Harley, hatte sich unter den Patrioten des Langen Parlaments einen Namen
gemacht, hatte unter Essex ein Regiment commandirt, war nach der
Restauration ein thätiger Widersacher des Hofes gewesen, hatte die
Exclusionsbill unterstützt, hatte dissentirende Prediger beherbergt,
Bethäuser besucht und sich bei den herrschenden Gewalten so verhaßt
gemacht, daß er zur Zeit des Aufstandes im Westen verhaftet und sein
Haus nach Waffen durchsucht worden war. Als die holländische Armee von
Torbay nach London marschirte, erklärten er und sein ältester Sohn
Robert sich für den Prinzen von Oranien und für ein freies Parlament,
organisirten einen starken Reitertrupp, nahmen Besitz von Worcester und
bewiesen ihren Eifer gegen den Papismus, indem sie in der High Street
dieser Stadt öffentlich ein Werk der Sculptur zerbrachen, das strengen
Rigoristen götzendienerisch dünkte. Bald nachdem die Convention in ein
Parlament verwandelt worden war, wurde Robert Harley als Abgeordneter
für den Wahlbezirk Cornwall nach Westminster geschickt. Sein Verhalten
war so, wie es sich von seiner Geburt und Erziehung erwarten ließ. Er
war ein Whig und sogar ein intoleranter und rachsüchtiger Whig. Nichts
konnte ihn zufriedenstellen als eine allgemeine Proscription der Tories.
Sein Name figurirt in der Liste derjenigen Mitglieder, welche für die
Sacheverell'sche Klausel stimmten, und bei der allgemeinen Wahl, die im
Frühjahr 1690 stattfand, bot die Partei die er verfolgt hatte, Alles
auf, um ihn nicht ins Haus der Gemeinen zu lassen. Die Harley wurden als
Todfeinde der Kirche bezeichnet, und dies machte einen solchen Eindruck,
daß beinahe keiner von ihnen einen Sitz erlangt hätte. Dies war der
Anfang der politischen Laufbahn eines Mannes, dessen Name ein
Vierteljahrhundert später in den Acclamationen jakobitischer Volkshaufen
unzertrennlich mit der Hochkirche verbunden war.[64]
Bald jedoch begann man zu bemerken, daß bei jeder Abstimmung Harley mit
denjenigen Gentlemen stimmte, die seine politischen Ansichten
verabscheuten, und dies war nichts Wunderbares, denn er spielte die
Rolle eines Whigs vom alten Schlage, und vor der Revolution dachte man
sich einen Whig immer als einen Mann, der eifersüchtig jede Ausübung der
Prärogative bewachte, der die Schnüre der öffentlichen Börse nur ungern
löste und der eifrig alle Fehler der Minister der Krone aufstach. Ein
solcher Whig erklärte Harley noch immer zu sein. Er gab nicht zu, daß
der neuerliche Wechsel der Dynastie irgend etwas in den Pflichten eines
Volksvertreters geändert habe. Die neue Regierung müsse eben so
argwöhnisch beobachtet, eben so streng gezügelt und eben so spärlich mit
Geld versehen werden als die alte. Da er nach solchen Grundsätzen
wirkte, sah er sich natürlich mit Männern zusammenwirken, deren
Grundsätze den seinigen direct entgegengesetzt waren. Er legte dem
Könige gern Hindernisse in den Weg; sie legten dem Usurpator gern
Hindernisse in den Weg, und die Folge davon war, daß, so oft sich eine
Gelegenheit bot, Wilhelm Hindernisse in den Weg zu legen, der Rundkopf
in Gesellschaft der ganzen Schaar der Cavaliere entweder im Hause blieb
oder in die Vorhalle hinausging.
Bald erwarb sich Harley die Autorität eines Führers unter Denen, mit
denen er trotz großer Meinungsverschiedenheiten gewöhnlich stimmte.
Sein Einfluß im Parlamente stand eigentlich in gar keinem Verhältniß
zu seinen Fähigkeiten. Sein Verstand war sowohl beschränkt als
schwerfällig. Er war nicht im Stande, eine umfassende Ansicht von einem
Gegenstande zu gewinnen. Nie brachte er es dahin, sich öffentlich mit
Geläufigkeit und Klarheit auszudrücken. Bis ans Ende seines Lebens
blieb er ein langweiliger, unsicherer und verworrener Redner.[65] Auch
besaß er keine der äußeren Vorzüge eines Redners. Seine Gesichtszüge
waren unregelmäßig, seine Gestalt klein und etwas verwachsen, und
seine Geberden plump. Gleichwohl wurde er mit Achtung angehört, denn
er hatte seinen Geist so wie er war, sorgfältig ausgebildet. Er
hatte in seiner Jugend fleißig studirt und bis an sein Ende liebte
er Bücher und den Umgang mit geistreichen und gebildeten Leuten. Er
strebte sogar selbst nach dem Rufe eines Schöngeistes und Dichters und
verwendete zuweilen Stunden, die er viel nützlicher hätte verwenden
können, auf die Verfertigung von Versen, abscheulicher als die des
Nachtwächters.[66] Doch verschwendete er seine Zeit nicht immer so
unnütz. Er besaß die Art von Fleiß und die Art von Genauigkeit, die ihn
zu einem respectablen Alterthumsforscher oder Wappenkundigen gemacht
haben würden. Er fand Vergnügen daran, alte Acten zu durchstöbern,
und damals konnte man sich nur durch das Stöbern in alten Acten eine
gründliche und umfassende Kenntniß des Parlamentsrechtes erwerben.
Da er in diesem mühsamen und trocknen Studium wenig Rivalen hatte,
so wurde er bald in Bezug auf Form- und Privilegiumsfragen als ein
Orakel betrachtet. Sein moralischer Character trug nicht wenig zur
Vermehrung seines Einflusses bei. Er hatte zwar große Fehler, aber sie
waren von keiner entehrenden Art. Er war nicht durch Geld zu bestechen.
Sein Privatleben war regelmäßig, und selbst Satyriker haben ihm kein
unerlaubtes Liebesverhältniß vorgeworfen. Das Spiel haßte er, und er
soll bei White's Kaffeehause, damals dem Lieblingsaufenthalte der
vornehmen Gauner und Gimpel, nie ohne eine Aeußerung des Unwillens
vorübergegangen sein. Seine Gewohnheit, sich täglich im Claret zu
benebeln, wurde von seinen Zeitgenossen kaum als ein Fehler angesehen.
Seine Kenntnisse, sein Ernst und seine unabhängige Stellung gewannen
ihm das Ohr des Hauses, und gerade sein schlechter Vortrag war
gewissermaßen ein Vortheil für ihn. Denn die Menschen geben sehr
ungern zu, daß ein und derselbe Mann ganz verschiedene Vorzüge in sich
vereinigen kann. Es ist eine Beruhigung für den Neid, zu glauben,
was glänzend ist, könne nicht gediegen sein, und was klar ist, könne
nicht tief sein. Nur sehr langsam wurde das Publikum zu der Erkenntniß
gebracht, daß Mansfeld ein großer Jurist und Burke ein großer Meister
der Staatswissenschaft sei. Montague war ein glänzender Redner, und
daher wurde er, obgleich er sich zehnmal besser als Harley für die
trockensten Geschäftszweige eignete, von seinen Verleumdern als ein
oberflächlicher, geschwätziger, dünkelhafter Mensch dargestellt.
Dagegen schlossen viele Leute aus dem Mangel an äußerem Glanze in
Harley's Reden, daß viel praktischer Werth in ihm sein müsse, und er
wurde für einen tiefen Denker von gründlicher Belesenheit erklärt,
der zwar kein glänzender Redner, aber besser geeignet sei zur Leitung
von Staatsangelegenheiten als alle glänzenden Redner der Welt. Diesen
Ruf wußte er sich lange mit jener Schlauheit zu erhalten, die man
oft mit ehrgeiziger und ruheloser Mittelmäßigkeit gepaart findet.
Er beobachtete stets, selbst seinen besten Freunden gegenüber, ein
mysteriöses und zurückhaltendes Wesen, das zu verrathen schien, daß
er um irgend ein wichtiges Geheimniß wisse, und daß sein Geist mit
einem großen Plane beschäftigt sei. Auf diese Art erwarb er sich und
behauptete er lange den Ruf der Weisheit. Erst als dieser Ruf ihn zum
Earl, zum Ritter des Hosenbandordens, zum Lordschatzmeister von England
und zum Herrn der Geschicke Europa's gemacht hatte, begannen seine
Bewunderer dahinter zu kommen, daß er eigentlich ein beschränkter,
verworrener Kopf war.[67]
Bald nach der allgemeinen Wahl von 1690 begann Harley, der in der Regel
mit den Tories stimmte, selbst ein Tory zu werden. Dieser Wechsel fand
so allmälig statt, daß man es kaum bemerkte; aber er war deshalb nicht
minder ein Factum. Er begann sich in Zeiten der toryistischen Doctrin
zuzuwenden, daß England sich auf einen Seekrieg beschränken müsse. Er
empfand in Zeiten die ächte Toryantipathie gegen die Holländer und
gegen die Geldmänner. Die Antipathie gegen die Dissenters, welche zur
Vervollständigung des Characters nothwendig war, kam viel später.
Endlich war die Umgestaltung vollendet, und der ehemalige
Conventikelbesucher wurde ein intoleranter Hochkirchlicher. Doch bis an
sein Ende zeigten sich dann und wann die Spuren seiner ersten Schule,
und während er im Sinne Laud's handelte, schrieb er zuweilen im Style
Lobe Gott Barebones'.[68]
[_Foley._] Von Foley wissen wir verhältnißmäßig wenig. Seine Geschichte
hat bis zu einem gewissen Punkte große Aehnlichkeit mit der Geschichte
Harley's; aber er stand in Bezug auf Geistesgaben wie auf Charactergröße
offenbar höher als Harley. Er war der Sohn Thomas Foley's, eines bisher
unbekannten Mannes von großer Begabung, der mit nichts ins Leben
getreten war, sich aber durch Eisenwerke ein schönes Vermögen erworben
hatte und der wegen seiner makellosen Rechtschaffenheit und seiner
freigebigen Mildthätigkeit bekannt war. Die Foley waren, wie ihre
Nachbarn, die Harley, Whigs und Puritaner. Thomas Foley lebte in intimer
Freundschaft mit Baxter, in dessen Schriften er mit warmem Lobe erwähnt
wird. Die Ansichten und Zuneigungen Paul Foley's waren anfangs die
seiner Familie. Aber er wurde, wie Harley, bloß durch die Heftigkeit
seines Whiggismus, ein Bundesgenosse der Tories und wäre vielleicht, wie
Harley, noch ganz in einen Tory verwandelt worden, hätte nicht der Tod
den Umwandlungsprozeß unterbrochen. Foley's Anlagen waren vortrefflich
und waren durch eine sorgfältige Erziehung noch mehr ausgebildet worden.
Er war so wohlhabend, daß er nicht nöthig hatte, die Jurisprudenz als
Broterwerb zu studiren; aber er hatte sie gründlich als Wissenschaft
studirt. Seine Moralität war tadellos, und der größte Fehler, den man
ihm zum Vorwurf machen konnte, war der, daß er zu sehr mit seiner
Unabhängigkeit und Uneigennützigkeit paradirte und so sehr fürchtete,
für einen Speichellecker gehalten zu werden, daß er beständig murrte.
[_Howe._] Noch ein Convertit muß erwähnt werden. Howe, noch vor Kurzem
der heftigste Whig, war durch den Verlust seines Amtes in einen der
heftigsten Tories verwandelt worden. Der Deserteur brachte der Partei,
zu der er übergegangen war, keinen großen Ruf, keine wirkliche oder
anscheinende Befähigung zu wichtigen Geschäften, wohl aber eine
bedeutende parlamentarische Geschicklichkeit niederer Art, viel Galle
und große Unverschämtheit. Kein Redner der damaligen Zeit scheint in so
reichem Maße sowohl die Gabe als den Hang besessen zu haben, seinen
Gegnern wehe zu thun.
Die Unterstützung dieser Männer war der Torypartei höchst willkommen;
aber unmöglich konnten sie schon jetzt die ganze Autorität von Führern
über diese Partei ausüben. Denn sie nannten sich noch immer Whigs und
rechtfertigten ihre toryistischen Voten durchgehends mit Argumenten, die
sich auf whiggistische Prinzipien gründeten.[69]
Aus dieser Uebersicht des Standes der Parteien im Hause der Gemeinen
geht klar hervor, daß Sunderland guten Grund hatte, den Rath zu geben,
daß die Verwaltung in die Hände der Whigs gelegt werde. Der König
zögerte jedoch lange, ehe er sich entschließen konnte, die neutrale
Stellung aufzugeben, die er seit langer Zeit zwischen den streitenden
Parteien einnahm. Wenn die eine dieser Parteien geneigt war, seinen
Rechtstitel zu bestreiten, so war die andre aus Prinzip seiner
Prärogative feindlich gesinnt. Er erinnerte sich noch mit Bitterkeit
des unbilligen und rachsüchtigen Verfahrens des Conventionsparlaments
zu Ende des Jahres 1689 und zu Anfang des Jahres 1690, und er erschrak
vor dem Gedanken, gänzlich in der Gewalt von Männern zu sein, die
sich der Indemnitätsbill widersetzt, für die Sacheverell'sche Klausel
gestimmt, ihn von der Uebernahme des Commandos seiner Armee in Irland
abzubringen versucht und ihn einen undankbaren Tyrannen genannt hatten,
lediglich deshalb, weil er nicht ihr Sklave und Henker sein wollte.
Er hatte einst durch eine kühne und unerwartete Anstrengung ihr Joch
abgeschüttelt und hatte keine Lust, es wieder auf seinen Nacken zu
laden. Wharton und Russell waren ihm persönlich zuwider. Dagegen
hatte er eine hohe Meinung von Caermarthen's Geschäftstüchtigkeit,
von Nottingham's Rechtschaffenheit und von Godolphin's Fleiß und
finanzieller Geschicklichkeit. Nur langsam siegten Sunderland's Gründe,
durch die Gewalt der obwaltenden Verhältnisse unterstützt, über alle
Einwände.
[_Zusammentritt des Parlaments._] Am 7. Nov. 1693 trat das Parlament
zusammen und sogleich begann auch der Kampf der Parteien. Wilhelm
stellte vom Throne herab den beiden Häusern dringend die Nothwendigkeit
vor, durch eine große Anstrengung den Fortschritten Frankreich's auf dem
Continent Einhalt zu thun. Während des letzten Feldzugs, sagte er, habe
es auf jedem Punkte eine Uebermacht gehabt, und es sei deshalb unmöglich
gewesen, mit ihm fertig zu werden. Seine Verbündeten hätten versprochen,
ihre Armeen zu verstärken und er hege die vertrauensvolle Ueberzeugung,
daß die Gemeinen ihn in den Stand setzen würden, ein Gleiches zu
thun.[70]
[_Debatten über die Unfälle zur See._] Die Gemeinen zogen in ihrer
nächsten Sitzung die Thronrede des Königs in Berathung. Den
Hauptgegenstand der Discussion bildete die Zerstörung der Smyrnaflotte.
Das Verlangen nach einer Untersuchung war allgemein, aber es lag auf der
Hand, daß die beiden Parteien dieses Verlangen aus sehr verschiedenen
Gründen stellten. Montague sprach die Ansicht der Whigs aus. Er
erklärte, die Unglücksfälle vom vergangenen Sommer könnten seiner
Meinung nach ihre Erklärung in der Unwissenheit und Schwäche der Männer
finden, denen die Marineverwaltung übertragen sei. Es müsse Verrath
stattgefunden haben. Man könne unmöglich annehmen, daß Ludwig, als er
sein Brester Geschwader nach der Meerenge von Gibraltar sandte und die
ganze Küste seines Königreichs von Dünkirchen bis Bayonne ohne Schutz
ließ, nur aufs Gerathewohl gehandelt habe. Er müsse die feste
Ueberzeugung gehabt haben, daß seine Flotte auf eine große Beute unter
schwacher Bedeckung stoßen werde. Wie auf einigen Seiten Verrath
stattgefunden habe, so habe es auf anderen Seiten Unfähigkeit gegeben.
Der Staat werde schlecht bedient. Hierauf hielt der Redner eine warme
Lobrede auf seinen Freund Somers. »Möchten doch alle am Staatsruder
stehenden Männer das Beispiel des Lord Siegelbewahrers nachahmen! Wenn
alle Stellen mit solcher Einsicht und Uneigennützigkeit besetzt würden,
wie durch ihn, so würden wir die Staatsämter nicht von Männern bekleidet
sehen, die Gehalte beziehen und nichts dafür thun!« Es wurde beantragt
und einstimmig angenommen, daß die Gemeinen Ihre Majestäten unterstützen
und unverzüglich eine Untersuchung der Ursachen des Unglücks in der
Lagosbai anordnen wollten.[71] Die Lords der Admiralität erhielten die
Weisung, eine große Masse schriftlicher Beweisstücke vorzulegen. Der
König sandte Abschriften von den Resultaten der Nachforschungen ein,
welche der von Marien zur Untersuchung der Beschwerden der mit der
Türkei Handel treibenden Kaufleute ernannte Ausschuß des Geheimen Raths
angestellt hatte. Die Kaufleute selbst wurden vorgeladen und vernommen.
Rooke, der noch zu krank war, um stehen und sprechen zu können, wurde in
einem Lehnstuhle vor die Schranke gebracht und überreichte hier eine
Darstellung seines Verfahrens. Die Whigs glaubten bald, daß
hinreichender Grund zu einem die Marineverwaltung tadelnden Votum
vorliege und beantragten eine Resolution, welche den Verlust der
Smyrnaflotte notorischer und verrätherischer Mißführung zuschrieb. Daß
verkehrte Führung stattgefunden hatte, konnte nicht bestritten werden;
daß aber falsches Spiel gespielt worden sei, war sicherlich durch nichts
bewiesen. Die Tories schlugen vor, das Wort »verrätherisch« zu
streichen. Es wurde abgestimmt, und die Whigs siegten mit hundertvierzig
gegen hundertdrei Stimmen. Wharton war Stimmenzähler für die
Majorität.[72]
Es war nunmehr entschieden, daß Verrath stattgefunden hatte, nicht aber,
wer der Verräther war. Es folgten mehrere heftige Debatten. Die Whigs
bemühten sich, die Schuld auf Killegrew und Delaval zu wälzen, welche
Tories waren; die Tories thaten ihr Möglichstes, um zu beweisen, daß die
Schuld an der Proviantverwaltung gelegen habe, die unter der Leitung von
Whigs stand. Aber das Haus der Gemeinen ist stets viel mehr dazu geneigt
gewesen, in allgemeine Ausdrücke gefaßte Tadelsvoten zu beschließen, als
einzelne Personen speciell zu brandmarken. Eine Resolution, welche die
Proviantverwaltung freisprach, wurde von Montague beantragt und nach
einer zweitägigen Debatte mit hundertachtundachtzig gegen
hundertzweiundfunfzig Stimmen angenommen.[73] Als aber die siegreiche
Partei einen Antrag auf Schuldigerklärung der Admirale stellte, kamen
die Tories in großer Anzahl vom Lande herein, und es gelang ihnen nach
einer von neun Uhr Morgens bis gegen elf Uhr Abends dauernden Debatte
ihre Freunde zu retten. Die Neins beliefen sich auf hundertsiebzig, die
Jas auf nur hunderteinundsechzig. Einige Tage später wurde ein neuer
Angriff mit nicht besserem Erfolge gemacht. Die Neins betrugen
hundertfünfundachtzig, die Jas nur hundertfünfundsiebzig. Der
unermüdliche und unversöhnliche Wharton war beide Male Stimmenzähler für
die Minorität.[74]
[_Russell erster Lord der Admiralität._] Trotz dieser Niederlage war der
Vortheil entschieden auf Seiten der Whigs. Die an der Spitze der
Marineverwaltung stehenden Tories waren zwar der Anklage entgangen, aber
sie waren ihr mit so genauer Noth entgangen, daß der König sich ihrer
unmöglich noch ferner bedienen konnte. Sunderland's Rath behielt die
Oberhand. Es wurde eine neue Admiralitätscommission gebildet und Russell
zum ersten Lord ernannt. Das Commando der Kanalflotte besaß er bereits.
[_Nottingham's Rücktritt._] Seine Erhebung machte Nottingham's Rücktritt
nothwendig. Denn obgleich es damals nichts Ungewöhnliches war, Männer,
welche persönliche und politische Feinde waren, gleichzeitig hohe Aemter
verwalten zu sehen, so war doch das Verhältniß zwischen dem ersten Lord
der Admiralität und dem Staatssekretär, dessen Leitung das was man jetzt
das Kriegsdepartement nennen würde, übertragen war, so eigenthümlicher
Art, daß der öffentliche Dienst ohne herzliches Zusammenwirken Beider
nicht wohl versehen werden konnte, und ein solches Zusammenwirken war
bei Russell und Nottingham nicht zu erwarten. »Ich danke Ihnen,« sagte
Wilhelm zu Nottingham, »für Ihre Dienste. Ich habe über nichts in Ihrem
Verhalten zu klagen und trenne mich nur aus Nothwendigkeit von Ihnen.«
Nottingham zog sich mit Würde zurück. Obwohl ein durchaus
rechtschaffener Mann, verließ er das Amt doch viel reicher als er vor
fünf Jahren in dasselbe eingetreten war. Was damals als die rechtmäßigen
Emolumente seiner Stelle betrachtet wurde, war sehr bedeutend; überdies
hatte er Kensington House an die Krone verkauft und hatte auch
wahrscheinlich nach damaliger Sitte einige lucrative Schenkungen
erhalten. Er legte alle seine Ersparnisse in Grundeigenthum an. Er habe
erfahren, sagte er, daß seine Feinde ihn der Erwerbung von Reichthum
durch unerlaubte Mittel zu beschuldigen gedächten. Er sei jeden
Augenblick bereit, sich einer Untersuchung zu unterwerfen. Er wolle
nicht, wie einige Minister gethan hätten, sein Vermögen so anlegen, daß
es außer dem Bereiche der Gerechtigkeit seines Vaterlandes stehe, er
wolle keinen geheimen Schatz haben und nichts in auswärtigen Papieren
anlegen. Sein Eigenthum solle ausschließlich solches sein, das leicht
ausfindig gemacht und confiscirt werden könne.[75]
[_Shrewsbury will kein Amt annehmen._] Einige Wochen lang blieben die
von Nottingham abgegebenen Siegel im königlichen Cabinet. Die
anderweitige Vergebung derselben erwies sich als kein leichtes Ding. Sie
wurden Shrewsbury angeboten, der von allen Whighäuptern in der Gunst des
Königs am höchsten stand; aber er lehnte sie ab und zog sich, um
ferneren Anträgen aus dem Wege zu gehen, aufs Land zurück. Dort erhielt
er bald einen dringenden Brief von Elisabeth Villiers. Diese Dame hatte,
als sie noch ein Mädchen war, Wilhelm eine Leidenschaft eingeflößt, die
an dem kleinen Hofe im Haag großes Aergerniß erregt und viel Unheil
angerichtet hatte. Sie verdankte ihren Einfluß keineswegs persönlichen
Reizen -- denn es bedurfte Kneller's ganzer Geschicklichkeit, damit sie
auf der Leinwand erträglich aussah -- und eben so wenig den ihrem
Geschlecht eigenen Talenten -- denn sie excellirte nicht in angenehmer
Unterhaltung und ihren Briefen fehlte es auffallend an weiblicher
Leichtigkeit und Eleganz -- sondern vielmehr Geistesgaben, die sie
geeignet machten, an den Sorgen von Staatsmännern Theil zu nehmen und
ihnen rathend zur Seite zu stehen. Bis ans Ende ihres Lebens fragten sie
große Politiker um Rath. Selbst Swift, der Schlaueste und Cynischste
unter ihren Zeitgenossen, erklärte sie für die klügste aller Frauen und
saß mehr als einmal, durch ihre Unterhaltung gefesselt, von zwei Uhr
Nachmittags bis gegen Mitternacht bei ihr.[76] Nach und nach eroberte
sich Marie durch ihre Tugenden und Reize den ersten Platz im Herzen
ihres Gemahls. Aber in schwierigen Fällen wendete er sich noch immer
häufig an Elisabeth Villiers um Rath und Beistand. Sie beschwor jetzt
Shrewsbury, seinen Entschluß nochmals zu überlegen und sich nicht die
Gelegenheit entgehen zu lassen, die Whigs für immer zu einigen. Wharton
und Russell schrieben in dem nämlichen Sinne. Als Antwort kamen leere
und nichtssagende Entschuldigungen: »Ich eigne mich nicht für das
Hofleben; ich bin einer Stelle nicht gewachsen, die viel Anstrengung
erfordert; ich stimme mit keiner Partei im Staate ganz überein; kurz,
ich tauge nicht für die Welt. Ich will reisen, ich möchte Spanien kennen
lernen.« Dies waren bloße Ausflüchte. Hätte Shrewsbury die ganze
Wahrheit sagen wollen, so würde er geschrieben haben, daß er in einer
bösen Stunde der Sache der Revolution, bei der er eine so große Rolle
gespielt, untreu geworden, daß er Verpflichtungen eingegangen sei, die
er bereue, von denen er sich aber nicht wieder losmachen könne, und daß
er, so lange diese Verpflichtungen auf ihm lasteten, nicht gesonnen sei,
in den Dienst der bestehenden Regierung zu treten. Marlborough,
Godolphin und Russell machten sich allerdings kein Gewissen daraus, mit
dem einen Könige zu correspondiren, während sie dem andren dienten.
Shrewsbury aber hatte, was Marlborough, Godolphin und Russell nicht
hatten: ein Gewissen, das ihn zwar nur zu oft nicht abhielt, Unrecht zu
thun, das ihn aber stets strafte.[77]
In Folge seiner Weigerung die Siegel anzunehmen wurden die vom Könige
beabsichtigten ministeriellen Arrangements erst gegen den Schluß der
Session vollständig geordnet. Inzwischen waren die Verhandlungen der
beiden Häuser höchst interessant und wichtig gewesen.