Parlaments richtete sich die Aufmerksamkeit der Gemeinen von neuem auf
den Zustand des Handels mit Indien, und die der alten Compagnie so eben
ertheilte Concession wurde ihnen vorgelegt. Sie würden wahrscheinlich
nicht abgeneigt gewesen sein, das neue Arrangement, das sich eigentlich
nur wenig von dem unterschied, welches sie selbst nicht viele Monate
früher vorgeschlagen hatten, zu bestätigen, wenn die Directoren mit
Vorsicht zu Werke gegangen wären. Aber die Directoren hatten von dem
Tage, an welchem sie ihre Concessionsurkunde erhalten, die
Schleichhändler unbarmherzig verfolgt und ganz außer Acht gelassen, daß
es etwas Andres war, die Schleichhändler in den östlichen Meeren zu
verfolgen, als sie im Hafen von London zu verfolgen. Bisher war der
Krieg der Monopolisten gegen die Privatkaufleute meist in einer
Entfernung von fünfzehntausend Meilen von England geführt worden. Wenn
Gewaltthätigkeiten geschahen, so sahen die Engländer es nicht und hörten
erst davon nachdem sie lange geschehen waren; auch war es keineswegs
leicht, in Westminster zu ermitteln, wer in einem vor mehreren Jahren in
Murschedabad oder Canton entstandenen Streite Recht und wer Unrecht
gehabt hatte. Mit unglaublicher Unbesonnenheit beschlossen die
Directoren gerade in dem Augenblicke wo das Schicksal ihrer Compagnie in
Frage stand, der Bevölkerung dieses Landes eine genaue Einsicht in die
gehässigsten Züge des Monopols zu verschaffen. Einige reiche Londoner
Kaufleute hatten ein schönes Schiff, die »Redbridge« genannt,
ausgerüstet. Es hatte eine starke Bemannung und eine sehr werthvolle
Ladung. Die Papiere waren nach Alicante adressirt, aber man hatte
einigen Grund zu vermuthen, daß es nach den Ländern jenseit des Caps der
guten Hoffnung bestimmt sei. In Gemäßheit eines Befehls, den die
Compagnie, wahrscheinlich durch Vermittelung des Lordpräsidenten, vom
Geheimen Rathe erlangt hatte, wurde es von der Admiralität angehalten.
Jeder Tag, den es in der Themse lag, verursachte den Eigenthümern große
Kosten. Die Entrüstung in der City war groß und allgemein. Die Compagnie
behauptete, daß aus der Rechtmäßigkeit des Monopols die Rechtmäßigkeit
des Anhaltens nothwendig hervorgehe. Das Publikum kehrte das Argument
um, und da es fest überzeugt war, daß das Anhalten unrechtmäßig sei,
folgerte es daraus, daß auch das Monopol unrechtmäßig sei. Der Streit
hatte seinen Höhepunkt erreicht, als das Parlament zusammentrat.
Petitionen von beiden Seiten wurden sogleich auf den Tisch der Gemeinen
gelegt und beschlossen, daß diese Petitionen durch einen Ausschuß des
ganzen Hauses in Erwägung gezogen werden sollten. Die erste Frage, an
der die streitenden Parteien ihre Stärke versuchten, war die Wahl eines
Präsidenten. Die Feinde der alten Compagnie schlugen Papillon vor, einst
der engste Verbündete und nachher der entschiedenste Gegner Child's, und
sie setzten seine Wahl mit hundertachtunddreißig gegen hundertsechs
Stimmen durch. Der Ausschuß schritt nun zu der Untersuchung, auf wessen
Autorität die Redbridge angehalten worden sei. Einer ihrer Eigenthümer,
Gilbert Heathcote, ein reicher Kaufmann und entschiedener Whig, erschien
als Zeuge an der Schranke. Er wurde gefragt, ob er es wagen könne zu
leugnen, daß das Schiff thatsächlich für den indischen Handel befrachtet
worden sei. »Es ist meines Wissens keine Sünde,« antwortete er, »nach
Indien Handelsgeschäfte zu machen, und ich werde Geschäfte dahin machen,
bis ich durch eine Parlamentsacte verhindert werde.« Papillon erklärte
in seiner Berichterstattung, daß nach der Meinung des Ausschusses das
Anhalten der Redbridge unrechtmäßig sei. Es wurde hierauf die Frage
gestellt, ob das Haus dem Ausschusse beistimme. Die Freunde der alten
Compagnie wagten eine zweite Abstimmung und wurden mit
hunderteinundfunfzig gegen hundertfünfundzwanzig Stimmen
geschlagen.[78]
Dem Schlage folgte bald ein zweiter. Wenige Tage später wurde beantragt,
daß alle Unterthanen England's gleiches Recht hätten nach Ostindien
Handel zu treiben, wenn es ihnen nicht durch eine Parlamentsacte
verboten würde, und die Freunde der alten Compagnie ließen in der
Ueberzeugung, daß sie die Minorität bildeten, den Antrag ohne Abstimmung
durchgehen.[79]
Dieser denkwürdige Beschluß erledigte die wichtigste der
Verfassungsfragen, welche die Rechtsbill unentschieden gelassen hatte.
Seitdem hat es stets als das richtige Prinzip gegolten, daß keine andre
Gewalt als die gesammte Legislatur einer Person oder einer Gesellschaft
ein ausschließliches Privilegium zum Handel nach irgend einer Weltgegend
verleihen kann.
Die Ansicht der großen Mehrheit des Hauses der Gemeinen war, daß der
indische Handel nur vermittelst eines Actienfonds und eines Monopols
vortheilhaft betrieben werden könne. Man hätte daher erwarten sollen,
daß dem Beschlusse, der das Monopol der alten Compagnie aufhob, ein
Gesetz, das der neuen Compagnie ein Monopol verlieh, auf dem Fuße folgen
werde. Es wurde jedoch kein solches Gesetz erlassen. War auch die alte
Compagnie nicht stark genug, ihre eigenen Privilegien zu vertheidigen,
so war sie doch im Stande, mit Hülfe ihrer toryistischen Freunde, die
rivalisirende Gesellschaft zu verhindern, ähnliche Privilegien zu
erlangen. Die Folge davon war, daß dem Namen nach einige Jahre hindurch
der Handel mit Indien frei war. Thatsächlich aber unterlag dieser Handel
noch immer drückenden Beschränkungen. Es wurde zwar dem
Privatunternehmer nicht schwer gemacht, von England abzusegeln; aber
seine Lage war so gefährlich als je, wenn er das Cap der guten Hoffnung
hinter sich hatte. Wie streng auch von den öffentlichen Beamten in
London ein Beschluß des Hauses der Gemeinen respectirt wurde, in Bombay
oder Calcutta wurde ein solcher Beschluß weniger geachtet als ein
Privatbrief von Child, und Child führte den Kampf noch immer mit
ungeschwächtem Muthe fort. Er ließ den Factoreien der Compagnie die
Weisung zukommen, gegen die Unberufenen keine Nachsicht zu üben. Ueber
das Haus der Gemeinen und die Beschlüsse desselben äußerte er sich mit
der souverainsten Verachtung. »Handelt nach meinen Instructionen,«
schrieb er, »und nicht nach dem Unsinn einiger unwissender
Landgentlemen, die kaum so viel Verstand haben, um ihre Privatgeschäfte
befolgen zu können, und die von Handelsangelegenheiten gar nichts
verstehen.« Wie es scheint, wurde seinen Befehlen Folge geleistet.
Ueberall im Osten lagen sich während dieser Periode der Anarchie die
Diener der Compagnie und die unabhängigen Kaufleute in den Haaren,
beschuldigten einander der Piraterie und versuchten durch alle
erdenklichen Kunstgriffe die mongolische Regierung gegen einander zu
erbittern.[80]
Die drei großen Verfassungsfragen des vorigen Jahres wurden in diesem
Jahre von neuem dem Parlamente zur Erwägung vorgelegt. In der ersten
Woche der Session wurde eine Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in
Hochverrathsfällen, eine Dreijährigkeitsbill und eine Stellenbill auf
den Tisch des Hauses der Gemeinen gelegt.
[_Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen._]
Keine dieser Bills wurde zum Gesetz erhoben. Die erste ging bei den
Gemeinen durch, wurde aber von den Peers ungünstig aufgenommen. Wilhelm
interessirte sich so sehr für die Frage, daß er nicht mit Krone und
Staatsmantel, sondern in gewöhnlicher Civilkleidung in das Haus der
Lords kam und die ganze Debatte über die zweite Lesung mit anhörte.
Caermarthen sprach von den Gefahren, denen der Staat zur Zeit ausgesetzt
sei, und bat seine Kollegen dringend, in einem solchen Augenblicke nicht
Hochverräthern Straflosigkeit zu gewähren. Er wurde kräftig unterstützt
durch zwei ausgezeichnete Redner, welche seit einigen Jahren bei jeder
Frage auf der dem Hofe opponirenden Seite gestanden hatten, die aber in
dieser Session die Geneigtheit an den Tag legten, die Hände der
Regierung zu kräftigen; auch Halifax und Mulgrave, Marlborough,
Rochester und Nottingham sprachen für die Bill; aber die allgemeine
Ansicht war so augenscheinlich gegen sie, daß sie nicht abstimmen zu
lassen wagten. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß die von Caermarthen
angeführten Gründe nicht diejenigen waren, die seine Zuhörer
hauptsächlich bestimmten. Die Peers waren fest entschlossen, die Bill
nicht ohne eine die Einrichtung des Gerichtshofes des Lord High Steward
abändernde Klausel durchgehen zu lassen; sie wußten, daß das Unterhaus
sich eben so fest vorgenommen hatte, eine solche Klausel nicht
anzunehmen, und sie hielten es für besser, daß das was doch endlich
geschehen mußte, bald und ohne Streit geschehe.[81]
[_Die Dreijährigkeitsbill._] Das Schicksal der Dreijährigkeitsbill
warf alle Berechnungen der bestunterrichteten Politiker der damaligen
Zeit über den Haufen und darf uns daher mit Recht in Verwunderung
setzen. Während der Parlamentsferien war diese Bill in zahlreichen
Flugschriften, größtentheils aus der Feder von Personen, welche für
die Revolution und für volksthümliche Regierungsgrundsätze eingenommen
waren, als das Eine, was Noth thue, als das Universalheilmittel gegen
die Gebrechen des Staats dargestellt worden. Bei der ersten, zweiten
und dritten Lesung im Hause der Gemeinen fand keine Abstimmung statt.
Die Whigs waren enthusiasmirt. Die Tories schienen sich zu fügen.
Man war der Meinung, daß der König, obgleich er sich seines Vetos
zu dem Zwecke bedient habe, den Häusern Gelegenheit zur nochmaligen
Erwägung des Gegenstandes zu geben, nicht beabsichtige, sich ihren
Wünschen beharrlich zu widersetzen. Seymour aber entriß mit einer
durch langjährige Erfahrung gereiften Schlauheit, nachdem er den
Kampf bis zum letzten Augenblicke verschoben, seinen Gegnern den
Sieg, als sie sich am sichersten glaubten. Als der Sprecher die Bill
mit den Händen emporhielt und die Frage stellte, ob sie angenommen
werden solle, ergaben sich hundertsechsundvierzig Neins und nur
hundertsechsunddreißig Jas.[82] Einige eifrige Whigs schmeichelten
sich, daß ihre Niederlage die Folge einer Ueberrumpelung gewesen sei
und wieder gutgemacht werden könne. Nach drei Tagen brachte daher
Monmouth, der Glühendste und Ruheloseste von der ganzen Partei,
im Oberhause eine Bill ein, die in der Hauptsache ganz mit der
übereinstimmte, welche im Unterhause so glänzend durchgefallen war.
Die Peers nahmen diese Bill rasch an und schickten sie den Gemeinen
zu. Aber bei den Gemeinen fand sie keine Gnade. Viele Mitglieder,
welche erklärten, daß sie die Dauer der Parlamente beschränkt zu
sehen wünschten, verdroß die Einmischung des erblichen Zweiges der
Legislatur in eine Angelegenheit, welche ganz speciell den wählbaren
Zweig anging. Der Gegenstand, sagten sie, ist einer, der speciell
uns angehört; wir haben ihn berathen, wir sind zu einer Entscheidung
darüber gekommen und es ist schwerlich parlamentarisch, sicherlich
aber höchst undelikat von Ihren Lordschaften, daß sie uns auffordern,
jene Entscheidung umzustoßen. Die Frage ist jetzt nicht mehr, ob die
Dauer der Parlamente beschränkt werden soll, sondern ob wir unser
Urtheil der Autorität der Peers unterwerfen und auf ihr Geheiß etwas
widerrufen sollen, was wir erst vor vierzehn Tagen gethan haben. Die
Erbitterung, mit der man den patrizischen Stand betrachtete, wurde noch
mehr entflammt durch die Kunstgriffe und die Beredtsamkeit Seymour's.
Die Bill enthielt eine Definition der Worte: »Ein Parlament abhalten«.
Diese Definition wurde mit heftigem Mißtrauen analysirt und viele
meinten, mit sehr wenig Grund, sie bezwecke die Erweiterung der ohnehin
schon ungebührlich ausgedehnten Privilegien des hohen Adels. Aus den
auf uns gekommenen dürftigen und dunklen Bruchstücken der Debatten
geht hervor, daß sehr herbe Aeußerungen über das allgemeine politische
sowohl als richterliche Verhalten der Peers fielen. Der alte Titus,
obgleich ein eifriger Fürsprecher der dreijährigen Parlamente, gestand,
daß er sich über den Unmuth, den viele Gentlemen an den Tag legten,
nicht wundern könne. »Es ist wahr,« sagte er, »wir müssen aufgelöst
werden, aber ich muß gestehen, es ist ziemlich hart, daß die Lords die
Zeit unsrer Auflösung vorschreiben sollen. Der Apostel Paulus wünschte
auch aufgelöst zu werden, aber ich zweifle, ob es ihm angenehm gewesen
wäre, wenn seine Freunde ihm einen Tag dazu bestimmt hätten.« Die Bill
wurde mit hundertsiebenundneunzig gegen hundertsiebenundzwanzig Stimmen
verworfen.[83]
[_Die Stellenbill._] Die Stellenbill, die sich sehr wenig von der ein
Jahr früher eingebrachten Stellenbill unterschied, wurde von den
Gemeinen ohne Schwierigkeit angenommen. Die meisten Tories unterstützten
sie warm, und die Whigs wagten es nicht, sich ihr zu widersetzen. Sie
wurde den Lords zugesandt und kam völlig verändert zurück. In ihrer
ursprünglichen Fassung bestimmte sie, das kein nach dem 1. Januar 1694
gewähltes Mitglied des Hauses der Gemeinen eine mit Einkommen verbundene
Stelle im Dienste der Krone annehmen dürfe, bei Strafe seines Sitzes
verlustig zu gehen und fortan unfähig zu sein, wieder in dem nämlichen
Parlamente zu sitzen. Die Lords hatten die Worte hinzugesetzt: »er müßte
denn später wieder für das nämliche Parlament gewählt werden.« Diese
Worte, so wenige es auch waren, reichten hin, um der Bill neun Zehntel
ihrer guten sowohl wie schlimmen Wirkung zu entziehen. Es war höchst
wünschenswerth, daß die große Masse der untergeordneten Staatsbeamten
vom Hause der Gemeinen ausgeschlossen blieben. Es war aber durchaus
nicht wünschenswerth, daß die Spitzen der großen ausübenden
Verwaltungszweige von diesem Hause ausgeschlossen blieben. In ihrer
veränderten Gestalt ließ die Bill das Haus sowohl Denen, welche
zugelassen werden mußten, als auch Denen, welche nicht zugelassen
werden durften, offen. Sie gestattete ganz zweckmäßigerweise
den Staatssekretären und dem Kanzler der Schatzkammer den Zutritt,
aber mit ihnen gestattete sie den Zutritt auch Commissaren von
Weinlicenzen und Commissaren der Marine, Einnehmern, Aufsehern,
Magazinverwaltern, Archivsekretären und Obercontroleuren, Sekretären des
Hofmarschallgerichts und Sekretären der Staatsgarderobe. Die Gemeinen
wußten so wenig was sie wollten, daß sie, nachdem sie ein in einer
Beziehung höchst schädliches, in andrer Beziehung höchst wohlthätiges
Gesetz entworfen hatten, vollkommen geneigt waren, es in ein ganz
harmloses Gesetz verwandeln zu lassen. Sie genehmigten das Amendement
und es fehlte nichts mehr als die königliche Sanction.
Diese Sanction hätte gewiß nicht versagt werden dürfen und wäre auch
wahrscheinlich nicht versagt worden, hätte Wilhelm gewußt, wie
bedeutungslos die Bill jetzt war. Aber er verstand die Sache eben so
wenig wie die Gemeinen selbst. Er wußte, daß sie eine sehr
nachdrückliche Beschränkung der königlichen Gewalt ersonnen zu haben
glaubten, und er war entschlossen, sich keine solche Beschränkung ohne
Kampf gefallen zu lassen. Der Erfolg, mit dem er bisher den Versuchen
der beiden Häuser, seine Prärogative anzutasten, Widerstand geleistet
hatte, ermuthigte ihn. Er hatte sich geweigert, die Bill anzunehmen,
welche sein erbliches Einkommen mit der Besoldung der Richter belastete,
und das Parlament hatte die Gerechtigkeit zu dieser Weigerung
stillschweigend anerkannt. Er hatte sich geweigert, die
Dreijährigkeitsbill zu genehmigen, und die Gemeinen hatten seitdem durch
Verwerfung zweier Dreijährigkeitsbills anerkannt, daß er wohl daran
gethan habe. Er hätte jedoch bedenken sollen, daß in jenen beiden Fällen
auf die Ankündigung seiner Weigerung unmittelbar die Ankündigung gefolgt
war, daß das Parlament prorogirt sei. In jenen beiden Fällen hatten
daher die Mitglieder bis zur nächsten Sitzung ein halbes Jahr Zeit
gehabt, nachzudenken und sich abzukühlen. Jetzt war es etwas ganz
Andres. Das Hauptgeschäft der Session hatte kaum begonnen, es waren noch
Voranschläge zu berathen, es schwebten noch Geldbewilligungsbills, und
wenn die Häuser einen Anfall übler Laune bekamen, so konnte das sehr
ernste Folgen haben.
Er beschloß jedoch, es darauf ankommen zu lassen. Ob er hierin dem Rathe
eines Andren folgte, ist nicht bekannt. Sein Entschluß scheint sowohl
die Whighäupter als die Toryhäupter überrascht zu haben. Als der
Schriftführer angekündigt hatte, daß der König und die Königin die Bill
bezüglich freier und unparteiischer Verhandlungen im Parlamente in
Erwägung ziehen wollten, entfernten sich die Gemeinen von der Schranke
der Lords in einer unwilligen und unlenksamen Stimmung. Sobald der
Sprecher seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, erfolgte eine lange und
stürmische Debatte. Alle anderen Geschäfte wurden aufgeschoben, alle
Ausschüsse wurden vertagt. Es wurde beschlossen, daß das Haus am andren
Morgen in aller Frühe die Lage der Nation in Erwägung ziehen wolle. Als
der Morgen kam, schien die Aufregung sich nicht vermindert zu haben. Das
Scepter wurde nach Westminsterhall und in den Requetenhof geschickt.
Alle Mitglieder, die aufzutreiben waren, wurden in das Haus gebracht.
Damit keiner sich unbemerkt fortstehlen könnte, wurde die Hinterthür
verschlossen und der Schlüssel auf den Tisch gelegt. Alle Fremden mußten
sich entfernen. Mit diesen feierlichen Vorbereitungen begann eine
Sitzung, die einige alte Leute an die ersten Sitzungen des Langen
Parlaments erinnerte. Starke Worte wurden von den Feinden der Regierung
ausgesprochen, und ihre Freunde wagten es kaum, ihre Stimme zu erheben,
aus Furcht, daß sie beschuldigt werden möchten, die Sache der Gemeinen
England's um der königlichen Gunst willen im Stiche gelassen zu haben.
Montague allein scheint den König vertheidigt zu haben. Lowther,
obgleich ein hoher Staatsbeamter und Mitglied des Cabinets, gestand, daß
böse Einflüsse thätig seien, und sprach den Wunsch aus, den Souverain
von Rathgebern umgeben zu sehen, denen die Vertreter des Volks Vertrauen
schenken könnten. Harley, Foley und Howe rissen Alles mit sich fort.
Eine Resolution, welche erklärte, daß Diejenigen, welche die Krone bei
dieser Gelegenheit berathen hätten, Feinde des Staats seien, wurde mit
nur zwei oder drei verneinenden Stimmen angenommen. Nachdem Harley seine
Zuhörer erinnert hatte, daß sie eben so gut ihre verneinende Stimme
hätten wie der König und daß, wenn Se. Majestät ihnen Abhülfe
verweigere, sie ihm Geld verweigern könnten, stellte er den Antrag, daß
sie, nicht, wie gewöhnlich, mit einer unterthänigen Adresse, sondern mit
einer Vorstellung an den Thron gehen sollten. Einige Mitglieder schlugen
vor, das ehrerbietigere Wort Adresse anstatt Vorstellung zu gebrauchen;
aber sie wurden überstimmt und ein Ausschuß ernannt, der die Vorstellung
entwerfen sollte.
Die zweite Nacht verging, und als das Haus sich wieder versammelte,
schien der Sturm bedeutend nachgelassen zu haben. Die boshafte Freude
und die hochfliegenden Hoffnungen, welche die Jakobiten während der
letzten achtundvierzig Stunden mit ihrer gewohnten Unbesonnenheit
geäußert, hatten die Whigs und die gemäßigten Tories entrüstet und
beunruhigt. Viele Mitglieder waren auch durch die Nachricht erschreckt,
daß Wilhelm fest entschlossen sei, nicht ohne eine Appellation an die
Nation nachzugeben. Eine solche Appellation hätte wohl von Erfolg sein
können, denn eine Auflösung des Parlaments, gleichviel aus welchem
Grunde, wäre in diesem Augenblicke eine höchst populäre Ausübung der
Prärogative gewesen. Die Wahlkörper waren, wie man wohl wußte, im
allgemeinen für die Dreijährigkeitsbill sehr eingenommen, an der
Stellenbill aber war ihnen verhältnißmäßig wenig gelegen. Viele
toryistische Mitglieder, welche kürzlich gegen die Dreijährigkeitsbill
gestimmt hatten, wünschten daher keineswegs, es auf eine allgemeine Wahl
ankommen zu lassen. Als die von Harley und seinen Freunden entworfene
Vorstellung gelesen wurde, hielt man sie für zu stark. Nachdem sie an
den Ausschuß zurückverwiesen, gekürzt und gemildert worden war, wurde
sie vom ganzen Hause überreicht. Wilhelm's Antwort war artig und
freundlich, aber er sagte nichts zu. Er versicherte den Gemeinen, daß er
sich dankbar der Unterstützung erinnere, die er bei vielen Gelegenheiten
von ihnen erhalten habe, daß er auf ihren Rath jederzeit hohen Werth
lege, und daß er Rathgeber, welche Uneinigkeit zwischen ihm und seinem
Parlamente hervorzurufen versuchten, als seine Feinde betrachte; aber er
äußerte kein Wort, welches als ein Anerkenntniß, daß er einen üblen
Gebrauch von seinem Veto gemacht habe, oder als ein Versprechen, daß er
nicht wieder Gebrauch davon machen wolle, hätte gedeutet werden können.
Am folgenden Tage zogen die Gemeinen seine Rede in Erwägung. Harley und
seine Freunde meinten, die Antwort des Königs sei gar keine Antwort,
drohten, die Stellenbill einer Geldbill anzuhängen und schlugen vor,
eine zweite Vorstellung an den König zu richten, worin er dringend
aufgefordert würde, sich bestimmter zu erklären. Inzwischen aber fand
eine starke Reaction in der Stimmung der Versammlung statt. Die Whigs
hatten sich nicht nur von ihrem Schrecken erholt, sondern sie waren
sogar muthig und kampflustig geworden. Wharton, Russell und Littleton
behaupteten, das Haus könne mit dem was der König gesagt habe, zufrieden
sein. »Wollen Sie Ihren Feinden eine Gelegenheit geben zu frohlocken?«
sagte Littleton. »Es giebt ihrer genug, sie belagern unsere eigenen
Thüren. Wenn wir durch die Vorhalle gehen, lesen wir in den Zügen und
Geberden jedes Eidverweigerers, an dem wir vorüberkommen, Schadenfreude
über die momentane Kälte, die zwischen uns und dem Könige eingetreten
ist. Das sollte uns genug sein. Wir dürfen überzeugt sein, daß wir recht
stimmen, wenn wir ein Votum abgeben, das die Hoffnungen von Verräthern
zu Schanden macht.« Das Haus stimmte ab, Harley war Stimmenzähler auf
der einen Seite, Wharton auf der andren. Nur Achtundachtzig stimmten mit
Harley, Zweihundertneunundzwanzig mit Wharton. Die Whigs waren so
erhoben durch ihren Sieg, daß einige von ihnen ein Dankvotum an Wilhelm
für seine gnädige Antwort zu beantragen wünschten; aber sie wurden durch
besonnenere Männer zurückgehalten. »Wir haben schon Zeit genug mit
diesen unerquicklichen Debatten vergeudet,« sagte ein Oberhaupt der
Partei. »Lassen Sie uns jetzt so bald als möglich zu den Mitteln und
Wegen übergehen. Die beste Form, in die wir unsren Dank einkleiden
können, ist die einer Geldbill.«
So endete, glücklicher als Wilhelm zu erwarten berechtigt war, einer der
gefährlichsten Streite, in die er je mit seinem Parlamente verwickelt
worden war. Bei der holländischen Gesandtschaft war die Zu- und Abnahme
dieses Sturmes mit gespanntem Interesse beobachtet worden, und man
scheint dort der Ansicht gewesen zu sein, daß der König im Ganzen durch
seine Handlungsweise weder an Macht noch an Popularität verloren
habe.[84]
[_Bill zur Naturalisirung ausländischer Protestanten._] Eine andre
Frage, die fast ebensoviel Zorn und Unwillen im Parlamente wie im Lande
erregte, wurde um die nämliche Zeit berathen. Am 6. December erhielt ein
whiggistisches Mitglied des Hauses der Gemeinen Erlaubniß, eine Bill zur
Naturalisirung ausländischer Protestanten einzubringen. An plausiblen
Gründen zu Gunsten einer solchen Bill fehlte es nicht. Eine Menge
äußerst betriebsamer und intelligenter Leute, welche treu unsrem Glauben
anhingen und Todfeinde unserer Todfeinde waren, hatten damals kein
Vaterland. Unter den Hugenotten, welche vor der Tyrannei des
französischen Königs geflohen waren, befanden sich viele Männer von
hohem Rufe in der Kriegskunst, in der Literatur, in den Künsten und in
den Wissenschaften, und selbst die geringsten Refugiés standen in
intellectueller und moralischer Beziehung über der Durchschnittsstufe
des gemeinen Volks aller Länder Europa's. Neben den französischen
Protestanten, welche durch Ludwig's Edicte ins Exil getrieben worden
waren, gab es jetzt auch deutsche Protestanten, die seine Waffen ins
Exil getrieben hatten. Wien, Berlin, Basel, Hamburg, Amsterdam, London
wimmelten von rechtschaffenen und fleißigen Menschen, die einst
wohlhabende Bürger von Heidelberg oder Mannheim gewesen waren oder an
den Ufern des Neckars und des Rheins Wein gebaut hatten. Ein Staatsmann
konnte mit Recht der Meinung sein, daß es zugleich edelmüthig und
politisch sei, so unglückliche und so achtungswerthe Emigranten nach
England einzuladen und dem englischen Volke einzuverleiben. Ihre
Kenntnisse und ihr Fleiß mußten nothwendig jedes Land bereichern, das
ihnen ein Asyl gewährte; auch unterlag es keinem Zweifel, daß sie ihr
Stiefvaterland gegen den Tyrannen, dessen Grausamkeit sie aus dem Lande
ihrer Geburt getrieben hatte, mannhaft vertheidigen würden.