Aber während Whigs und Tories in dem Wunsche, die bestehenden Wahlrechte

aufrecht zu erhalten, übereinstimmten, mußten sie gleichwohl zugeben,

daß das Verhältniß zwischen dem Wähler und dem Abgeordneten nicht so

war, wie es hätte sein sollen. Vor dem Bürgerkriege hatte das Haus der

Gemeinen das volle Vertrauen der Nation besessen. Ein von den Gemeinen

mit Mißtrauen, Verachtung und Haß betrachtetes Haus der Gemeinen war

etwas Unbekanntes. Die bloßen Worte schon würden dem Ohre eines Sir

Peter Wentworth oder Sir Eduard Coke wie einen Widerspruch enthaltend

geklungen haben. Nach und nach aber trat eine Veränderung ein. Das im

Jahre 1661 während des auf die Rückkehr der königlichen Familie

folgenden Anfalls von Freude und Zuneigung gewählte Parlament,

repräsentirte nicht die reiflich erwogene Ansicht, sondern nur die

momentane Laune der Nation. Viele von den Mitgliedern waren Männer,

welche einige Monate früher oder einige Monate später keine Aussicht

gehabt haben würden, Sitze zu erlangen, Männer von zerrüttetem Vermögen

und von ausschweifenden Sitten, deren einziger Anspruch auf das

öffentliche Vertrauen in dem wilden Hasse bestand, den sie gegen

Rebellen und Puritaner hegten. Sobald das Volk wieder nüchtern geworden

war, sah es mit Schrecken, was für einer Versammlung es in seinem

Freudenrausche die Sorge für sein Eigenthum, seine Freiheit und seine

Religion anvertraut hatte. Und die in einem Augenblicke wahnsinniger

Begeisterung getroffene Wahl konnte sich als eine Wahl auf Lebenszeit

herausstellen. Nach dem damals bestehenden Gesetz hing es ganz von dem

Willen des Königs ab, ob während seiner Regierung den Wählern

Gelegenheit geboten werden sollte, ihren Fehler wieder gut zu machen.

Achtzehn Jahre vergingen und eine neue Generation wuchs heran. Auf die

glühende Loyalität, mit welcher Karl in Dover bewillkommnet worden war,

folgten Unzufriedenheit und Abneigung. Das allgemeine Geschrei lautete,

daß das Königreich schlecht regiert, erniedrigt, unwürdigen Männern und

noch unwürdigeren Frauen als Beute preisgegeben würde, daß unsre Flotte

sich einem Kampfe mit Holland nicht gewachsen gezeigt habe, daß unsre

Unabhängigkeit für das Gold Frankreich's verkauft worden, daß unsere

Gewissen in Gefahr seien, aufs Neue dem Joche Rom's unterworfen zu

werden. Das Volk war Rundkopf geworden, aber die Versammlung, welche

allein ermächtigt war, im Namen des Volks zu sprechen, war noch eine

Versammlung von Cavalieren. Allerdings fand der König gelegentlich

selbst dieses Haus der Gemeinen unlenksam. Es hatte von vornherein nicht

wenige ächte Engländer enthalten, andere waren hineingekommen, wenn

durch den Tod Lücken entstanden, und selbst die Majorität konnte trotz

ihrer höfischen Gesinnung nicht umhin einige Sympathie für die Nation zu

fühlen. So bildete sich eine Vaterlandspartei, die zu achtunggebietender

Stärke anwuchs. Diese Partei aber sah ihre Anstrengungen stets durch

systematische Bestechungen vereitelt. Daß einige Mitglieder der

gesetzgebenden Versammlung directe Geschenke erhielten, wurde mit gutem

Grunde vermuthet, konnte aber nicht bewiesen werden. Daß das Patronat

der Krone in ausgedehntem Maße angewendet wurde, um auf die Abstimmungen

einzuwirken, war notorisch. Ein großer Theil Derer, welche das Geld der

Nation in Bewilligungen für die Regierung, weggaben, erhielten einen

Theil des Geldes in Form von Gehalten wieder, und so bildete sich eine

Söldnerschaar, auf die der Hof fast unter allen Umständen zuversichtlich

rechnen konnte.

Die Servilität dieses Parlaments hatte einen tiefen Eindruck im Volke

zurückgelassen. Man war allgemein der Ansicht, daß England gegen die

Gefahr gesichert werden müsse, jemals wieder eine Reihe von Jahren durch

Männer repräsentirt zu werden, die sein Vertrauen verloren hätten und

die dafür bezahlt würden, daß sie gegen seine Wünsche und Interessen

stimmten. Der Gegenstand kam in der Convention zur Sprache und einige

Mitglieder wünschten damit ins Reine zu kommen, so lange der Thron noch

unbesetzt war. Seitdem war das Verlangen nach einer Reform immer

dringender und dringender geworden. Das mit Steuern schwer belastete

Volk war natürlich geneigt, Diejenigen, welche von den Steuern lebten,

nicht mit sehr günstigem Auge zu betrachten. Daß der Krieg gerecht und

nothwendig war, erkannte Jedermann an, und Krieg konnte nicht ohne

großen Kostenaufwand geführt werden. Aber je größer die Summen waren,

die zur Vertheidigung der Nation erfordert wurden, um so wichtiger war

es, nichts zu verschwenden. Die enormen Einkünfte der Staatsbeamten

erregten Neid und Unwillen. Hier wurde ein Gentleman dafür bezahlt, daß

er nichts that. Dort wurden mehrere Gentlemen dafür bezahlt, daß sie

etwas thaten, was ein Einzelner besser gethan haben würde. Die Equipage,

die Dienerschaft, die Spitzencravatten und die Diamantschnallen des

Staatsdieners wurden natürlich von Denen, welche früh aufstanden und

sich spät niederlegten, um ihm die Mittel zu verschaffen, in Glanz und

Luxus zu leben, mit scheelen Augen angesehen. Solche Mißbräuche

abzustellen war das specielle Amt eines Hauses der Gemeinen. Was aber

hatte das bestehende Haus der Gemeinen in dieser Beziehung gethan?

Absolut nichts. Im Jahre 1690 waren bei Feststellung der Civilliste

allerdings einige scharfe Reden gehalten worden. Aber im Jahre 1691 war

bei Berathung der Mittel und Wege ein Beschluß durchgegangen, der so

albern abgefaßt war, daß er sich als eine vollständige Fehlgeburt

erwies. Der Mißbrauch bestand fort und mußte fortbestehen, so lange er

eine Quelle des Gewinns für Diejenigen war, die ihn hätten abstellen

sollen. Wer konnte eine treue und wachsame Aufsicht von Aufsehern

erwarten, die ein directes Interesse daran hatten, der Verschwendung

Vorschub zu leisten, welcher Einhalt zu thun ihr Amt war? Das Haus

wimmelte von Angestellten aller Art, Lords des Schatzes, Lords der

Admiralität, Zollcommissaren, Acciscommissaren, Prisencommissaren,

Cassirern, Controleurs, Einnehmern, Zahlmeistern, Münzbeamten,

Hofbeamten, Regimentsobersten, Schiffskapitains und Festungsgouverneurs.

Wir schicken, sagte man, einen unserer Nachbarn, einen unabhängigen

Gentleman, in dem vollen Vertrauen nach Westminster, daß seine

Gesinnungen und Interessen in vollkommenem Einklange mit den unsrigen

stehen. Wir erwarten von ihm, daß er uns von jeder Last befreien werde,

ausgenommen von den Lasten, ohne welche der Staatsdienst nicht bestehen

kann und die wir daher, so drückend sie für uns sein mögen, geduldig und

entschlossen tragen. Noch ehe er aber eine Session im Parlamente ist,

erfahren wir, daß er mit einem ansehnlichen Gehalte zum Sekretär des

Hofmarschallgerichts oder zum Aufseher der abgelegten Garderobe ernannt

wurde. Ja, wir erfahren zuweilen, daß er eine von den Stellen in der

Schatzkammer erhalten, deren Emolumente mit den Steuern, die wir

bezahlen, steigen und fallen. Es wäre wahrhaftig ein Wunder, wenn unsere

Interessen in der Hand eines Mannes, dessen Einnahme in Procenten von

unseren Verlusten besteht, gut aufgehoben wären. Das Uebel würde bei

weitem nicht so groß sein, wenn wir öfters Gelegenheit hätten zu

erwägen, ob die Vollmachten unsres Vertreters erneuert oder

zurückgezogen werden sollen. Nach dem gegenwärtig bestehenden Gesetz

aber ist es nicht unmöglich, daß er diese Vollmachten zwanzig bis

dreißig Jahre behält. So lange er lebt, und so lange der König oder die

Königin lebt, ist es nicht wahrscheinlich, daß wir unser Wahlrecht je

wieder ausüben werden, es müßte denn ein Streit zwischen dem Hofe und

dem Parlamente entstehen. Je verschwenderischer und willfähriger ein

Parlament ist, um so weniger ist anzunehmen, daß es sich mit dem Hofe

überwerfen wird. Je schlechter mithin unsere Vertreter sind, um so

länger werden wir voraussichtlich dazu verurtheilt sein, sie behalten zu

müssen.

Das Geschrei war laut. Man gab dem Parlamente gehässige Spottnamen. Bald

hieß es das Beamtenparlament, bald hieß es das stehende Parlament und

wurde für eine drückendere Last erklärt als selbst ein stehendes Heer.

Zwei Specifica gegen die Leiden des Staats wurden dringend empfohlen und

theilten sich in die öffentliche Gunst. Das eine war ein Gesetz, welches

die Staatsbeamten vom Hause der Gemeinen ausschloß. Das andre war ein

Gesetz, welches die Dauer der Parlamente auf drei Jahre beschränkte. Im

Allgemeinen zogen die toryistischen Reformers eine Stellenbill (+Place

Bill+), die whiggistischen Reformers eine Dreijährigkeitsbill

(+Triennial Bill+) vor; aber nicht wenige eifrige Mitglieder beider

Parteien waren dafür, beide Heilmittel zu versuchen.

[_Die Stellenbill._] Vor Weihnachten noch wurde eine Stellenbill auf den

Tisch der Gemeinen niedergelegt. Diese Bill ist von Schriftstellern, die

sie nie gesehen und ihren Inhalt nur muthmaßten, heftig gelobt worden.

Wer sich aber die Mühe nimmt, das Originalpergament, das vom Staube von

hundertsechzig Jahren gebräunt unter den Archiven des Hauses der Lords

ruht, zu studiren, wird nicht viel Lobenswerthes darin finden.

Ueber die Art und Weise, in der eine solche Bill hätte abgefaßt sein

sollen, wird zu unsrer Zeit unter aufgeklärten Engländern wenig

Meinungsverschiedenheit stattfinden. Sie werden in der Ansicht

übereinstimmen, daß es höchst verderblich sein würde, wollte man das

Haus der Gemeinen allen Staatsbeamten öffnen, aber auch nicht minder

verderblich, wollte man dieses Haus allen Staatsbeamten verschließen.

Eine genaue Grenzlinie zu ziehen zwischen Denen, welche zugelassen, und

Denen, welche ausgeschlossen werden müssen, würde eine viel Zeit,

Nachdenken und Detailkenntniß erfordernde Aufgabe sein. Die allgemeinen

Prinzipien aber, welche uns dabei leiten müssen, liegen auf der Hand.

Die Masse der untergeordneten Beamten muß ausgeschlossen sein; einige

wenige Beamte, welche an der Spitze oder nahe an der Spitze der

Hauptzweige der Verwaltung stehen, müssen zugelassen werden.

Die untergeordneten Beamten müssen ausgeschlossen bleiben, weil ihre

Zulassung den Character des Parlaments erniedrigen und zugleich die

Wirksamkeit jedes öffentlichen Amts vernichten würde. Sie sind jetzt

ausgeschlossen, und die Folge davon ist, daß wir ein werthvolles Corps

von Dienern besitzen, welche unverändert dieselben bleiben, während ein

Cabinet nach dem andren gebildet und aufgelöst wird, die jeden

eintretenden Minister in seinen Functionen unterrichten und denen es die

heiligste Ehrenpflicht ist, ihrem zeitweiligen Vorgesetzten wahre

Unterweisung, aufrichtigen Rath und kräftigen Beistand zu gewähren. Der

Erfahrung, Geschäftstüchtigkeit und Treue dieser Klasse von Männern muß

die Leichtigkeit und Gefahrlosigkeit zugeschrieben werden, womit die

Leitung der öffentlichen Angelegenheiten viele Male im Bereiche unsrer

Erinnerung von Tories auf Whigs und von Whigs auf Tories übergegangen

ist. Aber es würde keine solche Klasse gegeben haben, wenn Personen, die

von der Krone besoldet wurden, ohne Beschränkung im Hause der Gemeinen

hätten sitzen dürfen. Die Commissarstellen, Hülfssekretärstellen und

ersten Kanzlistenstellen, welche jetzt auf Lebenszeit von Personen

bekleidet werden, die dem Kampfe der Parteien fern stehen, würden

Parlamentsmitgliedern verliehen worden sein, die der Regierung als

gewandte Sprecher oder als zuverlässige Stimmgeber dienstbar waren. So

oft das Ministerium gewechselt hätte, würde dieser ganze Schwarm von

Anhängern fortgeschickt und durch einen andren Schwarm von

Parlamentsmitgliedern ersetzt worden sein, die wahrscheinlich

auch wieder fortgeschickt worden wären, noch ehe sie ihre

Geschäftsverrichtungen zur Hälfte gelernt hatten. Servilität und

Corruption in der Legislatur, Unwissenheit und Untüchtigkeit in allen

Zweigen der ausübenden Verwaltung würden die unvermeidlichen

Consequenzen eines solchen Systems gewesen sein.

Wo möglich noch nachtheiliger würden die Folgen eines Systems sein,

unter welchem alle Diener der Krone ohne Ausnahme vom Hause der Gemeinen

ausgeschlossen wären. Aristoteles hat uns in seiner Abhandlung über das

Staatswesen, welche vielleicht die scharfsinnigste und lehrreichste von

allen seinen Schriften ist, eine Warnung vor einer Klasse

arglistigerweise auf Täuschung der Menge berechneter, anscheinend

demokratischer, in Wahrheit aber oligarchischer Gesetze

hinterlassen.[91] Hätte er Gelegenheit gehabt, die Geschichte der

englischen Verfassung zu studiren, so würde er seine Aufzählung solcher

Gesetze leicht haben erweitern können. Daß Männer, die im Dienste und

Solde der Krone stehen, nicht in einer Versammlung sitzen sollten, deren

specielle Obliegenheit es ist, die Rechte und Interessen der

Gesellschaft gegen jeden Angriff von Seiten der Krone zu schützen, ist

ein plausibler und populärer Grundsatz. Es steht jedoch fest, daß, wenn

Diejenigen, welche vor fünf Generationen diesem Grundsatze huldigten, in

der Lage gewesen wären, die Verfassung ihren Wünschen gemäß zu

gestalten, dies die Unterdrückung desjenigen Zweiges der Legislatur, der

aus dem Volke entspringt und dem Volke verantwortlich ist, und das

Ueberwiegen der monarchischen und aristokratischen Elemente unsres

Staatswesens zur Folge gehabt haben würde. Die Regierung würde ganz und

gar in patrizischen Händen gewesen sein. Das fortwährend die ersten

Capacitäten des Landes an sich ziehende Haus der Lords würde der höchste

Senat geworden sein, während das Haus der Gemeinen fast zu einer

Kirchspielversammlung herabgesunken sein würde. Allerdings würden von

Zeit zu Zeit Männer von hervorragendem Genie und von Strebsamkeit unter

den Vertretern der Grafschaften und Burgflecken aufgetaucht sein. Aber

jeder solche Mann würde die Wahlkammer als eine bloße Vorhalle

betrachtet haben, die er passiren mußte, um in die erbliche Kammer zu

gelangen. Das höchste Ziel seines Strebens würde die Adelskrone gewesen

sein, ohne die er nicht zu Macht und Ansehen im Staate gelangen konnte.

Sobald er bewiesen hätte, daß er ein gefährlicher Feind und ein

werthvoller Freund der Regierung sein könne, würde er sich beeilt haben,

das Haus, welches dann in jeder Beziehung das Unterhaus gewesen wäre,

mit dem zu vertauschen, welches dann in jeder Beziehung das Oberhaus

gewesen wäre. Der Kampf zwischen Walpole und Pulteney, zwischen Pitt und

Fox würde von dem volksthümlichen Theile der Legislatur auf den

aristokratischen übertragen worden sein. Bei jeder die äußeren, inneren

oder Colonialangelegenheiten berührenden wichtigen Frage würden die

Debatten der Edlen ungeduldig erwartet und begierig verschlungen worden

sein. Der Bericht von den Maßnahmen einer Versammlung, welche Niemanden

enthalten hätte, der ermächtigt gewesen wäre, im Namen der Regierung zu

sprechen, Niemanden, der jemals ein hohes Staatsamt bekleidet, würden

verächtlich bei Seite geworfen worden sein. Selbst die Verwaltung der

Gelder der Nation hätte, wenn auch vielleicht nicht in der Form, so doch

dem Wesen nach auf die Körperschaft übergehen müssen, in der sich Jeder

befunden haben würde, der befähigt gewesen wäre, ein Budget aufzustellen

oder eine Schätzung zu motiviren. Das Land würde durch Peers regiert

worden sein und die Hauptbeschäftigung der Gemeinen würde darin

bestanden haben, sich über Bills zur Einzäunung von Sümpfen und zur

Beleuchtung von Städten zu streiten.

Diese Betrachtungen wurden im Jahre 1692 gänzlich übersehen. Niemand

dachte daran, eine Unterscheidungslinie zwischen den wenigen Beamten,

denen der Sitz im Hause der Gemeinen gestattet sein mußte, und der

großen Masse der Beamten zu ziehen, welche auszuschließen waren. Die

einzige Scheidelinie, welche die damaligen Gesetzgeber zu ziehen sich

die Mühe nahmen, war zwischen sich und ihren Nachfolgern. Ihr eignes

Interesse nahmen sie mit einer Sorgfalt wahr, bei der man sich wundern

muß, daß sie sich derselben nicht schämten. Jedem von ihnen war es

gestattet die Stellen zu behalten, die er bekommen hatte, und bis zur

nächsten Auflösung des Parlaments, einem Ereignisse, das vielleicht erst

nach vielen Jahren eintrat, noch möglichst viele Stellen dazu zu

erlangen. Einem nach dem 1. Februar 1693 gewählten Mitgliede aber

sollte es nicht gestattet sein, irgend ein Amt, welcher Art es sein

mochte, zu übernehmen.[92]

Im Hause der Gemeinen passirte die Bill rasch und ohne eine einzige

Abstimmung alle ihre Stadien. Bei den Lords aber war der Kampf heftig

und hartnäckig. Mehrere Amendements wurden im Ausschusse vorgeschlagen,

aber sie wurden alle verworfen. Der Antrag auf Annahme der Bill wurde

von Mulgrave in einer lebendigen und beißenden Rede unterstützt, die uns

erhalten worden ist und welche beweist, daß sein Ruf der Beredtsamkeit

kein unverdienter war. Die Lords, welche die entgegengesetzte Ansicht

vertheidigten, wagten, wie es scheint, nicht zu leugnen, daß ein Uebel

existire, welches ein Heilmittel erforderte; aber sie behaupteten, das

vorgeschlagene Heilmittel werde das Uebel nur verschlimmern. Die

patriotischen Vertreter des Volks hätten eine Reform ausgesonnen, die

vielleicht der nächsten Generation zu Gute kommen werde; aber sie hätten

sich wohlweislich das Privilegium vorbehalten, die gegenwärtige

Generation auszuplündern. Wenn diese Bill durchgehe, sei es klar, daß,

so lange das bestehende Parlament existire, die Zahl der Staatsbeamten

im Hause der Gemeinen nur unbedeutend, wenn überhaupt vermindert werden

würde, und wenn diese Bill durchgehe, sei es höchst wahrscheinlich, daß

das bestehende Parlament so lange existiren werde, bis König Wilhelm

sowohl als Königin Marie todt seien. Denn da nach dieser Bill Ihre

Majestäten auf das bestehende Parlament einen viel größeren Einfluß

auszuüben vermöchten als auf irgend ein zukünftiges Parlament, so würden

sie natürlich wünschen, eine Auflösung so weit als möglich

hinauszuschieben. Die Klage der englischen Wähler laute, daß sie jetzt,

im Jahre 1692, nicht unparteiisch vertreten seien. Es sei nicht Abhülfe,

sondern Hohn, wenn man ihnen sage, daß ihre Kinder im Jahre 1710 oder

1720 unparteiisch vertreten sein sollten. Die Abhülfe müsse sofort

geschehen, und der Weg, sofortige Abhülfe zu schaffen, bestehe darin,

daß man die Dauer der Parlamente beschränke und mit dem Parlamente den

Anfang mache, das nach der Ansicht des ganzen Landes nur zu lange schon

die Macht in Händen habe.

Die Kräfte hielten einander so genau die Wage, daß ein ganz

unbedeutender Umstand die Schale hätte niederdrücken können. Als die

Frage gestellt wurde, ob die Bill angenommen werden solle, waren

zweiundachtzig Peers anwesend. Von diesen stimmten zweiundvierzig für

die Bill und vierzig dagegen. Hierauf wurden die Stimmen der durch

Bevollmächtigte vertretenen abwesenden Mitglieder verlangt. Von diesen

waren nur zwei für die Bill, sieben gegen dieselbe; von den sieben aber

wurden drei bestritten und nur mit Mühe acceptirt. Das Endresultat war,

daß die Bill mit drei Stimmen scheiterte.

Die Majorität war aus gemäßigten Whigs und gemäßigten Tories

zusammengesetzt. Zwanzig von der Minorität protestirten, und unter ihnen

befanden sich die heftigsten und intolerantesten Mitglieder beider

Parteien, wie Warrington, der mit genauer Noth dem Blocke entgangen war,

weil er gegen Jakob conspirirt hatte, und Aylesbury, der später mit

genauer Noth dem Blocke entging, weil er gegen Wilhelm conspirirte.

Marlborough, der seit seiner Haft in der Opposition gegen die Regierung

am weitesten gegangen war, setzte nicht nur seinen eigenen Namen unter

den Protest, sondern bewog auch den Prinzen von Dänemark zur

Unterzeichnung des Dokuments, welches zu begreifen Seine Königliche

Hoheit durchaus unfähig war.[93]

Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß weder Caermarthen, an Macht

sowohl wie an Talenten der erste der toryistischen Minister, noch

Shrewsbury, der ausgezeichnetste von denjenigen Whigs, welche damals mit

dem Hofe auf schlechtem Fuße standen, bei dieser wichtigen Gelegenheit

anwesend waren. Ihre Abwesenheit war aller Wahrscheinlichkeit nach eine

absichtliche, denn beide befanden sich nicht lange vor und nicht lange

nach der Abstimmung im Hause.

[_Die Dreijährigkeitsbill._] Einige Tage darauf legte Shrewsbury eine

Bill zur Beschränkung der Dauer der Parlamente auf den Tisch der Lords.

Diese Bill bestimmte, daß das zur Zeit tagende Parlament am 1. Januar

1694 zu existiren aufhören und daß kein zukünftiges Parlament länger als

drei Jahre dauern solle.

Unter den Lords scheint fast vollkommene Einhelligkeit über diesen

Gegenstand geherrscht zu haben. Wilhelm bemühte sich vergebens,

diejenigen Peers, in die er das meiste Vertrauen setzte, zur

Unterstützung seiner Prärogative zu bewegen. Einige von ihnen hielten

die beantragte Aenderung für heilsam; Andere hofften, die Stimmung des

Volks durch eine liberale Concession zu beschwichtigen, und noch Andere

hatten bei Bekämpfung der Stellenbill eine solche Sprache geführt, daß

sie sich ohne grobe Inconsequenz der Dreijährigkeitsbill nicht

widersetzen konnten. Auch hegte das ganze Haus einen Groll gegen das

andre Haus und machte sich ein Vergnügen daraus, es in ein höchst

unangenehmes Dilemma zu versetzen. Burnet, Pembroke und selbst

Caermarthen, der sehr selten auf Seiten des Volks gegen den Thron stand,

unterstützten Shrewsbury. »Mylord,« sagte der König mit bitterem Unmuth

zu Caermarthen, »Sie werden es erleben, daß Sie den Antheil bereuen, den

Sie an dieser Angelegenheit gehabt haben.«[94] Die Warnung wurde nicht

beachtet, und nachdem die Bill leicht und rasch bei den Lords

durchgegangen war, wurde sie mit großer Feierlichkeit von zwei Richtern

den Gemeinen überreicht.

Ueber das was bei den Gemeinen vorging haben wir nur sehr dürftige

Berichte; aber aus diesen Berichten geht klar hervor, daß die Whigs als

Gesammtheit die Bill unterstützten und daß die Opposition hauptsächlich

von Tories ausging. Der alte Titus, der zu den Zeiten der Republik ein

Politiker gewesen, unterhielt das Haus mit einer Rede in dem Style,

welcher damals an der Tagesordnung war. Die Parlamente, sagte er,

glichen dem Manna, das Gott dem auserwählten Volke spende. Sie seien

vortrefflich, so lange sie frisch seien, aber wenn sie zu lange

aufbewahrt würden, verdürben sie und ekelhafte Würmer würden durch die

Verderbniß dessen erzeugt, was lieblicher denn Honig gewesen sei.

Littleton und andere Whighäupter sprachen in gleichem Sinne. Seymour,

Finch und Tredenham, alle Drei starre Tories, donnerten gegen die Bill,

und selbst Sir Johann Lowther war in diesem Punkte andrer Meinung als

sein Freund und Gönner Caermarthen. Mehrere toryistische Redner

appellirten an ein Gefühl, das im Hause stark vertreten war und das seit

der Revolution die Annahme vieler Gesetze verhindert hatte. Alles was

von den Peers ausgeht, sagten sie, muß mit Mißtrauen aufgenommen werden,

und die vorliegende Bill ist von der Art, daß, selbst wenn sie an sich

gut wäre, sie schon deshalb verworfen werden müßte, weil sie uns von

ihnen überreicht worden ist. Wenn Ihre Lordschaften uns die

vernünftigste aller Geldbills schickten, würden wir sie nicht zur Thür

hinauswerfen? Und doch würde die Zusendung einer Geldbill kaum eine

gröbere Beleidigung für uns sein als die Zusendung einer Bill wie diese.

Sie haben eine Initiative ergriffen, die nach allen Regeln

parlamentarischer Artigkeit uns hätte überlassen werden müssen. Sie

haben über uns zu Gericht gesessen, uns schuldig befunden, uns zur

Auflösung verurtheilt und den 1. Januar zur Vollstreckung des Urtheils

bestimmt. Sollen wir uns geduldig einem so erniedrigenden Urtheile

unterwerfen, einem Urtheile, das obendrein von Männern gefällt worden

ist, die sich nicht so benommen haben, daß sie irgend ein Recht erworben

haben könnten, Andere zu tadeln? Haben sie jemals ihr Interesse oder ihr

Ansehen dem Gemeinwohle zum Opfer gebracht? Sind nicht vortreffliche

Bills deshalb gescheitert, weil wir nicht die Aufnahme von Klauseln

zugeben wollten, die dem Adel neue Vorrechte verliehen? Und schlagen

Ihre Lordschaften jetzt, wo sie sich gern populär machen möchten, etwa

vor, diese Popularität durch Verzichten auf das kleinste ihrer

bedrückenden Privilegien zu erkaufen? Nein, sie bieten dem Lande etwas

was ihnen nichts kostet, was aber uns und der Krone theuer zu stehen

kommen wird. Unter solchen Umständen ist es unsre Pflicht, die uns

zugefügte Beleidigung zurückzuweisen und dadurch die rechtmäßige

Prärogative des Königs zu vertheidigen.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zehnter Band: enthaltend Kapitel 19 und 20. · 第 7 / 27 段