Nationalbank vor, und dieser Plan wurde sowohl von Staatsmännern als von
Kaufleuten günstig aufgenommen. Aber es vergingen Jahre, ohne daß etwas
geschah, bis sich endlich im Frühjahr 1694 die absolute Nothwendigkeit
herausstellte, ein neues Mittel zur Bestreitung der Kriegskosten
ausfindig zu machen. Da endlich wurde der von dem armen und obscuren
schottischen Abenteurer ersonnene Plan von Montague wieder ernstlich
aufgenommen. Mit Montague nahe verwandt war Michael Godfrey, der Bruder
des Sir Edmondsbury Godfrey, dessen trauriges und geheimnißvolles Ende
funfzehn Jahre früher einen furchtbaren Wuthausbruch des Volks veranlaßt
hatte. Michael war einer der geschicktesten, rechtschaffensten und
reichsten Handelsfürsten London's. Er war, wie es sich schon nach seiner
nahen Verwandtschaft mit dem Märtyrer des protestantischen Glaubens
erwarten ließ, ein eifriger Whig. Einige seiner Schriften sind noch
vorhanden und beweisen, daß er einen scharfen und hellen Verstand besaß.
Diese beiden ausgezeichneten Männer nahmen sich des Paterson'schen
Planes an. Montague übernahm es, das Haus der Gemeinen, Godfrey, die
City zu bearbeiten. Es wurde vom Ausschusse für die Mittel und Wege ein
Beifallsvotum erlangt und eine Bill auf den Tisch gelegt, deren Titel
Veranlassung zu vielen Sarkasmen gab. Es war allerdings nicht leicht zu
errathen, daß eine Bill, welche lediglich dahin lautete, eine neue
Abgabe auf den Tonnengehalt der Schiffe zum Nutzen Derer zu legen,
welche Geld zur Fortführung des Kriegs vorstreckten, thatsächlich eine
Bill war, welche das größte commercielle Institut ins Leben rief, das
die Welt je gesehen hat.
Der Plan war, daß die Regierung zwölfhunderttausend Pfund zu dem damals
für mäßig geltenden Zinsfuße von acht Procent aufnehmen solle. Um die
Kapitalisten zu bewegen, das Geld unter für den Staat so vortheilhaften
Bedingungen rasch vorzustrecken, sollten die Unterzeichner unter dem
Namen +Governor and Company of the Bank of England+ Corporationsrecht
erhalten. Die Corporation sollte kein ausschließliches Privilegium haben
und sollte keine anderen Geschäfte machen dürfen als mit Wechseln, Gold-
und Silberbarren und verfallenen Pfändern.
Sobald der Plan allgemein bekannt wurde, brach ein eben so heftiger
Federkrieg aus als der zwischen den Schwörenden und Nichtschwörenden,
oder der zwischen der alten Ostindischen Compagnie und der neuen
Ostindischen Compagnie. Die Projectenmacher, denen es nicht gelungen
war, bei der Regierung Gehör zu finden, fielen wie Rasende über ihren
glücklicheren Collegen her. Sämmtliche Goldschmiede und Pfandleiher
erhoben ein wahres Wuthgeheul. Einige mißvergnügte Tories prophezeiten
der Monarchie den Untergang. Es sei merkwürdig, sagten sie, daß Banken
und Regierungen niemals neben einander hätten bestehen können. Die
Banken seien republikanische Institute. Es gebe blühende Banken in
Venedig, in Genua, in Amsterdam und in Hamburg. Aber wer habe je von
einer Bank von Frankreich oder Spanien gehört?[104] Einige mißvergnügte
Whigs prophezeiten dagegen unseren Freiheiten den Untergang. Es ist
dies, sagten sie, ein furchtbareres Werkzeug der Tyrannei als die Hohe
Commission, die Sternkammer, als selbst die funfzigtausend Soldaten
Oliver's. Der ganze Reichthum der Nation wird in den Händen der
Tonnengeldbank -- dies war der damals gebräuchliche Spottname -- sein.
Die Verfügung über das Nationalvermögen, die einzige große Sicherheit
für alle Rechte der Engländer, wird vom Hause der Gemeinen auf den
Gouverneur und die Directoren der neuen Compagnie übergehen. Diese
letzte Betrachtung war in der That von einigem Gewicht, was auch die
Urheber der Bill zugaben. Es wurde daher die sehr zweckmäßige Klausel
aufgenommen, welche der Bank verbot, der Krone ohne Ermächtigung von
Seiten des Parlaments Geld vorzustrecken. Jede Uebertretung dieser
heilsamen Bestimmung sollte mit dem Verluste des dreifachen Betrags der
vorgestreckten Summe bestraft werden, und der König sollte nicht befugt
sein, den geringsten Theil dieser Strafe zu erlassen.
In der abgeänderten Gestalt erhielt der Plan die Sanction der Gemeinen
leichter als man nach der Heftigkeit des dagegen erhobenen Geschreis
hätte erwarten sollen. Das Parlament stand allerdings unter dem Drange
der Nothwendigkeit. Geld mußte man haben, und es war auf keinem andren
Wege so leicht zu beschaffen. Was im Hause vorging, als es sich zu einem
Ausschusse erklärt hatte, ist nicht mehr zu ermitteln; so lange aber der
Sprecher auf seinem Stuhle war, fand keine Abstimmung statt.
Die Bill war indessen nicht außer Gefahr, als sie ins Oberhaus gekommen
war. Einige Lords argwöhnten, der Plan einer Nationalbank sei zu dem
Zwecke ersonnen worden, um das Ansehen des Geldes auf Kosten des
Ansehens des Grundbesitzes zu heben. Andere meinten, dieser Plan, mochte
er nun gut oder schlecht sein, hätte ihnen nicht in einer solchen Form
vorgelegt werden sollen. Ob es gerathen sei, eine Corporation ins Leben
zu rufen, die mit der Zeit die ganze Handelswelt beherrschen könne, und
wie eine solche Corporation eingerichtet werden müsse, das seien Fragen,
die ein einzelner Zweig der Legislatur nicht entscheiden dürfe. Es
müsse den Peers vollkommen frei stehen, alle Details des vorgelegten
Planes zu prüfen, Abänderungen vorzuschlagen und Conferenzen zu
verlangen. Es sei daher höchst unbillig, daß ihnen das die Bank
errichtende Gesetz als Theil eines Gesetzes zugesandt worden sei,
welches der Krone Geld bewillige. Die Jakobiten hatten einige Hoffnung,
daß die Session mit einem Streite zwischen den beiden Häusern enden, daß
die Tonnengeldbill scheitern und daß Wilhelm den Feldzug ohne Geld
beginnen werde. Es war nach dem neuen Style bereits Mai. Die Stadtsaison
war vorüber und viele vornehme Familien hatten Conventgarden und Soho
Square schon mit ihren Wäldern und Wiesen vertauscht. Doch es wurden
Aufforderungen erlassen und es erfolgte ein starkes Zurückströmen nach
der Stadt. Die vor Kurzem verödeten Bänke waren gedrängt voll. Die
Sitzungen begannen zu einer ungewöhnlich frühen und dauerten bis zu
einer ungewöhnlich späten Stunde. An dem Tage, an welchem die Bill einem
Ausschusse überwiesen wurde, währte der Kampf ohne Unterbrechung von
neun Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends. Godolphin präsidirte. Nottingham
und Rochester schlugen vor, alle auf die Bank Bezug habenden Klauseln zu
streichen. Es wurde Einiges über die Gefahr gesagt, eine gigantische
Corporation zu errichten, welche bald dem Könige und den drei Ständen
des Reichs Gesetze geben werde. Den meisten Eindruck aber scheint auf
die Peers die in ihrer Eigenschaft als Grundbesitzer an sie gerichtete
Apellation gemacht zu haben. Der ganze Plan, ward gesagt, sei nur darauf
abgesehen, die Wucherer auf Kosten des Adels und der Gentry zu
bereichern. Wer Geld erspart habe, werde es lieber in die Bank legen,
als es gegen mäßige Zinsen auf Hypothek ausleihen. Caermarthen sagte
wenig oder nichts zur Vertheidigung des Planes, der allerdings das Werk
seiner Nebenbuhler und Feinde war. Er gab zu, daß sich gegen die Art und
Weise, wie die Gemeinen für die öffentlichen Bedürfnisse des Jahres
gesorgt hätten, ernste Einwendungen machen ließen. Aber könnten Ihre
Lordschaften eine Geldbill amendiren? Könnten sie sich in einen Kampf
einlassen, welcher darauf hinauslaufen müsse, daß sie entweder nachgeben
oder die schwere Verantwortlichkeit auf sich laden müßten, den Kanal
während des Sommers ohne eine Flotte zu lassen? Dieses Argument schlug
durch und bei der Abstimmung wurde das Amendement mit dreiundvierzig
gegen einunddreißig Stimmen verworfen. Einige Stunden darauf erhielt die
Bill die königliche Genehmigung und das Parlament wurde prorogirt.[105]
In der City war der Erfolg von Montague's Plan vollständig. Es hielt
damals mindestens eben so schwer, eine Million zu acht Procent
aufzubringen, als es gegenwärtig sein würde, dreißig Millionen zu vier
Procent aufzubringen. Man hatte geglaubt, daß die Einzahlungen sehr
langsam erfolgen würden, und die Acte bewilligte daher einen
beträchtlichen Zeitraum dazu. Es bedurfte jedoch dieser Zeit nicht. Die
neue Kapitalanlage war schon so populär, daß an dem Tage der Eröffnung
der Bücher dreihunderttausend Pfund gezeichnet wurden; weitere
dreihunderttausend Pfund wurden während der nächsten achtundvierzig
Stunden gezeichnet, und in zehn Tagen wurde zur großen Freude aller
Freunde der Regierung angezeigt, daß die Liste voll sei. Die ganze
Summe, welche die Corporation dem Staate zu leihen verpflichtet war,
wurde in die Schatzkammer eingezahlt, noch ehe die erste Rate fällig
war.[106] Somers drückte freudig das große Siegel unter eine in
Uebereinstimmung mit den vom Parlamente vorgeschriebenen Bedingungen
entworfene Concessionsurkunde, und die Bank von England begann im Hause
der Kramerinnung ihre Operationen. Hier konnte man viele Jahre lang
Directoren, Sekretäre und Commis in verschiedenen Theilen eines
geräumigen Saales arbeiten sehen. Das bei der Bank angestellte Personal
betrug anfangs nur vierundfunfzig Köpfe. Jetzt sind es ihrer
neunhundert. Die Summe, welche jährlich für Gehalte ausgegeben wurde,
belief sich zuerst auf viertausenddreihundertfunfzig Pfund. Gegenwärtig
übersteigt sie zweihundertzehntausend Pfund. Wir dürfen daraus wohl
unbedenklich schließen, daß das Einkommen der Handlungscommis unter der
Regierung Victoria's im Durchschnitt ungefähr dreimal so hoch ist als es
unter der Regierung Wilhelm's III. war.[107]
Es zeigte sich bald, daß Montague, indem er die finanziellen
Verlegenheiten des Landes geschickt benutzte, seiner Partei einen
unschätzbaren Dienst leistete. Mehrere Generationen hindurch war die
Bank von England ein specifisch whiggistisches Institut. Sie war nicht
durch Zufall, sondern aus Nothwendigkeit whiggistisch. Sie hätte
augenblicklich ihre Zahlungen einstellen müssen, wenn sie die Zinsen für
die Summe, die sie der Regierung geliehen, nicht mehr bezahlt bekommen
hätte, und Jakob würde von diesen Zinsen keinen Farthing bezahlt haben.
Siebzehn Jahre nach Annahme der Tonnengeldbill schilderte Addison in
einer seiner geistreichsten und reizendsten kleinen Allegorien die Lage
der großen Compagnie, durch welche der ungeheure Reichthum London's
beständig circulirte. Er sah den öffentlichen Credit auf einem Throne,
in der Kramerhalle, die Große Charte über seinem Haupte, die
Thronfolgeacte vor sich. Seine Berührung verwandelte Alles in Gold.
Hinter seinem Sitze waren volle Geldsäcke bis zur Decke aufgehäuft. Zu
beiden Seiten war der Boden mit Pyramiden von Guineen bedeckt. Plötzlich
geht die Thür auf, und der Prätendent stürzt herein, in der einen Hand
einen Schwamm, in der andren ein Schwert, das er gegen die
Thronfolgeacte schwingt. Die schöne Königin sinkt in Ohnmacht. Der
Zauber, durch den sie Alles um sich her in Schätze verwandelte, ist
gebrochen. Die Geldsäcke schrumpfen zusammen wie aufgestochene Blasen.
Die Haufen Goldstücke verwandeln sich in Bündel von Lumpen oder
Kerbhölzern.[108]
Die Wahrheit, welche dieses Gleichniß ausdrückte, schwebte den Leitern
der Bank beständig vor. Ihr Interesse war mit dem der Regierung so innig
verwoben, daß sie ihr um so bereitwilliger zu Hülfe kamen, je größer die
öffentliche Gefahr war. Wenn in alten Zeiten der Staatsschatz leer war,
wenn die Steuern langsam eingingen und wenn der Sold der Truppen und der
Matrosen in Rückstand war, mußte der Kanzler der Schatzkammer mit dem
Hute in der Hand, von dem Lord-Mayor und den Aldermen begleitet, in
Cheapside und Cornhill auf und ab gehen und dadurch eine Summe
zusammenbringen, daß er von diesem Strumpfwaarenhändler hundert Pfund,
von jenem Eisenhändler zweihundert Pfund lieh.[109] Diese Zeiten waren
vorüber. Die Regierung konnte jetzt anstatt mühsam aus zahlreichen
kleinen Quellen kleine Summen zu schöpfen, aus einem ungeheuren
Behälter, den alle jene kleinen Quellen fortwährend gefüllt erhielten,
soviel nehmen als sie brauchte. Es ist schwerlich zu viel gesagt, wenn
man behauptet, daß das Gewicht der Bank, das beständig in der Wagschale
der Whigs lag, viele Jahre lang das Gewicht der Kirche, das beständig in
der Wagschale der Tories lag, fast aufwog.
[_Prorogation des Parlaments; ministerielle Arrangements._] Wenige
Minuten nachdem die Bill, welche die Bank von England errichtete, die
königliche Genehmigung erhalten hatte, wurde das Parlament vom Könige
mit einer Rede prorogirt, in der er den Gemeinen herzlich für ihre
Freigebigkeit dankte. Montague wurde sofort für seine Dienste mit der
Stelle des Kanzlers der Schatzkammer belohnt.[110]
[_Shrewsbury Staatssekretär._] Shrewsbury hatte sich einige Wochen
vorher zur Annahme der Siegel verstanden. Er hatte standhaft vom
November bis zum März ausgehalten. Während er Entschuldigungen zu finden
versuchte, die seine politischen Freunde befriedigen konnten, besuchte
ihn Sir James Montgomery. Montgomery war jetzt der unglücklichste Mensch
von der Welt. Nachdem er in einer großen Revolution eine große Rolle
gespielt, nachdem er mit der erhabenen Function betraut gewesen, den
durch die Stände erwählten Souverainen die Krone Schottland's zu
überreichen, nachdem er mehrere Monate lang im Parlamente zu Edinburg
ohne Nebenbuhler geherrscht, nachdem er nahe vor sich die Siegel des
Staatssekretärs, eine Earlkrone, ein glänzendes Einkommen und die
höchste Gewalt gesehen hatte, war er plötzlich in Dunkelheit und
traurige Dürftigkeit versunken. Seine herrlichen Talente blieben ihm
noch und er wurde deshalb von den Jakobiten benutzt; aber obwohl sie ihn
benutzten, verachteten sie ihn, trauten ihm nicht und ließen ihn darben.
Er verbrachte sein Leben damit, daß er zwischen England und Frankreich
hin und her reiste, ohne in einem der beiden Länder eine bleibende
Stätte zu finden. Bald wartete er im Vorzimmer zu Saint-Germains, wo die
Priester ihn als einem Calvinisten finstre Blicke zuwarfen und wo selbst
die protestantischen Jakobiten sich gegenseitig flüsternd vor dem alten
Republikaner warnten. Bald hielt er sich in den Mansarden London's
verborgen, bei jedem Fußtritte, den er auf der Treppe hörte, fürchtend,
daß es der eines Bailiffs mit einem Executionsbefehl, oder der eines
Staatsboten mit einem Verhaftsbefehl sein könnte. Er erhielt jetzt
Zutritt zu Shrewsbury und wagte es wie ein Jacobit mit einem
Mitjakobiten zu sprechen. Shrewsbury, der durchaus nicht geneigt war,
sein Vermögen und seinen Kopf in die Hände eines Mannes zu geben, den er
als unbesonnen und als treulos kannte, gab sehr vorsichtige Antworten.
Auf einem uns nicht bekannt gewordenen Wege erfuhr Wilhelm Alles was bei
dieser Gelegenheit vorgegangen war. Er ließ Shrewsbury kommen und sprach
aufs neue eindringlich von dem Sekretärposten. Shrewsbury sträubte sich
abermals, indem er sagte, seine Gesundheit sei schlecht. »Das,«
entgegnete Wilhelm, »ist nicht Ihr einziger Grund.« -- »Nein, Sire,
allerdings nicht,« versetzte Shrewsbury. Er begann hierauf von
öffentlichen Verdrießlichkeiten zu sprechen und erwähnte das Schicksal
der Dreijährigkeitsbill, die er selbst eingebracht hatte. Wilhelm aber
fiel ihm ins Wort. »Es steckt noch ein andrer Grund dahinter. Wann haben
Sie das letzte Mal mit Montgomery gesprochen?« Shrewsbury war wie vom
Donner gerührt. Der König wiederholte einige Aeußerungen Montgomery's.
Shrewsbury hatte sich inzwischen von seinem Schrecke erholt und sich
erinnert, daß er bei der Unterredung, die der Regierung so genau
hinterbracht worden war, zum Glück nichts Hochverrätherisches gesagt,
wenn auch viel dergleichen gehört hatte. »Sire,« sagte er, »da Ihre
Majestät so genau unterrichtet worden sind, werden Sie auch wissen, daß
ich den Versuchen jenes Mannes, mich von dem Pfade meiner
Unterthanenpflicht abzubringen, keinen Vorschub geleistet habe.« Wilhelm
stellte dies nicht in Abrede, gab aber zu verstehen, daß solcher
heimlicher Umgang mit anerkannten Jakobiten Verdacht erwecke, den
Shrewsbury nur durch Annahme der Siegel entkräften könne. »Das wird mich
vollkommen beruhigen,« sagte er. »Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann sind
und daß, wenn Sie Sich einmal dazu verstehen mir zu dienen, Sie mir treu
dienen werden.« So gedrängt, willigte Shrewsbury, zur großen Freude
seiner ganzen Partei, ein und wurde für seine Bereitwilligkeit alsbald
mit dem Herzogtitel und dem Hosenbandorden belohnt.[111]
So bildete sich allmälig ein Whigministerium. Es gab jetzt zwei
whiggistische Staatssekretäre, einen whiggistischen Großsiegelbewahrer,
einen whiggistischen ersten Lord der Admiralität und einen
whiggistischen Kanzler der Schatzkammer. Der Lord Geheimsiegelbewahrer
Pembroke konnte ebenfalls ein Whig genannt werden, denn sein Geist
war so beschaffen, daß er willig den Eindruck jedes stärkeren Geistes
aufnahm, mit dem er in Berührung gebracht wurde. Seymour wurde
entlassen, nachdem er lange genug ein Commissar des Schatzes gewesen
war, um einen großen Theil seines Einflusses auf die toryistischen
Landgentlemen zu verlieren, die ihn meist angehört hatten wie ein
Orakel, und seine Stelle wurde mit Johann Smith besetzt, einem
eifrigen und talentvollen Whig, der an den Debatten der letzten
Session thätigen Antheil genommen hatte.[112] Die einzigen Tories,
welche noch hohe Aemter bei der ausübenden Verwaltung bekleideten,
waren der Lordpräsident Caermarthen, der zwar zu fühlen begann, daß
die Macht seinen Händen allgemach entschlüpfte, sich aber doch noch
verzweifelt daran festklammerte, und der erste Lord des Schatzes,
Godolphin, der sich wenig um Dinge bekümmerte, die außer dem Bereiche
seines speciellen Departements lagen, und die Obliegenheiten dieses
Departements mit Geschick und Emsigkeit erfüllte.
[_Verleihung neuer Titel._] Wilhelm bemühte sich indessen noch immer,
seine Gunstbezeigungen zwischen den beiden Parteien zu theilen. Obgleich
die Whigs die eigentliche Macht mehr und mehr an sich rissen, erhielten
die Tories doch auch ihren Theil von ehrenvollen Auszeichnungen. So
wurde Mulgrave, der während der letzten Session seine großen
parlamentarischen Talente zu Gunsten der Politik des Königs aufgeboten
hatte, zum Marquis von Normanby creirt und zum Cabinetsrath ernannt,
aber nie um Rath gefragt. Er erhielt zu gleicher Zeit ein Jahrgeld von
dreitausend Pfund. Caermarthen, den die neuerlichen Veränderungen tief
gekränkt hatten, wurde durch ein glänzendes Zeichen der königlichen
Zufriedenheit einigermaßen getröstet. Er wurde Herzog von Leeds. Es
hatte ihm wenig über zwanzig Jahre Zeit gekostet, um sich von der
Stellung eines Landgentleman von Yorkshire zur höchsten Stufe der Pairie
emporzuschwingen. Zwei hochgestellte whiggistische Earls, Bedford und
Devonshire, wurden zu gleicher Zeit zu Herzögen creirt. Es muß bemerkt
werden, daß Bedford schon mehrere Male die Würde ausgeschlagen hatte,
die er jetzt mit einigem Widerstreben annahm. Er erklärte, daß ihm sein
Earltitel lieber sei als ein Herzogtitel, und er motivirte diese
Bevorzugung durch einen sehr verständigen Grund. Ein Earl, der eine
zahlreiche Familie habe, könne einen Sohn in den Tempel, einen andren
auf ein Handelscomtoir der City schicken. Die Söhne eines Herzogs aber
seien alle Lords und ein Lord könne sich seinen Lebensunterhalt weder in
der Advokatur noch auf der Börse verdienen. Doch die Einwendungen des
alten Mannes wurden besiegt, und den beiden vornehmen Häusern Russell
und Cavendish, welche seit langer Zeit durch Freundschaft und durch
Verschwägerung, durch gemeinsame Ansichten, durch gemeinsame Leiden und
durch gemeinsame Triumphe eng verbunden waren, wurde an einem und
demselben Tage die größte Ehre zu Theil, welche die Krone zu verleihen
im Stande ist.[113]
[_Kriegsplan der Franzosen._] Die Gazette, welche diese Ernennungen
anzeigte, zeigte auch an, daß der König nach dem Continent abgereist
sei. Vor seiner Abreise hatte er mit seinen Ministern die Mittel zur
Vereitelung eines von der französischen Regierung entworfenen
Operationsplanes zur See berathen. Bisher war der Seekrieg hauptsächlich
im Kanal und auf dem atlantischen Meere geführt worden. Jetzt aber hatte
Ludwig beschlossen, seine Seemacht im Mittelländischen Meere zu
concentriren. Er hoffte, daß mit ihrer Hülfe die Armee des Marschalls
Noailles im Stande sein werde Barcelona zu nehmen, ganz Catalonien zu
unterwerfen und Spanien zu zwingen, um Frieden zu bitten. Demgemäß
segelte Tourville's Geschwader, aus dreiundfunfzig Kriegsschiffen
bestehend, am 25. April von Brest ab und passirte am 4. Mai die Straße
von Gibraltar.
[_Kriegsplan England's._] Um die Absichten des Feindes zu vereiteln,
beschloß Wilhelm, Russell mit dem größeren Theile der combinirten Flotte
England's und Holland's ins Mittelländische Meer zu schicken. In den
britischen Gewässern sollte ein Geschwader unter den Befehlen des Earls
von Berkeley bleiben. Talmash sollte sich mit einem starken Truppencorps
an Bord dieses Geschwaders einschiffen und sollte Brest angreifen, das
man in Abwesenheit Tourville's und seiner dreiundfunfzig Schiffe für
leicht einnehmbar hielt.
Daß in Portsmouth Anstalten zu einer Expedition getroffen wurden, an der
die Landtruppen Theil nehmen sollten, ließ sich nicht verheimlichen.
Ueber die Bestimmung des Geschwaders hatte man in der Rose und bei
Garraway allerhand Vermuthungen. Einige sprachen von Rhe, Andere von
Oleron, noch Andere von Rochelle, wieder Andere von Rochefort. Manche
glaubten, ehe die Flotte sich in westlicher Richtung zu bewegen begann,
sie sei nach Dünkirchen bestimmt. Manche Andere vermutheten dagegen, daß
Brest der Angriffspunkt sein werde; aber sie vermutheten dies eben nur,
denn das Geheimniß wurde besser bewahrt als die meisten andern
Geheimnisse der damaligen Zeit.[114] Russell versicherte bis zu dem
Augenblicke wo er bereit war die Anker zu lichten, seinen jakobitischen
Freunden beständig, er wisse von nichts. Seine Verschwiegenheit blieb
selbst Marlborough's Kunstgriffen gegenüber fest. Doch Marlborough hatte
andere Quellen. An diese Quellen wendete er sich, und es gelang ihm
endlich, den ganzen Plan der Regierung zu entdecken. Er schrieb sofort
an Jakob. Er habe, sagte er, so eben in Erfahrung gebracht, daß zwölf
Regimenter Infanterie und zwei Regimenter Marinesoldaten unter Talmash's
Commando auf dem Punkte ständen sich einzuschiffen, um den Hafen von
Brest und die daselbst liegenden Schiffe zu zerstören. »Dies,« setzte er
hinzu, »würde ein großer Vortheil für England sein. Aber keine Rücksicht
kann und soll mich jemals abhalten, Ihnen Alles mitzutheilen, wovon ich
glaube, daß es Ihnen nützlich sein kann.« Dann, warnte er Jakob vor
Russell. »Ich versuchte vor einiger Zeit, dies von ihm zu erfahren; aber
er behauptete stets, nichts davon zu wissen, obgleich ich fest überzeugt
bin, daß er den Plan schon seit mehr als sechs Wochen kannte. Dies
scheint mir ein schlimmes Zeichen von der Gesinnung dieses Mannes.«
Die von Marlborough erhaltene Benachrichtigung theilte Jakob der
französischen Regierung mit, und diese traf mit der ihr eigenen Energie
und Eile ihre Maßregeln. Rasches Handeln war allerdings auch nöthig,
denn als Marlborough seinen Brief schrieb, waren die Rüstungen in
Portsmouth nahezu vollendet, und wäre der Wind den Engländern günstig
gewesen, so hätte der Zweck der Expedition vielleicht ohne Kampf
erreicht werden können. Aber widrige Winde hielten unsre Flotte noch
einen Monat im Kanal zurück. Unterdessen war bei Brest ein zahlreiches
Armeecorps zusammengezogen worden. Vauban war beauftragt, die
Vertheidigungswerke in Stand zu setzen, und unter seiner geschickten
Leitung wurden Batterien aufgefahren, welche jeden Punkt beherrschten,
wo der Feind möglicherweise eine Landung versuchen konnte. Acht große
Flöße, deren jedes eine Menge Mörser trug, wurden im Hafen vor Anker
gelegt, und einige Tage vor Ankunft der Engländer war Alles zu ihrem
Empfange bereit.