Taaffe erwartete nun mit Bestimmtheit, daß er für seine Dienste belohnt

werden würde; aber er fand einen kalten Empfang im Schatzamte. Er war

hauptsächlich deshalb nach Lancashire gegangen, weil er hoffte, dort

unter dem Schutze einer Durchsuchungsvollmacht Geschmeide und Goldstücke

aus geheimen Fächern entwenden zu können. Seine Fingerfertigkeit war

aber den Blicken seiner Begleiter nicht ganz verborgen geblieben. Sie

waren dahinter gekommen, daß er sich die Abendmahlsgeschirre der

papistischen Familien, deren Privatschätze er hatte durchstöbern helfen,

zugeeignet hatte. Als er daher um eine Belohnung bat, wurde er nicht nur

mit einer abschlägigen Antwort, sondern mit einem strengen Verweise

abgefertigt. Er entfernte sich rasend vor Geldgier und Aerger. Es gab

noch einen Weg, auf dem er sowohl Geld als Rache erlangen konnte, und

diesen Weg schlug er ein. Er machte den Freunden der Angeklagten

Anerbietungen. Er, und er allein könne das was er gethan habe wieder

rückgängig machen, könne die Angeklagten vom Galgen retten, könne die

Ankläger mit Schande bedecken, könne den Staatssekretär und den

Staatsprokurator, welche der Schrecken aller Freunde König Jakob's

seien, aus dem Amte vertreiben. So widerwärtig Taaffe den Jakobiten auch

war, sein Anerbieten war nicht zu verachten. Er erhielt eine Summe

Geldes, die Zusicherung einer anständigen Leibrente, wenn das Geschäft

abgethan sein würde, und er wurde in die Provinz geschickt und bis zum

Tage der Gerichtsverhandlungen in strenger Abgeschiedenheit

gehalten.[122]

Unterdessen wurden uncensirte Flugschriften, in denen das Complot von

Lancashire mit Oates' Complot, mit Dangerfield's Complot, mit Fuller's

Complot, mit Young's Complot, mit Whitney's Complot in eine Kategorie

gestellt war, durch das ganze Land, und ganz besonders in der

Grafschaft, welche die Jury zu liefern hatte, verbreitet. Das

ausführlichste, geschickteste und heftigste von diesen Pamphlets,

betitelt: +A Letter to Secretary Trenchard+, wurde allgemein Ferguson

zugeschrieben. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß Ferguson einen

Theil des Materials geliefert und das Manuscript zum Druck befördert

hat. Viele Stellen aber sind in einer so gewandten und kräftigen Sprache

geschrieben, wie sie ihm sicherlich nicht zu Gebote stand. Diejenigen,

welche nach innerem Beweise urtheilen, werden vielleicht in einigen

Theilen dieser bedeutsamen Schrift, das letzte Aufblitzen des boshaften

Genie's Montgomery's zu erkennen glauben. Wenige Wochen nach seinem

Erscheinen sank der »Brief« ungeehrt und unbedauert ins Grab.[123]

Es gab damals außer der London Gazette keine gedruckten Zeitungen. Seit

der Revolution aber war der Neuigkeitsbrief ein wichtigeres politisches

Werkzeug geworden als er vorher gewesen. Die Neuigkeitsbriefe eines

Schriftstellers Namens Dyar circulirten weit und breit im Manuscript. Er

gerirte sich als einen Tory und Hochkirchlichen und galt deshalb bei den

fuchsjagenden Gutsherren im ganzen Königreich für ein Orakel. Er hatte

schon zweimal im Gefängniß gesessen, aber seine Einnahmen hatten seine

Leiden mehr als aufgewogen und er beharrte noch immer darin, seine

Mittheilungen nach dem Geschmacke der Landgentlemen zu würzen. Jetzt zog

er das Complot von Lancashire ins Lächerliche, erklärte, daß die

aufgefundenen Gewehre alte Vogelflinten, daß die Sättel bloß für

Jagdpferde bestimmt und daß die Säbel verrostete Reliquien von Edge Hill

und Marston Moore gewesen seien.[124]

Alle diese Schmähungen und Sarkasmen scheinen einen großen Eindruck auf

das Publikum gemacht zu haben. Selbst bei der holländischen

Gesandtschaft, wo gewiß von einer Hinneigung zum Jakobitismus keine Rede

war, herrschte die entschiedene Meinung vor, daß es unklug sein würde,

den Gefangenen den Prozeß zu machen. In Lancashire und Cheshire waren

die überwiegenden Gefühle Mitleid mit den Angeklagten und Haß gegen die

Verfolger. Die Regierung beharrte jedoch in ihrem Vorhaben. Im October

gingen vier Richter nach Manchester ab. Gegenwärtig besteht die

Bevölkerung dieser Stadt aus Leuten, die in allen Theilen der

britischen Inseln geboren sind, und hat daher keine speciellen

Sympathien für die Grundbesitzer, Pächter und Landleute der benachbarten

Districte. Im 17. Jahrhundert aber war der Bewohner von Manchester auch

ein Angehöriger von Lancashire, und seine politischen Ansichten waren

die seiner Grafschaft. Er hegte vor den alten Cavalierfamilien seiner

Provinz eine hohe Achtung und war wüthend, wenn er daran dachte, daß ein

Theil des besten Blutes seiner Grafschaft durch ein paar rundköpfige

Rabulisten aus London vergossen werden sollte. Massen von Menschen aus

den umliegenden Ortschaften füllten die Straßen der Stadt und sahen mit

Schmerz und Unwillen die Reihen gezogener Säbel und geladener Carabiner,

welche die Angeklagten umgaben. Aaron Smith scheint seine Anordnungen

nicht mit besonderem Geschick getroffen zu haben. Der erste Kronanwalt

war Sir William Williams, der trotz seiner vorgerückten Jahre und seines

großen Vermögens noch immer prakticirte. Ein Fehler hatte auf den

letzten Theil seines Lebens einen dunklen Schatten geworfen. Die

Erinnerung an den Tag, an welchem er sich in Westminster Hall unter

Gelächter und Hohngeschrei erhoben hatte, um das Dispensationsrecht zu

vertheidigen und das Petitionsrecht anzugreifen, hatte ihn seit der

Revolution von allen Ehrenstellen ausgeschlossen. Er war ein galliger,

in seinen Hoffnungen getäuschter Mann und durchaus nicht geneigt, sich

im Interesse einer Regierung, der er nichts verdankte und von der er

nichts zu erwarten hatte, unpopulär zu machen.

Es ist keine ausführliche Darstellung der Gerichtsverhandlungen auf uns

gekommen; doch besitzen wir sowohl eine whiggistische als auch eine

jakobitische Erzählung.[125] Wie es scheint wollten die Gefangenen,

gegen welche die Untersuchung zuerst vorgenommen wurde, sich nicht

einzeln vertheidigen lassen, und sie wurden daher zusammen prozessirt.

Williams verhörte seine eigenen Zeugen mit einer Strenge, die sie in

Verlegenheit setzte. Die Zuschauermenge, welche den Gerichtssaal füllte,

lachte und schrie. Besonders Lunt kam gänzlich aus der Fassung,

verwechselte die Personen, und sammelte sich erst dann wieder, als die

Richter ihn den Händen des Kronanwalts entzogen. Für einige der

Angeklagten wurde ein Alibi constatirt. Auch wurde durch Zeugen

bewiesen, was eine unzweifelhafte Wahrheit war, daß Lunt ein Mensch von

verworfenem Character sei. Der Ausgang schien jedoch zweifelhaft, bis

Taaffe zum Schrecken der Ankläger in die Zeugenloge trat. Er schwur mit

frecher Stirn, daß die ganze Complotgeschichte eine von ihm und Lunt

ersonnene umständliche Lüge sei. Williams warf seine Anklageschrift zu

Boden, und in der That, auch ein ehrenwertherer Advokat würde das

Nämliche gethan haben. Die vor der Schranke stehenden Gefangenen wurden

sofort freigesprochen, die noch nicht in Untersuchung gezogenen wurden

in Freiheit gesetzt, die Belastungszeugen wurden mit Schimpf und Schande

aus Manchester hinausgetrieben, der Greffier der Krone kam eben noch mit

dem Leben davon und die Richter zogen unter Hohn und Verwünschungen ab.

[_Zusammentritt des Parlaments._] Wenige Tage nach dem Schlusse der

Untersuchungen in Manchester kehrte Wilhelm nach England zurück.

Am 12. November, nur achtundvierzig Stunden nach seiner Ankunft in

Kensington, traten die Häuser zusammen. Er beglückwünschte sie wegen

des verbesserten Standes der Dinge. Sowohl zu Lande als zur See seien

die Ereignisse des zu Ende gehenden Jahres im Ganzen genommen den

Verbündeten günstig gewesen; die französischen Armeen hätten keine

Fortschritte gemacht, die französischen Flotten hätten sich nicht zu

zeigen gewagt; dessenungeachtet aber könne ein sicherer und ehrenvoller

Friede nur durch kräftige Fortführung des Kriegs erlangt werden, und

der Krieg könne ohne große Geldmittel nicht nachdrücklich fortgesetzt

werden. Wilhelm erinnerte sodann die Gemeinen, daß die Acte, durch

die sie der Krone auf vier Jahre das Tonnen- und Pfundgeld bewilligt,

ihrem Erlöschen nahe sei, und sprach die Hoffnung aus, daß sie erneuert

werden würde.

[_Tillotson's Tod._] Nachdem der König gesprochen hatte, vertagten sich

die Gemeinen aus einem Grunde, den kein Schriftsteller erörtert hat, auf

eine Woche. Ehe sie sich wieder versammelten, trat ein Ereigniß ein, das

im Palaste und in allen Reihen der Niederkirchenpartei große Betrübniß

verursachte. Tillotson wurde plötzlich krank, während er in der Kapelle

von Whitehall dem Gottesdienste beiwohnte. Rasche Hülfe hätte ihn

vielleicht retten können; aber er wollte die Gebete nicht unterbrechen

und nach beendigtem Gottesdienste war seine Krankheit durch die

Heilkunst nicht mehr zu heben. Er war fast gänzlich der Sprache beraubt;

aber seine Freunde erinnerten sich noch lange mit Vergnügen einiger

abgebrochener Ausrufe, welche bewiesen, daß er sich bis zum letzten

Augenblicke eines ungetrübten Seelenfriedens erfreute. Er wurde in der

Kirche Saint Lawrence Jewry unweit Guildhall beigesetzt. In dieser

Kirche hatte er sich seinen glänzenden Ruf als Kanzelredner erworben.

Hier hatte er während der dreißig Jahre gepredigt, die seiner Erhebung

auf den Thron von Canterbury vorangingen. Seine Beredtsamkeit hatte

Massen von Gelehrten und Gebildeten aus den Inns of Court und aus den

Palästen von St. James und Soho ins Herz der City gezogen. Ein

ansehnlicher Theil seiner Zuhörerschaft hatte in der Regel aus jungen

Geistlichen bestanden, welche kamen, um zu den Füßen des Mannes, der

allgemein für den ersten Kanzelredner galt, die Kunst des Predigens zu

erlernen. Nach dieser Kirche wurde jetzt seine irdische Hülle durch eine

trauernde Bevölkerung getragen. Der Bahre folgte ein endloser Zug

glänzender Equipagen vom Lambeth durch Southwark und über die

Londonbrücke. Burnet hielt die Leichenrede. Auf sein weiches und braves

Herz stürmten so viel rührende Erinnerungen ein, daß er mitten in seinem

Vortrage innehielt und in Thränen ausbrach, während ein lautes Gemurmel

des Schmerzes durch die ganze Versammlung lief. Die Königin konnte von

ihrem Lieblingslehrer nicht ohne Thränen sprechen. Selbst Wilhelm war

sichtbar ergriffen. »Ich habe,« sagte er, »den besten Freund verloren,

den ich je gehabt, und den besten Menschen, den ich je gekannt.« Der

einzige Engländer, der in jedem der zahlreichen Briefe, welche der König

an Heinsius schrieb, mit Wohlwollen erwähnt wird, ist Tillotson. Der

Erzbischof hatte eine Wittwe hinterlassen. Wilhelm setzte ihr ein

Jahrgeld von vierhundert Pfund aus, das er später auf sechshundert Pfund

erhöhte. Seine ängstliche Fürsorge, daß sie ihre Pension regelmäßig und

ohne Verzögerungen ausgezahlt erhielt, machte ihm alle Ehre. Zu jedem

Quartaltermin ließ er sich das Geld ohne jeden Abzug bringen und

schickte es ihr selbst direct zu. Tillotson hatte ihr außer einer großen

Anzahl Predigten in Manuscript kein Vermögen hinterlassen. Sein Name war

bei seinen Zeitgenossen so berühmt, daß diese Predigten von den

Buchhändlern für die kaum glaubliche Summe von zweitausendfünfhundert

Guineen angekauft wurden, was bei der damaligen kläglichen

Beschaffenheit des Silbergeldes mindestens soviel war als

dreitausendsechshundert Pfund. Ein solcher Preis war in England noch nie

für das Verlagsrecht eines Werks bezahlt worden. Um die nämliche Zeit

erhielt Dryden, dessen Ruhm damals auf dem Höhepunkt war, für seine

Uebersetzung der sämmtlichen Werke Virgil's dreizehnhundert Pfund, und

man hielt dies für ein glänzendes Honorar.[126]

[_Tenison, Erzbischof von Canterbury._] Es war nicht leicht, die hohe

Stelle, welche durch Tillotson's Tod zur Erledigung gekommen war, in

zufriedenstellender Weise zu besetzen. Marie stimmte für Stillingfleet

und betrieb seine Ansprüche so nachdrücklich, wie sie überhaupt je etwas

zu betreiben wagte. In Bezug auf Talente und Kenntnisse waren ihm wenige

Mitglieder der Geistlichkeit überlegen. Aber obgleich er von Jane und

South wahrscheinlich als ein Niederkirchlicher betrachtet worden wäre,

so war er doch Wilhelm noch zu hochkirchlich, und daher wurde Tenison

ernannt. Der neue Primas war zwar kein besonders ausgezeichneter

Kanzelredner oder Gelehrter, aber er war rechtschaffen, besonnen,

fleißig und wohlwollend; er war ein guter Rector eines großen

Kirchspiels und ein guter Bischof einer großen Diöcese gewesen; die

Verleumdung hatte seinen Namen noch nicht begeifert, und man durfte wohl

hoffen, daß ein Mann von gesundem Verstande, Mäßigung und

Rechtschaffenheit die schwierige Aufgabe, eine mißvergnügte und

zerrissene Kirche zu beruhigen, mit besserem Erfolge lösen werde, als

ein Mann von glänzendem Genie und hochfliegendem Sinne.

Inzwischen hatten die Gemeinen ihre Geschäfte begonnen. Sie bewilligten

freudig ungefähr zwei Millionen vierhunderttausend Pfund für die Armee

und eben so viel für die Flotte. Die Grundsteuer wurde für das nächste

Jahr abermals auf vier Shilling vom Pfunde festgesetzt; die

Tonnengeldacte wurde auf fünf Jahre erneuert und ein Fond gegründet, auf

den die Regierung zwei und eine halbe Million aufnehmen durfte.

[_Debatten über die gerichtlichen Verfolgungen in Lancashire._] In

beiden Häusern wurde einige Zeit auf die Discutirung der

Manchesterprozesse verwendet. Wären die Mißvergnügten klug gewesen, so

würden sie sich mit dem schon errungenen Vortheile begnügt haben. Ihre

Freunde waren in Freiheit gesetzt worden. Die Engländer waren mit Mühe

einer wüthenden Menge entronnen. Der Ruf der Regierung war bedeutend

erschüttert. Die Minister wurden in Prosa und in Versen, bald im Ernst,

bald im Scherz beschuldigt, eine Bande Schurken gemiethet zu haben, um

durch meineidige Aussagen achtbare Gentlemen an den Galgen zu bringen.

Selbst gemäßigte Politiker, welche diesen niederträchtigen

Beschuldigungen keinen Glauben schenkten, gaben zu, daß Trenchard sich

den Schurkereien Fuller's und Young's hätte erinnern und gegen solche

Elende wie Taaffe und Lunt auf seiner Hut sein sollen. Die Gesundheit

und der Lebensmuth des unglücklichen Sekretärs hatten gelitten. Man

sagte, daß er dem Grabe entgegenwanke, und es war gewiß, daß er nicht

lange mehr die Siegel führen werde. Die Tories hatten einen großen Sieg

gewonnen, aber in ihrem Eifer, denselben zu benutzen, verwandelten sie

ihn in eine Niederlage.

Bald nach Eröffnung der Session beschwerte sich Howe mit seiner

gewohnten Heftigkeit und Bitterkeit über die Unwürdigkeiten, denen

schuldlose und ehrenwerthe Männer von hoher Geburt und hohem Ansehen

durch Aaron Smith und die von ihm bezahlten Schurken unterworfen worden

seien. Die Whighäupter verlangten mit richtigem Takte eine Untersuchung.

Jetzt begannen die Tories Ausflüchte zu machen, denn sie wußten wohl,

daß eine Untersuchung ihrer Sache nur schaden konnte. Der Fall, sagten

sie, sei untersucht worden, eine Jury habe ihr Verdict abgegeben, das

Verdict sei ein definitives gewesen, und es würde monströs sein, wollte

man den falschen Zeugen, welche mit Steinwürfen aus Manchester getrieben

worden, Gelegenheit geben, ihr eingelerntes Pensum zu wiederholen. Die

Antwort auf dieses Argument lag sehr nahe. Das Verdict war ein

definitives in Bezug auf die Angeklagten, nicht aber in Bezug auf die

Ankläger. Die Ankläger waren jetzt ihrerseits Angeklagte und hatten

Anspruch auf alle Rechte Angeklagter. Daraus, daß die Gentlemen von

Lancashire des Hochverraths nicht schuldig befunden worden waren und

dies ganz angemessener Weise, folgte noch nicht, daß der Staatssekretär

oder der Prokurator des Schatzes sich der Parteilichkeit oder auch nur

der Uebereilung schuldig gemacht hatten. Das Haus beschloß mit

hundertneunzehn gegen hundertzwei Stimmen, daß Aaron Smith und die

beiderseitigen Zeugen vorgeladen werden sollten. Mehrere Tage vergingen

unter Verhören und Kreuzverhören und die Sitzungen dauerten zuweilen bis

spät in die Nacht. Es wurde bald klar, daß die Anklage nicht ganz

grundlos und daß einige der freigesprochenen Personen wirklich bei

hochverrätherischen Plänen betheiligt gewesen waren. Die Tories würden

sich jetzt mit einer unentschiedenen Schlacht begnügt haben; aber die

Whigs waren nicht gemeint, ihren Vortheil aus der Hand zu geben. Es

wurde beantragt, daß hinreichender Grund zu dem Prozeßverfahren vor der

Specialcommission vorhanden gewesen sei, und dieser Antrag ging ohne

Abstimmung durch. Die Opposition schlug die Einschaltung einiger Worte

vor, welche erklärten, daß die Kronzeugen falsch geschworen hätten; aber

diese Worte wurden mit hundertsechsunddreißig gegen hundertneun Stimmen

verworfen, und mit hundertdreißig gegen siebenundneunzig Stimmen

resolvirt, daß eine gefährliche Verschwörung existirt habe. Die Lords

hatten währenddem denselben Gegenstand berathen und waren zu

dem nämlichen Schlusse gelangt. Sie schickten Taaffe wegen

Wahrheitsverdrehung ins Gefängniß und nahmen Beschlüsse an, welche

sowohl die Regierung als auch die Richter von jedem Tadel freisprachen.

Das Publikum blieb jedoch nach wie vor der Ueberzeugung, daß die in

Manchester zur Untersuchung gezogenen Personen ohne Grund verfolgt

worden seien, bis ein jakobitisches Complot von empörender

Abscheulichkeit, dessen die Verschwörer durch entscheidende Beweise

überführt wurden, einen heftigen Rückschlag der öffentlichen Meinung

herbeiführte.[127]

Unterdessen waren drei Bills, welche in früheren Jahren wiederholt

berathen und von denen zwei vergebens am Fuße des Throns überreicht

worden waren, aufs Neue eingebracht worden: die Stellenbill, die Bill

zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen, und die

Dreijährigkeitsbill.

[_Die Stellenbill._] Die Stellenbill kam nicht vor die Lords. Sie wurde

im Unterhause dreimal gelesen, aber nicht angenommen. Noch im

letzten Augenblicke wurde sie mit hundertfünfundsiebzig gegen

hundertzweiundvierzig Stimmen verworfen. Howe und Harley waren

Stimmenzähler für die Minorität.[128]

[_Die Bill zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen._] Die

Bill zur Regulirung des Verfahrens in Hochverrathsfällen kam auch

diesmal wieder vor die Peers. Wiederum fügten Ihre Lordschaften ihr die

Klausel bei, die ihr früher verderblich geworden war, und wiederum

weigerten sich die Gemeinen, der erblichen Aristokratie irgend ein neues

Vorrecht einzuräumen. Es wurden wieder Conferenzen gehalten und Gründe

ausgetauscht; beide Häuser waren wieder hartnäckig, und die Bill fiel

abermals.[129]

[_Die Dreijährigkeitsbill angenommen._] Die Dreijährigkeitsbill war

glücklicher. Sie wurde am ersten Tage der Session eingebracht und ging

leicht und rasch durch beide Häuser. Die einzige Frage, über welche sich

ein ernsthafter Streit entspann, war die, wie lange das gegenwärtige

Parlament fortbestehen solle. Nach mehreren lebhaften Debatten wurde der

November des Jahres 1696 als der äußerste Termin festgesetzt. Die

Tonnengeldbill und die Dreijährigkeitsbill hielten fast gleichen Schritt

mit einander. Beide waren am 22. December bereit, die königliche

Genehmigung zu empfangen. Wilhelm kam an diesem Tage mit feierlichem

Gepränge nach Westminster. Die Mitglieder beider Häuser waren in großer

Zahl anwesend. Als der Kronsekretär die Worte ablas: »Eine Bill zur

häufigen Einberufung und Versammlung der Parlamente« war die Spannung

groß. Als der Sekretär des Parlaments antwortete: +»Le roy et la royne

le veulent«+ lief ein lautes und langanhaltendes Gemurmel des Vergnügens

und Frohlockens durch die Bänke und die Schranke.[130] Wilhelm hatte

schon seit vielen Monaten beschlossen, einem so populären Gesetze nicht

zum zweiten Male seine Genehmigung zu verweigern.[131] Manche waren

jedoch der Meinung, daß er ein so großes Zugeständniß nicht gemacht

haben würde, wenn er an diesem Tage ganz er selbst gewesen wäre. Es war

in der That deutlich zu sehen, daß er ungewöhnlich aufgeregt und

angegriffen war. Man hatte angekündigt, er werde in Whitehall öffentlich

speisen. Aber er ließ die Neugierde der Menge, welche bei solchen

Gelegenheiten nach Hofe strömte, unbefriedigt und eilte nach Kensington

zurück.[132]

[_Tod Mariens._] Er hatte nur zu guten Grund, aufgeregt zu sein. Seine

Gemahlin war seit einigen Tagen unwohl und am vorhergehenden Abend

hatten sich bedenkliche Symptome gezeigt. Sir Thomas Millington, der

Leibarzt des Königs, glaubte, sie habe die Masern. Radcliffe aber, der

sich trotz seines unfeinen Benehmens und seiner geringen

Büchergelehrsamkeit hauptsächlich durch seine seltene Geschicklichkeit

in der Diagnostik die ausgebreitetste Praxis in London erworben hatte,

sprach das bedenklichere Wort Pocken aus. Diese Krankheit, über welche

die Wissenschaft seitdem eine Reihe ruhmvoller und wohlthätiger Siege

errungen hat, war damals die furchtbarste aller Dienerinnen des Todes.

Die Pest hatte die Menschen rascher hingerafft, aber sie hatte unsere

Küsten seit Menschengedenken nur ein- oder zweimal heimgesucht; die

Pocken hingegen herrschten beständig, füllten die Friedhöfe mit Leichen,

quälten Alle, die sie noch nicht gehabt hatten, mit einer fortwährenden

Angst, ließen an Denen, deren Leben sie verschonten, die abschreckenden

Spuren ihrer Macht zurück, verwandelten den Säugling in ein häßliches

Geschöpf, vor dem die Mutter zurückschauderte, und machten die Augen und

Wangen der Braut zu Gegenständen des Abscheus für den Geliebten. Gegen

das Ende des Jahres 1694 wüthete diese Seuche mit mehr als gewöhnlicher

Bösartigkeit. Endlich verbreitete sich die Epidemie auch in den Palast

und ergriff die junge blühende Königin. Sie vernahm die Ankündigung der

ihr drohenden Gefahr mit wahrer Seelengröße. Sie gab Befehl, daß jede

ihrer Hofdamen, jedes ihrer Ehrenfräuleins, ja selbst jeder niedere

Dienstbote, der die Pocken noch nicht gehabt, Kensington House sofort

verlassen solle. Sie schloß sich auf kurze Zeit in ihr Zimmer ein,

verbrannte einige Papiere, ordnete andere und erwartete dann gefaßt ihr

Schicksal.

Einige Zeit wechselten Hoffnung und Besorgniß häufig mit einander ab.

Die Aerzte widersprachen einander und sich selbst in einer Weise, welche

den damaligen Stand der Heilkunst deutlich verräth. Bald sollte die

Krankheit die Masern, bald das Scharlachfieber, bald das Fleckfieber,

bald der Rothlauf sein. Einmal wurden einige Symptome, welche gerade

bewiesen, daß der Zustand der Patientin hoffnungslos war, als Zeichen

der wiederkehrenden Gesundheit begrüßt. Endlich war jeder Zweifel

vorüber. Radcliffe's Ausspruch erwies sich als der richtige. Es war

klar, daß die Königin von den Pocken in der bösartigsten Form ergriffen

war.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 24 / 27 段