die Schule zu Westminster aufgenommen und nachdem er sich hier durch
seine Geschicklichkeit im lateinischen Versbau ausgezeichnet, nach
Cambridge in das Trinity College geschickt. In Cambridge war die
Philosophie Des Cartes' noch immer in den Schulen vorherrschend. Aber
einige wenige hervorragende Geister hatten sich von dem großen Haufen
getrennt und bildeten ein geziemendes Auditorium um einen weit größeren
Lehrer.[61] Unter den vielversprechenden Jünglingen, welche stolz
darauf waren, zu den Füßen Newton's zu sitzen, zeichnete sich der
geistreiche und vielseitige Montague aus. Unter einer solchen Leitung
machte der junge Student bedeutende Fortschritte in den ernsten
Wissenschaften; aber die Poesie war sein Lieblingsstudium, und wenn die
Universität ihre Söhne aufforderte, königliche Vermählungen und
Leichenbegängnisse zu besingen, wurde es allgemein anerkannt, daß er
seine Mitbewerber übertroffen habe. Sein Ruf drang bis nach London, er
galt unter den Schöngeistern, welche bei Will ihre Zusammenkünfte
hielten, für einen geistreichen jungen Mann, und die reizende Parodie,
die er in Gemeinschaft mit seinem Freunde und Studiengenossen Prior auf
Dryden's +Hind and Panther+ schrieb, wurde mit großem Beifall
aufgenommen.
Zu dieser Zeit waren alle Wünsche Montague's auf die Kirche gerichtet.
Späterhin, als er ein Peer mit zwölftausend Pfund jährlicher Einkünfte
war, als seine Villa an der Themse für den prächtigsten aller Wohnsitze
galt, als man von ihm sagte, daß er in Tokaier aus den kaiserlichen
Kellern und in Suppen schwelge, die aus ostindischen Vogelnestern
bereitet seien, von denen das Stück drei Guineen koste, machte es seinen
Feinden Vergnügen, ihn daran zu erinnern, daß es eine Zeit gegeben, wo
er sein Einkommen durch literarische Arbeiten auf nicht mehr als fünfzig
Pfund gebracht, wo er sich glücklich geschätzt habe, wenn er ein Stück
Hammelfleisch und eine Flasche Ale aus den Kellern des Collegiums
gehabt, und wo ein Zehntenferkel der größte Luxus gewesen sei, auf den
er zu hoffen gewagt habe. Die Revolution kam und gab seinem ganzen
Lebensplan eine andre Gestalt. Durch den Einfluß Dorset's, der ein
besonderes Vergnügen daran fand, sich vielversprechender junger Leute
anzunehmen, erlangte er einen Sitz im Hause der Gemeinen. Der
unbemittelte Gelehrte schwankte jedoch noch immer einige Monate lang
zwischen der Politik und der Theologie. Allein es zeigte sich bald
deutlich, daß unter der neuen Ordnung der Dinge parlamentarische
Geschicklichkeit einen höheren Lohn erzielen müsse als jede andre
Geschicklichkeit, und er fühlte, daß ihm in der parlamentarischen
Geschicklichkeit Keiner überlegen sei. Er befand sich in der Stellung,
zu der ihn die Natur ganz vorzüglich befähigt hatte, und einige Jahre
hindurch war sein Leben eine Reihe von Triumphen.
Von ihm, wie von mehreren anderen seiner Zeitgenossen, insbesondere von
Mulgrave und Sprat, kann man sagen, daß sein Ruhm durch die Thorheit der
Verleger beeinträchtigt worden ist, welche bis auf unsre Zeit darin
beharrt haben, seine Verse unter den Werken der britischen Dichter
drucken zu lassen. Es vergeht kein Jahr, in welchem nicht Hunderte von
Versen, die so gut sind als alle, die er je geschrieben, behufs der
Bewerbung um den Newdigate-Preis zu Oxford oder um die Kanzler-Medaille
zu Cambridge eingesandt würden. Sein Geist besaß allerdings große
Schärfe und Kraft, aber nicht diejenige Schärfe und Kraft, welche große
Dramen oder Oden producirt, und man thut ihm sehr Unrecht, wenn man
seinen +Man of Honour+ und seine +Epistle on the Battle of the Boyne+
dem +Comus+ und +Alexander's Feast+ zur Seite stellt. Andere
ausgezeichnete Staatsmänner, wie Walpole, Pulteney, Chatham, Fox,
schrieben Verse, die nicht besser waren als die seinigen. Aber zum Glück
für sie wurden ihre metrischen Werke nie für würdig gehalten, in eine
Sammlung unserer nationalen Klassiker aufgenommen zu werden.
Es ist seit langer Zeit gebräuchlich, die Phantasie in der Gestalt eines
Flügels darzustellen und die gelungenen Aeußerungen der Phantasie Flüge
zu nennen. Der eine Dichter ist ein Adler, der andre ein Schwan, der
dritte vergleicht sich bescheidentlich mit der Biene. Aber keine dieser
bildlichen Bezeichnungen würde auf Montague gepaßt haben. Man kann sein
Genie mit dem Flügel vergleichen, der zwar zu schwach ist, den Strauß in
die Lüfte zu erheben, ihn aber in den Stand setzt, während er auf der
Erde bleibt, Hund, Pferd und Dromedar zu überholen. Wenn ein Mann, der
diese Art Genie besitzt, den Himmel der Erfindung zu ersteigen versucht,
so macht er sich durch seine mühsamen und erfolglosen Anstrengungen
lächerlich. Wenn er sich aber damit begnügt, in der irdischen
Thätigkeitssphäre zu bleiben, so wird er finden, daß die Fähigkeiten,
die ihn nicht in den Stand setzen würden, sich in eine höhere Sphäre
emporzuschwingen, es ihm möglich machen, in der niederen alle seine
Rivalen hinter sich zu lassen. Als Dichter hätte Montague sich niemals
über die Gewöhnlichkeit erheben können. Im Hause der Gemeinen aber, das
jetzt rasch die höchste Behörde im Staate wurde und seine Gewalt über
einen Zweig der ausübenden Verwaltung nach dem andren ausdehnte,
erlangte der junge Glücksritter bald eine ganz andre Stellung, als die,
welche er unter den Literaten einnimmt. In seinem dreißigsten Jahre
würde er mit Freuden alle seine Lebensaussichten für ein anständiges
Vikariat und ein Kaplansmäntelchen hingegeben haben. Mit
siebenunddreißig Jahren war er erster Lord des Schatzes, Kanzler der
Schatzkammer und Mitglied des Regentschaftsrathes des Königreichs, und
diese hohe Stellung verdankte er keineswegs der Gunst, sondern lediglich
der unbestreitbaren Ueberlegenheit seiner Talente für die Verwaltung und
für die Debatte.
Die außerordentliche Geschicklichkeit, mit der er zu Anfang des Jahres
1692 die Conferenz über die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in
Hochverrathsfällen leitete, stellte ihn mit einem Male in die erste
Reihe der parlamentarischen Redner. Er stand bei dieser Gelegenheit
einer Menge erfahrener, durch ihre Beredtsamkeit berühmter Senatoren,
wie Halifax, Rochester, Nottingham und Mulgrave gegenüber, und er erwies
sich als ihnen allen ebenbürtig. Nicht lange so erhielt er einen Sitz im
Schatzamte, und hier gewahrte der scharfsinnige und erfahrene Godolphin
bald, daß sein junger College sein Meister war. Als Somers das Haus der
Gemeinen verlassen, hatte Montague keinen Nebenbuhler mehr darin. Sir
Thomas Littleton, einst als der gewandteste Redner und Geschäftsmann
unter den whiggistischen Mitgliedern ausgezeichnet, begnügte sich, unter
seinem jüngeren Collegen zu dienen. Noch heute können wir in vielen
Zweigen unsres Finanz- und Handelssystems Spuren von Montague's scharfem
Verstande und kühnem Geiste erkennen. Seine bittersten Feinde konnten
nicht leugnen, daß einige von den Auskunftsmitteln, die er
vorgeschlagen, sich als höchst wohlthätig für die Nation erwiesen
hatten. Aber es wurde behauptet, diese Auskunftsmittel seien nicht in
seinem eignen Kopfe entstanden. In hundert Pamphlets wurde er die Krähe
mit geborgten Federn genannt. Er habe, versicherte man, die Idee zu
jedem seiner großen Pläne aus den Schriften oder Reden eines genialen
Theoretikers entlehnt. Dieser Vorwurf war eigentlich gar kein Vorwurf.
Wir dürfen wohl kaum erwarten, in einem und demselben menschlichen Wesen
die Talente, welche nöthig sind, um neue Erfindungen in der
Staatswissenschaft zu machen, mit den Talenten gepaart zu finden, welche
von zahlreichen und tumultuarischen Versammlungen die Zustimmung zu
großen praktischen Reformen erlangen. Zu gleicher Zeit ein Adam Smith
und ein Pitt zu sein, ist fast unmöglich. Es ist gewiß des Lobenswerthen
genug bei einem thätigen Staatsmanne, wenn er die Theorien Anderer
anzuwenden versteht, wenn er unter den Plänen zahlloser Projectenmacher
gerade denjenigen herausfindet, der gebraucht wird und ausführbar ist,
wenn er ihm eine solche Gestalt zu geben weiß, daß er dem Drange der
Umstände und den Launen des Volks entspricht, wenn er ihn gerade in dem
Augenblicke vorschlägt, wo er die meiste Aussicht hat, günstig
aufgenommen zu werden, wenn er ihn siegreich gegen alle Widersacher
vertheidigt, und wenn er ihn mit Umsicht und Energie ins Werk setzt, und
auf dieses Lob hat kein englischer Staatsmann begründeteren Anspruch als
Montague.
Es ist ein schlagender Beweis von seiner Selbstkenntniß, daß er von dem
Augenblicke an, wo er sich im öffentlichen Leben auszuzeichnen begann,
aufhörte ein Versemacher zu sein. Nachdem er Lord des Schatzes geworden
war, scheint er kein einziges Couplet mehr geschrieben zu haben, mit
Ausnahme einiger gut abgefaßter Zeilen als Inschriften auf eine Anzahl
Trinkspruchgläser, welche den berühmtesten Whigschönheiten seiner Zeit
verehrt wurden. Er beschloß wohlweislich, aus den Dichtungen Anderer
einen Ruhm zu schöpfen, den er aus seinen eigenen nie geschöpft haben
würde. Als Beschützer des Genies und der Gelehrsamkeit steht er auf
gleicher Stufe mit seinen beiden berühmten Freunden, Dorset und Somers.
Seine Freigebigkeit kam der ihrigen völlig gleich, und wenn er ihnen
auch in der Feinheit des Geschmacks nachstand, so gelang es ihm doch,
seinen Namen untrennbar mit einigen Namen zu verknüpfen, welche so lange
dauern werden wie unsre Sprache.
Es muß jedoch auch zugegeben werden, daß Montague neben glänzenden
Talenten und vielen Ansprüchen auf die Dankbarkeit seines Vaterlandes
große Fehler besaß und leider Fehler nicht von der edelsten Art. Sein
Kopf war nicht stark genug, um die hastige Eile seines Emporsteigens und
die Höhe seiner Stellung ohne Schwindelanfälle zu ertragen. Er wurde
widerlich anmaßend und eitel. Er war nur zu oft kalt gegen seine alten
Freunde und prahlte nur zu gern mit seinen neuerworbenen Reichthümern.
Vor Allem war er unersättlich nach Lob und es gefiel ihm um so besser,
je plumper und übertriebener es war. Im Jahre 1693 waren jedoch diese
Fehler noch nicht so schreiend, als sie es einige Jahre später wurden.
[_Wharton._] Mit Russell, Somers und Montague war ein
Vierteljahrhundert lang ein vierter Whig eng verbunden, der im
Character mit keinem von ihnen große Aehnlichkeit hatte. Dies war
Thomas Wharton, der älteste Sohn Philipp's, Lord Wharton. Thomas
Wharton ist im Laufe dieser Erzählung schon häufig genannt worden; aber
es ist jetzt Zeit ihn ausführlicher zu schildern. Er stand in seinem
siebenundvierzigsten Jahre, war aber in Bezug auf Körperconstitution,
Aussehen und Manieren noch ein junger Mann. Selbst Diejenigen, die ihn
am gründlichsten haßten -- und Niemand wurde gründlicher gehaßt --
räumten ein, daß seine natürlichen Anlagen vortrefflich und daß er zum
Reden wie zum Handeln in gleichem Grade befähigt sei. Sein Rang und
seine Talente machten ihn zu einer so hervorragenden Persönlichkeit,
daß wir an ihm den Ursprung und das Fortschreiten einer moralischen
Verderbtheit, die unter seinen Zeitgenossen epidemisch war, deutlich zu
erkennen vermögen.
Er war in den Tagen des Covenants geboren und war der Erbe eines dem
Covenant angehörenden Hauses. Sein Vater war als ein Verbreiter
calvinistischer Schriften und als ein Beschützer der calvinistischen
Geistlichen bekannt. Seine ersten Knabenjahre brachte er unter Genfer
Kragen, schlichten Haartouren, verdrehten Augen, näselndem
Psalmengesange und dreistündigen Predigten zu. Schauspiele und Gedichte,
Jagd und Tanz waren durch die strenge Hausordnung seiner frommen Familie
verdammt. Die Früchte dieser Erziehung traten zu Tage, als der
heißblütige und geistvolle junge Patrizier das düstere Haus seiner
puritanischen Eltern mit dem heiteren und üppigen London der
Restauration vertauschte. Die ausschweifendsten Cavaliere schauderten
über die Ausschweifung des emancipirten Rigoristen. Er erwarb sich
frühzeitig den Ruf, der größte Wüstling in England zu sein und
behauptete diesen Ruf bis an sein Ende. Der Sklave des Weines wurde er
zwar nie und er bediente sich desselben hauptsächlich nur zu dem Zwecke,
um sich zum Beherrscher seiner Genossen zu machen. Aber bis an das Ende
seines Lebens waren die Frauen und Töchter seiner nächsten Freunde nicht
sicher vor seinen unzüchtigen Plänen. Die Unsittlichkeit seiner
Unterhaltung erregte selbst zur damaligen Zeit Erstaunen. Der Religion
seines Vaterlandes fügte er aus bloßem gottlosen Muthwillen
Beleidigungen zu, die zu empörend sind, als daß man sie näher bezeichnen
könnte. Seine Lügenhaftigkeit und seine Frechheit wurden sprichwörtlich.
Von allen Lügnern seiner Zeit log er am gewandtesten, am
erfinderischsten und am umständlichsten. Den Begriff Scham schien er gar
nicht zu kennen. Kein Vorwurf, mochte auch der beißendste Witz ihn
geschärft und gespitzt haben, schien einen Eindruck auf ihn zu machen.
Große Satyriker, die von bitterem persönlichen Hasse gegen ihn beseelt
waren, erschöpften ihre ganze Kraft in Angriffen auf ihn. Sie
überhäuften ihn mit heftigen Schmähungen und mit noch heftigeren
Verhöhnungen; aber sie überzeugten sich, daß weder Schmähungen noch Hohn
ihm mehr als ein ungezwungenes Lächeln oder einen scherzhaften Fluch
entlocken konnten, und sie warfen endlich die Peitschen fort und gaben
zu, daß es unmöglich sei, ihm Gefühl beizubringen. Daß er bei solchen
Fehlern eine große Rolle im Leben spielen, bei zahlreichen Wahlen durch
seine persönliche Popularität über die furchtbarsten Gegner siegen,
einen starken Anhang im Parlamente haben und sich zu den höchsten
Staatsämtern emporschwingen konnte, scheint unbegreiflich. Aber er lebte
zu einer Zeit, wo der Parteigeist fast an Wahnsinn grenzte und er besaß
in seltenem Grade die Eigenschaften eines Parteiführers. Ein einziges
Band gab es, das er achtete. In allen Beziehungen bis auf eine der
falscheste Mensch von der Welt, war er der treueste aller Whigs. Den
religiösen Ansichten seiner Familie hatte er schon frühzeitig mit
Verachtung entsagt; den politischen Meinungen seiner Familie aber blieb
er durch alle Versuchungen und Gefahren eines halben Jahrhunderts treu.
In kleinen wie in großen Dingen zeigte sich beständig seine Hingebung
für seine Partei. Er besaß das schönste Gestüt in England und es war
sein größtes Vergnügen, Wetten gegen Tories zu gewinnen. Zuweilen, wenn
man in einer entfernten Grafschaft zuversichtlich erwartete, daß das
Pferd eines hochkirchlichen Squires das erste auf der Rennbahn sein
werde, kam noch am Vorabend des Rennens Wharton's Careleß, der in
Newmarket nur aus Mangel an Mitbewerbern zu rennen aufgehört, oder
Wharton's Gelding an, für den Ludwig XIV. vergebens tausend Pistolen
geboten hatte. Ein Mann, dessen bloßes Sportvergnügen von dieser Art
war, gab wenig Hoffnung, auch in einem ernsten Kampfe leicht geschlagen
zu werden. Einen solchen Meister in der ganzen Kunst der Wahlumtriebe
hatte England noch nie gesehen. Buckinghamshire war seine specielle
Provinz, und dort herrschte er ohne Nebenbuhler. Aber seine Fürsorge
erstreckte sich auch auf die whiggistischen Interessen von Yorkshire,
Cumberland, Westmoreland und Wiltshire. Zuweilen waren zwanzig, ja
dreißig Parlamentsmitglieder von ihm ernannt. Als Stimmenwerber war er
unwiderstehlich. Er vergaß nie ein Gesicht, das er einmal gesehen hatte.
Ja in den Städten, in denen er seinen Einfluß zu befestigen wünschte,
erinnerte er sich nicht allein der Wähler, sondern auch ihrer Familien.
Seine Gegner erstaunten über die Stärke seines Gedächtnisses und über
die Leutseligkeit seines Benehmens und gaben zu, daß es unmöglich sei
gegen einen vornehmen Mann zu kämpfen, der den Schuhmacher bei seinem
Taufnamen nannte, der gewiß war, daß des Fleischers Tochter zu einem
schönen Mädchen herangewachsen sei und der sich angelegentlich danach
erkundigte, ob des Hufschmieds jüngster Bube Hosen bekommen habe. Durch
derartige Kunstgriffe machte er sich so beliebt, daß seine Reisen zu den
Quartalsitzungen von Buckinghamshire königlichen Lustreisen glichen. In
jedem Dorfe, durch das er kam, wurden die Glocken geläutet und ihm
Blumen gestreut. Man glaubte allgemein, daß er im Laufe seines Lebens
auf seine parlamentarischen Interessen nicht weniger als achtzigtausend
Pfund verwendet habe, eine Summe, die nach Verhältniß des Werthes des
Grundbesitzes dreimalhunderttausend Pfund in unsrer Zeit gleichkommend
betrachtet werden muß.
Der wichtigste Dienst, den Wharton der Whigpartei leistete, bestand
jedoch im Anwerben von Rekruten aus der jungen Aristokratie. Er war ein
eben so geschickter Stimmenwerber unter den gestickten Röcken im Saint
James-Kaffeehause, wie unter den Schurzfellen zu Wycombe und Aylesbury.
Er warf sein Auge auf jeden jungen Mann von Stande, der majorenn wurde,
und es war für einen solchen jungen Mann nicht leicht, den Kunstgriffen
eines vornehmen, beredtsamen und reichen Schmeichlers zu widerstehen,
der jugendliche Lebhaftigkeit mit großer Verschlagenheit und
langjähriger Erfahrung in den eleganten Gesellschaftskreisen verband. Es
war gleichgültig, was der Novize vorzog, ob die Galanterie oder die
Sportvergnügungen, den Würfelbecher oder die Flasche; Wharton entdeckte
sehr bald die vorherrschende Leidenschaft, bot Theilnahme, Rath und
Beistand an, und während er nur der Diener der Vergnügungen seines
Schülers zu sein schien, sicherte er sich die Stimme desselben.
Die Partei, deren Interessen Wharton mit so viel Muth und Beständigkeit
seine Zeit, sein Vermögen, seine Talente und selbst seine Laster
widmete, beurtheilte ihn, was auch sehr natürlich war, viel zu
nachsichtig. Er war weit und breit unter dem ganz unverdienten Namen des
ehrlichen Tom bekannt. Einige fromme Männer, zum Beispiel Burnet und
Addison, drückten ein Auge zu über das Aergerniß, das er gab, und
sprachen wenn auch nicht mit Achtung, so doch mit Wohlwollen von ihm.
Ein höchst geistreicher und gebildeter Whig, der dritte Earl von
Shaftesbury, Verfasser der »Characteristiken«, nannte Wharton den
räthselhaftesten aller Menschen, ein seltsames Gemisch des Besten und
Schlimmsten, privater Sittenlosigkeit und öffentlicher Tugend, und
gestand offen, daß er nicht begreifen könne, wie ein in jeder Beziehung,
außer in der Politik, völlig grundsatzloser Mensch in der Politik treu
wie Stahl sein konnte. Doch gerade das was in den Augen der einen Partei
Wharton's Fehler mehr als zur Hälfte ausglich, schien sie in den Augen
der andren Partei sämmtlich zu erschweren. Die Meinung, welche die
Tories von ihm hatten, ist in einer einzigen Zeile ausgedrückt, die der
talentvollste Mann dieser Partei nach seinem Tode schrieb: »Er war der
universellste Schurke, den ich je kennen gelernt habe.«[62] Wharton's
politische Gegner lechzten nach seinem Blute und machten wiederholte
Versuche es zu vergießen. Wäre er nicht ein Mann von unerschütterlicher
Kaltblütigkeit, von unerschrockenem Bluthe und von vollendeter
Fertigkeit in Führung der Waffen gewesen, so würde er kein hohes Alter
erreicht haben. Aber weder Zorn noch Gefahr beraubten ihn jemals seiner
Geistesgegenwart; er war ein unvergleichlicher Fechter, und er besaß
eine besondere Geschicklichkeit darin, Gegner zu entwaffnen, die alle
Duellanten seiner Zeit beneideten. Seine Freunde sagten, er habe nie
Jemanden zum Zweikampfe herausgefordert, habe nie eine Herausforderung
zurückgewiesen, habe nie einen Gegner getödtet und habe sich doch nie
geschlagen, ohne das Leben seines Gegners in seinen Händen zu
haben.[63]
Die vier Männer, welche ich hier geschildert habe, glichen einander so
wenig, daß man sich wundern muß, wie sie jemals in Uebereinstimmung mit
einander handeln konnten. Gleichwohl handelten sie viele Jahre lang in
vollkommenster Uebereinstimmung. Sie stiegen mehr als ein Mal und fielen
mehr als ein Mal zusammen. Aber ihre Einigkeit dauerte so lange, bis der
Tod sie löste. So wenig Achtung einige von ihnen verdienten, keinen von
ihnen kann man beschuldigen, daß er gegen seine Brüder von der Junta
falsch gewesen wäre.
[_Häupter der Torypartei._] Während die große Masse der Whigs unter
diesen gewandten Führern in einer Ordnung kämpfte, welche der einer
regulären Armee glich, befanden sich die Tories in dem Zustande einer
schlecht eingeübten und einer schlecht commandirten Miliz. Sie waren
zahlreich und auch von Eifer beseelt; aber man kann kaum sagen, daß sie
damals ein Oberhaupt im Hause der Gemeinen gehabt hätten. Der Name
Seymour hatte einst in hohem Ansehen bei ihnen gestanden und er hatte
seinen Einfluß noch nicht ganz verloren. Aber seitdem er im Schatzamte
gesessen, hatte er es mit ihnen verdorben, indem er Alles was er früher,
als er noch nicht im Amte war, heftig angegriffen hatte, heftig
vertheidigte. Sie hatten auch einmal auf den Sprecher Trevor ihr
Augenmerk gerichtet, aber seine Habgier, Schamlosigkeit und Feilheit
waren jetzt so notorisch, daß alle achtbaren Gentlemen jeder politischen
Farbe sich schämten, ihn auf dem Präsidentenstuhle zu sehen. Von den
alten toryistischen Mitgliedern hatte nur Sir Christoph Musgrave großes
Gewicht. Die wirklichen Führer der Partei waren eigentlich zwei oder
drei Männer, welche in Grundsätzen erzogen waren, die dem Toryismus
direct entgegengesetzt waren, Männer, die den Whiggismus bis an den Rand
des Republikanismus getrieben und die nicht nur für Niederkirchliche,
sondern für mehr als halbe Presbyterianer gegolten hatten. Die
ausgezeichnetsten von diesen Männern waren zwei angesehene Squires aus
Herefordshire: Robert Harley und Paul Foley.
[_Harley._] Der Raum, den Robert Harley in der Geschichte dreier
Regierungen ausfüllt, seine Erhebung, sein Sturz, der Einfluß, den er in
einer wichtigen Krisis auf die Politik von ganz Europa ausübte, die
intime Freundschaft, in der er mit einigen der größten Schriftsteller
und Dichter seiner Zeit lebte, und das häufige Vorkommen seines Namens
in den Werken Swift's, Pope's, Arbuthnot's und Prior's müssen ihn
jederzeit zu einer interessanten Persönlichkeit machen. Der Mann selbst
war jedoch der uninteressanteste, den es geben konnte. Es ist in der
That ein merkwürdiger Contrast zwischen den ganz gewöhnlichen
Eigenschaften seines Geistes und den ganz außerordentlichen
Wechselfällen seines Lebens.