"Nun sei willkommen," sagte er, "und trinke zuerst von unserem gesegneten

Wasser." Er holte dann selbst aus einem antiken Stein eine Kumme mit

Wasser, setzte sie an seinen Mund, und nachdem er getrunken, reichte er

sie mir. Das war ein köstlicher Trunk, süss und kalt. "Omar," rief er

dann, "bring Datteln von den gequetschten!" Gleich darauf kam ein kleiner

kränklich aussehender Knabe, sein Sohn, mit einem Strohteller voll

Datteln. Obgleich ich erst gefrühstückt hatte, musste ich doch, so wollte

es die Sitte, einige Mundvoll Dattelteig essen; mein Neger Bu Bekr langte

desto besser zu. Erst nachdem ich gegessen, fing er dann an zu fragen: wo

ich herkomme, was ich wolle, warum ich hier in den Garten gekommen, warum

der Vicekönig meinetwillen nach Siuah geschrieben habe etc. Nachdem ich

seine übrigens ganz natürliche Neugier befriedigt hatte, dachte auch ich

Recht zum Fragen zu haben, und erfuhr nun zuerst, dass ich hier im Ort

Chamisa sei, dass sie Siuahner seien, aber ausser Abstammung und Sprache

nichts mit ihnen zu thun haben, dass noch sieben andere Familien in

Chamisa wohnten, und sie in allem mit Sklaven 43 Männer zählen, mit

Frauen, Sklavinnen und Kindern aber etwa 100 Bewohner ausmachten.

Ich erfuhr nun jetzt erst, dass der Ort, wo wir lagerten, Masra heisse

(mein Führer, der des Weges kundig war, wusste in der Oase selbst gar

nicht Bescheid, und hatte die Ruine zuerst Bled el Rum, dann Amudeïn

genannt), und nun fragte ich nach dem unter dem Namen Bled el Rum[31]

bekannten dorischen Tempel, dessen bei Browne, Hornemann, Caillaud,

Hammilton u.a. gedacht wird. Sehr freundlich erbot er sich, mich selbst

nach den Ruinen Bled el Rum hinzuführen. In nordwestlicher Richtung durch

die Gärten fortgehend, und überall auch von den anderen Grundherren

freundlich aufgenommen, rief er ihnen nur im Vorbeigehen zu: "Das ist er,

er ist endlich gekommen," und schien ordentlich stolz zu sein mir als

Führer zu dienen. "Wir erwarteten Dich alle Tage," fügte er hinzu, "aber

ich konnte nicht denken, dass Du unseren Ort zuerst besuchen würdest." Auf

meine Frage, ob die Siuahner mich gut empfangen würden, sagte er: "wenn

sie wüssten, Du wärest hier, würden sie schon herausgekommen sein, um Dich

zu holen, denn unser Herr (Sidina oder Effendina, diesen Titel gaben die

Eingebornen dem Vicekönig von Aegypten) hat ihnen mit einer Extra-Abgabe

gedroht, wenn Dir das Geringste in ihrem Gebiete zustosse." Nun glaubte

ich in dieser Beziehung ganz ruhig sein zu können, denn der Mann hatte ja

kein Interesse mich zu täuschen. Wir hatten bald das Ende der Gärten

erreicht, deren Vegetation überall gleich üppig war, und nach einer

kleinen Stunde zwischen Agolkraut und dann Sebcha, sahen wir am Fusse des

Gebirges Bled el Rum vor uns. Dies waren die Reste wirklich, welche zuerst

von Browne unter dem Namen eines dorischen Tempels bekannt wurden, und von

allen anderen Reisenden ebenso beschrieben worden sind. Nur St. John macht

hiervon eine Ausnahme, und sagt: die Ruine von Bled el Rum ist eine

Nachahmung des Tempels von Umma beida; damit hält er es doch wohl offenbar

für ein ägyptisches Bauwerk, was es auch in der That ist. Denn es ist wohl

kaum anzunehmen, dass in der Jupiter Ammonsoase die Griechen zu einer so

frühen Zeit gewesen sind, wo bei ihnen der Tempelbau gänzlich ohne Säulen

geschah, jedenfalls würde man den Pronaos wohl mit zwei Säulen geschmückt

haben. Hier aber ist das nicht der Fall. Nicht nur, dass überhaupt der

ganze Tempel massenhafte Mauern fasst, ist er unverhältnissmässig lang,

zeigt eine andere Abtheilung mit grossem Eingang und zwei seitlichen

Fenstern (diesen Theil kann man als Pronaos bezeichnen), dann eine hintere

lange Kammer durch eine Wand mit Thür von der vordern getrennt. Der ganze

hintere Theil aber, die Cella ist zerstört bis auf den ersten an den

Pronaos stossenden Theil. Das ganze Gebäude ist über 60' auf 15', wie man

aus den Umrissen erkennen kann. Hammilton, der drei Abtheilungen erkannt

haben will, und auch die äusseren Mauern als rein dorisch angiebt, hat

andere Zahlenverhältnisse; worauf er dieselben basirt, konnte ich nicht

herausfinden. Nur die Höhe von 18' und einigen Zollen, und die Breite der

deckenden Steine am Eingange des inneren Zimmers, von einer Wand zur

anderen, wie die in Umma beida, stimmen mit den meinigen. Von diesen

colossalen Decksteinen, welche das glatte Dach des Tempels bildeten,

liegen nur noch zwei. Es unterliegt nach dieser Beschreibung also wohl

keinem Zweifel, dass der Tempel Bled el Rum ägyptischer Herkunft ist.

Hieroglyphen oder sonstige Inschriften waren nirgends zu entdecken, sollen

auch, wie mein Begleiter mir sagte, nie dort gefunden worden sein.

Nachdem wir eine Zeit lang im Schatten der Deckquadern gerastet hatten,

traten wir den Rückweg an, ohne von den zahlreichen Katakomben, welche in

den Felswänden sich befinden, eine zu besichtigen. Dieselben sind ohne

Verzierungen und ganz leer. Unser Weg ging wieder zu den Gärten, brachte

uns diesmal zur Hauptquelle, welche inmitten der Gärten von Chamisa liegt,

und sprudelnd aus der Erde wie alle die andern auch, hervor fliesst. Von

einem runden aus Quadern aufgeführten Gemäuer umgeben, hat sie fünf gleich

starke Abflüsse, um nach verschiedenen Richtungen hin die Gärten zu

durchwässern. Dem Geschmacke nach war das Wasser vollkommen süss, und

hatte wahrscheinlich, ich hatte leider kein Thermometer bei mir, dieselbe

Temperatur wie die andern Quellen. Früher müssen die Gärten bedeutend

umfangreicher gewesen sein, wahrscheinlich waren die umgebenden Agolfelder

und die Sebcha bis Bled el Rum alle Gartenland. Aber ohne Frage ist dies

der fruchtbarste Theil der ganzen Oase, nur hier gedeihen Orangen und

Limonen, in langen Guirlanden rankt der Wein von Baum zu Baum wie in

Norditalien, Oliven, Feigenbäume, Granatbüsche, Quitten und Aepfel (diese

kleiner und verkrüppelter Art), Pfirsiche, Aprikosen, Pflaumen und

Mandelbäume bilden ein ununterbrochenes Laubdickicht.

Wir waren bald bei der Behausung meines Mannes wieder angekommen, und ich

bat nun mir seine Wohnung zu zeigen, was er auch mit Bereitwilligkeit

that; aber der grosse längliche Bau, dessen Mauern noch circa 6 Fuss hoch

aus der Erde ragten, aus regelmässig behauenen Steinen aufgeführt, bot im

Innern nichts als eine bequeme Benutzung der Räumlichkeit, welche durch

andere Thonwände und Laubscheiden in Zimmer, Höfe und Stallung für Vieh

eingerichtet waren. Der Eingang schien auf der langen Seite gewesen zu

sein, welche gegen Süden gerichtet war, denn hier fand man sie in der

Mitte durchbrochen, alle andern Seiten zeigten keine Spur eines Einganges,

sondern das ursprüngliche Gemäuer. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass ein

derartiges Gebäude eine Privatwohnung war, aber auch ein Tempel dürfte es

schwerlich gewesen sein, vielmehr ein anderes öffentliches Gebäude oder

ein Schutzwerk dieser vorgeschobenen Gärten.

Da ich gar nichts bei mir hatte, was ich dem guten Manne, der mich so

freundlich geführt hatte, hätte bieten können, so forderte ich ihn auf,

uns zu unsern Zelten zu begleiten, was er auch bereitwilligst that. Mein

Führer aber war bei unserer Rückkehr gar nicht zufrieden, dass ich ohne

ihn nach Chamisa gegangen war, wie er auch früher schon nicht wollte, dass

Staui vorausgeschickt wurde, sondern selbst gern Bote gewesen wäre. Er

glaubte, mich als ein willenloses Werkzeug in seiner Hand zu haben, wollte

den Beschützer herausbeissen, und das um so mehr, je mehr wir uns dem

gefürchteten Orte näherten. Unterwegs hatte ich mich allen seinen

Anordnungen gefügt, aber ihm jetzt gezeigt, dass er weiter nichts als

Wegweiser sei, und ich seiner Rathschläge und seiner Vermittelung mit den

Eingebornen nicht bedürfe. Reichlich beschenkt, half unser neuer Freund

aus Chamisa unsere Kameele laden, und um 4 Uhr Nachmittags, als es schon

anfing kühler zu werden, nahmen wir Abschied von ihm und setzten uns in

Bewegung.

Der Weg führte abwechselnd durch Grasbüschel, Agolkraut und Sebcha, und

südöstliche Richtung haltend, hatten wir links einen glänzenden

Salzspiegel. Nach einer Stunde ging dieser in ein offenes Wasserbecken

über, von zahlreichen Enten und Gänsen belebt, und wir selbst befanden uns

jetzt zwischen niedrigem Palmgebüsch, aus dem allmählich hohe und schlanke

Palmen wurden, und bald sahen wir uns auf gleicher Höhe mit den Gärten.

Wir hatten im Ganzen nur zwei Stunden bis Siuah, von denen die erste

Stunde in S.-O., die letzte in O.-N. zu machen. Als wir uns aber der Stadt

so weit genähert hatten, dass wir unter den Wällen die Leute mit blossem

Auge erkennen konnten, liess ich halten. Es kam mir verdächtig vor, dass

Staui, der einen vierstündigen Vorsprung hatte, nicht zurückgekehrt war,

um uns einzuholen. Wir befanden uns in einer sandigen Ebene, wo hie und da

hohe Palmen, hie und da Palmbüsche standen; da wo wir hielten, konnten wir

den ganzen Ort sehen und gesehen werden. Als aber nach abermaligen 10

Minuten Niemand aus dem Orte kam, gingen wir etwas seitwärts zu einer

Gruppe hübscher Bäume, liessen die Kameele knieen, abladen und schlugen

Zelte. Und nachdem dies geschehen war, hiess ich den Führer in die Stadt

gehen, um die Ursache zu erfragen, warum Staui nicht zurückgekommen sei.

Leute, welche von aussen kamen und zur Stadt gingen, andere die nach der

Bearbeitung der Gärten herauskamen, gingen bei uns vorüber, ohne irgend

etwas zu sagen. All dies kam mir so sonderbar vor, dass ich schon zu

fürchten anfing, die fanatische Partei hätte vielleicht die Oberhand

bekommen und es durchgesetzt, mir den Aufenthalt in Siuah zu verbieten,

wie das wiederholt mit früheren Reisenden der Fall gewesen war. Es

dunkelte schon als der Führer zurückkam; mit Angst und Zagen war er

hingegangen, freudestrahlenden Antlitzes kam er zurück: der Gatroner und

er seien sehr gut empfangen worden, sagte er, und ersterer sei schon

längst aus der Stadt zurückgekehrt, müsse sich aber wohl seiner

Halbblindheit wegen verlaufen haben, die Schichs, fügte er hinzu, würden

es gerne sehen, wenn Du noch diesen Abend zur Stadt kämest. Das ging nun

freilich nicht mehr, es war zu dunkel, um zu packen, überdies war es 8 Uhr

Abends geworden.

Ich lag schon auf meinem Feldbette und wollte gerade das Licht auslöschen,

da es 10 Uhr Abends geworden war, als ich Pferdegetrappel hörte und lautes

Rufen von Menschen. Aufspringen und mit dem Revolver aus dem Zelte

stürzen, war eins, aber im selben Augenblicke kam auch schon der Führer

auf mich zugelaufen und rief: "Alle Schichs kommen, um Dich zu begrüssen."

Gleich darauf waren sie denn auch vor den Zelten und drängten sich am

Eingange des meinigen zusammen. Dasselbe konnte höchstens drei Personen

fassen, weil Bett und Kisten fast den ganzen Raum einnahmen. Ein junger

Schich, kaum 18 Jahre alt, kam zuerst herein und nahm unaufgefordert Platz

(ich merkte daraus gleich, dass er einer der vornehmsten Persönlichkeiten

von Siuah sein musste), zwei andere ältere folgten und setzten sich ihm

gegenüber, während die andern sich vors Zelt hockten, wohin Teppiche

gelegt waren. Die drei im Zelte befindlichen Schichs waren reich gekleidet

mit Kahiriner Stoffen, namentlich hatte der junge Schich Hammed die

neuesten Seidenstoffe mit echter Goldverzierung an. Nachdem wie gewöhnlich

die Ssalamat und Begrüssungen recht lange gedauert hatten, riefen alle ein

Willkommen; dann zog Schich Hammed einen Brief aus den Falten seines

Turbans und ihn mir reichend, sagte er: "Mein Bruder Omar (dies ist

gegenwärtig der mächtigste der Schichs von Siuah, und auch der am besten

in Kairo angeschriebene), erster Schich der Lifaya, hat, nachdem er lange

auf Dich gewartet hat, abreisen müssen, nun hat er diesen Brief für Dich

zurückgelassen und mir befohlen (bei den Mohammedanern gehorcht, sobald

der Vater todt ist, der jüngere dem älteren Bruder) Dir Gastfreundschaft

zu erzeigen. Ich habe nicht bis morgen warten wollen, und als die andern

Schichs erfuhren, ich sei aufgebrochen, Dich zu begrüssen, wurden sie

eifersüchtig und sind mitgekommen, wenn sie aber nichts gemerkt hätten,

wären sie sicher nicht gekommen." Ein grosser Lärm entstand, die andern

riefen "Lügner, wir wollten den Christen zuerst besuchen, und Du hast Dich

uns angeschlossen." Im Augenblick sah ich, dass die alte Feindschaft

zwischen Lifaya und Rharbyin noch immer existire. Ich beschwichtigte

rasch, indem ich dankte und sagte, Alle wären mir gleich willkommen; "Gott

allein sieht in Eure Herzen," fügte ich hinzu, "und nur Er weiss, wessen

Herz weiss oder schwarz ist." Ich hatte glücklich so die Rivalität

gedämpft, obgleich sich die Rharbyin gedemüthigt fühlten, als nun Schich

Hammeds Diener ein fettes Schaf, einen grossen Korb voll Reis, einen Sack

mit Datteln und Zwiebeln hereinbrachte, und hinzufügte, dies sei sein und

seines Bruders Gastgabe. Ich dankte für die Aufmerksamkeit, und suchte

dann eine allgemeine Unterhaltung in Gang zu bringen. Die Schichs fingen

an sich zu entschuldigen wegen ihres Benehmens gegen Hamilton, und

versuchten namentlich, und auch wohl nicht mit Unrecht, alle Schuld auf

die Lifaya zu schieben. Hammed sagte dann vor Zorn erröthend: "Die Zeiten

sind heut anders, wir haben den Vapor (Eisenbahn) und Eisendraht (Ssilk,

so bezeichnet man den Telegraph) in Aegypten kennen gelernt. Wenn vor 10

Jahren unsere Väter in Aegypten das gesehen hätten, was wir jetzt sehen,

so wäre alles das nicht vorgefallen, aber ma scha Allah kan, was Gott will

geschieht," schloss er mit des Propheten Worten.

Endlich sagte ich der Versammlung (man hatte schon Kaffee genommen und

sass wenigstens eine Stunde), ich sei müde und wünsche zu schlafen. Die

Schichs erhoben sich nun auch sogleich, sagten aber, sie würden draussen

bei meinem Zelte schlafen, denn sie seien für mich verantwortlich, deshalb

hätten sie auch gleich ihre Teppiche mitgebracht. Ich sah jetzt erst, dass

jeder einen Teppich bei sich hatte. Auf mein Erwiedern, dass ich dies

nicht leiden würde, sondern vollkommen auf den guten Sinn der Siuahner

vertraue, wollten sie nicht hören, erst auf meine Erklärung, dass, falls

sie zu bleiben bestünden, ich aufpacken und meinen Lagerplatz weiter

zurück verlegen würde, zogen sie von dannen, mit dem Versprechen, mich am

folgenden Morgen feierlichst einzuholen.

Und so kam es denn auch; am andern Morgen ganz früh waren Alle wieder da

und noch viele Neugierige mit ihnen. Nach schnellem Packen ging es dann

vorwärts nach Siuah, zwei Schichs voraus zu Pferde (in der ganzen Oase

sind nur 4 oder 5 Pferde), dann ich und mein bayerischer Diener je zu

Kameel, endlich die andern Kameele mit siuahnischen Eseln von ihren

Eigenthümern geritten und Fussleute, und gewiss alle Kinder des Ortes.

Auch der alte Staui hatte sich Morgens wieder eingefunden, in seiner

Blindheit war er im Dunkeln vom Wege gekommen, und der arme Teufel hatte

die ganze Nacht ohne Nahrung am Fusse einer Palme zubringen müssen, bis in

der Früh ihm Siuahner den Weg zu unserm Lagerplatz zeigten. Natürlich

wurde viel Pulver verbrannt, und meine Diener machten mit ihren

Doppelflinten und Revolvern auch nicht wenig Lärm. So gings zwischen den

beiden Anhöhen durch, von denen die eine terrassenförmig bis oben mit

Häusern bebaut ist und den Lifaya gehört, indessen die andere, dicht

westsüdwestlich von diesem gelegen und am Fusse bebaut, von den Rharbyin

bewohnt ist. Dann nach Norden biegend, erreichten wir das Kasr oder

Schloss, welches die Wohnung des Mudir, Rathhaus und Gefängniss für ganz

Siuah ist. Hier wurden wir einquartiert, und da der Mudir gerade in

Alexandrien war, uns die ganze obere Etage, welche gute und luftige Zimmer

hatte, zur Verfügung gestellt. Während wir noch mit unserer Einrichtung

beschäftigt waren, kam denn auch der Kahdi, aber ich merkte, dass sein

Besuch ein vollkommen erzwungener war, jedenfalls nicht aus freiem

Antriebe erfolgte, ich kürzte denselben denn auch so rasch wie möglich ab,

froh endlich einige Augenblicke Ruhe zu haben.

Also war ich da in dieser hochberühmten Oase, welche zu sehen ich mich

schon lange gesehnt hatte, diesen geheimnissvollen Fleck, der die Ursache

so vieler Opfer gewesen war, welcher so reiche geschichtliche Erinnerungen

wach rief. Noch vor 6 Monaten in der Hauptstadt der Intelligenz unserer

Zeit, befand ich mich jetzt an dem Orte, wo vor mehr als 2000 Jahren die

damals bekannte Welt sich Raths erholte, an der Stelle, wo der grösste

Krieger seiner Zeit sich "Sohn des Zeus" anreden hörte! Oft glaubte ich zu

träumen, aber ein Blick aus meinem Fenster auf die unzähligen Katakomben

sagte mir dann, Alles ist Wahrheit, Du bist wirklich an der heiligen

Stätte des Jupiter Ammon. Da vor Dir sind die stummen Zeugen, welche die

Reste derer beherbergten, auf deren Worte Könige und Völker lauschten,

während jetzt ihre Knochen, von rohen Barbaren umhergeschleudert, in der

Sonne bleichen, und langsam durch den ewigen Kreislauf aller Dinge sich

auflösen, um in die ewige Natur zurückzukehren.

Die Gründung des ammonischen Orakels geht bis in die vorgeschichtliche

Zeit zurück, die ältesten Nachrichten darüber finden wir bei Herodot.

Diodor und Curtius geben uns eine ausführliche Beschreibung der schon

bestehenden Oertlichkeiten, und in der neuesten Zeit finden wir in O.

Parthey's trefflicher Abhandlung über die Jupiter Ammons-Oase Alles

erschöpfend niedergelegt, was Ursprung, Bedeutung, Geschichte des Orakels

und des ehemals und jetzt dort lebenden Volkes anbetrifft. Demnach steht

es nun unzweifelhaft fest, dass sowohl die Stadt Ammon[32], als auch die

Ruinen des Orakels ägyptischen Ursprungs sind. Wie früh überhaupt der Ruf

des Orakels verbreitet war, geht daraus hervor, dass Krösus von Lydien

sich dort Raths erholte, Cambyses wollte das Königreich der Ammonier

zerstören, aber sein ganzes Heer wurde durch Wassermangel und heisse

Landstürme aufgerieben. Erst durch den berühmten Zug Alexanders wurde die

Lage des Orakelortes und die örtliche Gestaltung desselben ans Tageslicht

gezogen, denn selbst Herodot weiss über die Lage noch nichts Bestimmtes

anzugeben.

Wir wissen schon von den Alten, und durch die neuesten Reisenden ist dies

bestätigt, dass es in der Oase zwei Tempel des Jupiters Ammon gab, von

denen der eine grössere unmittelbar neben der Akropolis selbst stand, der

andere kleine nicht fern von jenem neben dem Sonnenquell in einem

Palmhaine gelegen sein soll. Obgleich nun schon Minutoli die äussere Mauer

des grossen Tempels in Agermi bemerkt hatte, sie aber, weil er nicht ins

Innere dringen konnte, für blosses Mauerwerk hielt, namentlich Hirt darauf

aufmerksam machte, dass Umma beida nur der kleine Ammonstempel sein könne

(dagegen fälschlich den grossen nach Siuah hin verlegt haben wollte), so

hielten doch alle neuern Reisenden von Browne bis auf St. John den Umma

beida-Tempel für den grossen. Erst Hamilton machte zuerst die wichtige

Entdeckung des grossen Tempels in Agermi, der alten Akropolis, indem es

ihm gelang, in das Innere selbst hineinzudringen. Hamilton hält nun zwar

das Gebäude selbst für die Akropolis, allein schon aus seiner eigenen

Beschreibung geht hervor, dass wir es mit einem Tempel zu thun haben. Nach

ihm der erste Europäer, der Siuah wieder besuchte, kann ich, was derselbe

über die Grossartigkeit dieser Baulichkeit sagte, nur bestätigen, und

glücklicher wie er, konnte ich wenigstens die Copien von einigen

Hieroglyphen mit heim bringen. Schmutz, Rauch, Dunkelheit des ganzen

Raumes, und namentlich die Durchbauung des ganzen Tempels mit Häusern

verdeckten zwar die Hauptsache, oft war auch sogar eine Colonne

absichtlich zerstört, indem man die erhabenen Hieroglyphen abgehauen oder

die Bilder verkalkt hatte, indess konnte unser berühmter Aegyptolog

Brugsch aus den ihm vorgelegten Abzeichnungen erkennen, "dass die Texte in

altägyptischer Schrift abgefasst sind, dass sie sich auf eine Reihe

männlicher Gottheiten beziehen, die, nach den erhaltenen Kronen zu

urtheilen, Ammon und den widderköpfigen Harschaf, den Arsaphes der

Griechen, darstellten, dass endlich die Texte Reden jener Gottheiten

enthalten, die sich an einen Gott wenden, welcher Ur-testu, das ist

Grosser der Völker, genannt wird. Dies Epitheton beweist, dass der König

ein nicht einheimischer war, sondern einer fremden Dynastie angehören

musste." Der Name der Oertlichkeit scheint leider nicht genannt,

wenigstens war Brugsch nicht im Stande etwas daraus zu erkennen, so dass

die Frage über die altägyptische Benennung des Tempels immer noch eine

offene bleibt. Hoffentlich gelingt es mit Unterstützung der ägyptischen

Regierung einem späteren Forscher die Bewohner, welche sich ihre Häuser in

den Tempel gebaut haben, zu vermögen, dieselben zu verkaufen und

abzubrechen, bei dem jetzigen guten Geiste der Bevölkerung würde dies ohne

Zweifel mit einigen Geldopfern zu bewerkstelligen sein.

Was das Bildniss des Ammon anbetrifft, so liegen darüber abweichende

Berichte vor; nach Curtius brachten die Macedonier die Nachricht zurück,

es gleiche einem Nabel ringsum mit Smaragden und Edelsteinen besetzt. Es

wurde in Procession von Priestern in einem vergoldeten Schiffchen

herumgetragen. Silberne, an beiden Seiten herabhängende Schellen

klingelten, und alte Weiber und Jungfrauen sangen herkömmliche Weisen

dazu. Diodor, ohne des Nabels zu erwähnen, macht dieselbe Beschreibung wie

Curtius, Arrian sieht das als Fabel an, er weiss, dass der Jupiter Ammon

als widderköpfig abgebildet wird. Auffallend ist nun aber, dass nach den

neuesten Forschungen der ägyptische Ammon nie widderköpfig abgebildet

wird, sondern Knepf oder Chnubis. Jedenfalls ist wohl anzunehmen, dass das

Bild anders im Allerheiligsten des Tempels, wohin nur die geweihten

Priester dringen durften, dargestellt wurde, als wie man es ausserhalb dem

grossen Publikum zeigte. Alexander trug nach seinem Besuche bei Ammon

häufig als Helmschmuck Widderhörner, und auch derartige Münzen liegen vor.

Möglich, dass Alexander, da er im Allerheiligsten war, das wirkliche

Ammonsbild zu sehen bekam. Chnubis, Knepf und Ammon werden übrigens nach

Brugsch häufig verwechselt. Im kleinen Tempel von Umma beida findet sich

ein grosser Marmorblock, der auf allen vier Seiten einen grossen

menschlichen Kopf mit Widderhörnern zeigt. Dies kann möglicherweise der

Sockel gewesen sein, auf dem die Statue des Jupiter Ammon stand. Der Kopf

selbst, eine scheussliche Fratze von Doppelmenschen-Grösse, soll wohl kein

eigentliches Bild des Ammon sein, hat aber jedenfalls Bezug darauf. Das

Widderhorn und der Widder mussten überhaupt bei den alten Ammoniern eine

grosse Rolle spielen, Beweis davon der kleine in Bab el medina, eine

Stunde südwestlich von Siuah, gefundene Marmorwidder, jetzt in Berlin auf

dem Museum.

Wenn wir zur Zeit Alexanders das Ammonsorakel den grössten Ruhm geniessen

sahen, so dass es sich mit denen von Delphi und Dodona in jeder Beziehung

messen konnte, so bemerken wir andererseits, dass es zur Zeit Christi nur

noch wenig mehr cultivirt wurde. Die Römer scheinen überhaupt nie grosse

Vorliebe für dieses Orakel gehabt zu haben. Wir finden, namentlich durch

die griechischen Bewohner Cyrenaica's gestiftet, verschiedene dem Ammon

gewidmete Tempel auf der Nordküste von Afrika, ebenso auch in Griechenland

selbst, aber in Italien wird uns von einem solchen nichts überliefert.

Mit der Christianisirung von ganz Nordafrika hörten die Ammonstempel in

der Oase auch auf heidnische Gotteshäuser zu sein, wahrscheinlich wurden

sie in Kirchen umgewandelt. Zur Zeit des Christenthums in Afrika, wurde

Siuah[33], wie die anderen Oasen (Uah) als Verbannungsort benutzt, und als

im 7. Jahrhundert die Araber über Nordafrika sich ergossen, fiel es dem

mohammedanischen Cultus anheim.

Von Tripolis nach Alexandrien - 2. Band · 第 5 / 10 段