[_Sunderland._] Der Staatsmann, welcher den Hauptantheil an der Bildung

des ersten englischen Ministeriums hatte, war einst nur zu bekannt

gewesen, hatte sich aber lange vor den Augen der Oeffentlichkeit

verborgen und war erst kürzlich wieder aus dem Dunkel hervorgetreten,

indem man erwartet hatte, daß er den Rest seines schmachvollen und

unglücklichen Lebens zubringen werde. Während der Periode allgemeinen

Schreckens und allgemeiner Verwirrung, welche auf Jakob's Flucht folgte,

war Sunderland verschwunden. Es war hohe Zeit, denn von allen Agenten

der gestürzten Regierung war er, mit alleiniger Ausnahme Jeffreys', der

Nation am meisten verhaßt. Nur Wenige wußten, daß Sunderland insgeheim

gegen die Beraubung des Magdalenencollegiums und die gerichtliche

Verfolgung der Bischöfe gestimmt hatte; Jedermann aber wußte, daß er

zahlreiche, von Gesetzen dispensirende Dokumente unterzeichnet, daß er

in der Hohen Commission gesessen hatte, daß er, sei es wirklich oder nur

zum Schein, Papist geworden und daß er, wenige Tage nach seinem Abfall,

in Westminster Hall als Zeuge gegen die unterdrückten Väter der Kirche

aufgetreten war. Allerdings hatte er viele Verbrechen durch ein neues

Verbrechen gesühnt, das schändlicher war als alle übrigen. Sobald er

Ursache hatte zu glauben, daß der Tag der Befreiung und Vergeltung

bevorstehe, hatte er durch einen sehr geschickten und rechtzeitigen

Verrath seine Begnadigung erlangt. Während der letzten drei Monate vor

der Ankunft des holländischen Geschwaders bei Torbay hatte er der Sache

der Freiheit und der protestantischen Religion Dienste geleistet, deren

Schändlichkeit, aber auch Nützlichkeit schwerlich zu hoch angeschlagen

werden kann. Ihm hauptsächlich hatte man es zu verdanken, daß in dem

kritischesten Momente unsrer Geschichte nicht eine französische Armee

die batavische Grenze bedrohte und eine französische Flotte an den

englischen Küsten kreuzte. Wilhelm durfte sich, ohne einen Schatten auf

seine eigne Ehre zu werfen, nicht weigern einen Mann zu protegiren, den

er zu benutzen keinen Anstand genommen hatte. Es war jedoch selbst für

Wilhelm keine leichte Aufgabe, dieses schuldbeladene Haupt gegen den

ersten Ausbruch der Volkswuth zu schützen. Denn selbst diejenigen

extremen Politiker beider Parteien, die in sonst nichts übereinstimmten,

stimmten in dem Rachegeschrei gegen den Renegaten überein. Die Whigs

haßten ihn als den Erbärmlichsten unter den Sklaven, welche der vorigen

Regierung gedient hatten, und die Jakobiten als den Schändlichsten unter

den Verräthern, durch die sie gestürzt worden war. Wäre er in England

geblieben, so würde er wahrscheinlich von der Hand des Scharfrichters

gestorben sein, wenn nicht der Pöbel dem Scharfrichter noch zuvorkam. In

Holland aber hatte ein vom Statthalter begünstigter politischer

Flüchtling einige Hoffnung, unbelästigt zu existiren. Nach Holland floh

Sunderland, als Frau verkleidet, wie man sagt, und seine Gattin

begleitete ihn. In Rotterdam, einer dem Hause Oranien ergebenen Stadt,

hielt er sich für sicher. Aber die Behörde war nicht in alle Geheimnisse

des Prinzen eingeweiht und einige diensteifrige Engländer versicherten

ihr, Se. Hoheit werde sehr erfreut sein, wenn er die Verhaftung des

papistischen Schuftes, des Judas erführe, dessen Erscheinen auf Tower

Hill ganz London mit Ungeduld erwarte. Sunderland wurde ins Gefängniß

geworfen und blieb darin bis der Befehl zu seiner Freilassung von

Whitehall kam. Er begab sich nun nach Amsterdam und wechselte dort

abermals seine Religion. Sein zweiter Abfall erbaute seine Gattin eben

so sehr, wie sein erster Abfall seinen Gebieter erbaut hatte. Die Gräfin

schrieb an ihre frommen Freunde in England, um ihnen zu versichern, daß

das Herz ihres armen geliebten Gemahls endlich wirklich von der

göttlichen Gnade berührt worden sei und daß sie sich bei all' ihrem

Kummer getröstet fühle, da sie einen so aufrichtigen Convertiten in ihm

sähe. Wir dürfen jedoch, ohne die Pflicht der christlichen Liebe zu

verletzen, wohl annehmen, daß er noch immer der nämliche falsche und

verstockte Sunderland war, der wenige Monate zuvor durch die Ableugnung

des Daseins Gottes Bonrepaux mit Schaudern erfüllt und zu gleicher Zeit

durch das Vorgeben, daß er an die Transsubstantiation glaube, Jakob's

Herz gewonnen hatte. Bald darauf veröffentlichte der Verbannte eine

Apologie seiner Handlungsweise. Bei genauer Untersuchung dieser Apologie

findet man, daß sie lediglich auf das Bekenntniß hinausläuft, daß er

eine Reihe von Verbrechen begangen habe, um Jakob's Gunst zu erlangen,

und eine andre Reihe von Verbrechen, um nicht in Jakob's Sturz

hineingezogen zu werden. Der Verfasser schließt mit der Bemerkung, daß

er beabsichtige, den Rest seines Lebens in Bußübungen und Gebet

zuzubringen. Er zog sich bald von Amsterdam nach Utrecht zurück und

machte sich dort durch seinen regelmäßigen und andächtigen Besuch des

Gottesdienstes hugenottischer Prediger bemerkbar. Wenn man seinen

Briefen und denen seiner Gattin glauben darf, so hatte er dem Ehrgeize

für immer entsagt. Er sehnte sich zwar danach, aus der Verbannung

zurückzukehren, nicht um wieder die Gunstbezeigungen der Krone genießen

und spenden zu können, nicht damit er seine Vorzimmer wieder mit dem

täglichen Schwarme von Bittstellern gefüllt sähe, sondern nur um die

Wiesen, die Bäume und die Familiengemälde seines Landsitzes

wiederzusehen. Sein einziger Wunsch war, sein ruheloses Leben in

Althorpe beschließen zu dürfen, und er wollte seinen Kopf zum Pfande

setzen, daß er die Umhegungen seines Parks nie wieder verließ.[53]

So lange das während der Erledigung des Thrones gewählte Haus der

Gemeinen eifrig mit dem Proscriptionswerke beschäftigt war, durfte er es

nicht wagen, sich in England zu zeigen. Als aber diese Versammlung nicht

mehr existirte, glaubte er sich sicher. Wenige Tage nachdem die

Begnadigungsacte auf den Tisch der Lords niedergelegt worden war, kehrte

er zurück. Von der Wohlthat dieser Acte war er speciell ausgeschlossen;

aber er wußte sehr gut, daß er jetzt nichts zu fürchten hatte. Er begab

sich heimlich nach Kensington, erlangte Zutritt ins königliche Cabinet,

hatte eine zwei Stunden dauernde Audienz, und zog sich dann auf seinen

Landsitz zurück.[54]

Viele Monate lang führte er ein eingezogenes Leben und hatte keine

Wohnung in London. Einmal, im Frühjahr 1691, zeigte er zum großen

Erstaunen des Publikums sein Gesicht im Hofzirkel und wurde freundlich

aufgenommen.[55] Er scheint gefürchtet zu haben, daß sein

Wiedererscheinen im Parlamente ihm einen eklatanten Affront zuziehen

möchte. Er schlich sich daher wohlweislich in der stillen Jahreszeit an

einem Tage bis zu welchem die Häuser auf königlichen Befehl vertagt

waren und an welchem sie sich nur versammelten, um wieder vertagt zu

werden, nach Westminster, hatte gerade noch so viel Zeit, sich

vorzustellen, die Eide zu leisten, die Erklärung gegen die

Transsubstantiation zu unterzeichnen und seinen Sitz einzunehmen. Keiner

von den wenigen anwesenden Peers fand Gelegenheit, eine Bemerkung zu

machen.[56] Erst im Jahre 1692 begann er den Sitzungen wieder

regelmäßig beizuwohnen. Er schwieg; aber geschwiegen hatte er jederzeit

in zahlreichen Versammlungen, selbst als er auf dem Höhepunkte der Macht

stand. Seine Talente waren nicht die eines öffentlichen Redners. Die

Kunst, in der er Jeden übertraf, war die Kunst des Flüsterns. Sein Takt,

sein Scharfblick für individuelle Schwächen, seine freundlichen

Manieren, seine Gabe, sich einzuschmeicheln, und vor Allem seine

anscheinende Freimüthigkeit, machten ihn in der Privatconversation

unwiderstehlich. Durch diese Eigenschaften hatte er Jakob beherrscht,

und wollte nun damit Wilhelm beherrschen.

Es war zwar nicht leicht Wilhelm zu beherrschen; aber Sunderland

erlangte doch einen solchen Grad von Gunst und Einfluß, daß es großes

Erstaunen und selbst einigen Unwillen erregte. Allerdings war kaum ein

Geist stark genug, um dem Zauber seiner Rede und seines Benehmens zu

widerstehen. Jedermann ist geneigt an die Dankbarkeit und Anhänglichkeit

auch der werthlosesten Menschen zu glauben, denen er große Wohlthaten

erzeigt hat. Es kann daher kaum auffallen, daß der geschickteste aller

Schmeichler ein geneigtes Ohr fand, als er mit allen äußeren Zeichen

tiefer Bewegtheit um die Erlaubniß bat, alle seine Geisteskräfte dem

Dienste des hochherzigen Beschützers zu widmen, dem er Vermögen,

Freiheit und Leben verdankte. Es ist jedoch deshalb nicht anzunehmen,

daß der König sich täuschen ließ. Er wird mit gutem Grunde geglaubt

haben, daß zwar auf Sunderland's Betheuerungen nicht viel zu geben war,

daß er aber um so mehr Vertrauen in seine Stellung setzen konnte, und

Sunderland erwies sich im Ganzen wirklich als ein treuerer Diener wie

ein minder verderbter Mann es hätte sein können. Er that zwar in aller

Stille einige schüchterne Schritte zu einer Aussöhnung mit Jakob, allein

man darf mit Gewißheit behaupten, daß, selbst wenn diese Schritte

freundlich aufgenommen worden wären -- und sie scheinen sehr

unfreundlich aufgenommen worden zu sein -- der zwiefache Renegat der

jakobitischen Sache nie einen wirklichen Dienst geleistet haben würde.

Er wußte recht gut, daß er etwas gethan hatte, was in Saint-Germains als

unverzeihlich betrachtet werden mußte. Nicht daß er blos verrätherisch

und undankbar gewesen wäre, Marlborough war eben so verrätherisch und

undankbar gewesen, und Marlborough hatte Verzeihung erlangt. Aber

Marlborough hatte sich nicht der gottlosen Heuchelei schuldig gemacht,

die äußeren Zeichen einer Bekehrung zur Schau zu tragen. Marlborough

hatte nicht vorgegeben, durch die Argumente der Jesuiten überzeugt,

durch die göttliche Gnade berührt worden zu sein, sich nach der Aufnahme

in den Schooß der allein wahren Kirche zu sehnen. Marlborough hatte

nicht, als der Papismus überwiegend war, sich bekreuzigt, gebeichtet,

Buße gethan, das heilige Abendmahl in Einer Gestalt genommen, war nicht,

sobald ein Wechsel des Glückes eintrat, abermals abgefallen und hatte

nicht der ganzen Welt erklärt, daß, als er im Beichtstuhl gekniet und

die Hostie empfangen, er den König und die Priester nur ausgelacht habe.

Sunderland's Verbrechen war ein solches, das Jakob nie vergeben konnte,

und ein Verbrechen, das Jakob nie vergeben konnte, war in gewissem Sinne

eine Empfehlung bei Wilhelm. Der Hof, ja selbst der Staatsrath waren mit

Männern angefüllt, welche hoffen konnten, ihr Glück zu machen, wenn der

verbannte König wieder auf den Thron gesetzt wurde. Sunderland aber

hatte sich keinen Rückzug gesichert, er hatte alle Brücken hinter sich

abgebrochen. Er war gegen den Einen so falsch gewesen, daß er

nothgedrungen dem Andren treu sein mußte. Daß er in der Hauptsache der

Regierung, die ihn jetzt beschützte, treu war, steht kaum zu bezweifeln,

und da er treu war, konnte er nur nützlich sein. Er war in einigen

Beziehungen ganz vorzüglich geeignet, damals ein Rathgeber der Krone zu

sein, denn er besaß gerade die Talente und Kenntnisse, an denen es

Wilhelm fehlte. Die Beiden zusammen würden einen vollendeten Staatsmann

ausgemacht haben. Der Gebieter war fähig, große Pläne zu entwerfen und

auszuführen, aber er vernachlässigte die kleinen Kunstgriffe, in denen

der Diener sich auszeichnete. Der Gebieter sah weiter als andere

Menschen; aber das Nahe sah Niemand so deutlich als der Diener. Der

Gebieter war zwar in der Politik der großen Völkergemeinschaft gründlich

erfahren, lernte aber die Politik seines eigenen Landes niemals genau

kennen. Der Diener war mit der Stimmung und der Organisation der

englischen Parteien so wie mit den starken und schwachen Seiten des

Characters jedes angesehenen Engländers wohl vertraut.

Zu Anfang des Jahres 1693 ging das Gerücht, daß Sunderland über alle die

innere Verwaltung des Reichs betreffende wichtige Fragen zu Rathe

gezogen werde, und dieses Gerücht bekam noch mehr Halt, als man erfuhr,

daß er im Herbste vor dem Zusammentritt des Parlaments nach London

gekommen war und ein großes Haus in der Nähe von Whitehall bezogen

hatte. Die Kaffeehaus-Politiker waren überzeugt, daß er auf dem Punkte

stand, ein hohes Amt zu erhalten. Vor der Hand war er jedoch so klug,

sich mit der wirklichen Macht zu begnügen und den Schein derselben

Anderen zu überlassen[57].

[_Sunderland räth dem Könige den Whigs den Vorzug zu geben._] Er war der

Meinung daß, so lange der König versuchte die beiden großen Parteien

einander die Wage halten zu lassen und seine Gunst beiden in gleichem

Grade zu gewähren, beide sich zurückgesetzt glauben und keine der

Regierung die aufrichtige und beharrliche Unterstützung angedeihen

lassen würde, der man jetzt so dringend bedurfte. Se. Majestät müsse

sich entschließen, der einen oder der andren den entschiedenen Vorzug zu

geben, und es sprächen drei gewichtige Gründe dafür, diesen Vorzug den

Whigs zu geben.

[_Gründe für die Bevorzugung der Whigs._] Erstens waren die Whigs

grundsätzlich der herrschenden Dynastie zugethan. In ihren Augen war die

Revolution nicht allein nothwendig, nicht allein gerechtfertigt, sondern

sogar ein glückliches und ruhmvolles Ereigniß gewesen. Sie war der

Triumph ihrer politischen Theorie gewesen. Als sie Wilhelm Treue

schwuren, schwuren sie ohne Skrupel und Hintergedanken; sie waren so

weit entfernt davon, seinen Rechtstitel in Frage zu stellen, daß sie ihn

für den besten aller Rechtstitel hielten. Die Tories dagegen

mißbilligten fast allgemein den Beschluß der Convention, die ihn auf den

Thron gesetzt hatte. Einige von ihnen waren im Herzen Jakobiten und

hatten ihm den Unterthaneneid blos deshalb geleistet, um ihm besser

schaden zu können. Andere glaubten sich zwar verpflichtet, ihm als

factischen König zu gehorchen, leugneten aber, daß er rechtmäßiger König

sei, und wenn sie auch loyal gegen ihn waren, so waren sie es doch ohne

Begeisterung. Es konnte demnach kaum einem Zweifel unterliegen, auf

welche von den beiden Parteien er sicherer bauen könne.

Zweitens waren die Whigs bezüglich der speciellen Angelegenheit, an der

sein Herz gegenwärtig hing, im Allgemeinen geneigt, ihn kräftig zu

unterstützen, die Tories hingegen ihm darin hinderlich zu sein. Die

Gemüther beschäftigten sich damals lebhaft mit der Frage, in welcher

Weise der Krieg geführt werden müsse. Diese Frage beantworteten die

beiden Parteien sehr verschieden. Unter den Tories war seit einigen

Monaten die Ansicht zur Geltung gekommen, daß die Politik England's

streng insularisch sein, daß es die Vertheidigung Flanderns und des

Rheins den Generalstaaten, dem Hause Oesterreich und den Fürsten des

Reichs überlassen, und daß es die Feindseligkeiten zur See energisch

fortsetzen, aber nur ein solches Landheer unterhalten müsse, das mit

Hülfe der Miliz genügte, um einen Einfall abzuwehren. Es war klar, daß

wenn dieses System angenommen wurde, eine sofortige Ermäßigung der so

schwer auf der Nation lastenden Steuern eintreten konnte. Aber die Whigs

behaupteten, diese Erleichterung werde theuer erkauft werden. Viele

tausend tapfere englische Soldaten seien jetzt in Flandern, gleichwohl

hätten die Alliirten die Franzosen nicht verhindern können, im Jahre

1691 Mons, 1692 Namur, 1693 Charleroy zu nehmen. Wenn die englischen

Truppen zurückgerufen würden, so sei es gewiß, daß Ostende, Gent und

Lüttich fallen müßten. Die deutschen Fürsten würden eilen, Jeder für

sich Frieden zu schließen. Die spanischen Niederlande würden

wahrscheinlich der französischen Monarchie einverleibt werden. Die

Vereinigten Provinzen würden wieder eben so gefährdet sein, wie 1672,

und würden jede Bedingung annehmen, die es Ludwig gefiele ihnen zu

dictiren. Nach wenigen Monaten würde er im Stande sein, seine ganze

Kraft gegen unsre Insel aufzubieten und dann würde es einen Kampf auf

Leben und Tod geben. Allerdings könne man wohl hoffen, daß wir im Stande

sein würden, unsern heimathlichen Boden selbst gegen einen solchen

General und eine solche Armee, wie sie die Schlacht bei Landen gewonnen

hatten, zu vertheidigen. Aber der Kampf müsse ein langer und schwerer

werden. Wie viele fruchtbare Grafschaften würden in Wüsten verwandelt,

wie viele blühende Städte in Asche gelegt werden, bevor man die

Eingedrungenen vernichten oder heraustreiben könne! Ein einziger

siegreicher Feldzug in Kent oder Middlesex würde mehr zur Verarmung der

Nation beitragen, als zehn unglückliche Feldzüge in Brabant. Es ist

bemerkenswerth, daß dieser Streit zwischen den beiden großen Parteien

siebzig Jahre lang regelmäßig wieder erwachte, so oft unser Land mit

Frankreich im Kriege lag. Daß England niemals große militärische

Operationen auf dem Festlande unternehmen dürfe, blieb ein

Fundamentalartikel des politischen Glaubens der Tories, bis die

französische Revolution in ihren Ansichten eine vollständige Aenderung

hervorbrachte.[58] Da es Wilhelm's Hauptzweck war, den Feldzug von 1694

in Flandern mit einem ungeheuern Kraftaufwande zu eröffnen, so war es

hinlänglich klar, an wen er sich um Beistand wenden mußte.

Drittens waren die Whigs die stärkere Partei im Parlamente. Die

allgemeine Wahl von 1690 war zwar nicht günstig für sie ausgefallen, sie

waren einige Zeit die Minorität gewesen; aber seitdem hatten sie

fortwährend mehr Boden gewonnen, bildeten jetzt der Zahl nach die volle

Hälfte des Unterhauses, und ihre effective Stärke war ihrer Zahl mehr

als entsprechend, denn in Energie, Rührigkeit und Disciplin waren sie

ihren Gegnern entschieden überlegen. Ihre Organisation war zwar noch

nicht so vollkommen, als sie es später wurde, aber sie hatten schon

begonnen, eine kleine Schaar ausgezeichnete Männer, welche noch lange

nachher unter dem Namen der Junta weit und breit bekannt war, zu Führern

anzunehmen. Es giebt vielleicht in der alten wie in der neuen Geschichte

kein zweites Beispiel einer solchen Autorität, wie sie dieses Concilium

während zwanzig unruhiger Jahre über die Whigpartei ausübte. Die Männer,

welche diese Autorität zu den Zeiten Wilhelm's und Mariens erlangten,

behielten sie ohne Unterbrechung in und außer dem Amte bis Georg IV.

den Thron bestieg.

[_Häupter der Whigpartei; Russell._] Einer dieser Männer war Russell.

Von seinem schmachvollen Verkehr mit dem Hofe von Saint-Germains haben

wir Beweise, die keinen Zweifel zulassen. Aber diese Beweise kamen erst

viele Jahre nach seinem Tode vor die Augen der Welt. Wenn Gerüchte von

seiner Schuld circulirten, so waren sie doch nur vag und

unwahrscheinlich, sie stützten sich auf keinen Beweis, hatten keinen

glaubwürdigen Urheber zum Gewährsmann und durften von seinen

Zeitgenossen mit gutem Grunde als jakobitische Verleumdungen betrachtet

werden. Ganz gewiß war es hingegen, daß er aus einem erlauchten Hause

stammte, das für die Freiheit und die protestantische Religion Großes

gethan und viel gelitten hatte, daß er die Einladung vom 30. Juni

unterzeichnet, daß er mit dem Befreier bei Torbay gelandet war, daß er

im Parlamente bei jeder Gelegenheit als eifriger Whig gesprochen und

gestimmt, daß er einen großen Sieg erfochten, daß er sein Vaterland vor

einer Invasion bewahrt hatte, und daß, seitdem er die Admiralität

verlassen, Alles schlecht gegangen war. Wir dürfen uns daher nicht

wundern, daß er unter seiner Partei einen bedeutenden Einfluß hatte.

[_Somers._] Aber der größte Mann unter den Mitgliedern der Junta, und in

mancher Beziehung der größte Mann jener Zeit war der Lordsiegelbewahrer

Somers. Er war gleich ausgezeichnet als Jurist und als Staatsmann, als

Redner und als Schriftsteller. Seine Reden sind der Vergessenheit

anheimgefallen, seine Staatsschriften aber existiren noch und sind

Muster einer eleganten, klaren und würdevollen Beredtsamkeit. Er hatte

einen großen Ruf im Hause der Gemeinen hinterlassen, in welchem er vier

Jahre lang stets mit Vergnügen gehört worden war, und die whiggistischen

Mitglieder betrachteten ihn noch immer als ihr Oberhaupt und hielten

ihre Zusammenkünfte noch immer unter seinem Dache. Auf dem hohen Posten,

zu dem er unlängst ernannt worden war, hatte er sich so benommen, daß

nach wenigen Monaten selbst Parteigeist und Mißgunst aufhörten über

seine Erhebung zu murren. Er vereinigte aber auch in der That alle

Eigenschaften eines großen Richters in sich, einen regsamen Geist und

scharfen Verstand, Fleiß, Rechtschaffenheit, Ausdauer und Milde. Im

Rathe verschaffte ihm die gelassene Weisheit, die er in einem Maße

besaß, wie man es bei Männern von so lebhaftem Geiste und von so

entschiedenen Ansichten selten findet, die Autorität eines Orakels.

Nicht minder deutlich zeigte sich die Ueberlegenheit seiner Talente in

Privatzirkeln. Der Zauber seiner Unterhaltung wurde noch erhöht durch

die Freimüthigkeit, mit der er seine Gedanken von sich gab.[59] Seine

gute Laune und seine gute Erziehung verleugneten sich nie. In seinen

Geberden, in seinen Mienen und in seiner Stimme sprach sich nur

Wohlwollen aus. Seine Humanität war um so bemerkenswerther, als ihm die

Natur einen Körper verliehen hatte, mit dem man in der Regel einen

mürrischen und reizbaren Character verbunden findet. Sein Leben war eine

lange Krankheit; seine Nerven waren schwach, seine Gesichtsfarbe bleich,

seine Wangen von frühzeitigen Furchen durchzogen. Gleichwohl konnten

seine Feinde nicht behaupten, daß er während seines langen und ruhelosen

öffentlichen Lebens nur ein einzigesmal, selbst nicht durch plötzliche

Herausforderung zu einer mit der milden Würde seines Characters

unvereinbaren Heftigkeit gereizt worden wäre. Sie konnten nur behaupten,

daß sein Wesen bei weitem nicht so sanft sei als die Welt glaube, daß er

in Wirklichkeit zu heftigen Leidenschaften geneigt sei und daß zuweilen,

während seine Stimme sanft und seine Worte freundlich und artig seien,

seine schwächliche Gestalt vor unterdrückter Aufregung in ein fast

convulsivisches Zittern gerathe. Man wird vielleicht der Ansicht sein,

daß dieser Vorwurf gerade der höchste Lobspruch war.

Die gebildetsten Männer jener Zeit haben uns gesagt, daß es kaum etwas

gab, worüber Somers nicht belehrend und unterhaltend hätte sprechen

können. Er war nie gereist, und ein Engländer, der nicht gereist war,

galt damals in der Regel nicht für befähigt, über Werke der Kunst ein

Urtheil abzugeben. Aber gründliche Kenner der Meisterwerke des Vatikans

und der florentinischen Galerie gestanden zu, daß Somers' Geschmack in

der Malerei und Sculptur ganz vorzüglich war. Die Philologie war eines

seiner Lieblingsstudien. Er hatte das ganze große Gebiet der alten und

neuen Belletristik durchwandert. Er war zu gleicher Zeit ein freigebiger

und ein streng unterscheidender Beschützer des Genies und des Wissens.

Locke verdankte Somers Wohlstand. Durch Somers wurde Addison aus der

Zelle eines Collegiums ans Licht gezogen. In fernen Ländern nannten

große Gelehrte und Dichter, die sein Antlitz nie gesehen, den Namen

Somers mit Achtung und Dankbarkeit. Er war der Wohlthäter Leclerc's

und der Freund Filicaja's. Weder politische noch religiöse

Meinungsverschiedenheiten hielten ihn ab, dem Talent seinen mächtigen

Schutz angedeihen zu lassen. Hikes, der heftigste und intoleranteste

aller Eidverweigerer, erhielt durch Somers' Verwendung die Erlaubniß,

die teutonischen Alterthümer in gemächlicher Freiheit zu studiren.

Vertue, ein strenger Katholik, wurde durch Somers scharfblickende und

freigebige Gönnerschaft aus Armuth und Dunkelheit zum ersten Range unter

den Kupferstechern seiner Zeit erhoben.

Die Großmuth, mit welcher Somers seine Gegner behandelte, gereichte ihm

zu um so größerer Ehre, weil er in seinen politischen Ansichten nicht

hin und her schwankte. Vom Anfang bis zum Ende seines öffentlichen

Lebens war er ein standhafter Whig. Er erhob zwar stets, wenn seine

Partei im Staate die Oberhand hatte, seine Stimme gegen gewaltthätige

und rachsüchtige Maßregeln, aber er verließ seine Freunde nie. Selbst

als ihre thörichte Nichtachtung seines Rathes sie an den Rand des

Verderbens gebracht hatte.

Seine natürlichen Geistesgaben und seine erworbenen Kenntnisse wurden

selbst von seinen Verleumdern nicht geleugnet. Die hämischsten Tories

mußten mit einem unwilligen Murren, das den Werth ihres Lobes noch

erhöhte, zugeben, daß er alle geistigen Eigenschaften eines großen

Mannes besaß und daß von allen seinen Zeitgenossen in ihm allein

glänzende Beredtsamkeit und Witz mit der ruhigen und stetigen

Besonnenheit vereinigt gefunden wurden, welche den Erfolg im Leben

sichern. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß er in dem

schamlosesten der vielen Libelle, welche gegen ihn erschienen, unter dem

Namen Cicero geschmäht wird. Da seine Talente nicht in Zweifel gestellt

werden konnten, so beschuldigte man ihn der Irreligiosität und

Unmoralität. Daß er heterodox sei, glaubten alle Landvikare und

fuchsjagenden Squires fest; aber bezüglich der Natur und Ausdehnung

seiner Heterodoxie waren die Meinungen sehr verschieden. Er scheint ein

Niederkirchlicher von der Schule Tillotson's gewesen zu sein, den er

stets liebte und verehrte, und er wurde wie dieser von den Bigotten ein

Presbyterianer, ein Arianer, ein Socinianer, ein Deist und ein Atheist

genannt.

Das Privatleben dieses großen Staatsmannes und Richters wurde boshaft

untersucht und Geschichten über seinen ausschweifenden Wandel erzählt,

die sich fort und fort vergrößerten, bis sie selbst für die

Leichtgläubigkeit des Parteigeistes zu abgeschmackt wurden. Endlich,

nachdem er schon längst zu Flanell und Hühnerbrühe verurtheilt war, ließ

eine schamlose Courtisane, die ihn wahrscheinlich nie anderwärts als in

der Prosceniumsloge im Theater gesehen hatte, wenn sie unten maskirt

ihrem Gewerbe nachging, ein Libell erscheinen, in welchem sie ihn als

den Gebieter eines kostspieligeren Harems schilderte, als ihn der

Großsultan besitze. Man hat indeß Grund zu glauben, daß ein kleiner

Wahrheitskern vorhanden war, an den sich diese große Masse von

Erdichtungen ansetzte, und daß die Weisheit und Selbstbeherrschung,

woran es Somers im Senate, auf dem Richterstuhle, in der

Rathsversammlung oder in der Gesellschaft von Schöngeistern, Gelehrten

und Philosophen nie fehlte, ihn für weibliche Reize nicht ganz

unempfänglich machten.[60]

[_Montague._] Ein andrer Führer der Whigpartei war Karl Montague. Er

wurde oft, nachdem er sich zu Macht, Ehren und Reichthümern erhoben

hatte, von denen, die seinen Erfolg beneideten, ein Emporkömmling

genannt. Daß sie ihn so nannten, darf uns mit Recht Wunder nehmen, denn

nur wenige von den Staatsmännern seiner Zeit konnten einen Stammbaum

aufweisen wie der seinige. Er stammte aus einer Familie, die so alt war

wie die Eroberung; er hatte Anwartschaft auf den Earlstitel und war

väterlicherseits der Vetter dreier Earls. Aber er war der jüngere Sohn

eines jüngeren Bruders, und diese Phrase war von jeher seit der Zeit

Shakespeare's und Raleigh's, und vielleicht schon vor ihrer Zeit

sprichwörtlich, um einen Mann zu bezeichnen, der so arm war, daß er zu

der niedrigsten Dienstbarkeit verurtheilt oder zu dem verzweifeltsten

Abenteuer bereit war.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 17 / 27 段