[_Expedition gegen Brest._] Am 6. Juni befand sich die ganze verbündete

Flotte etwa funfzehn Meilen westlich vom Cap Finisterre im Atlantischen

Meere. Hier trennten sich Russell und Berkeley. Russell fuhr weiter nach

dem Mittelländischen Meere, und Berkeley's Geschwader, mit den Truppen

an Bord, steuerte nach der Küste der Bretagne und ankerte vor der

Camaretbai, nahe bei der Einfahrt des Hafens von Brest. Talmash schlug

vor, in der Camaretbai zu landen. Es erschien daher wünschenswerth, die

Beschaffenheit der Küste genau zu untersuchen. Der älteste Sohn des

Herzogs von Leeds, jetzt Marquis von Caermarthen, nahm es auf sich, in

die Bucht einzufahren und die nöthigen Aufschlüsse zu erlangen. Die

Leidenschaft dieses tapferen und excentrischen jungen Mannes für

Seeabenteuer war unbezwinglich. Er hatte um den Rang eines

Contreadmirals gebeten und ihn erhalten und begleitete die Expedition

auf seiner eigenen Yacht »Peregrine,« die als ein Meisterstück der

Schiffbaukunst berühmt war und schon mehr als einmal in dieser

Geschichte erwähnt worden ist. Cutts, der sich durch seine

Unerschrockenheit im irischen Kriege ausgezeichnet hatte und mit der

irischen Peerswürde belohnt worden war, erbot sich, Caermarthen zu

begleiten. Lord Mohun, der wahrscheinlich mit dem Wunsche, durch

ehrenvolle Thaten den Schandfleck zu verwischen, den ein schmachvoller

und unglücklich ausgegangener Streit auf seinen Namen geworfen, als

Freiwilliger bei den Truppen diente, bestand ebenfalls darauf, von der

Partie zu sein. Der Peregrine fuhr mit seiner tapferen Mannschaft in die

Bucht ein und kam wohlbehalten, aber nicht ohne in großer Gefahr

geschwebt zu haben, wieder heraus. Caermarthen berichtete, daß die

Vertheidigungsanstalten, von denen er indeß nur einen kleinen Theil

gesehen, furchtbar seien. Berkeley und Talmash aber vermutheten, daß er

die Gefahr überschätzt habe. Sie wußten nicht, daß ihr Vorhaben schon

längst in Versailles bekannt gewesen, daß eine Armee zu ihrem Empfange

zusammengezogen worden war und daß der größte Ingenieur der Welt die

Küste befestigt hatte. Sie zweifelten daher nicht, daß ihre Truppen

unter dem Schutze der Kanonen ihrer Schiffe leicht würden ans Land

gesetzt werden können. Am folgenden Morgen erhielt Caermarthen Ordre,

mit acht Linienschiffen in die Bai einzufahren und die französischen

Werke zu bombardiren. Talmash sollte mit ungefähr hundert Booten voll

Soldaten folgen. Es stellte sich bald heraus, daß das Unternehmen sogar

noch gefährlicher war, als es den Tag vorher geschienen hatte.

Batterien, die man gar nicht bemerkt hatte, eröffneten ein so

mörderisches Feuer gegen die Schiffe, daß mehrere Verdecke bald

gesäubert waren. Starke Infanterie- und Cavalleriecorps kamen zum

Vorschein und erwiesen sich nach ihren Uniformen als reguläre Truppen.

Der junge Contreadmiral schickte schleunigst einen Offizier ab, um

Talmash zu warnen. Aber Talmash war so vollständig von dem Wahne

beherrscht, daß die Franzosen nicht darauf vorbereitet seien, einen

Angriff abzuwehren, daß er jede Vorsichtsmaßregel unterließ und nicht

einmal seinen eigenen Augen traute. Er glaubte fest, daß die

Truppenmacht, die er an der Küste versammelt sah, ein bloßer

Bauernschwarm sei, den man in der Eile aus der Umgegend

zusammengetrieben habe. Ueberzeugt, daß diese Scheinsoldaten vor

wirklichen Soldaten wie Schafe davonlaufen würden, befahl er seinen

Leuten, nach dem Strande zu rudern. Er wurde bald eines Andren belehrt.

Ein fürchterliches Feuer mähte seine Truppen rascher nieder als sie ans

Ufer gelangen konnten. Er selbst war kaum auf trocknen Boden gesprungen,

als eine Kanonenkugel ihn am Schenkel verwundete, so daß er in sein

Boot zurückgetragen werden mußte. Seine Leute schifften sich in

Verwirrung wieder ein. Schiffe und Boote eilten aus der Bucht

herauszukommen, was ihnen jedoch erst gelang, nachdem vierhundert

Matrosen und siebenhundert Soldaten gefallen waren. Noch viele Tage

nachher spülten die Wellen fortwährend von Kugeln zerrissene und

verstümmelte Leichname an den Strand der Bretagne. Die Batterie, von

welcher Talmash seine Wunde erhielt, wird noch heute »des Engländer's

Tod« genannt.

Der unglückliche General wurde auf sein Lager gebettet und in seiner

Kajüte ein Kriegsrath gehalten. Er war dafür, direct in den Hafen von

Brest einzufahren um die Stadt zu bombardiren. Dieser Vorschlag aber,

der nur zu deutlich verrieth, daß seine Urtheilskraft unter der

Aufregung eines verwundeten Körpers und eines verwundeten Gemüths

gelitten hatte, wurde von den Flottenoffizieren wohlweislich verworfen.

Das Geschwader kehrte nach Portsmouth zurück. Dort starb Talmash, noch

mit seinem letzten Athemzuge versichernd, daß er durch Verrätherei in

eine Schlinge gelockt worden sei. Der Schmerz und Unwille des Volks

äußerte sich laut. Die Nation erinnerte sich der Dienste des

unglücklichen Generals, verzieh ihm seine Uebereilung, bedauerte seine

Leiden und fluchte dem unbekannten Verräther, dessen Machinationen ihm

zum Verderben gereicht hatten. Es circulirten allerhand Muthmaßungen und

Gerüchte. Einige durch Nationalvorurtheil verblendete starre Engländer

schworen, daß keiner unserer Pläne je dem Feinde verborgen bleiben

würde, so lange französische Refugiés hohe Militärcommandos bekleideten.

Einige durch Parteigeist verblendete eifrige Whigs murmelten, daß es dem

Hofe von Saint-Germain nie an guter Kundschaft fehlen würde, so lange

ein einziger Tory im Cabinetsrath sei. Der wirklich Schuldige wurde

nicht genannt und erst als die Archive des Hauses Stuart untersucht

wurden, erfuhr die Welt, daß Talmash durch die schändlichste aller

hundert Schändlichkeiten Marlborough's umgekommen war.[115]

Und doch war Marlborough niemals weniger ein Jakobit gewesen als in dem

Augenblicke wo er dem Jakobitismus diesen abscheulichen und

schmachvollen Dienst leistete. Man darf mit Gewißheit behaupten, daß es

nicht seine Absicht war, der verbannten Familie zu dienen, und daß es

nur seine sekundäre Absicht war, sich bei der verbannten Familie beliebt

zu machen. Sein Hauptzweck war, sich in den Dienst der bestehenden

Regierung einzudrängen und wieder in den Besitz der wichtigen und

einträglichen Stellen zu gelangen, die ihm vor mehr als zwei Jahren

entzogen worden waren. Er wußte, daß das Land und das Parlament es nicht

geduldig ertragen würden, die Armee von ausländischen Generälen

commandirt zu sehen. Nur zwei Engländer hatten sich für hohe

militärische Posten brauchbar erwiesen: er selbst und Talmash. Wenn

Talmash geschlagen und entlassen wurde, blieb Wilhelm fast keine Wahl

mehr. In der That, sobald es bekannt wurde, daß die Expedition mißlungen

und daß Talmash nicht mehr war, äußerte sich laut das allgemeine

Verlangen, daß der König den ausgezeichneten Heerführer, der bei

Walcourt, bei Cork und bei Kinsale so Großes geleistet habe, wieder zu

Gnaden annehmen solle. Auch können wir die Menge wegen dieses

Verlangens nicht tadeln, denn Jedermann wußte, daß er ein vorzüglich

tapferer, geschickter und glücklicher Offizier war; aber nur sehr Wenige

wußten, daß, während er Wilhelm's Truppen befehligte, während er in

Wilhelm's Staatsrath saß und während er Wilhelm's Kammerherr war, er ein

ungemein arglistiges und gefährliches Complot schmiedete, um Wilhelm's

Thron umzustürzen, und noch Wenigere vermutheten in ihm den Urheber des

neuerlichen Unglücks, des Gemetzels in der Camaretbai und des traurigen

Schicksals Talmash's. So hatte die schändlichste aller Verräthereien die

Folge, daß der Verräther in der öffentlichen Achtung stieg. Er unterließ

denn auch nicht, den günstigen Augenblick sich zu Nutze zu machen.

Während die Börse wegen des durch ihn herbeigeführten Unglücks in

Bestürzung war, während zahlreiche Familien um die tapferen Männer,

deren Mörder er war, Trauer anlegten, begab er sich nach Whitehall und

betheuerte dort mit all' der Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, unter

denen ein verdorrtes Gewissen und ein reueloses Herz vor den Blicken

oberflächlicher Beobachter verborgen waren, daß er der treueste und

loyalste Unterthan Wilhelm's und Mariens sei, und sprach die Hoffnung

aus, daß es ihm unter den gegenwärtigen dringenden Umständen vergönnt

sein werde, Ihren Majestäten seinen Degen anzubieten. Shrewsbury

wünschte sehr, daß das Anerbieten angenommen werden möchte, aber eine

kurze und trockene Antwort von Wilhelm, der sich damals in den

Niederlanden befand, machte für den Augenblick jeder Unterhandlung ein

Ende. Ueber Talmash sprach sich der König mit hochherziger Rührung aus.

»Das Schicksal des armen Freundes,« schrieb er, »hat mich tief

ergriffen. Ich kann zwar nicht sagen, daß er den richtigen Weg

eingeschlagen hat; aber sein heißer Drang sich auszuzeichnen, bewog ihn,

Unmögliches zu versuchen.«[116]

Die nach Portsmouth zurückgekehrte Flotte segelte bald wieder nach der

Küste Frankreich's ab, aber vollbrachte nur Thaten, welche schlimmer als

unrühmlich waren. Es wurde ein Versuch gemacht, den Hafendamm von

Dünkirchen in die Luft zu sprengen. Einige von friedlichen Kaufleuten

und Fischern bewohnte Städte wurden bombardirt. In Dieppe blieb fast

kein einziges Haus stehen, ein Drittel von Havre wurde in Asche gelegt,

und nach Calais wurden Bomben geworfen, welche dreißig Privatwohnungen

zerstörten. Die Franzosen und Jakobiten schrien laut über die Feigheit

und Barbarei, gegen eine wehrlose Bevölkerung Krieg zu führen. Die

englische Regierung vertheidigte sich, indem sie die Welt an die Leiden

der dreimal verwüsteten Pfalz erinnerte, und Ludwig und seinen

Schmeichlern gegenüber war diese Rechtfertigung vollkommen genügend. Ob

es sich aber mit der Humanität und mit einer gesunden Politik

vereinbaren ließ, die Verbrechen, die ein unumschränkter Fürst und eine

wilde Soldateska in der Pfalz verübt hatten, Krämern und Arbeitern,

Frauen und Kindern entgelten zu lassen, die gar nicht wußten, daß es

eine Pfalz gab, dürfte wohl zu bezweifeln sein.

[_Operationen im Mittelländischen Meere._] Inzwischen leistete Russell's

Flotte der gemeinsamen Sache gute Dienste. Widrige Winde hatten seine

Einfahrt durch die Meerenge so lange verzögert, daß er erst Mitte Juli

Carthagena erreichte. Indessen hatten die Fortschritte der französischen

Waffen selbst bis in das Eskurial Schrecken verbreitet. Noailles hatte

an den Ufern des Tar eine Armee unter den Befehlen des Vicekönigs von

Catalonien geschlagen, und an dem Tage, an welchem dieser Sieg erfochten

wurde, hatte sich das Brester Geschwader in der Rosasbai mit dem

Touloner Geschwader vereinigt. Palamos, gleichzeitig zu Lande und zur

See angegriffen, wurde mit Sturm genommen. Gerona kapitulirte nach

schwachem Widerstande. Ostalric ergab sich auf die erste Aufforderung.

Barcelona würde aller Wahrscheinlichkeit nach auch gefallen sein, hätten

die französischen Admiräle nicht erfahren, daß der Sieger von La Hogue

sich nähere. Sie verließen sogleich die Küste von Catalonien und hielten

sich nicht eher für sicher, als bis sie unter dem Schutze der Batterien

von Toulon waren.

Die spanische Regierung sprach ihren warmen Dank für diesen

rechtzeitigen Beistand aus und machte dem englischen Admiral einen Juwel

zum Geschenk, dessen Werth allgemein auf zwanzigtausend Pfund Sterling

geschätzt wurde. Es hielt nicht schwer, einen solchen Juwel unter der

Masse kostbarer Kleinodien zu finden, welche Karl V. und Philipp II.

einem entarteten Geschlecht hinterlassen hatten. In Allem, was den

wahren Reichthum eines Staates bildet, war jedoch Spanien sehr arm.

Seine Schatzkammer war leer, seine Arsenale waren nicht gefüllt, seine

Schiffe waren so verfallen, daß sie bei dem Abfeuern ihrer eigenen

Geschütze aus den Fugen zu gehen drohten. Seine zerlumpten und

verhungerten Soldaten mischten sich oft unter den Bettlerschwarm an den

Thüren der Klöster und schlugen sich da um eine Suppe und eine

Brotrinde. Russell erfuhr die Prüfungen, denen kein englischer

Befehlshaber entgangen ist, den sein Unstern dazu verurtheilte, in

Verbindung mit Spanien zu operiren. Der Vicekönig von Catalonien

versprach Viel, that Nichts und erwartete Alles. Er erklärte, daß

dreihundertfunfzigtausend Rationen zur Vertheilung an die vor Carthagena

liegende Flotte bereit seien. Es ergab sich jedoch, daß alle Magazine

dieses Hafens nicht soviel Lebensmittel enthielten, um eine einzige

Fregatte auf eine einzige Woche zu verproviantiren. Gleichwohl glaubte

Se. Excellenz das Recht zu haben, sich darüber zu beschweren, daß

England außer der Flotte nicht auch eine Armee geschickt habe, und daß

der ketzerische Admiral es nicht für gut fand, die Flotte durch

Angreifen der Franzosen unter den Kanonen von Toulon der gänzlichen

Vernichtung auszusetzen. Russell beschwor die spanischen Behörden, die

Thätigkeit auf ihren Schiffswerften zu beschleunigen und Alles

aufzubieten, um für nächstes Frühjahr ein kleines Geschwader zu stellen,

das wenigstens seetüchtig sei; aber er konnte sie nicht dazu bewegen,

ein einziges Schiff auszubessern. Nur mit Mühe und unter harten

Bedingungen erlangte er die Erlaubniß, einige seiner Kranken in die

Marinehospitäler an der Küste zu schicken. Doch trotz aller

Verlegenheiten, die ihm die Bornirtheit und Undankbarkeit einer

Regierung bereitete, welche ihren Alliirten jederzeit mehr Schaden

zugefügt hat als ihren Feinden, machte er seine Sache gut. Es ist nicht

mehr als recht und billig, wenn man sagt, daß von dem Augenblicke an, wo

er erster Lord der Admiralität wurde, eine entschiedene Besserung in der

Marineverwaltung eintrat. Obgleich er mit seiner Flotte viele Monate

lang in der Nähe einer ungastlichen Küste und in weiter Entfernung von

England lag, kamen keine Klagen über die Qualität oder Quantität der

Lebensmittel vor. Die Mannschaften hatten bessere Speisen und Getränke,

als sie je zuvor gehabt; Bequemlichkeiten, welche Spanien nicht darbot,

wurden vom Hause herbeigeschafft, und dennoch war der Kostenaufwand

nicht größer als zu Torrington's Zeiten, wo der Matrose mit verfaultem

Zwieback und mit verdorbenem Biere vergiftet wurde.

Da fast die ganze französische Seemacht im Mittelländischen Meere war

und da zu erwarten stand, daß in folgendem Jahre ein Versuch auf

Barcelona gemacht werden würde, so erhielt Russell den Befehl, in Cadix

zu überwintern. Im October segelte er nach diesem Hafen ab und hier

betrieb er die Ausbesserung seiner Schiffe mit einer Thätigkeit, die den

spanischen Beamten, welche die elenden Ueberreste der einst größten

Flotte der Welt ruhig vor ihren Augen verfaulen ließen, unbegreiflich

war.[117]

[_Krieg zu Lande._] Längs der östlichen Grenze Frankreich's schien der

Krieg dieses Jahr lässig betrieben zu werden. In Piemont und am Rhein

waren die wichtigsten Ereignisse des Feldzugs kleine Scharmützel und

räuberische Einfälle. Ludwig blieb in Versailles und schickte seinen

Sohn, den Dauphin, in die Niederlande, um ihn dort zu repräsentiren;

aber der Dauphin stand unter der Vormundschaft Luxemburg's und er erwies

sich als ein sehr folgsames Mündel. Mehrere Monate lang beobachteten die

feindlichen Heere einander nur. Die Verbündeten versuchten einen kühnen

Angriff in der Absicht, den Krieg auf französisches Gebiet zu

übertragen; Luxemburg aber vereitelte den Plan durch einen Eilmarsch,

der die Bewunderung aller Kriegskundigen erregte. Dagegen gelang es

Wilhelm, Huy zu nehmen, damals eine Festung dritten Ranges. Keine

Schlacht ward geliefert, keinige wichtige Stadt ward belagert, aber die

Verbündeten waren mit dem Feldzuge zufrieden. Die vier letztverflossenen

Jahre waren jedes durch eine große Niederlage bezeichnet worden. Im

Jahre 1690 war Waldeck bei Fleurus geschlagen worden. Im Jahre 1691 war

Mons gefallen. Im Jahre 1692 war Namur vor den Augen der Alliirten

genommen worden und auf dieses Unglück war bald die Niederlage bei

Steenkerke gefolgt. Im Jahre 1693 war die Schlacht bei Landen verloren

worden und Charleroy hatte sich dem Sieger unterworfen. Endlich im Jahre

1694 hatte sich das Blatt zu wenden begonnen. Die französischen Armeen

hatten keine weiteren Fortschritte gemacht. Die Verbündeten hatten zwar

nicht viel gewonnen; aber den durch eine lange Reihe von Unfällen

Entmuthigten war auch der kleinste Gewinn willkommen.

In England war man allgemein der Ansicht, daß trotz der Niederlage in

der Camaretbai der Krieg im Ganzen einen befriedigenden Verlauf nehme.

Aber einige Zweige der inneren Verwaltung erregten während dieses

Herbstes viel Unzufriedenheit.

[_Klagen über Trenchard's Verwaltung._] Seit Trenchard's Ernennung zum

Staatssekretär hatten die jakobitischen Agitatoren ihre Lage viel

unerquicklicher gefunden als vorher. Sidney war viel zu nachsichtig und

viel zu vergnügungssüchtig gewesen, als daß er ihnen viel Grund zu

Besorgniß hätte geben sollen. Nottingham war ein fleißiger und

geschickter Minister, aber er war ein so entschiedener Hochtory wie ein

treuer Unterthan Wilhelm's und Marien's es nur sein konnte; er liebte

und achtete viele von den Eidverweigerern, und wenn er sich auch zwang,

da streng zu sein wo nur Strenge den Staat retten konnte, so beobachtete

er doch nicht zu ängstlich die Vergehen seiner ehemaligen Freunde;

ebensowenig ermuthigte er die Angeber, mit Anzeigen von Verschwörungen

nach Whitehall zu kommen. Trenchard aber war nicht nur ein thätiger

Minister, sondern auch ein eifriger Whig. Selbst wenn er für seine

Person zur Milde geneigt gewesen wäre, würde er durch seine Umgebungen

zur Strenge getrieben worden sein. Er hatte beständig Hugo Speke und

Aaron Smith zur Seite, zwei Männer, denen eine Jagd auf einen Jakobiten

das reizendste aller Sportvergnügen war. Die Unzufriedenen sagten,

Nottingham habe seine Bluthunde an der Leine gehalten, Trenchard aber

habe sie losgelassen. Jeder rechtschaffene Gentleman, der die Kirche

liebe und die Holländer hasse, schwebe in Lebensgefahr. Es sei ein

beständiges Gewühl im Bureau des Sekretärs, ein fortwährendes Ab- und

Zuströmen von ankommenden Denuncianten und mit Verhaftsbefehlen

abgehenden Boten. Es wurde ferner gesagt, die Verhaftsbefehle seien oft

regelwidrig abgefaßt, weder die Person noch das Verbrechen sei darin

genau bezeichnet und doch würden unter der Autorität solcher Instrumente

Privatwohnungen betreten, Pulte und Zimmer durchsucht, werthvolle

Papiere weggenommen und Männer von guter Herkunft und Erziehung ins

Gefängniß mitten unter gemeine Verbrecher geworfen.[118]

Der Minister und seine Agenten antworteten darauf, daß Westminster Hall

offen stehe, daß, wenn Jemand unrechtmäßigerweise verhaftet worden sei,

er nur seine Beschwerde einzureichen brauche; daß die Juries gerade

bereit genug seien, Jeden anzuhören, der von grausamen und

gewaltthätigen Machthabern tyrannisirt worden zu sein behaupte, und daß,

da keiner der Gefangenen, deren angeblich erlittene Unbilden so

ergreifend geschildert würden, es gewagt habe, zu diesem naheliegenden

und einfachen Mittel, Genugthuung zu erlangen, gegriffen habe, man

füglich annehmen dürfe, daß nichts geschehen sei, was sich nicht

rechtfertigen lasse. Das Geschrei der Unzufriedenen machte jedoch einen

bedeutenden Eindruck auf das Volk, und endlich zog ein Vorfall, bei

welchem Trenchard mehr unglücklich als strafbar war, ihm und seiner

Regierung viel zeitweilige Vorwürfe zu.

[_Die gerichtlichen Verfolgungen in Lancashire._] Unter den Angebern,

die sein Bureau belagerten, befand sich ein irischer Abenteurer, der

schon mehr als einen Namen geführt und sich zu mehr als einem Glauben

bekannt hatte. Gegenwärtig nannte er sich Taaffe. Er war Priester der

römisch-katholischen Kirche und Sekretär des päpstlichen Nuntius Adda

gewesen, war aber nach der Revolution Protestant geworden, hatte

geheirathet und sich durch seine Thätigkeit bei Entdeckung des

heimlichen Eigenthums derjenigen Jesuiten und Benedictiner

ausgezeichnet, die sich unter der vorigen Regierung in London

aufhielten. Die Minister verachteten ihn, aber sie benutzten ihn. Sie

glaubten, daß er durch seine Apostasie und durch den Antheil, den er an

der Beraubung der geistlichen Orden genommen, sich jeden Rückzug

abgeschnitten habe und daß er dem König Wilhelm treu sein müsse, da er

vom König Jakob nichts als den Strang zu erwarten habe.[119]

Dieser Mann machte die Bekanntschaft eines jakobitischen Agenten, Namens

Lunt, der seit der Revolution zu wiederholten Malen unter der

mißvergnügten Gentry von Cheshire und Lancashire gebraucht worden und

der in die Insurrectionspläne eingeweiht gewesen war, welche durch die

Schlacht am Boyne 1690 und durch die Schlacht von La Hogue 1692

vereitelt wurden. Lunt war einmal als des Hochverraths verdächtig

eingezogen, aus Mangel an juristischem Beweise für seine Schuld aber von

der Anklage entbunden werden. Er war ein bloßer Söldling und wurde von

Taaffe mit leichter Mühe bewogen, zum Angeber zu werden. Das Paar ging

zu Trenchard. Lunt erzählte seine Geschichte, nannte die Namen einiger

Squires von Cheshire und Lancashire, denen er Ernennungspatente von

Saint-Germains überbracht haben wollte, und die einiger anderen, von

denen er zu wissen vorgab, daß sie im Geheimen Waffen und Munition

aufhäuften. Sein einfacher Eid würde nicht genügt haben, um einer

Hochverrathsanklage Halt zu geben; aber er stellte einen andren Zeugen,

dessen Aussagen die Anklage zu ergänzen schienen. Die Erzählung klang

wahrscheinlich und hatte Zusammenhang, und wenn sie auch durch eigene

Erfindungen ausgeschmückt sein mochte, so kann es doch kaum einem

Zweifel unterliegen, daß sie in der Hauptsache richtig war.[120] Es

wurden Agenten und Haussuchungsbefehle nach Lancashire geschickt. Aaron

Smith ging selbst hin und Taaffe begleitete ihn. Einige der zahlreichen

Verräther, welche Wilhelm's Brot aßen, hatten jedoch bereits das

Alarmzeichen gegeben; ein Theil der Angeschuldigten war geflohen, und

Andere hatten ihre Säbel und Flinten vergraben und ihre Papiere

verbrannt. Indessen machte man doch Entdeckungen, welche Lunt's Aussagen

bestätigten. Hinter dem Wandgetäfel des alten Schlosses einer

römisch-katholischen Familie wurde ein von Jakob unterzeichnetes Patent

gefunden. Ein andres Haus, dessen Besitzer sich aus dem Staube gemacht

hatte, wurde trotz der feierlichen Versicherungen seiner Gattin und

seiner Dienerschaft, daß keine Waffen darin verborgen seien, genau

durchsucht. Während die Dame, mit der Hand auf dem Herzen, auf ihre Ehre

betheuerte, daß ihr Gatte fälschlich angeklagt sei, bemerkten die Boten,

daß die hintere Wand des Kamins nicht gut befestigt zu sein schien. Die

Bekleidung wurde losgerissen und ein Haufen Klingen, wie sie bei der

Reiterei in Gebrauch waren, fiel heraus. In einer der Bodenkammern fand

man sorgfältig eingemauert, dreißig Pferdesättel, eben so viele

Brustharnische und sechzig Cavalleriesäbel. Trenchard und Aaron Smith

hielten die aufgefundenen Schuldbeweise für genügend und es wurde

beschlossen daß diejenigen Angeklagten, welche ergriffen worden waren,

durch eine Specialcommission in Untersuchung gezogen werden

sollten.[121]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 23 / 27 段