meinung, daß durch die
Art und Weise, in der man mich umstürmt, jede Antwort
und jede Verteidigung ausgeschlossen wird. Ich
schreibe dieses Buch auch nicht für meine Freunde, denn
die kennen, verstehen und begreifen mich, so daß ich nicht
erst nötig habe, ihnen Aufklärung über mich zu geben.
Ich schreibe es vielmehr nur u m m e i n e r s e l b st w i l l e n,
um über mich klar zu werden und mir über das, was
ich bisher tat und ferner noch zu tun gedenke, Rechenschaft
abzulegen. Ich schreibe also, um zu beichten. Aber
ich beichte nicht etwa den Menschen, denen es ja auch
gar nicht einfällt, mir ihre Sünden einzugestehen, sondern
ich beichte meinem Herrgott und mir selbst, und was
diese beiden sagen, wenn ich geendet habe, wird für mich
maßgebend sein. Es sind für mich also nicht gewöhnliche,
sondern heilige Stunden, in denen ich die vorliegenden
Bogen schreibe. Ich spreche hier nicht nur für
dieses, sondern auch für jenes Leben, an das ich glaube
und nach dem ich mich sehne. Indem ich hier beichte,
verleihe ich mir die Gestalt und das Wesen, als das ich
einst nach dem Tode existieren werde. Da kann es mir
wahrlich, wahrlich gleichgültig sein, was man in diesem
oder in jenem Lager zu diesem meinem Buche sagt. Ich
lege es in ganz andere, in die richtigen Hände, nämlich
in die Hände des Geschickes, der Alles wissenden
Vorsehung, bei der es weder Gunst noch Ungunst, sondern
nur allein Gerechtigkeit und Wahrheit gibt. Da läßt sich
nichts verschweigen und nichts beschönigen. Da muß man
Alles ehrlich sagen und ehrlich bekennen, wie es war und
wie es ist, erscheine es auch noch so pietätlos und tue
es auch noch so weh. Man hat den Ausdruck "Karl
May-Problem" erfunden. Wohlan, ich nehme ihn an
und lasse ihn gelten. Dieses Problem wird mir keiner
von allen denen lösen, welche meine Bücher nicht gelesen
oder nicht begriffen haben und trotzdem über sie urteilen.
Das Karl May-Problem ist das Menschheitsproblem,
aus dem großen, alles umfassenden Plural in den Singular,
in die einzelne Individualität transponiert. Und
genauso, wie dieses Menschheitsproblem zu lösen ist, ist
auch das Karl May-Problem zu lösen, anders nicht!
Wer sich unfähig zeigt, das Karl May-Rätsel in
befriedigender, humaner Weise zu lösen, der mag um Gottes
Willen die schwachen Hände und die unzureichenden Gedanken
davon lassen, über sich selbst hinaus zu greifen und
sich mit schwierigen Menschheitsfragen zu befassen! Der
Schlüssel zu all diesen Rätseln ist längst vorhanden. Die
christliche Kirche nennt ihn "Erbsünde". Die Vorväter
und Vormütter kennen, heißt, die Kinder und Enkel
begreifen, und nur der Humanität, der wahren
edelmenschlichen Gesinnung ist es gegeben, in Betracht der
Vorfahren wahr und ehrlich zu sein, um auch gegen die
Nachkommen wahr und ehrlich sein zu können. Den
Einfluß der Verstorbenen auf ihre Nachlebenden an das
Tageslicht zu ziehen, ist rechts eine Seligkeit und links
eine Erlösung für beide Teile, und so habe auch ich die
meinen genauso zu zeichnen, wie sie in Wirklichkeit
waren, mag man dies für unkindlich halten oder nicht.
Ich habe nicht nur gegen sie und mich, sondern auch gegen
meine Mitmenschen wahr zu sein. Vielleicht kann mancher
aus unserem Beispiele lernen, in seinem Falle das Richtige
zu tun. -- --
Mutter hatte ganz unerwartet von einem entfernten
Verwandten ein Haus geerbt und einige kleine, leinene
Geldbeutel dazu. Einer dieser Geldbeutel enthielt lauter
Zweipfenniger, ein anderer lauter Dreipfenniger, ein
dritter lauter Groschen. In einem vierten steckte ein
ganzes Schock Fünfzigpfenniger, und im fünften und
letzten fanden sich zehn alte Schafhäuselsechser, zehn
Achtgroschenstücke, fünf Gulden und vier Taler vor. Das
war ja ein Vermögen! Das erschien der Armut fast
wie eine Million! Freilich war das Haus nur drei
schmale Fenster breit und sehr aus Holz gebaut, dafür
aber war es drei Stockwerke hoch und hatte ganz oben
unter dem First einen Taubenschlag, was bei andern
Häusern bekanntlich nicht immer der Fall zu sein pflegt.
Großmutter, die Mutter meines Vaters, zog in das
Parterre, wo es nur eine Stube mit zwei Fenstern und
die Haustür gab. Dahinter lag ein Raum mit einer
alten Wäscherolle, die für zwei Pfennige pro Stunde an
andere Leute vermietet wurde. Es gab glückliche Sonnabende,
an denen diese Rolle zehn, zwölf, ja sogar vierzehn
Pfennige einbrachte. Das förderte die Wohlhabenheit
ganz bedeutend. Im ersten Stock wohnten die Eltern
mit uns. Da stand der Webstuhl mit dem Spulrad.
Im zweiten Stock schliefen wir mit einer Kolonie von
Mäusen und einigen größeren Nagetieren, die eigentlich
im Taubenschlage wohnten und des Nachts nur kamen,
uns zu besuchen. Es gab auch einen Keller, doch war
er immer leer. Einmal standen einige Säcke Kartoffeln
darin, die gehörten aber nicht uns, sondern einem
Nachbar, der keinen Keller hatte. Großmutter meinte, daß
es viel besser wäre, wenn der Keller ihm und die Kartoffeln
uns gehörten. Der Hof war grad so groß, daß wir fünf
Kinder uns aufstellen konnten, ohne einander zu stoßen.
Hieran grenzte der Garten, in dem es einen
Holunderstrauch, einen Apfel-, einen Pflaumenbaum und einen
Wassertümpel gab, den wir als "Teich" bezeichneten. Der
Hollunder lieferte uns den Tee zum Schwitzen, wenn wir
uns erkältet hatten, hielt aber nicht sehr lange vor, denn
wenn das Eine sich erkältete, fingen auch alle Andern
an, zu husten und wollten mit ihm schwitzen. Der
Apfelbaum blühte immer sehr schön und sehr reichlich; da wir
aber nur zu wohl wußten, daß die Aepfel gleich nach
der Blüte am besten schmecken, so war er meist schon
Anfang Juni abgeerntet. Die Pflaumen aber waren
uns heilig. Großmutter aß sie gar zu gern. Sie wurden
täglich gezählt, und niemand wagte es, sich an ihnen zu
vergreifen. Wir Kinder bekamen doch mehr, viel mehr
davon, als uns eigentlich zustand. Was den "Teich"
betrifft, so war er sehr reich belebt, doch leider nicht
mit Fischen, sondern mit Fröschen. Die kannten wir alle
einzeln, sogar an der Stimme. Es waren immer so
zwischen zehn und fünfzehn. Wir fütterten sie mit
Regenwürmern, Fliegen, Käfern und allerlei andern guten
Dingen, die wir aus gastronomischen oder ästhetischen
Gründen nicht selbst genießen konnten, und sie waren uns
auch herzlich dankbar dafür. Sie kannten uns. Sie
kamen an das Ufer, wenn wir uns ihnen näherten.
Einige ließen sich sogar ergreifen und streicheln. Der
eigentliche Dank aber erklang uns des Abends, wenn wir
am Einschlafen waren. Keine Sennerin kann sich mehr
über ihre Zither freuen als wir über unsere Frösche.
Wir wußten ganz genau, welcher es war, der sich hören
leß [sic], ob der Arthur, der Paul oder Fritz, und wenn sie
gar zu duettieren oder im Chor zu singen begannen, so
sprangen wir aus den Federn und öffneten die Fenster,
um mitzuquaken, bis Mutter oder Großmutter kam und
uns dahin zurückbrachte, wohin wir jetzt gehörten. Leider
aber kam einst ein sogenannter Bezirksarzt in das Städtchen,
um sogenannte gesundheitliche Untersuchungen anzustellen.
Der hatte überall etwas auszusetzen. Dieser
ebenso sonderbare wie gefühllose Mann schlug, als er
unsern Garten und unsern schönen Tümpel sah, die Hände
über dem Kopf zusammen und erklärte, daß dieser Pest-
und Cholerapfuhl sofort verschwinden müsse. Am nächsten
Tage brachte der Polizist Eberhard einen Zettel des Herrn
Stadtrichters Layritz des Inhaltes, daß binnen jetzt und
drei Tagen der Tümpel auszufüllen und die Froschkolonie
zu töten sei, bei fünfzehn "Guten Groschen" Strafe.
Wir Kinder waren empört. Unsere Frösche umbringen!
Ja, wenn der Herr Stadtrichter Layritz einer gewesen
wäre, dann herzlich, herzlich gern! Wir hielten Rat und
was wir beschlossen, wurde ausgeführt. Der Tümpel
wurde so weit ausgeschöpft, daß wir die Frösche fassen
konnten. Sie wurden in den großen Deckelkorb getan
und dann hinaus hinter das Schießhaus nach dem großen
Zechenteich getragen, Großmutter voran, wir hinterher.
Dort wurde jeder einzeln herausgenommen, geliebkost,
gestreichelt und in das Wasser gelassen. Wieviel Seufzer
dabei laut geworden, wieviel Tränen dabei geflossen und
wieviel vernichtende Urteile dabei gegen den sogenannten
Bezirksarzt gefällt worden sind, das ist jetzt, nach über
sechzig Jahren, wohl kaum mehr festzustellen. Doch weiß
ich noch ganz bestimmt, daß Großmutter, um dem ungeheuern
Schmerz ein Ende zu machen, uns die Versicherung
gab, ein jedes von uns werde genau nach zehn
Jahren ein dreimal größeres Haus mit einem fünfmal
größeren Garten erben, in dem es einen zehnmal größeren
Teich mit zwanzigmal größeren Fröschen gebe. Das
brachte in unserer Stimmung eine ebenso plötzliche wie
angenehme Aenderung hervor. Wir wanderten mit der
Großmutter und dem leeren Deckelkorb vergnügt nach
Hause.
Das geschah in der Zeit, als ich nicht mehr blind
war und schon laufen konnte. Ich war weder blind
geboren noch mit irgendeinem vererbten körperlichen Fehler
behaftet. Vater und Mutter waren durchaus kräftige,
gesunde Naturen. Sie sind bis zu ihrem Tode niemals
krank gewesen. Mich atavistischer Schwachheiten zu
zeihen, ist eine Böswilligkeit, die ich mir unbedingt
verbitten muß. Daß ich kurz nach der Geburt sehr schwer
erkrankte, das Augenlicht verlor und volle vier Jahre
siechte, war nicht eine Folge der Vererbung, sondern der
rein örtlichen Verhältnisse, der Armut, des Unverstandes
und der verderblichen Medikasterei, der ich zum Opfer
fiel. Sobald ich in die Hand eines tüchtigen Arztes kam,
kehrte mir das Augenlicht wieder, und ich wurde ein
höchst kräftiger und widerstandsfähiger Junge, der stark
genug war, es mit jedem andern aufzunehmen. Doch
ehe ich über mich selbst berichte, habe ich noch für einige
Zeit bei dem Milieu zu bleiben, in dem ich meine erste
Kindheit verlebte.
Mutter hatte mit dem Hause auch die auf ihm
stehenden Schulden geerbt. Die waren zu verzinsen.
Hieraus ergab sich, daß wir eben nur mietfrei wohnten,
und auch das nicht einmal ganz. Mutter war sparsam,
Vater in seiner Weise auch. Aber wie er in allem maßlos
war, in seiner Liebe, seinem Zorne, seinem Fleiße,
seinem Lobe, seinem Tadel, so auch hier in der Beurteilung
der kleinen Erbschaft, die nur ein Ansporn sein
konnte, weiter zu sparen und das Häuschen von Schulden
frei zu machen. Aber wenn er auch nicht geradezu
glaubte, plötzlich reich geworden zu sein, so nahm er doch
an, jetzt zu einer andern Lebensführung übergehen zu
dürfen. Er verzichtete darauf, sich sein ganzes Leben
lang hinter dem Webstuhl abzurackern. Er hatte ja nun
ein Haus, und er hatte Geld, viel Geld. Er konnte zu
etwas anderem, besserem greifen, was bequemer war und
mehr lohnte als die Weberei. Während er, nicht schlafen
könnend, im Bette lag und darüber nachdachte, was zu
ergreifen sei, hörte er die Ratten über sich im leeren
Taubenschlag rumoren. Dieses Rumoren wiederholte
sich von Tag zu Tag, und so entstand, in der jedem
Psychologen wohlbekannten Weise in ihm der Entschluß,
die Ratten zu vertreiben und Tauben anzuschaffen. Er
wollte Taubenhändler werden, obgleich er von diesem
Fache nicht das geringste verstand. Er hatte gehört,
daß da sehr viel Geld zu verdienen sei, und war der
Meinung, daß er auch ohne die nötigen Sonderkenntnisse
genug Intelligenz besitze, jeden Händler zu überlisten.
Die Ratten wurden vertrieben und Tauben angeschafft.
Leider war diese Anschaffung nicht ohne Geldkosten
zu bewerkstelligen. Mutter mußte einen ihrer Beutel
opfern, vielleicht gar zwei. Sie tat es nur mit Widerstreben.
Sie fand an den Tauben nicht dasselbe Wohlgefallen,
welches wir Kinder an ihnen fanden. Am
meisten Vergnügen machte es uns, wenn wir beobachteten,
wie die lieben Tierchen ihre zarten Kleider veränderten.
Vater hatte zwei Paar sehr teure "Blaustriche" gekauft.
Er brachte sie heim und zeigte sie uns. Er hoffte,
wenigstens drei Taler an ihnen zu verdienen. Einige
Tage später lagen die blauen Federn am Boden: sie
waren nicht echt, sondern nur angeklebt gewesen. Die
kostbaren "Blaustriche" entpuppten sich als ganz wertlose
Feldweißlinge. Vater erwarb einen sehr schönen, jungen,
grauen Trommeltäuberich für einen Taler fünfzehn gute
Groschen. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, daß der
Täuberich altersblind war. Er ging nicht aus dem
Schlage; sein Wert war gleich Null. Solche und
ähnliche Fälle mehrten sich. Die Folge davon war, daß
Mutter noch einen dritten Beutel opfern mußte, um den
Taubenhandel in besseren Schwung zu bringen. Freilich
gab sich auch Vater große Mühe. Er feierte nicht. Er
besuchte alle Markte, alle Gasthöfe und Schankwirtschaften,
um zu kaufen oder Käufer zu finden. Bald kaufte er
Erbsen; bald kaufte er Wicken, die er "halb geschenkt"
erhalten hatte. Er war immer unterwegs, von einem
Dorf zum andern, von einem Bauern zum andern. Er
brachte immerfort Käse, Eier und Butter heim, die wir
gar nicht brauchten. Er hatte sie teuer gekauft, um sich
die Bauersfrauen handelsgeneigt zu machen, und wurde
sie nur mit Mühe und Verlusten wieder los. Dieses
unstäte [sic], unnützliche Leben förderte nicht, sondern fraß das
Glück des Hauses; es fraß sogar auch noch die übrigen
Leinenbeutel. Mutter gab gute Worte, vergeblich. Sie
härmte sich und hielt still, bis es Sünde gewesen wäre,
weiter zu tragen. Da faßte sie einen Entschluß und ging
zum Herrn Stadtrichter Layritz, der sich in diesem Falle
viel, viel vernünftiger als damals gegen unsere Frösche
zeigte. Sie stellte ihm ihre Lage vor. Sie sagte ihm,
daß sie zwar ihren Mann sehr, sehr lieb habe, aber vor
allen Dingen auch auf das Wohl ihrer Kinder achten
müsse. Sie verriet ihm, daß sie außer den bisher
erwähnten Beuteln noch einen besitze, den sie ihrem Manne
noch nicht gezeigt, sondern verheimlicht habe. Der Herr
Stadtrichter solle doch die Güte haben, ihr zu
sagen, wie sie dieses Geld anlegen könne, um sich und
ihre Kinder zu sichern. Sie legte ihm den Beutel vor.
Er öffnete ihn und zählte. Es waren sechzig harte,
blanke, wohlgeputzte Taler. Darob großes Erstaunen!
Der Herr Stadtrichter Layritz dachte nach; dann sagte
er: "Meine liebe Frau May, ich kenne Sie. Sie sind
eine brave Frau, und ich stehe für Sie ein. Unsere
Hebamme ist alt; wir brauchen eine jüngere. Sie gehen
nach Dresden und werden für dieses Ihr Geld Hebamme.
Ich werde das besorgen! Kommen Sie mit der ersten
Zensur zurück, so stellen wir Sie sofort an. Darauf gebe ich
Ihnen mein Wort. Kommen Sie aber mit einer niedrigeren
Zensur, so können wir Sie nicht brauchen. Jetzt aber
gehen Sie heim, und sagen Sie Ihrem Mann, er solle sofort
einmal zu mir kommen; ich hätte mit ihm zu reden!"
Das geschah. Mutter ging nach Dresden. Sie
kam mit der ersten Zensur zurück, und der Herr
Stadtrichter Layritz hielt Wort; sie wurde angestellt.
Während ihrer Abwesenheit führte Vater mit Großmutter
das Haus. Das war eine schwere Zeit, eine Leidenszeit
für uns alle. Die Blattern brachen aus. Wir
Kinder lagen alle krank. Großmutter tat fast über
Menschenkraft. Vater aber auch. Bei einer der
Schwestern hatte sich der Blatternkranke Kopf in einen
unförmigen Klumpen verwandelt. Stirn, Ohren, Augen,
Nase, Mund und Kinn waren vollständig verschwunden.
Der Arzt mußte durch Messerschnitte nach den Lippen
suchen, um der Kranken wenigstens ein wenig Milch einflößen
zu können. Sie lebt heute noch, ist die heiterste
von uns allen und niemals wieder krank gewesen. Man
sieht noch jetzt die Narben, die ihr der Arzt geschnitten
hat, als er nach dem Mund suchte.
Diese schwere Zeit war, als Mutter wieder kam,
noch nicht ganz vorüber, mir aber brachte ihr Aufenthalt
in Dresden großes Glück. Sie hatte sich durch
ihren Fleiß und ihr stilles, tiefernstes Wesen das
Wohlwollen der beiden Professoren Grenzer und Haase
erworben und ihnen von mir, ihrem elenden, erblindeten
und seelisch doch so regsamen Knaben erzählt. Sie war
aufgefordert worden, mich nach Dresden zu bringen, um
von den beiden Herren behandelt zu werden. Das geschah
nun jetzt, und zwar mit ganz überraschendem Erfolge.
Ich lernte sehen und kehrte, auch im übrigen
gesundend, heim. Aber das Alles hatte große, große
Opfer gefordert, freilich nur für unsere armen
Verhältnisse groß. Wir mußten um all der nötigen Ausgaben
willen das Haus verkaufen, und das wenige, was von
dem Kaufpreise unser war, reichte kaum zu, das Nötigste
zu decken. Wir zogen zur Miete. -- --
Und nun zu der Person, die in seelischer Beziehung
den tiefsten und größten Einfluß auf meine Entwicklung
ausgeübt hat. Während die Mutter unserer Mutter in
Hohenstein geboren war und darum von uns die "Hohensteiner
Großmutter" genannt wurde, stammte die Mutter
meines Vaters aus Ernsttal und mußte sich darum als
"Ernsttaler Großmutter" bezeichnen lassen. Diese Letztere
war ein ganz eigenartiges, tiefgründiges, edles und, fast
möchte ich sagen, geheimnisvolles Wesen. Sie war mir
von Jugend auf ein herzliebes, beglückendes Rätsel,
aus dessen Tiefen ich schöpfen durfte, ohne es jemals
ausschöpfen zu können. Woher hatte sie das Alles?
Sehr einfach: Sie war Seele, nichts als Seele, und die
heutige Psychologie weiß, was das zu bedeuten hat. Sie
war in der tiefsten Not geboren und im tiefsten Leide
aufgewachsen; darum sah sie Alles mit hoffenden, sich
nach Erlösung sehnenden Augen an. Und wer in der
richtigen Weise zu hoffen und zu glauben vermag, der
hat den Erdenjammer hinter sich geschoben und vor sich
nur noch Sonnenschein und Gottesfrieden liegen. Sie
war die Tochter bitter armer Leute, hatte die Mutter
früh verloren und einen Vater zu ernähren, der weder
stehen noch liegen konnte und bis zu seinem Tode viele
Jahre lang an einen alten, ledernen Lehnstuhl gefesselt
und gebunden war. Sie pflegte ihn mit unendlicher, zu
Tränen rührender Aufopferung. Die Armut erlaubte
ihr nur das billigste Wohnen. Das Fenster ihrer Stube
zeigte nur den Gottesacker, weiter nichts. Sie kannte
alle Gräber, und sie bedachte für sich und ihren Vater
nur den einen Weg, aus ihrer dürftigen Sterbekammer
im Sarge nach dem Kirchhofe hinüber. Sie hatte einen
Geliebten, der es brav und ehrlich mit ihr meinte; aber
sie verzichtete. Sie wollte nur ganz allein dem Vater
gehören, und der brave Bursche gab ihr Recht. Er sagte
nichts, aber er wartete und blieb ihr treu.
Droben auf dem Oberboden stand eine alte Kiste
mit noch älteren Büchern. Das waren in Leder gebundene
Erbstücke verschiedenen Inhaltes, sowohl geistlich
als auch weltlich. Es ging die Sage, daß es in der
Familie, als sie noch wohlhabend war, Geistliche, Gelehrte
und weitgereiste Herren gegeben habe, an welche diese
Bücher noch heut erinnerten. Vater und Tochter konnten
lesen; sie hatten es beide von selbst gelernt. Des Abends,
nach des Tages Last und Arbeit, wurde das Reifröckchen *)
_______
*) Kleines Oellämpchen.
angebrannt, und eines von Beiden las vor. In den
Pausen wurde das Gelesene besprochen. Man hatte die
Bücher nahe schon zwanzigmal durch, fing aber immer
wieder von vorn an, weil sich dann immer neue Gedanken
fanden, die besser, schöner und auch richtiger zu sein
schienen als die früheren. Am meisten gelesen wurde
ein ziemlich großer und schon sehr abgegriffener Band,
dessen Titel lautete: