Antrag aber, daß die Bill an einen Ausschuß verwiesen werden solle,
entspann sich eine Debatte, in der die Gegner der Regierung den
umfassendsten Gebrauch von der Redefreiheit machten. Es sei unnütz,
sagten sie, über die armen Hugenotten und Pfälzer zu sprechen. Die
Bill habe offenbar nicht den Zweck, den französischen oder deutschen
Protestanten zu Gute zu kommen, sondern nur den Holländern, die für
einen Gulden per Kopf Protestanten, Papisten oder Heiden werden und
ohne Zweifel eben so bereit sein würden, in England die Erklärung gegen
die Transsubstantiation zu unterzeichnen, als in Japan das Kruzifix
mit Füßen zu treten. Sie würden in Massen herüberkommen, würden alle
öffentlichen Aemter füllen, die Zölle erheben und die Bierfässer
aichen. Unsere Schifffahrtsgesetze würden ihrem Wesen nach aufgehoben
sein, jedes Kauffahrteischiff, das aus der Themse oder dem Severn
ausliefe, würde mit Seeländern, Holländern und Friesländern bemannt
sein. Unseren eigenen Matrosen würde nur der schwere und gefahrvolle
Dienst auf der königlichen Flotte bleiben. Denn Hanns würde, nachdem
er sich durch Uebernahme der Rolle eines Eingeborenen die Taschen
seiner weiten Pumphosen mit unsrem Gelde gefüllt habe, sobald ein
Preßgang erschiene, die Vorrechte eines Ausländers in Anspruch nehmen.
Die Eingedrungenen würden bald alle Corporationen beherrschen. Sie
würden unsere eigenen Aldermen von der Börse verdrängen. Sie würden die
erblichen Forsten und Schlösser unserer Landgentlemen kaufen. Schon
seufzten wir unter einer der lästigsten Plagen Egypten's. Frösche
hätten sich selbst in den königlichen Gemächern gezeigt. Man könne
nicht nach St. James gehen, ohne das widerliche Gequak der Reptilien
der batavischen Sümpfe rings um sich her zu hören, und wenn diese Bill
durchgehe, so würde das ganze Land von dem ekelhaften Gewürm bald eben
so geplagt sein, wie schon jetzt der Palast.
Der Redner, der sich in dieser Art von Rhetorik erging, war Sir John
Knight, Abgeordneter für Bristol, ein niedrigdenkender und gehässiger
Jakobit, der, wenn er ein rechtschaffener Mann gewesen wäre, ein
Eidverweigerer hätte sein müssen. Zwei Jahre vorher, als er Mayor von
Bristol war, hatte er sich ein nicht eben ehrenvolles Rennomé erworben,
indem er eine mit dem großen Siegel der Souveraine, denen er zu
wiederholten Malen Treue geschworen, versehene Vollmacht, mit grober
Unehrerbietigkeit behandelt und den Pöbel seiner Stadt aufgereizt hatte,
die Richter zu verhöhnen und mit Koth zu werfen.[85] Er schloß jetzt
seine heftige Schmährede mit dem Verlangen, der Stabträger solle die
Thüren öffnen, damit das gehässige Pergament, das nichts Geringeres als
ein Aufgeben des Geburtsrechts der englischen Nation sei, mit
gebührender Verachtung behandelt werde. »Werfen wir zuerst,« sagte er,
»die Bill aus dem Hause und dann die Fremden aus dem Lande.«
Bei der Abstimmung wurde der Antrag, die Bill an einen Ausschuß zu
verweisen, mit hundertdreiundsechzig gegen hundertachtundzwanzig Stimmen
angenommen.[86] Aber die Minorität war eifrig und hartnäckig und die
Majorität begann bald zu schwanken. Night's Rede erschien bald in einer
noch verstärkten Umarbeitung ohne Censurerlaubniß im Druck. Viele
tausend Exemplare wurden durch die Post verbreitet oder in den Straßen
umhergestreut, und das nationale Vorurtheil war so stark, daß nur zu
Viele diese Gemeinheiten mit Beifall und Bewunderung lasen. Als aber ein
Exemplar im Hause vorgelegt wurde, erhob sich ein solcher Sturm des
Unwillens und Abscheues, daß selbst der schamlose und heftige Character
des Redners dadurch eingeschüchtert wurde. Da er sah, daß er in der
größten Gefahr schwebte, ausgestoßen und ins Gefängniß geschickt zu
werden, suchte er sich zu rechtfertigen und desavouirte jede Kenntniß
des Papiers, das sich für einen Abdruck seiner Rede ausgebe. Er kam
straflos davon. Seine Rede aber wurde für falsch, verleumderisch und
aufwieglerisch erklärt und im Palasthofe durch den Henker verbrannt.
Die Bill, welche alle diese Gährung verursacht hatte, wurde
wohlweislich fallen gelassen.[87]
[_Geldbewilligung._] Inzwischen beschäftigten sich die Gemeinen mit
finanziellen Fragen von hoher Wichtigkeit. Die Voranschläge für das Jahr
1694 waren enorm. Der König schlug vor, die reguläre Armee, die England
zu unterhalten hatte, noch um vier Dragoner-, acht Reiter- und
fünfundzwanzig Infanterieregimenter zu vermehren. Die Gesammtzahl der
Truppen, die Offiziere inbegriffen; würde dadurch auf ungefähr
vierundneunzigtausend Mann gestiegen sein.[88] Cromwell hatte, während
er drei widerspenstige Königreiche im Schach hielt und nebenbei in
Europa und Amerika einen nachdrücklichen Krieg gegen Spanien führte,
niemals zwei Dritttheile der Militärmacht gehabt, die Wilhelm jetzt für
nöthig hielt. Die große Masse der Tories, mit drei Whighäuptern, Harley,
Foley und Howe, an der Spitze, widersetzte sich jeder Vermehrung. Die
große Masse der Whigs, mit Montague und Wharton an der Spitze, würde
Alles bewilligt haben was man verlangte. Nach vielen langen
Discussionen und wahrscheinlich auch vielen Abstimmungen im
Geldbewilligungsausschusse erlangte der König den größten Theil des
Gewünschten. Das Haus bewilligte ihm vier neue Dragoner-, sechs Reiter-
und fünfzehn Infanterieregimenter. Die somit für das laufende Jahr
bewilligte Gesammttruppenmacht belief sich auf dreiundachtzigtausend
Mann, die Unterhaltungskosten auf zwei und eine halbe Million,
einschließlich ungefähr zweihunderttausend Pfund für das
Geschützwesen.[89]
Die Anschläge für die Marine wurden viel rascher angenommen, denn Whigs
und Tories stimmten in der Ansicht überein, daß das maritime Ansehen
England's um jeden Preis aufrecht erhalten werden müsse.
Fünfhunderttausend Pfund wurden zur Bezahlung der schuldigen
Soldrückstände und zwei Millionen für den Aufwand des Jahres 1694
bewilligt.[90]
[_Wege und Mittel; Lotterieanlehen._] Die Gemeinen gingen nun zur
Berathung der Mittel und Wege über. Die Grundsteuer wurde mit vier
Schilling vom Pfunde erneuert, und durch diese einfache aber energische
Maßregel wurden etwa zwei Millionen sicher und schnell aufgebracht.[91]
Ferner wurde eine Kopfsteuer ausgeschrieben.[92] Stempelabgaben
gehörten schon längst zu den fiskalischen Hülfsquellen Holland's und
Frankreich's, und haben auch bei uns während eines Theils der Regierung
Karl's II. bestanden; aber man hatte sie eingehen lassen. Sie wurden
jetzt wieder ins Leben gerufen und haben seitdem stets einen großen
Theil des Staatseinkommens gebildet.[93] Die Miethkutschen der
Hauptstadt wurden ebenfalls besteuert und trotz des Widerstandes der
Weiber der Kutscher, die sich um Westminster Hall versammelten und die
Abgeordneten insultirten, unter die Aufsicht von Commissaren
gestellt.[94] Doch ungeachtet aller dieser Auskunftsmittel blieb noch
immer ein starkes Deficit und man mußte abermals borgen. Eine neue
Salzsteuer und einige andere Abgaben von geringerer Bedeutung wurden
abgesondert, um einen Fond zu einer Anleihe zu bilden. Unter Garantie
dieses Fonds sollte eine Million durch eine Lotterie aufgebracht werden,
aber durch eine Lotterie, die mit den Lotterien einer späteren Periode
fast nichts als den Namen gemein hatte. Die einzuzahlende Summe wurde in
hunderttausend Antheile zu zehn Pfund getheilt. Die Zinsen jedes
Antheils sollten sechzehn Jahre lang jährlich zwanzig Schilling, oder
mit anderen Worten zehn Procent betragen. Aber zehn Procent auf sechzehn
Jahre war keine Lockspeise, welche Darleiher anzuziehen versprach. Man
bot daher den Kapitalisten noch einen andren Köder. Auf ein Vierzigstel
der Antheile sollten bedeutend höhere Zinsen bezahlt werden, als auf die
anderen neununddreißig Vierzigstel. Welche von den Antheilen Prämien
erhalten würden, sollte durch das Loos bestimmt werden. Das Verfahren
beim Ziehen der Loose wurde von einem Abenteurer Namens Neale angegeben,
der, nachdem er zwei Vermögen durchgebracht, froh gewesen war, daß er
noch Thürhüter des Palastes wurde. Seine Amtspflichten bestanden darin,
die Nummern auszurufen, wenn der Hof Hazard spielte, für Karten und
Würfel zu sorgen und jeden Streit zu entscheiden, der auf der Kegelbahn
oder am Spieltische entstand. Er war außerordentlich geschickt in der
Verwaltung dieses nicht eben hohen Postens und hatte durch das
Würfelspiel so viel Geld gewonnen, daß er sich in sehr kostspielige
Spekulationen einlassen konnte und damals im Begriff war, den Boden in
der Umgebung der Seven Dials mit Gebäuden zu bedecken. Er war vielleicht
der beste Rathgeber, den man über die Details einer Lotterie befragen
konnte. Es fehlte jedoch nicht an Personen, die es fast für unschicklich
hielten, daß das Schatzamt sich des Beistandes eines Spielers von
Profession bedienen sollte.[95]
Durch das sogenannte Lotterieanlehen wurde eine Million aufgebracht.
Aber es fehlte noch eine Million, um das veranschlagte Einkommen für das
Jahr 1694 mit den veranschlagten Ausgaben ins Gleichgewicht zu bringen.
Der geniale und unternehmende Montague hatte einen Plan in Bereitschaft,
zu dessen Annahme er die Gemeinen unter minder drückenden
Finanzverlegenheiten schwerlich bewogen haben würde, der aber seinem
umfassenden und energischen Geiste wichtigere commercielle und
politische Vortheile zu bieten schien, als die sofortige Erleichterung
der Finanzen.
[_Die Bank von England._] Es gelang ihm nicht nur auf zwölf Monate die
Bedürfnisse des Staats zu decken, sondern auch ein großartiges Institut
ins Leben zu rufen, das noch jetzt, nach Verlauf von mehr als anderthalb
Jahrhunderten, in voller Blüthe steht, und das er noch als die Beste der
Whigpartei durch alle Wechselfälle und als das Bollwerk der
protestantischen Thronfolge in gefahrvollen Zeiten zu sehen erlebte.
Unter der Regierung Wilhelm's gab es noch alte Leute, die sich der
Zeit erinnern konnten, wo es in der City von London noch kein einziges
Bankierhaus gab. Noch zur Zeit der Restauration hatte jeder Kaufmann
seine eigene Kasse im Hause und wenn ihm ein Wechsel präsentirt wurde,
zählte er selbst die Kronen und Caroli auf seinen Ladentisch hin.
Aber die Zunahme des Wohlstandes hatte ihre natürliche Folge, die
Theilung der Arbeit, mit sich geführt. Noch vor dem Ende der Regierung
Karl's II. war unter den Kaufleuten der Hauptstadt eine neue Methode
Geld zu bezahlen und zu empfangen, aufgekommen. Es entstand eine
Klasse von Agenten, deren Function darin bestand, das baare Geld der
Handelshäuser zu verwahren. Dieser neue Geschäftszweig fiel naturgemäß
in die Hände der Goldschmiede, welche gewohnt waren, mit den edlen
Metallen große Geschäfte zu machen, und Keller besaßen, in denen Massen
gemünzten Geldes vor Feuer und Dieben sicher aufbewahrt werden konnten.
Alle Baarzahlungen wurden in den Läden der Goldschmiede von Lombard
Street abgemacht. Andere Geschäftsleute gaben und empfingen nichts als
Papier.
Diese große Veränderung erfolgte nicht ohne starke Opposition und viel
Geschrei. Die Kaufleute der alten Schule beklagten sich bitter, daß eine
Klasse von Männern, die sich noch vor dreißig Jahren auf ihr specielles
Gewerbe beschränkt und schönes Geld verdient hatten, indem sie silberne
Gefäße ciselirten, Edelsteine für die Damen faßten und den nach dem
Continent Reisenden Pistolen und Thaler verkauften, die Schatzmeister
der ganzen City geworden und auf dem besten Wege waren, die Beherrscher
derselben zu werden. Diese Wucherer, sagte man, spielten Hazard mit dem,
was Andere durch ihren Fleiß erworben und mit Sparsamkeit zurückgelegt
hätten. Wenn das Glück gut gehe, so würde der Schurke, der das Geld
aufbewahre, ein Alderman, gehe es schlecht, so mache der Betrogene, der
das Geld hergegeben habe, bankerott. Auf der andren Seite wurden die
Vortheile des neuen Gebrauchs in lebhafter Sprache hervorgehoben. Das
neue System, sagte man, erspare sowohl Arbeit als Geld. Zwei Commis in
einem Comtoir könnten soviel verrichten, als unter dem alten System
zwanzig Commis in zwanzig verschiedenen Geschäften hätten verrichten
müssen. Die Note eines Goldschmieds könne an einem Vormittage durch zehn
verschiedene Hände gehen, und so könnten hundert Guineen, in seiner
Geldkasse, ebensoviel thun, als früher tausend Guineen, in einer Menge
verschiedener Kassen, einige auf Ludgate Hill, andere in Austin Friars,
noch andere in Tower Street, gethan hatten.[96]
Allmälig gaben selbst Diejenigen nach und fügten sich in den
herrschenden Gebrauch, die am lautesten gegen die Neuerung gemurrt
hatten. Der Letzte, welcher aushielt, war merkwürdigerweise Sir Dudley
North. Als er 1680, nachdem er sich viele Jahre im Auslande aufgehalten,
nach London zurückkehrte, erregte der Gebrauch, durch Anweisungen auf
Bankiers Zahlungen zu leisten, sein großes Erstaunen und Mißfallen. Er
fand, daß er nicht zur Börse gehen konnte, ohne durch den Säulengang von
Goldschmieden verfolgt zu werden, welche unter tiefen Verbeugungen um
die Ehre baten ihm zu dienen. Er fuhr heftig auf, als seine Freunde ihn
fragten, wo er sein Geld aufbewahre. »Wo anders als in meinem Hause?«
entgegnete er. Nur mit Mühe war er zu bewegen, sein Geld den Händen
eines der Lombardstreetmänner, wie sie genannt wurden, anzuvertrauen.
Zum Unglück machte der Lombardstreetmann bankerott, und einige seiner
Geschäftsfreunde litten schwer darunter. Dudley North verlor zwar nur
fünfzig Pfund; aber dieser Verlust bestärkte ihn in seinem Widerwillen
gegen das ganze Bankmysterium. Doch vergebens ermahnte er seine
Mitbürger, zu der guten alten Sitte zurückzukehren und sich nicht, um
ein klein wenig Arbeit zu ersparen, der Gefahr gänzlichen Ruins
auszusetzen. Er stand allein der ganzen Bürgerschaft gegenüber.
Die Vortheile des neuen Systems machten sich in allen Theilen London's
zu jeder Stunde jedes Tages fühlbar, und die Leute waren ebensowenig
geneigt, sich dieser Vortheile aus Furcht vor selten eintretenden
Verlusten zu entschlagen, als das Bauen von Häusern aus Furcht vor
Feuer, oder das Bauen von Schiffen aus Furcht vor Stürmen zu
unterlassen. Es ist ein interessantes Factum, daß ein Mann, der sich als
Theoretiker von allen Kaufleuten seiner Zeit durch seinen umfassenden
Blick und durch seine Erhabenheit über gemeine Vorurtheile auszeichnete,
in der Praxis sich von allen Kaufleuten seiner Zeit durch die Zähigkeit
unterschied, mit der er an einem veralteten Geschäftsmodus hing, nachdem
schon längst die einfältigsten und unwissendsten Krämer diesen Modus mit
einem andren vertauscht hatten, der einer großen handeltreibenden
Gesellschaft bei weitem angemessener war.[97]
Kaum war das Bankiergeschäft ein abgesonderter und wichtiger
Handelszweig geworden, so begann man eifrig die Frage zu verhandeln, ob
es nicht zweckmäßig sein würde, eine Nationalbank zu errichten. Die
allgemeine Meinung scheint einer Nationalbank entschieden günstig
gewesen zu sein, und wir dürfen uns darüber nicht wundern, denn nur
Wenige wußten damals, daß der Handel im allgemeinen von Einzelnen viel
vortheilhafter betrieben werden kann, als von großen Gesellschaften, und
das Bankgeschäft ist in der That einer von den wenigen Handelszweigen,
welche durch große Handelsgesellschaften fast ebenso vortheilhaft
betrieben werden können. Zwei öffentliche Banken waren schon seit langer
Zeit in ganz Europa berühmt, die St. Georgsbank in Genua und die Bank
von Amsterdam. Die ungeheuren Schätze, welche diese Etablissements in
Verwahrung hatten, das Vertrauen, welches sie genossen, der Wohlstand,
den sie erzeugt, ihre durch panische Schrecken, durch Kriege, durch
Revolutionen geprüfte, gegen dies Alles bewährt erfundene Stabilität,
waren Lieblingsthemata. Die St. Georgsbank bestand bereits nahe an drei
Jahrhunderte. Sie hatte schon Depositen anzunehmen und Darlehen zu
machen begonnen, ehe Columbus über den atlantischen Ocean fuhr, ehe Gama
das Cap umschiffte, als ein christlicher Kaiser in Constantinopel
regierte, als ein muhamedanischer Sultan in Granada herrschte, als
Florenz eine Republik war, als Holland einem erblichen Fürsten
gehorchte. Dies Alles war jetzt verändert. Neue Continente und neue
Oceane waren entdeckt worden. Der Türke war in Constantinopel, der
Castilianer in Granada; Florenz hatte seine erblichen Fürsten, Holland
war eine Republik und noch immer nahm die St, Georgsbank Depositen an
und machte Darlehen. Die Bank von Amsterdam war noch nicht viel über
achtzig Jahre alt, aber auch ihre Solvenz hatte schon schwere Proben
bestanden. Selbst in der furchtbaren Krisis von 1672, als das ganze
Rheindelta von den französischen Armeen überschwemmt war, als man vom
Dache des Stadthauses die weißen Fahnen sehen konnte, gab es einen Ort,
wo inmitten der allgemeinen Bestürzung und Verwirrung noch immer Ruhe
und Ordnung herrschten, und dieser Ort war die Bank. Warum sollte die
Bank von London nicht eben so groß und eben so dauerhaft werden wie die
Banken von Genua und Amsterdam? Gegen das Ende der Regierung Karl's II.
wurden verschiedene Pläne vorgeschlagen, geprüft, angegriffen und
vertheidigt. Einige Tagesschriftsteller behaupteten, eine Nationalbank
müsse unter der Leitung des Königs stehen. Andere meinten, die Leitung
müsse dem Lordmayor, den Aldermen und dem Gemeinderath der Hauptstadt
übertragen werden.[98] Nach der Revolution wurde der Gegenstand mit
einer vorher nicht gekannten Lebhaftigkeit discutirt, denn unter dem
Einflusse der Freiheit hatte sich das Geschlecht der politischen
Projectenmacher ungeheuer vermehrt. Die Regierung wurde mit einer Masse
von Plänen überfluthet, welche zum Theil Träumen eines Kindes oder eines
Fieberkranken glichen.
Eine besonders hervorragende Rolle unter den politischen Quacksalbern,
deren geschäftige Gesichter man täglich in der Vorhalle der
Gemeinen sah, spielten Johann Briscoe und Hugo Chamberlayne, zwei
Projectenmacher, welche würdig gewesen wären Mitglieder der Akademie zu
sein, die Gulliver in Lagado gründete. Diese beiden Männer behaupteten,
daß das einzige Heilmittel für jede Krankheit des Staates eine Landbank
sei. Eine Landbank werde für England größere Wunder bewirken, als sie
je für Israel gethan worden seien, Wunder, welche die Wachtelschwärme
und den täglichen Mannaregen noch übertreffen würden. Es würde keine
Steuern geben, und doch würde der Staatsschatz bis zum Ueberlaufen voll
sein. Man würde keine Armentaxen brauchen, denn es würde keine Armen
geben. Das Einkommen jedes Grundbesitzers würde sich verdoppeln, der
Gewinn jedes Kaufmanns würde sich vermehren. Kurz, die Insel würde, um
mich Briscoe's Ausdrucks zu bedienen, das Paradies der Welt werden. Die
einzigen Verlierenden würden die Geldmänner sein, diese schlimmsten
Feinde der Nation, welche der Gentry und den Freisassen mehr Schaden
gethan hätten als ein Invasionsheer aus Frankreich je hätte anrichten
können[99].
Diese segensreichen Folgen sollte die Landbank einfach dadurch
herbeiführen, daß sie ungeheure Massen von Noten auf Grundhypothek
ausgab. Die Theorie der Projectenmacher war, daß Jedermann, der
Grundeigenthum besaß, außerdem auch Papiergeld zum vollen Werthbetrage
seines Grundeigenthums haben sollte. Wenn also sein Gut zweitausend
Pfund werth war, so sollte er dieses Gut und zweitausend Pfund in
Papiergeld haben[100]. Sowohl Briscoe als Chamberlayne behandelten die
Ansicht, daß eine Zuvielausgabe von Papiergeld eintreten könne, so lange
es noch für jede Zehnpfundnote ein Stück Land im Werthe von zehn Pfund
gebe, mit der größten Verachtung. Niemand, sagten sie, werde einen
Goldschmied beschuldigen, zuviel Papier ausgegeben zu haben, so lange
seine Keller Guineen und Kronen zum vollen Werthe aller seine
Unterschrift tragenden Noten enthielten. Es sei aber Thatsache, daß kein
Goldschmied in seinen Kellern Guineen und Kronen zum vollen Betrage
aller seiner Noten habe. Und habe nicht eine Quadratmeile fruchtbaren
Bodens in Taunton Dean mindestens eben so viel Recht, Vermögen genannt
zu werden, wie ein Beutel voll Gold oder Silber? Die Projectenmacher
konnten nicht leugnen, daß viele Leute ein Vorurtheil zu Gunsten der
edlen Metalle hatten und daß daher die Landbank, wenn sie verpflichtet
wäre, ihre Noten einzulösen, sehr bald ihre Zahlungen würde einstellen
müssen. Diese Schwierigkeit umgingen sie durch den Vorschlag, daß die
Noten nicht ausgewechselt werden und daß Jedermann gezwungen sein
sollte, sie zu nehmen.
Die Theorien Chamberlayne's über das Circulationsmittel können
vielleicht noch in unsrer Zeit Bewunderer finden. Aber er fügte seinen
übrigen Irrthümern einen Irrthum hinzu, der mit ihm begann und endete.
Er war so thöricht, in allen seinen Raisonnements als gewiß anzunehmen,
daß der Werth eines Gutes sich genau im Verhältniß zu seiner Dauer
verändere. Er behauptete, daß, wenn der jährliche Ertrag eines Gutes
sich auf tausend Pfund belaufe, eine Abtretung dieses Gutes auf zwanzig
Jahre zwanzigtausend Pfund und eine Abtretung auf hundert Jahre
hunderttausend Pfund werth sein müsse. Wenn daher der Besitzer eines
solchen Gutes es der Landbank auf hundert Jahre verpfändete, so könne
die Landbank auf diese Sicherheit sofort für hunderttausend Pfund Noten
ausgeben. Von dieser Ansicht war Chamberlayne weder durch Spott, noch
durch Argumentation, noch durch arithmetische Beweise abzubringen. Man
erinnerte ihn, daß der unbeschränkte Besitz von Grundeigenthum nicht
mehr werth sei als das Zwanzigfache seines Ertrags. Wenn man daher sage,
ein hundertjähriger Besitz sei fünfmal soviel werth als ein
zwanzigjähriger, so könne man eben so gut sagen, ein hundertjähriger
Besitz sei fünfmal soviel werth als ein unbeschränkter Besitz, mit
anderen Worten hundert sei gleich fünfmal das Unendliche. Die, welche so
raisonnirten, schlug man damit, daß man ihnen sagte, sie seien Wucherer,
und es scheint, als ob eine große Anzahl Landgentlemen die Widerlegung
für vollständig gehalten hätte.[101]
Im December 1693 legte Chamberlayne seinen Plan in seiner ganzen nackten
Ungereimtheit den Gemeinen vor und bat um Gehör. Er machte sich mit
Zuversichtlichkeit anheischig, auf jedes Freigut von hundertfunfzig
Pfund jährlichem Rentenwerthe, das, wie er sich ausdrückte, in seine
Landbank eingeschrieben würde, achttausend Pfund aufzubringen, und dies
ohne den Eigenthümer des Besitzes zu berauben.[102] Alle im Hause
anwesenden Squires müssen gewußt haben, daß für den unbeschränkten
Besitz eines solchen Gutes bei freiem Verkauf kaum dreitausend Pfund zu
erlangen gewesen wären. Man sollte denken, daß es dem ungebildetsten
Fuchsjäger, der auf den Bänken zu finden war, hätte unglaublich
erscheinen sollen, daß man für weniger als den unbeschränkten Besitz
eines solchen Gutes auf irgend einem Wege achttausend Pfund erlangen
könne. Aber Noth und Haß hatten die grundbesitzenden Gentlemen
leichtgläubig gemacht. Sie bestanden darauf, daß Chamberlayne's Plan
einem Ausschusse überwiesen werden solle, und der Ausschuß erklärte den
Plan für ausführbar und nutzbringend für die Nation.[103] Indessen
hatte die vereinte Kraft der Beweisführung und des Spottes doch selbst
auf die unwissendsten Landleute im Hause einigen Eindruck zu machen
begonnen. Der Bericht lag unbeachtet auf dem Tische und das Land blieb
vor einem Unglücke bewahrt, im Vergleich zu dem die Niederlage von
Landen und der Verlust der Smyrnaflotte Segnungen gewesen sein würden.
Nicht alle Projectenmacher jener geschäftigen Zeit waren jedoch so
albern wie Chamberlayne. Einer von ihnen, Wilhelm Paterson, war ein
genialer, wenn auch nicht immer das Richtige treffender Denker. Von
seinem früheren Leben weiß man nicht viel mehr als daß er ein Schotte
von Geburt und daß er in Westindien gewesen war. In welcher Eigenschaft
er Westindien besucht hatte, war eine Frage, über welche seine
Zeitgenossen verschiedener Meinung waren. Seine Freunde sagten, er sei
als Missionär hingegangen, seine Feinde, er sei Bukanier gewesen. Er
scheint von der Natur mit einer fruchtbaren Erfindungsgabe, einem
heißblütigen Temperament und großer Ueberredungskunst bedacht gewesen zu
sein und sich irgendwo in seinem Nomadenleben eine genaue Kenntniß des
Rechnungswesens erworben zu haben.