Karl Montague wurde frühzeitig für den geistlichen Beruf bestimmt, in

die Schule zu Westminster aufgenommen und nachdem er sich hier durch

seine Geschicklichkeit im lateinischen Versbau ausgezeichnet, nach

Cambridge in das Trinity College geschickt. In Cambridge war die

Philosophie Des Cartes' noch immer in den Schulen vorherrschend. Aber

einige wenige hervorragende Geister hatten sich von dem großen Haufen

getrennt und bildeten ein geziemendes Auditorium um einen weit größeren

Lehrer.[61] Unter den vielversprechenden Jünglingen, welche stolz

darauf waren, zu den Füßen Newton's zu sitzen, zeichnete sich der

geistreiche und vielseitige Montague aus. Unter einer solchen Leitung

machte der junge Student bedeutende Fortschritte in den ernsten

Wissenschaften; aber die Poesie war sein Lieblingsstudium, und wenn die

Universität ihre Söhne aufforderte, königliche Vermählungen und

Leichenbegängnisse zu besingen, wurde es allgemein anerkannt, daß er

seine Mitbewerber übertroffen habe. Sein Ruf drang bis nach London, er

galt unter den Schöngeistern, welche bei Will ihre Zusammenkünfte

hielten, für einen geistreichen jungen Mann, und die reizende Parodie,

die er in Gemeinschaft mit seinem Freunde und Studiengenossen Prior auf

Dryden's +Hind and Panther+ schrieb, wurde mit großem Beifall

aufgenommen.

Zu dieser Zeit waren alle Wünsche Montague's auf die Kirche gerichtet.

Späterhin, als er ein Peer mit zwölftausend Pfund jährlicher Einkünfte

war, als seine Villa an der Themse für den prächtigsten aller Wohnsitze

galt, als man von ihm sagte, daß er in Tokaier aus den kaiserlichen

Kellern und in Suppen schwelge, die aus ostindischen Vogelnestern

bereitet seien, von denen das Stück drei Guineen koste, machte es seinen

Feinden Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß es eine Zeit gegeben, wo

er sein Einkommen durch literarische Arbeiten auf nicht mehr als fünfzig

Pfund gebracht, wo er sich glücklich geschätzt habe, wenn er ein Stück

Hammelfleisch und eine Flasche Ale aus den Kellern des Collegiums

gehabt, und wo ein Zehntenferkel der größte Luxus gewesen sei, auf den

er zu hoffen gewagt habe. Die Revolution kam und gab seinem ganzen

Lebensplan eine andre Gestalt. Durch den Einfluß Dorset's, der ein

besonderes Vergnügen daran fand, sich vielversprechender junger Leute

anzunehmen, erlangte er einen Sitz im Hause der Gemeinen. Der

unbemittelte Gelehrte schwankte jedoch noch immer einige Monate lang

zwischen der Politik und der Theologie. Allein es zeigte sich bald

deutlich, daß unter der neuen Ordnung der Dinge parlamentarische

Geschicklichkeit einen höheren Lohn erzielen müsse als jede andre

Geschicklichkeit, und er fühlte, daß ihm in der parlamentarischen

Geschicklichkeit Keiner überlegen sei. Er befand sich in der Stellung,

zu der ihn die Natur ganz vorzüglich befähigt hatte, und einige Jahre

hindurch war sein Leben eine Reihe von Triumphen.

Von ihm, wie von mehreren anderen seiner Zeitgenossen, insbesondere von

Mulgrave und Sprat, kann man sagen, daß sein Ruhm durch die Thorheit der

Verleger beeinträchtigt worden ist, welche bis auf unsre Zeit darin

beharrt haben, seine Verse unter den Werken der britischen Dichter

drucken zu lassen. Es vergeht kein Jahr, in welchem nicht Hunderte von

Versen, die so gut sind als alle, die er je geschrieben, behufs der

Bewerbung um den Newdigate-Preis zu Oxford oder um die Kanzler-Medaille

zu Cambridge eingesandt würden. Sein Geist besaß allerdings große

Schärfe und Kraft, aber nicht diejenige Schärfe und Kraft, welche große

Dramen oder Oden producirt, und man thut ihm sehr Unrecht, wenn man

seinen +Man of Honour+ und seine +Epistle on the Battle of the Boyne+

dem +Comus+ und +Alexander's Feast+ zur Seite stellt. Andere

ausgezeichnete Staatsmänner, wie Walpole, Pulteney, Chatham, Fox,

schrieben Verse, die nicht besser waren als die seinigen. Aber zum Glück

für sie wurden ihre metrischen Werke nie für würdig gehalten, in eine

Sammlung unserer nationalen Klassiker aufgenommen zu werden.

Es ist seit langer Zeit gebräuchlich, die Phantasie in der Gestalt eines

Flügels darzustellen und die gelungenen Aeußerungen der Phantasie Flüge

zu nennen. Der eine Dichter ist ein Adler, der andre ein Schwan, der

dritte vergleicht sich bescheidentlich mit der Biene. Aber keine dieser

bildlichen Bezeichnungen würde auf Montague gepaßt haben. Man kann sein

Genie mit dem Flügel vergleichen, der zwar zu schwach ist, den Strauß in

die Lüfte zu erheben, ihn aber in den Stand setzt, während er auf der

Erde bleibt, Hund, Pferd und Dromedar zu überholen. Wenn ein Mann, der

diese Art Genie besitzt, den Himmel der Erfindung zu ersteigen versucht,

so macht er sich durch seine mühsamen und erfolglosen Anstrengungen

lächerlich. Wenn er sich aber damit begnügt, in der irdischen

Thätigkeitssphäre zu bleiben, so wird er finden, daß die Fähigkeiten,

die ihn nicht in den Stand setzen würden, sich in eine höhere Sphäre

emporzuschwingen, es ihm möglich machen, in der niederen alle seine

Rivalen hinter sich zu lassen. Als Dichter hätte Montague sich niemals

über die Gewöhnlichkeit erheben können. Im Hause der Gemeinen aber, das

jetzt rasch die höchste Behörde im Staate wurde und seine Gewalt über

einen Zweig der ausübenden Verwaltung nach dem andren ausdehnte,

erlangte der junge Glücksritter bald eine ganz andre Stellung, als die,

welche er unter den Literaten einnimmt. In seinem dreißigsten Jahre

würde er mit Freuden alle seine Lebensaussichten für ein anständiges

Vikariat und ein Kaplansmäntelchen hingegeben haben. Mit

siebenunddreißig Jahren war er erster Lord des Schatzes, Kanzler der

Schatzkammer und Mitglied des Regentschaftsrathes des Königreichs, und

diese hohe Stellung verdankte er keineswegs der Gunst, sondern lediglich

der unbestreitbaren Ueberlegenheit seiner Talente für die Verwaltung und

für die Debatte.

Die außerordentliche Geschicklichkeit, mit der er zu Anfang des Jahres

1692 die Conferenz über die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in

Hochverrathsfällen leitete, stellte ihn mit einem Male in die erste

Reihe der parlamentarischen Redner. Er stand bei dieser Gelegenheit

einer Menge erfahrener, durch ihre Beredtsamkeit berühmter Senatoren,

wie Halifax, Rochester, Nottingham und Mulgrave gegenüber, und er erwies

sich als ihnen allen ebenbürtig. Nicht lange so erhielt er einen Sitz im

Schatzamte, und hier gewahrte der scharfsinnige und erfahrene Godolphin

bald, daß sein junger College sein Meister war. Als Somers das Haus der

Gemeinen verlassen, hatte Montague keinen Nebenbuhler mehr darin. Sir

Thomas Littleton, einst als der gewandteste Redner und Geschäftsmann

unter den whiggistischen Mitgliedern ausgezeichnet, begnügte sich, unter

seinem jüngeren Collegen zu dienen. Noch heute können wir in vielen

Zweigen unsres Finanz- und Handelssystems Spuren von Montague's scharfem

Verstande und kühnem Geiste erkennen. Seine bittersten Feinde konnten

nicht leugnen, daß einige von den Auskunftsmitteln, die er

vorgeschlagen, sich als höchst wohlthätig für die Nation erwiesen

hatten. Aber es wurde behauptet, diese Auskunftsmittel seien nicht in

seinem eignen Kopfe entstanden. In hundert Pamphlets wurde er die Krähe

mit geborgten Federn genannt. Er habe, versicherte man, die Idee zu

jedem seiner großen Pläne aus den Schriften oder Reden eines genialen

Theoretikers entlehnt. Dieser Vorwurf war eigentlich gar kein Vorwurf.

Wir dürfen wohl kaum erwarten, in einem und demselben menschlichen Wesen

die Talente, welche nöthig sind, um neue Erfindungen in der

Staatswissenschaft zu machen, mit den Talenten gepaart zu finden, welche

von zahlreichen und tumultuarischen Versammlungen die Zustimmung zu

großen praktischen Reformen erlangen. Zu gleicher Zeit ein Adam Smith

und ein Pitt zu sein, ist fast unmöglich. Es ist gewiß des Lobenswerthen

genug bei einem thätigen Staatsmanne, wenn er die Theorien Anderer

anzuwenden versteht, wenn er unter den Plänen zahlloser Projectenmacher

gerade denjenigen herausfindet, der gebraucht wird und ausführbar ist,

wenn er ihm eine solche Gestalt zu geben weiß, daß er dem Drange der

Umstände und den Launen des Volks entspricht, wenn er ihn gerade in dem

Augenblicke vorschlägt, wo er die meiste Aussicht hat, günstig

aufgenommen zu werden, wenn er ihn siegreich gegen alle Widersacher

vertheidigt, und wenn er ihn mit Umsicht und Energie ins Werk setzt, und

auf dieses Lob hat kein englischer Staatsmann begründeteren Anspruch als

Montague.

Es ist ein schlagender Beweis von seiner Selbstkenntniß, daß er von dem

Augenblicke an, wo er sich im öffentlichen Leben auszuzeichnen begann,

aufhörte ein Versemacher zu sein. Nachdem er Lord des Schatzes geworden

war, scheint er kein einziges Couplet mehr geschrieben zu haben, mit

Ausnahme einiger gut abgefaßter Zeilen als Inschriften auf eine Anzahl

Trinkspruchgläser, welche den berühmtesten Whigschönheiten seiner Zeit

verehrt wurden. Er beschloß wohlweislich, aus den Dichtungen Anderer

einen Ruhm zu schöpfen, den er aus seinen eigenen nie geschöpft haben

würde. Als Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit steht er auf

gleicher Stufe mit seinen beiden berühmten Freunden, Dorset und Somers.

Seine Freigebigkeit kam der ihrigen völlig gleich, und wenn er ihnen

auch in der Feinheit des Geschmacks nachstand, so gelang es ihm doch,

seinen Namen untrennbar mit einigen Namen zu verknüpfen, welche so lange

dauern werden wie unsre Sprache.

Es muß jedoch auch zugegeben werden, daß Montague neben glänzenden

Talenten und vielen Ansprüchen auf die Dankbarkeit seines Vaterlandes

große Fehler besaß und leider Fehler nicht von der edelsten Art. Sein

Kopf war nicht stark genug, um die hastige Eile seines Emporsteigens und

die Höhe seiner Stellung ohne Schwindelanfälle zu ertragen. Er wurde

widerlich anmaßend und eitel. Er war nur zu oft kalt gegen seine alten

Freunde und prahlte nur zu gern mit seinen neuerworbenen Reichthümern.

Vor Allem war er unersättlich nach Lob und es gefiel ihm um so besser,

je plumper und übertriebener es war. Im Jahre 1693 waren jedoch diese

Fehler noch nicht so schreiend, als sie es einige Jahre später wurden.

[_Wharton._] Mit Russell, Somers und Montague war ein

Vierteljahrhundert lang ein vierter Whig eng verbunden, der im

Character mit keinem von ihnen große Aehnlichkeit hatte. Dies war

Thomas Wharton, der älteste Sohn Philipp's, Lord Wharton. Thomas

Wharton ist im Laufe dieser Erzählung schon häufig genannt worden; aber

es ist jetzt Zeit ihn ausführlicher zu schildern. Er stand in seinem

siebenundvierzigsten Jahre, war aber in Bezug auf Körperconstitution,

Aussehen und Manieren noch ein junger Mann. Selbst Diejenigen, die ihn

am gründlichsten haßten -- und Niemand wurde gründlicher gehaßt --

räumten ein, daß seine natürlichen Anlagen vortrefflich und daß er zum

Reden wie zum Handeln in gleichem Grade befähigt sei. Sein Rang und

seine Talente machten ihn zu einer so hervorragenden Persönlichkeit,

daß wir an ihm den Ursprung und das Fortschreiten einer moralischen

Verderbtheit, die unter seinen Zeitgenossen epidemisch war, deutlich zu

erkennen vermögen.

Er war in den Tagen des Covenants geboren und war der Erbe eines dem

Covenant angehörenden Hauses. Sein Vater war als ein Verbreiter

calvinistischer Schriften und als ein Beschützer der calvinistischen

Geistlichen bekannt. Seine ersten Knabenjahre brachte er unter Genfer

Kragen, schlichten Haartouren, verdrehten Augen, näselndem

Psalmengesange und dreistündigen Predigten zu. Schauspiele und Gedichte,

Jagd und Tanz waren durch die strenge Hausordnung seiner frommen Familie

verdammt. Die Früchte dieser Erziehung traten zu Tage, als der

heißblütige und geistvolle junge Patrizier das düstere Haus seiner

puritanischen Eltern mit dem heiteren und üppigen London der

Restauration vertauschte. Die ausschweifendsten Cavaliere schauderten

über die Ausschweifung des emancipirten Rigoristen. Er erwarb sich

frühzeitig den Ruf, der größte Wüstling in England zu sein und

behauptete diesen Ruf bis an sein Ende. Der Sklave des Weines wurde er

zwar nie und er bediente sich desselben hauptsächlich nur zu dem Zwecke,

um sich zum Beherrscher seiner Genossen zu machen. Aber bis an das Ende

seines Lebens waren die Frauen und Töchter seiner nächsten Freunde nicht

sicher vor seinen unzüchtigen Plänen. Die Unsittlichkeit seiner

Unterhaltung erregte selbst zur damaligen Zeit Erstaunen. Der Religion

seines Vaterlandes fügte er aus bloßem gottlosen Muthwillen

Beleidigungen zu, die zu empörend sind, als daß man sie näher bezeichnen

könnte. Seine Lügenhaftigkeit und seine Frechheit wurden sprichwörtlich.

Von allen Lügnern seiner Zeit log er am gewandtesten, am

erfinderischsten und am umständlichsten. Den Begriff Scham schien er gar

nicht zu kennen. Kein Vorwurf, mochte auch der beißendste Witz ihn

geschärft und gespitzt haben, schien einen Eindruck auf ihn zu machen.

Große Satyriker, die von bitterem persönlichen Hasse gegen ihn beseelt

waren, erschöpften ihre ganze Kraft in Angriffen auf ihn. Sie

überhäuften ihn mit heftigen Schmähungen und mit noch heftigeren

Verhöhnungen; aber sie überzeugten sich, daß weder Schmähungen noch Hohn

ihm mehr als ein ungezwungenes Lächeln oder einen scherzhaften Fluch

entlocken konnten, und sie warfen endlich die Peitschen fort und gaben

zu, daß es unmöglich sei, ihm Gefühl beizubringen. Daß er bei solchen

Fehlern eine große Rolle im Leben spielen, bei zahlreichen Wahlen durch

seine persönliche Popularität über die furchtbarsten Gegner siegen,

einen starken Anhang im Parlamente haben und sich zu den höchsten

Staatsämtern emporschwingen konnte, scheint unbegreiflich. Aber er lebte

zu einer Zeit, wo der Parteigeist fast an Wahnsinn grenzte und er besaß

in seltenem Grade die Eigenschaften eines Parteiführers. Ein einziges

Band gab es, das er achtete. In allen Beziehungen bis auf eine der

falscheste Mensch von der Welt, war er der treueste aller Whigs. Den

religiösen Ansichten seiner Familie hatte er schon frühzeitig mit

Verachtung entsagt; den politischen Meinungen seiner Familie aber blieb

er durch alle Versuchungen und Gefahren eines halben Jahrhunderts treu.

In kleinen wie in großen Dingen zeigte sich beständig seine Hingebung

für seine Partei. Er besaß das schönste Gestüt in England und es war

sein größtes Vergnügen, Wetten gegen Tories zu gewinnen. Zuweilen, wenn

man in einer entfernten Grafschaft zuversichtlich erwartete, daß das

Pferd eines hochkirchlichen Squires das erste auf der Rennbahn sein

werde, kam noch am Vorabend des Rennens Wharton's Careleß, der in

Newmarket nur aus Mangel an Mitbewerbern zu rennen aufgehört, oder

Wharton's Gelding an, für den Ludwig XIV. vergebens tausend Pistolen

geboten hatte. Ein Mann, dessen bloßes Sportvergnügen von dieser Art

war, gab wenig Hoffnung, auch in einem ernsten Kampfe leicht geschlagen

zu werden. Einen solchen Meister in der ganzen Kunst der Wahlumtriebe

hatte England noch nie gesehen. Buckinghamshire war seine specielle

Provinz, und dort herrschte er ohne Nebenbuhler. Aber seine Fürsorge

erstreckte sich auch auf die whiggistischen Interessen von Yorkshire,

Cumberland, Westmoreland und Wiltshire. Zuweilen waren zwanzig, ja

dreißig Parlamentsmitglieder von ihm ernannt. Als Stimmenwerber war er

unwiderstehlich. Er vergaß nie ein Gesicht, das er einmal gesehen hatte.

Ja in den Städten, in denen er seinen Einfluß zu befestigen wünschte,

erinnerte er sich nicht allein der Wähler, sondern auch ihrer Familien.

Seine Gegner erstaunten über die Stärke seines Gedächtnisses und über

die Leutseligkeit seines Benehmens und gaben zu, daß es unmöglich sei

gegen einen vornehmen Mann zu kämpfen, der den Schuhmacher bei seinem

Taufnamen nannte, der gewiß war, daß des Fleischers Tochter zu einem

schönen Mädchen herangewachsen sei und der sich angelegentlich danach

erkundigte, ob des Hufschmieds jüngster Bube Hosen bekommen habe. Durch

derartige Kunstgriffe machte er sich so beliebt, daß seine Reisen zu den

Quartalsitzungen von Buckinghamshire königlichen Lustreisen glichen. In

jedem Dorfe, durch das er kam, wurden die Glocken geläutet und ihm

Blumen gestreut. Man glaubte allgemein, daß er im Laufe seines Lebens

auf seine parlamentarischen Interessen nicht weniger als achtzigtausend

Pfund verwendet habe, eine Summe, die nach Verhältniß des Werthes des

Grundbesitzes dreimalhunderttausend Pfund in unsrer Zeit gleichkommend

betrachtet werden muß.

Der wichtigste Dienst, den Wharton der Whigpartei leistete, bestand

jedoch im Anwerben von Rekruten aus der jungen Aristokratie. Er war ein

eben so geschickter Stimmenwerber unter den gestickten Röcken im Saint

James-Kaffeehause, wie unter den Schurzfellen zu Wycombe und Aylesbury.

Er warf sein Auge auf jeden jungen Mann von Stande, der majorenn wurde,

und es war für einen solchen jungen Mann nicht leicht, den Kunstgriffen

eines vornehmen, beredtsamen und reichen Schmeichlers zu widerstehen,

der jugendliche Lebhaftigkeit mit großer Verschlagenheit und

langjähriger Erfahrung in den eleganten Gesellschaftskreisen verband. Es

war gleichgültig, was der Novize vorzog, ob die Galanterie oder die

Sportvergnügungen, den Würfelbecher oder die Flasche; Wharton entdeckte

sehr bald die vorherrschende Leidenschaft, bot Theilnahme, Rath und

Beistand an, und während er nur der Diener der Vergnügungen seines

Schülers zu sein schien, sicherte er sich die Stimme desselben.

Die Partei, deren Interessen Wharton mit so viel Muth und Beständigkeit

seine Zeit, sein Vermögen, seine Talente und selbst seine Laster

widmete, beurtheilte ihn, was auch sehr natürlich war, viel zu

nachsichtig. Er war weit und breit unter dem ganz unverdienten Namen des

ehrlichen Tom bekannt. Einige fromme Männer, zum Beispiel Burnet und

Addison, drückten ein Auge zu über das Aergerniß, das er gab, und

sprachen wenn auch nicht mit Achtung, so doch mit Wohlwollen von ihm.

Ein höchst geistreicher und gebildeter Whig, der dritte Earl von

Shaftesbury, Verfasser der »Characteristiken«, nannte Wharton den

räthselhaftesten aller Menschen, ein seltsames Gemisch des Besten und

Schlimmsten, privater Sittenlosigkeit und öffentlicher Tugend, und

gestand offen, daß er nicht begreifen könne, wie ein in jeder Beziehung,

außer in der Politik, völlig grundsatzloser Mensch in der Politik treu

wie Stahl sein konnte. Doch gerade das was in den Augen der einen Partei

Wharton's Fehler mehr als zur Hälfte ausglich, schien sie in den Augen

der andren Partei sämmtlich zu erschweren. Die Meinung, welche die

Tories von ihm hatten, ist in einer einzigen Zeile ausgedrückt, die der

talentvollste Mann dieser Partei nach seinem Tode schrieb: »Er war der

universellste Schurke, den ich je kennen gelernt habe.«[62] Wharton's

politische Gegner lechzten nach seinem Blute und machten wiederholte

Versuche es zu vergießen. Wäre er nicht ein Mann von unerschütterlicher

Kaltblütigkeit, von unerschrockenem Bluthe und von vollendeter

Fertigkeit in Führung der Waffen gewesen, so würde er kein hohes Alter

erreicht haben. Aber weder Zorn noch Gefahr beraubten ihn jemals seiner

Geistesgegenwart; er war ein unvergleichlicher Fechter, und er besaß

eine besondere Geschicklichkeit darin, Gegner zu entwaffnen, die alle

Duellanten seiner Zeit beneideten. Seine Freunde sagten, er habe nie

Jemanden zum Zweikampfe herausgefordert, habe nie eine Herausforderung

zurückgewiesen, habe nie einen Gegner getödtet und habe sich doch nie

geschlagen, ohne das Leben seines Gegners in seinen Händen zu

haben.[63]

Die vier Männer, welche ich hier geschildert habe, glichen einander so

wenig, daß man sich wundern muß, wie sie jemals in Uebereinstimmung mit

einander handeln konnten. Gleichwohl handelten sie viele Jahre lang in

vollkommenster Uebereinstimmung. Sie stiegen mehr als ein Mal und fielen

mehr als ein Mal zusammen. Aber ihre Einigkeit dauerte so lange, bis der

Tod sie löste. So wenig Achtung einige von ihnen verdienten, keinen von

ihnen kann man beschuldigen, daß er gegen seine Brüder von der Junta

falsch gewesen wäre.

[_Häupter der Torypartei._] Während die große Masse der Whigs unter

diesen gewandten Führern in einer Ordnung kämpfte, welche der einer

regulären Armee glich, befanden sich die Tories in dem Zustande einer

schlecht eingeübten und einer schlecht commandirten Miliz. Sie waren

zahlreich und auch von Eifer beseelt; aber man kann kaum sagen, daß sie

damals ein Oberhaupt im Hause der Gemeinen gehabt hätten. Der Name

Seymour hatte einst in hohem Ansehen bei ihnen gestanden und er hatte

seinen Einfluß noch nicht ganz verloren. Aber seitdem er im Schatzamte

gesessen, hatte er es mit ihnen verdorben, indem er Alles was er früher,

als er noch nicht im Amte war, heftig angegriffen hatte, heftig

vertheidigte. Sie hatten auch einmal auf den Sprecher Trevor ihr

Augenmerk gerichtet, aber seine Habgier, Schamlosigkeit und Feilheit

waren jetzt so notorisch, daß alle achtbaren Gentlemen jeder politischen

Farbe sich schämten, ihn auf dem Präsidentenstuhle zu sehen. Von den

alten toryistischen Mitgliedern hatte nur Sir Christoph Musgrave großes

Gewicht. Die wirklichen Führer der Partei waren eigentlich zwei oder

drei Männer, welche in Grundsätzen erzogen waren, die dem Toryismus

direct entgegengesetzt waren, Männer, die den Whiggismus bis an den Rand

des Republikanismus getrieben und die nicht nur für Niederkirchliche,

sondern für mehr als halbe Presbyterianer gegolten hatten. Die

ausgezeichnetsten von diesen Männern waren zwei angesehene Squires aus

Herefordshire: Robert Harley und Paul Foley.

[_Harley._] Der Raum, den Robert Harley in der Geschichte dreier

Regierungen ausfüllt, seine Erhebung, sein Sturz, der Einfluß, den er in

einer wichtigen Krisis auf die Politik von ganz Europa ausübte, die

intime Freundschaft, in der er mit einigen der größten Schriftsteller

und Dichter seiner Zeit lebte, und das häufige Vorkommen seines Namens

in den Werken Swift's, Pope's, Arbuthnot's und Prior's müssen ihn

jederzeit zu einer interessanten Persönlichkeit machen. Der Mann selbst

war jedoch der uninteressanteste, den es geben konnte. Es ist in der

That ein merkwürdiger Contrast zwischen den ganz gewöhnlichen

Eigenschaften seines Geistes und den ganz außerordentlichen

Wechselfällen seines Lebens.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 18 / 27 段