einen eiligen Rückzug die schmalen, aber tiefen, durch kürzliche
Regengüsse angeschwollenen Gewässer der Gette zwischen seine Armee
und den Feind zu bringen. Aber die Stellung, welche er einnahm,
war stark und sie konnte leicht noch stärker gemacht werden. Alle
seine Truppen mußten ans Werk. Es wurden Gräben gezogen, Schanzen
aufgeworfen und Pallisaden eingerammt. Binnen wenigen Stunden hatte
das Terrain ein ganz andres Aussehen gewonnen und der König glaubte
fest, daß er selbst den Angriff einer ihm weit überlegenen Truppenmacht
werde abwehren können. Diese Ueberzeugung entbehrte auch nicht eines
Anscheins von Begründung. Als der Morgen des 19. Juli anbrach, sahen
die tapfersten Männer in Ludwig's Armee ernst und besorgt die Festung,
welche plötzlich aus der Erde gewachsen war, um ihre Fortschritte zu
hemmen. Die Alliirten waren durch ein Brustwerk gedeckt. Hier und da
waren längs der Verschanzungen kleine Redouten und Halbmonde angelegt.
Hundert Geschütze waren über die Wälle vertheilt. Auf der linken Flanke
lag das Dorf Romsdorf dicht an dem Flüßchen Landen, nach welchem
die Engländer jene unglückliche Schlacht benannt haben. Zur Rechten
lag das Dorf Neerwinden. Beide Dörfer waren nach niederländischer
Sitte von Wassergräben und Hecken umgeben, und innerhalb dieser
Umfriedigungen waren die von verschiedenen Familien bewohnten kleinen
Bodenflächen durch fünf Fuß hohe und einen Fuß dicke Lehmmauern von
einander getrennt. Alle diese Barrikaden hatte Wilhelm ausgebessert und
verstärkt. Saint-Simon, der nach der Schlacht das Terrain besichtigte,
sagt uns, er habe kaum begreifen können, wie so ausgedehnte und so
furchtbare Befestigungen mit solcher Schnelligkeit hätten geschaffen
werden können.
Luxemburg war jedoch entschlossen zu versuchen, ob selbst diese
Stellung gegen die überlegene Anzahl und die ungestüme Tapferkeit
seiner Soldaten sich würde behaupten lassen. Bald nach Sonnenaufgang
begann der Donner der Geschütze gehört zu werden. Wilhelm's Batterien
thaten gute Wirkung, bevor die französische Artillerie so aufgestellt
werden konnte, daß sie das Feuer zu erwiedern vermochte. Erst um
acht Uhr kam es zum Handgemenge. Das Dorf Neerwinden wurde von
beiden Feldherren als derjenige Punkt betrachtet, von dem Alles
abhing. Hier machte der französische linke Flügel unter den Befehlen
Montchevreuil's, eines ergrauten Offiziers von hohem Rufe, und
Berwick's, der sich trotz seiner Jugend rasch zu einer angesehenen
Stelle unter den Heerführern seiner Zeit emporgeschwungen, einen
Angriff. Berwick leitete ihn und drang in das Dorf, wurde aber unter
einem furchtbaren Blutbade bald wieder daraus vertrieben. Seine Leute
flohen oder wurden niedergehauen, und er selbst wurde, während er
sie wieder zu sammeln versuchte und sie verwünschte, weil sie ihre
Pflicht nicht besser thaten, von Feinden umringt. Er verbarg seine
weiße Cocarde und hoffte dadurch sich mit Hülfe seiner Muttersprache
für einen Offizier der englischen Armee ausgeben zu können; aber sein
Gesicht wurde von einem der Brüder seiner Mutter, Georg Churchill,
erkannt, welcher an diesem Tage eine Brigade commandirte. Es fand eine
eilige Umarmung zwischen den beiden Verwandten statt und der Oheim
führte den Neffen zu Wilhelm, der, so lange Alles gut zu gehen schien,
bei der Nachhut blieb. Das Zusammentreffen zwischen dem König und dem
Gefangenen, welche durch so enge Verwandtschaftsbande mit einander
verbunden und durch so unsühnbare Feindschaft von einander getrennt
waren, gewährte einen sonderbaren Anblick. Beide benahmen sich wie es
ihnen ziemte. Wilhelm entblößte sich und richtete einige Worte artiger
Begrüßung an seinen Gefangenen. Berwick's einzige Antwort war eine
feierliche Verbeugung. Der König bedeckte sich wieder, der Herzog
ebenfalls, und die beiden Vettern schieden für immer.
Mittlerweile waren die in völliger Verwirrung aus Neerwinden
vertriebenen Franzosen durch eine Division unter dem Commando des
Herzogs von Bourbon verstärkt worden und kehrten tapfer zum Angriff
zurück. Wilhelm, der die Wichtigkeit dieses Postens sehr wohl erkannte,
gab Befehl, daß von anderen Punkten seiner Schlachtlinie Truppen dahin
aufbrechen sollten. Dieser zweite Kampf war lang und blutig. Die
Angreifenden drangen abermals in das Dorf, sie wurden abermals unter
fürchterlichem Blutvergießen daraus vertrieben und zeigten wenig Lust,
den Angriff zu wiederholen.
Inzwischen hatte der Kampf längs der ganzen Verschanzungen der
verbündeten Armee gewüthet. Wieder und immer wieder führte Luxemburg
seine Truppen bis auf Pistolenschußweite an das Brustwerk heran, aber
näher konnte er sie nicht bringen. Wieder und immer wieder wichen sie
vor dem heftigen Feuer zurück, das gegen ihre Front und ihre Flanken
gerichtet wurde. Es schien alles vorüber zu sein. Luxemburg zog sich zu
einer außer Schußweite gelegenen Stelle zurück und berief einige seiner
vornehmsten Offiziere zu einer Berathung zusammen. Sie besprachen sich
eine Weile mit einander und ihre lebhaften Gesten wurden von Allen, die
sie sehen konnten, mit hohem Interesse beobachtet.
Endlich kam Luxemburg zu einem Entschluß. Noch ein Versuch mußte
gemacht werden, Neerwinden zu nehmen, und die unüberwindlichen
Haustruppen, die Sieger von Steenkerke, mußten vorangehen.
Die Haustruppen kamen in einer ihres alten und furchtbaren Rufes
würdigen Weise heran. Zum drittenmale wurde Neerwinden genommen, zum
drittenmale versuchte Wilhelm es wieder zu nehmen. An der Spitze eines
der englischen Regimenter griff er die Garden Ludwig's mit einer
solchen Wuth an, daß diese berühmte Schaar, zum erstenmale innerhalb
der Erinnerung des ältesten Kriegers, zurückwich.[27] Nur durch die
kräftigen Bemühungen Luxemburg's, des Herzogs von Chartres und des
Herzogs von Bourbon wurden die durchbrochenen Reihen wieder gesammelt.
Inzwischen aber waren das Centrum und der linke Flügel der alliirten
Armee zu dem Zwecke, den Kampf bei Neerwinden zu unterstützen, so sehr
geschwächt worden, daß die Verschanzungen auf anderen Punkten nicht
mehr vertheidigt werden konnten. Kurz nach vier Uhr Nachmittags wich
die ganze Linie. Alles war Gemetzel und Verwirrung. Solms war tödtlich
verwundet worden und fiel noch lebend in die Hände des Feindes. Die
englischen Soldaten, denen sein Name verhaßt war, beschuldigten ihn,
in seinen Leiden einen eines Soldaten unwürdigen Kleinmuth bewiesen zu
haben. Der Herzog von Ormond wurde im Gewühl zu Boden geschlagen, und
er würde im nächsten Augenblicke eine Leiche gewesen sein, wäre nicht
ein kostbarer Diamant an seinem Finger einem von der französischen
Garde in die Augen gefallen, der mit Recht dachte, daß der Besitzer
eines solchen Juwels ein werthvoller Gefangener sein müsse. Der Herzog
wurde gerettet und bald gegen Berwick ausgewechselt. Ruvigny, von
dem echten Refugiéhasse gegen das Land beseelt, das ihn verstoßen,
wurde kämpfend im dichtesten Schlachtgewühl zum Gefangenen gemacht.
Diejenigen, denen er in die Hände gefallen war, kannten ihn wohl und
wußten, daß er, wenn sie ihn in ihr Lager brachten, für den Verrath,
zu dem die Verfolgung ihn getrieben, mit seinem Kopfe büßen würde. Mit
bewunderungswürdiger Großmuth thaten sie als kennten sie ihn nicht und
ließen ihn im Tumulte entkommen.
Erst bei solchen Gelegenheiten trat die ganze Größe von Wilhelm's
Character zu Tage. Inmitten der Flucht und des Getümmels, während
Waffen und Fahnen weggeworfen wurden, während Massen von Fliehenden
die Brücken und Furthen der Gette verstopften oder in ihren Fluthen
umkamen, stellte sich der König, nachdem er Talmash beordert, den
Rückzug zu beaufsichtigen, an die Spitze einiger tapferer Regimenter
und hielt durch verzweifelte Anstrengungen den Feind auf. Er lief dabei
größere Gefahr als Andere, denn er konnte nicht dahin gebracht werden,
seinen schwächlichen Körper mit einem Brustharnisch zu beschweren,
oder die Insignien des Hosenbandordens zu verbergen. Er betrachtete
seinen Stern als einen guten Sammelpunkt für seine eigenen Truppen,
und lächelte blos, wenn man ihm sagte, daß derselbe eine treffliche
Zielscheibe für den Feind sei. Viele Tapfere fielen zu seiner Rechten
und zu seiner Linken. Zwei Saumpferde, die im Felde stets in seiner
Nähe waren, wurden durch Kanonenschüsse getödtet. Eine Flintenkugel
ging durch die Locken seiner Perrücke, eine zweite durch seinen
Rock, eine dritte streifte ihn an der Seite und zerriß sein blaues
Ordensband. Noch viele Jahre später pflegten alte, ergraute Invaliden,
die in den Gängen und Alleen des Chelsea Hospitals umherschlichen,
sich zu erzählen, wie er an der Spitze von Galway's Reitern angriff,
wie er viermal abstieg, um die Infanterie anzufeuern, wie er ein
Corps, das weichen zu wollen schien, durch die Worte zurückrief: »So
kämpft man nicht, Gentlemen! Hart auf den Leib müßt Ihr ihnen rücken.
So, Gentlemen, so!« -- »Ihr hättet ihn sehen sollen,« schrieb ein
Augenzeuge nur vier Tage nach der Schlacht, »wie er sich mit dem Degen
in der Hand auf den Feind stürzte. Es ist ausgemacht, daß er und Andere
einmal an der Spitze zweier englischer Regimenter gesehen wurde, und
daß er mit diesen beiden Regimentern, Angesichts der ganzen Armee gegen
sieben kämpfte und sie eine Viertelstunde lang vor sich her trieb.
Dank sei dem Himmel, der ihn erhalten hat.« Der Feind setzte ihm so
hart zu, daß er nur mit großer Mühe den Uebergang über die Gette
bewerkstelligte. Eine kleine Schaar tapferer Männer, die seine Gefahr
bis zum letzten Augenblicke theilte, vermochte kaum die Verfolger von
ihm abzuhalten, als er die Brücke passirte.[28]
Vielleicht nie zeigte sich die Veränderung, welche die Fortschritte
der Civilisation in der Kriegskunst herbeigeführt haben, auffallender
als an diesem Tage. Ajax, der den trojanischen Heerführer mit einem
Felsstücke zu Boden schlägt, das zwei gewöhnliche Männer kaum aufheben
konnten, Horatius, der die Brücke gegen eine Armee vertheidigt, Richard
Löwenherz, der längs der ganzen Schlachtlinie der Sarazenen hinsprengt,
ohne einen Feind zu finden, der seine Herausforderung annimmt, Robert
Bruce, der mit einem Schlage den Helm und Schädel Sir Henry Bohun's
Angesichts der ganzen Armee England's und Schottland's spaltet:
das sind die Helden der grauen Vorzeit. In einem solchen Zeitalter
ist Körperkraft die unerläßlichste Eigenschaft eines Kriegers. Bei
Landen waren zwei kränkliche Menschen, die in einem rohen Zustande
der Gesellschaft für zu schwach gehalten worden wären, um an einem
Kampfe nur Antheil zu nehmen, die Seelen zweier großen Heere. In
einigen heidnischen Ländern würden sie als Säuglinge ausgesetzt, in
der Christenheit würden sie sechshundert Jahre früher in ein stilles
Kloster geschickt worden sein. Aber ihr Loos war ihnen zu einer Zeit
gefallen, wo die Menschen dahinter gekommen waren, daß die Stärke
der Muskeln der Stärke des Geistes bei weitem nachsteht. Es ist
wahrscheinlich, daß von den hundertzwanzigtausend Soldaten, welche
unter allen Fahnen des westlichen Europa bei Neerwinden versammelt
waren, der verwachsene Zwerg, der den ungestümen Angriff Frankreich's
leitete, und das asthmatische Skelett, das den langsamen Rückzug
England's deckte, die beiden schwächlichsten Gestalten waren.
Die Franzosen waren Sieger, aber sie hatten ihren Sieg theuer
erkauft. Mehr als zehntausend Mann der besten Truppen Ludwig's waren
gefallen. Neerwinden gewährte einen Anblick, der die ältesten Soldaten
schaudern machte. In den Straßen lagen die Leichen brusthoch. Unter
den Gefallenen befanden sich einige vornehme Edelleute und einige
berühmte Krieger, als da waren Montchevreuil und der verstümmelte
Körper des Herzogs von Uzes, der den höchsten Rang unter dem ganzen
Adel Frankreich's einnahm. Auch Sarsfield wurde von da hoffnungslos
verwundet auf ein Krankenbett getragen, von dem er sich nie wieder
erhob. Der Hof von Saint-Germains hatte ihm den hohlen Titel eines
Earls von Lucan verliehen; aber die Geschichte kennt ihn unter dem
Namen, der der unglücklichsten aller Nationen noch immer theuer
ist. Die dortige Gegend, seit Jahrhunderten als das Schlachtfeld der
kriegerischsten Nationen Europa's berühmt, hat nur zwei schrecklichere
Tage gesehen: den von Malplaquet und den von Waterloo. Viele Monate
lang war der Boden mit Schädeln und Gebeinen von Menschen und Pferden
und mit Stücken von Hüten und Schuhen, Sätteln und Halftern besäet. Im
nächsten Sommer schossen aus dem durch zwanzigtausend Leichen gedüngten
Boden Millionen Mohnpflanzen empor. Der Reisende, der auf dem Wege von
Saint-Tron nach Tirlemont diese große Fläche blendenden Scharlachs
erblickte, die sich von Landen bis Neerwinden erstreckte, konnte sich
schwerlich des Gedankens erwehren, daß die bildliche Vorhersagung des
hebräischen Propheten, die Erde würde ihr Blut von sich geben und
sich weigern, die Erschlagenen zu bedecken, buchstäblich in Erfüllung
gegangen sei.[29]
Es fand keine Verfolgung statt, obgleich die Sonne noch hoch stand,
als Wilhelm über die Gette ging. Die Sieger waren vom Marschiren und
Kämpfen so erschöpft, daß sie sich kaum bewegen konnten, und die
Pferde waren in einem noch schlimmeren Zustande als die Menschen.
Ihr General hielt es für nothwendig, ihnen einige Zeit zur Ruhe und
Erholung zu gönnen. Die französischen Cavaliere entlasteten ihre
Saumpferde, soupirten heiter und stießen inmitten der Haufen von
Leichen mit Champagner an, und als es dunkel wurde, legten sich ganze
Brigaden freudig auf die Erde nieder, um in Reih' und Glied auf dem
Schlachtfelde zu schlafen. Luxemburg's Unthätigkeit entging dem
Tadel nicht. Niemand konnte leugnen, daß er im Gefecht eine große
Geschicklichkeit und Energie entfaltet hatte; Einige aber meinten,
es fehle ihm an Geduld und Ausdauer. Andere raunten einander zu, er
wünsche nicht, einen Krieg zu beendigen, der ihn einem Hofe nothwendig
mache, an welchem er in Friedenszeiten niemals Gunst, ja nicht einmal
Gerechtigkeit gefunden haben würde.[30] Ludwig, der diesmal vielleicht
nicht ganz frei von einigen Regungen von Eifersucht war, wußte
angeblich das Lob, das er seinem Befehlshaber spendete, mit einem Tadel
zu verbinden, der zwar schonend ausgedrückt, aber doch vollkommen
verständlich war. »In der Schlacht« sagte er, »benahm sich der Herzog
von Luxemburg wie Condé, und nach der Schlacht benahm sich der Prinz
von Oranien wie Turenne.«
Die Geschicklichkeit und Energie, womit Wilhelm seine furchtbare
Niederlage wieder gut machte, mußte in der That Bewunderung erwecken.
»In einer Beziehung,« sagte der Admiral Coligny, »darf ich mich über
Alexander, über Scipio, über Cäsar stellen. Sie haben allerdings große
Schlachten gewonnen. Ich aber habe vier große Schlachten verloren,
und doch zeige ich dem Feinde eine furchtbarere Front als je.« Das
Blut Coligny's floß in Wilhelm's Adern, und mit dem Blute hatte er
den unbezwinglichen Muth geerbt, der aus dem Mißgeschick eben so
großen Ruhm zu ziehen wußte, als glücklichere Befehlshaber dem Erfolg
verdankten. Die Niederlage von Landen war zwar ein harter Schlag und
der König hegte einige Tage lang quälende Besorgnisse. Wenn Luxemburg
weiter vordrang, war Alles verloren. Löwen mußte fallen, und eben
so auch Mecheln, Nieuport und Ostende. Die batavische Grenze wäre
gefährdet worden und das Geschrei nach Frieden konnte in ganz Holland
so laut werden, daß weder die Generalstaaten noch der Statthalter ihm
länger zu widerstehen vermochten.[31] Aber Luxemburg zögerte, und ein
kurzer Verzug genügte Wilhelm. Vom Schlachtfelde bahnte er sich einen
Weg durch die Massen der Fliehenden in die Gegend von Löwen, und dort
begann er seine zerstreuten Truppen wieder zu sammeln. Die ängstliche
Besorgniß, die er in diesem Augenblicke, dem unglücklichsten seines
ganzen Lebens, wegen der beiden Personen empfand, die ihm am theuersten
waren, gereicht seinem Character nicht zur Unehre. Sobald er in
Sicherheit war, schrieb er an seine Gemahlin, um sie über seine Lage zu
beruhigen.[32] In der Verwirrung der Flucht hatte er Portland aus dem
Gesicht verloren, dessen Gesundheit damals sehr geschwächt war und der
daher mehr als die gewöhnlichen Gefahren des Kriegs zu bestehen hatte.
Ein kurzes Billet, das der König wenige Stunden später seinem Freunde
zukommen ließ, ist noch vorhanden.[33] »Obgleich ich Sie diesen Abend
zu sehen hoffe, kann ich doch nicht umhin an Sie zu schreiben, um Ihnen
zu sagen, wie sehr ich mich freue, daß Sie so gut davongekommen sind.
Gott gebe, daß Ihre Gesundheit bald ganz wiederhergestellt werde. Es
hat ihm gefallen, schwere Prüfungen in rascher Aufeinanderfolge über
mich zu verhängen. Ich muß trachten, mich seinem Willen ohne Murren zu
unterwerfen und seinen Zorn weniger zu verdienen.«
Seine Truppen sammelten sich rasch wieder. Starke Corps, die er
vielleicht unklugerweise von seiner Armee detachirt hatte, als er
glaubte, daß Lüttich das Ziel des Feindes sei, stießen in Eilmärschen
zu ihm. Drei Wochen nach seiner Niederlage hielt er einige Meilen von
Brüssel eine Heerschau ab. Die Anzahl der unter den Waffen stehenden
Mannschaften war größer als am Morgen der blutigen Schlacht von Landen;
ihr Aussehen war soldatenmäßig und ihr Muth schien ungebrochen. Wilhelm
schrieb jetzt an Heinsius, daß das Schlimmste vorüber sei. »Die
Krisis,« sagte er, »ist eine fürchterliche gewesen. Gott sei Dank, daß
sie so geendet hat.« Er hielt es jedoch nicht für gerathen, in diesem
Augenblicke das Glück einer neuen Feldschlacht zu versuchen. Er ließ
daher die Franzosen Charleroy belagern und nehmen, und dies war der
einzige Vortheil, den sie aus der blutigsten Schlacht zogen, welche im
17. Jahrhundert in Europa geschlagen wurde.
[_Vernichtung der Smyrna-Flotte._] Die Trauerbotschaft von der
Niederlage von Landen fand England durch nicht minder traurige
Nachrichten von einer andren Seite bewegt. Seit vielen Monaten war der
Handel mit dem Mittelländischen Meere durch den Krieg fast gänzlich
gehemmt. Kein Kauffahrteischiff von London oder Amsterdam hatte
Aussicht, ohne bewaffneten Schutz die Herkulessäulen zu erreichen,
ohne von einem französischen Kaper geentert zu werden, und der
Schutz von Kriegsschiffen war nicht leicht zu erlangen. Während des
Jahres 1692 hatten sich starke Flotten, mit Waarenladungen für die
spanischen, italienischen und türkischen Märkte reich befrachtet,
in der Themse und im Texel gesammelt. Im Februar 1693 waren nahe an
vierhundert Schiffe zum Auslaufen bereit. Der Werth ihrer Ladungen
wurde auf mehrere Millionen Pfund Sterling geschätzt. Noch nie hatten
die Galeonen, welche seit langer Zeit die Bewunderung und den Neid
der Welt erweckten, so kostbare Güter von Westindien nach Sevilla
gebracht. Die englische Regierung übernahm es im Einverständniß mit
der holländischen, die mit dieser großen Masse von Schätzen beladenen
Fahrzeuge zu eskortiren. Die französische Regierung nahm sich vor, sie
aufzufangen.
Der Plan der Alliirten war, daß siebzig Linienschiffe und ungefähr
dreißig Fregatten und Brigantinen unter den Befehlen Killegrew's und
Delaval's, der beiden neuen Lords der englischen Admiralität, sich
im Kanale versammeln und die Smyrna-Flotte, wie sie im Munde des
Volks hieß, bis über die Grenzen hinaus begleiten sollten, innerhalb
welcher Gefahr von Seiten des Brester Geschwaders zu befürchten stand.
Der größere Theil der Flotte sollte dann zur Bewachung des Kanals
zurückkehren, während Rooke mit zwanzig Segeln die Kauffahrer begleiten
und das vor Toulon liegende Geschwader beschützen sollte. Der Plan der
französischen Regierung war, daß das Brester Geschwader unter Tourville
und das Touloner Geschwader unter d'Estrées in der Nähe der Meerenge
von Gibraltar zusammentreffen und dort der Beute auflauern sollten.
Welcher Plan der klüger ersonnene war, ist zweifelhaft. Welcher von
beiden aber am besten ausgeführt wurde, ist eine Frage, die keinen
Zweifel zuläßt. Die ganze französische Flotte wurde von Einem Willen
geleitet, mochte sie sich im Atlantischen oder im Mittelländischen
Meere befinden. Die Flotte England's und die Flotte der Vereinigten
Provinzen standen unter verschiedenen Autoritäten, und in England
sowohl wie in den Vereinigten Provinzen zerfiel die Gewalt in so
zahlreiche Abtheilungen und Unterabtheilungen, daß auf keinem Einzelnen
eine schwere Verantwortlichkeit lastete. Das Frühjahr kam heran. Die
Kaufleute beklagten sich laut, daß sie durch die Verzögerung schon mehr
verloren hätten als sie durch die glücklichste Reise noch zu gewinnen
hoffen dürften, und noch immer waren die Kriegsschiffe nicht halb
bemannt und verproviantirt. Das Geschwader von Amsterdam traf erst
spät im April an unsrer Küste ein, das Geschwader von Seeland erst
Mitte Mai.[34] Es war Juni, als endlich die ungeheure Flotte, nahe an
fünfhundert Segel stark, die Klippen England's aus dem Gesicht verlor.
Tourville war bereits in See gegangen und steuerte südwärts. Killegrew
und Deleval aber waren so nachlässig oder so unglücklich, daß sie von
seinen Bewegungen keine Kenntniß hatten. Sie waren anfangs überzeugt,
daß er noch im Hafen von Brest liege. Dann kam ihnen das Gerücht zu
Ohren, daß in nördlicher Richtung segelnde Schiff gesehen worden
seien, und sie vermutheten, daß er ihre Abwesenheit benutzte, um die
Küste von Devonshire zu bedrohen. Sie scheinen es nicht für möglich
gehalten zu haben, daß er sich mit dem Touloner Geschwader vereinigt
haben und in der Nähe von Gibraltar ungeduldig seine Beute erwarten
könne. Nachdem sie daher die Smyrna-Flotte ungefähr zweihundert Meilen
über Ushant hinaus begleitet hatten, erklärten sie am 6. Juni ihre
Absicht, sich von Rooke zu trennen. Rooke machte Einwendungen, aber
vergebens. Er mußte sich fügen und mit seinen zwanzig Kriegsschiffen
dem Mittelländischen Meere zusteuern, während seine beiden Vorgesetzten
mit dem Reste der Kriegsflotte in den Kanal zurückkehrten.
Inzwischen war es in England bekannt geworden, daß Tourville in
aller Stille Brest verlassen hatte und nach Süden eilte, um sich
mit Estrées zu verbinden. Die Zurückkunft Killegrew's und Delavals
erweckte daher große Besorgniß. Es wurde sofort ein schnellsegelndes
Fahrzeug abgesandt, um Rooke vor der ihm drohenden Gefahr zu warnen;
diese Warnung aber kam ihm nicht zu. Er steuerte mit gutem Winde
dem Kap Saint Vincent zu, und hier erfuhr er, daß in der nahen Bai
von Lagos einige französische Schiffe lägen. Die erste Mittheilung,
die er darüber erhielt, bewog ihn zu dem Glauben, daß ihre Anzahl
nicht bedeutend sei, und sie wußten ihre Stärke so geschickt zu
verbergen, daß er nicht eher eine Ahnung davon bekam, daß er der
ganzen Kriegsflotte eines großen Königreichs gegenüberstehe, als bis
sie nur noch eine halbe Stunde Seewegs von ihm entfernt waren. Gegen
eine vierfache Uebermacht zu kämpfen, würde Wahnsinn gewesen sein.
Es war schon viel, wenn es ihm gelang, sein Geschwader vor völliger
Vernichtung zu bewahren. Er bot seine ganze Geschicklichkeit auf.
Einige in der Nachhut segelnde holländische Kriegsschiffe opferten sich
muthig auf, um die Flotte zu retten. Mit dem Reste des Geschwaders und
etwa sechzig Handelsschiffen gelangte Rooke glücklich nach Madeira und
von da nach Cork. Aber mehr als dreihundert von den Fahrzeugen, die er
begleitet hatte, waren über den Ocean zerstreut. Einige entkamen nach
Irland, andere nach Corunna, andere nach Lissabon, andere nach Cadix,
einige wurden genommen und mehr noch vernichtet. Ein paar, die unter
den Felsen von Gibraltar Schutz gesucht hatten und die der Feind bis
dahin verfolgte, wurden versenkt, als man sah, daß sie nicht zu retten
waren. Andere gingen in gleicher Weise unter den Batterien von Malaga
zu Grunde. Der Gewinn für Frankreich scheint nicht groß gewesen zu
sein; aber der Verlust für England und Holland war enorm.[35]