Man kann sich schwer einen traurigeren Ort denken als Saint-Germains

zu der Zeit war, als er sein Hoflager dort hielt, und doch gab es in

ganz Europa fast keine beneidenswerthere Residenz als die, welche der

hochherzige Ludwig der Familie angewiesen hatte, die ihn um Beistand

angefleht. Sie hatte prächtige Wälder, eine reine gesunde Luft und

weite liebliche Fernsichten, keine Annehmlichkeit des Landlebens fehlte

und die Thürme der prächtigsten Stadt des Continents zeigten sich in

der Ferne. Die königlichen Gemächer waren mit Tapeten und Schnitzwerk,

mit silbernen Vasen und Spiegeln in Goldrahmen glänzend ausgeschmückt.

Alljährlich erhielt Jakob aus dem französischen Staatsschatze eine

Pension von über vierzigtausend Pfund. Außerdem hatte er eine aus den

schönsten Soldaten Europa's bestehende Ehrenwache. Wenn er sich mit der

Jagd unterhalten wollte, stand ihm eine viel glänzendere Einrichtung

zu Gebote, als er sie selbst besessen, da er noch an der Spitze eines

großen Reiches stand, ein Heer von Jägern und Falkonieren, eine reiche

Sammlung von Flinten, Speeren, Histhörnern und Zelten, meilenlange

Netze, Parforcehunde, Fuchshunde, Windhunde, Koppeln für Eber und

Wölfe, Geierfalken für den Reiher und Hagerfalken für die wilde

Ente. Sein Empfangszimmer und sein Vorzimmer waren eben so prächtig

eingerichtet, als er es in Whitehall gewohnt gewesen war; auch hier war

er von blauen Bändern und weißen Stäben umgeben. Doch über dem Schlosse

und der ganzen Domäne lagerte eine beständige Trauer, zum Theil die

Folge schmerzlichen Sehnens und vereitelter Hoffnungen, besonders aber

des jämmerlichen Aberglaubens, der seinen Geist vollständig eingenommen

hatte und den auch fast alle Diejenigen erheuchelten, die nach seiner

Gunst strebten. Sein Palast hatte das Aussehen eines Klosters. Es

befanden sich drei zu Andachtsübungen bestimmte Räume innerhalb des

großen Gebäudes, und dreißig bis vierzig Geistliche wohnten darin,

deren Gemächer von den Noblemen und Gentlemen, welche das Loos ihres

Souverains getheilt hatten und denen es hart dünkte, daß sie, während

so viel Platz unter seinem Dache war, in den Mansarden der benachbarten

Stadt schlafen mußten, mit neidischen Blicken betrachtet wurden. Zu

den Murrenden gehörte auch der glänzende Anton Hamilton. Er hat uns

eine Skizze des Lebens in Saint-Germains hinterlassen, zwar eine nur

flüchtige Skizze, aber des Künstlers nicht unwürdig, dem wir das

vollendetste und lebensvollste Gemälde des englischen Hofes aus den

Tagen seiner heitersten Blüthe verdanken. Er sagt, daß das Leben eine

ununterbrochene Kette religiöser Uebungen gewesen sei, daß man, um in

Frieden zu existiren, den halben Tag habe beten oder sich doch betend

stellen müssen; daß, wenn er einmal versucht habe, seine Melancholie zu

verscheuchen, indem er auf der prächtigen Terrasse, die auf das Thal

der Seine hinabsieht, ein wenig frische Luft schöpfte, er durch die

Stimme eines Jesuiten vertrieben worden sei, der einige protestantische

Loyale ins Gebet genommen, um ihnen zu beweisen, daß kein Ketzer in

den Himmel kommen könne. In der Regel, sagt Hamilton, haben Leute,

auf denen ein gemeinsames Mißgeschick lastet, starke gegenseitige

Sympathien und sind geneigt, einander Gefälligkeiten zu erzeigen. In

Saint-Germains war dem nicht so. Dort war Alles Zwietracht, Eifersucht

und Bitterkeit. Böswilligkeit verbarg sich unter dem äußeren Scheine

der Freundschaft und Frömmigkeit. Alle die Frommen des königlichen

Hauses beteten für einander und verleumdeten einander vom frühen Morgen

bis in die späte Nacht. Hier und da bemerkte man unter dem Schwarme

der Heuchler wohl auch einen Mann, der zu edeldenkend war, um sich

verstellen zu können. Aber ein solcher Mann konnte darauf rechnen, von

den Bewohnern jenes unheimlichen Aufenthaltsortes mit Geringschätzung

behandelt zu werden, mochte er auch anderwärts noch so vortheilhaft

bekannt sein.[2]

So sah es nach der Schilderung eines Katholiken am Hofe Jakob's

aus. War der Aufenthalt an diesem Hofe schon für einen Katholiken

unangenehm, so war er für einen Protestanten noch viel unangenehmer.

Denn der Protestant hatte außer all' den Widerwärtigkeiten, über welche

der Katholik klagte, eine Menge Kränkungen zu ertragen, von denen der

Katholik frei war. Bei jeder Concurrenz zwischen einem Protestanten

und einem Katholiken wurde der Katholik vorgezogen. Bei jedem Streite

zwischen einem Protestanten und einem Katholiken wurde angenommen, daß

der Katholik Recht habe. Während der ehrgeizige Protestant vergebens

auf Beförderung wartete, während der vergnügungssüchtige Protestant

sich vergebens nach Unterhaltung umsah, sah sich der ernste Protestant

vergebens nach geistlichen Belehrungen und Tröstungen um. Jakob würde

gewiß den Mitgliedern der englischen Kirche, die um seinetwillen Alles

aufgeopfert hatten, leicht haben die Erlaubniß auswirken können,

sich in aller Stille in einem bescheidenen Betzimmer zu versammeln

und das Brot und den Wein des heiligen Abendmahls aus den Händen

eines ihrer Geistlichen zu empfangen; aber er wollte seine Residenz

durch solche gottlose Andachtsübungen nicht schänden lassen. Doctor

Dennis Grandville, der lieber die reichste Dechanei, das reichste

Archidiaconat und eine der reichsten Pfründen in England aufgegeben,

als daß er die Eide geleistet hatte, erregte großes Aergerniß

durch das Ansuchen, den Verbannten seiner Glaubensrichtung Gebete

vorlesen zu dürfen. Sein Gesuch wurde abgeschlagen, und er wurde

von den Kaplanen seines Gebieters und deren Anhängern so gröblich

insultirt, daß er gezwungen war, Saint-Germains zu verlassen. Damit

kein zweiter anglikanischer Doctor in ähnlicher Weise lästig fiele,

schrieb Jakob seinen Agenten in England, er wünsche nicht, daß noch

ein protestantischer Theolog zu ihm herüberkomme.[3] Der überwiegende

Klerus wurde sogar in seinem Palaste noch ärger verhöhnt und geschmäht,

als in dem seines Neffen. Wenn irgend Jemand Anspruch darauf hatte,

in Saint-Germains mit Achtung genannt zu werden, so war es gewiß

Sancroft. Es hieß jedoch, daß die dort versammelten Bigotten nur mit

Widerwillen und Abscheu von ihm sprächen. Das Opfer der höchsten

Stelle in der Kirche, der ersten Stelle in der Pairie, des Palastes in

Lambeth und des Palastes in Croydon, eines ausgedehnten Patronats und

eines jährlichen Einkommens von mehr als fünftausend Pfund Sterling,

galt für eine geringfügige Sühne für das große Verbrechen, bescheidene

Einwendungen gegen die Indulgenzerklärung gemacht zu haben. Sancroft

wurde für einen eben solchen Verräther und für einen eben solchen

Bußfertigen erklärt wie Judas Ischariot gewesen war. Der alte Heuchler,

sagte man, habe, während er Ehrerbietung und Liebe zu seinem Gebieter

zur Schau getragen, den Feinden seines Gebieters das verderbliche

Zeichen gegeben. Als das Unheil angerichtet und nicht mehr gut zu

machen gewesen sei, habe das Gewissen den Sünder zu quälen begonnen. Er

habe, wie sein Vorbild, sich Vorwürfe gemacht und gejammert. Er habe,

wie sein Vorbild, seinen Reichthum Denen vor die Füße geworfen, deren

Werkzeug er gewesen sei. Das Beste was er jetzt thun könne sei, die

Parallele vollständig zu machen, indem er sich aufhänge.[4]

Jakob scheint der Meinung gewesen zu sein, daß er den Ketzern, die

um seinetwillen Vermögen, Vaterland und Familie aufgegeben, keinen

größeren Beweis von Güte geben könne, als indem er sie auf ihren

Sterbebetten von seinen Priestern heimsuchen ließe. Wenn ein an Körper

und Geist hoffnungslos krank darniederliegender Mann, von dem Gesumme

schlechter Logik und schlechter Rhetorik betäubt, sich eine Hostie

in den Mund zwingen ließ, so wurde dem Hofe triumphirend ein großes

Werk der Gnade verkündet und der Neubekehrte mit allem religiösen

Pompe begraben. Wenn aber ein Royalist vom höchsten Range und vom

makellosesten Character als treuer Anhänger der englischen Kirche

starb, so wurde auf freiem Felde eine Grube gegraben und er wurde

mitten in der Nacht hineingeworfen und mit Erde zugedeckt wie ein

Stück Aas. Eine solche Beerdigung wurde dem Earl von Dunfermline zu

Theil, der dem Hause Stuart mit Gefahr seines Lebens und mit Verlust

seines ganzen Vermögens gedient, der bei Killiecrankie gefochten und

nach dem Siege die noch athmenden Ueberreste Dundee's aufgehoben

hatte. Bei seinen Lebzeiten war er schimpflich behandelt worden.

Die schottischen Offiziere, welche lange unter ihm gedient, hatten

vergebens darum gebeten, daß, wenn sie zu einer Compagnie formirt

werden sollten, er auch ferner ihr Anführer bleiben möge. Seine

Religion war als ein fataler Unfähigkeitsgrund angesehen worden. Ein

unwürdiger Abenteurer, dessen einzige Empfehlung darin bestand, daß

er ein Papist war, wurde eingezogen. Dunfermline erschien noch eine

kurze Zeit lang in dem Zirkel, welcher den Fürsten umgab, dem er nur

zu treu gedient hatte; aber es half ihm nichts. Die Bigotten, die den

Hof beherrschten, verweigerten dem zu Grunde gerichteten und aus seinem

Vaterlande vertriebenen Lord die Mittel zu seinem Unterhalte; er starb

an gebrochenem Herzen, und sie verweigerten ihm sogar ein Grab.[5]

[_Gesinnung der Jakobiten. Die Vergleicher._] Die der protestantischen

Religion in Saint-Germains täglich zugefügten Insulten machten einen

großen Eindruck in England. Die Whigs fragten triumphirend, ob es

nicht klar sei, daß der alte Tyrann gänzlich unverbesserlich sei, und

selbst unter den Eidverweigerern beobachteten Viele sein Verfahren

mit Beschämung, Abscheu und Besorgniß.[6] Die jakobitische Partei

war von Anfang an in zwei Sectionen zerfallen, welche einige Jahre

nach der Revolution als die Vergleicher (+Compounders+) und die

Nichtvergleicher (+Noncompounders+) bekannt zu werden begannen. Die

Vergleicher waren Diejenigen, welche eine Restauration wünschten,

aber eine von einer allgemeinen Amnestie und von Bürgschaften für die

Sicherheit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs

begleitete Restauration. Die Nichtvergleicher hielten es für offenbaren

Whiggismus, für offenbare Rebellion, die unglückliche Lage Sr. Majestät

dazu zu benutzen, ihm Bedingungen vorzuschreiben. Es sei die klar am

Tage liegende Pflicht seiner Unterthanen, ihn zurückzuführen. Welche

Verräther er bestrafen und welche Verräther er schonen, welche Gesetze

er beobachten und von welchen Gesetzen er sich dispensiren würde, das

seien Fragen, die er allein zu entscheiden habe. Wenn er sie falsch

entschiede, so habe er seinen Irrthum vor Gott und nicht vor seinem

Volke zu verantworten.

[_Die Nichtvergleicher._] Die Hauptmasse der englischen Jakobiten waren

mehr oder weniger Vergleicher. Die reinen Nichtvergleicher fanden sich

hauptsächlich unter den Römischkatholischen, denen ganz natürlich

nicht darum zu thun war, Sicherheit für eine Religion, die sie für

ketzerisch hielten, oder für eine Regierungsform zu erlangen, von deren

Wohlthaten sie ausgeschlossen waren. Auch gab es einige protestantische

Eidverweigerer, wie Kettlewell und Hickes, welche der Theorie Filmer's

entschlossen bis zu ihren äußersten Consequenzen folgten. Aber

obgleich Kettlewell seine Landsleute zu überzeugen versuchte, daß die

monarchische Regierungsform von Gott angeordnet sei, nicht als ein

Mittel, sie hienieden glücklich zu machen, sondern als ein Kreuz,

das sie anzunehmen und in der Hoffnung, im Jenseits für ihre Leiden

belohnt zu werden, zu tragen verpflichtet seien, und obgleich Hickes

ihnen versicherte, daß es in der ganzen Thebanischen Legion nicht einen

einzigen Vergleicher gegeben habe, so waren doch sehr wenige Anhänger

der Staatskirche geneigt, sich zu keinem andren Zwecke als um die Hohe

Commission und das Dispensationsrecht wiederherzustellen, dem Tode am

Galgen auszusetzen.

Die Vergleicher bildeten die Hauptstärke der jakobitischen Partei in

England; aber die Nichtvergleicher hatten bisher in Saint-Germains

die ungetheilte Herrschaft besessen. Kein Protestant, kein gemäßigter

Katholik, Niemand, der nur anzudeuten wagte, daß ein Gesetz der

königlichen Prärogative Fesseln anlegen könne, hatte von dem verbannten

Könige die geringste Gunstbezeigung zu erwarten. Die Priester und der

Apostel Melfort, der erklärte Feind der protestantischen Religion und

der bürgerlichen Freiheit, der Parlamente, der Geschwornengerichte und

der Habeascorpusacte, waren im ausschließlichen Besitz des königlichen

Ohres. Herbert wurde Kanzler genannt, hatte den Vortritt vor den

übrigen Staatsbeamten, trug eine mit Gold gestickte schwarze Robe und

führte ein Siegel; aber er war Mitglied der englischen Kirche und

deshalb hatte er keinen Sitz im Staatsrathe.[7]

Die Sache war die, daß die Fehler von Jakob's Geist und Herz unheilbar

waren. Seiner Ansicht nach konnte zwischen ihm und seinen Unterthanen

keine Gegenseitigkeit der Verpflichtung stattfinden. Es war ihre

Schuldigkeit, Eigenthum, Freiheit und Leben zu wagen, um ihn wieder

auf den Thron zu bringen, und dann geduldig zu tragen, was er über

sie zu verhängen für gut finden würde. Sie hatten vor ihm nicht mehr

Anspruch auf Verdienst, als vor Gott. Wenn sie Alles gethan hatten,

waren sie immer noch werthlose Knechte. Das höchste Lob, das dem

Royalisten gebührte, der sein Blut auf dem Schlachtfelde oder auf dem

Blutgerüst für die erbliche Monarchie vergoß, bestand einfach darin,

daß er kein Hochverräther war. Nach all' den harten Lehren, die der

entthronte König erfahren, war er noch immer eben so geneigt, die

englische Kirche auszuplündern und zu erniedrigen, wie an dem Tage, da

er den knieenden Fellows des Magdalenencollegiums sagte, sie sollten

ihm aus den Augen gehen, oder an dem Tage, wo er die Bischöfe in den

Tower schickte. Er pflegte zu sagen, daß er lieber sterben wolle,

ohne England wiederzusehen, als mit Denen kapituliren, denen er zu

befehlen habe.[8] In der Erklärung vom April 1692 zeigt sich der ganze

Mensch ohne Maske, erfüllt von seinen imaginären Rechten, unfähig zu

begreifen, wie irgend Jemand außer ihm irgend ein Recht haben könne,

einfältig, halsstarrig und grausam. Ein andres Dokument, das er um

die nämliche Zeit aufsetzte, beweist womöglich noch deutlicher, wie

wenig Nutzen er aus einer harten Erfahrung gezogen hatte. In diesem

Aufsatze entwickelt er den Plan, nach dem er zu regieren gedachte,

wenn er wieder eingesetzt werden sollte. Er stellte es als Regel

auf, daß ein Commissar des Schatzes, ein oder zwei Staatssekretäre,

der Kriegssekretär, die Mehrheit der Großbeamten des Hofstaats, die

Mehrheit der Kammerherren, die Mehrheit der Offiziere von der Armee,

stets Katholiken sein müßten.[9]

Umsonst schrieben die ausgezeichnetsten Vergleicher von London

Briefe auf Briefe voll vernünftigen Rathes und eindringlicher Bitten

an ihn. Umsonst bewiesen sie ihm aufs Klarste die Unmöglichkeit,

das Uebergewicht des Papismus in einem Lande zu befestigen, wo

mindestens neunundvierzig Funfzigstel der Bevölkerung und viel mehr

als neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens und der Intelligenz

protestantisch seien. Umsonst theilten sie ihrem Gebieter mit, daß die

Erklärung vom April 1692 von seinen Feinden mit Frohlocken, von seinen

Freunden mit tiefer Betrübniß gelesen, daß sie von den Usurpatoren

gedruckt und verbreitet worden sei, daß sie mehr als alle Libelle der

Whigs dazu beigetragen, die Nation gegen ihn aufzubringen, und den

Flottenoffizieren, die ihm ihre Unterstützung versprochen gehabt, einen

plausiblen Vorwand geliefert habe, das ihm gegebene Wort zu brechen

und die Flotte zu zerstören, die ihn in sein Königreich zurückbringen

sollte. Er blieb so lange taub gegen die Vorstellungen seiner besten

Freunde in England, bis diese Vorstellungen in Versailles ein Echo

zu finden begannen. Alles was Ludwig und seine Minister über den

Zustand unsrer Insel in Erfahrung bringen konnten, überzeugte sie,

daß Jakob nie wieder eingesetzt werden würde, wenn er es nicht über

sich gewann, seinen Unterthanen große Zugeständnisse zu machen. Es

wurde ihm daher, zwar freundlich und artig, aber sehr nachdrücklich

zu verstehen gegeben, daß er wohl thun würde, seine Entschließungen

und seine Rathgeber zu ändern. Frankreich könne den Krieg nicht zu

dem Zwecke fortsetzen, einer Nation einen Souverain aufzudringen, den

sie nicht haben wolle. Es seufze unter der Wucht der öffentlichen

Lasten, sein Handel und seine Industrie stockten, seine Feldfrüchte

und sein Wein seien mißrathen. Das Landvolk verhungere, schon lasse

sich das beginnende Murren der Provinzialstände vernehmen. Es gebe

eine Grenze für das Maß der Opfer, die auch der unumschränkteste Fürst

von Denen verlangen könne, über die er herrsche. So sehr auch der

Allerchristlichste König wünsche, die Sache der erblichen Monarchie

und der reinen Religion in der ganzen Welt aufrecht zu erhalten, so

habe er doch vor Allem Pflichten gegen sein eignes Land, und wenn nicht

bald eine Contrerevolution in England einträte, würden diese Pflichten

gegen sein eignes Königreich ihn in die schmerzliche Nothwendigkeit

versetzen, mit dem Prinzen von Oranien zu unterhandeln. Jakob werde

daher wohl thun Alles aufzubieten, was er mit seiner Ehre und seinem

Gewissen vereinbaren könne, um die Herzen seines Volks wieder zu

gewinnen.

[_Ministerwechsel in Saint-Germains. Middleton._] So gedrängt,

gab Jakob mit Widerstreben nach und verstand sich dazu, einem der

Ausgezeichnetsten unter den Vergleichern, dem Earl von Middleton, einen

Antheil an der Leitung seiner Angelegenheiten zu bewilligen.

Middleton's Familie und Pairie waren schottischen Ursprungs. Er war

mit einigen der vornehmsten Häuser England's nahe verwandt, er hatte

lange in England gelebt, war von Karl II. zu einem der englischen

Staatssekretäre ernannt und von Jakob mit der Leitung des englischen

Hauses der Gemeinen beauftragt worden. Seine Talente und Kenntnisse

waren bedeutend, sein Character sanft und edel, seine Manieren

leutselig, und sein politisches Verhalten war durchaus consequent

und ehrenwerth gewesen. Er hatte sich, als der Papismus dominirte,

entschieden geweigert, die königliche Gunst durch Apostasie zu

erkaufen. Römisch-katholische Geistliche waren abgeschickt worden, um

ihn zu bekehren, und die Stadt hatte sich höchlich an der Gewandtheit

ergötzt, mit der der Laie die Theologen schlug. Ein Priester wollte

ihm die Lehre von der Transsubstantiation demonstriren und leitete

die Sache in der gewöhnlichen Form ein. »Eure Lordschaft glaubt an

die Dreieinigkeit?« -- »Wer sagt Ihnen das?« entgegnete Middleton.

»Wie? Sie glauben nicht an die Dreieinigkeit?« rief der Priester ganz

erstaunt. »Nein,« antwortete Middleton. »Beweisen Sie mir, daß Ihre

Religion die wahre ist, wenn Sie es können, aber katechesiren Sie mich

nicht über die meinige.« Da es sich klar zeigte, daß der Sekretär

kein Disputant war, dem sich leicht beikommen ließ, so endete die

Disputation fast sogleich nachdem sie begonnen hatte.[10] Als das

Glück sich wendete, blieb Middleton der Sache der erblichen Monarchie

mit einer Standhaftigkeit treu, die um so achtungswerther war, als

es ihm ein Leichtes gewesen sein würde, sich mit der neuen Regierung

auszusöhnen. Seine Gesinnungen waren so wohl bekannt, daß er, als das

Land von der Besorgniß einer Invasion und eines Aufstandes bewegt war,

verhaftet und in den Tower geschickt wurde, aber man entdeckte keinen

Grund, auf welchen hin man ihn des Hochverraths hätte anklagen können,

und als die gefährliche Krisis vorüber war, wurde er wieder in Freiheit

gesetzt. Er scheint auch wirklich während der drei Jahre, welche auf

die Revolution folgten, keineswegs ein thätiger Verschwörer gewesen

zu sein. Er sah ein, daß eine Restauration nur mit der allgemeinen

Zustimmung der Nation herbeigeführt werden konnte und daß die Nation

ohne Garantien gegen Papismus und Willkürherrschaft nie in eine

Restauration willigen würde. Daher war er überzeugt, daß es, so lange

sein verbannter Gebieter sich hartnäckig weigerte solche Garantien zu

geben, schlimmer als nutzlos sein würde, gegen die bestehende Regierung

zu conspiriren.

Dies war der Mann, den Jakob in Folge nachdrücklicher Vorstellungen von

Seiten Versailles' jetzt einlud, zu ihm nach Frankreich zu kommen. Die

große Masse der Vergleicher vernahm mit großer Freude, daß sie endlich

im Staatsrathe zu Saint-Germains durch einen ihrer Lieblingsführer

vertreten werden sollten. Einige Noblemen und Gentlemen, die zwar die

Entthronung Jakob's nicht gebilligt hatten, denen aber sein verkehrtes

und albernes Benehmen so zuwider geworden war, daß sie schon längst

alle Verbindung mit ihm abgebrochen, begannen jetzt zu hoffen, daß

er seinen Irrthum eingesehen habe. Mit Melfort hatten sie nichts zu

thun haben wollen, mit Middleton setzten sie sich gern in Vernehmen.

Der neue Minister conferirte auch mit den vier Verräthern, deren

Schändlichkeit durch ihre Stellung, ihre Talente und ihre dem Staate

geleisteten wichtigen Dienste eine besondere Bedeutsamkeit erlangt hat,

mit Godolphin, dessen erster Lebenszweck darin bestand, bei beiden

rivalisirenden Königen zu gleicher Zeit in Gunst zu bleiben und durch

alle Revolutionen und Contrerevolutionen seinen Kopf, sein Vermögen und

einen Platz im Schatzamte zu behalten; mit Shrewsbury, der, nachdem er

einmal in einem unheilvollen Augenblicke verbrecherische und entehrende

Verpflichtungen übernommen, nicht die Energie besessen hatte, sich

von denselben loszureißen; mit Marlborough, der noch immer die

aufrichtigste Reue wegen der Vergangenheit und die besten Absichten für

die Zukunft an den Tag legte, und mit Russell, welcher erklärte, daß er

noch der Nämliche sei, der er vor der Schlacht von La Hogue gewesen,

und der das Versprechen erneuerte, zu thun was Monk gethan habe, unter

der Bedingung, daß allen politischen Verbrechern ein Generalpardon

zugesichert und daß die königliche Gewalt starken constitutionellen

Beschränkungen unterworfen würde.

Ehe Middleton England verließ, hatte er die Meinung aller Oberhäupter

der Vergleicher sondirt. Sie waren der Ansicht, daß es ein Mittel gebe,

welches die streitenden Parteien des Vaterlandes mit einander aussöhnen

und zur baldigen Pacifirung Europa's führen werde. Dieses Mittel

sei, daß Jakob zu Gunsten des Prinzen von Wales die Krone niederlege

und daß der Prinz von Wales protestantisch erzogen werde. Wenn Se.

Majestät, was nur zu wahrscheinlich sei, sich weigern sollte, diesem

Vorschlage Gehör zu geben, so müsse er wenigstens einwilligen, eine

Erklärung zu erlassen, welche den ungünstigen Eindruck verwische, den

seine Erklärung vom vergangenen Frühjahr gemacht habe. Es wurde mit

aller Sorgfalt eine Schrift in der für zweckmäßig erachteten Fassung

entworfen und nach langer Discussion genehmigt.

Zu Anfang des Jahres 1693 stahl sich Middleton, nachdem er die

Ansichten der vornehmsten englischen Jakobiten gesammelt hatte,

über den Kanal und erschien am Hofe von Saint-Germains. Es fehlte

an diesem Hofe nicht an Verleumdern und Spöttern, deren Bosheit

um so gefährlicher war, weil sie die Maske der Gutmüthigkeit und

Scheinheiligkeit trug.

Middleton fand bei seiner Ankunft, daß zahlreiche, von den ihn

fürchtenden und hassenden Priestern fabricirte Lügen bereits in Umlauf

gesetzt waren. Es hatten auch einige Nichtvergleicher von London

geschrieben, daß er im Herzen ein Presbyterianer und Republikaner sei.

Er wurde jedoch sehr freundlich aufgenommen und zugleich mit Melfort

zum Staatssekretär ernannt.[11]

[_Jakob erläßt eine neue Erklärung._] Es zeigte sich bald, daß Jakob

fest entschlossen war, nie auf die Krone zu verzichten oder zuzugeben,

das der Prinz von Wales als Ketzer erzogen wurde, und es schien lange

zweifelhaft, ob irgend welche Beweisgründe und Bitten ihn bewegen

würden, die von seinen Freunden in England entworfene Erklärung zu

unterzeichnen. Das Schriftstück war allerdings sehr verschieden von

jedem, das bisher unter seinem großen Siegel erschienen war. Man

ließ ihn darin versprechen, daß er allen seinen Unterthanen, die ihm

bei seiner Landung auf der Insel keinen Widerstand entgegensetzen

würden, vollständige Amnestie gewähren wolle; daß er sogleich nach

seiner Wiedereinsetzung ein Parlament zusammenberufen werde; daß er

alle diejenigen während der Usurpation erlassenen Gesetze, die ihm die

beiden Häuser zur Bestätigung vorlegen würden, bestätigen werde; daß

er sein Recht auf die Kaminsteuer aufgeben, daß er die Staatskirche

im Genusse aller ihrer Besitzungen und Privilegien schützen und

vertheidigen werde; daß er die Testacte nicht wieder verletzen, daß er

die Bestimmung des Umfangs seiner Dispensationsgewalt der Legislatur

überlassen und die Ansiedlungsacte in Irland aufrecht erhalten wolle.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 12 / 27 段