eingerückt und hatte gefunden, daß Turenne und Duras ihm noch etwas zu
zerstören übrig gelassen. Heidelberg, das eben aus seinen Trümmern
wieder zu erstehen begann, wurde abermals geplündert, die friedlichen
Bewohner niedergemacht und ihre Frauen und Kinder empörend geschändet.
Selbst die Chöre der Kirchen wurden mit Blut befleckt; die Monstranzen
und Kruzifixe von den Altären gerissen, die Gräber der alten Kurfürsten
erbrochen, die ihrer Schweißtücher und Zierrathen entkleideten Leichname
durch die Straßen geschleift. Der Schädel des Vaters der Herzogin von
Orleans wurde von den Soldaten eines Fürsten, an dessen glänzendem Hofe
sie unter den Damen den ersten Rang einnahm, in Stücken zerschlagen.
[_Noth in Frankreich._] Ein scharfblickendes Auge hätte indessen
erkennen müssen, daß, so unglücklich auch die Verbündeten gewesen
zu sein schienen, der Vortheil eigentlich auf ihrer Seite geblieben
war. Der Kampf war ebensowohl ein finanzieller als ein militärischer.
Der französische König hatte einige Monate vorher geäußert, das
letzte Goldstück werde den Sieg davontragen, und er begann jetzt die
Wahrheit dieses Ausspruchs schmerzlich zu empfinden. England war
allerdings durch öffentliche Lasten schwer bedrückt; aber es hielt
sich noch immer aufrecht. Frankreich war währenddem in raschem Sinken
begriffen. Seine kürzlichen Anstrengungen waren zuviel für seine Kraft
gewesen und hatten es verzehrt und entnervt. Noch nie hatten seine
Beherrscher einen größeren Scharfsinn im Erdenken von Abgaben und eine
größere Strenge im Eintreiben derselben an den Tag gelegt; aber kein
Scharfsinn, keine Strenge vermochte die zu einem neuen Feldzuge wie
der von 1693 erforderlichen Summen aufzubringen. In England war die
Ernte reichlich ausgefallen. In Frankreich waren Getreide und Wein
abermals mißrathen. Das Volk maß, wie gewöhnlich, der Regierung die
Schuld bei, und die Regierung versuchte mit schmachvoller Unwissenheit
oder noch schmachvollerer Unredlichkeit den öffentlichen Unwillen auf
die Getreidehändler zu lenken. Es wurden Decrete erlassen, welche
absichtlich zu dem Zwecke entworfen zu sein schienen, die Theuerung
in Hungersnoth zu verwandeln. Man versicherte der Nation, es sei
kein Grund zu Besorgniß vorhanden, der Ertrag der Feldfrüchte sei
mehr als hinreichend und der Mangel sei nur durch die schändlichen
Manipulationen der Wucherer erzeugt worden, die mit ihren Vorräthen
zurückhielten, in der Hoffnung, einen enormen Gewinn zu erzielen.
Es wurden Commissare zu Visitation der Kornspeicher ernannt und
ermächtigt, alles Getreide, das die Eigenthümer nicht für ihren
Bedarf brauchten, auf den Markt zu bringen. Eine solche Einmischung
vergrößerte natürlich die Noth, der sie abhelfen sollte. Aber inmitten
des allgemeinen Mangels gab es an einem Orte einen künstlich erzeugten
Ueberfluß. Der unumschränkteste Fürst muß immer einige Scheu vor einer
in der Umgebung seines Palastes versammelten großen Menschenmenge
haben. Aehnliche Befürchtungen wie die, welche die Cäsaren bestimmt
hatten, Afrika und Aegypten die Mittel auszupressen, dem römischen
Pöbel den Mund zu stopfen, bewogen Ludwig, das Elend von zwanzig
Provinzen zu vermehren, um eine gewaltige Stadt bei guter Laune zu
erhalten. Er ließ in allen Kirchspielen der Hauptstadt Brot um weniger
als den halben Marktpreis vertheilen. Die englischen Jakobiten waren
einfältig genug, diese Anordnung als weise und human zu preisen.
Die Ernte, sagten sie, sei in England gut, in Frankreich schlecht
gewesen, und doch sei das Brot in Paris wohlfeiler als in London, und
die Erklärung sei ganz einfach. Die Franzosen hätten einen Souverain,
dessen Herz französisch sei und der mit der Fürsorge eines Vaters über
sein Volk wache, während die Engländer mit einem holländischen Tyrannen
beglückt seien, der ihr Getreide nach Holland schicke. Die Wahrheit
ist, daß acht Tage solcher väterlicher Regierung wie die Ludwig's,
ganz England, von Northumberland bis Cornwall, zu einem bewaffneten
Aufstande getrieben haben würden. Damit in Paris Ueberfluß herrschen
konnte, mußte die Bevölkerung der Normandie und des Anjou Nesseln
essen. Damit es in Paris ruhig blieb, schlug sich das Landvolk längs
der ganzen Loire und Seine mit den Schiffern und Truppen. Massen flohen
aus diesen ländlichen Districten, wo das Pfund Brot fünf Sous kostete,
nach dem glücklichen Orte, wo das Pfund Brot für zwei Sous zu haben
war. Man mußte die verhungerten Menschenhaufen mit Gewalt von den
Barrièren zurücktreiben und Denen, die nicht nach Hause gehen und ruhig
verhungern wollten, mit den furchtbarsten Strafen drohen.[50]
Ludwig sah ein, daß die Kräfte Frankreich's durch die Anstrengungen des
letzten Feldzugs übermäßig in Anspruch genommen worden waren. Selbst
wenn es eine reichliche Ernte und Weinlese gehabt hätte, würde es nicht
im Stande gewesen sein, 1694 das zu leisten, was es 1693 geleistet, und
es war durchaus unmöglich, daß es zu einer Zeit des größten Mangels
wieder Armeen ins Feld schicken konnte, welche an allen Punkten den
Armeen der Coalition an Zahl überlegen waren. Neue Eroberungen waren
nicht zu erwarten. Es war schon viel, wenn das auf allen Seiten von
Feinden umlagerte ausgesogene und erschöpfte Land ohne Niederlage einen
Vertheidigungskrieg zu bestehen vermochte. Ein so geschickter Staatsmann
wie der König von Frankreich mußte nothwendig erkennen, daß es nur zu
seinem Vortheile sein konnte, wenn er mit den Verbündeten unterhandelte,
so lange sie durch die Erinnerung an die kolossalen Anstrengungen, die
sein Land soeben gemacht hatte, noch in Respect erhalten wurden, und
bevor die Erschlaffung, welche auf diese Anstrengungen gefolgt war,
sichtbar zu werden begann.
Er verkehrte schon längst durch verschiedene Kanäle mit einigen
Mitgliedern der Conföderation und versuchte sie zu bestimmen, sich von
den übrigen zu trennen. Bis jetzt aber hatte er noch keine Propositionen
gemacht, die auf eine allgemeine Pacifirung hinzielten. Denn er wußte,
daß keine allgemeine Pacifirung möglich war, wenn er sich nicht
entschloß, die Sache Jakob's aufzugeben und den Prinzen und die
Prinzessin von Oranien als König und Königin anzuerkennen. Dies war
eigentlich der Punkt, um den sich Alles drehte. Was mit den großen
Festungen geschehen sollte, welche Ludwig in Friedenszeiten
widerrechtlich weggenommen und seinem Reiche einverleibt hatte, mit
Luxemburg, das die Mosel in Schach hielt, und mit Straßburg, das den
Oberrhein beherrschte, was ferner mit den festen Plätzen geschehen
sollte, die er neuerdings im offenen Kriege erobert, mit Philippsburgi,
Mons und Namur, mit Huy und Charleroy; welche Grenze den Generalstaaten
gesteckt, unter welchen Bedingungen Lothringen seinen erblichen Herzögen
zurückgegeben werden sollte: dies waren allerdings keine unwichtigen
Fragen. Aber die allerwichtigste Frage war die, ob England, wie es dies
unter Jakob gewesen, eine Provinz Frankreich's, oder, was es unter
Wilhelm und Marien war, eine Macht ersten Ranges sein sollte. Wenn
Ludwig ernstlich den Frieden wünschte, so mußte er es über sich
gewinnen, die Souveraine anzuerkennen, die er so oft als Usurpatoren
bezeichnet hatte. Konnte er es über sich gewinnen, sie anzuerkennen? Auf
der einen Seite standen sein Aberglaube, sein Stolz, seine Rücksichten
gegen die unglücklichen Verbannten, welche in Saint-Germains
schmachteten, seine persönliche Abneigung gegen den unermüdlichen und
unbesiegbaren Gegner, der seit zwanzig Jahren ihm überall hindernd in
den Weg trat; auf der andren Seite standen seine und seines Volkes
Interessen. Er mußte einsehen, daß es nicht in seiner Macht lag, die
Engländer zu unterjochen, das er es wenigstens ihnen überlassen müsse,
sich ihre Regierung selbst zu wählen, und daß es am besten sei, das bald
zu thun, was er schließlich doch thun mußte. Gleichwohl konnte er sich
nicht sofort zu etwas so Unangenehmem entschließen. Er trat jedoch durch
die Vermittelung Schweden's und Dänemark's mit den Generalstaaten in
Unterhandlung und schickte einen vertrauten Agenten nach Brüssel, um im
Geheimen mit Dykvelt zu conferiren, der Wilhelm's ganzes Vertrauen
besaß. Es wurde viel über Dinge von untergeordneter Bedeutung discutirt,
aber die Hauptfrage blieb unerledigt. Der französische Agent ließ im
vertraulichen Gespräch Aeußerungen fallen, welche deutlich verriethen,
daß die Regierung, die er repräsentirte, bereit war, Wilhelm und Marien
anzuerkennen; aber eine förmliche Zusage war nicht von ihm zu erlangen.
Gerade zu derselben Zeit benachrichtigte der König von Dänemark die
Verbündeten, daß er bemüht sei, Frankreich dahin zu bringen, nicht auf
der Restauration Jakob's als einer unerläßlichen Friedensbedingung zu
bestehen, sagte aber nicht, daß seine Bemühungen bis jetzt erfolgreich
gewesen seien. Währenddem theilte Avaux, der jetzt Gesandter in
Stockholm war, dem König von Schweden mit, daß, da die Würde aller
gekrönten Häupter in der Person Jakob's beleidigt worden sei, der
Allerchristlichste König sich überzeugt halte, daß nicht allein die
neutralen Mächte, sondern selbst der Kaiser ein Mittel ausfindig zu
machen suchen würden, welches eine so ernste Ursache zu Unfrieden
beseitigen könne. Das von Avaux vorgeschlagene Mittel war jedenfalls,
daß Jakob von seinen Rechten abstehen und daß der Prinz von Wales nach
England geschickt, in der protestantischen Religion erzogen, von Wilhelm
und Marien adoptirt und zu ihrem Erben erklärt werden solle. Gegen ein
solches Arrangement würde Wilhelm vom persönlichen Standpunkte
wahrscheinlich nichts einzuwenden gehabt haben. Aber wir dürfen
überzeugt sein, daß er nie eingewilligt haben würde, es zu einer
Bedingung des Friedens mit Frankreich zu machen. Die Frage, wer in
England regieren sollte, hatte England allein zu entscheiden.[51]
Es war triftiger Grund zu dem Verdachte vorhanden, daß eine, in
dieser Weise geleitete Unterhandlung nur die Veruneinigung der
Verbündeten bezweckte. Wilhelm begriff die ganze Wichtigkeit des
Moments. Es mag sein, daß er nicht den Blick eines großen Feldherrn
für alle Wechselfälle einer Schlacht hatte; aber er besaß in
höchster Vollkommenheit den Blick eines großen Staatsmannes für alle
Wechselfälle eines Kriegs. Daß Frankreich ihm endlich Propositionen
machte, war ein genügender Beweis, daß es sich erschöpft und im Sinken
begriffen fühlte. Daß diese Propositionen mit äußerstem Widerstreben
und Zaudern gemacht wurden, bewies, daß es sich noch nicht in einer
Stimmung befand, die es ermöglichte, unter billigen Bedingungen Frieden
mit ihm zu schließen. Er sah, daß der Feind zu weichen begann und daß
der Augenblick gekommen war, die Offensive zu ergreifen, vorzugehen
und alle Reserven heranzuziehen. Ob aber die Gelegenheit benutzt oder
versäumt werden sollte, darüber hatte er nicht zu entscheiden. Der
König von Frankreich konnte ohne eine andre Beschränkung als die,
welche die Naturgesetze dem Despotismus auflegen, Truppen ausheben
und Steuern fordern. Der König von England aber vermochte nichts
ohne die Unterstützung des Hauses der Gemeinen, und obgleich das
Haus der Gemeinen ihn bisher bereitwillig und freigebig unterstützt
hatte, so war es doch keine Körperschaft, auf die er sich verlassen
konnte. Es war in der That in einen Zustand gerathen, der die
scharfsichtigsten Staatsmänner der damaligen Zeit in Verlegenheit und
Besorgniß versetzte. Die Vereinigung einer so grenzenlosen Macht mit
einer so grenzenlosen Launenhaftigkeit hatte etwas Erschreckendes.
Das Schicksal der ganzen civilisirten Welt hing von den Beschlüssen
der Vertreter des englischen Volks ab, und es gab keinen Staatsmann,
der es hatte wagen können, mit Bestimmtheit zu sagen, zu welchem
Beschlusse diese Vertreter nicht binnen vierundzwanzig Stunden bewogen
werden konnten.[52] Wilhelm erkannte es schmerzlich, daß es einem
Fürsten, der von einer zu Zeiten so ungestümen, zu anderen Zeiten so
lässigen Versammlung abhing, unmöglich war, etwas Großes ins Werk zu
setzen. In der That, obgleich kein Souverain soviel that, um die Macht
des Hauses der Gemeinen zu befestigen und zu erweitern, so liebte
doch kein Souverain das Haus der Gemeinen weniger. Dies ist auch
nicht zu verwundern, denn er sah dieses Haus in der allerschlimmsten
Beschaffenheit. Er sah es, als es eben die Macht eines Senats erlangt,
sich aber noch nicht die ernste Würde eines solchen angeeignet
hatte. In seinen Briefen an Heinsius klagt er beständig über das
endlose Geschwätz, die Parteizwistigkeiten, die Unbeständigkeit und
Unschlüssigkeit einer Körperschaft, die mit Rücksicht zu behandeln ihm
seine Lage gebot. Seine Klagen waren durchaus nicht ungegründet, aber
er hatte weder die Ursache des Uebels, noch das Heilmittel dagegen
entdeckt.
[_Ein Ministerium nothwendig für die parlamentarische Regierungsform._]
Die Sache war die, daß die Veränderung, welche die Revolution in der
Stellung des Hauses der Gemeinen herbeigeführt hatte, eine andere
Veränderung nothwendig gemacht hatte und daß diese Veränderung noch
nicht eingetreten war. Es gab eine parlamentarische Regierung, aber es
gab kein Ministerium, und ohne Ministerium muß die Thätigkeit einer
parlamentarischen Regierung wie die unsrige stets schwankend und
unsicher sein.
Es ist für unsere Freiheiten wesentlich nothwendig, daß das Haus der
Gemeinen eine Oberaufsicht über alle Zweige der ausübenden Verwaltung
führt. Und doch liegt es auf der Hand, daß eine Versammlung von fünf-
bis sechshundert Männern, selbst wenn sie in geistiger Beziehung hoch
über dem Durchschnittsmaße der Mitglieder des besten Parlaments ständen,
selbst wenn jeder von ihnen ein Burleigh oder ein Sully wäre, zu
executiven Functionen untauglich sein würde. Man hat sehr richtig
gesagt, daß jede große Versammlung von menschlichen Geschöpfen, mögen
sie auch noch so gebildet sein, eine starke Tendenz habe, ein
tumultuarischer Haufen (+a mob+) zu werden, und ein Land, dessen höchste
Executivbehörde eine tumultuarische Menge ist, befindet sich gewiß in
einer gefährlichen Lage.
Zum Glück hat man einen Weg ausfindig gemacht, auf welchem das Haus der
Gemeinen einen überwiegenden Einfluß auf die Executivverwaltung ausüben
kann, ohne Functionen zu übernehmen, welche von einer so zahlreichen und
aus so verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten Körperschaft
niemals gut verrichtet werden können. Eine Institution, welche zu den
Zeiten der Plantagenets, der Tudors und der Stuarts nicht existirte,
eine Institution, die das Gesetz nicht kennt, eine Institution, die in
keinem Statut genannt ist, eine Institution, welche Schriftsteller wie
De Lolme und Blackstone nicht erwähnen, trat wenige Jahre nach der
Revolution ins Leben, gewann rasch eine hohe Bedeutung, wurde fest
begründet und ist jetzt ein fast eben so wesentlicher Theil unsrer
Verfassung wie das Parlament selbst. Diese Institution ist das
Ministerium.
Das Ministerium ist eigentlich ein Ausschuß von leitenden Mitgliedern
der beiden Häuser. Es wird von der Krone ernannt; aber es besteht
ausschließlich aus Staatsmännern, deren Ansichten über die wichtigen
Tagesfragen in der Hauptsache mit den Ansichten der Majorität des Hauses
der Gemeinen übereinstimmen. Unter die Mitglieder dieses Ausschusses
sind die Hauptzweige der Verwaltung vertheilt. Jeder Minister versteht
die gewöhnlichen Geschäfte seines Amts ganz unabhängig von seinen
Collegen. Die wichtigsten Geschäfte jedes einzelnen Amtes aber,
besonders solche, die voraussichtlich Gegenstände parlamentarischer
Discussion werden, unterliegen der Erwägung des Gesammtministeriums. Im
Parlamente sind die Minister verpflichtet, bei allen die ausübende
Verwaltung betreffenden Fragen wie ein Mann zu handeln. Ist einer von
ihnen in einer Frage, die zu wichtig ist um einen Vergleich zu
gestatten, andrer Meinung als die übrigen, so ist es seine Pflicht
zurückzutreten. So lange die Minister das Vertrauen der Majorität im
Parlamente besitzen, unterstützt diese Majorität sie gegen Opposition
und verwirft jeden Antrag, der einen Tadel gegen sie ausspricht oder der
sie in Verlegenheit setzen kann. Verscherzen sie sich dieses Vertrauen,
ist die Majorität des Parlaments mit der Art und Weise, wie das
Stellenvergebungsrecht und das Begnadigungsrecht ausgeübt wird, mit der
Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, mit der Führung eines Kriegs
unzufrieden, so ist die Abhülfe sehr einfach. Es ist nicht nöthig, daß
die Gemeinen die Verwaltungsgeschäfte übernehmen, daß sie die Krone
ersuchen, Diesen zum Bischof, Jenen zum Richter zu ernennen, den einen
Verbrecher zu begnadigen, den andren hinrichten zu lassen, über einen
Vertrag auf besonderer Grundlage zu unterhandeln oder nach einem
bestimmten Orte eine Expedition zu schicken. Sie haben lediglich zu
erklären, daß das Ministerium ihr Vertrauen nicht mehr besitzt, und um
ein Ministerium zu bitten, dem sie Vertrauen schenken können.
Vermittelst so constituirter und so wechselnder Ministerien wird die
englische Regierung seit langer Zeit in vollkommenem Einklange mit der
wohlerwogenen Ansicht des Hauses der Gemeinen geleitet und ist doch
erstaunlich frei geblieben von den Mängeln, welche Regierungen eigen
sind, die durch zahlreiche, tumultuarische und gespaltene Versammlungen
verwaltet werden. Einige wenige ausgezeichnete Männer, die in ihren
allgemeinen Ansichten übereinstimmen, sind die vertrauten Rathgeber des
Souverains und zugleich der Stände des Reichs. Im Cabinet sprechen sie
mit der Autorität von Männern, die bei den Vertretern des Volks in hoher
Achtung stehen. Im Parlamente sprechen sie mit der Autorität von
Männern, die in wichtigen Angelegenheiten zu Hause und mit den
Geheimnissen des Staats genau bekannt sind. So hat das Cabinet etwas von
dem volksthümlichen Character eines Repräsentativkörpers, und der
Repräsentativkörper etwas von der Würde eines Cabinets.
Zuweilen ist jedoch der Stand der Parteien von der Art, daß kein Verein
von Männern, der zusammengebracht werden kann, das volle Vertrauen und
die stetige Unterstützung der Majorität des Hauses der Gemeinen besitzt.
Wenn dies der Fall ist, so muß das Ministerium schwach sein und es giebt
dann wahrscheinlich eine rasche Aufeinanderfolge schwacher Ministerien.
Zu solchen Zeiten geräth das Haus der Gemeinen unfehlbar in einen
Zustand, den kein Freund der Repräsentativverfassung ohne Besorgniß
betrachten kann, in einen Zustand, der es uns möglich macht, uns einen
schwachen Begriff von dem Zustande dieses Hauses während der ersten
Regierungsjahre Wilhelm's zu bilden. Es ist allerdings nur ein schwacher
Begriff, denn das schwächste Ministerium übt immer noch einen großen
Einfluß auf den Gang der Parlamentsverhandlungen aus, und während der
ersten Regierungsjahre Wilhelm's gab es gar kein Ministerium.
[_Allmälige Bildung des ersten Ministeriums._] Kein Schriftsteller hat
es noch versucht, die Entwickelung dieser Institution zu verfolgen,
welche für das harmonische Zusammenwirken unserer übrigen Institutionen
unentbehrlich ist. Das erste Ministerium war zum Theil das Werk des
bloßen Zufalls, zum Theil das Werk der Weisheit, aber nicht jener
höchsten Weisheit, welche mit den großen Prinzipien der
Staatswissenschaft vertraut ist, sondern der niederen Weisheit, welche
alltäglichen Anforderungen durch alltägliche Mittel begegnet. Weder
Wilhelm noch seine einsichtsvollsten Rathgeber begriffen vollkommen den
Character und die Wichtigkeit jener geräuschlosen Revolution -- denn es
war nichts Geringeres als eine Revolution -- welche um das Ende des
Jahres 1693 begann und um das Ende des Jahres 1696 vollendet war. Aber
Jedermann konnte bemerken, daß zu Ende des Jahres 1693 die höchsten
Regierungsämter nicht ungleich zwischen die beiden großen Parteien
getheilt waren, daß die Männer, welche diese Aemter bekleideten,
beständig gegen einander intriguirten, gegen einander haranguirten,
Tadelsvoten gegen einander beantragten, Anklageartikel gegen einander
erhoben und daß die Stimmung des Hauses der Gemeinen unstet, unlenksam
und schwankend war. Jedermann konnte bemerken, daß zu Ende des Jahres
1696 alle ersten Diener der Krone Whigs waren, durch öffentliche und
private Bande eng mit einander verbunden und bereit einander gegen jeden
Angriff zu vertheidigen, und daß die Majorität des Hauses der Gemeinen
in guter Ordnung unter diesen Führern kämpfte und gelernt hatte, sich
auf Commando wie ein Mann zu bewegen. Die Geschichte der
Uebergangsperiode und der Schritte, durch welche die Veränderung
herbeigeführt wurde, ist höchst merkwürdig und interessant.