Derartige Themata waren allerdings ganz geeignet, die Leidenschaften des

Hauses der Gemeinen zu entflammen. Die Aussicht auf eine Auflösung

konnte einem Mitgliede, dessen Wahl voraussichtlich bestritten werden

würde, nicht angenehm sein. Er mußte alle Erbärmlichkeiten des

Stimmenwerbens durchmachen, mußte Schaaren von Freisassen und Wählern

die Hand schütteln, mußte sich nach ihren Frauen und Kindern erkundigen,

mußte Transportmittel für auswärtige Wähler miethen, mußte Bierhäuser

öffnen, mußte für Berge von Rindfleisch sorgen, mußte Ale in Strömen

fließen lassen, und sah vielleicht nach all' der Plackerei und all' dem

Geldaufwande, nachdem er in Spottschriften geschmäht, hin und her

gestoßen und mit allem Möglichen beworfen worden war, seinen Namen am

äußersten Ende der Stimmliste, seine Gegner gewählt und sich selbst,

halb zu Grunde gerichtet, in Dunkelheit zurückfallen. All' dieses

Ungemach über sich zu bringen, wurde er jetzt aufgefordert, und von

Männern aufgefordert, deren Sitze in der gesetzgebenden Versammlung

permanent waren, die weder Ansehen noch Ruhe, weder Macht noch Geld

opferten, sondern sich das Lob des Patriotismus dadurch erwarben, daß

sie ihn zwangen, eine hohe Stellung aufzugeben, sich einer erschöpfenden

Arbeit und Angst zu unterziehen, seine Kornfelder zu verpfänden und

seine Forsten niederzuschlagen. Es herrschte natürlich eine große

Gereiztheit, wahrscheinlich eine größere Gereiztheit als sie aus den

Abstimmungen zu Tage tritt. Denn die Wahlkörper freuten sich im

Allgemeinen über die Bill, und viele Mitglieder, denen sie mißfiel,

scheuten sich doch ihr zu opponiren. Das Haus gab dem Drängen der

öffentlichen Meinung nach, aber nicht ohne innere Pein und ohne

Seelenkampf. Die Discussionen im Ausschusse müssen sehr heftig gewesen

sein. Es fielen so scharfe Worte zwischen Seymour und einem

whiggistischen Mitgliede, daß es nöthig wurde, den Sprecher auf seinen

Stuhl zu rufen und das Scepter auf den Tisch zu legen, um die Ordnung

wiederherzustellen. Eine Abänderung wurde vorgenommen. Die Frist, welche

die Lords dem bestehenden Parlamente bewilligt hatten, wurde vom ersten

Januar bis zu Mariä Verkündigung verlängert, damit vollkommen Zeit genug

zur Veranstaltung einer neuen Session blieb. Die dritte Lesung wurde mit

zweihundert gegen hunderteinundsechzig Stimmen angenommen. Die Lords

genehmigten die Bill in ihrer veränderten Form und es fehlte nichts mehr

als die königliche Zustimmung. Ob diese Zustimmung erfolgen würde oder

nicht, war eine Frage, die bis zum letzten Tage der Session

unentschieden blieb.[95]

Eine auffallende Inconsequenz in dem Verfahren der Reformers dieser

Generation verdient erwähnt zu werden. Es kam keinem von Denen, welche

eifrig für die Dreijährigkeitsbill eingenommen waren, in den Sinn, daß

jedes Argument, das zu Gunsten dieser Bill angeführt werden konnte, ein

Argument gegen die Regeln war, die man in früheren Zeiten zu dem Zwecke

aufgestellt hatte, um die parlamentarischen Berathungen und Abstimmungen

streng geheim zu halten. Es ist ganz natürlich, daß eine Regierung,

welche der Gesellschaft politische Privilegien vorenthält, ihr auch die

Kenntniß der Politik vorenthält. Aber es kann nichts Unvernünftigeres

geben als Macht zu bewilligen und nicht auch das Verständniß derselben,

ohne welche die größte Gefahr vorhanden ist, daß diese Macht

gemißbraucht wird. Was konnte widersinniger sein als Wahlkörper häufig

zusammenzuberufen, damit sie entscheiden könnten, ob ihr Repräsentant

seine Pflicht gegen sie gethan, und ihnen doch streng zu verbieten, aus

glaubwürdiger Quelle zu erfahren, was er gesprochen und wie er gestimmt

hatte? Die Absurdität scheint indessen völlig unangefochten

durchgegangen zu sein. Es ist sehr wahrscheinlich, daß unter den

zweihundert Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche für die dritte

Lesung der Dreijährigkeitsbill stimmten, nicht Einer war, der sich einen

Augenblick besonnen haben würde, Jeden nach Newgate zu schicken, der es

gewagt hätte, einen Bericht von den Debatten über diese Bill oder eine

Liste der Jas und Neins zu veröffentlichen. Dies kam daher, weil die

Geheimhaltung der Parlamentsdebatten, eine Geheimhaltung, die jetzt als

ein unerträglicheres Uebel betrachtet werden würde als das Schiffsgeld

oder die Sternkammer, damals selbst in den rechtschaffensten und

intelligentesten Geistern mit dem Begriffe der constitutionellen

Freiheit unzertrennlich verbunden war. Einige noch lebende alte Leute

konnten sich der Zeit erinnern, wo ein Gentleman, von dem man in

Whitehall wußte, daß er ein scharfes Wort gegen einen Günstling des

Hofes hatte fallen lassen, vor den Geheimen Rath gefordert und in den

Tower geschickt worden wäre. Diese Zeiten waren für immer vorüber. Es

war nicht die mindeste Gefahr mehr, daß der König die Mitglieder der

Legislatur tyrannisiren werde; aber es war große Gefahr vorhanden, daß

die Legislatur das Volk tyrannisiren werde. Gleichwohl übten die Worte

Privilegium des Parlaments, diese Worte, welche die ernsten Senatoren

der vorhergehenden Generation gemurmelt hatten, als ein Tyrann ihre

Kammer mit seinen Garden füllte, diese Worte, welche hunderttausend

Londoner ihm in die Ohren brüllten, als er sich zum letzten Male in ihre

Stadt wagte, noch immer einen magischen Einfluß auf alle Freunde der

Freiheit aus. Es dauerte lange, ehe selbst die aufgeklärtesten Männer zu

der Einsicht kamen, daß die Vorsichtsmaßregeln, welche ursprünglich zu

dem Zwecke angewendet worden waren, die Patrioten gegen das Mißfallen

des Hofes zu schützen, gegenwärtig nur noch dazu dienten, Schmarotzer

gegen das Mißfallen der Nation zu schützen.

[_Die ersten Parlamentsdebatten über die Freiheit der Presse._] Es muß

ferner auch bemerkt werden, daß Einige von Denen, welche damals das

dringendste Verlangen zeigten, die politische Macht des Volks zu

vermehren, schon geneigt waren, die Presse von der Aufsicht der

Regierung zu befreien. Die Censuracte, welche im Jahre 1685 als etwas

Selbstverständliches angenommen worden war, erlosch 1693 und wurde

erneuert, jedoch nicht ohne eine Opposition, die im Verhältniß zur

Wichtigkeit des Gegenstandes zwar schwach war, aber doch bewies, daß das

Volk dunkel zu ahnen begann, wie innig die bürgerliche Freiheit und die

Gewissensfreiheit mit der Redefreiheit verwachsen sind.

Kein früherer Schriftsteller hat es der Mühe werth gehalten, auf die

Geschichte der Censuracte einige Mühe und Sorgfalt zu verwenden. Man

wird jedoch gewiß zugeben, daß die Ereignisse, welche die Einführung der

Preßfreiheit in England und in allen von dem englischen Volksstamme

bewohnten Ländern zur Folge gehabt haben, ebensoviel Interesse für die

jetzige Generation haben als irgend eine der Schlachten und

Belagerungen, deren Verlauf bis in die geringsten Details sorgfältig

aufgezeichnet worden ist.

Während der ersten drei Jahre von Wilhelm's Regierung scheint sich kaum

eine Stimme gegen die Beschränkungen erhoben zu haben, die das Gesetz

der Literatur auflegte. Diese Beschränkungen standen in vollkommenem

Einklange mit der Regierungstheorie, welcher die Tories huldigten,

und hatten in ihrer praktischen Ausübung für die Whigs nichts

Erbitterndes. Roger Lestrange, der unter den letzten beiden Königen

des Hauses Stuart Censor gewesen war und der in dieser Eigenschaft

ebensowenig Milde gegen die Exclusionisten und Presbyterianer

gezeigt hatte, wie in seiner andren Eigenschaft als Redacteur des

»Observator«, wurde zur Zeit der Revolution seines Amtes entsetzt und

erhielt einen schottischen Gentleman zum Nachfolger, der wegen seiner

Leidenschaft für seltene Bücher und seiner Gewohnheit, sich bei allen

Bücherversteigerungen einzufinden, in den Läden und Kaffeehäusern

in der Nähe der St. Paulskirche unter dem Namen Katalog-Fraser

bekannt war. Fraser war ein eifriger Whig, und die whiggistischen

Schriftsteller und Verleger priesen ihn als einen höchst unparteiischen

und humanen Mann. Aber das Verfahren, welches ihren Beifall hatte,

zog ihm das Mißfallen der Tories zu und gefiel auch seinem amtlichen

Vorgesetzten Nottingham nicht recht.[96] Es scheint jedoch bis zum

Jahre 1692 kein ernstes Zerwürfniß entstanden zu sein. In diesem Jahre

aber schrieb ein wackerer alter Geistlicher, Namens Walker, der zu

den Zeiten der Republik Gauden's Curat gewesen, ein Buch, das jeden

verständigen und leidenschaftslosen Leser überzeugte, daß Gauden und

nicht Karl I. der Verfasser des +Ikon Basilike+ war. Diesem Buche gab

Fraser die Druckerlaubniß. Hätte er die Veröffentlichung eines Werkes

autorisirt, in welchem das Evangelium St. Johannes oder der Brief an

die Römer als unecht dargestellt waren, so hätte die Entrüstung der

Hochkirchenpartei kaum größer sein können. Das war keine literarische,

sondern eine Religionsfrage. Hier war Zweifel Gottlosigkeit. Das

+Ikon+ war in der That für viele glühende Royalisten ein Supplement

zur Offenbarung. Einer von ihnen war sogar so weit gegangen, daß

er vorgeschlagen hatte, es möchten in den Kirchen Kapitel aus dem

unschätzbaren Büchlein vorgelesen werden.[97] Fraser hielt es für

nöthig, sein Amt niederzulegen, und Nottingham ernannte einen Gentleman

von guter Herkunft und geringem Vermögen, Namens Edmund Bohun. Dieser

Personenwechsel führte einen plötzlichen und vollständigen Wechsel

des Systems mit sich, denn Bohun war ein so eifriger Tory, als ein

gewissenhafter Mann, der die Eide geleistet hatte, es nur immer sein

konnte. Er hatte sich als Verfolger der Nonconformisten und als

Verfechter des passiven Gehorsams bemerkbar gemacht, hatte Filmer's

alberne Abhandlung über den Ursprung des Staatswesens herausgegeben

und hatte eine Antwort auf die Schrift veröffentlicht, die Algernon

Sidney auf Tower Hill den Sheriffs übergeben. Auch gab Bohun nicht

zu, daß er, indem er Wilhelm und Marien Treue geschworen, etwas mit

seinem bisherigen politischen Glauben Unverträgliches gethan habe;

denn es war ihm gelungen, sich zu überzeugen, daß sie kraft des

Eroberungsrechts regierten und daß es Pflicht eines Engländers sei,

ihnen eben so treu zu dienen, wie Daniel dem Darius oder Nehemia dem

Ataxerxes gedient hatte. Welche Beruhigung diese Doctrin auch seinem

eigenen Gewissen verschaffen mochte, sie fand vor den Augen aller

Parteien wenig Gnade. Die Whigs verabscheuten sie als servil, die

Jakobiten verabscheuten sie als revolutionär. Eine große Anzahl Tories

hatten sich allerdings deshalb Wilhelm unterworfen, weil er, gleichviel

ob mit Recht oder mit Unrecht, factisch regierender König war; aber

sehr wenige von ihnen waren geneigt zuzugeben, daß sein Besitz des

Thrones aus einer Eroberung entsprungen sei. Der Beweisgrund, der den

schwachen und beschränkten Verstand Bohun's befriedigt hatte, war in

der That eine bloße Fiction, und wäre er eine Wahrheit gewesen, so

würde er eine solche Wahrheit gewesen sein, die kein Engländer ohne

die tiefste Beschämung und Kränkung hätte aussprechen können.[98] Er

hielt jedoch an seiner Lieblingslaune mit einer Zähigkeit fest, welche

den allgemeinen Unwillen noch vermehrte. Seine ehemaligen Freunde,

die starren Anhänger des unveräußerlichen erblichen Rechts, wurden

kalt und zurückhaltend. Er bat Sancroft um seinen Segen und erhielt

nur ein scharfes Wort und einen finstren Blick. Er bat Ken um seinen

Segen, und Ken, der die Regeln der christlichen Liebe und Artigkeit

sonst nicht zu verletzen pflegte, murmelte etwas von einem kleinen

Scribenten. So von einer Partei verstoßen, wurde Bohun von keiner

andren aufgenommen. Er bildete gewissermaßen eine besondere Klasse,

denn er war zugleich ein eifriger Filmerit und ein eifriger Wilhelmit.

Er war der Meinung, daß die durch kein Gesetz und durch keinen Vertrag

beschränkte Monarchie die von Gott angeordnete Regierungsform sei.

Aber er betrachtete Wilhelm nicht als den absoluten Monarchen, der

die große Charte annulliren, die Geschwornengerichte abschaffen und

durch königliche Proklamationen Steuern auflegen könnte, ohne den

Anspruch auf unbedingten Gehorsam seitens der Christen zu verlieren. Im

Uebrigen war Bohun ein Mann von geringer wissenschaftlicher Bildung,

beschränktem Verstande und unangenehmen Manieren. Er hatte sein Amt

kaum angetreten, so gerieth ganz Paternoster Row und Little Britain in

Gährung. Die Whigs hatten unter Fraser's Amtsführung fast eben so viel

Freiheit genossen, als wenn es gar keine Censur gegeben hätte. Jetzt

aber wurden sie eben so streng behandelt wie zu der Zeit Lestrange's.

Es sollte eine Geschichte der Blutigen Assisen erscheinen, von der man

eben so großen Absatz erwartete als ihn Bunyan's Pilgerreise gefunden.

Aber der neue Censor verweigerte sein Imprimatur. Das Buch, sagte

er, stelle Rebellen und Schismatiker als Helden und Märtyrer dar und

er werde die Druckerlaubniß nicht geben, wenn man es ihm auch mit

Gold aufwöge. Eine von Lord Warrington der großen Jury von Cheshire

eingereichte Klageschrift durfte nicht erscheinen, weil Se. Lordschaft

geringschätzend vom göttlichen Recht und passiven Gehorsam gesprochen

hatte. Julian Johnson sah, daß wenn er seine Ansichten vom Staatswesen

veröffentlichen wollte, er wieder wie in den schlimmen Zeiten König

Jakob's zu einer geheimen Presse seine Zuflucht nehmen müsse.[99] Eine

solche Beschränkung nach mehreren Jahren unbegrenzter Freiheit erweckte

natürlich heftige Erbitterung. Einige Whigs begannen zu denken, daß die

Censur an sich ein Uebel sei; alle Whigs aber erklärten einstimmig den

neuen Censor für seinen Posten ungeeignet und waren bereit, sich zu

einem Versuche ihn los zu werden, zu verbinden.

Ueber die Vorgänge, welche mit Bohun's Entlassung endigten und welche

den ersten parlamentarischen Kampf für die Freiheit der Presse

hervorriefen haben wir Berichte von Bohun selbst und von Anderen; aber

man hat starken Grund zu glauben, daß sich in keinem dieser Berichte

die ganze Wahrheit ausgesprochen findet. Es dürfte nicht unmöglich

sein, selbst nach so langer Zeit zerstreute Fragmente von Zeugnissen so

zusammenzustellen, daß sie eine authentische Erzählung bilden, die den

unglücklichen Censor selbst in Erstaunen gesetzt haben würde.

Es gab damals in der Stadt einen Mann von guter Familie, einiger

Belesenheit und unbedeutendem literarischen Talent, Namens Karl

Blount.[100] In der Politik gehörte er zur äußersten Fraction der

Whigpartei. In den Tagen der Exclusionsbill war er einer von

Shaftesbury's heißblütigen Burschen gewesen und hatte unter dem Namen

Julius Brutus die Tugenden und Verdienste des Titus Oates gepriesen und

die Protestanten aufgefordert, für den Brand von London und für die

Ermordung Godfrey's blutige Rache an den Papisten zu nehmen.[101]

Bezüglich der theologischen Fragen, welche damals zwischen den

Protestanten und Papisten schwebten, war Blount vollkommen unparteiisch.

Er war ein Ungläubiger und das Oberhaupt einer kleinen Schule von

Ungläubigen, die von einer krankhaften Sucht gequält wurden, Convertiten

zu machen. Er übersetzte nach der lateinischen Uebersetzung einen Theil

der Biographie des Apollonius von Tyana, und fügte Anmerkungen hinzu,

deren leichtfertige Profanität den strengen Tadel eines Ungläubigen ganz

andrer Art, des berühmten Bayle, hervorrief.[102] Außerdem griff Blount

das Christenthum in mehreren Originalabhandlungen oder eigentlich in

mehreren sich für Originale ausgebenden Abhandlungen an, denn er war der

frechste aller literarischen Diebe und schrieb ohne Anführung der Quelle

ganze Seiten von Schriftstellern ab, die ihm vorausgegangen waren. Es

war ihm ein Hochgenuß, die Priester mit der Frage zu quälen, woher das

Licht gekommen sei, ehe die Sonne geschaffen war, wie das Paradies vom

Pison Gihon, Hidekel und Phrath begrenzt sein konnte, wie die Schlangen

sich bewegten, ehe sie dazu verurtheilt wurden, zu kriechen, und woher

Eva den Zwirn nahm, um ihre Feigenblätter zusammenzuheften. Seinen

Grübeleien über diese Dinge gab er den hochtrabenden Titel »Orakel der

Vernunft,« und seine Schüler betrachteten auch wirklich Alles was er

schrieb oder that als Orakel. Der bekannteste von diesen Schülern war

ein schlechter Schriftsteller, Namens Gildon, der noch die

nächstfolgende Generation mit erbärmlichen Versen und Verleumdungen

plagte und dessen Andenken nicht durch seine eigenen voluminösen Werke,

sondern durch einige Zeilen, in denen Pope seine Dummheit und Feilheit

mit Verachtung erwähnt, der Nachwelt aufbewahrt worden ist.[103]

So wenig der geistige, wie auch der sittliche Character Blount's Achtung

zu verdienen scheinen, so müssen wir doch ihm in bedeutendem Maße die

Emancipation der englischen Presse zuschreiben. Zwischen ihm und den

Censoren herrschte eine langdauernde Fehde. Vor der Revolution war eine

seiner heterodoxen Schriften von Lestrange abscheulich verstümmelt und

schließlich auf Befehl von Lestrange's Vorgesetzten, dem Bischof von

London, unterdrückt worden.[104] Bohun war ein kaum minder strenger

Kritiker als Lestrange, und Blount begann daher gegen die Censur und die

Censoren zu Felde zu ziehen. Die Feindseligkeiten wurden mit einer

Abhandlung eröffnet, welche ohne jede Censur erschien und den Titel

führt: +A Just Vindication of Learning and of the Liberty of the Press,

by Philopatris.[105]+ Wer diese Schrift liest, und nicht weiß, daß

Blount einer der gewissenlosesten Plagiatoren war, die es je gegeben

hat, wird sich wundern, neben den armseligen Gedanken und dürren Worten

eines Pamphletisten dritten Ranges Stellen von so erhabenem Gedankenflug

und Styl zu finden, daß sie dem größten Namen in der Literatur Ehre

machen würden. Dies kommt daher, weil die +Just Vindication+

hauptsächlich aus zusammengelesenen Extracten aus den +Areopagitica+

Milton's besteht. Diese herrliche Ansprache war von der Generation, an

die sie gerichtet war, nicht beachtet worden, der Vergessenheit anheim

gefallen und jedem literarischen Spitzbuben preisgegeben. Die

schriftstellerische Thätigkeit Blount's glich den architektonischen

Arbeiten der Barbaren, die das Coliseum und das Theater von Pompeji als

Steinbrüche benutzten, aus jonischen Friesen Hütten bauten und an Säulen

von Lazulith Kuhställe lehnten. Blount schloß, wie Milton, mit dem

Rathe, daß jedes Buch ohne Censur gedruckt und nur der Name des

Verfassers oder Verlegers registrirt werden sollte.[106] Die +Just

Vindication+ wurde gut aufgenommen und der Schlag bald wiederholt. Es

gab noch viele schöne Stellen in den +Areopagitica+, welche Blount in

seinem ersten Pamphlet nicht benutzt hatte. Aus diesen Stellen setzte er

ein zweites Pamphlet zusammen, betitelt: +Reasons for the Liberty of

Unlicensed Printing.+[107] Diesen »Gründen« hing er eine Nachschrift an,

betitelt: +A Just and True Character of Edmund Bohun.+ Diese

Characteristik war mit der äußersten Heftigkeit geschrieben. Es waren

darin Stellen aus den Schriften des Censors citirt, um zu beweisen, daß

er den Doctrinen des passiven Gehorsams und des Nichtwiderstandes

huldigte. Er wurde beschuldigt, seine Macht systematisch zu dem Zwecke

angewendet zu haben, die Feinde der Souveraine, deren Brod er aß, zu

begünstigen, und ihre Freunde zum Schweigen zu bringen, und es wurde

behauptet, er sei der Freund und Schüler seines Vorgängers Sir Roger.

Blount's »Characteristik Bohun's« durfte nicht öffentlich verkauft

werden, aber sie wurde weit verbreitet. Während sie von Hand zu Hand

ging und während die Whigs allenthalben über den neuen Censor als über

einen zweiten Lestrange Zeter schrieen, wurde er ersucht, das Erscheinen

eines anonymen Werkes, betitelt: +King William and Queen Mary

Conquerors+, zu autorisiren.[108] Er verstand sich gern und willig dazu,

denn es herrschte in der That zwischen den Doctrinen, denen er schon

längst huldigte, und den in dieser Abhandlung entwickelten Doctrinen

eine so genaue Uebereinstimmung, daß Viele den Verfasser in ihm

vermutheten, eine Vermuthung, die durch eine Stelle, in welcher seinen

politischen Schriften ein Compliment gemacht war, nicht geschwächt

wurde. Allein der wahre Autor war der nämliche Blount, welcher gerade

damals sich bemühte, das Publikum sowohl gegen die Censuracte als auch

gegen den Censor aufzubringen. Blount's Beweggründe sind leicht zu

errathen. Seine Ansichten waren denen, die er bei dieser Gelegenheit in

der beleidigendsten Weise aufstellte, direct entgegengesetzt. Man kann

daher unmöglich zweifeln, daß er die Absicht hatte, Bohun in eine

Schlinge zu locken und zu verderben. Es war ein gemeiner und

schändlicher Plan. Doch kann man nicht leugnen, daß die Schlinge sehr

geschickt gelegt und der Köder gut gewählt war. Es gelang dem

Republikaner einen Hochtory zu spielen. Es gelang dem Atheisten einen

Hochkirchlichen zu spielen. Das Pamphlet schloß mit einem inbrünstigen

Gebet: Der Gott des Lichts und der Liebe möge den Verstand der Engländer

erleuchten und ihren Willen lenken, auf daß sie erkennen möchten, was

ihrer Ruhe frommte. Der Censor war entzückt. Auf jeder Seite sah er

seine eigenen Gedanken klarer ausgedrückt, als er selbst sie je

ausgesprochen hatte. Seiner Meinung nach war der wahre Anspruch Ihrer

Majestäten auf Gehorsam noch nie so augenfällig dargelegt worden. Jeder

Jakobit, der diese wundervolle Abhandlung läse, müsse unfehlbar bekehrt

werden. Die Eidverweigerer würden schaarenweis die Eide leisten. Die so

lange gespaltene Nation würde endlich zur Einigkeit gelangen. Aus diesen

lieblichen Träumen wurde Bohun einige Stunden nach dem Erscheinen der

Schrift, die ihn entzückt, durch die Nachricht geweckt, daß der Titel

ganz London in Flammen gesetzt und daß die abscheulichen Worte »König

Wilhelm und Königin Marie Eroberer« die Entrüstung einer Masse von

Leuten erregt, die gar nicht weiter gelesen hätten. Schon vier Tage nach

dem Erscheinen hörte er, daß sich das Haus der Gemeinen der Sache

angenommen habe, daß das Buch von einigen Mitgliedern ein Schandbuch

genannt worden sei und daß der Stabträger, weil der Verfasser unbekannt

war, den Censor aufsuche.[109] Bohun war nie ein starker Geist gewesen;

die Wuth und Plötzlichkeit des Sturmes aber, der jetzt über ihn

hereinbrach, versetzte ihn in die größte Bestürzung und Verwirrung. Er

begab sich in die Kammer. Die meisten von den Mitgliedern, denen er in

den Gängen und Vorhallen begegnete, zeigten ihm ein finstres Gesicht.

Als er vor die Schranke gerufen wurde und nach drei tiefen Verbeugungen

das Haupt zu erheben und um sich zu blicken wagte, konnte er in den

zornigen und verächtlichen Blicken, die von allen Seiten nach ihm

geworfen wurden, seine Verurtheilung lesen. Er stockte, versprach und

widersprach sich, nannte den Sprecher Mylord und rief durch seine

verworrenen Reden einen Sturm rohen Gelächters hervor, der ihn immer

mehr verwirrte. Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde der

einstimmige Beschluß gefaßt, daß die ruchlose Schrift im Palasthofe vom

Henker verbrannt werden sollte. Außerdem wurde ohne Abstimmung

beschlossen, daß der König ersucht werden solle, Bohun des Censoramtes

zu entheben. Der arme Mann, vor Gram und Furcht einer Ohnmacht nahe,

wurde durch die Beamten des Hauses in ein Gefängniß abgeführt.[110]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 8 / 27 段