Könne ein Sohn der heiligen römisch-katholisch-apostolischen Kirche
sich verpflichten, das Ketzerthum zu beschützen und zu vertheidigen
und ein Gesetz in Anwendung zu bringen, das die wahren Gläubigen vom
Amte ausschließe? Einige der Geistlichen, von denen es an seinem Hofe
wimmelte, sagten ihm, er könne ein solches Versprechen, wie seine
pflichtvergessenen Unterthanen es verlangten, nicht ohne Sünde geben.
In diesem Punkte konnte die Ansicht Middleton's, der ein Protestant
war, von keinem Gewicht sein. Aber Middleton fand einen Bundesgenossen
an Dem, den er als seinen Nebenbuhler und Feind betrachtete. Erschreckt
durch den allgemeinen Haß, als dessen Zielscheibe er sich kannte, und
fürchtend, daß man ihn in England wie in Frankreich für den Starrsinn
seines Gebieters verantwortlich machen würde, legte er die Sache
mehreren ausgezeichneten Doctoren der Sorbonne vor. Diese gelehrten
Casuisten erklärten die Declaration vom religiösen Gesichtspunkte für
tadellos. Der große Bossuet, Bischof von Meaux, den die gallikanische
Kirche als einen Vater von fast eben so großer Autorität wie Cyprian
oder Augustus betrachtete, bewies durch gewichtige theologische wie
politische Argumente, daß der Skrupel, der Jakob quälte, ganz genau
zu denen gehöre, vor denen ein viel weiserer König mit den Worten
gewarnt habe: »Sei nicht allzu gewissenhaft.«[12] Die Autorität der
französischen Theologen wurde durch die Autorität der französischen
Regierung unterstützt. Die Sprache, die man in Versailles führte,
war so nachdrücklich, das Jakob besorgt zu werden begann. Wie, wenn
Ludwig sich ernstlich verletzt fühlen, seine Gastfreundschaft mit
Undank vergolten glauben, mit den Usurpatoren Frieden schließen und
seine unglücklichen Gäste ersuchen sollte, sich nach einem andren
Asyle umzusehen? Es war nothwendig sich zu fügen. Am 17. April 1693
wurde die Erklärung unterzeichnet und besiegelt. Der Schlußsatz war
ein Gebet. »Wir kommen, um unser gutes Recht geltend zu machen und
die Freiheiten unsres Volkes zu begründen. Möge Gott uns zum Gelingen
des Einen verhelfen, wie wir die Befestigung der Anderen aufrichtig
wünschen.«[13] Das Gebet wurde erhört. Jakob's Erfolg stand in genauem
Verhältniß zu seiner Aufrichtigkeit. Wie es mit seiner Aufrichtigkeit
aussah, davon haben wir die sprechendsten Beweise. Kaum hatte er den
Himmel zum Zeugen der Wahrheit seiner Versprechungen angerufen, so
befahl er Melfort, eine Abschrift der Erklärung mit Erläuterungen,
welche den Papst beruhigen konnten, nach Rom zu senden. Melfort's Brief
schließt folgendermaßen: »Im Grunde ist der Zweck dieser Erklärung
lediglich, uns nach England zurückzubringen. Wir werden den Kampf der
Katholiken mit viel größerem Vortheile in Whitehall ausfechten können
als in Saint-Germains.«[14]
Inzwischen war das Dokument, von dem man so viel erwartete, nach London
geschickt worden. Dort wurde es auf einer geheimen Presse im Hause
eines Quäkers gedruckt; denn es gab unter den Quäkern eine zwar kleine,
aber eifrige und thätige Partei, welche die politischen Ansichten
Wilhelm Penn's in sich aufgenommen hatten.[15] Eine solche Schrift
zu verbreiten, war mit einiger Gefahr verknüpft; aber es fanden sich
Agenten dazu. Mehrere Personen wurden festgenommen, als sie in den
Straßen der Stadt Exemplare vertheilten. Hundert Packete wurden an
einem Tage auf dem Wege nach der Flotte auf dem Postamte confiscirt.
Bald aber gab die Regierung wohlweislich den Versuch auf, etwas zu
unterdrücken, was sich nicht unterdrücken ließ, und veröffentlichte
selbst die Erklärung ihrem vollständigen Inhalte nach, begleitet von
einem strengen Commentar.[16]
[_Eindruck der neuen Erklärung._] Es bedurfte jedoch kaum eines
Commentars. Die Erklärung verfehlte durchaus die Wirkung, welche
Middleton erwartet hatte. Allerdings war sein Rath erst verlangt
worden, als es gleichgültig war, welchen Rath er gab. Wenn Jakob im
Januar 1689 ein solches Manifest erlassen hätte, so würde der Thron
wahrscheinlich nicht für erledigt erklärt worden sein. Wenn er ein
solches Manifest erlassen hätte, als er an der Spitze einer Armee
auf der Küste der Normandie war, so würde er einen großen Theil der
Nation für sich gewonnen haben und es wäre möglich gewesen, daß ein
großer Theil der Flotte sich ihm angeschlossen hätte. Aber 1689 sowohl
wie 1692 hatte er im Tone eines unversöhnlichen Tyrannen gesprochen,
und es war jetzt zu spät, Milde und Achtung vor der Verfassung des
Reichs zu heucheln. Der Contrast zwischen der neuen Erklärung und der
vorhergehenden erregte allgemeines Mißtrauen und Verachtung. Wie konnte
man dem Worte eines so unbeständigen Fürsten trauen, eines Fürsten, der
von einem Extrem zum andren übersprang? Im Jahre 1692 war er nur durch
die Köpfe und Glieder mehrerer Hundert armer Landleute und Fischer
zu befriedigen, die sich vor Jahren einige rohe Freiheiten gegen
ihn erlaubt hatten, über die sein Großvater Heinrich IV. herzlich
gelacht haben würde. Im Jahre 1693 sollten die schmachvollsten und
undankbarsten Verräthereien mit dem Mantel der Vergessenheit bedeckt
werden. Caermarthen gab der allgemeinen Gesinnung einen Ausdruck.
»Ich begreife das nicht,« sagte er. »Vorigen April sollte ich gehängt
werden; diesen April soll ich vollständige Verzeihung haben. Ich kann
mir nicht denken, was ich im Laufe des verflossenen Jahres gethan
habe, um soviel Güte zu verdienen.« Man war allgemein der Ansicht,
daß unter dieser ungewohnten Milde, unter dieser ungewohnten Achtung
vor dem Gesetz eine Schlinge verborgen sei. Die Erklärung, sagte man,
sei vortrefflich, und so sei auch der Krönungseid gewesen. Jedermann
wisse, wie König Jakob seinen Krönungseid gehalten habe, und Jedermann
könne errathen, wie er seine Erklärung halten werde. Während ernste
Männer so argumentirten, waren die whiggistischen Spötter nicht sparsam
mit Pasquillen. Zu gleicher Zeit ließen auch einige Nichtvergleicher
ein unwilliges Murren vernehmen. Der König sei in schlechten Händen,
sagten sie, in den Händen von Männern, welche die Monarchie haßten.
Seine Gnade sei Grausamkeit von der schlimmsten Art. Die allgemeine
Amnestie, die er seinen Feinden zugesichert, sei nichts weiter als
eine allgemeine Proscription seiner Freunde. Bisher hätten die von dem
Usurpator ernannten Richter unter einer zwar mangelhaften, aber doch
nicht ganz unwirksamen Beschränkung gestanden. Sie hätten gewußt, daß
ein Tag der Rechenschaft kommen könne und wären daher im Allgemeinen
schonend gegen die verfolgten Anhänger des rechtmäßigen Königs
verfahren. Diese Beschränkung habe Se. Majestät jetzt aufgehoben.
Er habe Holt und Treby gesagt, daß sie bis zu seiner Landung in
England Royalisten hängen könnten, ohne die mindeste Besorgniß, zur
Rechenschaft gezogen zu werden.[17]
Keine Klasse des Volks aber las die Erklärung mit größerem Abscheu und
Unwillen als die eingeborne Aristokratie Irland's. Das sei also der
Lohn für ihre Loyalität. So hielten die Könige ihre Versprechungen.
Als England Jakob verstoßen, als Schottland nichts habe von ihm
wissen wollen, seien die Irländer ihm noch treu geblieben, und er
habe in Anerkennung dessen feierlich ein Gesetz sanctionirt, durch
welches ihnen ein großes Ländergebiet, dessen sie beraubt worden
waren, zurückgegeben wurde. Seitdem sei nichts geschehen, was ihren
Anspruch auf seine Gunst vermindert habe. Sie hätten seine Sache bis
zum letzten Augenblicke vertheidigt, sie hätten noch lange nachdem
er sie verlassen, für ihn gestritten; Viele von ihnen seien, als
sie nicht mehr im Stande gewesen, gegen die Uebermacht zu kämpfen,
ihm in die Verbannung gefolgt, und jetzt zeige es sich, daß er
mit seinen bittersten Feinden auf Kosten seiner treuesten Freunde
Frieden schließen wolle. Es herrschte große Unzufriedenheit in den
irischen Regimentern, welche in den Niederlanden und an den Grenzen
Deutschland's und Italien's zerstreut standen. Selbst die Whigs gaben
zu, daß die O und Mac einmal Recht hatten, und fragten triumphirend,
ob man von einem Fürsten, der gegen seine ergebenen Diener sein Wort
gebrochen, erwarten dürfe, daß er es seinen Feinden gegenüber halten
werde?[18]
[_Rüstungen der Franzosen für den Feldzug._] Während die Erklärung in
England den Gegenstand des allgemeinen Tagesgesprächs bildete, begannen
auf dem Festlande die militärischen Operationen wieder. Die Rüstungen
Frankreich's waren so gewaltig, daß sie selbst Diejenigen in Erstaunen
setzten, die seine Hülfsquellen und die Talente seiner Beherrscher am
höchsten anschlugen. Sein Ackerbau und sein Handel lagen darnieder.
Die Weingärten Burgund's, die unabsehbaren Kornfelder der Beauce
hatten eine Mißernte gegeben; die Webstühle Lyon's feierten und die
Kauffahrteischiffe verfaulten im Hafen von Marseille. Dennoch zeigte
die Monarchie ihren zahlreichen Feinden eine trotzigere und drohendere
Stirn als je. Ludwig hatte sich vorgenommen keinen Schritt zu einer
Aussöhnung mit der neuen englischen Regierung zu thun, bevor nicht
durch eine weitere Anstrengung die ganze Macht seines Reichs entfaltet
sein würde. Eine gewaltige Anstrengung war es in der That, aber zu
erschöpfend, um wiederholt werden zu können. Er entwickelte ungeheure
Streitkräfte zugleich an den Pyrenäen und an den Alpen, am Rhein und an
der Maas, im Atlantischen und im Mittelländischen Meere.
[_Gründung des St. Ludwigsordens._] Damit nichts fehlte, was geeignet
war, das kriegerische Feuer einer vorzugsweise tapferen Nation zu
entzünden, gründete er einige Tage bevor er seinen Palast mit dem
Lager vertauschte, einen neuen militärischen Ritterorden und stellte
ihn unter den Schutz seines heiligen Ahnherrn und Patrons. Das
neue Ludwigskreuz glänzte auf der Brust der Offiziere, die sich in
den Laufgräben von Mons und Namur und auf den Schlachtfeldern von
Fleurus und Steenkerke ausgezeichnet hatten, und der Anblick spornte
Diejenigen, die sich erst noch einen ehrenvollen Ruf in den Waffen zu
erwerben hatten, zu einem edlen Wetteifer an.[19]
[_Middleton's Bericht über Versailles._] In der Woche, in der dieser
berühmte Orden ins Leben trat, besuchte Middleton Versailles. Ein
Brief, in welchem er seinen Freunden in England diesen Besuch
schilderte, ist uns erhalten worden.[20] Er wurde Ludwig vorgestellt,
sehr freundlich empfangen und war von Dankbarkeit und Bewunderung
überwältigt. Von allen Wundern des Hofes -- so schrieb Middleton --
sei der Gebieter desselben das größte. Der Glanz der persönlichen
Vorzüge des großen Königs verdunkle selbst den Glanz seines Glückes.
Der Ton, in welchem Se. Allerchristlichste Majestät sich über die
englische Politik ausspreche, sei im Ganzen höchst befriedigend. Nur
über Einen Punkt seien dieser hochgebildete Fürst und seine geschickten
und erfahrenen Minister sehr im Irrthum. Sie seien sämmtlich von der
thörichten Idee erfüllt, daß der Prinz von Oranien ein großer Mann sei.
Es sei keine Mühe gespart worden, um sie zu enttäuschen, aber ihre
Verblendung sei unheilbar. Sie sähen durch ein Vergrößerungsglas von
solcher Stärke, daß der Blutegel ihnen wie ein Leviathan erscheine.
Middleton hätte wohl auf den Einfall kommen können, daß die Täuschung
möglicherweise in seiner Anschauung liegen könne anstatt in der
ihrigen. Ludwig und seine ihn umgebenden Rathgeber waren allerdings
weit entfernt Wilhelm zu lieben; aber sie haßten ihn nicht mit der
wahnsinnigen Heftigkeit, die in der Brust seiner englischen Feinde
wüthete. Middleton war einer der einsichtsvollsten und gemäßigtsten
Jakobiten; aber selbst sein Blick wurde durch die Böswilligkeit
so verdunkelt, daß er über diesen Gegenstand Unsinn sprach, der
seiner Talente unwürdig war. Er wie seine ganze Partei konnte an dem
Usurpator nur Verabscheuungswerthes und Verächtliches sehen: das
Herz eines Teufels, den Geist und die Manieren eines einfältigen,
rohen holländischen Bauern, der in der Regel ein finstres Schweigen
beobachtete, und wenn er sprechen mußte, kurze mürrische Antworten
in schlechtem Englisch gab. Die französischen Staatsmänner dagegen
beurtheilten Wilhelm's Fähigkeiten nach einer genauen Kenntniß der
Art und Weise, wie er seit zwanzig Jahren Staatsangelegenheiten von
größter Wichtigkeit und Schwierigkeit geleitet hatte. Seit dem Jahre
1673 spielte er gegen sie eine Partie um einen ungeheuern Einsatz;
sie waren mit Recht stolz auf ihre eigene Geschicklichkeit in diesem
Spiele, aber sie wußten, daß sie in ihm einen Gegner gefunden hatten,
der ihnen mehr als gewachsen war. Bei Beginn des langen Kampfes war
jeder Vortheil auf ihrer Seite gewesen. Sie hatten alle Hülfsquellen
des größten Königreichs von Europa zu ihrer unumschränkten Verfügung,
während er nur der Diener einer Republik war, deren ganzes Gebiet
der Normandie oder Guyenne an Umfang nachstand. Eine Reihe von
ausgezeichneten Generälen und Diplomaten hatten ihm gegenüber
gestanden. Eine mächtige Partei in seinem Geburtslande hatte allen
seinen Plänen beharrlich entgegengearbeitet; er hatte im Felde wie im
Senate Niederlagen erlitten; aber seine Weisheit und Energie hatte die
Niederlagen in Siege verwandelt. Trotz Allem, was man gethan, um ihn
niederzuhalten, hatten sein Einfluß und sein Ruhm sich fortwährend
gehoben und ausgebreitet. Das wichtigste und schwierigste Unternehmen
in der Geschichte des modernen Europa war von ihm allein begonnen und
glücklich durchgeführt worden. Er hatte die umfassendste Coalition
gebildet, die die Welt seit Jahrhunderten gesehen, und diese Coalition
würde sich sofort aufgelöst haben, wenn seine Oberleitung ihr entzogen
worden wäre. Er hatte zwei Königreiche durch Diplomatie, ein drittes
durch Eroberung gewonnen, und trotz fremder und einheimischer Feinde
behauptete er noch immer den Besitz derselben. Daß solche Dinge durch
ein alltägliches Geschöpf, durch einen Mann von den gewöhnlichsten
Geisteskräften bewirkt worden seien, war eine Behauptung, die wohl
unter den in Som's Kaffeehause zusammenkommenden eidverweigernden
Pfarrern Glauben finden konnte, erfahrenen Staatsmännern von Versailles
aber nothwendig ein Lächeln abzwingen mußte.
[_Wilhelm's Rüstungen für den Feldzug._] Während Middleton die
Franzosen vergebens zu überzeugen versuchte, daß Wilhelm's Talente
bedeutend überschätzt würden, erfuhr Dieser, der Middleton's Werth
volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, mit großer Besorgniß, daß der
Hof von St. Germains den Beistand eines so ausgezeichneten Rathgebers
herangezogen habe.[21] Doch war dies nur eine von den tausend Ursachen
zu Besorgniß, welche während dieses Frühjahrs den Geist des Königs
umlagerten. Er bereitete sich für den Beginn des Feldzugs vor, beschwor
seine Verbündeten zeitig im Felde zu sein, feuerte die Trägen an,
handelte mit den Habsüchtigen, schlichtete Streitigkeiten und legte
Vorrangsfragen bei. Er hatte das Wiener Cabinet zu bewegen, in Zeiten
Succurs nach Piemont zu schicken. Er hatte ein wachsames Auge auf die
nordischen Potentaten zu richten, welche eine dritte Partei in Europa
zu bilden versuchten. Er hatte in den Niederlanden den Kurfürsten von
Bayern zu bevormunden. Er hatte für die Vertheidigung von Lüttich zu
sorgen, eine Angelegenheit, welche die Behörden von Lüttich kaltblütig
nicht für ihre Sache, sondern für die Sache England's und Holland's
erklärten. Er hatte das Haus Braunschweig-Wolfenbüttel abzuhalten, mit
dem Hause Braunschweig-Lüneburg handgemein zu werden; er hatte einen
Streit zwischen dem Prinzen von Baden und dem Kurfürsten von Sachsen
zu schlichten, von denen Jeder eine Armee am Rhein commandiren wollte,
und er hatte den Landgrafen von Hessen zu bearbeiten, der sein eignes
Contingent nicht stellte, und doch ein Contingent anderer Fürsten
befehligen wollte.[22]
[_Ludwig rückt ins Feld._] Die Zeit zum Handeln war jetzt gekommen. Am
18. Mai verließ Ludwig Versailles, und Anfangs Juni war er unter den
Mauern von Namur. Die Prinzessinnen, die ihn begleiteten, residirten
in der Festung. Er übernahm das unmittelbare Commando der Armee
Boufflers', welche bei Gembloux lagerte. Nicht viel über eine Meile
davon stand die Armee Luxemburg's. Die in dieser Gegend unter den
französischen Lilien versammelte Streitmacht belief sich auf nicht
weniger als hundertzwanzigtausend Mann. Ludwig hatte gehofft, daß er
im Stande sein werde, im Jahre 1693 die Kriegslist zu wiederholen,
durch welche 1691 Mons und 1692 Namur genommen worden war, und er
hatte beschlossen, daß entweder Lüttich oder Brüssel ihm zur Beute
werden müsse. Aber Wilhelm hatte dieses Jahr bei guter Zeit ein Heer
zusammenbringen können, das zwar dem gegnerischen nachstand, aber doch
immer achtunggebietend war. Mit diesem Heere nahm er seine Stellung
bei Löwen auf der Straße zwischen den beiden bedrohten Städten und
beobachtete jede Bewegung des Feindes.
[_Ludwig kehrt nach Versailles zurück._] Ludwig war in seiner Hoffnung
getäuscht. Er sah, daß es ihm nicht möglich sein würde, seine Eitelkeit
so gefahrlos und so leicht wie in den beiden vorhergehenden Jahren zu
befriedigen, sich ruhig vor eine große Stadt zu lagern, als Sieger
in dieselbe einzuziehen und die Schlüssel in Empfang zu nehmen, ohne
sich einer größern Gefahr auszusetzen als auf einer Hirschjagd in
Fontainebleau. Bevor er Lüttich oder Brüssel belagern konnte, mußte
er eine Schlacht liefern und gewinnen. Die Chancen waren allerdings
günstig für ihn, denn seine Armee war zahlreicher, mit bessern
Offizieren versehen und besser disciplinirt als die der Verbündeten.
Luxemburg rieth ihm nachdrücklich gegen Wilhelm vorzurücken. Die
französische Aristokratie wünschte mit unerschrockener Heiterkeit
einen blutigen aber ruhmvollen Tag herbei, auf den eine Vertheilung
zahlreicher Kreuze des neuen Ordens folgen würde. Wilhelm selbst war
sich seiner Gefahr vollkommen bewußt und darauf vorbereitet, ihr mit
kaltem aber schmerzlichem Muthe zu begegnen.[23] Gerade in diesem
Augenblicke kündigte Ludwig seine Absicht an, auf der Stelle nach
Versailles zurückzukehren und den Dauphin und Boufflers mit einem
Theile der bei Namur versammelten Armee in die Pfalz zu schicken, um
sich mit dem daselbst commandirenden Marschall Lorges zu vereinigen.
Luxemburg war wie vom Donner gerührt und er machte kühne und dringende
Gegenvorstellungen. Nie, sagte er, sei eine solche Gelegenheit versäumt
worden. Wenn Se. Majestät gegen den Prinzen von Oranien marschire, sei
der Sieg fast gewiß. Könne irgend ein Vortheil, der möglicherweise am
Rhein zu erlangen sei, den Vortheil eines im Herzen von Brabant über
die erste Armee und über den ersten Feldherrn der Coalition errungenen
Sieges aufwiegen? Der Marschall demonstrirte, er bat, er fiel auf die
Knie, aber vergebens, und er verließ den König in tiefster Betrübniß.
Ludwig reiste eine Woche nach seiner Ankunft wieder aus dem Lager ab
und führte nachher nie wieder Krieg in eigner Person.
Das Erstaunen in seiner ganzen Armee war groß. Alle Ehrfurcht, die
er einflößte, konnte seine alten Generäle nicht abhalten zu murren
und finster dreinzuschauen, seine jungen Edelleute, ihrem Unmuthe
bald in Verwünschungen, bald in Sarkasmen Luft zu machen, und selbst
seine gemeinen Soldaten, an ihren Wachtfeuern eine unehrerbietige
Sprache zu führen. Seine Feinde frohlockten mit rachsüchtiger und
beleidigender Freude. Sei es nicht sonderbar, fragten sie, daß dieser
große Fürst mit allem Gepränge zum Kriegsschauplatze abgegangen und
acht Tage später ihn mit demselben Gepränge wieder verlassen habe?
Sei es nöthig gewesen, daß das ganze große Gefolge von Prinzessinnen,
Ehrendamen und Kammerfrauen, Stallmeistern und Kammerherren, Köchen,
Zuckerbäckern und Musikern, Wagenzügen, Saumpferden und Maulthieren,
Silbergeschirr und Teppichen, vierhundert Meilen weit reiste, nur
damit der Allerchristlichste König einen Blick auf seine Soldaten
werfe und dann wieder umkehre? Die schmachvolle Wahrheit sei zu
augenfällig, um bemäntelt werden zu können; er sei in die Niederlande
gekommen in der Hoffnung, daß es ihm wieder gelingen werde, ohne die
mindeste persönliche Gefahr etwas militärischen Ruhm zu erhaschen,
und er sei lieber zurückgeeilt, als daß er sich den Zufällen einer
offenen Schlacht ausgesetzt hätte.[24] Dies sei nicht das erste Mal,
daß Se. Allerchristlichste Majestät die nämliche Art Vorsicht gezeigt
habe. Siebzehn Jahre vorher habe er unter den Mauern von Bouchain
demselben Gegner gegenüber gestanden. Wilhelm habe mit dem Feuer eines
jugendlichen Commandeurs höchst unbesonnenerweise ihm eine Schlacht
angeboten. Die geschicktesten Generäle seien der Meinung gewesen,
daß, wenn Ludwig die Gelegenheit ergriffen hätte, der Krieg in einem
Tage hätte beendigt sein können. Die französische Armee habe dringend
danach verlangt, zum Angriff geführt zu werden. Der König habe seine
Unterbefehlshaber zu sich berufen und sie um ihre Meinung befragt.
Einige höfische Offiziere, denen seine Wünsche geschickt angedeutet
worden seien, hätten vor Scham erröthend und stammelnd gegen eine
Schlacht gestimmt. Umsonst hätten muthige und rechtschaffene Männer,
die seine Ehre höher gehalten als ihr Leben, ihm bewiesen, daß er
nach allen Grundsätzen der Kriegskunst die übereilte Herausforderung
des Feindes annehmen müsse. Se. Majestät habe die ernste Besorgniß
ausgesprochen, daß er es mit seinen Staatspflichten nicht vereinbaren
könne, den ungestümen Regungen seines Blutes zu gehorchen, habe
Kehrt gemacht und sei in sein Hauptquartier zurückgesprengt.[25]
Sei es nicht entsetzlich, wenn man bedenke, was für Ströme des
Blutes von Frankreich, Spanien, Deutschland und England geflossen
seien und noch fließen sollten einem Manne zu Gefallen, dem es an
dem ganz gewöhnlichen Muthe fehle, den man bei dem Geringsten der
Hunderttausende finde, welche er seinem prahlerischen Ehrgeize
aufgeopfert habe?
[_Manövers Luxemburg's._] Obgleich die französische Armee in
den Niederlanden durch den Abgang der vom Dauphin und Boufflers
commandirten Truppentheile geschwächt worden war, und obgleich das
verbündete Heer täglich durch die Ankunft frischer Truppen verstärkt
wurde, so hatte Luxemburg doch noch die Uebermacht, und er vergrößerte
diese Uebermacht durch eine schlaue Kriegslist. Er marschirte gegen
Lüttich und that, als ob er diese Stadt belagern wolle. Wilhelm war
besorgt, um so besorgter, weil er wußte, daß es unter den Einwohnern
eine französische Partei gab. Er verließ seine Position bei Löwen,
marschirte auf Niederhespen und schlug dort, den Fluß Gette im Rücken,
sein Lager auf. Auf seinem Marsche erfuhr er, daß Huy den Franzosen
seine Thore geöffnet habe. Diese Nachricht vermehrte seine Besorgniß
wegen Lüttich und bestimmte ihn, ein Armeecorps dahin zu schicken,
das genügte, um die Mißvergnügten innerhalb der Stadt in Schach zu
halten und jeden Angriff von Außen abzuwehren.[26] Dies war genau
das, was Luxemburg erwartet und gewünscht hatte. Seine List hatte
ihren Zweck erreicht. Er wendete der Festung, welche bisher das Ziel
seiner Operationen gewesen zu sein schien, den Rücken und eilte an die
Gette. Wilhelm, der mehr als zwanzigtausend Mann detachirt und nur
funfzigtausend Mann in seinem Lager gelassen hatte, erfuhr am 18. Juli
mit Schrecken durch seine Kundschafter, daß der französische General
mit nahe an achtzigtausend Mann ganz in der Nähe sei.