großer Theil der Mitglieder stürmisch nach einem angeseheneren Opfer.
Burnet hatte kurz nachdem er Bischof von Salisbury geworden war an
den Klerus seiner Diöcese einen Hirtenbrief erlassen, worin er ihn
zur Eidesleistung ermahnte. In einer Stelle dieses Briefes führte er
eine Sprache, die einige Aehnlichkeit mit der des Pamphlets hatte,
das so eben zu den Flammen verurtheilt worden war. Es kamen zwar
Abweichungen vor, die einem einsichtsvollen und unparteiischen Tribunal
nicht hätten entgehen können. Aber das Tribunal, vor welchem Burnet
stand, war weder ein einsichtsvolles, noch ein unparteiisches. Seine
Fehler hatten ihm viele Feinde gemacht und seine Tugenden noch mehr.
Die mißvergnügten Whigs klagten, daß er sich zum Hofe hinneige, die
Hochkirchlichen, daß er sich zu den Dissenters hinneige, und es läßt
sich auch nicht annehmen, daß ein Mann von solcher Kühnheit und so
wenig Takt, ein so unbesonnener, freimüthiger und so rastlos thätiger
Mann durchs Leben gegangen sein sollte, ohne die Pläne Einiger, deren
Ansichten mit den seinigen übereinstimmten, zu durchkreuzen und ihre
Gefühle zu verletzen. Mit ganz besonderem Uebelwollen wurde er von
Howe betrachtet. Howe war, selbst als er im Amte war, niemals gewohnt
gewesen, seine beißende und muthwillige Zunge zu zügeln, und er war
unlängst in einer Weise aus dem Amte vertrieben worden, die ihn über
die Maßen wild gemacht hatte. Die Geschichte seiner Entlassung ist
nicht genau bekannt, aber sie war gewiß von Umständen begleitet, die
ihn heftig gereizt hatten. Wenn man dem Gerücht glauben durfte, hatte
er sich eingebildet, daß Marie ihn liebe, und eine Gelegenheit, die
sich ihm darbot, als er ihr Vicekammerherr war, dazu benutzt, ihr
Anträge zu machen, die ihren gerechten Unwillen erregten. Bald nach
seiner Entlassung wurde er in Anklagestand versetzt, weil er in einem
Anfall von Jähzorn einen seiner Diener innerhalb des Palastdistrikts
barbarisch geschlagen hatte. Er war schuldig befunden, aber begnadigt
worden; allein von diesem Augenblicke an zeigte er bei jeder
Gelegenheit den wüthendsten persönlichen Haß gegen seine königliche
Gebieterin, gegen ihren Gemahl und gegen Alle, die bei Einem von
Beiden in Gunst standen. Es war bekannt, daß die Königin Burnet häufig
zu Rathe zog, und Howe glaubte, daß ihre Strenge Burnet's Einfluß
zuzuschreiben sei.[111] Jetzt war die Zeit gekommen, wo er sich rächen
konnte. In einer langen und vortrefflich ausgearbeiteten Rede stellte
der hämische Whig -- denn für einen solchen gab er sich noch aus --
Burnet als einen Tory von der schlimmsten Sorte dar. »Es sollte ein
Gesetz geben,« sagte er, »das den Geistlichen bei Strafe verböte, in
ihren Vorträgen von Politik zu sprechen. Früher versuchten sie uns
dadurch zu knechten, daß sie das göttliche und unveräußerliche Recht
des Fürsten predigten; jetzt wollen sie das nämliche Resultat dadurch
erreichen, daß sie uns sagen, wir seien ein erobertes Volk.« Es wurde
beantragt, den Bischof in Anklagestand zu versetzen. Gegen diesen
Antrag ließ sich ein unverwerflicher Einwand erheben, den der Sprecher
andeutete. Der Hirtenbrief war im Jahre 1689 geschrieben und stand
daher unter dem Schutze der im Jahre 1690 erlassenen Begnadigungsacte.
Dennoch scheute sich ein Mitglied nicht, zu sagen: »Gleichviel, man
klage ihn nur an und zwinge ihn, die Acte zu seinen Gunsten geltend
zu machen.« Indessen waren nur Wenige geneigt, ein eines Hauses der
Gemeinen so unwürdiges Verfahren einzuschlagen. Ein Spaßvogel rief
aus: »Man verbrenne ihn, man verbrenne ihn!«[112] und dieser schlechte
Witz lief durch alle Bänke und wurde mit schallendem Gelächter
aufgenommen. Es wurde beantragt, daß dieser Hirtenbrief vom Henker
verbrannt werden solle. Dieser Antrag rief eine lange und heftige
Debatte hervor, denn Burnet war ein Mann, der eben so warme Freunde
als bittere Feinde hatte. Die große Mehrheit der Whigs hielt fest zu
ihm und seine Gutherzigkeit und Hochsinnigkeit hatte ihm selbst unter
den Tories Freunde verschafft. Der Kampf währte zwei Tage. Montague
und Finch, Männer von weitauseinandergehenden Ansichten, figurirten
unter den Vertheidigern des Bischofs in erster Reihe. Ein Versuch,
sich des Gegenstandes durch Beantragung der vorläufigen Frage zu
entledigen, scheiterte. Endlich wurde die Hauptfrage gestellt und der
Hirtenbrief mit einer geringen Majorität in einem vollen Hause zu den
Flammen verurtheilt. Es hatten hundertzweiundsechzig Mitglieder mit Ja,
hundertfünfundfunfzig mit Nein gestimmt.[113] Die allgemeine Meinung,
wenigstens in der Hauptstadt, scheint die gewesen zu sein, daß Burnet
rücksichtslos behandelt worden sei.[114]
Er war von Natur kein Mann von feinem Gefühl, und das Leben, welches er
geführt, war nicht eben geeignet gewesen es zu verfeinern. Seit vielen
Jahren war er eine Zielscheibe für theologischen und politischen Haß.
Gelehrte Doktoren hatten Anathemas gegen ihn geschleudert; gemeine
Poeten hatten ihn in Spottliedern verhöhnt; Fürsten und Minister
hatten ihm nach dem Leben getrachtet; er war lange ein Umherirrender
und Verbannter gewesen, in beständiger Gefahr aufgegriffen, in die
spanischen Stiefeln gesteckt und gehängt und geviertheilt zu werden.
Doch nichts von dem Allen scheint ihn irre gemacht zu haben. Sein
Eigendünkel war gegen jeden Spott, sein unerschrockener Muth gegen
jede Gefahr gewappnet. Bei dieser Gelegenheit aber scheint seine
Standhaftigkeit ihn verlassen zu haben. Von dem volksthümlichen
Zweige der Legislatur als ein Lehrer von Doctrinen, so servil, daß
sie selbst Tories zuwider waren, gebrandmarkt zu werden, mit dem
Herausgeber von Filmer in ein Verdammungsurtheil eingeschlossen zu
sein, das war zu viel. Wie tief Burnet sich gekränkt fühlte, zeigte
sich viele Jahre später, als nach seinem Tode seine +History of his
Life and Times+ der Oeffentlichkeit übergeben wurde. In diesem Werke
ergeht er sich gewöhnlich mit geschwätziger Weitschweifigkeit über
Alles, was seine Person berührt, und erzählt zuweilen mit ergötzlicher
Offenheit seine eigenen Fehler und den Tadel, den diese Fehler ihm
zuzogen. Das vom Hause der Gemeinen über seinen Hirtenbrief verhängte
schimpfliche Urtheil übergeht er jedoch mit einem sehr bedeutsamen
Stillschweigen.[115]
Das Complot, welches Bohun ins Verderben stürzte, gereichte zwar Denen,
die es geschmiedet, nicht zur Ehre, hatte aber wichtige und heilsame
Folgen. Bevor das Verfahren des unglücklichen Censors der Beurtheilung
des Parlaments vorgelegt wurde, hatten die Gemeinen, ohne Abstimmung und
so weit es ersichtlich ist, ohne Discussion, beschlossen, daß die Acte,
welche die Literatur einer Censur unterwarf, in Kraft bleiben solle.
Jetzt indeß hatte die Frage eine neue Gestalt angenommen, und das
Fortbestehen der Acte wurde nicht mehr als etwas Selbstverständliches
betrachtet. Es begann sich eine der Freiheit der Presse günstige
Stimmung zu zeigen, eine Stimmung, die allerdings noch keine große
Ausdehnung und keine bedenkliche Intensität hatte. Das bestehende
System, sagte man, sei sowohl dem Handel als den Wissenschaften
nachtheilig. Könne man wohl erwarten, daß ein Kapitalist die zu einem
großen literarischen Unternehmen erforderlichen Gelder vorstrecken, oder
daß ein Gelehrter jahrelange Mühen und Forschungen auf ein solches
Unternehmen verwenden werde, so lange es möglich sei, daß im letzten
Augenblicke die Laune, die Bosheit oder die Dummheit eines Einzelnen den
ganzen Plan zerstören könne? Und sei es gewiß, daß das Gesetz, das die
Freiheit des Handels und des Gedankens so drückend beschränke, wirklich
die Sicherheit des Staates vermehrt habe? Hätten nicht ganz neue
Erfahrungen bewiesen, daß der Censor selbst ein Freund Ihrer Majestäten,
oder noch schlimmer, ein alberner und verkehrter Freund sein könne; daß
er ein Buch unterdrücken könne, von dem es in ihrem Interesse liege, daß
jedes Haus im ganzen Lande ein Exemplar besitze, und daß er bereitwillig
seine Sanction einem Libell geben könne, das die Tendenz habe, sie ihrem
Volke verhaßt zu machen, und das von der Hand Ketch's zerrissen und
verbrannt zu werden verdiene? Habe die Regierung durch Einführung einer
literarischen Polizei, welche die Engländer verhindere, die Geschichte
der blutigen Assisen zu besitzen, und ihnen dafür erlaube, Abhandlungen
zu lesen, welche den König Wilhelm und die Königin Marie als Eroberer
darstellten, etwa viel gewonnen?
Zur damaligen Zeit reichten Personen, die kein specielles Interesse an
einer allgemeinen Bill hatten, nur sehr selten Petitionen gegen oder für
dieselbe beim Parlamente ein. Die eingegangenen Petitionen, welche bei
dieser Gelegenheit den beiden Häusern gegen die Censur vorgelegt wurden,
gingen daher von Buchhändlern, Buchbindern und Buchdruckern aus.[116]
Aber die Ansicht, welche diese Klassen aussprachen, beschränkte sich
sicherlich nicht auf sie.
Das dem Erlöschen nahe Gesetz hatte acht Jahre bestanden. Es wurde nur
auf zwei Jahre erneuert. Aus einer leider lückenhaften Notiz in den
Protokollen der Gemeinen geht hervor, daß eine Abstimmung über ein
Amendement stattfand, über dessen Natur wir völlig im Dunkeln gelassen
sind. Die Stimmen waren neunundneunzig gegen achtzig. Bei den Lords
wurde nach dem Rathe, den fünfzig Jahre früher Milton gab, und den
Blount ihm gestohlen hatte, vorgeschlagen, jedes Buch, auf dessen Titel
der Name eines Verfassers oder Verlegers angegeben sei, von der
Autorität des Censors auszuschließen. Dieses Amendement wurde verworfen
und die Bill angenommen, jedoch nicht ohne einen von elf Peers
unterzeichneten Protest, in welchem sie erklärten, daß es ihrer Ansicht
nach nicht im Interesse des Staats liegen könne, alle Wissenschaft und
wahre Belehrung der Willkür und dem Belieben eines bezahlten und
vielleicht unwissenden Censors zu unterwerfen. Unter den Protestirenden
befanden sich Halifax, Shrewsbury und Mulgrave, drei Edelleute, welche
verschiedenen politischen Parteien angehörten, sich aber sämmtlich durch
wissenschaftliche Bildung auszeichneten. Es ist zu beklagen, daß die
Unterschriften Tillotson's und Burnet's fehlen, welche beide an diesem
Tage anwesend waren. Dorset war abwesend.[117]
Blount, durch dessen Bemühungen und Machinationen die Opposition gegen
die Censur hervorgerufen worden war, lebte nicht so lange um diese
Opposition mit Erfolg gekrönt zu sehen. Obgleich kein junger Mann mehr,
war er von einer leidenschaftlichen Liebe zu der Schwester seiner
verstorbenen Frau erfüllt. Nachdem er sich lange vergebens bemüht hatte,
den Gegenstand seiner Liebe zu überzeugen, daß sie rechtmäßigerweise
seine Gattin werden könne, brachte er sich endlich, ob aus
Lebensüberdruß, oder in der Hoffnung, dadurch ihr Herz zu rühren, eine
Wunde bei, an der er nach langem Siechthum starb. Er ist oft ein
Gotteslästerer und Selbstmörder genannt worden, aber der wichtige
Dienst, den er seinem Vaterlande, allerdings durch höchst unmoralische
und entehrende Mittel leistete, ist fast unerwähnt geblieben.[118]
[_Zustand Irland's._] Spät in dieser geschäftsreichen und ereignißvollen
Session wurde die Aufmerksamkeit der Häuser auf den Zustand Irland's
gelenkt. Die Verwaltung dieses Reiches war während der sechs Monate,
welche auf die Uebergabe von Limerick folgten, in einem ungeregelten
Zustande gewesen. Erst als die irischen Truppen, welche zu Sarsfield
hielten, nach Frankreich abgesegelt waren, und als die, die sich für das
Zurückbleiben entschieden hatten, aufgelöst worden waren, erließ Wilhelm
endlich eine Proklamation, in der er die Beendigung des Bürgerkrieges
feierlich ankündigte. Von der Feindseligkeit der eingeborenen
Bevölkerung war bei ihrem jetzigen Mangel an Anführern, Waffen und
Organisation nichts weiter zu befürchten als gelegentliche Räubereien
und Morde. Aber der Kriegsruf der Irländer war kaum verstummt, als sich
auch schon das erste schwache Gemurmel der Engländer vernehmen ließ.
Coningsby stand seit einigen Monaten an der Spitze der Verwaltung. Er
machte sich der dominirenden Kaste bald im höchsten Grade verhaßt. Er
war ein characterloser Mensch, von einer unersättlichen Gier nach
Reichthümern beseelt und in einer Stellung, in der ein characterloser
Mann leicht zu Reichthümern gelangen konnte. Ungeheure Summen Geldes,
ungeheure Massen militärischer Vorräthe waren von England
herübergeschickt worden, großartige Confiscationen fanden in Irland
statt. Der habsüchtige Gouverneur hatte täglich Gelegenheit zu
unterschlagen und zu erpressen, und er benutzte diese Gelegenheiten ohne
Gewissensscrupel und ohne Scham. Dies war jedoch in den Augen der
Colonisten noch nicht sein größtes Verbrechen. Seine Habgier würden sie
ihm noch verziehen haben; aber die Milde, die er gegen ihre besiegten
und geknechteten Feinde übte, konnten sie ihm nicht verzeihen. Seine
Milde bestand allerdings nur darin, daß er das Geld mehr liebte als er
die Papisten haßte, und daß er nicht abgeneigt war, Dem und Jenem von
der unterdrückten Klasse ein wenig Gerechtigkeit für einen hohen Preis
zu verkaufen. Leider betrachtete die herrschende Minderheit, noch
blutend von den Wunden des letzten Kampfes und noch trunken von dem
errungenen Siege, die unterjochte Mehrheit als eine Heerde Vieh, oder
vielmehr als ein Rudel Wölfe. Der Mensch erkennt dem niedrigen Thiere
keine Rechte zu, die sich mit seiner Bequemlichkeit nicht vertragen, und
wie der Mensch die unter ihm stehenden Thiere behandelt, so glaubte der
Cromwellianer die römischen Katholiken behandeln zu dürfen. Coningsby
zog sich daher durch seine wenigen guten Thaten einen ärgeren Sturm von
Vorwürfen zu, als durch seine vielen schlechten Thaten. Das Geschrei
gegen ihn war so heftig, daß er abberufen werden mußte, und Sidney ging
mit der ganzen Macht und dem ganzen Ansehen eines Vicekönigs hinüber, um
in Dublin ein Parlament zu halten.[119]
Aber der sanfte Character und die gewinnenden Manieren Sidney's machten
keineswegs einen versöhnenden Eindruck. Er selbst scheint zwar nicht
nach unerlaubtem Gewinn gestrebt zu haben; aber er verstand es nicht,
mit hinreichend fester Hand den Schwarm der Subalternbeamten zu zügeln,
welche durch Coningsby's Beispiel und Protection ermuthigt worden waren,
das Volk auszuplündern und ihre Dienste Supplikanten zu verkaufen. Auch
war der neue Vicekönig nicht geneigt, die schwachen Ueberreste der
einheimischen Aristokratie hart zu behandeln. Daher wurde er denn sehr
bald für die angelsächsischen Colonisten ein Gegenstand des Mißtrauens
und des Widerwillens. Sein erster Act war, daß er eine allgemeine Wahl
ausschrieb. Die Katholiken waren von jeder Municipalcorporation
ausgeschlossen worden; aber kein Gesetz hatte ihnen noch das
Grafschaftswahlrecht entzogen. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß kein
einziger katholischer Freisasse sich den Wahlorten zu nähern wagte. Die
gewählten Mitglieder waren mit wenigen Ausnahmen Männer, die vom Geiste
von Enniskillen und Londonderry beseelt waren, einem in der Zeit der
Bedrängniß und Gefahr ungemein heldenmüthigen, in der Zeit des Glücks
und der Macht aber nur zu oft grausamen und herrschsüchtigen Geiste. Sie
verabscheuten den Civiltractat von Limerick und waren entrüstet, als sie
erfuhren, daß der Lordlieutenant mit Bestimmtheit die parlamentarische
Ratification dieses verhaßten Tractats von ihnen erwartete, eines
Tractats, der den Götzendienst der Messe sanctionirte und die guten
Protestanten verhinderte, ihre papistischen Nachbarn durch Anstellung
von Civilklagen wegen zur Zeit des Kriegs ihnen zugefügter Unbilden zu
Grunde zu richten.[120]
Am 5. October 1692 trat das Parlament zu Dublin in Chichester House
zusammen. Es war ganz anders zusammengesetzt als die Versammlung,
welche im Jahre 1689 denselben Namen getragen hatte. Kaum ein Peer, und
nicht ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, die in King's Inns gesessen,
war hier zu sehen. Auf den Schwarm der O und Mac, der Nachkommen der
ehemaligen Fürsten der Insel, waren Männer gefolgt, deren Namen einen
sächsischen Ursprung verriethen. Ein einziger O, ein von dem Glauben
seiner Väter Abgefallener, und drei Mac, offenbar Einwanderer aus
Schottland und wahrscheinlich Presbyterianer, hatten Sitze in der
Versammlung.
Das so zusammengesetzte Parlament besaß damals weniger Befugnisse als
die gesetzgebenden Versammlungen von Jamaika oder von Virginien. Die
in Dublin tagende Legislatur war nicht blos der absoluten Controle
der in Westminster tagenden Legislatur unterworfen, sondern ein im
15. Jahrhundert während der Verwaltung des Lordstellvertreters Poynings
erlassenes und nach ihm benanntes Gesetz hatte auch bestimmt, daß keine
vom englischen Geheimen Rathe nicht erwogene und genehmigte Bill in
einem der beiden irischen Häuser eingebracht und daß jede so berathene
und genehmigte Bill entweder ohne Amendement angenommen oder verworfen
werden müsse.[121]
Die Session begann mit der feierlichen Anerkennung der Oberherrlichkeit
des Mutterlandes. Die Gemeinen ließen sich von ihrem Schriftführer die
englische Acte vorlesen, welche von ihnen die Leistung des
Suprematseides und die Unterschreibung der Erklärung gegen die
Transsubstantiation verlangte. Nachdem sie die Verlesung der Acte
angehört, schritten sie sofort zur Befolgung derselben. Dann wurden
Adressen votirt, welche dem Könige die innigste Dankbarkeit und
Anhänglichkeit aussprachen. Zwei Mitglieder, welche zur Zeit der Unruhen
dem protestantischen und englischen Interesse untreu geworden waren,
wurden ausgestoßen. Geldsummen, welche im Vergleich zu den Hülfsquellen
eines durch jahrelangen Raubkrieg verwüsteten Landes bedeutend waren,
wurden gern bewilligt. Aber die Bill zur Bestätigung der Ansiedlungsacte
wurde als zu günstig für die eingeborne Gentry erachtet und, da sie
nicht amendirt werden durfte, ohne große Umstände verworfen. Ein
Ausschuß des ganzen Hauses resolvirte, daß die unverantwortliche
Nachsicht, mit der die Irländer seit der Schlacht am Boyne behandelt
worden, eine der Hauptursachen der Noth des Landes sei. Ein
Beschwerden-Ausschuß hielt täglich bis elf Uhr Abends Sitzung, und die
Proceduren dieser Untersuchungscommission beunruhigten das Schloß in
hohem Grade. Eine Menge Fälle von grober Feilheit und Schurkerei von
Seiten hoher Staatsbeamten wurden ans Licht gezogen, eben so auch viele
Beispiele von dem was man damals für eine strafbare Milde gegen die
unterjochte Nation hielt. Dieser Papist hatte in die Armee eintreten,
jener Papist ein Feuergewehr behalten dürfen; ein dritter hatte ein zu
gutes Pferd, ein vierter war gegen Protestanten in Schutz genommen
worden, die wegen Unbilden, welche sie in den Jahren der Verwirrung
erfahren hatten, Klage erheben wollten. Nachdem der Vicekönig ziemlich
so viel Geld bewilligt erhalten hatte als er erwarten durfte, beschloß
er diesen unangenehmen Untersuchungen ein Ziel zu setzen. Er wußte
jedoch, daß, wenn er sich mit dem Parlamente wegen strengen Verfahrens
gegen Peculatoren oder Papisten überwarf, er von England wenig Beistand
zu erwarten hatte. Er sah sich daher nach einem Vorwande um und war so
glücklich einen zu finden. Die Gemeinen hatten einen Beschluß gefaßt,
der mit einigem Anschein von Wahrheit als mit dem Poyningsgesetz
unverträglich dargestellt werden konnte. Alles, was wie eine Verletzung
dieses wichtigen Fundamentalgesetzes aussah, mußte aller
Wahrscheinlichkeit nach jenseit des St. Georgskanals entschiedene
Mißbilligung erregen. Der Vicekönig erkannte seinen Vortheil und
benutzte ihn. Er begab sich nach Chichester House in die Kammer der
Lords, ließ die Gemeinen kommen, gab ihnen einen nachdrücklichen
Verweis, beschuldigte sie des pflichtwidrigen und undankbaren
Eingreifens in die Rechte des Mutterlandes und machte der Session ein
Ende.[122]
Die Gemeinen entfernten sich höchlich aufgebracht über die Strafpredigt,
die er ihnen gehalten. Die Beschuldigung, die er gegen sie erhoben, sei
ungerecht, sagten sie; sie hegten große Zuneigung und Verehrung für das
Land, dem sie entsprossen seien, und erwarteten in vollem Vertrauen
Genugthuung von dem obersten Parlamente. Mehrere von ihnen reisten nach
London, um sich zu rechtfertigen und den Vicekönig anzuklagen. Sie
fanden langes und aufmerksames Gehör bei den Lords wie bei den Gemeinen
und wurden aufgefordert, den wesentlichen Inhalt des Gesagten
schriftlich aufzusetzen. Die demüthige Sprache der Petenten und ihre
Betheuerungen, daß sie nie die Absicht gehabt hätten, das Poyningsstatut
zu verletzen oder die Oberherrlichkeit England's zu bestreiten,
verwischten den Eindruck, den Sidney's Beschuldigung gemacht hatte.
Beide Häuser überreichten dem Könige Adressen über den Zustand Irland's.
Sie tadelten keinen Schuldigen mit Namen, sondern sprachen nur die
Ansicht aus, daß grobe Verwaltungssünden vorgekommen, daß das Publikum
ausgeplündert und daß die Katholiken mit unverantwortlicher Milde
behandelt worden seien. Wilhelm versprach ihnen in Antwort darauf, daß
etwaige Mißbräuche abgestellt werden sollten. Sein Freund Sidney wurde
bald zurückberufen und für den Verlust der viceköniglichen Würde durch
den einträglichen Posten des Feldzeugmeisters entschädigt. Die
Verwaltung Irland's wurde auf einige Zeit Lords Justices übertragen,
unter denen Sir Heinrich Capel, ein eifriger Whig, der sehr wenig
Neigung hatte, gegen die Papisten Nachsicht zu üben, die erste Stelle
einnahm.
[_Der König verweigert die Genehmigung der Dreijährigkeitsbill._] Die
Prorogation rückte heran und noch immer war das Schicksal der
Dreijährigkeitsbill zweifelhaft. Einige der geschicktesten Minister
hielten die Bill für eine gute, und selbst wenn sie sie für eine
schlechte gehalten hätten, würden sie wahrscheinlich versucht haben,
ihren Gebieter von der Verwerfung derselben abzubringen. Es war jedoch
nicht möglich, ihn von der Idee zurückzubringen, daß eine Concession in
diesem Punkte seine Autorität ernstlich beeinträchtigen würde. Da er
sich auf das Urtheil seiner gewöhnlichen Rathgeber nicht verlassen
wollte, schickte er Portland zu Sir Wilhelm Temple, um dessen Ansicht
einzuholen. Temple hatte sich auf einen Landsitz, Namens Moor Park, in
der Nähe von Farnham, zurückgezogen. Die Gegend um seine Wohnung war
fast eine Wildniß. Seit mehreren Jahren beschäftigte er sich damit, in
dieser Wüste einen Wohnsitz zu schaffen, den die holländischen
Bürgermeister, unter denen er einige der schönsten Jahre seines Lebens
zugebracht hatte, als ein Paradies betrachtet haben würden. Seine
Einsiedelei war hin und wieder mit einem Besuche des Königs beehrt
worden, der den Schöpfer der Tripleallianz von Jugend auf gekannt und
geachtet hatte und dem es wohl gefiel, inmitten des Haidekrauts und des
Ginsters der Wildnisse von Surrey einen Ort zu finden, der wie ein Stück
Holland aussah: einen graden Kanal, Terrassen, Reihen beschnittener
Bäume und rechteckige Blumen- und Gemüsebeete.
Nach diesem einsamen Wohnsitze begab sich Portland jetzt und fragte das
Orakel um Rath. Temple war entschieden der Meinung, daß die Bill
genehmigt werden müsse. Er fürchtete, daß die Gründe, die ihn zu dieser
Ansicht bestimmten, von Portland, der zwar ein so tapferer Soldat und
ein so zuverlässiger Freund war wie es je einen gegeben hat, dessen
natürliche Fähigkeiten nicht unbedeutend waren und der in einigen
Geschäftsbranchen viel Erfahrung besaß, der aber die Geschichte und die
Verfassung England's nur sehr unvollkommen kannte, dem Könige
nicht vollständig und genau berichtet werden möchten. Da der
Gesundheitszustand Sir William's ihm durchaus nicht gestattete, selbst
nach Kensington zu reisen, so beschloß er, seinen Sekretär dahin zu
senden. Der Sekretär war ein armer Gelehrter von einigen zwanzig Jahren,
unter dessen einfachem Rocke und linkischem Benehmen einige der
ausgezeichnetsten Geistesgaben verborgen waren, die die Natur je einem
Menschenkinde verliehen: ein seltenes Beobachtungstalent, ein glänzender
Witz, eine groteske Erfindungsgabe, ein Humor von der beißendsten
Schärfe, aber ausnehmend köstlich, eine wunderbar reine, männliche und
klare Beredtsamkeit. Dieser junge Mann hieß Jonathan Swift. Er war in
Irland geboren, würde sich aber beleidigt gefühlt haben, wenn man ihn
einen Irländer genannt hätte. Er war von reinem englischen Geblüt und
betrachtete die eingeborne Bevölkerung der Insel, auf der er das Licht
der Welt erblickt, Zeit seines Lebens als eine fremde und servile Kaste.
Er hatte unter der vorigen Regierung auf der Universität Dublin Collegia
gehört, sich dort aber nur durch seinen unregelmäßigen Lebenswandel
ausgezeichnet und nur mit Mühe seinen Grad erlangt. Zur Zeit der
Revolution hatte er sich mit vielen Tausenden seiner Mitcolonisten vor
den Gewaltthätigkeiten Tyrconnel's ins Mutterland geflüchtet und sich
glücklich geschätzt, daß er in Moor Park ein Obdach fand.[123] Dieses
Obdach kam ihm jedoch theuer zu stehen. Man hielt ihn mit zwanzig Pfund
jährlich und freier Station für seine Dienste hinlänglich bezahlt. Er
speiste an der zweiten Tafel. Zuweilen, wenn keine bessere Gesellschaft
zu haben war, wurde er allerdings eingeladen, mit seinem Prinzipal
Karten zu spielen, und Sir William war dann immer so großmüthig seinem
Gegner für den Anfang etwas Silbergeld zu geben.[124] Der bescheidene
Student würde es nicht gewagt haben, den Blick zu einer Dame von Familie
zu erheben; als er aber Kleriker geworden war, begann er nach Art der
damaligen Kleriker einem hübschen Kammermädchen den Hof zu machen,
welche die Hauptzierde der Dienerschaft war und deren Name mit dem
seinigen in einer traurigen und geheimnißvollen Geschichte
unzertrennlich verbunden ist.