[_Aufregung in London._] Seit Menschengedenken hatte die City nie

einen Tag von größerer Betrübniß und Aufregung erlebt als der war, an

welchem die Nachricht von dem Gefecht in der Bai von Lagos ankam. Viele

Kaufleute, sagte ein Augenzeuge, verließen die Börse so bleich, als

wenn ihnen ihr Todesurtheil angekündigt worden wäre. Eine Deputation

der Kaufleute, welche unter diesem schweren Unfalle litten, überreichte

der Königin eine ihre Beschwerden enthaltende Adresse. Sie wurden in

den Sitzungssaal des Staatsraths eingelassen, wo sie an der Spitze

des Collegiums saß. Sie beauftragte Somers, in ihrem Namen zu

antworten, und er hielt eine Ansprache an sie, welche gut berechnet

war, ihre Gereiztheit zu beschwichtigen. Ihre Majestät, sagte er,

nehme herzlichen Antheil an ihrem Unglücke und habe bereits einen

Ausschuß des Geheimen Raths ernannt, um die Ursachen des kürzlichen

Unfalls zu untersuchen und die besten Mittel zu erwägen, um ähnlichen

Unfällen vorzubeugen.[36] Diese Antwort befriedigte die Betreffenden

so vollständig, daß der Lordmayor bald darauf in den Palast kam, um

der Königin für ihre Güte zu danken, ihr zu versichern, daß London

ihr und ihrem Gemahl durch alle Wechselfälle treu bleiben werde,

und ihr mitzutheilen, daß, so schwer auch der kürzliche Schlag von

vielen großen Handelshäusern empfunden würde, der Gemeinderath dennoch

einstimmig beschlossen habe, jede Summe vorzustrecken, welche die

Regierung bedürfen möchte.[37]

[_Jakobitische Libelle; Wilhelm Anderton._] Die Mißstimmung, welche die

öffentlichen Calamitäten naturgemäß erzeugten, wurde durch alle

Parteikunstgriffe genährt. Nie waren die jakobitischen Pamphletisten so

heftig und rücksichtslos gewesen als während dieses unglücklichen

Sommers. Die Polizei spürte in Folge dessen thätiger als je den Höhlen

nach, aus denen so viel Hochverrath hervorging. Mit großer Mühe und nach

langem Suchen wurde endlich die wichtigste aller uncensirten Pressen

entdeckt. Diese Presse gehörte einem Jakobiten, Namens Wilhelm Anderton,

der wegen seiner Unerschrockenheit und seines Fanatismus zu

Dienstleistungen tauglich war, vor denen vorsichtige und gewissenhafte

Männer zurückschrecken. Seit zwei Jahren wurde er von den Agenten der

Regierung beobachtet; aber wo er sein Gewerbe betrieb, war ein

undurchdringliches Geheimniß. Endlich aber entdeckte man ihn in einem

Hause unweit Saint James Street, wo er unter einem angenommenen Namen

bekannt war und für einen Goldarbeiter gehalten wurde. Ein Beamter der

Preßpolizei begab sich mit mehreren Dienern dahin und fand Anderton's

Frau und Mutter als Schildwachen an der Thür postirt. Die beiden Frauen

kannten den Beamten, fielen über ihn her, packten ihn bei den Haaren und

riefen »Diebe« und »Mörder«. Dadurch gaben sie Anderton das

Alarmzeichen. Er verbarg seine Arbeitsutensilien, kam mit ganz

unbefangener Miene heraus und bot dem Beamten, dem Censor, dem

Staatssekretär und selbst der kleinen Habichtsnase[38] Trotz. Nach

kurzer Gegenwehr wurde er festgenommen. Sein Zimmer wurde durchsucht und

auf den ersten Blick zeigte sich kein Beweis für seine Schuld darin.

Bald aber fand man hinter dem Bett eine Thür, die in ein dunkles Gemach

führte. Dieses Gemach enthielt eine Buchdruckerpresse, Typen und Stöße

frischgedruckter Schriften. Eine dieser Schriften, betitelt: »+Remarks

on the Present Confederacy and the Late Revolution,+« ist vielleicht das

heftigste aller jakobitischen Libelle. Der Prinz von Oranien wird darin

allen Ernstes beschuldigt, daß er funfzig von seinen verwundeten

englischen Soldaten habe lebendig verbrennen lassen. Das leitende

Prinzip seiner ganzen Handlungsweise, heißt es unter Andrem, ist weder

Eitelkeit noch Ehrgeiz, noch Habsucht, sondern ein tödtlicher Haß gegen

die Engländer und der Drang, sie unglücklich zu machen. Die Nation wird

mit Heftigkeit aufgefordert, sich bei Strafe des strengsten Gerichts zu

erheben und sich von dieser Plage, diesem Fluche, diesem Tyrannen zu

befreien, dessen Verderbtheit es fast unglaublich erscheinen lasse, daß

er von einem Menschenpaar gezeugt sein könne. Außerdem wurden von einer

andren, etwas minder heftigen, aber vielleicht noch gefährlicheren

Schrift, betitelt: »+A French Conquest neither desirable nor

practicable,+« eine Menge Exemplare vorgefunden. Auch in dieser Schrift

wird das Volk aufgefordert, sich zu erheben. Es wird ihm versichert, daß

ein großer Theil der Armee auf seiner Seite sei. Die Streitkräfte des

Prinzen von Oranien würden zusammenschmelzen, heißt es; er werde froh

sein, wenn er mit dem Leben davonkomme, und es wird höhnend die

mildherzige Hoffnung ausgesprochen, daß es nicht nöthig sein werde, ihm

ein schlimmeres Leid zuzufügen, als ihn nach Loo zurückzuschicken, wo

er, von einem Luxus umgeben, den die Engländer theuer bezahlt hätten,

fernerhin leben möchte.

Durch die Giftigkeit der jakobitischen Pamphletisten gereizt und

beunruhigt, beschloß die Regierung, an Anderton ein Exempel zu

statuiren. Er wurde des Hochverraths angeklagt und vor die Schranken der

Old Bailey gestellt. Treby, der jetzt Oberrichter der Common Pleas war,

und Powell, der sich am Tage des Prozesses der Bischöfe ehrenvoll

ausgezeichnet hatte, saßen auf der Richterbank. Es ist Schade, daß kein

detaillirter Bericht über die Untersuchung auf uns gekommen ist und daß

wir uns mit den fragmentarischen Aufschlüssen begnügen müssen, die wir

aus den einander widersprechenden Darstellungen offenbar parteiischer,

maßloser und unredlicher Schriftsteller sammeln können. Die

Anklageschrift ist jedoch noch vorhanden und die notorischen Handlungen,

die sie dem Angeklagten zur Last legt, erreichen unbestreitbar die Stufe

des Hochverraths.[39] Die Unterthanen des Reichs aufzufordern, sich zu

erheben und den König gewaltsam zu entthronen, und dieser Aufforderung

den offenbar ironischen Ausdruck der Hoffnung beizufügen, daß es nicht

nöthig sein werde, eine härtere Strafe als die Verbannung über ihn zu

verhängen, ist gewiß ein Vergehen, das auch der mindest höfische Jurist

als im Bereiche des Statuts Eduard's III. liegend anerkennen wird.

Ueber diesen Punkt scheint man sich auch in der That weder bei dem

Prozesse noch nachher gestritten zu haben.

Der Gefangene leugnete die Libelle gedruckt zu haben. Da die

Zeugenbeweise nicht auf uns gekommen sind, so dürfen wir über diesen

Punkt billigerweise den Richtern und Geschwornen Glauben schenken,

welche die Aussagen der Zeugen anhörten.

Ein Argument, das Anderton's Rechtsbeistände ihm eingegeben hatten und

das in den damaligen jakobitischen Pasquillen als unwiderlegbar

dargestellt wird, war, daß, weil die Buchdruckerkunst unter der

Regierung Eduard's III. noch unbekannt war, das Drucken selbst nach

keinem Gesetz jener Regierung als ein notorischer Act des Hochverraths

angesehen werden könne. Die Richter nahmen dieses Argument sehr leicht,

und sie waren gewiß dazu berechtigt es so zu nehmen. Denn es ist ein

Argument, das zu der Schlußfolgerung führen würde, daß es kein

notorischer Act des Hochverraths sei, einen König vermittelst einer

Guillotine zu enthaupten oder mit einer Miniébüchse zu erschießen.

Ferner wurde zu Anderton's Gunsten geltend gemacht -- und dies war

allerdings ein Argument, das gegründeten Anspruch auf Berücksichtigung

hatte -- daß zwischen dem Verfasser einer hochverrätherischen Schrift

und dem bloßen Drucker derselben ein Unterschied gemacht werden müsse.

Ersterer könne nicht behaupten, daß er den Sinn der Worte, die er selbst

gewählt, nicht verstanden habe. Für Letzteren aber könnten die Worte

möglicherweise gar keinen Sinn haben. Die Metaphern, die Anspielungen,

die Sarkasmen könnten weit über der Sphäre seines Begriffsvermögens

liegen, und während seine Hände sich mit den Typen beschäftigten,

könnten seine Gedanken auf Dinge gerichtet sein, die mit dem ihm

vorliegenden Manuscripte gar nichts zu thun hätten. Es ist unzweifelhaft

wahr, daß es kein Verbrechen zu sein braucht, etwas zu drucken, was zu

schreiben ein großes Verbrechen sein würde. Doch ist dies offenbar ein

Gegenstand, bezüglich dessen sich keine allgemeine Regel aufstellen

läßt. Ob Anderton als bloßes mechanisches Werkzeug zur Verbreitung einer

Schrift beigetragen habe, deren Tendenz er nicht ahnete, oder ob er

wissentlich seinen Beistand zur Anstiftung eines Aufruhrs geliehen, war

eine Frage für die Jury, und die Jury durfte aus dem Annehmen eines

falschen Namens, aus der Heimlichkeit, mit der er arbeitete, aus der

scharfen Wacht, die seine Frau und seine Mutter hielten und aus der

wüthenden Heftigkeit, mit der er, selbst als er sich bereits in der

Gewalt der Polizeiagenten befand, noch die Regierung schmähte, mit gutem

Grunde schließen, daß er nicht das unbewußte Werkzeug, sondern der

intelligente und eifrige Complice von Hochverräthern war. Nachdem die

zwölf Geschwornen eine beträchtliche Zeit mit einander deliberirt

hatten, benachrichtigten sie den Gerichtshof, daß einer von ihnen

Zweifel hege. Diese Zweifel wurden durch Treby's und Powell's Argumente

gehoben, und das Verdict lautete auf schuldig.

Das Schicksal des Gefangenen war einige Zeit zweifelhaft. Die Minister

hofften, er werde dahin zu bringen sein, seinen eignen Kopf auf

Unkosten der Köpfe der Pamphletisten zu retten, in deren Diensten er

gearbeitet. Aber seine natürliche Standhaftigkeit wurde durch geistliche

Stimulationsmittel aufrechterhalten, welche die eidverweigernden

Priester vortrefflich anzuwenden verstanden. Er erlitt standhaft den Tod

und schmähte die Regierung bis zum letzten Augenblicke. Die Jakobiten

beschwerten sich laut über die Gefühllosigkeit der Richter, die ihn

verurtheilt, und der Königin, die seine Hinrichtung zugegeben hatte, und

stellten ihn mit eben nicht besonderer Consequenz als einen armen

unwissenden Handwerker, der die Natur und Tendenz der Handlung, wegen

der er den Tod erlitten, nicht gekannt, und als einen Märtyrer dar, der

für den verbannten König und die verfolgte Kirche heldenmüthig sein

Leben gelassen habe.[40]

[_Schriften und Kunstgriffe der Jakobiten._] Die Minister irrten sich

sehr, wenn sie glaubten, daß Anderton's Schicksal Andere abhalten

werde, sein Beispiel nachzuahmen. Seine Hinrichtung veranlaßte mehrere

kaum minder heftige Pamphlets als das wegen dessen er verurtheilt

worden. Collier frohlockte in einer Schrift, die er +»Remarks on the

London Gazette«+ betitelte, mit herzloser Freude über das Blutbad

von Landen und über die massenhafte Zerstörung englischen Eigenthums

an der Küste von Spanien.[41] Andere Schriftsteller thaten ihr

Möglichstes, um unter den Arbeitern Aufstände zu entzünden, denn es

war die Doctrin der Jakobiten, daß Unruhen, wo und wie sie immer

beginnen möchten, in eine Restauration auszulaufen versprächen. Eine

Phrase, die ohne Commentar als purer Unsinn erscheinen muß, die aber

in Wirklichkeit sehr bedeutungsvoll war, führten sie damals vielfach

im Munde, und sie wurde sogar eine Parole, an der die Mitglieder der

Partei einander erkannten: »Schlagt es herum, es wird zu meinem Vater

kommen.« Der verborgene Sinn dieser Redensart war: »Stürzt das Land

in Verwirrung, man wird zuletzt zu König Jakob greifen müssen.«[42]

Der Handel florirte nicht und viele fleißige Menschen hatten keine

Arbeit. Die mißvergnügten Straßendichter verfertigten in Folge

dessen an die nothleidenden Klassen gerichtete Lieder. Zahlreiche

Exemplare einer Ballade, welche die Weber aufforderte, sich gegen die

Regierung zu erheben, wurden in dem Hause des Quäkers gefunden, der

Jakob's Erklärung gedruckt hatte.[43] Alle erdenklichen Mittel wurden

angewendet, um auch unter einer weit gefährlicheren Klasse von Leuten,

unter den Matrosen, Unzufriedenheit zu erwecken, und unglücklicherweise

lieferten die Mängel der Marineverwaltung den Feinden des Staats nur zu

reichlichen Zündstoff. Einige Seeleute desertirten, andere stifteten

Meutereien an; es fanden Hinrichtungen statt, und diesen folgten neue

Balladen und Flugblätter, welche die Hinrichtungen als barbarische

Mordthaten darstellten. Gerüchte, daß die Regierung beschlossen habe,

ihre Vertheidiger um ihren sauerverdienten Lohn zu betrügen, wurden

mit so großem Erfolge verbreitet, daß ein zahlreicher Haufe Weiber

von Wapping und Rotherhithe Whitehall belagerte und tumultuarisch den

ihren Männern gebührenden Lohn verlangte. Marie war so taktvoll und

gutherzig, vier dieser ungestümen Petentinnen in den Saal einführen

zu lassen, wo sie eben eine Staatsrathssitzung hielt. Sie hörte ihre

Klagen an und versicherte ihnen in eigner Person, daß das Gerücht,

welches sie beunruhigt habe, ungegründet sei.[44] Inzwischen kam

der St. Bartholomäustag heran, und die große jährliche Messe, das

Vergnügen arbeitsscheuer Lehrbuben und der Greuel puritanischer

Aldermen, wurde mit der gewöhnlichen Schaustellung von Zwergen, Riesen

und tanzenden Hunden, Feuerfressern und abgerichteten Elephanten in

Smithfield eröffnet. Von allen Sehenswürdigkeiten aber übte keine

so große Anziehungskraft aus, als eine dramatische Vorstellung,

welche in der Idee, wenn auch gewiß nicht in der Ausführung, große

Aehnlichkeit mit den unsterblichen Meisterwerken des Humors gehabt zu

haben scheint, in denen Aristophanes Cleon und Lamachus lächerlich

machte. Zwei herumziehende Comödianten gaben die Rollen Killegrew's

und Delaval's. Die beiden Admiräle waren dargestellt, wie sie mit

ihrer ganzen Flotte vor einigen französischen Kapern flohen und

unter den Kanonen des Towers Schutz suchten. Die Rolle des Chorus

wurde von einem Hanswurst gespielt, der seine Meinung über die

Marineverwaltung sehr freimüthig aussprach. Ungeheure Menschenmassen

strömten zu dieser wunderlichen Posse. Der Beifall war laut, die

Einnahmen groß, und die Comödianten, welche zuerst nur die unglückliche

und unpopuläre Admiralität durchzuhecheln gewagt hatten, begannen

jetzt, durch die Straflosigkeit und den Erfolg dreist gemacht, und

wahrscheinlich durch Leute viel höherer Stellung angeregt und bezahlt,

auch über andere Verwaltungszweige ihre Witze zu machen. Diesem

Versuche, die Zügellosigkeit der attischen Bühne wieder in die Mode

zu bringen, wurde bald durch das Erscheinen einer starken Abtheilung

Constabler, welche die Schauspieler ins Gefängniß abführten, ein Ziel

gesetzt.[45] Mittlerweile wurden die Straßen London's jede Nacht

mit aufwieglerischen Flugblättern besäet. In allen Wirthshäusern

hinkten die Zeloten des erblichen Rechts mit Wein- und Punschgläsern

an den Lippen umher. Diese Mode war eben aufgekommen, und die

Nichteingeweihten wunderten sich höchlich, wie eine so große Menge

frischer und gesunder Gentlemen urplötzlich lahm geworden sein könne.

Die in das Geheimniß Eingeweihten aber wußten, daß das Wort +limp+

(hinken) ein geheiligtes Wort, daß jeder der vier Buchstaben, aus denen

es bestand, der Anfangsbuchstabe eines erlauchten Namens war, und daß

der loyale Unterthan, der beim Trinken hinkte, sein Glas auf das Wohl

Ludwig's, Jakob's, Mariens und des Prinzen leerte.[46]

Aber nicht allein in der Hauptstadt ließen die Jakobiten damals ihren

Witz in großem Maßstabe leuchten. Sie waren auch in Bath zahlreich

vertreten, wo der Lordpräsident Caermarthen seine erschütterte

Gesundheit wieder zu befestigen versuchte. Jeden Abend versammelten sie

sich, um, wie sie es nannten, dem Marquis eine Serenade zu bringen. Mit

anderen Worten, sie rotteten sich unter den Fenstern des kranken Mannes

zusammen und sangen Spottlieder auf ihn.[47]

[_Verhalten Caermarthen's._] Es ist sonderbar, daß der Lordpräsident

zu derselben Zeit wo er in Bath als Wilhelmit insultirt wurde, in

Saint-Germains für einen treuen Jakobiten galt. Wie er dazu kam, für

einen solchen gehalten zu werden, ist eine sehr schwer zu beantwortende

Frage. Einige Schriftsteller sind der Meinung, daß er, wie Shrewsbury,

Russell, Godolphin und Marlborough, Verpflichtungen gegen den einen

König übernahm, während er das Brot des andren aß. Diese Ansicht aber

stützt sich nicht auf hinreichende Beweise. Für die Verräthereien

Shrewsbury's, Russell's, Godolphin's und Marlborough's haben wir eine

große Menge Beweise, die aus verschiedenen Quellen geschöpft sind und

sich über mehrere Jahre erstrecken. Ueber Caermarthen's Verkehr mit

Jakob aber besitzen wir keine anderen Nachrichten als die in einem

kurzen Aufsatze enthaltenen, den Melfort am 16. October 1693 schrieb.

Aus diesem Aufsatze geht klar und deutlich hervor, daß der verbannte

König und seine Minister Mittheilungen erhalten hatten, die sie

bewogen, Caermarthen als einen Freund zu betrachten. Aber wir haben

keinen Beweis, daß sie ihn weder vor noch nach diesem Tage für einen

solchen hielten.[48] Alles erwogen, scheint die wahrscheinlichste

Erklärung des Geheimnisses die zu sein, daß Caermarthen von einem

jakobitischen Emissär, der bei weitem nicht so schlau war als er,

sondirt worden war und daß er, um dem von Middleton entworfenen neuen

politischen Plan auf den Grund zu kommen, sich stellte, als ob er

der Sache des verbannten Königs zugethan wäre; daß eine übertriebene

Darstellung des Geschehenen nach Saint-Germains geschickt wurde,

und daß man sich dort über eine Bekehrung freute, die sich bald als

eine erheuchelte herausstellte. Es ist sonderbar, daß eine solche

Bekehrung nur einen Augenblick für aufrichtig gehalten werden konnte.

Es lag offenbar in Caermarthen's Interesse, sich zu den im factischen

Besitze des Thrones befindlichen Souverainen zu halten. Er war ihr

erster Minister und hatte keine Hoffnung, der erste Minister Jakob's

zu werden. Es ist in der That kaum anzunehmen, daß das politische

Verhalten eines schlauen, unersättlich ehrgeizigen und habsüchtigen

Greises durch persönliche Parteilichkeit bedeutend influirt worden sein

sollte. Aber wenn es überhaupt eine Person gab, für welche Caermarthen

eingenommen war, so war diese Person unzweifelhaft Marie. Daß er sich

ernstlich in ein Complot zu ihrer Entthronung eingelassen haben sollte,

das ihm den Hals kosten konnte, wenn es scheiterte, und durch das er,

wenn es gelang, ungeheuer an Macht und Reichthum verlieren mußte, war

eine zu absurde Fabel, die nur Verbannte für möglich halten konnten.

Allerdings hatte Caermarthen in diesem Augenblicke besonders triftige

Gründe, mit der Stellung, die er unter den Rathgebern Wilhelm's und

Mariens einnahm, unzufrieden zu sein. Man hat nur zu starken Grund zu

glauben, daß er damals mit einer selbst bei ihm beispiellosen

Schnelligkeit unrechtmäßigen Gewinn aufhäufte.

[_Der Ostindischen Compagnie eine neue Concession verliehen._] Der Kampf

zwischen den beiden Ostindischen Compagnien war im Herbste 1693 heftiger

als je. Da das Haus der Gemeinen die alte Compagnie jedem Vergleiche

hartnäckig abhold gefunden, hatte es kurz vor dem Schlusse der vorigen

Session den König ersucht, die in der Concessionsurkunde vorgeschriebene

dreijährige Aufkündigung erfolgen zu lassen. Child und seine Collegen

begannen jetzt ernstlich besorgt zu werden. Jeden Tag erwarteten sie die

gefürchtete Anzeige. Ja, sie waren sogar nicht sicher, ob ihnen ihr

ausschließliches Privilegium nicht ohne jede vorherige Anzeige entzogen

werden möchte, denn sie sahen, daß sie ihre Concession verwirkt hatten,

indem sie es aus Unachtsamkeit unterlassen, die kürzlich auf ihr

Actienkapital gelegte Steuer zur gesetzlich bestimmten Zeit zu

entrichten, und obwohl es unter gewöhnlichen Umständen als eine

Rücksichtslosigkeit der Regierung betrachtet worden wäre, aus einem

solchen Versehen Vortheil zu ziehen, so war doch das Publikum nicht

geneigt, der alten Compagnie etwas mehr als den strikten Buchstaben des

Vertrags zuzugestehen. Es war Alles verloren, wenn die Concession nicht

vor dem Zusammentritt des Parlaments erneuert wurde. Es steht fast außer

allem Zweifel, daß die Operationen der Gesellschaft in der Hauptsache

noch immer von Child geleitet wurden. Aber er scheint eingesehen zu

haben, daß seine Inpopularität die seiner Obhut anvertrauten Interessen

nachtheilig berührt hatte, und er drängte sich daher der öffentlichen

Aufmerksamkeit nicht auf. Seine Stelle wurde ostensibel durch seinen

nahen Verwandten, Sir Thomas Cook, ausgefüllt, einem der größten

Kaufleute von London und Parlamentsmitgliede für Colchester. Die

Directoren stellten Cook das ganze ungeheure Vermögen, das in ihrer

Schatzkammer lag, zur unumschränkten Verfügung, und in kurzer Zeit

wurden nahe an hunderttausend Pfund für Bestechungen in großartigem

Maßstabe ausgegeben. Nach welchen Verhältnissen diese enorme Summe unter

die Großen von Whitehall vertheilt wurde und wieviel davon in die

Taschen der Zwischenagenten floß, ist noch heute ein Geheimniß. Soviel

wissen wir jedoch mit Bestimmtheit, daß Seymour und Caermarthen Tausende

empfingen.

Das Resultat dieser Bestechungen war, daß der Generalfiskal Befehl

erhielt, einen Freibrief zu entwerfen, der der alten Compagnie die alten

Privilegien aufs Neue bewilligte. Kein Minister aber konnte es nach dem

was im Parlamente vorgegangen war, wagen, der Krone zur Erneuerung des

Monopols ohne Bedingungen zu rathen. Die Directoren sahen, daß sie keine

Wahl hatten und verstanden sich mit Widerstreben dazu, die neue

Concession unter Bedingungen anzunehmen, die im Wesentlichen dieselben

waren, wie sie das Haus der Gemeinen sanctionirt hatte.

Es ist wahrscheinlich, daß zwei Jahre früher ein solcher Vergleich die

Fehde, welche die City zerriß, gedämpft haben würde. Aber ein langer

Kampf, in welchem Satyre und Verleumdung nicht gespart worden waren,

hatte die Gemüther erhitzt. Das Geschrei Dowgate's gegen Leadenhall

Street war lauter als je. Es wurden Einsprüche erhoben und Petitionen

unterzeichnet, und in diesen Petitionen wurde ein Prinzip, mit dem man

bisher absichtlich hinter dem Berge gehalten hatte, keck aufgestellt. So

lange es zweifelhaft war, auf welcher Seite die königliche Prärogative

angewendet werden würde, hatte man diese Prärogative nicht bestritten.

Sobald es sich aber zeigte, daß die alte Compagnie Aussicht hatte, eine

Erneuerung des Monopols unter dem großen Siegel zu erlangen, begann die

neue Compagnie mit Heftigkeit zu behaupten, daß kein Monopol anders als

durch eine Parlamentsacte creirt werden könne. Nachdem der Geheime Rath,

welchem Caermarthen präsidirte, die ausführliche Erörterung durch die

beiderseitigen Anwälte angehört hatte, entschied er zu Gunsten der alten

Compagnie und ordnete die Untersiegelung des Freibriefs an.[49]

[_Wilhelm's Rückkehr nach England; militärische Erfolge Frankreich's._]

Inzwischen war der Herbst weit vorgerückt und die Armeen in den

Niederlanden hatten ihre Winterquartiere bezogen. Am letzten October

landete Wilhelm wieder in England. Das Parlament stand auf dem Punkte

zusammenzutreten, und er hatte allen Grund, eine noch stürmischere

Session als die vorige zu erwarten. Das Volk war unzufrieden, und nicht

ohne Ursache. Das Jahr war überall für die Verbündeten unglücklich

gewesen, nicht allein auf der See und in den Niederlanden, sondern auch

in Serbien, in Spanien, in Italien und in Deutschland. Die Türken hatten

die Generäle des Reichs gezwungen, die Belagerung Belgrad's aufzuheben.

Ein neucreirter Marschall von Frankreich, der Herzog von Noailles, war

in Catalonien eingefallen und hatte die Festung Rosas genommen. Ein

zweiter neucreirter Marschall, der geschickte und tapfere Catinat, war

von den Alpen nach Piemont hinabgestiegen und hatte bei Marsiglia einen

vollständigen Sieg über die Truppen des Herzogs von Savoyen erfochten.

Diese Schlacht ist insofern denkwürdig, weil sie die erste einer langen

Reihe von Schlachten war, in denen die irischen Truppen die durch

Mißgeschick und schlechte Führung im einheimischen Kriege verlorene Ehre

wiedererlangten. Einige von den Verbannten von Limerick bewiesen an

jenem Tage unter dem französischen Banner eine Tapferkeit, die sie unter

vielen Tausenden tapferer Männer auszeichnete. Es ist bemerkenswerth,

daß an dem nämlichen Tage ein Bataillon der verfolgten und aus ihrem

Vaterlande vertriebenen Hugenotten inmitten der allgemeinen Verwirrung

fest zu dem Banner Savoyen's hielt und mit Verzweiflung bis zum letzten

Augenblicke kämpfend fiel.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 15 / 27 段